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Full text of "Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. 1887 pt.1"

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KONINKLIJKE BIBLIOTHEEK 


0482 4584 





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Kttfere Jcii 

£)eutfdje 9^etiue ber Gegenwart 


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Hitfcre Mt 

'Bmtffyt JUimi (ffogmumri. 

§erau«gege 6 eit 

Don 

Suiolf m futtfifjiill 
Safjrgang 188 7* 



titxm: 

21. 33 t o d Ij a it $. 
1887. 


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fytuftlsftt. 

StooeHe 

»Olt 

®mü ®aubert. 


I. 

Stuf fanbigem SBatbmege, beffen Ijatbüerfchüttete ©teife oon bent äugerft fpär» 
ticken ©erfeljr auf ber eintönigen ©trage ßunbe gaben, ritt ein einfatner Steiter 
in fpäter StachmittagSftunbe burd) ben gorft. Zer ©trimmet »erfolgte bie trau» 
rige SBagenfpur mit Iäffigem ©ang, oon feinem Suruf feines SenferS aufgemun» 
tert, unb fc^üttefte bann unb mann ben flugen ®opf, menn ein im friebticfjen 
Slbenbtraum aufgeftörter Satter auS ber gurche ber fchtoerbetafteten ©ofygefpanne 
oor feinen ©ufen aufftatterte, als milffe er ficf) munbern, bag bet lebensfrohe 
Schmetterling an biefem miiften ©anbgarten ein ©egagen finbe. Zer Leiter mar 
ber ©utsherr, ju beffen ©efifcthum bie auSgebehnte ffiefernmalbung gehörte. @S 
mar ber lag, an melchem er üor menigen fahren fein heißgeliebtes SEBeib burch 
ben Zob oertoren hatte. Zie mehmöthigen ©rinnerungen, benen er ficfj hingab, 
rnaren ihn im ©chtog ju quatoott gemorben, mo ein jebeS ©otfter ihm bie ge» 
brechliche ©eftalt feiner langfam hinfiechenben ©attin jeigte; fo hatte er fattetn 
taffen unb flüchtete in ben unmegfamften unb oertorenften Zfjeit feines ©ebietes, 
um in ber Zrofttofigfeit biefer ßanbfcfjaft einen SEBiberhaH feiner trofttofen ©tim» 
mung $u pnben. ©ei feinem ©ang jur ©infamfeit befag er feinen oertrauten 
greunb, bem er feinen Kummer hätte anSfchütten mögen, unb bas ©eptauber 
feines einigen, erft fechS Sah« jäljtenben ZöchterchenS, bas ihn fonft aufjuljeitern 
pflegte, oermehrte heute nur feinen ©ram. Zodf) bie Statur mar feine ©ertraute, 
bie mit ihm jubelte ober trauerte; mit ihren keimen unb Zrieben feimte unb 
trieb fein ©offen; ihre büftern ©chatten maren bie ernften ßeibtragenben, bie 
bem ©arge feines ©tücfeS folgten, unb fo oernahm er auch i*|}t auS bem (eifen 
SRaufchen ber fchmermüthig nicfenben Sfiefernmipfet ben Zon einer üerftänbnigoolten 
SRitftage. 

Zer ©fab mürbe mit jebem ©uffdjlag öber unb fanbiger; baS ©ferb ftörte 
ben ©taub auf, ber fi<h in leichtem ©emötf, oon ber ©onne angegtüht, fangfam 
jmifdjen ben ©tämmen oertor, unb blieb enblidj, ohne ein Seichen feines SteiterS 
abjumarten, an einem oerfaöenej» SBegtoeifer ftehen, metcher, einem jum ©ettter 

Unftrt Seit. 1887. L 1 


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2 


Unfete <§eit. 


berabgefunfenen Sudeten gleich, mit leßter Staftanftrengung feinen 2lrm meftr um 
ein Sllmofen afe um eine fßrobe feinet Sunft in bie Suft ju ftrecfen fcbien. 

Der ©utöberr gab bem ©Fimmel recf)t, bafj er an bem gewohnten Saftort 
bet bis hierher auögebebnten Spazierritte |>alt gemalt Ijatte, fcbmang ficb auö 
bem Sattel, ferlang ben Sügcl beö Dbiereö um ben Stamm beö SBegmeiferö, 
flopfte baffelbe liebfofenb auf ben fcf)tanfen $al8 unb manberte in grüblerifcbcm 
©innen burch bie lauttofe Stille fort. et nach furjer Seit ben ©aum beS 
SBalbeö jur Sinfen erreicht batte, bliefte et jurüd. 2)er ©cbimmel feblug unruhig 
mit bem ©cbmeif nach ben pbringlicben ©tecbfliegen unb nahm, bie einzige 
©taffagc in ber ßebe, ber Sanbfdbaft ben beängftigenben ©inbrud OöQiger 6r= 
ftorbenbeit. 

Um bie Sippen SBalbemar’ö, beS ©utSbeftyerö, fpielte ein Säbeln ber 3«' 
friebenbeit, als er ficb fo unbelaufcbt fab unb hoffen burfte, in biefem entlegenen 
SBiufel feines ©igentbumS mit ficb allein p fein, ©r tbat ein paar ©ebritte 
oormärtö unb überfebaute pr Sinfen feinen SieblingSplajj, ben er in ©tunben be§ 
©ramS auffuebte, um ungeftört ficb feinen ©ebanfen bingeben p fönnen. 

©in ziemlich abfebiiffiger Slbbang führte pr ©eite bes ©anbmegeö an baS 
Ufer eines jener fleinen tiefbüftern ©een, an benen bie branbenburgifebe 3Harf 
fo reich ift- ©on ber Slbenbfonne mit flammenbem Sotb übergoffene fiiefern 
umfränjten in engem £>albfreife baS SBaffer, beffen fcbtuarjc, bon feinem empor* 
febneüenben gifcb, oon feiner ©ogelfcbwinge geträufelte gleiche in ihrer ftarren 
Unbemegtbeit oon ben leucbtenben Stämmen feltfam abftacb. ©in paar SBaffer* 
rofen oermochten ebenfo wenig wie ein filberner ©cbmucf auf febwarjem Drauer* 
gewanbe ben einförmigen ©rnft beS SöilbeS ju milbern, unb bie $u beiben 
©eiten beS ©eeS in bichten ©ruppen wie mit oerbaltenem Sltbem ftüfternben ©infen 
febienen in furebtfamer Seweglichfeit ju zittern. Da flog ein Sauboogel mit 
lautem Schrei, ber wie ein Slngftruf burch bie Stille brang, über bie SBipfel, 
unb fein bunfler ©chatten ftreifte ben finftern ©piegel wie ber glor eines Seichen* 
trägen» ben glatten ©benboljbecfel eines ©arfopbagS. 

9J?it ©ebagen laufebte SBalbemar auf baö ihm fo wohltätige Schweigen unb 
fog bie SDtelancbolie biefeS SBalbabenbfriebenS begierig ein, als er plö^Hd), 
bie ©rauen runjelnb, ein lebenbeS SBefen am Ufer bemerfte, baS ihm offenbar 
juOorgefommcn fein mußte, um in biefer oon SKenfcb unb 'Xfjier gemiebenen 
Umgebung feinem §arm nacbjubängen. Den Süden ihm jutebrenb, faß eine 
jugenblicbe grauengeftalt auf bem Stumpf einer längft gefällten tiefer. Stuf 
ihrem ©cboS ruhte ein weifjeS ©latt, baS fie, inbem ihr baS Sfnie als Schreib* 
pult biente, mit Saftigen 3ügen befebrieb. ©ie wenbete feinen Ölid oon ben 
Seilen, unb an bem Umftanbc, baff fie ben feingeformten, oon üppigen Soden 
umfloffenen $opf immer tiefer bernieberneigte, würbe ber ©eobaebter gewahr, toie 
ihr bei bem ©infen ber ©onne unb ber bereinbreebenben Dämmerung baS 
©ebreiben befcbwerlicb fiel. 

©eine Dbeilnabme mar fofort burch bie SBabl beS ßrteS gewedt, ben bie 
Unbefannte, ihm fpmpatbifch genug, für ihre ^erjenöergüffc ficb auSerlefen batte. 
@r oermutbete eine ©cbriftftellerin, einen ©cböngeift auS ber feinem ©ute benacb* 


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2tm Ceufclsfcc. 


3 


(arten ©rooinjiatftabt in ber ©chreiberin, bie, eine Art oon SRannmeib, ofjne 
fc^ü^enbe ^Begleitung ben in Weiter Untgegenb oerrufenen SBatbptap aufgefucht, 
um i^re fpröbe ©inbitbungSfraft burch bie gefpenftigen Schauer bes XeufetSfeeS ju 
befruchten, unb lein ©ebenfen trug, in fo fpäter ©tunbe getroft ben monbbeglänjten 
tpeimroeg burch bie Salbung einjufdjtagen. 

Auf bem Weiten ©anbe fdjlidE) er bie paar Schritte an ben fRanb ber liefern 
jurüd, um ben Sieij beS Abenteuers nicht burch eine ju frühe ©ntbecfung ju 
ftören unb oießeicht mehr als ben unbeftimmten ©aum ihres Profits ju erbtiefen, 
hinter einem biefftämmigen Saumriefen t»erborgen, faftte er bie ©infame ins 
Auge, wätjrenb bie Sinien ihres ausbruefsooßen £>aupteS fich oon ber Aaren 
Abenbtuft genugfam abjeidjneten. 

Seht hotte fie baS Schreiben beenbigt, legte bie £änbe in ben ©<hoS unb 
betrachtete unoermanbten ©tiefes bie unheimliche Stut. Die ©onne toar oer- 
fchttmnben; nur über ben Sipfetn ber jenfeitigen Anhöhe jehimmerten ein paar 
rofige ©ewötfftreifen; bie liefern am Ufer ftanben ftarr unb ftumnx unb eine 
herjbeftemmenbe Drourigfeit mattete über Salb unb ©ee. 

Da entrang fich ber ©ruft ber gremben ein fo quatooßeS Aufftöhnen, baj§ 
Salbemar jufammenfdjrecfte unb auf eiumat burch ben tanggejogenen Ätagetaut 
an ben eigenen Schmerz gemahnt mürbe, ber ihn in biefe ©inöbc getrieben hotte. 
©S mar fein Steifet: bie Unbefannte mar eine Ungtiicfticbe, bie umfonft mit ihrem 
Seib rang, unb feine Sheitnahme fteigerte fich oon äJtinute ju Minute. 3efct 
erhob fi<h bie SRäthfelhafte mit einem neuen ©eufaer, unb maS fie nunmehr begann, 
erfüllte ben ©utsherrn mit einer fchmerjtichen ©panttung peinooflfter ©rmartung, 
fobajj er fich bereit hielt, in jebem Augenbticf aus feinem ©erfteef heroorpbrechen 
unb bie Aufgabe ber ©orfehung ju übernehmen. 

Sie oon einem groftfehauer gefchüttett, gitterte bie Srauengcftatt, breitete bie 
£)änbe gegen ben ©ee aus unb führte fie gegen ihr ©eficht jurücf, atS Wollte fie 
ben über ber Stut matlenben ßtaehthaucfj fchöpfen unb ihre aufgeregten, gtühenben 
©inne mit bem fühlen ©tement aßmäptich oertraut machen. Dann btiefte fie fich 
fcheu nach aßen ©eiten um, als fürchte fie einen Beugen ihres ©ortjabenS, fah 
haftig nach ben Seigern ihrer jierti^en Safcpenuhr unb thürmie unruhig eine 
Keine ©pramibe oon regellos umhertiegenben Setbfteinen auf, unter beren oberftem 
fie baS ©apiet mit ihren Aufzeichnungen forgfättig oermahrte, fobafj nur ber 
©anbftreifen beS ©tatteS unter bem munbertichen ©riefbefchmerer peroorfchimmerte. 
darauf fpähte fie am ©oben umher, ergriff einen oom Sinb gebrochenen liefern» 
jWeig, pftanjte ihn neben ben ©teinen in bie ©rbe unb befeftigte ihren Sommer' 
hut baran, ben fie bisher tofe an ihrem tinfen Arm getragen hotte. Sem mochte 
baS trübfetige Merfzeicpen errichtet fein? Mit bem ©raufen, mit bem man baS 
Ipun eines Srrfinnigen rcahmimmt, oerfotgte SBatbemar eine jebe ihrer ©eme= 
gungen. 

Dann fühlte fie mit beiben £>änben nach ih rem $erjen, fniete oor ben ©tei» 
nen mie oor einem Altar nieber unb oerharrte eine geraume SBeite in ber Stel¬ 
lung einer gnabeftehenben ©üfjerin. Dem Saufepcr mar, als fönne er bie Sorte 
Oernehmen, bie ihre Sippen murmelten, ben jum angftooßen Stüfterton herab* 

l* 


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Unfcre ^cit. 


* 


geftimmten Sluffchrei einet jamnterbelabenen Seele, ben Stuf nach Rettung unb 
©rlöfung. 

2U3 fie fidf aufgerichtet ^atte, fcfjroeifte ihr Sluge roieber übet bie fdjwarje 
Slät^e. Sie erfaßte einen Stein unb warf iljn in ben See, baß ba3 SBaffer 
§°<h auffprißte; bann ftrectte fie bie #anb wie abwehrenb aus, irrte am Ufer 
auf unb ab, unb jebeSmat, wenn fie fteßen blieb, löfte SBalbemar ben regten 
Slrm oon ber Siefer, bie et umfchtungen hielt, bereit, mit bem ljurtigften Slntauf 
bie broljenbe Sataftroplje abjuwenben. 

©te fonnte bie Sraft be$ ©ntfchlujfeS nicht finben. 2)ie weißen SBafferrofen 
lorften nic^t, unb bie ©infen hielten einen leichten Stebel auf, ber au$ ber liefe 
ftieg unb fich Wie ein pr Gleiche auSgefpannteS Jobtenhemb über baS Schilfrohr 
breitete. 

ift p oiel geforbert, hart am Stanbe beS ©rabeS faltblütig ben guß p 
heben unb in bie gäbnenbe ©ruft p fpringen; aber im Witben heißblütigen lieber- 
lauf mußte eS gelingen, mußte bet fliegenbe Slthem ihr glügel oerleihen, um fich 
über ben fchrecfenben Saum hinioegjufchwingen. S)iefer ©ebanle befcßäftigte bie 
grembe, als fie mit gefenften Slugen bie Slnhöhe hinaufftieg, in ber Stähe beS 
Spähers fich plöfclich umwenbete unb mit unaufhaltfamen Schritten, mit auS« 
gebreiteten, toboerlangenbeit Sirmen ben Abhang hemiebereilte. hinter ihr jagte 
eS her, ohne baß fie eS merlte. ©in Schrei! 3m SBegriff, fich >n bie glut p 
ftürjen, fühlte fie fich Don fräftigen Stöännerhänben gepacft, jählings prücfgepgen 
unb auf ben ©oben niebergebrüdt. 

„Um ©otteS willen, mein gräutein, was haben Sie oor?" rebete SBalbemar 
fie an. „5)er UeufelSfee ift unergrünblich, unb baS üppig wudjernbe Sdjlinglraut 
gibt feine ©eute nicht frei." 

„3<h fenne baS SBaffer oon 3»genb auf", gab fie tonlog prüd unb ftreifte 
ihren BebenSretter mit einem feinblichen ©lief, „unb barum wählte ich bie Stelle, 
um einen fichern Hob p fittben." 

®ie ©läffe ihrer SBangen, ber mübe Slang ihrer Stimme unb baS Gingen 
nach Slthem zeigten ihm, wie erfchöpft fie war. Sie fchloß bie Slugen, unb ein 
paar heiße Spänen brachen unter ben mabonnenhaften Bibern heröor. SBiüenloS 
ließ fie eS gefchehen, baß ber grembe fie aufrichtete, ihren Slrm in ben feinigen 
legte unb fie langfam unb borfichtig an ben ©aumftumpf geleitete, auf bem fie 
oorbem gefeffen hotte. Sluf feine ©itte ließ fie fich nieber, unb er hatte ©elegen« 
heit, währenb fie gramootl auf ben büftern Spiegel fdjaute, fich in ben Slnblicf 
ihrer Büge ju oertiefen. @r geftanb fich, baß er ein ©eficht oon gleitet Schön« 
heit, eine ©eftalt oon gleich öoHenbetem SBuchS noch nie gefehen habe. SDtitleib 
unb Staunen bewegten ihn, unb er grübelte über bie Urfache, bie biefeS pr 
BebenSfreube unb pm $afeinSgenuß oon ber gütigen Statur beftimmte ©efdjöpf 
in ber ©lüte ber gahre p bem wahnjtnnigen ©ntfcßluß ber Selbftoernichtung 
getrieben haben mochte. 

$a befann fie fich auf fich felbft, empfanb baS peinliche ihrer Sage in ooHer 
Schärfe, pg ihre Uhr, bliclte fich furchtfam um unb fagte mit bringlichem Xon: 
„SBenn er fäme, jefct, p früh Mme!? ©itte, mein #err, bem ich $anf fchulbe 


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Km Ceufelsfee. 


5 


unb bocf) nicht gu bauten ber mag, feien Sie barmhergig, bertaffen Sie mich unb 
überantworten Sie mich meinem ©djidfal!" 

„3w ©egentljeil", oerfefcte er feft unb beftimmt; ,,icfj werbe mid) an _3h re 
fjerfen heften unb mein ©eroiffen nicht mit ber ferneren ©chutb ber ©äumigteit 
betaben, wo mich eine fo wunberbare ^Begegnung gebieterifdj gu Satlj, Iroft unb 
$ülfe oerpflichtet bat." 

Sllß fle bemtoch auf ihrer Sitte beftanb, bajj er fie oertaffen möge, fteflte er 
fidf itjt Oor unb fügte mit einem (eilten Säbeln h»nPf bafj er ein boppelteß 
Stecht habe, an ihrer ©eite gu bleiben, ba er fich fyet auf feinem eigenen ©runb 
unb ©oben befinbe. „©Renten ©ie mir 3h r ©ertrauen, mein gräutein, unb ich 
werbe eß fidjertich nicht mißbrauchen", fuhr er fort. „Stich erfüllt ber tebhaftefte 
unb aufrichtigfte SBunfdj, 3h nen beiguftehen, ©ie bem Seben wiebergugeben, unb 
lein Stittel fott mir gu befchwertich, feine Stühe gu täftig fein, um fie 3hwen 3 U 
oerfagen. ©etradjten ©ie mich atß 3h rt *i österlichen ffreunb, über ben ©ie, wie 
eß bie Umftänbe erforbern, oerfügen bürfen. Stuß 3h ren Stußrufungen höbe ich 
entnommen, bafj ©ie hier an biefem ©djrecfenßort einen Stann erwarten, ber 
3hnen furcht unb Gntfefcen einftöfjt?" 

„Sein, nicht nur furcht unb ©ntfefcen, auch ®onne unb ©eligteit, $immet 
unb #öße gugteich", entgegnete fie mit einem ptöfctichen Stufftacfem ber ^aI6 
ertofchenen Stimme, auß bem SBalbemar erfannte, welcher 2eibenfchaft!i<hfeit 
biefeß $erg fähig war, beffen Stammengtut bie gtut auf immer hott* töfchen foEten. 

Gr ergriff ihre $anb, bie fie ihm nicht entgog, unb fagte mit einem Slußbrucf, 
beffen herggewinnenbe ffiärme ihren SBiberftanb mit jebem SBorte mehr befiegte: 
„SBer ber Slntömmting auch fei, auf ben ©ie harren, unb welcher 3wift unb 
Streit ©ie auch bewogen haben mag, Oor feinem Grfcheinen in ben £ob gu 
ftiichten: oertrauen ©ie mir unb' taffen ©ie mich ber ©erföhner fein, ber bie Stuft 
gwifchen 3hnen überbrücft unb in fetbfttofer £>ülfßbereitfcf)aft ben Sieben fßrbert." 

„Sicht ©treit unb Swift, ach, bie Unheitbarfeit feiner unfetigen ®emüthßerre= 
gung oerbirbt ihn unb mich", feufgte fie gur Stntwort. 

Gß gibt Situationen im Seben, welche ißerfonen, bie fich nie oorbem gefehett 
haben, augenbticftich näher bringen unb ein ©ertrauen herfteßen, wie eß oft faum 
auß einem langjährigen Umgang ermächft. 3Ber ber 3euge beß ©elbftmorbüerfucfjeß 
eineß anbern war unb baß ©lüct hatte, ben Serfudj gu Oereitetn, gewinnt unroifl^ 
tätlich eine Stacht über bie ©eete beß Geretteten, ber baß unabweißtiche Sebürf- 
nijj fühlt, feinen Gntfchluf; gu rechtfertigen unb bie SottfWenbigteit beffetben atß 
eine gwingenbe gu erweifen, um fich in ber Slchtuug beß ebetn SBohtthäterß einiger« 
majjen gu behaupten. Solange baß $)afeiit atß ein ©ut gilt, baß Stillionen in 
ängfiticher ©orge gu erhalten ftreben, wirb berjenige, ber eß fortwirft, wenn er 
nicht gang oerfommen ift, fich bemühen, nicht atß ein gewiffentofer ©erfdiwenber 
gu erfcheinen, fonbern atß ein borstiger Sedjner, ber bie oofle Summe feiner 
läge auf einmal gahtt, um fich ben ohnehin fichem lob in bem Spange feiner 
Sage oorweggufaufen. ®er Sahtpfennig beß eingetnen Hageß fpart ihm boch nur 
baß Cnbe heran, währenb bie freie Eingabe einer unberechenbaren Sufunft eß gut 
©rojjmuth fpontt. 


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6 


ttnfcre .gcit. 

SluS tiefem @efiif)f heraus unb Don ber SlufriStigfeit ber SS orte beS SJtanneS 
ü&errafd&t, in beffen 3«geu fie forfdjte, 309««/ bie niSt bie herbe Strenge eines 
SfnflägerS, fonbern ©fite, ©Johltboßen unb ben innigen ©SunfS ber SDtögliSfeit 
ber greifprcSung oerrietfjen, fefete bie UngtücfliSe jögernb tjinju: „@S wirb mit 
fStoer, £>err ©3albemar, miS fo fc^neU in baS Seben jurücfjufinbeu, mit bem iS 
für immer obgcfStoffen ju haben glaubte. ®er 93rief bort unter bem Stein, ber 
SlbfSicb für immer ..." 

®ie Stimme Derfagte ifjr; ber ©utSljerr folgte bem SSinfe ihrer §anb, töfte 
baS S3tatt ans ber Stcinphrainibe unb begann mit halber Stimme ju lefen, in» 
bem er, bann unb mann über bie 3eilen hinmegblicfenb, bie SSreiberin borforg» 
liS im Sluge behielt. @S mar gerabe noS heß genug, um bie mit ©teiftift 
gefSriebenen, jiemliS großen ©uSftaben, wenn auS mühfam, ju entziffern. 
®er ©rief lautete: 

„SRein heißgeliebter SriS'- 

„©etreu unferer ©erabrebung habe iS miS an bem See meiner Heimat ein» 
gefunben, aber einige Stunben früher, als mit Derabrebet. ®u moßteft ge» 
meiitfam mit mir ben 2ob fuSen; feine priefterliSe |>anb follte uns bermähten, 
ba baS Seben bem ©unbe unferer Siebe fo eigenfinnig miberftrebt. 

„®oS eS barf niSt, barf niSt fein. SS will ®ir borangehen, unb ®u mußt 
jurücf bleiben. Dtenne miS nid)t graufant, baß iS ®iS allein jurücflaffe! SS 
entfließe ja niSt feigherzig meinem Seib, baS iS um ®einetmiKen ohne SRurren 
ertragen mürbe; iS miß ja nur allein bett Seiben ein ©nbe maSen, metSe iS 
®ir ot;ne Slufhören berurfaSe, miß ®iS Don bem gtuS erlöfen, ju bem iS ®ir 
gemorben bin, obmol ®u ®ein erfteS unb lefcteS ©lücf in mir ju befifeett mähnft. 
HRcin 2ob gibt ®iS bem Slelternhaufe jurücf, ans bem iS ®iS bertrieben, gibt 
®iS ®einen greunben jurücf, mit beneit iS ®iS entjmeit, gibt ®iS ben reiSen 
©oben ®eineS ©eifteS mieber, bie ®u jum Segen ber ®einen unb ®einer 9Rit» 
menfSen auSnnfccn foßft. SßaS mir mirb niemanb fragen; iS hatte neben mei» 
nent ©ruber, ben iS burS bie ©nabe ©otteS im SenfeitS mit ®ir ju berföhnen 
hoffe, fein treues $erj außer ®ir. ®ie Oual ber SeljnfuSt, bie ®u um miS 
empfinben roirft, merbcti IßfliSt unb Arbeit fjeilett, unb bie enbliSe fRuhe, bie 
®ir mein ©erluft gemährt, mirb ®iS entfSäbigen für bie maßlofe, emige Un= 
ruhe, bie ®iS in meinem ©efifc berjehrte. ®ie falten ©Seflen bort unten, bie 
miS in traumlofen SSlumnter miegen foßen, mirft ®u niSt beneiben, niSt 
jubringtiS unb anmaßenb fSclten, unb bie SSlingpflanjen, bie miS mit ihrem 
grünen ©eranf umflammern, mirft ®u niSt in eiferfüStiger Slufmaßuitg beS 
liiftcrnen ©errathS jeihen. 

„Um miS her herrfSl bie Stiße beS Sterbens. Sin biefer Stätte, mo ®u 
tniS ju finben glaubft, foß ®ir bieS ©latt meine testen ©rüße fagen. SieS es, 
geliebter greunb ..." 

SSalbemar ftoefte. ®ie ßtüljrung mußte bie SSreiberin übermannt haben; 
®hränen maren auf baS ©apier gefaflen unb hatten bie SSriftjüge DermifSt. 
®ie grembe, bie ihre eigenen ©Sorte mie bie eines britten, melSe auS einer für 
fie berfSoßenen ©Jett ju ihr herüberflangen, fSmeigfam angehört hatte, ergänjte 


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2tm Ceufelsfee. 


7 


mit hauchenber Stimme, was ber Befer nicht enträtseln tonnte, unb fagte: „SieS 
es, geliebter greunb, unb Oerfpridj, mir nicht in ben lob p folgen! Bebe ttnb 
wirte, butbe unb ftrebe! @S ift bie Sitte einer Sterbenben, bie $u nicht oer- 
fagen fannft. 3<f) hätte auch im ©rabe feine 9tuf)e gefnnben, wenn ich bie, ob 
auch unfdfwlbige Urfadje Seines lobeS geworben wäre; fo fdjeibe ich, bamit Su 
tebeft, unb mein ©rwachen wirb ein freubigeS fein." 

„©ebenfe", fiet er ihr ins Sßort unb laS bie tejjten 3*if e tt» bie fie in ber 
©rregung mit immer gröfjern unb breitem Suchftaben gefdjrieben ^atte, mit 
gefteigertem Ion, „gebenfc meiner in teibenfdjaftslofer, inniger greunbfchaft! 
Steinen Seichnam, wenn er bem See entriffen werben tann, tat auf bem grieb» 
hof neben ben ©räbern meiner Weitem beftatten! ©S ift fo föt, neben ber ge» 
liebten SWutter p fchtafen; tat mich, bie ich auf ®tben feine neue Heimat p 
finben oermochte, in ber fteimat oder, im lobe, bie 9tähe ber Siebe nicht ent« 
behren! Sie Sonne geht pr Stiifte, unb wie fie inS SDtecr finft, um oon bem 
heitm Sauf p ruhen, fo Witt auch ich in bie glut mich betten, um nach ber 
langen Irrfahrt auSprafien. Sebe wohl, ©rieh, unb erringe über bem Stieben 

meines ©rabes ben grieben Seines Bebens! leine ©tara." 

©r fchwieg tange Stinuten, nadjbem er geenbigt hatte, unb betrachtete mit 
tiefer Führung bie Siebenbe, bie ihre ftitlen Wugen, in Sinnen üertoren, auf ben 
See tjrftete. So jung unb fo entfagungSfätjig, fo bafeinSberedjtigt unb fo tobeS« 
froh! SBieber überrafchte ihn ihre auffattenbe Schönheit, bie claffifdje Sotnehm» 
heit ihrer 3ügc, welche burch ben ©ram befeett unb burdjgeiftigt würben. So 

mutte einft Wriabne tranernb am Ufer beS fetfigen ©itanbeS gefejfen unb bem 

enteitenben Schiff beS IhefeuS nachgebticft haben, baS ihr am fernen £>oripnt 
ein ©tuet entführte, beffen ©efifc fo oergängtich gewefen war. 

„3ch banfe 3h«rn für 3h r Sertrauen, gräutein ©tara", fagte er unb brüefte 
ihr bie $anb. „Stoch h eu te h°ffe ich mich beffetben würbig p erweifen. 3a 
welcher Stunbe erwarten Sie ben ungtücftichen greunb, ber mit 3h ne > 1 P fterben 
befchtoffen hat?" 

Siefe grage oerfefcte bie Wngerebete in ben ganzen gammer ber ©egenwart 
prttef, unb wieberum traf ben Sprecher ein üorwurfSöotter ©tief, als ob fie ihm 
jürnte, bat er fie in bem Sorhaben, welches allein bie Sßirtniffe ihres SebenS 
fchtichten fonnte, fo jählings unterbrochen hatte. Sann fagte fie fich unb erwi« 
bette, bat ®ricfj fchon hier fein mühte, wenn eS ihm nach feinem SBunfdje noch 
möglich gewefen wäre, mit bem üortefcten lageSpg oon ber ©auptftabt aufp« 
brechen; jefct fönne fie ihn oor bem enbgüttig feftgefefcten 3eitpunft, eine Stunbe 
oor ÜJtitternacht, nicht mehr erwarten. 

„Sie Sommernacht ift tau nnb litib", oerfefcte er, „unb fo wage ich, 3h n en 
baS Wnerbieten p machen, in 3h tet ©efeflfdjaft bie Wntunft ShreS greunbes p 
erharren. Sietleicht bat es mir noch h e «i e gelingt, Shnen beiben neuen SDtutlj 
ppfprechcn, Sie mit neuer SebenShoffnung p erfüllen unb alle £>inberniffe 
jwifchen 3h nen himoegpräumen." 

©r fagte baS mit einem fo frohen Ion ber 3uoerjtcht, oon ber wiHigften 
Sorge für bie fchöne grembe hingeriffen, mit einer fo aufrichtigen Selbfttäufcfjung, 


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& 


Unfere .Jett. 


cC föttne mit bet Sfraft feiner Uebetrebung um ber SebenSmüben Willen bie Serge 
j- e (fcft oerfefcen, bafj er boppelt betroffen war, als Slara ifjm mit einer faft ^ef= 
ti 0 cn 8 ur » e f* ,,3h r Sorfdjtag. fo gut er gemeint ift, fo fehr er 3b« m 

^etjen ®hre macht, ift gleichwol unannehmbar, ©ie fennen bie gemaltfame Ärt 
eiltet Stich non |>ochborf nicht. SBenn er mich hi er , onftatt mich mit ber Sor* 
j^^^eitung pm ®obe befchäftigt p fehen, in ber Unterrebung mit einem gremben 
c, bet fich, ob auch in ber reblichften Slbficht, meiner annähme unb fich pm Ser= 
tr »itttcr aufwürfe: er würbe nicht fragen, nicht unterfuchen, würbe btinbtingS feiner 
g3e*t>J en ^ un fl folgen» unb eS gäbe ein Unglüd nicht allein für ihn unb mich, f°n= 
geirrt für ©ie felbft, $err SEBalbemar. ®ann müjjte ich ben Slugenblid öerwünfchen, 
c -c ©ie heeführte, um mich oon bent SRanbe ber glut ptüdpreifjen." 

2Bie fchmerjlich ihn auch biefe Srmiberung berührte, es war boch babei ein 
rj^onte genannt, bet ihn p erneuter 3uoerficht berechtigte. „Sft jener Stich 
oow £>ochborf, ben ©ie nannten, ber Sohn beS §errn t>on ^ochborf, beS reichen 
(SVrunbbefifcerS in SBeftpreujjen?" 

„®erfelbe", entgegnete fie unb fah ihn üerwunbert an. 

®ie ängfttiche Spannung in ben ßügen bei gragerS machte einem 3luSbrud 
ber Sefriebigung ©laf}, inbem er mit einem Hinflug t»on 3ubet erffärte: „0, 
nun glaube ich, bah fich oKeS pm Seften fügen Wirb. Stich ift mein greunb, 
w ar WenigftenS mein greunb. SBenige gahre jünger als ich, lernte mich ber 
frühreife ©tubiofuS auf ber Unitterfität p Serlin unb auf ber lanbmirthfchaft» 
liehen 4?ochfchute lennen. Salb entfpann fich ein reger Serlehr jwifchen uns, ein 
innige^ greunbfchaftSüerhältnif}, baS freilich bie 3®it gelodert hot." 

„SBunberbar", unterbrach ihn Slara. „@ie ftanben ihm fo nahe, unb boch 
hat er nie, als wir in unferer oerjweifelten Sage Umfdjau nach oöen hielten, 
»on benen wir etwa 9tath ttnb #ülfe erbitten fonnten, 5h rer auch «nr mit einer 
©ilbe Srwäljnung gethan." 

„Sluch bafttr, mein gräulein, fann ich Shnen eine Srllärung geben, ©ein 
©tolj Wirb ihn abgehalten hoben, ftch an mich 8» Wenben; benn Wir fchieben 
Bor fieben galjreu nicht ohne bittem ©roll. Stich brachte mir währenb unferer 
UntoerfitätSjeit eine gerabep fchwärmerifche Steigung entgegen, bie ich non ganzem 
$erjen erwiberte; aber er würbe »on einem fo ungeftümen ©erlangen nach bem 
auSfchüejilichen Sltleinbefifc meines Umgangs beherrfcht, baß er felbft bie Südjer 
Ijafjte, bie mich bann unb mann oon ihm abpgen, meinem alten ®iener bie 
greunblidjleit beneibete, mit ber ich bem ©fleger meiner ffinbheit begegnete, unb 
mit unüberwinblichem Sigenfinn auf ber üöllig ungerechtfertigten gorberung be= 
ftanb, ich fotle einem bewährten Äameraben, ben ich öor ber Selanntfchaft mit 
^ochborf fchäfcen unb lieben gelernt hotte, um feinetmitten ben Saufpafj geben. 
Sch miberfefcte mich, h* ett “n bem braoen, ältern ©enoffen feft, unb bie erften 
^Reibungen brohten uns für immer p entfremben. $ie halb Darauf erfolgenbe 
Slbreife jenes ©efährten erleichterte bie SBieberherfteHung unferer frühem Sintracht. 
Sch gewöhnte mich mehr unb mehr an Sridj’3 Sigenart unb trug ihr um fo mehr 
Rechnung, als ich für meine Pflicht erachtete, über ben jüngern greunb p 
’ it, ber bei feinem ejrcentrifchen, oft unberechenbaren SBefen in aüertjanb Ser= 


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2lm Ceufelsfee. 


9 


briefelidjfeiten geriet^ unb tor fo mancher Stjorheit unb teibenfchafttichen Ueber= 
eitung ju behüten war. ©r bebutfte eines JpalteS, unb ich forgte für iljn mit bec 
Sefonnenjjeit, beten idj bei meinet eigenen Unfertigfeit fähig war. 2llS id> fpäter 
nach bem lobe meines SaterS ben Sefifc meines ©rbeS angetteten hotte, gab ich 
meinen ©ütern eine Rettin. ©rief) fom meinet ©intabung nach, weilte einige 
SBochen in meinet Stälje unb begtüdte mich mit feinet alten $erztidjfeit. ®en» 
noch faftete ein ®tmf auf ihm, bet iljn nicht ganz froh werben tiefe. 3$ be= 
merfte eine tion 2ag ju Jag anwadhfenbe SReijbarfeit an ihm, untet Welcher 
befonbetS meine grau jn leiben hotte. ®r fonnte eS nicht ertragen, bafe fie mit 
mefjr war als er, fonnte es nicht begreifen, bafe idj, bet 9?euöermäf)tte, immer 
unb immer oon iljr fprach, ftagte mich an, bafe ich itjn jufe^enbS oernodjtäffigte 
wie einen täftig geworbenen ©aft, unb meine ©attin, baS Opfer feiner ©ifer- 
fudjt, mufete alte Äraft ber Setbftbeherrfdjung aufbieten, um bei feinen Stidjel= 
reben unb fränfenben ©toffen SOteifterin ihrer fetbft ju bteiben. 3<h begütigte fie 
im ftiOen, wir fdjonten unfern ©enoffen wie einen Äranfen, ja, wir legten uns 
eine Surüdljattung in uitferm Setragen, eine ©emeffenfieit bei jeher Segrüfeung, 
jebem Slbfchieb auf, bafe ein Uneingeweihter unfere ®jje f“ 1 feine allzu gtüdtiche 
hätte hotten muffen, ©nblidj, ats er auf einem «Spazierritt mit ben atten Sor= 
würfen auf mich einbrang, mich bis jur SerjWeiftung quätte, in feiner @rbitte= 
rung feinem ©aut mit einer $eftigfeit bie Sporen gab, bafe baS Stut ton ben 
Reichen beS herniebertropfte: ba fteQte ich ih n ollen ©rnfteS zur Siebe 

unb fuchte ihn burch ben abftdjtlich gefteigerten Stadjbrucf meiner ©ntrüftung zur 
Seftnnung zu bringen. SergebenS. 2Bir hielten gerabe unfere Sferbe an biefem 
nielamhoUfdjen ©ewäffer an, für baS ich ton jeher eine grillenhafte Sortiebe 
hegte, welche mir in biefer Stunbe als eine heilige, mir ton ber Sorfehung zu 
3h ter Stettung ins §erz gefenfte ©mpfinbung erfcheinen witt. ©rieh tiefe fi<h 
nicht befchwicfetigen unb pochte auf fein älteres Slnredjt an meine Siebe. 23äh s 
renb ich ihn, um ihn bei ber bebrohtich anfchweQenben ©ewittergtut feines 
©emüthSzufianbeS zu begütigen, aufs neue meiner unöerbrüchtidjen greunbfehaft 
oerficherte, hob er fich ptöhlidj int Sattel hoch empor, btifcte mich mit gtühenben, 
wie ton fieberifcher Segeifterung trunfenen Slugen an unb machte mir mit einer 
Stimme, bie ben SEBiberhatl weefte, ben aberwifcigen Sorfchtag, bafe wir auf biefer 
Stnhähe tot uns unfere Stoffe fpornen unb in rafenbent ©atopp ben Stbhang her» 
nieber mitten in ben abgrünbigeit See hineinjagen foQten, um, eine echte S*obe 
ber $reue, unfern einft für baS Seben gefchtoffenen Sunb burch einen jähen, ge» 
nieinfamen lob zu befiegetn. 3$ hotte unrecht, mich nicht zu beljerrfchen; aber 
bie Ueberfpanntheit beS tollen StnfinnenS reizte mich i« einem furzen, höfjuifdjou 
Stuftachen, baS altes Stut aus feinen SBangen trieb. Stafe, wie bie SBafferrofen 
bort, rife er gewaltfatn fein Sßferö h ec unt, bafe es fid) h°ih aufbäumte, unb braufte 
burch ben ftäubenben Sanb ton bannen. 3<h ftürmte ber ftiegenben Staubwotfe 
nach, W«/ Stofe unb Steiter terfchlingenb, tor mir einherwirbette; ich r * e f ih n an / 
ich befchwor ihn; er hörte nicht, unb ein gehltritt meines IßferbeS, ber mid) in 
SebenSgefaljr brachte, ztoong mich, bie attjemtofe Serfotgung aufzuheben. ®r aber 
jagte zum ©ntfefcen meiner grau, bie auf ber Seranba nach uns auSblidte, ohne 


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Unfcre <3eit. 


B 

©rufe fl« meinem Schloß borbet, fprettgte mitten burdj ben ©utsßof, baß baS 
©eflüget auSeinatcberftob, burch baS offene Üfjor auf bie nach ber ©tabt führenbe 
©Ijauffee, burd) bie Straßen ohne Sfufenthatt über baS holperige fßflafter bis att 
ben SBahnfjof, fdjwang fich bon bem fdjtoeißtriefenben fßferbe, baS er einem bort 
lungernben Arbeiter übergab, um eS mir jujuftellen, unb fuhr mit bem eben 
bereit ftefjenben ©ifjuge babon. ©eitbem höbe ich iljn nid)t wiebergefeljen. ©ein 
«Berluft fiat mich fange gefchnterjt, fchmerjt mich noch heute. ©eine greunbfdjaft 
tuar ein Sanaergefchenf: fie entjürfte, um ju fc^recfett; fte toärmte, um ju oer= 
jeljten; fie umftricfte, um p erfticfen." 

©Iara, bie ben SBorten beS ©utsfjerrn mit unoerrücfter Spannung gefolgt toar 
unb fi<h/ bon bem Schluß ber ©rjäljlung mächtig erregt, unkoifffürfid) bon ihrem 
©ifc erhoben hotte, erwiberte in fichtbarer ©rgriffenljeit: ,,©ie fcfjilbern ben Sfrrnen 
nur ju getreu. D, nun begreife idj auch, marum er geftern, als toir bie weit» 
berlorene ©teile für unfer Sterben auSfudjten, fo üngftlidj ben nähern, am Schloß 
üorüberfüfjrenben SBeg bermieb unb eine DrtSfunbe in bem Sabprinth ber ©eljölje 
bewies, wetd)e bie meinige, bie einer ©ingeborenen, weit übertraf, unb für bie 
idj mir feine ©rffärung wußte. 3“» ©ie fd)ifbern ihn in feinem ganzen SBefen; 
bodj ©ie hoben nur in Stopfen gefoftet, was mir in langen, fcfjmerjenSreidjen 
3ügen p leeren belieben war. Sie 3<hfu<ht feiner greunbftßaft wirb noch burch 
bie 3<hfucht feiner Siebe überboten. Steh, wie oft habe ich mich ihm p entjiefjen 
berfucfit, unb Würbe hoch burd) baS unfägtichfte SDtitfeib mit feinen Dualen aufs 
neue an if)n gefettet! SBie oft höbe ich t£)m bis jum $aß gezürnt, unb würbe 
bodj burch feine SReue unb Berfnirfc^ung ohnmächtig entwaffnet! SBie oft hoffte 
ich oicf bie enbliche ©enefung feines ©emütljS, unb würbe hoch nach ieber oer* 
heißungSootfen fi'rife bie Beugin eines um fo fchtimmern 3tüdfaffS! Unb trofc 
aller Seiben, bie er mir bereitet: es geht ein allmächtiger, ein unlöslicher Bouber 
oon ihm aus, ber mich °hue SBiQen an ihn binbet, unb ber eS mir fo ferner 
machte in biefer ©tunbe, mich ohne ihn p opfern, um ihm bie 9tücffef)r in ben 
SfreiS ber ©einen, in bie SRuhe einer fegenSooHen fEhötigfeit p ermöglichen. 
Schelten ©ie mich immerhin eine ShiMu, §err SBafbemar! SBenn ich nicht 
fterben foö, was ©ie mir berweigern, fo muß ich ih n lieben, lieben bis ans ©nbe 
unb fann nicht oon ihm faffen!" 

3h te Slugen würben feucht unb baS SSefenntniß ihres $erjenS oerbreitete einen 
fofchen SBeifjegtanj traurig fanfter ÜJtifbe unb efegifcher Schönheit über fie, baß 
ber ©utsherr, oon feinen ©mpfinbnngen übermannt, ihre $anb ergriff unb mit 
ritterlicher Ehrerbietung an feine Sippen führte. 

©ie ließ es ruhig gefcheheit. SBafbemar war ihr fein grentber mehr. SBie 
man bem Slr^t, bem man anoertraut hot, was man forgfäftig oor jebern anbern 
Df;r hütet, allmählich ohne Scheu in bie Sfugen fiefjt unb feine Säeichte oorent= 
hält, fo blicfte fie jefct ju bem SJtanne auf, Welcher ber ÜRitwiffer ihrer geheimften 
Seiben geworben war, unb bie gemeinfame Sfntfjeilnahnte, bie fie an ©ri<h fnüpfte, 
fchfang ein geheimnißooHeS S3anb um beibe, baS fi<h mit jeher SKinute fefter pg. 

„Saffen ©ie uns überfegen, was iefct nothtljut", nahm ber neue gteurtb baS 
„Sfuch ich ftimme 3h« en f>ei, baß eS für mich gerathener ijt, 3h ten $er= 


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21m Ceufelsfee. 


U 


lobten gunächft nicht in 3h tem Veifeitt ju fpredjen. 34 wiß feiner Slnfunft liier 
entgegenfeilen; aber Wohin foß idj ©ie, gräutein ©lara, in ber Swifc^enjeit ge» 
leiten? |>aben ©ie greunbe in ber ©tobt ober Verwanbte?" 

„34 bin eine grembe auf bet ^eimif^en ©dfioöe geworben", üerfejjte fie, „unb 
feit Sauren auf we4felooßer 3 tr f a hrt. ®ie Sßoc^t oon geftern ju Ijeute habe i4 
in ber VahnfjofSljerberge jugebrad^t; aber eS graut mir, baljin jurüdjuleliren, bie 
langen ©tunben bis jurn SJJtorgen, biefem ©djauplajj fo fern, in töbli^er Unge» 
wijjfjeit ju burc^wac^en, oljne SRad&ridjt oon bem ©rfolg 3h rcr 3tokfpttuf) c mit 
bem türmen, offne 5fta4ri4t, ju welkem Stritt if)n oießeid^t bie Verzweiflung 
gebrängt. 84, bie SEBaffer auf bem ©runbe beS ©eeS werben ja mein Vewujjtfein 
ni4t mit wohltätigem ©djauet erftarren machen: bafiir ftehe ich wieber mitten 
in ber ©orge unb iOual meiner Siebe, unb ber fcf)lecf)tefte Unterfc^lupf in ber 
armfeligften Jagelöhnerhütte fofl mir lw4 rotßfommen fein, wenn itf» nur nodfj 
in ben Häuften ©tunben eine Sunbe oon bem SluSgang 3h rer Vegegnung mit 
bem greunbe empfangen barf." 

3n biefem Süugettblic! erf4oß ein lautes ©ewie^er tom SBalbranbe her. „Jer 
@4immet wirb ungebutbig", beruhigte SBalbemar, „unb ruft feinen $errn. Saffen 
©ie unS aufbredjen! ÜJtein $auS fteljt Offnen felbftoerftänbli4 jur Verfügung." 
Jiann jog er feine Uffr unb füllt fort: „2Bir muffen bie Seit ju tRat^e galten, 
©ie befteigen mein ißfetb ... wehren ©ie nid^t ab, biefe oerljängnifjüoße ©tunbe 
hat ©ie über ©ebüfjt angegriffen! . . . unb i4 begleite ©ie ju ben nicf)t aßju 
entfernten 2Birthf4aftSgebäuben beS junäd^ftliegenben VorwerfeS meiner ©üter. 
Um 10 Uljr fönnen wir bort fein. 34 übergebe ©ie ber 0bl)ut ber grau mei» 
neS Verwalters, fprenge auf bem ©djimmel naß) bem Jeufelsfee jurütf, treffe 
nocf) zur Seit ein, um unfern ©rief) ju empfangen, fefce i£)m ben Sopf jurecf)t, 
bringe 3h ne n ben greunb unb führe ©ie in ©emeinf^aft in mein ©4tojj." 

„Um unfern ©rief) ju empfangen." JiefeS „unfer", mit fo freunblidfjem 
Jon gefprot^en, fdjlug afle Vebenfen nieber, bie fi4 in ber Seele ©lara’S regen 
woßten. ©ie reifte ihm bie §anb jum Jaul. Jie 9Jiunter!eit unb ©iegeS» 
gemifsfjeit;, mit ber er ifjr feinen ißlan entworfen hatte, regte ihre SebenSgeifter 
ju frifäem ißulSfd^lag an. ©in Strahl ber Hoffnung bra4 unter ihren bunleln 
SBimpern IjerOor. 9ia4 langer, troftlofer Verzagtheit ein Slugenblicf ber ©rmu* 
thigung! 3h re tlangreidfe Stimme üerlor ben @4leier, ber fich bis bahin über 
biefelbe gebreitet hotte, als fie auSrief: 

„0, wenn es möglich Wäre, bafj ©ie bie SBunberfraft befaßen, auf ben Un= 
glücflichen einzuwirlen, ihn mir, ihn fidh felbft ju erhalten! 34 oerfpreche, mich 
in aßem 3h ten Slnorbnungen ju unterwerfen, ©ie hoben mir baS Seben gerettet 
unb bamit ben 9tnfpru<h ouf meinen toßen ©eljorfam erworben; ich &' n 3h r 
©efchöpf, noch halb ftarr unb leblos unter ber Qual ber Sorge; feien ©ie mir 
ber oäterliche fßrometfjeuS, ber feinem ©ebilbe Sltljem unb Seele gibt." 

®ie SÜBorte ber Sprecherin offenbarten ihm genugfam, wie feljr biefeS fchöne, 
noch bor furjer griff mit ben ©ebanfen beS JobeS fo oertraute SBeib fich toieber 
an baS Seben flammerte, unb er fuhr fort, fie ju ermuthigen: „Saffen ©ie mir 
3h*en Stbfc^iebSbrief! ffir foß ihn nicht unter bem falten Stein fiuben, fonbern 


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Unfere ^cit. 


Ü 

aus warmer greunbeShattb empfangen, unb wenn il|n biefeS ihr Siebesopfer nicht 
jur Erfenninifj jwingt, baff er einen Enget beftfct, ben er nicht quälen, fonbern 
oon nun an auf $änben tragen unb reuig oergöttern fofle, fo Witt ich fortan an 
aller menfc^lic^eu Jugenb oerjweifetn. ®er Einflufj, ben i<h einft auf ihn geübt 
unb mit bem idj ihn oon fo mancher Starrheit jurücfgetjatten, wirb noch nicht 
ganj gebroden fein. SBir finb beibe an Sauren reifer geworben, unb bie 3*»* 
nähme beS SUterS ift nicht bie unwefentlidffte ©ürgfdfjaft bet ©erftänbigung." 

Sie btidten auf ben ©ee, bet fidj bei ber SBinbftitte regungslos ju ihren 
güfjen befinte. Elara tonnte fid) eines Schauers nicht erwehren, als fie fich oor» 
ftellte, wie fie je^t offne ihren Setter, oon ben ©othpenfangarmen beS Schling» 
trautes umftricft, oon ber glut überfpütt werben würbe, unb fühlte, atS it)r 
SBalbemar im §inauffchreiten feinen Strm bot, mit Stellagen bie SebenSWärme, 
bie oon itjm auSftrömte. 

©t^weigcnb fdjritten fie auf bem ©anbwegc baffin. ®ie Iraum^aftigfeit ber 
nächtlichen Dämmerung, aus Wetter ihnen bie unbeuttidjen Umriffe beS unge» 
bulbig ftampfenben Schimmels entgegenfdfimmerten, üerme^rte bie Empfinbung 
ber grenjenlofen ©erlaffenheit, bie fie umgab unb auS bem üerworrenen ®unfet 
beS SBalbeS gefpenftig angätjnte; nur baS knarren ber ©tiefet auf bem weiten 
©oben bezeugte, baff fie teine ©chatten waren, bie, bem faxten ©ewäffer entftiegen, 
in unljörbarem ©eiftergange bem Oerrufenen Sfreujweg juftrebten. 

©ie tjatten ben Sßegweifer erreicht. „SBolfin Weift bie Hafet?" fragte Elara 
i(|ren ©egteiter. • 

„3um gricben, jur ©erföhnung, jum ©tüd", antwortete er bebeutungSOott, 
wälfrenb er bie Steigbügel auf ber gleichen ©eite beS ©attctS jurecHtrürfte. 
£>ann fc^icfte er fich an, ben 3ügel üon bem £otjftamm loSjunefteln, unb War 
noch bamit befc^äfttgt, atS fid) bie ©efäfjrtin bereits auf ben Süden beS ©ferbeS 
gehoben hotte unb fid) mit anmutigem ©efdjtd jum Sitt bereit machte. 

„Sch bin beS Seitens nicht ungewohnt", fagte fie, inbem er oerwunbert ju 
ihr Hinauffal). „2Bie oft Hobe i(H an Eridf’S ©eite bie gelber burdfflogen!" 

Er führte baS gemächlich ouSfchreitenbe £t|ier am Süget, unb ein lange nicht 
getannteS ©efülft fetiger Spannung unb Erwartung burchbrang ihn. $)afj eS ber 
lobeStag feiner grau War, beffen geier er in ber ©title hotte begehen wollen, 
war ihm ganj aus bem ©inn gefommen. Oftmals bticfte er fid) nach ber Seiterin 
um unb war jebeSmat entjüdt, wenn fie mit gefdjmeibiger ©eweglichteit ben 
fchtanfen Körper über ben $als beS Schimmels neigte, um baS Slbftreifen ihres 
leichten ©ommerhuteS, ber noch oor lurjem ein SSerfjeidjen ihres DpfertobeS 
Hatte fein fotlen, burch einen überhängenben 3*»eig ju oerhüten. E)aS SBettfchreiten 
mit bem ©ferbe machte ihn warm, noch wärmer bie Sähe feines ©chü|tingS. 
Er fpürte, baf} er feinen ©ebanten eine anbere Sichtung geben, bah er fi<h auf 
bie ernfte Stufgabe üorbereiten mttffe, beren Söfung ihm noch h eu * e beüorftanb, 
unb fo bat er bie Umhergetriebene, ihm in $ürje bie ©efchichte ihres Sehens unb 
ihrer Siebe ju erzählen, bamit er, in jebe SBanbtung berfetben eingeweiht, um 
fo leichter unb um fo fixerer auf Erich einmirten unb alle feine Einwenbungen 
'h-äften fönne. 


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2lm Ceufelsfee. 


\3 


Sie oerheljtte jt$ ni<f)t, baß ba« ©erlangen SBatbemar’« burd» bie SJtotlj bet 
Umftänbe geboten toat, unb fam bemfelben nach trofc i^reiS XBiberftreben«, fid) 
ißt ©lüd unb Ungtüd bot bem neuen greunbe in gtaufantet Seifte ju jergliebern. 
3gte Stimme naljm wiebet ben berfdjleierten Ion an, als fie anljub, ihre Sc^icffate 
ju berieten, bann unb toann bon bem Schnaufen be« Schimmel« unterbrochen: 

„3d| bin bie lodjtet be« Doctor« ©reitenftein, be« längft nerftotbenen ©tjmnafial» 
leljrer« bet Stabt, an welche 35« ©üter gtenjen, Sdjon at« Äinb bet dJtutter 
betäubt, jä^tte id) faum ßebjeljn Sommet, al« mit bet lob auch ben ©ater 
entriß. dJtein um einige 3a^te älterer ©ruber, meldet Dffijiet getoorben war, 
bermodjte mich bei bet Änapptjeit feinet SKittet nur wenig ju unterftüfcen, unb fo 
toenbete ich ben mir jufadenben Anteil an bet förglidjen Jpinterlaßenfdjaft meine« 
©ater« baju an, einen ©eruf ju ergreifen, bet meine Sulunft einigermaßen fitzet» 
ßeden fodte. 3<§ trat in ein Seminar ein unb bitbete midj jut Se^tcrin au«. 

„Schelten Sie mich nicht eitet unb Ifoffärtig, Iperr SBalbemat, wenn idj oon 
meinet Schönheit fpredje. Sie toutbe ba« Jpinberniß, ba« mir bei meiner Sehr* 
tljätigleit überall im SBege ftanb, unb id) h°be oft genug erfaßten müffen, baß 
biefe dJtitgift bet gütigen diatur, um bie idj fo bietfadj beneibet mürbe, ba« 
©efdjenl einet falfcf) angebrachten greigebigfeit betfelben gemefen ift. 

„3n meinet erften Stellung fühlte ich midj frotj unb glüdlidj; aber bie Sdjul= 
borfteljerin mußte mich mibet ihren SBiden entlaßen, meit meine Sarbe ben jüngetn 
Settern bie Äöpfe berbrejjte unb ju untiebfamen Auftritten ©erantaßung gab. 
3dj berfudjte e«, in einem ©farrhaufe auf bem Sanbe a(« ©rjieljerin tljätig ju 
fein; ein ©rebigtamt«canbibat, bet bott oerfefjrte, oergaßte fidj in midj unb trieb 
midj burdj feine übertäftigen SSerbungen in bie gluckt. 3d) lehrte auf ben Sdjau» 
plafc meinet erften SBirlfamfeit, in bie ©eßbenj, jurüd, um in ber jurüdgejogenften 
SBeife mein Seben burdj ©ribatunterridjt ju friften; aber idj brachte Unfrieben 
in bie gamitien, beten Identer idj untermie«, erregte bie @iferfud)t bet $au«frau 
ober ben ärgerlidjften Bwiß unter ben ättern ©tübetn meiner Schülerinnen, 
dtirgenb« mar meine« ©leiben« lange. 3Jtan machte mir ben ©orfdjlag, mich für 
bie ©ufjne au«jubilben; bie mibrige Bubringlidjleit be« erften Äünßler«, an ben 
icß mich menbete, ließ mich bon allen fernem ©erfudjen abftehen. 

,,SBa« thun? ©ine Untugenb fann man ablegen, einen gehler berbeßern; 
meine Schönheit lonnte auch burdj ben bodften Serjicht auf ade 2>afein«freuben 
nicht befeitigt merben. 3<h mußte, um ju leben, meinem ©erufe treu bleiben, 
menn ich nic^t burdj bie Annahme ber erften beften ©emerbung um meine $anb, 
ohne mein $erj ju fragen, mir ein mehr al« jmeifelhafte« ©lüd erlaufen modte. 
So gelangte ich fc^lie^lit^ auf ba« ©ut be« $erm bon §ocf)borf, ber, feit einem 
3ahre oermitroet, mich mit ber ©rjieljung feiner unmünbigen jtoei löchter betraute, 
©alb gernann ich bie hingebenbe Siebe meiner Böglinge, beten ©ater mich mit 
ber au«gefudjteßen Buborlommenheit behanbelte; aber noch mehr: ber SRagnet 
meiner unfeligen Schönheit bemährte auch hier feine alte Anjiehung«lraft, unb 
ade ©efudjer be« gut«herrlichen Schloße« brachten mir eine Art bon $utbigung 
entgegen. 3<h mud)« fdjon in ben erften Sßocfjen meine« Aufenthalt« au« ber 
befdieibenen Stedung einer fonft rnenig beachteten ©rjieherin Ijetau«; ber SBunfdj 


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H 


Unfete ^eit. 


unb bie greigebigfeit beS ©cßloßßerrn gegatteten mit einen Slufroanb in Reibung 
unb ißuj}, bet um fo notßmenbiger war, als leine Suftbarfeit oßne micß gefeiert, 
fein geft oßne micß begangen, feine Sinlabung oßne mein 2Riterjcßeinen an» 
genommen mürbe. Ser fcßutmeifterticße §aucß, bet fiel) in meinet bisherigen 
Sünmierlichfeit übet mein SBefen gebreitet hatte, oerflog mit jebem Sage mehr; 
ein ©efüßl bon SebenSroonne unb 3ugenbluft erfaßte mich, unb ich atmete in 
fotgCofer Unbefangenheit, in einem naiben ©enuß beS mit überall guraufdjenben 
SeifaHS bie föftlicße Sßürge meines SugenblenjeS ein. ©iS auf bie Siener 
erftrecfte fich bie 3auberfraft, bie ich ohne mein SSoHen übte, unb fie tiffen, toenn 
ich i u einem gefte erfcßien, bie glügeltßüren mit einet Sienftbefliffenßeit unb 
Sheetbietung auf, als ob baS blüßenbe ©lücf in Perfon feinen Singug halte, um 
übet einen jeben bie ©egenSgaben feines güKßornS auSgufcßütten. 

„Sto| allet Betreuungen bernachläffigte ich feineSwegS meine trauten 3% 
linge, gu benen ich mit immer neuer greube unb 3ärtlichfeit gurücffeßrte. 9lber 
nur gu halb mürbe ich gemäht, baß mein argtofeS $erauStreten aus bet Snge 
bet mir beftimmten häuslichen Sphäre fich rächte, unb baß bie anfpruchSlofe §in* 
naßme aller ber mir faft aufgegtoungenen ©eitüffe, baß meine Sriumpße am 
Älabier, baS ich giemlicß beherrschte, ber ©eifall, ben mein ©efang errang, meine 
bei ber großen 3aßl ber feftlicßen ©pagierritte fcßnetl etmorbene Steitfunft, mein 
Ummorbenfein beim Sange, ja, baß ber SKobefcßnitt meinet fileiber bon gemiffer 
©eite als ebenfo biet gefeüfcßaftticße Saftlofigfeiten angefehen mürben. SReibifcße 
ßungen trugen mir manches böfe ©eflätfcß gu; meine Unbefangenheit mar baßin, 
unb ich fing an, ben Umftanb, baß ber ©chloßherr ab unb gu, bann immer 
häufiger ben Unterrichtsftunben feinet Söcßter beimoßnte, in einem anbern Sichte 
als bem bet bloßen gürforge beS ©aterS für bie gortfcßritte feiner föinber arg» 
möhnifch gu betrachten. Ueber mein Sehrbuch ßinroegbticfenb, faß ich bie klugen 
beS ÜJianneS mit einer ©lut auf mich gerichtet, bie mich in ©ermirrung fefcte unb 
erfchrecfte, unb bei ber Safel bemerfte ich bie boshaften ©liefe, bie fich bie Siener» 
fchaft gurnarf, roenn ihr £>err nach ber äRaßlgeit bie Äinber auf ben ©pielplafc 
feßiefte unb mir gu einer SBanberung bureß ben ©eßtoßparf ben 8lrm bot. SBieber 
brannte mir ber ©oben unter ben güßen, unb mieber mar es meine Sarbe, bie 
mich heimatlos gu machen broßte. 3$ beneibete bie $äßlicßen, bereu ©eift unb 
©aben um ißrer felbft mitten gefcßäfct mürben, mäßrenb man feßon ein ©ergnügen 
baran fanb, mich nur angublicfen, oßne naeß meinem ©eift gu fragen. 

,,©on einer neuen 3nträgerei, bie mir bie ©cßamrötße ins ©efießt trieb, auf 
baS empfinblicßfte berleßt, faßte icß ben Sntfcßluß, meiner Stellung gu entfagen; 
boeß als icß meinen Pfleglingen bie erften Slnbeutungen bon meinem beborfteßen» 
ben ©eßeiben maeßte, fleßten fie mieß mit einer 3nbrunft an, fte nicht gu ber* 
taffen, baß icß ißren ßeißen Xßränen, ißren ftürmifeßen Umßalfungen nicht gu 
miberfteßen bermoeßte. 3<ß blieb, aber icß änberte mein ©erhalten; icß unter» 
rießtete bie füßen HWäbcßen auf meinem eigenen 3umner, baS icß abgufdjließen 
ein IRecßt hatte; icß oermieb, fo gut es anging, jebeS SlUeinfein mit bem ©ater; 
icß fcßiißte Srmübung unb Unpäßticßfeit bor, um ben geften fern gu bleiben, unb 
meine ©emeffenßeit, bie icß gur Unnahbarfeit gu fteigern fueßte, ßatte ben Srfolg, 


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2lm Ceufelsfee. 


15 


baß ber ©cßloßßerr, beffen ©ebanfen überbieS bureß bie ©erßanblungen über beit 
Slttfauf eines gweiten ©uteS ftarf in Slnfprucß genommen würben, fieß weit weniger 
als oorbem mit mir befaßte unb mir mit freunblicßer, aber bocß füllet $erab* 
taffung begegnete, 3«ß glaubte guleßt, baß icß bem Steib unb ber ÜJtiSgunft ein 
attju fcßneöeS ©eßör gefcßenft, unb baß, was icß für baS 3cic§ £ n einer auf* 
feimenben Seibenfcßaft gef)alten, nicßts anbereS als bie wärmfte ©rfenntticßfeit 
für bie feinen Sinbern bewiefene Siebe gemefen war. 

„Salb barauf reifte er fort, um baS in Oftpreußen gelegene ©ut oor bem Slb* 
fcßluß beS Kaufes grünbficß gu beficßtigen. SWrtßin wollte er fpäter überfiebeln, 
wäßrenb ©ricß, ben man in Jurgem oon feiner itatienifcßen Steife gurücferWartete, 
baS bisherige ©efißtßunt oerwalten foHte. Unb Wirflicß, wäßrenb ber Slbwefenßeit 
beS ©aterS traf ©ricß, ein ©oßti £>ocßborf’S aus feiner erften @ße, in ber $eimat 
ein. ®a begann für micß eine neue Beit. SJteine Seele flog bem jungen SRannc 
entgegen, bet mir fcßon in ben erften Stunben unferer ©efanntfcßaft eine 2luf= 
mertfamfeit begeigte, bie mir einen neuen, wie im Sturm errungenen Iriumpß 
meines SBefenS offenbarte; ad), eS War baS erfte mal in meinem Seben, baß icf) 
micß meines Sieges Oon ganzem bergen freutet @r bewunberte nicßt nur mein 
©eßcßt, et fucßte meine Seele unb fanb fie. ©in reicher ©eift, eine glüßenbc 
fßßantafie, ber baS ©unberlanb beS SübenS bie Scßwunglraft ißrer gitticße oer» 
boppelt ßatte, fptacß auS allen feinen ©orten, unb ftatt ber Sprache fetaler 
Scßmeicßelei oernaßm icß mit ©ntgücfen gum erften mal bie üollen Slccorbe einer 
aus tiefftem £ergenSgrunb ßerOorqueHenben Seibenfcßaft, bie einen nantenlofen 
©iberßaH in meiner ©ruft erweeften. Stifts erßob micß jemals meßr oor mir 
fefbft als fein ©efenntniß, baß er. Was ißn Italien gelehrt, am B< e l« feinet 
©anberung in mir oerförpert wiebergefunben ßabe, baS ©eßeimniß aller ffunft, 
aller wahren ©egeifterung: eine fcßötie gorm unb eine feßöne Seele in ungertrenn* 
ließet Harmonie. 

„SineS StacßmittagS ließ icß mieß bureß fein inftänbigeS ©itten bewegen, einen 
üluSflug gu Stoß in feiner ©efeHfcßaft gu unterneßmen. 28ir blieben lange aus. 
®er Slbenb buntette unb bie Sterne blieften, wie eben jeßt, bureß bie SEßalbWipfel 
friebreieß gu unS ßernieber. Stacß oielen ©efpraeßen übet Äunft uub ©iffen* 
feßaft feßwiegen wir feßon eine geraume ©eile, als ©ricß plößließ fein fßferb an* 
ßielt, bem meinigen in bie Bügel fiel unb bie ©orte gu mir ßerüberßaucßte: «3eß 
liebe bieß, ©lara, meßr als icß gu fagen oermag. ©illft bu mir angeßören, fo 
oerfprieß mir, nießt meßr bie flammenbe Sonne gu fein, bie einem jeben ben 2Jtit* 
genuß ißrer Straßlen gewäßrt, fonbern ber Stern unter SJtillionen Sternen, gu 
bem ber Siebenbe als gu feinem ©eftint mit ßoffnungSfroßer Seele emporfeßaut, 
beffen ßeimlicße Stelle niemanb weiß als er, unb beffen trauticßeS ©efunfel nur 
ißm in feine ftiHe Kammer ßernieberglängt!» 

„3u meiner ©rregung oerftanb icß nur unbeuttieß ben Sinn feiner Siebe, ber 
mir fpäter in fureßtbarer Sflarßeit fieß entßüllte, unb oermoeßte nicßtS gu erwibern 
als: «Sieber, lieber greunb!» ®a ßob er fteß im Sattel, beugte fitß gu mir 
ßinüber, unb unfere Sippen fanben fieß im Scßweigen ber ©albnacßt. 

„3n überfcßWengticßer Sufi fpornten wir unfere tßferbe unb flogen bureß bie 


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16 


Unfere <5eit. 


Sichtung. Stie habe ich ©rieh freubiger unb (inbltcf) Ijarmlofer gefeiert all in 
jener Stunbe. 3m übermütigen Spiet ber SEBonnetruntenheit trabten mir um 
bie Sette bahin, unb jebelmal, fo oft einer ben anbern nedenb überholte, fudjte 
er, fuchte ich im Sorüberftreifen, er meine, i<h feine £anb ju erfaffen unb im 
flüchtigen Stu ju brüden." 

Salbemar hielt ben Stimmet an. Sie ©rjöiung ©lara’l, bie eben eine 
(ßaufe machte, umfummte ifjn tote ein fcf)Wüler |>auch ber Sommernacht; er lüftete 
ben $ut unb trodnete ftch bie Stirn. Sal (Bilb ©ricfj’l, toie er ihn fetbft lieben 
unb zugleich fürchten gelernt hotte, ftanb in (ebenbiger Slnfdjaulichteit oor feinen 
Sinnen; noch mehr inbeffen befchäftigte ihn ber melobifdje Älang ber Stimme 
ber (Reiterin unb bie eigentümliche 2lrt, mit welcher fie über ihre Schönheit 
fprach, toie über ein werthlofel ®ut, beffen fie ft<h ohne Schmerz entäufsert hoben 
toürbe, unb bal ihm hoch fo unfcljä&bar unb begehrenlwerth erfchien, tote ber 
©efife bei £imntell fetbft. ©r fpähte in ben Salb unb fdjlug, um bie (Entfernung 
abjufürjen, einen Seitentoeg ein, ber, ziemlich fchmat, ihn fort unb fort nötigte, 
bal (ßferb oorfichtiger ju leiten unb bicht neben ber ©rzählerin ju toanbern, fobafj 
er ihren Slthem fpürte, toenn fie fich nieberneigte, um bie (Berührung ber fich oor= 
ftredenben Btoeigc ju oermeiben. 

„Sie Sage nach ber ©rttärung ©rich’l", nahm fie ihre (Rebe auf, „toaren bie 
foftbarften unb ungetrübteren meinel Sebenl. (Stein (Bräutigam zeigte mir einen 
erquidenben (Born oon Siebe unb @üte, aul bent ich ben Sroft für eine leibenl- 
ooüe Butunft oorroegfchöpfte. Sa tarn ber (Bater oon bem angetauften ®ute 
jurüd, unb ein glüdlichel Ungefähr machte mich jur Beugin bei erften Sieber» 
fefjenl bei #errn Oon £ochborf unb feinel Sohnei. Sie (Begegnung tonnte nicht 
froftiger fein; ich empfanb bie Unmögtichteit, bah Wefe beiben fo oerfchieben 
gearteten SRänner, beren Staturen, hier Satmljerzigteit unb Uneigennüfeigteit, bort 
(Berechnung unb oornehme Setbfttiebe, fich feinbfetig gegenüberftanben, in griebett 
unter bemfelben Sache houfen tonnten, unb ich begriff bie ©ite, womit ber ®utl= 
tauf betrieben toorben war, bamit fich für (Bater uttb Sohn in gemeffener @nt= 
femung ein abgefonberter Ärcil bei Sirfenl eröffnete. 

„Stoch om Slbenb beffetben Sagel trat ©rieh Oor ben ©utljjerm, um ihm 
feine Siebe ju geftehen unb bie ©inwiHigung ju unferm SBunbe ju erbitten, 
fitopfenben |>erjenl erwartete ich om berfchmiegenen Seiche bei Schlohpartel bal 
©rgebnifj ber Unterrebung. 3<h rauhte, wal uni belieben War, atl ber greunb, 
bleich unb oerftört, aul bem Schatten ber herrlichen Sinben in bie SJtonbheUe 
hinaultrat. Ser (Bater, ber fich früher über fo manche engherzige (Borurtheile 
feinel Stanbel erhaben gezeigt, höbe ihm mit bürren Sorten auleinanbergefefct, 
bah er nie in biefe SJtilheirath willigen unb ihm bie (Braut unter ben Söchtern 
bei umwohnenben Slbell Juchen werbe: fo berichtete ber Sohn, unb mit folcher 
(Betagtheit, bah ich ih n taum mit ber oftmall mieberhotten (Betficherung be¬ 
ruhigen tonnte, ich toürbe, wal auch tomme, nie oon ihm taffen unb ihm meine 
Sreue bil an ben Sob bewahren. 

„Stach einer fchlaflofen Stacht glaubte ich om nächften (Morgen bie fofortige 
fiünbigung meiner Stellung geioärtigen zu müffen. ©I gcfchah nicht, aul (Rüd* 


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2lm Ceufelsfce. 


\l 

ficht auf meine Pfleglinge, wie ich annahm, ober weil Grich burd) ein anbereS 
SRittel, burch bie Trennung von mir, burd) bie vorläufige Verwaltung beS neuen 
fernen Gutes von feiner Seibenfchaft abgewogen werben foflte. @cf)on nach gwei 
lagen, nach fchmerglidj verflogenem Stbfc^ieb von mir, reifte ber Unglücflit^e ab, 
in ber Vefürchtung, feinen Vater burch Siberfprudj noch mehr aufgubringen, unb 
in ber Hoffnung, itjn burd) feinen fitiblidien Gehorfam verföhnlicher gu ftimmen 
unb allmählich baS 8>et feiner ^ei§en Sünfche gu erreichen. 

„$)ie Siebe meiner treuen SJtabchen war mein einziger £roft; aber fc^on nach 
lurger Seit fiel mir auf, baß ber ©djlohherr meine Stäbe aufs neue fud^te unb 
mid) mit Slrtigleiten überfdjüttete. SluS bem Sahne, er mode mir burd) feine 
Güte baS Seh weniger fühlbar machen, baS er mir nach t> er Strenge feiner 
abeligen Grunbfäfce E>atte jufügen muffen, würbe ich *n jäher Seife aufgefdjredt. 

„Sn einem ©onntage fafj ich m 't ben Töchtern in traulicher piauberei auf 
ihrem SlrbeitSgimmer. @ie fchmiegten fi<h an mich unb überhäuften mich to finb» 
lieh eiferfüdjtigem Settftreit mit ihren fünften Sieblofungen, als bie Xl)ür auf; 
ging unb ber Vater mit tjochgerötheten Sangen auf ber Schwelle ftanb. ®er 
liebliche Slnblid, ber fich ihm bot, gab ihm bie erwünfdjtefte Snfnüpfung gu 
feinem Vorhaben. SJtit fprühenben Sugen trat er vor unfere Gruppe unb fagte 
mit unficherer, bebenber Stimme: «^dj feh«, meine Äinber, mit welcher 3ärt* 
lichleit unb Eingebung ihr an ffräulein Glara hängt. 3h r fönntet auf ber weiten 
GotteSwett leine beffere unb opferfreubigere Grgieherin fmben; aber fie foff, fie 
muß euch noch niehr werben, mufj euch gu euerm §eile unauflöslich Verbunben 
bleiben. Sollt ihr, bajj Glara euere Butter werbe, bah bie treue Pflegerin bei 
Stacht unb lag in mütterlicher Dbljut euch h e 0 e nnb befchirme?» Säljrcnb bie 
felig überrafchten SRäbdjen jubelnb oon meinem ©chofe fprangen unb ben Vater 
umringten, ging er mit guverfichtticher $reiftigfeit auf mich gu, breitete feine Srme 
aus unb verfuchte, mich an fein £erg gu giehen. ®ie plumpe Ueberrumpetung 
unb baS freche Gingeftänbnih, bah baS ©tanbeövorurtheit nur für ben im Sege 
ftehenben ©ohn, nicht für bie Vegehrlichfeit beS Vaters gelte, gab mir, bie ich 
vor ©Freden fpradjtoS war, meine volle Vefinnung gurücf. 3<h ftiefj ihn von 
mir unb rief ihm, ohne in meiner Grbitterung auf bie Slnwefenheit ber garten 
Pächter gu achten, bie hotten Sorte gu: «Senn meine Verbinbung mit Shrent 
©ohn eine 9Ö?i$heirath ift, fo befürchte ich, ber Vater in mir nicht bie eben¬ 
bürtige Gattin, fonbem nur — bie SJtaitreffe fucht.» Gr näherte fich mir aufs 
neue, wie von einem ©innenraufch getrieben, unb ich fpürte ben eletn Seinbunft, 
ber von feinen Sippen brang. 3<h wehrte ihn mit einer $eftigleit ab, bah « 
gurüeftaumette, einen giftigen Vlid auf mich warf unb, bie ftinber mit fich fort= 
reifeenb, auS bem 3iwmer {türmte. 

„$atb ohnmächtig flüchtete ich mich in mein Gemach unb lieh meinen $hränen 
freien Sauf. Sie hotte mir ber felbftbewufite SJlann baS bieten lönnen? 0, 
wenn er wähnte, bah ber Vefifc biefer Siegenf(haften, biefeS ©ehloffeS, btefer 
Prunfgimmer für ben Verluft einer wahren, baS gange $erg crfüHenben Siebe 
entfehäbigen, bah ber blenbenbe Souber biefeS mahlofen SieichthumS meine Ülugen 

Unjfrc Seit. 1887. 1. 2 


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18 Uitfere .geit. 

Btinb machen tonne für ben Mangel jebeS innern ©lüdel: tote armfelig mußte 
el um fein ©mpfinben fielen! 

Vorfahren einel SBagenl weifte mid) aul meinem $inbrüten auf. 3$ 
fpähte burd) bie Vorgänge hinab unb fal}, wie ber ©djtoßherr bie Weinenben 
Stäbchen, bie jammentb nach meinem genfter ^eraufölicften, auf ben ©ifc §ob unb 
mit ihnen babonjagte. 2 >al $etj wollte mir Bremen, all id) bie Sothwenbigtcit 
inl tluge faßte, bie Ijotben Pfleglinge für immer ju Oerlaffen, unb id) fanb einen 
Stitberunglgrunb für bal Vorgehen ihrel Paterl in ber PorfteUung, baß er 
bieQeicfjt barauf jäfjtte, bie Siebe ju ben reijenben ®efd|ßpfen unb ber SBunfd), 
fie bie meinen ju nennen, werbe mächtig genug fein, um mich bie Abneigung 
gegen ben Vernichter meinel ßöc^ften ©lüdel allmählich äberwinben ju taffen. 

„90tit fliegenber £>aft fuef|te icf) meine fieben ©adjen jufammen, ließ alle foft= 
Baren ©ewänber, allen ©chmud jurüd, mit benen midj meine Perberberin, meine 
Schönheit, befchenlt hatte, unb halb brachte mich ber Äutfcher, ber mir unb ben 
Äinbetn Bilder jur Verfügung geftanben hatte, fopffchüttelnb burdj bie nahe ©tabt 
auf ben ©afjnfjof. 2lrm unb mittetlol, wie ich getommen War, 30 g id) wieber 
in bie grembe unb fanb in einem, mir aul frühem lagen wohtbefannten berliner 
fßenfionat eine 3 nflud)t. 

„Sofort fdjrieb ich an ©rief) unb tljeilte iljm meine plöfcliche Slbreife mit, 
oljne ben ©runb berfelben ju bejeichnen, weil id) feine neue 3wietrad)t iWifdjen 
Pater unb ©ohn ju fäen entf^loffen war. 2)er Verlobte eilte augenblidlich, pon 
banger ©orge bewegt, in bal Paterhaul unb erfuhr balb genug pon ben nicht 
ju beruljigenben ©cfjweftern ben wahren 3ufammenhang ber ®inge. 333al barauf 
SWifchen ben beiben $od)borf PorgefaHen, habe id) nie mit Peftimmtheit in @r= 
fafpcung bringen tönnen, ba @rid| por jeber ©rinnerung an ben furchtbaren Auf¬ 
tritt jurüdbebte; jebenfalll Ijat er fid), unfähig, feine ©ntrüftung ju bemeiftern, 
bil jur Verleugnung jeber Pietät gegen ben Pater fortreißen taffen, fobaß biefer 
if)tn fein §aul Perbot, ihm mit (Enterbung broljte unb aud) fpäter jebe briefliche 
Annäherung unbeugfam jurüdwiel. Steine oielgepriefene Schönheit tonnte trium» 
pljiren: fte hatte el fertig gebracht, unheilbaren Unfrieben awifcljen Pater unb 
®oljn ju ftiften. 

„Palb tarn ber greunb nach Perlin, um wenigftenl in meiner Sähe ju fein. 
S33ir btidten troftlol in bie 3 ulunft. 3“ ftolj, burch eine feige Unterwürfigfeit, 
bem felbftifdjen SBiüen bei ©djloßljerrn gehorfant, bie ©nabe beffetben ju erflehen 
ober auch nur einen Pfennig oon ihm anjuneljmen, falj er fich barauf angewiefen, 
fidj mühfetig eine befcheibene ©jiftenj aul eigener Äraft $u erarbeiten. Stein 
#erj tonnte ihn nicht freigeben, wohl ober mein Perftanb, unb ich wollte ihm fein 
Sßort jurüderftatten; ber bloße ©ebanfe an eine Trennung auf immer regte ihn 
fo franfhaft auf, baß ich, üon ber Unerfchütterlidhfeit feiner Seibenfdjaft überzeugt, 
Pon jebem weitern Verfuge Abftanb nahm. Steine fürgtichen ©rfparniffe Waren 
erfdjöpft, unb ich war froh, oll bie Porfteherin ber Penfion bie ©teile einer ©r= 
jieherin in einer beutfehen gomitie ju Paril ju oergeben hotte, in ber grembe 
einen fidhern Unterfchlupf ju finben. Schweren $erjenl gab ©rieh feine 3« s 
imung $u meiner Abreife, gür mich faßt* bie ©ntfernung ein Prüfftein fein. 


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21m Ceufelsfee. 


19 


ob et in feinet Ireue begatten Würbe unb Busbauer genug befäße, uns einen 
$etb ju grünben. 

„@rft aus feinen jafjlteicfjen ©riefen lernte idj bie quälerifc^e Eigenart feiner 
Siebe etfennen. $)er Empfehlungsbrief, ben mit Butter Statur mitgegeben, 
etmieS fieb auch in ißariS einflußreicher als alle meine $eugniffe; auch !jier toar 
id) halb bet Siebling aßet, toutbe oon jung unb alt umfdjtoärmt. Bber welche 
©otwürfe, welche empfinblicben 3ure<btweifungen enthielten bie 3etfen beS ®e= 
liebten, fo oft ich ihm oon einet unfdjutbigen ©efefiigleit, einem 2heaterbefucf), 
einer Xanztuftbarleit berichtete! $)en 2nnj nannte er eine fcfjnöbe Unfittlicbleit 
unb befcbmor mi<b, biefer finnlofen $üpferei, biefer fcbeinbar fo arglofen unb 
bocb fo argliftigen ©erf)üßung bet ©innticbleit im ©ewanbe gefeßfcbaftlicber 5or= 
men nicht ju butbigen! ©r nannte mich in bitbbrambifcber ©erherrlicbung eine 
^eilige unb jeben, bet es wage, mir in bie Bugen ju gaffen, mir ben Brm um 
ben Seib ju legen, einen lempelfcbänber. ®S war ihm eine unteiblidh peinboße 
©orftefluug, baß ein anberer oon mir träumen, ein anberer mein ©ilb in feiner 
©ruft als einen feetifcben Sefi| bewahren tönne; wie ein ffunftwerl, eine b«rr= 
liebe SDteifterplatte eines föupferftidheS bureb z u häufige Stbjüge gefebäbigt unb 
tierbotben Werbe, fo miiffe meine ©d)önheit fßr ihn oerloren gehen, wenn aße, 
bie mich umfcbmeicbelten, bie SSergüufttgung hätten, eine ©opie meiner ©eftalt in 
ihrer begehrlichen Erinnerung binmegjutragen. äJtein ©etragen würbe unfrei unb 
unftcher; ich mußte nicht, wie ich ben SKännern begegnen foßte, um ihm leinen 
©runb ju feiner aufreibenben ©iferfucht ju laffen; ich Z°8 wich lopfbängerifcb 
jurüd unb galt für launenhaft unb ftolj. Buf jebe SDtahnung meinerfeitS, mich 
nicht über ©ebübr ju quälen unb einzuengen, antwortete ber greunb mit fo herz» 
bewegenben Selbftanllagen unb belunbete eine fo unauSfprecbticbe Qnbrunft feiner 
Siebe, baß ich ihm nicht ju zürnen oermoebte unb oon bem innigften äßitteib 
mit feiner oergebeitS belämpften, ihn fieberifch oerjehrenben Erregung ergriffen 
würbe. 

„BIS mir halb barauf ein fehr oortheithafter ^eirathSantrag gemacht würbe 
unb meine Umgebung in mich btang, ihn nicht ju Oerwerfen, erfaitnte ich aufs 
neue, Wie unzerreißbar ich mit ©rieh oerbunben war, wie heiß ich ih n liebte, gab 
feinem Sieben nach unb lehrte in bie beutfebe $eimat jurüd. 

„SnjWifdhen mar es bem Unermüblicben, ber oor leinet ^bätigleit jurüdfebredte, 
bie SRittet ju meinem ©ejifc ju erringen, nadh manchen ©nttäufebungen geglüdt, 
Bufnaßme in einem ©anlgefcbäft ju fiuben, beffen Inhaber febneß feine großen 
Säßigleiten erlannte unb ihn oofl Sheilnahme in jeber ©Seife ju förbern fudjte. 
©Sie rührenb war feine Sreube, als er mir gleich nadh bem erften 3ubel beS 
SBieberfebenS mittheilte, baß er in einem 3aljre eine ©efolbung zu erarbeiten 
hoffe, bie uns bei befebeibener ©enügfamleit an baS 3*el unferer Seljnfucbt 
bringen werbe! 

„Um jene 3eit würbe mein ©ruber Stidjarb, ber Offizier, nach ©erlin oerfefct. 
Er unb ©rieb fanben ©efaßen aneinanber, unb ich ßenoß einige ©Jochen unge= 
trübten ©lüdeS. Sch miethete mir eine Heine SBohnung, gab fleißig Unterricht 
unb erwarb gerabe fo oiel, um meine Unabhängigleit nottfbürftig zu behaupten. 

2 * 


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20 


Unfere <5eit. 


„SBährenbbeffen Würbe mein ©röutigam, ber einft nach bet Abteilung feinet 
äRilitärpflid^t jum Offizier gemäht worben war, ju einer mehrwöchentlichen ®ienft» 
leiftung eingezogen. Sr bezauberte mich im ©djmucf feinet Uniform, unb ich mar 
nicht wenig ftolj, Wenn et mich am Arm über bie ©trage führte; bocf) bie ©liefe 
ber ©egegnenben, bie auf unS hafteten unb unS oft genug berfolgten, erregten 
feinen ©erbrug; er fabelte in ber ungerecfjteften SBeife mein tjerauSforbernbeS 
betragen, machte mich für jebeS ©teljenbleiben eines Unbefannten oerantwortlidj 
unb grollte mir auch bann noch, als id) mit niebergefcf)lagenen Augen, mehr einer 
fc^üc^ternen Stonne als einer fröhlichen ©raut gleich, an feiner ©eite ging unb 
ängftlich bie ©teine beS ©ürgerfteigeS jätilte. So entftanben neue ©erftimmungen, 
bis eiu unfeliger 3t®ifth en folI einen boHftänbigen ©ruch unferer ©eziehungen 
öeranlagte. 

„3<h feierte meinen ©eburtStag. SKidjatb befugte mich, braute mir bie 
©aben feiner Siebe, unb wir öerloren unS unter netfifdjem ©eptauber in bie 
Srinnerungen unferer fifnbheit. $er 3ouber beS nur ju früh uns entriffenen 
©aterhaufeS umfpann unS; mein 3immer würbe )u unferer Sinberftube, unb wir 
gebauten mit herzlichem ©elächter fo mancher gemeinfam oerübten Iljorheit. $)a 
Zog mich ^> er öruber in überqueHenber 3örttichfeit auf feinen ©djoS, nannte mich 
fein fügeS ©lärchen, überhäufte mich mit übermüthigen ffofemorten, tänbelte mit 
meinen paaren unb fügte mich in brüberlicher Umarmung. Als wir aufblicften, 
ftanb Erich, &er unbemerft in mein ©emach getreten war, mit gerunzelter ©tim 
oor ben überrafdjten ©efdjwiftern, unb ich ^atte es wol nur ber fjeier beS XageS 
Zu banfen, bag er fich bemeifterte unb ben Ausbruch feines Unwillens erftiefte. 
Stag ich abfidjtlich jeber ©efanntfehaft mit ben $ameraben Dticharb’S auS bem SZBege 
gegangen war, befriebigte ihn noch nicht; jefct fodte mir au<h bie unfchulbigc 
Steigung für ben ©efährten meiner &inbheit, für ben leiblichen ©ruber oer» 
fümmert werben. 

„©eit jener ©tunbe warf ber mehr unb mehr »erbitterte greunb einen $ag 
auf feinen fünftigen ©<hWäger, einen £ag, ber auS jeber gürfprache für ben 
oöllig ©erfannten nur neue Währung fog. 

,,©ei einem geftmahl ber Offiziere in ber fitaferne ... bie beiben ©egner ftanben 
bei bem gleichen Regiment . .. fam eS zu einem heftigen SBortwechfel. Erich 
reizte meinen armen 9ficf)arb mit fo oerlefcenben Dieben, bie fich bis zur 8e= 
leibigung fteigerten, zur ©eleibigung oor ©tanbeSgenoffen als 3*ugen, bag ber 
Angegriffene nicht umhin fonnte, feine Ehre nadjbrücflich zu wahren unb ben An= 
greifet zum 3wei!ampf h«auSzuforbera. 

„SBaS gefchehen war, blieb mir oerborgen; feiner ber ftolzen SWänner zog 
mich iuS ©ertrauen. 2BoI war eS mir nicht entgangen, wie ber Ijofmeifterliche 
2on, ben mein ©ruber feit jener ©egegnung bem föameraben gegenüber ange» 
fchlagen hotte, meinen ©räutigam mehr unb mehr gegen ihn einnahm; ftetS hotte 
ich z u »ermitteln gefugt, aber gerabe ber Umftanb, bag ich ols Serföhnerin einen 
nicht geringen Einflug auSübte, mochte beibe abhalten, mich o°n biefem Ehren» 
hanbet, ber burch fein weibliches ©chmeichelwort hinwegzubitten war, zur 3«it 
Zu benachrichtigen. 


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2lm Ceufelsfee. 


Ü 

„SllS ich eines SlbenbS, mübe unb abgefpannt oorn Unterricht, eben in meine 
SBoljnung jurücfgefehrt War, brachten fie mir meinen fdjweroerwunbeten SRic^arb, 
ber ftch nur meiner pflege überantworten wollte. SBon einem ber Secunbanten 
erfuhr ich ben traurigen Hergang. Seber Sühneoerfudj war erfolglos geblieben, 
©rieh, ber als ©eforberter ben erften Sdjufj hotte, ftredte mit abgewenbetem @e= 
ficht feine SBaffe aufs gerathewohl in bie Suft; feine löbliche ©iferfucht beftimmte 
geheimnifjooll ber ungejielten ftugel ihr Siel; fie brang in bie rechte ©ruft ihres 
OpferS; ber Schüfce warf fich jammernb auf ben ©erlebten, rafte in troftlofer 
Serjweiflung unb würbe, oon lange anbauernber Ohnmacht befallen, jugleich mit 
feinem ©egner oom ißla|e getragen. 

„Sofort fchrieb ich einen Slbfagebrief an ben Sßerlobten." 

Die Leiterin fchwieg. ©in heller SKonbglanj fäumte bie SBipfel ber Sichtung, 
unb SBalbemar, ber oerftoljten ju ber Sprecherin hinauffaf), beraerlte ein paar 
fchwere tropfen an ihren bunfeln SBimpern. 

„Die SBunbe", begann ©lara oon neuem, „war an unb für fich wicht tob= 
bringenb; boch ein hinjutretenbeS Seiben raubte mir halb jegliche Hoffnung auf 
©enefung. Drofc ber reblichften ^Bemühungen beS NegimentSarjteS, tro| ber 
treueften pflege, in ber mich ein paar fi'ameraben beS ffranten, bie mit mir in 
ber Nachtwache abwechfelten, auf baS bereitmiHigfte unterftüfcten, houdjte Nidjarb 
nach wenigen SBochen in meinen Firmen feinen lebten Seufzer aus. SNit allen 
Iriegerifchen ©hren beftattet, oon feinen Untergebenen, SJorgefefcten unb ©enoffen 
in gleicher SBeife betrauert, hinterlieg er mir bie SBeljmuth beS ©ebanlenS, welch 
eine Sülle oon Siebe, Dreue unb Hoffnung auf eine glüdliche Sutunft mit ihm 
begraben warb. 

„Der ©hrenhanbet !am oot baS ©ericht. ©rieh Würbe ju einer einjährigen 
SeftungShaft oerurtheilt. Sich, biefeS 3aljr K>ar eine ©wigfeit oon dualen! 

„3ch trauerte um ben lobten unb — um ben überlebenben ©egnet! SSie ich 
mich auch jwingen mochte, baS ©ebächtnifj ©rich’S in meiner Seele auSjulöfdjen: 
es brach wie eine nahrungfuchenbe Stamme unter glimmenber Stfche herüor. Unb 
wenn ich am Dage bie Äraft über mich gewonnen hotte, fein ©ilb $u bannen 
unb nur auf ben Schatten meines Nidjarb bie Singen ju heften, ber fich gebieterifeh 
jioifchen mir unb bem ©eliebten in bie $öhe richtete, fo jeigte mir ber Schlaf 
einen friebtichen StuSweg, unb im Xraunte reichte ich bem Neuigen, oon aller SBelt 
ißerlajfenen bie $anb jur fchmerjlichften SJerföhnung. ©r fchrieb wieberholentlich 
an mich aus feiner $aft. Die ©riefe lagen unerbrochen in meinem Schreibtifd). 
Sich, tonnten ©Unionen SBorte bie eine oerberbliche Dhat ungefchehen machen? 

„Die Doge feines SlufenthatteS auf ber Seftung näherten fich bereits ihrem 
Slbfchlug, als ich in einer fchtaflofen Nacht auf baS unaufhörliche ©eräufch eines 
$o(£WurmS taufdjte. SluS bem wurmftichigen Schreibtifch, in bem bie ©riefe 
©rich’S unaufgeblättert ruhten unb beffen altfräntifcher Stau oon feinem mürben 
©reifenalter jeugte, brang baö unheimliche Klopfen an mein ©ehör. Da hotte 
ich baS wunberliche ©efühl, als ob es bie eingeterterten tBudjftaben ber Seiten 
beS SreunbeS feien, bie um ©rlöfung anpochten. 3d) oerhüOte mein Ohr mit ben 
ftiffen meines Sägers. Umfonft! 3 m »ter aufbringtid^er, in immer oerworrenerm 


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22 


Unfere £tit. 


Üafte überfielen mich bie gefpenftigen $öne, mit benen fidj bas unruhige jammern 
meiner Schläfe oermifcf)te, bis ich enblidh auffprang, ein Sicht anjünbete, bie 
Seichte beS ©efangenen aus bem ©efängnifj beS Schubfaches befreite, bie Siegel 
löfte unb bie fo lange oerfdhmähten ©riefe ber Steige nach burdjflog. SBelt^e 
Spraye, bie mir bie ©eftalt beS ©Treibers in aß feinem Slenb, in aß feinet 
Zerrüttung Bot bie Sinne rief! SEBelcge Steuc, welche ©elbftquälerei unb melier 
gieberathem ungeftißter ©ehnfucgt! Sr flehte mich wie eine ^eilige an, ifjn mit 
meiner ©nabe wieber aufjuridfjten, unb bie ganje ©iebeglut feines SmpfinbenS 
fdjlug mir aus bem ©eelenbranbe biefer Sefenntniffe übermältigenb entgegen. Sr 
fdfjilberte mir, wie ihn bas ©erlangen nach mir im SBadjen unb im Traume 
unentrinnbar »erfolge, wie er nichts benfen lönne als mich, wie igm bie Zeit, 
bie ign oon mir trenne, als eine ungeheuere SllaBenfette erfcfjeine, oon ber ftdj 
feber bumpf Eingebrachte lag loSlöfe wie ein langfam abfaßenbeS ©lieb, unb 
wie er bie noch übrigen ©lieber in atgemlofer Uitgebulb jügle, um fte im Zählen 
qualboß ju »erboppeln. ©inn unb finnlofer Ueberfcgwang, Älargeit unb SEßagn» 
Wi| Hangen fo ergreifenb burdjeinanber, bajj mich bas alte IDlitteib mit ihm un» 
wiberftehlich gefangen nahm, bajj es mir faft Wie eine Pflicht Borfchwebte, biefen 
reichen ©eift öor ber Zerftörung $u fdhügen unb ihn burdh ben ©nabeuftrahl ber» 
jeigenber Siebe aus ber Stacht ber ®erjweiflung ju erretten. 

„Stach feiner greilaffung ftürmte er ju mir. geh neunte bie legte Sfraft meines 
SBiflenS aufbieten, um ihn burch meine SBirtgin abweifen $u taffen. S>a3 ©lut 
meines SruberS forberte biefe ©raufamfeit, bie mein ©efühl nicht mehr bißigte. 
Sine ©tunbe barauf empfing ich einen hersbredjenben ©rief Bon feiner §anb; 
ba ich ihn nicht fehen, ihm nicht bergeben rnoße, nicht bergeben lönne, fo fei fein 
Seben oerwirft, bas er ohne mich nicht fortjufriften bermöge; bon ber $eimat 
auSgefdjtoffen, bie er um meinetwißen geopfert, gäbe er in meiner Siebe eine 
neue Heimat gefunben, aus ber er nun gnabenloS bertrieben werbe; fo woße er 
fterben, fterben an bem ©rabe Stidharb’S, um burch fein XobeSopfer bie SJtanen 
beS trefflichen fitomeraben p berföhnen. 

„geh lannte Sridh, ber nur p fegnefl feine SBorte pr E£gat p machen pflegte, 
unb fürchtete baS ©chlimmfte. 2)ie Slugft um fein Seben, bie meinen gufj beim 
©ang burch bas Sabprintg ber ©tragen beflügelte, geigte mir aufs neue, bafj ich 
ihn noch fo innig liebte wie je jubor. ©tufjte ich niich nicht ber ©chulb an feinem 
Üobe anllagen, ba ich ih m jebe ^Begegnung berweigert hotte? Unb wenn ich ju 
fpät fam, wenn er bereits gefchieben war, gefchieben, ohne noch einmal in meine 
Stugen gebtieft, ohne ben Xroft meiner ©erjeigung auf bie bunlle Steife mit» 
genommen p gaben, wie foßte ich fortleben unter ber erbrüefenben Saft ber 
borwurfSboßften ©ebanlen? 

„geh beftieg einen SJtietgwagen unb brängte ben SPutfcger pr größten Sile. 
Die Seute, bie ba auf bem SBege burcheinanber hafteten, erfchienen mir wie fopf» 
Iofe Starren, bie ben gleichgültigen Gingen in blinber ©efchäftigfeit nachtrachteten; 
nur ich hatte ein Ziel, ein grojjeS, furchtbares, unb an meinem ©eben unb ®ont= 
men fchien mir bie Sntfdjeibung über 2Bogl unb 3Bege einer SBelt p hängen. 

„gn fpäter StacgmittagSftunbe (prang ich am ^ireggofstgor auS bem SBagen 


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2tm Ceufelsfee. 


23 


unö eilte burct} bie Steifen ber Gräber ber mobtbetannten Stubegätte meinet 
©ruber« ju. ©atb ftanb ich an bem gtiebergebüfcb, ba« ben ©ingang ju bent 
bicbtumfchatteten ©fabe bilbete, an toetdjem ber ^püget Stiebarb’« gelegen mar. 
Sa fab id) ben ®etiebten in bie Sttie gefunfen, ba« §aupt auf ben Dedrafen 
be« Stabe« gefeint. 2>ie ©ulfe erftarrten mir in bem ©ebanfen: ju fpät! @r 
regte geh nicht, unb bie Sirme, mit benen er bie Seiten be« §ügetä umftammert 
hielt, lafteten fraftto« auf bem ©pbeu. ©in Sonnenftratjt flimmerte auf ben 
gotbenen ©udjftaben be« marmornen ©ebenfftein«, ben bie treuen Sameraben 
intern ©enoffen geftiftet Ratten, unb eine ©atme, bie icfj bor benfelben gepflanjt, 
berührte mit ihren, im tauen SBinbljaudj ^erabnidenben ©tattern bie Soden be« 
Snienben. ®iefe« §riebf)of«ibt)II, in metdje« ba« Stbenbtieb eine« ©oget« ein» 
miegenb ^ineintönte, mar mie eine füge ©ernähr, bag ber ©egner bem ©egner 
oerjieben, bag ber 2ob ignen jebe SBaffe au« ber §anb gerungen, jebe« ferner» 
jenbe SEBort oon ber Sippe genommen gatte. Steg, menn ifjm auch ber Xobte oergab, 
ich gatte feinen 2geil an biefer ©erfögnung ©ricg’«; ich batte ign oon mir ge» 
flogen, gatte ibnt bie testen ®afein«ftunben oergiftet! 

„Horch! ®ie ©atmbtätter raufcgten, ba« Haupt be« Seben«mflben b°b geh 
empor; er richtete ficb mit einem fcbnetten ©ntfcbtuffe auf unb führte mit in» 
grimmiger £obe«üera<htung ein meige« gtäfcgcben — ich fab e« anfteucbten — an 
ben SDtunb. «©rieb», fehrte ich mit gettenber Stimme, metebe ben SBiberbatt ber 
ftummen ©räber ju meden festen, «ffiridb», roieberbotte ich mit einem bie Suft 
erfebütternben Sluffcbrei. @r febredte aufammen, ftarrte mich an, ba« gtäfebegen 
entftürjte feinet {Rechten unb ergog feinen oerberbticbeit 3ngatt auf ben Stofen. 

„©leid; barauf — ich toeig nicht, mie e« gefommen — tagen mir un« in ben 
Slrnten. ftein SBort mürbe taut; unfer Smiegefpräcg mar ein einzige« Stuffcglucbaen, 
unb nur ba« einfame Stbenbtieb be« ©oget« febaufette ficb wie eine ftanggemorbene 
Xbräne an bem grneige. 

„Stagenbe Schritte entheiligten bie 9Beige biefer unoergegticben SDtinuten. 3Bir 
brachen auf. 3« bem fetigeu ©egmera unb ber fchmerjtichen Setigfeit, bie mein 
3nnere« burchftrömten, magte i<g nicht, auf bie ©rabftätte jurüdjubtiden; mir 
mar, at« mttffe geh ber ©ebenfftein bemegen, oom Strme be« jürnenben lobten 
binmeggerüdt, oom Strme be« ©ruber«, ber ficb au« ber ©ruft emporftredte, um 
bie fünbige ©egmefter oon ber ©ruft be« Schutbigen fortjujerren. 

„fflir fchmanften auf abgetegenen ©faben bem 2b ote ju. Unfere langen 
Schatten, bie un« im Smieticgt ber ftnfenben Sonne oorau«manbe(ten, maren 
ein trübe« Sinnbitb unferer fetbft. SBir fugten ben ÜDtorgengtana eine« neuen 
SebenS unb gehörten boeb ber Stacht; mir hatten un« miebergefunben, um im 
barten Kampfe um« SJafein unfere Kräfte aufjureiben, unfere Hoffnungen ju 
begraben. 

„®ie Stelle, bie ©rieh ootbem in bem ©anfgefchäft befteibet batte, mar tängft 
anbermeitig oergeben morben. ©ergeben« bemühte er geh um einen neuen Halt 
unb entfehtog geh autejjt, um nur eine 2bötigfeit ju haben unb hoch einigermagen 
bet 3ufunft oorjuarbeiten, ohne ©ntgett in bie S)ienfte feine« frühem ©rincipal« 
ju treten, ber ihm fein alte« SBogtmolIen bemabrt batte. $ie grogen Sommer» 


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Unfere geit. 


2 A 

ferien waten im Anzug, unb ich verlor eine Sefjrftunbe nach bet anbetn, wei( bie 
gamilien, in beten Steife tdj thätig war, fich jum Aufbruch in bie ©ommerfrifchen 
rüfteten. SSit lernten ben fanget fennen, ber unfete Siebe wot oerfdjteiern, aber 
nit^t befiegen tonnte. ©rid), ber feine ßJlitiel mäljrenb bet geftungShaft erfdjöpft 
tjatte, empfanb unfete peinliche Sage um fo brücfenber, als er not Sehnfudjt 
brannte, mir ein forgenfreieS Seben an feinet ©eite ju bereiten, unb ber einft fo 
blüljenbe SDtann begann zufehenbs ju fränfetn. 

„Sn biefer SRotf) tämpfte er feinen Stolz nieber unb fchrieb wieberholentlidj 
an feinen ©ater. §err Don $od)borf fanbte bie ©riefe feines ©otjneS uneröffnet 
zurüd. Sein Sicht, teine Hoffnung, auch ber lefctc Ausweg oerfperrt! 

,,©ei einem ©pajietgange im bertorenften X^eite beS Ziergartens offenbarte 
mir ber ©eliebte jum erften mal ben ©ebanlen, baß wir gemeinfam ben Job 
fud)en fottten. gür mid) hatte biefe ©orfteßung nichts ©chredljafteS. @o lange 
umbergetrieben, batte ich ein unbezwinglicheS ©erlangen nach ©uhe unb grieben, 
unb bieS um fo mehr, als mir in aufgeregten ©tunben meine Siebe ju ©rieb ju 
einem fchitöbcn, an meinem berllärten ©ruber begangenen ©erbrechen würbe. 
3Kein ©ewiffen ftrafte mich unerbittlich für jeben Suß, ben mir bie Seibenfdjaft 
beS greunbeS auf bie Sippen brücfte, für jebe flüchtige ©eligfeit, bie ich in 
feinem Amt genoß. StucE) als ich mir einrebete, baß. Wenn feine ungtücflicbe 
Sugel ihr 3*^1 berfeblt, wenn ber ©egner jnm ©djuß getommen Wäre, mir 
SRicharb bicHeic^t ben ©erlobten niebergeftrecft unb afleS ©lüd ber 3u(unft jer* 
trümmert haben Würbe, fo fdjalt ich hoch foldje Ausflüchte elenbe ©ptyfinbigfeiteit, 
erfonneu, um meine eigenfücbtige Siebe mit ihren Xrugfcl^tüffen ju befcbönigen. 
gür folcben unlösbaren SBiberftreit ber ©mpfinbung War bet Zob eine ©rrettung, 
bie ©ernicbtung eine Sßoßuft. 

„Z>ie ©(äffe auf bem Antlifc meines ©räutigamS machte einer fchnefl auf* 
fladernben ©Int ©Iah, a(S ich in feinen trübfinnigen ©orfölag einftimmte unb 
nur bat, bie Ausführung nicht feigherzig hinauSzujogern. 2Bit gelangten foeben 
an einen mäßig auSgebehnten ©ee, auf bem ein paar @djwäne ihre Schwingen 
blähten. ©Sie ber eine berfelben feinen Jpals in bie liefe fenfte unb ben Sopf wie 
in unftiKbarent Zmrft lange unter bem ©Safferfpiegel behielt, ba erblidte ich >n 

ihm einen ©oten ber ZobeSfehnfudjt, ber ben ftiHen Staunt in ber Xiefe zu er* 

grünben fdjicn, wo auch baS fchwerftc Seib non ben ©Sogen ber ©ergeffenheit in 
ewigen Schlaf gewiegt werben mußte. 

„Zer geftrige Zag würbe üon uns als ber Gnbpunft unferer Pilgerfahrt be= 
ftimmt. S<h hatte barauf beftanben, meine Heimat noch einmal zu begrüßen unb 
auf ber heimifcheu Scholle bie lebten ©tunben zu verbringen, ©o waren wir 
gegen ÜDlittag im ©täbtehen eingetroffen. Sch führte ©rieh an mein ©eburts* 
hauS, zeigte ihm bie Stätten meiner Sinbheit, unb er burchlebte unter aßen An* 
Zeichen einer rülirenben Zheilnahme mit mir im g(uge bie Sah« meiner Sugenb. 
Auch hier gab fich, noch i m Angeficfjt beS ZobeS, bie feltfame ©igeitart feines 
SiebenS (unb, bie ihm baS füßefte ©efüßl z ur ßual machte; er haberte mit bem 

©cfjicffal, baß es uns nicht früher zufammengeführt, baß eS ihm nicht oergönnt 

gemefeit war, mit mir aufzuwachfen unb ohne Aufhören um mich z u fein; er 


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2tm Ceufelsfee. 


25 


beneibete bie (Spielgefährten, mit benen ich mich getummelt, ©ufdj unb Saum, 
unter benen ich geträumt, unb jeben Staunt, ber mich, fern oon ihm, umfdjloßen 
hatte, ©o mar er auch ni<hl ja bemegen, mit mir an ben ©räbern meiner 
Lettern ju beten; er tonnte eS nicht ertragen, baß meine testen ©ebanfen nicht 
ihm allein gehörten, baß er fie mit ben lobten theiten foäte. Am Xtjor beS 
Kirchhofs ermattete er in bumpfer Stiebergefcfjlagenheit meine gurüdfunft bon bet 
heiligen Stätte. 3<h berbarg ihm, fo gut eS gehen moüte, meine Xhränen, unb 
mir manberten in miihfamem 3wiegefprädj an baS Ufer beS unergrünbtidjen 
XeufelSfeeS, ber, mie ich wohl wußte, feine Opfer nicht mieber an baS Sicht gab. 

„2Bir bereiteten uns pm Sterben, ©ine fanfte ©egeifterung erfaßte ihn, als 
er mich fo mittig im SBegriff fah, mit ihm ju fdjeiben, unb bie Xiefe ihm ben 
Atteinbefife ber ©eliebten berfprach, nach bem er fo tjeiffeö Verlangen getragen 
hatte, ©r fchtoß mich einmal Aber baS anbere in feine Arme, banfte mir in 
überfchmengtichen Ausbrüden, unb mir näherten uns mit oerfcßlungenen §änben 
bem Uferfaum. 

„tßlöfclidj hielt er inne unb fdjlug fid) bor bie Stirn. 9Jocf| einmal riß ißn 
baS Seben in feine Greife jurüd. ®r mar bon einer peinlichen ©eroißenljaftig* 
feit, bie ich fo oft beobachtet hatte, unb nun erinnerte ihn auf bem XobeSroege 
ber Xrud feiner großen Vrieftafdje, gegen roetehe fein ftürmifd} aufgeregtes $er$ 
mit heftigen Schlägen hämmerte, an eine unachtfam oerfäumte Pflicht. Sein 
Principal hatte ihn, ben er gern in perfönlidjen Angelegenheiten ins Vertrauen 
jog, mit ber AuShänbigung einer jiemlich bebeutenben Summe an einen Ver= 
manbten beauftragt, ber einen Xheil feines Vermögens jum Ausbau feines £aufeS 
hatte flüffig machen mäßen. 2)ie SSerthfcheine befanben fich mohlbermahrt in ber 
Xafche ©ridj’S; in ben Sterbegebanfen beS testen XageS, in bem Xrang, feine 
Rapiere ju überfliegen unb biejeitigen ju beteiligen, bie er nicht in frembe §äube 
moflte fallen laßen, mar ihm ber Auftrag ööHig aus bem ©emußtfein gefommen. 
Unb bod) mußte et um jeben ißreiS ertebigt roerben! 2Bie ein Sdjredgefpenft trat 
bie SKöglichfeit oor bie Seele beS greunbeS, baß man feinem ©ntmeidjen einen 
unmürbigen ©runb, eine fcßnöbe, feine ©hre beßedenbe Veruntreuung untergeben 
fonnte, unb bie ©ntfchloßenheit, ohne jeben ©ruß öon bem ©anfier ju fdjeiben, 
ber ihm in ben 2Bocf)eu bet 9toth ber einzige SBoljtthäter unb ©erather geroefen 
mar, beurtheilte er jefjt als einen hetjlofen Unbanf. 

„ffiir eilten auf ben ©ahnljof jurüd. @r oerfprach, nach ber fcßleunigen Ab- 
roidelung ber lefcten Obliegenheiten um biefe Stunbe, bie mährenb meiner ©r= 
jähtung oerrinnt, an ber oerabrebeten Stelle beS Sees mit mir jufammen* 
jutreßen unb ... er hoffte, mie Sie mißen, üieHeicßt fdjon früher ... mit mir in 
ben Xob ju gehen. 

„3n ber mir auf folche SBeife gemährten grift rang ich mich i« bem 
feften Vorfaj} burch, ohne ben ©eliebten ju fterben unb ihn burch bie hinter* 
laßenfchaft meines AbfdjiebSgrußeS aufs neue an baS Seben ju binben. SRcin 
Untergang mußte ißm bie ©rüde bauen jur Stüdfetjr ins Vaterhaus, mußte 
ihm SReicfjthum unb Ueberßuß jurüdgeben, mußte feine Xalente einem großen 
SBirfungStreife erhalten; unb menn ich <h n auch als fein 333eib in eine Safunft 


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26 


Unfere ^eit. 


ooß SRoth unb ©ntbehrung hätte begleiten bütfen, tuet fieberte mir bie ©ernähr 
$u, baj? ich iljn bei feiner e^centrifdjen ©emüthSart auf bie Stauer beglüden 
tonnte? SJtein SSertuft machte ihn gewifj unglüdlich, mein Sefif; hätte ihn oiet= 
leicht noch unglüdlicher gemacht; baS übrige, $err Salbemat, ^aben Sie mit* 
erlebt, unb baS ©efchid beS fchmerjenSreichften SiebeSpaareS ruht nun in Sfjren 
£änben." 

„3a, es ruht in meinen §änben", berfefcte ber 2lngerebete tiefbetoegt unb 
reifte ber Sprecherin bie Rechte hinauf. „Sie haben mir twrljin am See ein 
Siecht eingeräumt, über Sie ju beftimmen. äBotjtan, fo hören Sie meinen SBe* 
fchlug! Sie Pflegerin, bie ich naih bem Sobe meiner grau für mein Södjterchen 
ins #auS nahm, habe ich öor wenigen Sagen wegen einer fchweren ©rftanfung 
ihrer SRutter entlaffen muffen. 3n biefen Minuten fanb ich Öen ooOfommenften 
©rfafc. Sie, gräulein ©reitenftein, werben bie ©rjieherin meines SRäbchenS fein, 
bis eine günftige Senbung 3h rer Sage Sie auf eigene güfje fteflen wirb, unb 
aus ber Süße ber Siebe, beren 3h r ebleS $erj fähig ift, fchöpfe i<h bie freubige 
Hoffnung, bajj Sie meiner Sh ere f e in aßen Singen bie forgfamfte unb müttertichfte 
Seitung werben jutheil werben laffen." 

Slara war ber ©ebanfe wohlthuenb, baff fte nach ben oielen Anfahrten ber 
©ergangenheit wieber an bem reinen $erjen eines ÄinbeS ruhen, an ber unbet* 
fälfehten, einfältigen Statürtichfeit feines ©mpfinbenS gefunben unb fich auf {ich 
felbft befinnen fönne; unb fie fprach fich in biefem Sinne bantbar aus, als baS 
©ferb aus bem SalbeSbunfel ins greie trat unb bie ©ebäube beS ©orwerfs, beS 
BielpunfteS ihres ©itteS, im tlaren SKonbglanj fichtbar würben, ©in gaftlicher 
Sichtfchein flog aus einem genfter beS SoljnhaufeS in bie Stacht hinaus; nie 
hatte fie ber Slnbtid einer $erbflamme, einer frieblichen Sampe mehr erquidt 
als in biefem ÜRoment, unb ihre Seele übertam ein langentbehrtes, wohliges 
§eimatSgefühl mit füjjern Stauer. Sa zeichnete fich auf bem gelbwege, ber ju 
ber Sirthfdjaft führte, bie ©eftatt eines fräftig auSfchreitenben SDtanneS ab. 
„Senn es ©rieh wäre!" flüfterte fie beftfirjt unb war bereit, fich a “S bem Sattel 
ju fchwingen. 

„©eruhigen Sie fich", Tagte Salbemar, „es ift ber ©erwalter beS SorwerfS, 
ber meinen Schimmel erfennt unb mir entgegeneilt." @r hielt ben Stenner an, um* 
fafjte bie Leiterin unb hob fie mit fdjneßem ©ntfchlujj h er ab. ©ine fonberbare 
©erwirrung bemächtigte fich feiner, als er baS gräulein nicht ohne Bittern auf 
ben ©oben nieberliejj, unb er hatte SERühe, fich 5*» famnteln, um bem tlnlömm* 
ling, ber bie grembe mit ©rftauneu betrachtete, bie haftige ©rflärung ju geben: 
„Sie Same ift bie neue ©rjieherin meiner Sherefe. Sie SRachricht oon ihrer 
Slntunft hat mich nicht erreicht. Dhne meinen Sagen auf bem ©aljnhofe ju 
finben, oerfuchte fie, ben fürjern Seg nach bem Schlöffe burch ben Salb ein* 
jufchlagen. Stunbenlang ging fie auf ben öerworrenen Steigen in bie 3rre, bis 
ich fie auf meinem abenblichen Spazierritte entbedte unb aus ihrer unangenehmen 
Sage befreite, ©ringen Sie, liebet $err SRitßer, bie ©rmübete ju 3h ter Stau, 
bamit fie fich ein wenig erhole! galten Sie ein ©efährt bereit, um baS gräu* 
lein nach weinet Sieberfehr auf baS ®ut ju bringen! 3<h erwarte noch «inen 


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2lnt Ccufclsfce. 


greunb, bem ich entgegenreiteu will. Sajfen Sie einen ®nedjt 3h r SFleitpferb 
fälteln! 3n einet ©tunbe fott et mich mit bem ££)iet am SBegmeifer in bet 9tähe 
beS SeufetSfeeS tteffen." 

<£t flieg baS alles jiemttctj abgebrochen heroor, fab auf bie Uhr, btücfte bet 
©tjietjerin mit einem glüftermort bet ©rmuthigung bie §anb, fchtoang fi<h in ben 
Sieget unb gatoppirte baOon. 

Stara btidte ihm fotgenooU nach, bis ihn bie liefern ihren Stugen enttfieften. 
SBütbe et ben (beliebten finben, ihn befänftigen, ihn ihr juführen? üangfam 
folgte fte bem grauföpfigen Sermatter, fchritt über ben SßirthfchaftSfjof unb fah 
fleh batb in bem behaglichen SBohnjimmer bet grau SJlütler. ©ie teerte ein ©taS 
SBaffet mit burftigen 3ügen unb lehnte jebe toeitete Grfrifdjung ab. 9tur mit 
halbem Dtjr hörte fie auf baS ©ertaubet bet tebfeligen Setmatterin, bie fi<h nicht 
genug thun tonnte, bie Stnmuth unb SiebenSmürbigfeit bet fteinen X^crefe unb 
bie ©üte ihres SaterS ju greifen; unoerroanbt heftete fie ihre Singen auf bie 
3eiger bet hötjemen SBanbuljr, bie in löblicher Sangfamfeit Don ber ©teile 
rüdten, jähtte bie ©chmingungen beS fchmerfällig tiefenben ^SettbetS, bie ihr 
heißblütiges $etj in fieberiger ©rregung mit jebem ©djtage fchmerjhafter über¬ 
holte, unb matte fich baS 3ufammentreffen bet ehemaligen greunbe am Ufer beS 
»errufenen ©emäffetS mit alten gotterquaten ber Spannung auS. 

„geftt muß et ba fein, je|t ben Ungtüdtidjen entbeden", fo unterbrach fie 
enbtich in unmitltürtichem ©etbftgefpräch ben SRebefluß ber gutmüthigen Sitten. 
Sie Sermatteriu fchmieg, faltete bie §änbe auf ihrem ©chofe unb ftarrte, ohne 
fich ju regen, auf bie unnahbare grembe, beren ftitte, gramumftorte Schönheit fie 
anbächtig roie ein ipeitigenbitb berounberte, auf beffen £>aupt eine SJtärtprerfrone 
glänjt. Ser ©utSinfpector, ber injmifchen ben '-Befehlen feines §errn auf baS 
püntttichfte nachgetommen mar, polterte in baS 3»mmer unb fchtich fich, wie auf 
einer groben Ungefdjidtichfeit ertappt, auf ben 3ehen jurüd, atS er baS feierliche 
©chmeigen unb bie regungStofe Serfteinerung ber beiben grauengeftalten bemerfte. 

„SaS arme Xh et eSchen", badjte bie Sitte bei fich, »wirb feine guten Sage 
fehen. Ser £>err hat ben leibhaftigen Kummer jurn $üter ber fröhlichen ffinber* 
tuft gefegt." Sie tontofe ©tiüe marterte fte, unb fie glaubte baS §erabfaHen 
ber Shräne ju hören, bie fich oon ben SBimpern ber hoheitöootlen Same töfte. 
©etbft baS Sidtad ber Uhr fchien allmählich ju erfterben, unb nur bann unb mann 
fchaüte ein SBiehem aus ben nahen Ställen herauf... ber ©utsherr befaß ein 
©eftüt auf bem Sormerf... ein SBiehern, baS bie mühfam jurüdgehaltene Unruhe 
Gtara’S oermehrte, inbem es ihr baS ©itb beS nächtlichen, ju fo fehroerem Unter* 
nehmen ausgewogenen Leiters oor bie Seele rief. 

(gortfefrung folgt.) 


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BtQtfta, öelimmf unfc ircr Mons (ßrgr. 

«Olt 

iFerbmcntb ©regorootus. 

Der gmecf meinet Aufenthalts in Palermo im grüf)ling 1886 mar biefer, 
einige Siachforfchungen im ©taatSarcfiio ©icilienS ju motten, Welches (beiläufig 
gefagt) in bem alten filoftergebäube ber fdjönen Sirene @anta=2Dtaria bella ©atena 
eingerichtet ift unb unter ber Seitung beS ©ommenbatore ©iufeppe ©itoeftri ftetjt. 
SDiir tag jeber ©ebanfe an Steifen im ßanbe fern, allein bie üerfütjrerifdje ©öttin 
©elegenljeit Hopfte an meine Dt)“*» unb fie bemog mich, für einige läge ben 
Stegiftern beS AtcbiöS Sebemohl ju fagen. 

Der Senator fßrinz ©catea hatte bie SiebenSmürbigleit, mich einzulaben, an einer 
officietten gafjrt nach ©egefta, ©etinunt unb Drapani theitjunehmen. liefet ©aler* 
mitaner, ber Sweitgeborene beS #aufeS ber $erjoge Oon Irabia, ift föniglicher 
©ommiffar bet Altcrthümer ©icilienS. ®r befteibet bemnach ein Amt oon hoh tr 
SBichtigfeit für bie ©rhattung beS antiquarifchen SRationatfchafceS feines ©ater= 
tanbeS, unb fefjt fo bie rühmlichen Drabitionen ©errabifatco’S, feiner eigenen 
gamilie, wie überhaupt beS ficitianifchen Abels fort, toetcher fich jumat feit bem 
18. gahrtjunbert burch patriotifche pflege ber fünfte unb SEBiffenfchaften auS* 
gezeichnet hat. 

Der fßrinz mar eben erft mit anbern Delegirten ber ^Regierung Oon ©qrafuS 
Zurücfgefeljrt, roo bie feierliche Eröffnung beS neu organifirten StationatmufeumS 
ftattgefunben hotte. Diefe burch ihre SenuS berühmte ©ammlung gehört jefet 
bem Staat, unb zu ihrem ©orftanbe ift ©aoerio ©aoatlari ernannt toorben, ber 
befannte Topograph beS alten ©praluS, einer ber oerbienteften Antiquare, beren 
fich ©icüien ju rühmen hot. 

Einige ber oon bort nach Palermo gefontmenen Herren gehörten ju einer 
©ommiffion, bie bas italienifche SDtinifterium beauftragt hotte, in ©alabrien unb 
©icilien bie ffunftinbuftriefchulen ju befichtigen. Sie nahmen zugleich Senntnifj 
üon bem gortgang michtiger Ausgrabungen. Die freunbliche Aufforberung, mich 
einer ihrer ©jeurfionen anzufchliefjen, oerhiefj mir fo üiel gefenfdjafttichen ©enufj 
als miffenfchaftlichen ©eminn. Denn unter biefen üJJännern befanben fich oner* 
fannte Autoritäten erften StangeS in Sezug auf bie Senntnifj beS SanbeS unb 
feiner Altertümer. 28er fann neben ©calea tiefer barin cingemciht fein als 
Antonino ©alinaS, ber ©erfaffer beS SBerfeS „Die SRünzen ber alten ©täbte 


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Segefta, Selinunt unb 5er Zttons (Eryf. 


29 


©icilienS", unb gegenwärtiger ©räfect beS palermitaner StationalmufeumS? Ober 
roer h°t grüublichere ©tubien jumal über bie mittelalterlichen ©aubenfmäler 
©teilten^ gemacht, als ber ülrdjiteft ©atricolo, ber ©ieberljerfteller ber Martorana? 
8u biefen brei ©alermitanern gefeilten ftt^ ber mir feit Sauren befreunbete rö* 
mifdje WterthumSforfcher Sßtofeffor ©arnabei, unb ein jüngerer Ingenieur, §err 
©ongiooaneOi, beibe im SultuSminifterium unter gioretli in SRom angefteüt; enb» 
lieh jwei namhafte Slrdjiteften StorbitalienS, SamiHo ©oito auS Mailanb unb 
SUfrebo b’Slnbrabe aus ©enua. ©oito ift auch als geiftreicher Äunftfc^riftfteöer 
betannt, namentlich burdj feine ©üc^er „Architettura del medio evo in Italia" 
(1880) unb „Gite di nn artista" (1884). biefem „Steifebericht eines ftünft= 
lerS" hot er mit fo toiet Sebljaftigfeit wie ©inftdjt bie ©inbrüefe gefdjilbert, welche 
bie Äunjtfchähe unb Monumente beutfdjer ©täbte, befonberS Münchens, auf ihn 
gemacht hoben. 

SBer bie lefcte turiner HuSftetlung befugt hot, wirb fi<h beS merfwfirbigen 
SaftedS im ©HI beS piemonteftfehen Mittelalters erinnern. Welches bort aufgebaut 
war unb allgemeine Slufmerffamfeit erregte. ®ieS ift baS SBerf beS $errn b’Sln» 
brabe, eines feit langen Sohren jum Stotiener geworbenen ©ortugiefen auS 
Siffabon. 2)ie ©tabtgemeinbe Xurin hot jenes Saften angetauft unb ben Zünftler 
mit ihrem ©ürgerrecht befchenft. ©on fo Diel SBeifen, fieben an ber Bohl» tonnte 
ich baher recht Diel profitiren. 

Slnt 19. Slpril um 5 Uhr morgens befliegen wir auf ber Station ©alerrno» 
Sodi ben ©alonwagen, welchen bie ©erwaltung ber occibentalen ©ifenbahnen 
©icilienS biefen Herren jur ©erfügung geftettt hotte. S)er weftfiche $heil ber 
3nfel, baS wein« unb ölreiche ßanb ber Slgrner im Sitterthum, bie ©ade bi 
Majjara im Mittelalter, h°t jefct ©ifenbaljnen, bie eS mit ©alerrno Derbinben. 
Sie umfehreiben feine Peripherie in einem Derfchobenen ©iereef, auf beffen Meer» 
feite bie beiben ©orgebirge $repanum unb Siltjbäum unb bie $afenftäbte Xra» 
pani, Marfala unb Majjara liegen. 3)ie Sinie auf ber Sanbfeite trifft bie 
©innenftäbte Salatafimi, ©alemi unb Safteloetrano. 

2)er 3ug geht an ben fübtichen Strängen erft beS Monte»©edegrino, bann 
beS pradjtDoden SapS @an»@ado hin, burch ein öbeS ©ebirgSlanb, bis er fich 
wieber bem Meere nähert, wo bie mit einem Sßarttljurm bewehrte graueninfel 
(isola deUe femraine) ftchtbar Wirb, unb ftch ber ©olf Don SafteDamare auffcljliefct. 
2>ort liegen bie Ufergefilbe Don ©artinico unb ©ala, Don Sarini unb bem alten 
$httara, ber ©aterftabt ber fchönen $etäre SaiS, ^erclic^e Sanbfchaften, welche 
meilenweit mit Simonen» unb Orangengärten bebeeft ftnb. 

©isweilen geht neben ber ©ifenbaljn bie weihe Sahrftrafje her, welche nach 
©alerrno führt, unb biefe betrachtete ich immer mit jener hotb melancholifchen, 
halb freubigen ©rregung, bie baS SBieberfeljen eines SBegeS heroorbringt, auf bem 
man Dor langen Sohren bahergejogen war. 3<h fat) mich hier felbft wieber, rei» 
tenb auf einem ftörrifchen Maulthier, neben mir einen gleich fdjtechten Steiter, 
einen jungen SanbSmann aus ©adjfen. 2>ieS war ftonrab ©urfian, welcher fich 
nachher olS ©eograph ©riechenlanbs unb als ©hilologe unb SllterthumSforfcljer 


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30 


Unfere (geit. 


einen gearteten Slawen erwarb. 2>reiunbbreißig Sah« finb feit unferer ficilia* 
nifdjen Steife betfloffen, unb in biefer 3eit ^aben fid^, was fein Sterblicher ba= 
wate aljnen tonnte, in ©icilien unb Italien, in $eutfdjlanb nnb ber falben 2Belt 
ftaunenSwürbige Umwäljungen non SSöffern unb ©taaten oodjogen, wäljrenb bie 
gefammte Sulfur ber 3Renf<f)tjeit in eine neue, faft wunberbar ju nennenbe @nt= 
wicfelung getreten ift. SDlein trefflicher Steifegefährte ift leiber bereits ju ben 
©chatten feines geliebten £>omer auf bie große SlSphobeloSwiefe ^inabgeftiegen. 
Sch aber pilgere noch weiter, unb ein freunblicher 3*>fad hot mich auf biefetbe 
SBanberftraße jurücfgcführt, aber nicht mehr in ermäbenben jeuophotitifchen SJtärfdjen 
ju SRaulthier wie bamalS, fonbern in einem mit aller mobernen ©equemtidjfeit 
auSgeftatteten ©ifenbahnwagen gemächlich h<ngeftrecft, in ©efedfehaft geiftreicher 
unb bebeutenber SJtänner. 2Bet<he ber beiben Sagen bürfte wol für mich bie 
fchönere unb beneibenSwertljere ju nennen fein? SBie bem auch f e *» i<h muß 
heute mit ben Sitten fagen: „Xpcvoc awnijp apcotop." 

Sn bem Suche „©icitiana" höbe ich weinen Stitt im September 1853 burdj 
baS entjücfenbe Sanb nach üllcamo, ©egefta, ©elinunt unb Slgrigent befdjrieben. 
deshalb will ich wich tn biefen ©(altern nicht felbft wieberljolen; nur ein paar 
Striche, garben unb Semerfungen aus bem Beben ber Gegenwart werbe ich jene« 
©inbrüefen »ergangener 3eit ergänjenb hinjufügen. 

Stur ju fchnell ftürmt ber ©ifenbaljnjug burch biefe ©ärten ber #eSperiben 
hin, für welche er nicht erfunben ift, unb ich muß mir oft genug fagen, baß bie 
rafenbe $aft, mit ber Wir jefot über bie ©tbe fortgefchleift werben, ben Steifenben 
ju oerflachen broht. ®ie ©etbftthätigfeit beS ©eifteS hört babei aufj an bie 
©teile erworbener Erfahrung tritt baS nur paffioe bifionenljafte Stauen flüchtiger 
unb jufammenhangSlofer ©rfcheinungen. 

§err ©alinaS jeigt mir ben fleinen Ort ©anifi mit weißen, plattgebecften 
Käufern in einem fdjönen Xh fl l, unb er fagt mir, baß ber gefeierte ficilianifche 
dichter ©iooanni SJteli bort als Slrjt gelebt unb feine Sbpöen gebichtet hot. 
©in Slrjt im ©arten ©ben! $a hot er Wol nicht uiet mit SJtifturen ju thun 
gehabt, ©in paar ®ofen ©hinin unb einige Stberläffe, baS hi&ige ficilianifche 
©lut ju erleichtern: baS war genug für feinen $ag, unb SJteli hatte 3eit oodauf, 
ber moberne Xheofrit ©icilienS ju fein. SBeber Rillen noch ®erfe hoben ihn 
reich gemacht. @r blieb arm, wie bie ©rille Stnafreon’S, bie auch er fo fchön 
befungen hot, aber hoch nicht fo bebürfnißloS wie fte; benn in manchen Sonetten 
hat er fi<h über feinen fargen Hntjjeil an ben ©rbengütern beflagt. 

®er grühling blüht je^i in »oder ©rächt unb entfaltet eine ©egetation bon 
burchauS tropifdjer güde. ®ie ©eranien, Hamiden unb ÜJiargeriten bilben hier 
hochaufgef^offene, bichte ©ebüfehe. 3)ie Slbhänge grüner #ügel bebeeft purpur* 
rother Klee, foweit fie nicht mit Sieben bepflanjt finb. S« 3“cco fah ich bie 
erften SBeinmagajine, langgeftreefte niebrige ©ebäube, unb beren fodte ich bann 
noch oiele antreffen. 3<h bemerfe, baß ber SJlarfalawein feinen Slamen nicht 
burchauS oon bem Orte führt, wo er wächft, fonbern »on ben großen ©entrat* 
bepotS in jener ^afenftabt. ©anj SBeftficilien erjeugt ben ftarlen ffiJein biefer 


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Segefta, Selinunt unb 6er ZTCons (Eryp. 


31 


©attung. £mnbler taufen allerorten non ben Säuern bie Trauben auf, tettern 
fie unb lagern ben Sein in Sefjältern ab. 

(Siebent toaren bie ©ngtänber Soobljoufe, Sngham unb Sljitafer bie alleinigen 
aud ber grembe eingetoanberten Könige biefer Seinfabritation; aber jefct fdjwingt 
bet ©atermitaner glorio, ber betannte ©chiffärheber, welker fid) mit bet ©out» 
pagnie SRubattino oereinigt bot, ben X^^rfuSftab über ©icilien. ©elbft am 
UReeregftranbe ©elinunts, in nicht ju weiter ®ntfernung oon ben ebrwürbigen 
Xrüntmem ber borifdjen Sernpel, traf ich Seinmagajine glorio’g. Senn nicht 
biefe Spnaftie beS neuen Sionpfog einmal, mag wir ibr nicht münfcben wollen, 
im äRarfata ertrintt, wie ber $erjog Oon ©larence im SRalbafier, worüber ficb 
nachher fein ©Ratten bitter betlagte (wash’d to dead with falsome wine), fo 
wirb fie hier jum ©eichthum beg Sröfug emporfteigen. ®anj ©icilien müßte 
wol burcb Sein unb Sorn wieber Wie im Sllterthum jum reicbften Sanbe ©uropag 
Werben, wenn bie Steuern nicht ben Sanbmann erbrücften, wenn bie Satifunbien 
nicht ben Sleinbefifc üerfdjlungen hätten, unb wenn fich nicht ber ehemalige ©aron 
ober ©ifdjof unb ®bt in bie unfcheiitbare, aber oolfgwirtljfchaftlich nicht minber 
gefährliche gigur beg ©peculanten unb ÜRercante bi campagna oerwanbelte. 

Ser bieg herrliche ©ulturlnnb an ben flöhen ©artinicog betrachtet, mit feinen 
Seijenäcfern unb Seinbergen, feinen SaumWotle » unb ©umachfelbem, feinen 
Drangen», geigen» unb Delgärten, glaubt ein ©Iborabo oor fich ju fehen. Allein 
niemanb taffe ftch über bag Oon biefem faftigen ©rün oerfchleiertc ©lenb ber 
arbeitenben ©olfgfdjicht täufdjen. Ser Heine ©runbbefifc wirb nach wie oor burd) 
bag große Kapital aufgefogen; bie „Lettere meridionali" ©iHari’g hoben noch Jur 
©tunbe ihre Geltung. 

hinter ©alleftrate jeigten fich wieber öbe, Oom fliegenben ©anb oerwehte 
©trecfen, fobaß bie ©ifenbapn burch fflinnt ©inhegungen gefchüfct werben muff; 
bag geht fo fort, faft big gegen bie ©tabt ©aftellamare, ben alten ©tapelplafc 
unb £afen ber ©egeftaner, beffen weiße ^äuferlinie am fchänen ®otf fich hinjieljt. 
Ser giume grebbo, ber alte Sremifog, münbet bort ing 3Reer. Sin ihm führt 
bie ©ahn aufmärtg in bag fornprangenbe ^ügellanb nach Slfcamo, ber ©aterftabt 
beg ©iuQo, eineg ber ätteften dichter in ber Sulgärfprache Qtatieng. 

Sir fanben an ber bortigen Station, welche jugleidj bie für ©atatafimi ift, 
Sagen bereit, unb fuhren algbatb über bie ©erge nach biefem hochgelegenen Drt, 
um Oon ihm aug ben Sempel ©egeftag ju befuchen. 3<h erinnerte mich beg 
©inbrucfg grenjentofer ©erlaffenljeit unb Debe, welchen mir bieg ©ergtanb machte, 
alg ich im September 1853 mit ©urfian Oon Sllcamo nach jenem Sempel ritt. 
Studj jefct überraschte mich berfetbe ©harafter großartiger Silbheit, tiefer ©infam» 
feit unb borifdjen ©mfteg; nur Heibete ber grüßling bie Statur in ©tumenfchmucf 
unb ®rün, währenb auggebehnte SRebenpflanjungen auf ben ©ergfjängen jeigten, 
baß auch hier ber Slnbau gortfchritte gemacht hot. Ser gut unterhaltene gahrweg 
nach ©alatafimi ift ju feinen ©eiten meift mit $ecfen oon Slloe eingefaßt, welche 
amerifanifche ©flanje hier ganj befonberg fräftig ju wuchern fdjeint. 

Sa bie Singe in ber Seit burch unfichtbare Setten oon Urfache unb Sirfung 
miteinanber jufamraenljängen, fo will ich behaupten, baß ber ganje heutige ©ultur» 


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32 


Uitfere ,geit. 


fortfbritt ©ictftenö im SaufatnejuS ju einer einzigen ©btabt ftef)t: unb biefe 
mürbe am 15. SOiai 1860 in ben Bergen SalatafimiS gefbtagen. 2lm 11 . SDiai 
mar ©aribalbi mit ben „laufenb" in SKarfata getanbet unb burdj ben 8 ujug 
ber ©icitianer oerftärtt in baS innere Sanb borgebrungen, um bie Strafe ©atemi» 
Palermo ju geminnen. Unterhalb Satatafimi, bei Bita, Perfperrte if)m biefe baS 
bourbonifbe breifab äbertegene fpeer. (Sr jerfprengte baffetbe, unb fbon am 
26. SDtai ftanb er üor ißatermo. ©o entflieh jenes fiegreic^e ©efebt juerft bie 
Befreiung ©icilienS, bann bie Bereinigung Italiens jur nationalen SKonar^ie. 

35er jttngfte fpelb biefeS SanbeS bat auf bemfetben ©djauptajj ober bob in 
beffen 9tähe einen alten Borgänger gehabt, ben Stthener Ximoteon, meiner burd) 
feinen ©ieg am ÄremifoS im 3a^re 342 o. (Sfjr. ©icitien oom 3°b ber Sar» 
träger befreite. 3)iefe bertiefjen bie 3 n f e t/ wie f te bie Bourbonen infolge jener 
SRiebertagc enbtib räumen mufften. 3)er 3ug ©aribalbi’S üon SKarfata nach 
ißatermo hat bie claffifdjen, bie faracenifben unb normannifdjen ftclbenerinne» 
rungen ©icilienS, beS SanbeS ber peroifctjen Abenteuer, um eine gtänjenbe Spifobe 
oerme^rt. ©ie übertrifft an Kühnheit fogar alte itjr hier boraufgegangenen Unter» 
nc^mungen erobernber Stieger, unb ift um fo erftaunlidjer, meit fib bieS fettfamc 
Sreiguifj in ber mobernften Beit ber gleichmäßigen ©taatSöerfaffungen, beS 
funftooß georbneten ÜJiititär» unb ißoliaeifhftemS, beS friebtic^eti BürgerthumS, 
beS SlampfeS unb ber äJiafdjine, mie eine ritterlich »romantifc^e Süenture öo£t= 
jogen hat. 

S)er muthige Kampf ber üaufenb hier War im Berhättnifs 31 t ben riefigen 
©chtachten, bie nachher bie 2Bett erfchüttert haben, nur ein fteineS greifbaren» 
gefecht; allein baS reichte hin, gemattige SBirfungen herPorjubringen. ®enn oon 
bort her taufen gäben in baS ganje SBettgemebe hinein, metbeS öon 1860 bis 
1870 in Italien, grantreib unb 3>eutfbtanb gefponnen morben ift, fobafj ein 
fcharffichtiger ^ßhilofoph aus ber Siiebertage beS bourbonifchen ©eneratS, menn 
nicht ben galt Stapoleon’S, fo boch ben beS ißapfteS hätte üorauSbetechnen fönncn. 
2Bir thun baS jefct post festum et bellnm, ba mir alte 3)aten in ber |>anb haben. 
ES hatte aber auch altes anbers tommen fönnen. 3)emt maS märe erfotgt, menn 
ber ©enerat Sanbi am 15. 3Kai 1860 jene greifbaren maffafrirt unb ihren 
gührer einfach als Stäuberhauptmann im Saftet! Satatafimi hätte erfchießett taffen? 
SS ift gut, baff bieS nicht gefbehen ift. 9lber hängt nibt ber ©ang ber Sffiett» 
gefbibte non bem Iteinften 3ufa0 ab? Unb ftecfen nibt bie ©efbicte ganzer 
©enerationen unb Bötfer in ben Säufen etenber gtinten? 

Satatafimi fteht auf einer bebeutenben £>öhe, fobaß feine graue $äufermaffe 
unb baS EaftetI meithin fibtbar finb. 9tub bie ficitianifben Sanbftäbte jeigen 
fbon eilten merftiben gortfbritt in äbiticifber |>infibt; baS ©traßenpflafter ift 
beffer geroorben, unb auf bie nettezza publica roirb mehr 8 lbt gegeben, greitib 
finb bie Orte im 3t> n ent nibt immer fo reintib gehalten mie in ber 9tähe 
ißatermoS, roo mir SDtonreate beShatb gan$ befonberS aufgefallen ift. 

Sin ©eifttiber, ber tunbige Genius loci, mabte unfern gührer in bem ein» 
famen Ort. SBir befibtigten ein paar Kirben, einige Sttterthümer unb gnfbriften, 
morauf mir oor bem 'Xtjore an ben alten ©tabtmauern ju SBagctt fliegen, um 


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Segefta, Selinunt unb ber ZTlotts <£ryj. 


33 


nach Segefta ju gelangen. 9ladj einer ©trede fanben wir ißferbe unten im S^al 
bereit, bie unS auf unfahrbaren SBegen Weiter brauten. 

S)er einfame Stempel geigt fict) in ber gerne als eine überrafchenbe frembartige 
©eftalt über einem £>ügel ftefeenb gwifdjen grauen Sergen mit rötlichen getfen» 
abftürgen. $ieS ftarre Amphitheater fintt gegen Salatafimi in einen offenen, Dom 
Stufe IßtSpifa burchftrömten SBiefengrunb. 2Bir ritten burch ben Don grühtingS» 
waffern lebhaft geworbenen Stufe, ba feine Srüde über itjn führt. ©ine Sah* 5 
ftrafee gibt es hier nicht, weit baS alte Segefta burch feine neue ©tabt erfefct 
worben ift. |)ier hat fich feit 30 Sohren nichts Deränbert, Äornfetber abgerechnet, 
Welche reiche Scfifcer auS Srapani angebaut hüben. 

Einige Minuten Dom Xempet entfernt fteht unter bem 3Ronte=Sarbaro eine 
SJteierei unb baS $auS beS Euftoben, welches auch ftubirenben ©eiehrten gut 
Unterfunft bienen fann. ©otche gwedmäfeige Einrichtung ift überall in Stalien 
getroffen worben, wo fich bebeutenbe Ausgrabungen finben. ©eitbem Siorelti bie 
©eneratbirection ber Antiquitäten unb fcfjönen fünfte übernommen hat, fucfet bie 
itatienifche Regierung auch bieS ©ebiet ber Verwaltung beS SfationatguteS ein» 
heittich eingurichten, unb bie Derfchiebenen ©efefce, welche fie auS ber Abminiftra* 
tion ber ehemaligen Staaten Italiens übernommen hot, auSgugleidjen. SBer fich 
barü6er näher unterrichten Will, tefe bie Seridite Siorelti'S: „Süll’ ordinamento 
del servizio archeologico", bon 1883 unb 1885. ®ie Einheit beS ©tjftemS gibt 
[ich fchon äufeertkh barin gu erfennen, bafe bie Euftoben überall bie gleiche filei* 
bung tragen. 

$er Xempet ©egeftaS ift baS beftertjaltene, aber nicht baS fdjönfte, alte bo= 
rifche Sauwerf ©icitienS. ©eine architeftonifche SBirfung wirb burch Sage unb 
Umgebung bebeutenb erhöht. AIS ein wie burch ein SBunber gerettetes, DertaffencS 
unb namentofeS ffunftgebitbe tritt er gu biefer wilben Statur in ©egenfafc, aber 
nicht in UBiberfpruch; benn feine ruhigen, einfachen gormen ftimmen mit ben grofe« 
artigen Sergen feiner Umgebung fo gang überein wie bie getöen garbentöne fei» 
neS ©efteinS. Er fteht auf einer fünfttich geebneten fjöhe, welche weftwärtS in 
eine tiefe, Dom ißiSpifa burchftoffene Schlucht abftürgt. 

2)et lempet ift unDollenbet; er hot feine 3eüe; bie beiben ©iebel finb ohne 
©chmucf geblieben; bie auS trommeln gufammengefefcten Säulen haben noch feine 
Eannelirungen. 5>a ber ©tilobat noch tüdenljaft, bie oberfte Uempelftufe unDoü» 
enbet ift, fcheitten bie borifchen ©äuten auf oieredigen Safen gu flehen. SJeil 
ich bie Sempel Athens fenne, erfchien mir jefct biefer ©egeftaS etwas fdjwer unb 
gebrüdt, bie Säulen plump unb fehr nahe beifommen; unb biefe AJirfung würbe 
noch ftärfer fühlbar fein, wenn ber gnnenraum ausgebaut wäre, ©o unDollenbet 
wie ber Xempet ift, bilbet er nur eine auf Dier Stufen ruhenbe §atle, gleichfam 
ein SelDebere für baS erhabene unb fchöne Ißanorama ber Sanbfchaft. ©aDerio 
Eaoatlari hat auch an biefem borifchen Sauwerf ben optifdjen Effect ber teifen 
EurDe aller £origontallinien beftätigt, welchen guerft im 3al)te 1837 bie Ard)i= 
fetten ipennettiorn unb ©Räubert am Parthenon Athens bemerft haben. 

SBir ritten aufwärts gu ben Krümmern ber ©tabt auf oerwitberten Sfaben 
beS 3Ronte»Sarbaro über öbe Reiben, Welche ißalmengraS, Soraj, ASphobeten 
n»|m Seit. 1887. i. 3 


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3$ 


Unfere <geit. 


unb bet gelbe genchel bebecfen. ©om alten ©egefta unb feinet Slfropoltö ift 
außer bem Sweater nichts mehr übet bern ©oben ju feljen, als einige Stefte bet 
jmiefat^en SDtauernlinie mit ihren Gingängen unb ben gunbamenten bet Stürme; 
aud) erfennt man Straßen mit ihrem gelfenpflafter. $ie juetft t)on ©errabifalco, 
bann bon £»ittorf unb 3anth, enblich bon Gabaflari unternommenen SluSgrabungen 
beS 2^eatetS haben feine nennenSmerthen Stachträge erfaßten. Siefer fdjöne ©au, 
beffen fedjS ©i^reiljcn nebft ben ©tfifcmauern noch erhalten jinb, bietet befanntlich 
neben jenen XaorminaS bie beutlidjfte ©orfteßung bet Ginridjtung beS altgriechifdjen 
XfjeaterS bar. ®a bie 3ufchauer hoch auf bet nach SRorboft gerichteten ©erg- 
flanfe faßen, fo breitete fich bor ihren ©liefen bie prad)tboflftc ©cencrie bet Statur 
aus. StorbmärtS fietjt man baS bon blauen Süftenfäumen umfaßte teuchtenbe 
ÜJteer, jenfeitS im Dften fteigt übet Rolfen ber ©ipfel beS GrpE empor: unten 
finb lacfjetibe Später zmißhen ben rauhen ©ergen eingebettet. 

3US tbir, ©egefta berlaffenb, toieber über ben gtuß festen, toanbte fich £>err 
b’Slnbrabe, toelcher neben mir ritt, ju mir unb fagte: „SBiffen ©ie auch, baß ©ie 
ben ©enuefen einen guten $ienft geteiftet hoben? SBenn ber ©alaft ber ©anf 
bon ©an=®iorgio heute noch aufrecht fteht, fo hoben ©ie bap mitgeroirft.“ 

„Dh! 2Bie faßte boS möglich fein!" 

„Stun, hoben ©ie nic^t bor jejjt gcrabe jeßit Sohlen einer an ©ie gerichteten 
Slufforberung ber genuefifdjen Gommiffion jur Grhaltung ber ®enfmälcr ent 
fprochen unb fich um bie Rettung jenes bebrohten ©alafteS bemüht?“ 

„greilid), ich begab mich mit ÜJtonteberbe zum SRinifterpräfibenten 5)epretiS; 
mir legten ihm bie ©ache bringenb ans $erz, unb cS ift jener ausgezeichnete 
©ilbhauer gemefen, meinem feine ©aterftabt bie Grljattung beS ©alazjo belle 
Gompere bon ©an=©iorgio berbanft.“ 

„SBir haben 3h* en ©rief an uns bamalS beröffentlicht, unb er hot Ginbrucf 
gemacht; bemnach hoben ©ie fich um jenen ©alaft berbient gemacht." 

„Stun bcun, fo ift baS SBort maßr, baß auch irgenbein geringfügiges 3nftru- 
ment, ein Stagel, ein ©tein, mclchen man bom ©oben aufhebt, biSmeiten ju etmaS 
gut fein fann." 

3<h erinnerte mich jefct, baß ich fdjon eine ©ejiehung ju meinem tiebenSttmr» 
bigen Gefährten hier hotte, baß bie Slufforberung jener Gommiffion auch boti 
£errn b’Slnbrabe unterzeichnet mar. SBeitn ich bieS ©efpräch mit ihm bemerfc, 
fo gefchieljt eS aus folgenbcm ©runbe. ®urz bor meiner Slnfunft in ©alermo 
hatte ich einen offenen ©rief an ben ©räfibenten ber Slfabemie bon ©an=2uca 
gerichtet, bie gemaltfame Sermanblung SRomS burch ben Umbau ber ©tabt be= 
treffenb. 3ch hotte mir niemals eingebilbet, mit einem Strohhalm einen ©trom 
aufzuhalten; aber bie ©efümmerniß um bie 3erftörung ber ©ifla Subobifi unb 
beS fflofterS Slraceli unb meine alte Seibenfchoft für 3tom hotten mich ä u jenem 
©riefe beranlaßt, meldjer nichts anbereS bebeutete, als einen beweglichen Klageruf 
über fo biel ©djöneS, maS jefet in 9tom ber alles bermanbelnben 3eit zum Dpfer 
faßt, ©erabc mährenb meiner Slnmefcnheit in ©icilien erhob fich in manchen 
römifdjen Sournalen ein heftiger Singriff gegen meinen ©rief, nicht bon feiten 
ber 3tömer, meldje mir immer mohlmoßenb unb freunblich gefinnt finb, fonbern 


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Segefta, Sclittunt unb ber ZTCons (£ryf. 


35 


oon folgen, bie ich nicht weiter bezeichnen Will. $arum mußten wir gerabe jefct 
bie Sorte b’Slnbrabe’l nnb bie ©rinnerungen, welche fie in mir erwedten, hoppelt 
erfreulich [ein. 

Sir waren !aum über ben Slug hinüber, all ftc^ uni in ber bon SRenfdjen 
oerlafienen Sanbfdjaft ber überrafdienbe Slnblid eine! geftjugel barbot. ©ine lange 
Steife bon Steifem, auch bon ftodjräberigen Sagen, bie mit anfdjeinenb fröljtic^en 
SJtenfchen angefüllt waren, bewegte fid) auf ber ©trage nach ©atatafimi fort, 
©in in träumerifdje ©rinnerungen bei Sitterthum! berfunlener Slrdjäotoge f)ätte 
geh einbitben tönnen, bag biel ein Sug bon SJlännern fei, welche einen mit bem 
Oeljweige befransten SUljteten aul bem geftfpiet heimgeleiteten. Slüein ber fierol 
biefel ißompel war, wie man mir su meiner Ueberrafdjung erflärte, ein SJtenfdj, 
welker all SBerbredjer proceffirt feine Sreifpredjung erhalten hatte unb eben erft 
bon feinen ©emeinbegenoffen aul bem Iribunal abgeholt worben war. ®al 
©elcite ber ©ratulanten War fdjon borüber, elje ich mich fo weit nähern fonntc, 
um aul bem Slngegcfjt bei ©tfidlidjen gerauljutefen, ob biel ein Üriumphjug ber 
©eredjtigfeit ober ihre! ©egentfjeill fei, unb ob aud) nach bem Spruche bei 
Stifter! ber unbeftechlidjen Stemefil nod) etwal mit bem Spanne ju tljun übrig? 
bleiben werbe. 

©I gibt genug ©eifpiete ber ©infchfidjterung ber ©efrfjworenen, namentlich 
aul ber 3cit bei heftigen ffampfel ber gefeilteren ©ewalt mit ber ficilianifdjen 
SJtafga. ®ie ^Regierung War bilweilen genötigt, fdjwerer Verbrechen Slngetlagte 
bon ©eridjten bei gefttanbel aburtheilen ju laffen. Sill ich mich ein paar 
Soeben fpäter im $afen ijjatermol nach Neapel einfehiffte, fah ich gefeffette 
SJtänner auf bal ®ampffchiff bringen, barunter einige bon fo bermilberter unb 
berthierter ifSh^fiognomie, bag ich fie nur mit ©rauen betrachten fonnte. Senn 
fid) auch bie Suftänbe ©icilienl im allgemeinen fefjr gebeffert haben unb bal Sanb 
bon ben ©raffatori ber ©tragen gefäubert ift, fo ift boch bie $t)bra ber HRaffia 
feinelmeg! ganj unb gar erftidt; benn ge bauert noch all bal bie focialen 23er? 
hältniffe tprannigrenbe ©lientelwefen fort, unb ber Stedjtlfinn hat noch nicht bal 
Vewugtfein bei Solle! burchbrungen. ®em Stichler fehlt bie Sichtung, bie aul 
ber Unbeftechlichfeit fliegt, unb bem ©efefc jener Stimbul ber gurdjt unb ©Ijr? 
furcht, welcher feine heilige SJtacht umgeben foH. 3 n biefer ^inficht haben Äirche, 
Schute unb ©efeöfchaft in ben meribionalen Sänbern noch oiel ju thun. 

Um 4 Uhr nachmittagl ftiegen Wir auf ber Station Sltcamo?©atatagmi Wieber 
in ben ©ifenbahnjug unb fuhren weiter nach ©afielbetrano über ©ibeüina unb 
©anta=9tinfa. $er erfte Ort hat feinen Slamen Wol eher Don bem arabifdjen 
©ebet erhalten all bon ber jfaction ber ©hibedinen. ®al Sanb finft hier fchon 
jum ÜDteere ab; e! ift baumlol unb fahl, ohne Sein? unb Dlibencultur, boch 
bon ©aaten grünenb. ©tatt moljlhabenber Drtfdjaften, bie man hier beieinanber 
anjutreffen erwartet, geht man nur jerftreute ßampagnahäufer, bie 3eidjen, bag 
ber Freibauer feit alter! jum ©otonen ber Satifunbien herabgefejjt ift. 

Stach Wenig mehr all einer ©tunbe erreichten wir ßaftetbetrano. S<h tief 
mir wieber bie Seit jurüd, wo ich bar 33 fahren in biefem Drt mit Surfian 

3* 


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Unfete ^eit. 


Qe langt war, oon bem langen SRitt fo ermübet, baff ich nic^t otjne $ülfe bom 
wlthier fteigen fonnte. Sit Waren bamal« nur jur Stacht in Gaftelöetrano 
ritten fcfjon in ber nädjften Morgenfrühe weiter fort nach ©elinunt unb 
i a cca. 


ber Station ftanben jWei elegante Sagen mit Wienern in Sibree bereit, 
mehrere Herren, unter ihnen ber ©pnbicu« ber «Stabt, Saron ©aporito, 
gingen bie ©efellfcfjaft mit juborlommenben £>öflichfeiten. @ie luben un« ein, 
»x>ir un« in« £>otel SBifio begaben, ba« ftäbtifdje Mufeum ju befichtigen. 2>iefe 
l e Sammlung ift au« Sltterthümern gebilbet worben, Welche int ©emeinbebeairt 
»-Ij Sufatt gefunben finb. Man hat fie in ben obetn Staunten be« berfaHenen 
i rticanerflofter« aufgefteöt: Ih°n-' unb Sronzefiguren, ©culpturtrümmer, grofje 
Cleine SBafen u. bgl. Ein paar bemalte griechifche ©efäfje erregten unfere 

i erlfamfeit; ba« eine zeigte auf weifjent ©runbe bie gigur einer fifeenben 
, welche einen ßranz roinbet; bie in fchwarjen Sinien gezeichnete ©eftatt ift 
toer fchönften claffifcfjen Einfachheit. Einen anbern Selptljo« fchmücft ba« 
> ^ einer grau, bie if)re Toilette macht. Unter ben Sronjen fanben wir eine 
iftifche gigur in breioicrtel Seben«gröfje, welche SlpoKo barjuftetten fcheint. 
■^fjcan ta eit ba« Slntegen Meiner ©tabtmufeen, weil baburch Kunftfchäfce bem 
t 0 0 te e ” un ^ SerfplUtert werben. SlHein folche ©ammlungen finb bod) 

*^*_ cr !**! , ^ cr ® c nteinben, beren geiftige Sebeutung fie erhöhen lönnen. 

L -*' (Jzteüe V f r S^italter ber ©ifenbahnen bie Unbequemlichteit, fie an Drt 
3tuöo o a eV UfU ^ Cn - . ^ ec ^ un ftforfcher !ann heute fo ohne Mühe t>on Steapcf 
‘•Balermo JT* blC 6erü § mte Safenfammlung gatta ju befuchen, al« er 

IDüUan hat in^bem^fetben' ^ • ” b eaftel0ettan ° 9eIa " 8 ‘- 
Oittmnafium mit f.i t ® omin >cunerllofter auch ©lementarfchu! en unb fogar 

_roidjtiger, als eiw nt >t °^ oren eingerichtet, unb bieg ift freili h rühmlicher 

^ biefem fo tanoe a.-» ■ : J[: eum öon Antiquitäten ober Silbern feil lann; benn 
L ^ e t tanbe oor aHent * ^mburch Oon Unwiffenheit uttb Aberglaube : Oerbunfelten 

mit befonberm 8lntb° t x- Ut ' ^ au f tlär u«fl beö Solle« burch U terricht. geh 

fanb barin ju m • k°rt * n brei fehmuefen Sälen aufgeft Ite Sibliothet 

@«n« in Wie« einige gncunabeln oon S erth, fo eine 

unten Officin b e « to* rutfte ®>bel unb einen lateinifchen gof hu« au« ber 
SErofc ber eingebro*^"" 0 ^ 3 “ m ° m in domo Maximorum. 

^xrale 0an*@iobanni SBatefT ^ un * e ^ e ü befuchten wir noch bie an 1 nlidje Kathe- 
[>citn Schein oon Berxen f.** Un ^ lD ‘ t beWunberten bafelbft hinter 
% ifl ur be« Säufer«, ein sm ^ n aw $ ^Pflichtgefühl bie übrigen« tre 
cs^iicitien« in ber Stenaiff^ ^ nt °uio ©agini. SDiefer berühr 
aint> feine talentboUen *® ar im gahre 1480 au Malern 

rlanbe« n,t t oi e j en ” e ^oben bie Kirchen biefer unb anbet 

«tuen, «Relief« unb anbern Serfei 

5 Da Wir a wei 9 ?^. . 

iefe geräumige unb toobtnlh ® Q ^ e ioetrano aubrachten, hatte ii 

Q tene Stabt au fehen. ghre freie 


■ f ai 


•SÜaterlanbe« 

ö efc^ntiidt. 


:m Hochaltar, 
che Marmor* 
fte Sitbhauer 
geboren. ®r 
©täbte ihre« 
•er ©culptur 



Jtujje genug, 
ge auf einer 


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Segcffa,-Setinunt unb ber ITTons (£ryf. 


37 


tanggeftrecften gartenreic^cn Sobenerbebung über bet gum naben ©teere ftnfenbcit 
großen ©ieberung erinnert burdjaud an SBetfctri. Sreitidj fehlt ^ier bad impo* 
fante ©aturgemätbe, metebed bort in Satium bureb bie frönen ©otdferberge, bie 
©ontinifcben Sümpfe unb bad Sap ber Sirce geraffen ift. ©ber EaftelDetrano 
ift toiet anfeljnlidjer, eine bureb Sanbbau unb ©Jeincuttur mobtbubenbe Stabt Don 
30000 ©inmobnern, mit breiten geraben Straßen, manchen ßattticßen ©aläften 
unb attertbümticben Kirchen noch aud normannifcber 3«it. (Sijebem mar gebieten' 
ber §err bed Orted ber ®uca bi ©tonteleone. ®iefe einft mächtige Somilie befipt 
hier nodj ifjren großen Saronatpataft. (Sin ©tief auf bad jejft Oerfattenbe Schloß 
mit crenetirten ©lauern unb hohem I^urm unb mit einem in irgenbmetdjem ©otfd» 
tumutt auSgetdfdjten ©Joppen über bem ©ortcit geigt, baß auch in Sicitien bie 
©podje bed Seubalidmud gtücfticbermeife ber ©ergangenbeit angeprt. ®ie ©ton* 
teIeone>©ignateQi finb aud großen Sebndberren gu ©utdbefijjern gemorben. ©nbere 
©ünfttinge ber Fortuna, ber Specutation unb ©rbeit bu&en fi<b neben ihnen 
ernporgefebmungen, mie bie ©rüber Saporito, meteben im ©ebict ©afteloetranod 
rneite fiänbereien angeboren. 

©m 20. ©prit bratben mir um 6 Ubt morgend nach Setinunt auf unb legten 
biefe Strecfe Don 1 */ 2 Stunben gu ©Jagen gurütf. Der ©au einer ©ifenbabn bid 
gu ben Dempettrümmern ift im ©tan. Die Straße, bie mir nabmen, ift bie 
nach Sciacca fübrenbe, roeldjed oftmörtd auf einer mäßigen $#b e fiebtbar mirb. 
Sie gebt erft burdj üppige ©Sein« unb Oetgärten an Sanbbäufern oorbei, bann 
neben SReidfetbern nach bem öben Küftenftricb, gu meteßem mir re(btd abbogen. 
Die gemattigen tRuinen Setinuntd erbeben ficb Dor und über bem ©teeredftranbe 
in gmei getrennten ®ruppen; fie febeinen bie bur<beinanbergemorfenen Stefte ber 
gangen Stabt gu fein, unb botb finb fie nur bie Drümmer Don fieben ihrer 
borißben Dempet. 

©icptd anbered ift beute Don jenem atten Setinunt übriggeblieben, metdied in 
bie @ef(bicfe Sicitiend unb ®riecbentanbd fo DerbängnißDott eingegriffen b n t- 
Dad gefebiebttitbe Seben biefer Stabt, beren ©ürger reich unb tunftfinnig genug 
maren, um ben ©öttern fotebe gigantische, für emige Dauer berechnete Dempet 
aufguriebten, ift für und gang fo bunfet unb unperfänticb mie jened ihrer Seinbin 
Segefia. Der innern Uneinigfeit, ber engbergigen ©iferfucfjt unb bem ©fanget an 
Sinn für bad höhere ©Jobt eined gemeinfamen ©atertanbed finb beibe Stäbte 
gum Opfer gefallen. Der ©egriff bed ©atertanbed fehlte freilich biefen ©riechen* 
cotonien, beren jebe einen eigenen Staat für ficb bitbete. 

Der erbitterte, bureb ©rengftreitigfeiten entftanbene Krieg gmifdjen Segefia 
unb Setinunt, in meteben auch Sprafud berftoebten mar, butte gur Sotge, baß 
bie erftere bie ©tbener gur £ülfe rief. Diefe erlagen in ber furchtbaren Kata» 
ftropbe bed Stifiad Dor Sprafud. Dann rief Segefia ungtücfticbermeife bie Kar* 
tbager herbei, unb $annibat, ber Sohn @idfon’d, ber (Snfet unb ©äeper bed bei 
$imera beßegten $amilfar, eroberte unb gerftörte nach nur neuntägiger ©etagerung 
Setinunt, im Sabre 409. 

Die mapre ©tütegeit biefer bureb $anbel unb ©eferbau reichen Stabt, einer 


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38 


llnferc ^ctt. 


im Satjre 628 ü. Ef)r. gegriinbeten Kolonie beS borifcßeu SKegara=$t)bIäa, um» 
faßte oietleicfjt nur ben Keinen 3eitfaum bon 480 bis 409, bon bem großen «Siege 
bet ©tiefen über bie ißunier bei $imera bis Z“ ber oerhängnißüotten Kücffeßr 
ber Äartßager. 3« biefer Epocße finb nidjt bie älteften, aber bie fcßönften jener 
borifcßen Sempet gebaut toorben, beren SRefte je|t baS unoergleicßlicße ©emätbe 
einer jertrümmerten griecßifdjen Stabt am SKeer, in tobtenftitter Sertaffenßeit 
barbieten, Selinunt mar mit ber Seit felbft bis auf ben «Kamen fo öerfcßoHen, 
baß biefen erft ber ficilianifcße ©efchicßtfcßreiber Sazetto im 16. Saßrßunbert 
mieber entbecft hat. 

Sie erftcn Ausgrabungen malten ^ier im Saßre 1822 bie Englänber Samuel 
Angel! unb SBittiant £arriS; bann ftetttcn 1824 £ittorf unb fein Stüter 3antß 
ißte epochemacßenben Unterfucß ungen ber Srümmer an, oßne jcbocß Ausgrabungen 
Zu öeranftalten. Solche liegen ber $erjog Serrabifalco unb ber ißrinz betla 
Srabia burcß ben jungen Ardjiteften KaoaKari im Saßre 1831 fortfefcen. 3^re 
Kefultate ftellte bann Serrabifalco im zweiten Sanbe feines SBerfeS über bie Alter» 
tßümer SicilienS jufammen. Eaoaflari führte bic Ausgrabungen Don 1865 bis 
1872 meiter fort, unb heute merben fie unter ber Seitung Scatea’S mit neuem 
Eifer fortgefeßt. Sabon Augenzeuge ju fein, mar mir üom ßöcßften ffiertß. 

Ser Stabtplan SeliuuntS, melden Eabaflari unb Schubring im 3>aßre 1865 
topograpßifcß feftgefteüt hoben, jerfäßt in zwei ©ebiete, beren jebeS eine bon Korb 
nach Süb jur ffüfte ^ingeftrecfte £>ocßftäche umfaßt. Seibe finb burcß bie Sattara, 
ein langes, taufenb Schritte breites Sßal boncinanber getrennt. Auf bem öfttichen, 
meniger erhobenen Sergtilcfen ftehen bie mächtigften Sempeltrümmer. Sie roeft» 
liehe Serraffe tritt näher unb feßroffer ans SKeer unb enthält über ber Stufte bie 
Kuinen ber AfropoliS. Sann mirb fie an ber Korbmauer biefer burcß einen 
grabenartigen Einfcßnitt beS SobenS abgebrochen, über melchem fie fich norbmärtS 
als ein bon glugfanb unb ©eftrüpp bebecfteS £ocßfetb fortfe^t. $ier lag ein 
großer X^eil ber eigentlichen Stabt. Son biefem £>ügel fteigt man meftmärts in 
bie fumpfige Kicberung, burcß melche ber gluß SelinuS ober Ktabiuni ins SKeer 
fällt. Er foll ber Stabt ihren Kamen gegeben haben. SaS Selinon (roilber 
Sellerie ober Eppich) mirb bort in Klaffen angetroffen. SaS zierliche, feinge* 
glieberte Statt biefer ißflanze muß au<ß bie Aufmerffamfeit ber alten Stünftler 
erregt haben, benn es mürbe zum gemöhnlichen Emblem ber fetinuntifeßen Silber» 
brachmen. Auf bem AoerS fießt man baS Eppichblatt hinter bem gehörnten ftluß» 
gott SelinoS ober bem $t)pfaS, neben bem Silbe eines Stiers, ober eines 
fchreitenben SnmpfoogelS, ober eines SiergcfpannS. 

Als ich int Salme 1853 Selinunt befueßte, maren bie Sempetrefte beS Oft« 
ßügelS bureß bie Ausgrabungen Serrabifalco’S zugänglich gemacht; meil aber biefc 
nicßt meßr fortgefcjjt mürben, boten bie Stummer noch baS feßöne lanbfcßaftlicßc 
Scßaufpiel ber Serfunfenheit in bie Katurmilbniß bar. Klßrten, SKaftif unb 
gäcßerpalmen quollen überall zwifeßen ben riefigen Steinblötfen ßeroor, unb ber 
Schritt beS flettcrnben SBanbererS ftörte bort bie buntgefletften Schlangen auf. 
$eute ift ber Ausgräber im Stampf mit ber SBilbniß mieber Sieger gemorben, 
unb mie faft überall in ber claffifcßen, tion ber Sßiffenfcßaft eroberten Srümmer» 


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Segefta, Selinunt uitb bet JTTons Cryy. 


39 


weit ift bie fßoefie bec Siuine grünbtich jerftört. Statt ber Oom fßflanjenwuchs um- 
fdjlungenen riefigen ©teinblöcfe geftürjter Sempel, bereu tragifdjen Untergang bie 
Statur felbft ju fii^nen festen, inbem fie biefe jerpörte fßracht unter ©turnen be= 
ftattete, fie^t jefct ber zu tünftlerifchen ober bichterifdjen ©mpfinbungen geneigte 
SBanberer mit Umoitlen nur fahle, forgfam gereinigte Architraüe, SJtetopen, Sri» 
gltjp^en, ©äulenftücfe auf naeftem ©rbboben gruppenweife fyingelngert, unb eg 
fehlen nur bie Stummem ober Auffchriften auf ben ©löcfen, um ihm barjuthun, 
baf? er ©egenftänbe eines toohlgeorbneten arthäologifchen SRufeumS üor fitf) habe. 

Ser ©ewinn für bie 2Biffenfcf)aft ift bisweilen ein ©erluft für bie Sßhantafie; 
benn Sichtung unb Äunft jiehen ihr innerfteS 2eben aus bem ©eheimnif?. Sie 
naefte SBirftichfeit fdjrecft fie als Stjraitnei ber Shatfadje ab, unb niemals würbe 
$omer bie „StiaS" gebichtet haben, wenn ihm ein Archäolog ober Anthropotog 
bie Mumien beS Agamemnon unb Achill borge^eigt unb nachgewiefen hätte, baf? 
jeber biefer Heroen jwar über fechS guf? lang gewefen fei, baf? aber ihre ©chäbef- 
bilbung eine feht Keine ©ehirnmaffe OorauSfefce; woraus auch ber Srojanifche 
fi'rieg ju erKärcn fei. Senn bei mehr ©ehirn würben jene Könige nicht wegen 
einer weggelaufenen lieberlichen ißrinjeffin gehn 3“h re fang Sroja beftürmt haben. 
©0 wiberfpruchSooll ift unfet ©erhältnij? 5 U ben Singen ber Seit. SBenn 
gioreHi unb ©chliemann Urfache jnm Rubeln haben, trauern üieHeicht ©elfter Wte 
Sorb ©pron unb ©tauoe Sorrain. 

Sch befenne, baf? ber erfte ©htbrucf beim SBieberfehen ©elinuntS mich 9 ar 
nicht erfreute. Sebocf) nachbem id) mich wit bem ©ewufjtfein getröftet hatte, 
biefe wunberbare Srümmerwelt noch 5 U einem großen Sheil in ihrem Sahrtjunberte 
alten Wilben 9taturjuftanbe gefannt ju haben, war ich fepr jufrieben, fie jefct bon 
ben Sienern einer großen ÜBiffenfcfjaft gelähmt ju fehen, welche uns bie ©nt- 
wicfelung ber S'unft bor Augen führt unb fähig ift, ©ebiete göttlicher Schönheit 
ju erfchliefjen, wenn ihr ein SBincfelmann feinen ©eift einflöjit. 

Ausgrabungen in Stuinen finb juerft bom ©chafcgräber gemacht worben; benn 
erft auf baS Staubfiltern berer, bie nach foftbaren SRetaHen unb ©teinen fugten, 
WaS nie ohne ein frebelhafteS Stuiniren ber fRuinen bor fich gehen fonnte, folgte 
beren wiffenfehafttidje ©rforfdjung in ber Stenaiffance. ©ie ftoefte währenb ber 
geiftigen ©erwitberung beS 17. 3 a h r h ut 'bertS, unb nachbem fie im folgenben 
Wieber aufgenommen, im 19. bcfonberS infolge ber ^Befreiung ©riechentanbS neu 
belebt Worben war, burchlief fie mehrere fßhafen beS ©chwanfenS unb ber SBiüfür 
in ber ©eljanbtung beS AuSgegrabenen, bis fie burch bie $ülfe ber gerichtlichen 
ftritif ihre heutige ÜRethobe gewonnen hat. Ser Swecf beS AuSgrabettS ift jefct 
einfach biefer, üerfchüttete SRonumente ber SBiffenfchaft zugänglich ju machen. 
StichtS barf baran öeränbert unb aufconftruirt Werben, eS fei benn, Wo architel» 
tonifdje ©lieber ju ihrer ©rljaltung einer ©tüfce bebürfen. 2ßenn bemnach bie 
©ommiffion ber Ausgrabung ihre Aufgabe ooKenbet hat, beginnt bie anbere beS 
wiffenfchaftlichen gorfdjerS. 

©S war in ©elinunt nicht leicht, fo ungeheuere Srümmermaffen oom fßflanken- 
wuchs, oom ©chutt unb glugfanbe in folcher SBeife frei ju machen, baff bie 
untereinanbergeftürjten ©löcfe nicht Wieberum in ©ewegung tarnen. Um bieS ju 


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Unfere ^eit. 


^0 

behüten, hat man beim ©raben entfteljenbe Süden borfidjtig mit ftüfcenben Steinen 
au?gefüttt, unb fo fi<h bemüht, ben gerichtlichen Stoment be? Sturje? gleichfam 
feftjuljalten. SBenn ba? auch nicht immer geglücft fein fann, fo wirb hoch ber 
©efudjer biefe Xempeltrümmer wefentlich in benfetben SSinfeln unb Seigungölinien 
gelagert finben, in welchen fte gefallen finb. 

$ie öfttidje Xerraffe liegt bon ber 2lfropofi? fo Weit entfernt, baß fie als ein 
eigener ^eiltgev ©ejirl ber Stabt anjufeljen ift, unb h' er fteht bie großartigfte 
Xrümmergruppe nicht nur Selinunt?, fonbern be8 grie^ifchen Sllterttjumg. 3** 
ihren brei Xempeln haben 2ln?grabungen nicht? Seue? ^injugefügt, benn bort finb 
leine Sefte anberer ©auwerle mehr entbecft worben. SBeil alle Xempel Selinunt? 
bi? junt 3ahre 1865 namenlo? geblieben Waren, hat man fie auf bem topogra* 
pljifchen ©lan mit ©uchftaben bezeichnet. Xer borberfte Xempel (G) ift ber größte 
bon öden gewefen; an Saumberhältniß fteht er nur bem 3eu?tempel 2lgrigent? 
nach. Seiber hat ihn ba? Grbbeben nicht in einer Sichtung umgeftürjt, fonbern 
in Gntfefoen erregenber SSifblfeit burdjeinanbergcworfen. Slu? biefem Gfjao? un= 
geheuerer 2lrd)itraoe unb Sapitäler unb ber Säulentrommeln bon 4 Steter Xurdj- 
tneffer ragen nur noch eine 3lnte “ab eine einzige fopflofe Säule thurmartig 
herbor. Xa fich nur jwei Säulen biefe? Xempel? mit Gannetirungen borgefunben 
haben, fo ift er nicht boHenbet worben. Gaöallari fanb hi fC int 3ahre 1871 
eine altborifche ©otiöinfdjrift, bie jnerft £olm erflärt hat: fie bewie?, baß ber 
Xempel bem 2lpollo geweiht war, unb biefer ift bemnach ber Schuhgott Selinunt? 
gewefen. £>ittorf nennt ben Xempel ba? boHenbetftc religiöfe Slonüment be? 
gricd)if<hen 2tlterthum? ( unb ©ennborf ben Parthenon bon Setinunt. Gr hatte 
wie biefer 17 Säulen an ben Sangfeiten, 8 an ben fronten. 

Xcr zweite Xrümmerhaufen ift namenlo? geblieben; ben britten (E) hat eine 
1865 entbedte ^nfdjrift al? £>eratempet ctfennen taffen, ©erabe biefer bietet 
noch heute ein überrafchenb materifche? Suinenbilb bar. Xenn feine mächtigen 
Säulen (er hatte beren 38) finb meift nach innen auf bie GeHawanb geftürjt; 
bie Xrommeln ber einen liegen noch fo in ihrer Seihenfolge ba, wie jene ber 
umgeftürjten Säule be? Dltjmpieion 2ltl)en?. Drei h®h £ ©äulenftumpfe ftehen 
noch aufrecht. $icr grub Gaöallari jwifchen 1831 unb 1833 bie fünf Stetopen* 
platten au?, bereu giguren einen fchon entwideltern Stil zeigen; jene be? 3eu? 
unb ber $era fommen an ctaffifcher Schönheit ben ©artfjenonfculpturen nahe. 

211? biefe brei ©auroerfe altborifcher Äunft hier in einer Sinie übet bem 
Steer aufgereiht ftanben, müffen fie einen feierlichem 2lnbtid gewährt haben at? 
bie brei ooneinanber weiter abftehenben Xempel ©äftum?. Xcr tragifdje Grnft 
ihrer einfachen unb ftreng gegtieberten Staffen würbe burcf) polychrome Stalerei 
gemilbert. Xenn nicht nur bie ©iebelflächen, ber ©runb ber Stetopen unb bie 
Xrigtyphen unb ©efimfe waren in Soth ober ©lau, ober Schwarz unb ©rün 
gemalt, fonbern auch bie Gapitäfer unb #ol)lftreifen ber mit Stud überzogenen 
Säulen lebhaft gefärbt. 1 

SSir gingen über ben £)ftl|ügel fort an? Steer auf ber öben, öom witben 
©lumenflor unb ©almengebüfcf) bebedten ffläche. ©irgil hat Selinunt palmosa 
genannt, baffer finb biefe Siiften fchon jn feiner 3eit bon berfefben Chamoerops 


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Segefta, Selinunt unö ber JTTons €tyf. <{{ 

hamilis bebedt gewefen. 3$ fah fie nirgenbg in fo erftaunticher Stenge. Die 
ftarf wnrjelnbe Zwergpalme breitet faum einen guh lw<h über bem ©oben itjre 
frönen ftarren gächer aug unb überwuchert gleich bem ©rag weit unb breit bag 
fianb. Die Staturforfcher werben faum *u Jagen wiffen, ob jie hier autodjttjon 
ober Don ^Cfrifa herübergefommen ift. 3cf) bitbe mir ein, einen warmen Suft» 
hauch oon bort fjer ju empfangen, welcher bieg tiefbunffe, weite, tebfofe SJteer 
Ieife bewegt. Die Sinie, bie man oon Ijier nach bem ©übweften jieht, trifft bag 
Gap beg SJtercur am ©olf oon ffartfjago. ©elinunt war bie am weiteften auf 
biefem ©übtanbe ©icilieng oorgefchobene ©riechencotonie, unb bie Stälje Sartfjagog 
brachte il)r Serberben. 

Die Äüfte hier ift eigentlich fytftnioä-, aug bem Mangel eineg großen ©ee- 
hafeng erflärt fich auch bie gefc^ichtfic^e Unwichtigfeit ©efinuntg. Der mäfjige 
Sorfprung bet Slfropolig bilbet nur einen nothbürftigen Stnferplafc für |>anbelg-- 
fchiffe. SBir ftiegen über röthlidje Dünen an bag Stcer unb fanben in ber Slug« 
münbung beg fieberooUen Dhalgrunbeg Arbeiter befchäftigt, welche aug bem ©anbe 
Stauern Oon gelbem ©tein freilegten, unb biefe hält man für Dämme beg $afeng. 
Doch finb bie Sluggrabungen noch reicht weit genug gebieten, um ein richtigcg 
Urtheil barüber ju haben. 

Die Slfropotigljöhe tritt fehr nahe ang SJteer, unb auf ihr fteljen am füb» 
lichten Stanbe einige £>äufer, bie geräumige, auch jnr Slufnahme ©tubirenber ein» 
gerichtete SBoljnung beg Guftoben, unb ein mittelalterlicher SBartthurm, welcher 
ehemalg mehr jum ©ignalifiren atg junt ©chufce gegen bie Giraten gebient hot. 
Die gange Hochfläche erhebt fi<h nur 30 Sieter über bag 2Weer. ©ie ift fo aug» 
gebehnt, bah fie aujjer ^>eitigtf>ümern auch bie eigentliche Slltftabt umfaßt h a &en 
muh. 3h r ©runb unb Soben gehört jefet faft gang bem ©taat, unb fo fann 
hier bie Gommiffion ber Sllterthümer ungeljinbert fchalten. 3h« Singgrabungen 
feit 1875 gehören auch, wie gu ben fchwierigften, fo gu ben am beften gelungenen 
3talieng. Stur ein %f)eü ber SBeftfeite ift noch freigutegen. 

Gine antife ©trahe im gelgboben geht mitten burch bie Stfropolig, eine anbere 
burchfreujt biefelbe; fo gelangt man oon allen ©eiten bequem gu ben Drümmer» 
häufen. Da biefe Surgterraffe Oon Statur nicht ftarf genug war, beburfte fie 
fefler Stauern, gurnal auf ber Sanbfeite nach Storben, ihrem fchwächften fünfte. 
Stauern umjietjen auch bie gange Stfropolig: fie ftnb meift aug oblongen ©tein» 
blöden aufgeführt, geigen aber oerfchiebene Gpochen beg S3aueg. Stuf ber SBeft» 
feite ftnb fie gang freigelegt, auf ber Dftfeite noch gröfstentheilg mit ©chutt unb 
©eftrüpp bebedt. 

3m Storboften liegt bag Hauptthor, welchem bie Stiftung jener alten ©trahe 
entfpricht. Dort grub man eben aug, unb eg geigte fidj unter bem Gingange noch 
eine untere Stauer aug Guaberfteinen, wie eg fcheint mit einem StugfaQgttwr. 
Gin Sobeneinfchnitt unterbricht an biefer ©teile bie Slfropoligterraffe. Gg War 
hier, wo Gaoatlari im 3°h« 1872 bie gunbatnente eineg eine Guroe befchreiben« 
ben Saueg entbedte, welchen er troj} feineg geringen Umfangeg unb ber oom 
©hftem beg griechifchcn Dheaterg abweichenben Slnlage für ein folcheg hielt, ©o 
hat er baffetbe auch * n feiner topographifchen ftarte Oergeichnet. SlQein bie neueften 


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\2 


Unfcre ,geit. 


Ausgrabungen wiberfpredjen biefer Anfid)t. DaS rätselhafte ©ebäube erfdjien 
uns rote ein junt Schule beS StabtthorS beftimmteS Sollwert, unb ihm entfpridjt 
feitroärts eine noch auS 5 ugrabenbe Erhöhung, bie wahtfdjeinlich bie Reftc eines 
jroeiten glanfenthurmeS Oerbirgt. 

SBier Dempet, ntinber gigantifch atS jene beS OftljügetS, liegen auf ber Afro» 
potiS in Drümmern. Den fleinften ^iett §ittorf für ein Neroon beS ©mpebotteS, 
welcher fi<h um bie üon ber SRataria üerpeftete Stabt burch Drodentegung ber 
Sümpfe berbient gemacht hotte. $ittorf’S Stnbien über Selinunt ftnb öon biefer 
Ruine ansgegangen. Die oieten bemalten ©auftüde, bie er bafelbft fanb, gaben 
ihm ben Anlag ju feinem berühmten SBerf über bie potpdjrome Ardjiteftur ber 
©riechen (©ariS 1851). SBeiter aufwärts auf bem häuften ©unft ber AfropotiS 
tag ihr grögefter Dempet, ber bem Stil nach oud) ber ättefte SetinuntS über» 
haupt ift. (Dempet C.) Seine Säuten finb reifjenweife nach innen geftürjt unb 
haben bie Dempetmauer jerbrüdt. Damit fie nicht tiefer fallen, hot man fie burch 
Steine geftüfct, unb fo liegt ein ricfigeS Stüd beS Architraos ber Sänge nach fl uS» 
geftredt. 

Sn biefem großartigen Drümmerhaufen fattben £>arriS unb Angelt bie berühmtcu 
SRetopen, roetche ©erfeuS unb SRebufa, gereutes mit ben gefangenen fi'erfopen 
unb ein ©iergefpann bärfteden: bie ätteften Scutpturroerfe SicitienS, beren Stil 
noch weit jenfeit ber Aegineten $u liegen fcheint unb bie ©inftüffe AffprienS 
erfennen lägt. Ade SRetopen SetinuntS finb in bem grauen Äatftuff oon SRen» 
frici gearbeitet; nur bei einigen bie nadten ©lieber ber jjrauengeftatten mit Weigern 
ÜRarntor eingefefct. SBaS oon biefen Scutpturen in brei Dempctn gefunben Worben, 
ift im Rationatmufeum Palermos aufgeftettt, beffen funftgefchichttich Wichtigftcn 
Sdjajj fie bitben, wie bie Aegineten baS foftbarfte fiteinob ber ©tpptothef SRünchcnS 
finb. Sennborf hot ge ifluftrirt („Die SRetopen oon Selinunt", ©ertin 1873). 

AfS biefer fotoffate Dempet noch aufrecht ftanb, legten ©Ijriften ' n feinem 
©eriftpl ihre Sapetteu an, unb fetbft chrifttiche ©räber finb hier entbedt Worben. 
9Ran fanb im Schutte bie bronzene, je^t im SRufeum ©aterntoS aufbewahrte 
Sampe aus ber Seit ber oon Afrifa geflüchteten Donatiften. Auf Stüden beS 
Architraos fiept man griedjifcpe Steuje eingemeigett. ©ine prähiftorifche ©uttur» 
fchicht liegt übrigens noch unter ber attborifchen auf ber AfropotiS begraben; bieS 
bewies ein ©feit aus ber Steinzeit, welchen $err SatinaS jufäHig Oom ©oben 
aufnahm. 

Die groge Rorbterraffe jenfeit ber AfropotiS jeigt leine Spuren üon Dempctn 
ober anbern ©auwerfen, fobag t)*e r feine Ausgrabungen gemacht worben finb. 
An ihrem äugerften ©nbe entbedte juerft Schubring eine antife Refropote mit 
ihren in ben ffatftuff gehauenen ©räbern, Worin fich Oiele bemalte ©afen auS 
weigern Dijon fanben. ©ine jroeite ©räberftätte würbe roefttidj bom gtug SRabiuni 
aufgefunben. 

Sn welcher Seit bie Dempelfoloffe untergegangen finb, h°t fein ©efcpicht* 
fdjreiber gemetbet. Sie überbauerten baS ctaffifdje Atterthum unb wot noch mandjeS 
chrifttiche Soh^hnnbcrt. SBenn man oom atten Selinunt, wie bieS nadjgewiefen 
ift, leichter bewegliches SRaterial jum ©au oon ©rüden ober oon ©ampagnapäufern 


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Segefta, Sdtnunf unb ber JTCons (Eryy. 


^3 


unb felbft nach gröffern Orten berfcfjleppte, bon benen Gafteloetrano ber näcpfte 
ift, fo tonnte man hoch nimmer bie rieftgen Säulen Weber fortbringen, noch fie 
paffenb berbrauchen. Sie Kirchen in Gafteloetrano geigen, fo fagte man mir, 
feine antifen ©änten auf. Grft bie furchtbare Staturgewalt eines GrbbebenS h fl t 
biefe Sempet jerftört unb bie Stad)Welt um bcn Slnblid beS ©rofjartigften ge* 
bracht, was ber borifdje SolfSgeift ju erraffen bermochte unb was jef}t noch in 
Sriimmern uns mit Staunen unb Ghrfurcpt erfüllt. Sie Stabt, welche biefe foft* 
baren ©rachtmonumente aufrichtete, gä^Ite fdjroertidj auch nur 20000 freie Sürger. 
Unfere #auptftäbte gälten SRittionen; aber was finb ihre mobernen Senfmäler, 
ihre neneften Kirchen, ©aläfte, Dpernljäufer, Stathhäufer, SRufeen im ©runbe für 
gepulte, fterbliche unb boch anfprucfjGüotle Singe gegen biefe Sempet Selinunts. 
SBenigftenS Witt ich ^ier mit SBoito fagen: „Sie einzige claffifche Kunft ift bie ber 
©riechen; fie bleibt immer fdjön, Wie bie ©crfe £omer’S." 

StachmittagS fuhren Wir oon Gafteloetrano ins Sanb hinein, um eine fürjtid) 
entbedte norntannifche Kirche ju fe^en. Sa nur gelbwege bortfjin führen, mußten 
mir uns ber tanbeSübtidjen Garretten bebienen. SieS ift ein archäologifcheS guhr- 
wert fo primitio borifch, baff eS nicht weit oon ben Streitwagen beS £>eftor unb 
Siomebes' entfernt ju fein fcheint. Srei ©retermänbe, gelb angeftridien unb je 
nach bem gewählten SRufter mit mpthologifchen, heiligen, profanen unb roman* 
tifchen giguren bemalt, bilben baS Sipgehäufe, welches jmifcljen §mei hohen Stöbern 
fcftfteljt. Sie ©emätbe finb nicht gerabe fo fdjön Wie antife ©afenbitber, aber fie 
haben gnfehriften Wie fie, unb auch ber Slawe beS KünftlerS ober ber gabrif ift 
angegeben. Unfere Karren ftammten aus Gatania. Sie festen fid} faum in ©e* 
wegung, als uns baS Stauden unb Slütteln jene Wehmüthigen Saute auSprejjte, 
welche Saute dolenti note nennt. 3wei Gulturjuftänbe miteinanber ju oerbinben, 
bie buvh Saljttaufenbe fo Weit getrennt finb, wie ein Salonwagen ber Gifenbapn 
unb ein ficilianifcher Karren auf bem gelbwege, machte mir fein geringes ©ergnügen. 

Sie Kirche Santa * Srinitä bi Selia, baS Eigentum beS ©aronS Saporito, 
würbe in einer SReierei beffelben, brei Kilometer oon Gaftelbetraüo entfernt, aus 
einem fie berbergenben ^)äuferflumpen gleichfam auSgegraben. SllS ber Slrdjiteft 
©atricoto biefen abbrach, tarn ju aller Grftaunen ein guroel ber Slrchiteftur ans 
Sicht, eine fleine, bottfommen erhaltene arabifdj=bhjantinifche Kirche beS 12. gahr» 
hunberts. Sie ift ein regelrechtes ©iered aus Katffteinquabern mit entfpredjenben 
ga^aben unb einer Kuppel, welche in bem ganj fchmudtofen gnnenraume auf bier 
Säulen aus Gipolin unb rothern ©ranit ruht, unb über biefen fpannen fich 
arabifche Spipbogen aus. Ser ©lan ift genau berfelbe ber beiben Kirchen San* 
©iobanni begli Gremiti unb SRartorana in ©alermo, unb auch SRetropoliS 
in Slthen. 

Kein anbereS Sanb bietet einen gleich Stoffen Steichthum lunftgefdjichtlicher 
Gpochen bar wie Sicilien. Sie wedjfelnbe gormenwelt ber ©riechen, ©tjönijier, 
Stämer, ©pjantiner, Araber, SJormannen, Statiener — fann man ^iet beifam* 
men finben. Gben erft hatten wir borifche Sempel betrachtet, auf benen ein Steflej 
altägpptifdjer Kunft liegt, unb jept jeigte uns eine Kirche ben fünftlerifdjen 3u* 


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Unfere ^ctl. 


W 

fammenhang bei bhjantinifdjen Orients unb bei arabifchen Säeghptcn mit ©teilten. 
£>ert ißatricoto §at feiner frönen Sntbetfung eine Slbhanblung' gewibmet im 
„Archivio Storico Siciliano" (Vene Serie, 3>al)rg. 5), unb in bemfelben „ÄrchiO" 
wirb ber Sefer noch anbere lehrreiche ©Triften biefel Saumeifterl finben, auch 
über bie Martorana. gn Saftelüetrano führt er gegenwärtig ein Sweater im 
borifchen Stil auf. 

Unfere ardjiteftonifcfjen ©tubien in ber (Beliafirche würben plöfclich fehr an= 
genehm unterbrochen, benn Sanbleute brachten große Körbe h«« 11 - ntit buftigen 
Drangen gefüllt, welche man frifch aul bem ©arten geholt hatte. 3Bir fanben 
bie löftlidje grudjt fo fchmarfhaft, baß fie bem Stamen bei Saronl ©aporito Sljre 
machte. 91(1 el nach unferer btüdfehr 9lbenb würbe, nahmen wir im §otel Sijio 
ein treffliche! Mahl ein, woju ber Ißrinj auch einen ehemaligen beutfehen $iplo= 
maten eingelaben hotte, welcher oor wenigen galjren mein zufälliger ©djifflgefährtc 
jwifchen ©mtjrna unb Konftantinopel gewefett unb jefct plöfclich unter ben Vuinen 
©clinuntl mir wiebet begegnet Wat. Sei biefem ©gmpofium oerfchmähten Wir 
alle ben feurigen SBcin ©icilienl unb tranfen ben milben Sfjianti (Eolcanal, Welcher 
fich bemnach auch auf biefer (gnfel eingebürgert hat. 

2lm folgenben Morgen befuchten Wir bie ©teinbrüche ©elinuntl, bie nicht weit 
oon Safteloetrano in ber Stahe ber ©tatiou Sampo Setto an ber Straße nach 
(Brapani gelegen finb. $iefe Satontien lommen benen oon ©graful nicht gleich, 
unb finb nur wie ein ©pielwerf im Vergleiche ju ben gelfengalerien bei #eluan 
am Stil, aul benen bie ©teinblöcfe für bie tßgramiben gehauen Worben finb; 
allein nirgenbl in Italien finbet fich uoch ein anberel Sltelier wie biefel hier, 
Wo bie Urftoffe für bie Xempel ©elinuntl in ber erften rohen Slrbeit bei StudjS 
unb ber Stulmeißetung ju (Tage liegen. Sine plöfcliche Kataftroplje hat, oor mehr 
all 2000 fahren, biefe Arbeiten für bie nodj ju üollenbenben ober für neu ge= 
plante Xempel ber ©ötter abgebrochen, unb bal “Material blieb hi« oerlaffen, 
wie bie Matmorblörfe auf bem Uiberemporium in Vom ober bie ©äulen Oon 
©ranit in ber äggptifchen SBüftenftabt bei Moni Slaubianul, Welche ©djweinfurth 
befucht hot. gene Kataftroplje aber war bie Selagerung unb 3erftörung ©elinuntl 
burch #amtibal. 

(Biel funftliebenbe (Borerootf Würbe oon ben ©äbetn ber Slfrifaner jufammen° 
gehauen ober ju Xaufenben in bie ©flaoerei fortgefchleppt, unb an einem einzigen 
(Jage oerfanf hier eine ganje herrliche Sultur. Sin ähnliche! ©chieffat hoben in 
fpätern Sfahrhunberten Mongolen unb (Eürfen ben blühenben ©riechenftäbten in 
Kleinaßen bereitet. 

§ittorf hat bie ©teinbrüche oon Sampobetlo ju einem (Jheil gefannt; oor jWei 
Sahren fanben ©calea unb (ßatricolo bort noch anbere auf. (Bie itatienifche Ve- 
gierung hot fie angefauft, unb ber gngenieur Vau, Welcher in ©etinunt befchäftigt 
ift, macht baüon einen ißlan. (Bie Srüdje liegen in weiter Ütulbeljnung auf einem 
oben oon ißalmengeftrüpp beb erften gelbe in größern unb Keinem Schluchten 
unb Vertiefungen, Wo man fenfrecht abgehauene KalKuffwänbe fieht, unb Oiele 
©äulenftüde, erft jur Hälfte aul bem gell gearbeitet ober fchon üöttig oon ihm 
abgetrennt, fobaß fie nur noch umjuwerfen finb, 9ln manchen Stetten fieht man 


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Segefta, Sclinunt unb ber ZTCons (Eryj. 


^5 


fogar nur bie erften Kreislinien oertieft, unb fo bie auSjuljauenbe Säule erft 
angebeutet, einige ©tücfe Mafien bid ju 10 SReter Umfang. 3Ran fteljt auf 
grauen ©äulentambourd, worauf Gactud, Wilbe geigen unb Oteafter emporgewadjfen 
finb. Sa bie ©rüdje jetjn Kilometer oon ©elinunt entfernt liegen, muß ber 
Transport fo ungeheurer ©löcfe fdjwierig genug getoefen fein. Such h* er h a & en 
tool Saufenbe oon gefangenen Kriegdfftaben gronbienfte leiften müffen. 

Sie ©ahn geht oon Gampobetlo in einer Guröe ber S’üfte entlang nach £ra= 
pani fort, unb bedßalb ift bie galjrt auf ihr höchft angenehm. Sie SEBeftfüften 
bed ÜRittelmeereS finb meift jerriffener unb baher malerifdjer ald bie Dftfüften; 
nur in ©icilien ift bad nicht ber gafl; benn hier fenft fidj gerabe im SBeften 
eine meilentoeite ©bene jur Spbifcfjen ©ee hinab, an beren ©aum Oom ©or* 
gebirge Silpbäum bis jum Srepanum ein Kräng aud bem ÜÖleere aufblühenber 
fhöner Gitanbe, bie Segabifcfjen Unfein, fich oom geftlanbe abgefoubert hot. Siefe 
große ©bene mit ihren ©arten, ©aatfelbern unb beerben bicfrooüiger ©<hafe unb 
rother SRinber fcheint unermeßlich reich i“ fein. SHein auch h* ec finb bie Drt* 
fdjaften feiten; bie ©eoöllerung hot fich and äReer gezogen, Wo bie $afenftäbte 
in langen weißen Sinien aufgereiht fielen unb feit uralten Beiten ben ©erlehr 
ber gnfel mit Sfrila oermitteln. 

SBie ber Dftranb ©Kittend’am gonifchen ÜReere bie ftärlfte heUenifche Goto* 
nifation aufnehmen mußte, ebenfo naturgemäß hat ber SBeftranb bie nahen ©f)ö 5 
nigier oon Sfrila unb fpäter bie ©aracenen an fich gezogen. £ier grünbeten bie 
Karthager bis nach ©anormud unb ©otuntum im JRorben hin ihre midjtigften 
©mporien unb fefteften ©eeptäfce: Sitybäum, SRotpe, Srepana unb ©rpj. $ier 
mußte auch ber hefüsfie 3ufammenftoß gwifdjen ben ©uniern unb fRömern ftatt* 
finben unb bie grage entfehieben werben, welche biefer Stationen ben äBettfjanbet 
beßerrfchen foKte. Such int SRittelalter wieberholten fich biefetben ©erhättniffe ber 
Gotonifation ©iciliend; benn ber femitifdje Stamm lämpfte nochmals mit ©riechen 
unb Sateinem um ben ©efifc ber wichtigften 3nfel bed SRittelmeereS, welches in 
alten 3 e ü«n ein phönigifcher ©ee gewefen war. Suf eben biefer SBeftlüfte lan* 
beten im 3a^re 827 oon Sfrifa her bie Sraber bei äRaggara, um fich bann er* 
obernb unb colonifirenb über bad bpgantinifche ©icilien audgubreiten. 

SBegen fo oieler gerichtlicher ©egiehungen ift bie gahrt nach Xtapani in 
hohem ÜRaße anregenb; allein nur im gtuge betrachtete ich biefe fchönen ©efilbe, 
ihre fanften ©tranbtinien unb bie in fmaragbnen Sichteffecten ftraljlenben SReered* 
weiten, ©o bin ich äRaggara oorbeigefahren, welched fich mit feinem $afen, ber 
grauen ©urg, ben Stürmen unb SJiauern ald eine fehr anfehnliche ©tabt barfteQt. 
©o faß ich nur ald flüchtige Grfcheinung äRarfala, bad alte oietumfämpfte Silp= 
bäum, feinen oon Schiffen belebten $afen, bie bort ben geuerwein holen, unb bie 
im äReeredbuft emporragenben Segabifcfjen Snfeln. Sie lühne, oon einem gerabegu 
fabelhaften ©lüde begünftigte Sanbung ©aribalbi'd foKte man bort burefj einen 
loloffalen Bornen aud Stein oerewigen, welcher im ©egriffe ift aud bem äReer 
aufd Sanb gu fpringen. 

Srapani geigt fich mit feinem fichetförmigen §afen weit in bie ©ee htnaud* 


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ttnfere ,?>eit. 


■gr&ifenb, neben bem Drepanum, ber Storbweftfpiße ©icilienö. Sßeiße Salinen 
®ünen finb an biefem flauen Stranbe hingebreitet, Welchen Strgil freubenloS 
,-|j a etabilis) genannt bat. §Iud) bie jahlreid)cii SBinbmiiblen erluecfett bie SBot« 
^fXttnQ, baß bie3 ®repanum fc^r ftürmifch unb jurnal bem SJtiftrat auSgefefct ift. 
^ yibtoättg ragt über einem langen Mquäbnct ein fdjön geformter, hoher infelartiger 
yj c r~J melden eine graue ©tabt frönt: eS ift ber ®rt)j, baS 3'el unfetet Steife. 

3eber Weiß auö bem SSirgil, baß ®repanutn neben ©egefta ber wichtigfte 
c jjauplafe ber „Sleneibe" ift, unb jwar wegen beS uralten ©ultuö ber Slpljrobite, 
^ cl - göttlichen SJtutter beS troianifdjen$eroö. StncßifeSftirbt in Svepanum; SleneaS 
fy^ftattet ihn unb fegelt bann nach Slfrifa. ®er ©tammoater Stomö bringt bie 
f^xtftigc ©ebieterin ber 2Belt mit Äartljago in Serbinbung, unb bie fßunier haben 
(Sydfymai) ber oerlaffenen $ibo cinft an ben ©nfeln beS greöferö in furchtbaren 
c^xrieflcn ju rächen. S8oit Slfrifa fe^rt SleneaS nach ®repanum jurücf, wo er 
Slnbenlen feineö SBaterS mit Seichenfpielen ehrt. 

(gitt ©ntljufiaft beS Sirgit wirb bemnad) am guße beS ©rpf mit berfefben 
umherwanbern, wie in Slrbea, Saoinium unb Sllbalonga. Stun aber er= 
tapV tc ^ au f e * ner Ö on i fefterif^en ©leichgültigfeit gegenüber biefent merf 
fiocal/ foweit eS nämlich öirgilifch ift. Unb bo<h habe id* manche ionifd)c 
^iift ctl un ^ ®'* an ^ e un b felbft baS fagenhafte ©ap ber ßirce mit faft gtäubiger 
begrüßt, weit auf ihnen ber Sauber ber Jpomerifchen ®idjtung liegt. 
< 55 i C fe 9?erfchiebenf)eit ber Stimmung ift leicht ju erftären. $aö ^»omerifche ©poS 
» oft un ^ urraüchfig; eS ift baS Bcugniß eines untergegangenen £>eroenalterS 
ult b citter im SJämmer erft beginnenber ©efefjichte emporfteigenben Stetigion unb 
©litt«*- ® e ‘ nt ©chauptäße liegen mehr ober minber in einer bem Slbenb= 
tanbe entrüeften jauberöoKen 2Belt, unb fie fittb noch heute geheimnifjöott. 2111 
biefet Sftcigc entbehrt bie Dichtung Sirgil’S. ©ie ift jung unb fecunbär, ein SSJerf 
j, ec (gjcfjule unb Steflejion, oft erfättenb als Stacfjahmung £>omer’S. ©ie ift . am 
tietlen ® a 9 e be^ römifchen Staates in einer fchon phitotogifch auSgebitbeten Si= 
tcratur entftanben, unb fo wenig ootfsthümtich, baß man fie fogar baS arifto= 
tcatifch c °& ec bpnaftifche ißrobuct beS beginnenben SäfarenthumS nennen fann; 
benn bie ©pi|e ber „2leneibe" ift bie Serljerrlichung ber Mutier, bie t»om SteneaS 
unb be« SSenuS abftammen. greilicfj hat SSirgit bie SteneaSfage nicht erfunben, 
melch e griechißhen UrfprungS ift. @r hat fie mit genialem gnftinct aufgegriffen 
unb fünftlerifch geftaltet; er hat Sroja mit Stom, bie $omerif<he SBelt mit ber 
lateittifchen berfnüpft, ja eine britte ©ulturwelt beS SltterthumS, bie femitifche 
^ Qtt ^ a goS, i» biefen ethnographifchen ÄreiS gezogen, unb fo baS größte ®enfmat 
ber röntifch eK Siteratur gefchaffcn. Welches juglei^ ber Slbfdjluß beS antifen SpoS 
überhaupt ift. Sltfo möge mir ber ©chatten beS unfterblichen ®ichterS meine 

g'efccrei uetjeiheu. 

SSon bem Sahnhofe SrapaniS führten uns SBagen ohne Serjug nach bem ©rhj- 
hinauf. ® ic Sahrt bauerte wenig mehr als jwei ©tunben. Sticht nur bie im 
Sicfjacf fich an ben getswänben beS SergeS emporWinbenbe Straße, fonbern ber 
©rt)E felbft erinnerten mich lebhaft an ben 3Jtonte=@argano, baS Weftliche ©ap 


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Segefta, Selinunt unb 6er JHons <£ryr. ^7 

Slpulienl. Stuf beiben Berggipfeln liegt fyod) über bem SJfeere eine feltfame Stabt 
mit einem ^eiligt^um Don roeitDerbreitetem 9tnf. $ort pitgerten bal SBlittelalter 
binburcb unb mallfabrten noch ^eute bie (Stiften zur ©rotte bei ©rzengell SRidjaet; 
hier jogen bie ©läubigen bei 9(Itert^uml pm Tempel ber Benul Urania. Stu^ 
2lfien ftammen beibe Suite. 

3)er ©rpj ift bie meftlicbfte Station ©uropal für ben Don bort fortroanbern« 
ben SDienft ber 2lpbrobite«Slftarte. ^ier ftanb ihr Tempel, gleich berühmt toie ber 
ju ißapbol unb $ptl)era. 9tad)bem bie Karthager bie eltjmeifd&e Stabt ©rbf auf 
ber Oftfeite bei Bergei jerftört unb ifjre Bewohner nach Slrepanum Derpflanjt 
Ratten, oere^rten fie bie p^önijifc^e Benul ober SIftarte, bie grofe Sdjujjgöttin 
bei üRittelmeerel, in einem Bracbttempcl auf bem Berge broben, nnb ihr ßultul 
mürbe bann auch Don ben Bömern fortgefejjt. ®ic erpcinifcbe ©öttin mar inter« 
national; bie Schiffer Don fflfrita, Don Spanien, ©aUien, Stalien, ©riecbenlanb, 
alle ljulbigten ihr, legten Opfer unb SEBeiljgefdjente in bem Xempel nieber, unb 
feierten Bacchanale mit ben f>ierobuIen. Saufenb üppige 2empe(bienerinnen machten 
t>ier ihrer ©ebieterin ©tjre. 

3e|}t fte^n graue 3Tf)ürme bei URittelalterl unb Dermitterte ^ot|c ÜRauern um 
ben ©ingang ber fonberbaren Stabt, meldje fidj über ber fteilen St aute bei gelfen- 
bergel mit cpttopifcb aulfebenben Strafen emporjic^t. Sie fjeifjt San=©iuliano, 
unb fo ftedt menigftenl in biefem Stamen noch bie ©rinnerung an bal @efd»Iedjt 
ber 3utier. ©leicb jur Sinleit liegt ber Som, ein Bau Dom Anfänge bei 14. 3abr= 
bunbertl mit crenelirten Binnen unb einem Sljurnt aul fdjmärzlicbem Stein, unb 
mit einer fd)önen Borfjatte Don Spifjbogen. 9teun bpjantinif^e Sreu^e finb an 
ber Seitenmanb ber ftatljebrale eingemauert, unb eine lateinifdjc 3«fcbrift Dom 
3abre 1685 fagt, bajj biefe Shreuje Dom Sfaifer ®onftantin in bem „Daterlänbifdjen 
Benultempel" ber ebrtoürbigen SDtuttcrgottel gemeint gemefen unb Don bort hierher 
gebracht roorben finb. So §at bie Jungfrau SRaria bie Slftarte Dom @rt)j Der« 
brängt, unb ber ©ultul biefer ftdj in ben $ienft jener Dermanbelt. 3<b {ab in 
bet ffirdje ein altel ^eitige^ ÜRabonnenbilb, unb ba el bie Oftermodje mar, butte 
man bal ©rab ©brifti in einer Äapetle bargeftettt unb mit reichem Blumenflor 
gefcbmüdt. So fcbmüdte man im Xempel ber Slpbrobite einfi auch beten altel 
beiligel ©ultulbilb, menn in bemfelben ßenjmonat Slpril ibre gefte ober ber 2ob 
unb bie Sluferftebung bei Slbonil gefeiert mürben. 

SD3ir gingen linfl Don ber ffatbebrale fort ju ben berühmten Stabtmauern, 
bie ficb bi« auf ber 2J?eerelfeite in langen Sinien binjieben unb meift noch mobl 
erhalten finb. Obmol fie im SRittelalter erneuert mürben, erfennt man boeb 
ftredenmeifc noch bie cptlopifcben SRefte grauen Slltertbuml an ihren gemaltigen 
Äalffteinblöden; noch Dierjebn Dieredige Ibütme finb übrig. £>err Salinal, 
melcber bilmeilen bie Sommerzeit in ber frifdjen ßuft San«©iulianol zubringt, 
bat biefe SJtauern unterfuebt unb auf ihnen pböni^ifebe Sdjriftjei^en entbedt. ©r 
machte mich auf fie aufmerffam, boeb mein ungeübtel Üluge batte 2Rübe, fie all 
folche mabtzunebmen. Bon feiner ©ntbedung bat er einen lefenimertben Bericht 
Deröffentlicht („Le mura fenicie di Erice, Accad. dei Lincei, Notizie degli scavi", 
«pril 1883). 


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^8 Unfere ^ett. 

Auf entfefclichen Ißfaben bergauf unb bergab finb mir an biefen ehrtoürbigen 
dauern fortgefdjritten, big mir burch ein Jfjor mieber bie ©labt betraten. 3hre 
uiebrigen Käufer aug grauem Stein mit menigen Fenftern, unb mit roh auf« 
gemauerten bunfetn ipöfen, bieten ben Anblid roahrljaft primitioer ßuftänbe bar. 
3m ©runbe moljnen bie SJtenfdjen hier, mie fie oor 3aljrtaufenben gemoljnt haben. 
Freilich gibt eg auch mobern eingerichtete, oft fogar malerifche Käufer mit ftei« 
nernen Freitreppen. Sie Keine ©rpf-Stabt ift eine unerfc^öpftic^e gunbgrube für 
SJlaterei ber fettfamften Architeftur, bie man ftcE» oorftetlen mag. @ie hat Staunt 
für etma 4000 ©inmohner. Sie SJtänner tragen hier mie auf bem ©argano aug 
benfetben Kimatifchen Urfachen bunKe Kapuzenmäntel, unb bie Frauen, metdje 
noch tfeutigentageö, mie in ben Seiten ber Aphrobite, mit feltener Schönheit be¬ 
gabt fein foHen, hätten fich in lange fchmarje Schleier. Sie ©tabt mar übrigeng 
auffaQenb menfchentecr. Sa immer mehr ©inmohner oon bem unmirthlichen Serge 
in bie ©bene hütabjiehen, ihr £anb zu bebauen, fo mirb mit ber 3eit ©au* 
©iuliano ganz entoölfert fein, mie anbere auf hohen Sergen gelegene Drtfchaften 
©icilieng unb 3talieng, bie ber ©pheu jugebecft hat. 

Sir traten auf einen Felfenöorfprung am öfttichen ©nbe ber ©tabt, mo burch 
alte Untermauerungen eine lünftliche Fläche hergeftetit unb oom SJtunicipium beg 
Drtg z« einem Keinen öffentlichen ©arten mit SRuhefifcen eingerichtet ift. Son 
hier blicft man auf bag tief unten glänzenbe SJieer, unb hat rechtg oor fich bag 
mächtige in jtoet ©ruppen gegtieberte ©aftetl beg ©rpf. $olje fteinerne unb 
ftumpfe Shürme bitten ben oorbern Sheil ber Surg; bann fegt fich biefelbe noch 
auf ben höher« unb äufjerften Felögipfel fort, melchen fie befrönt. Ser Anblid 
ber Shurmfoloffe, bie fich in biefer #öhe oom blauen Stimmet finfter abheben, ift 
ganz unüergteidjlich fchön. S3om SafteU überblicft man ein ÜReer» unb Küften* 
panorama, beffen farbenreiche Fracht nicht mit Sorten zu Jagen ift. Sieben jenem 
Oon Saormina ift eg ficher bag grofjartigfte ©icilieng. 

Sie Surg fteht auf ber ©teile, mo einft ber Senugtempe! lag. Sieg &eilig* 
thum mar bemnach fchon in rneilenmeiter Ferne bem fehnfüchtigen Schiffer fidjtbar. 
Selche ©eftalt ber Sempet gehabt hat unb mann er unterging, melben leine 
Kunben. Sie mittelalterliche Surg hat feine lefcten Stefte begraben. 3n bem 
Oorbern Sheile beg ©afteKg hat fich ber SRarchefe tßepoli einige Stäurne zunt 
©ommeraufenthalt eingerichtet, ©eine Familie gehört zu bem belannten bolognefet 
©efchle^t, oon melchem ein S^eig im 16. Sahrhunbert nach Stapani überfiebelte. 
#err $epoli führte ung in feine romantifche Sohnung, bie mit mobernem ©omfort, 
mit ©emälben, Antiquitäten unb Süchern auggeftattet ift. ©ie erfdjien mir alg 
bag intereffantefte $eim, melcheg ein lebengfrotjer ©ignor mähten fann, menn er 
fich JU Zeiten aug ber großen Seit in bie ©infamfeit zurücfziehen mill. Auf ber 
geheimnijjoollen Stätte beg uralten Aftartetempelg fann er hier, mie ÜRanfreb, 
biefe ©öttin unb bie anbern ©eifter oerfunfener ^Religionen citiren, menn ber 
SRonb bie alten Shörnte, bie bleichen SJtauern ber Phönizier, bie milben Felfen* 
ufer unb bag cnblofe SJteer beweint. Auf allen meinen Steifen habe ich nidjtg fo 
fchauerlich Sßhantaftifcheg unb zugleich fo Sezaubernbeg gefehen mie ben ©ipfel 
beg ®rp£. 


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Segefta, Selhiunt un& ber ttTons Cryr. 


49 


®urcb bie lange ©anberung in ben fteinigen Sabprintben erfdjöpft, befcbloffen 
wir ben feltenen Xag mit einem Seftmafjl, welches ber SRarcbefe unb bie erp= 
einige HRunicipalität ihren ©üften barboten. 5luf ber reicbbefejjten Safe! erregten 
meine befonbere Ülufmerffamfeit jtoei Oftertämmer aus Sonfect, tiotc beträchtlicher 
©röjje, bie mit bunten fjräbncben unb ©olbfäben gefcbmücft unb umfponnen loaren. 
3n ber Dfterjeit fiebt man foldje ^ierfidje SBilbtnerfe ber SRarjipaitplaftif in allen 
Sonfiturläben Palermos maffenbaft auSgeftetlt. 3Ran berfchicft fie meit unb breit, 
auch nach bem geftlanbe. 3<b gefte^e freilich, bafj fie mehr mein ?luge als 
meinen ©aumen reijten; benn innen finb biefe giguren mit SRicotta angefüllt. 
Sehnliches Sacfroert mögen auch bie alten ©rpciner an ihren MboniSoftern ge» 
noffen haben. 

Xrapani fab i(f» nur beim ©djem ber ©aSflammen. ©ir burebwanberten ben 
£>afen unb mehrere ©tragen, fobafj ich bebauerte, fo Oiet UJierfwürbigeS nicht 
am Xage feben ju lönnen. ©ir befuebten auch eine ftunftinbuftriefcbule unb fanben 
in fpäter ©tunbe bie StetierS mit emfigen Zünftlern gefüllt, toeld^e hier in äRarmor 
unb Slabafter, in bunten aRufcpeln unb fcpwarjen Doraden bie trabitionelle $unft 
eifrig fortfefeen, bureb welche Xrapani feit ber IRenaiffance berühmt geworben ift. 

Sm folgenben äRorgen traten wir unfere SRürfreife nach Palermo an, unb fo 
oerbanfe ich ber SiebenSWürbigfeit meiner ausgezeichneten ©efäbrten eine ber 
genufjreicbften unb lebrreiebften SReifen, bie ich in biefem fünften Sanbe ©utopaS 
gemacht habe. 


Unfere gelt. 1887. I. 


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1k 0£0*ntt>arft0e Riaxkt mb <Dr0anifafum tr*r 
frcm^ofifdjnT 'JXxmtt. 

Son 

■Jnlius Don mUtfcebe. 

SEßir leben leibet in bet Seit beS bewaffneten griebenS. SDtitlionen Oon Krie¬ 
gern, bie in SBefjr unb SBaffeit ftarren, jätjten bie #eere unfetet europäifchen ©roß* 
mä^te, }u faft unerfdjwinglidjen ©ummen fc^weOen alljährlich immer f)ö(}et bie 
SBubgetS bet Kriegäminifter an, unb ftatt baß, wie fo niete hoffen unb garten, eine 
SJtinberung biefer wahrhaft riefigen £>eere3maffen in nicht ju ferner Seit in 
StuSftdjt ftänbe, mflffen wir faft täglich oon neuen Serftärfungen bet 9lrmecn, 
oermehrten Lüftungen, fteigenben SriegSetatS, oetbefferten SriegSWaffen unb neu 
angelegten Heftungen unb gcrts tjören, Sßahrlich, ein unheilootler SBetteifer, 
bie ftärfften ©treitfräfle ju Sanbe unb ju SBaffer für ben blutigen, alles oer* 
nidjtenben Sumpf fdjon im Stieben auSjurüften, fctjeint faft ausnahmslos aQe 
Staaten unfetS alten 9Be(ttf)ei(S jefct ergriffen ju b a ^en, unb mit tiefinnerer 
Trauer wirb unb muff jeber greunb bet wahren Humanität foldj unheitooQeS 
©djaufpiel betrachten, bas in fo fcbroffem ©egenfafc ju ben gortf<hritten ber ©i= 
oilifation fteht, beten unfer Seitalter fi<b fonft fo gern mit faft überrollen öacfen 
ju rühmen liebt. Unb bennoch barf fe&t fein einjetner Staat in biefem Streben 
nach ben ftärfften unb am beften friegStüdjtig auSgerüfteten unb auSgebitbeten feeren 
jurücfbleiben, folauge er noch auf ©elbftänbigfeit 9tnfpruch machen unb bas ©elbft» 
gefühl/ baß feine ©timme oon ©ewicht unb ©eltung bei ber Serathung unb 0rb= 
nung ber allgemeinen politifchen Sßerljältniffe fein wirb, bewahren wiH. „Ultima 
ratio regum" ließ griebridj ber ©roße auf feine Kanonen gieren; wahrlich, wenn 
man baS SSBort „regum" burch „populorum" erfefct, hot biefer ©innfprucf) aud» 
jefct noch feine ooHe ©eltung. 

Unter ben Staaten ©uropaS, bie burch immer fortgefefete Lüftungen unfcre 
oollfte 9lufmerffamfeit in 2lnfpru<h nehmen unb leiber jwingen, folch böfem SBet- 
fpiel mit ju folgen, ift außer Dtußlanb unbebingt granfreidj ber bebeutenbfte 
unb befonberS für uns tDeutfcße auch gefährlichfte. Seine anbere Station ber 
SEßelt hat im Saufe unferS galjrhunbertS fo oiele unb oerfchiebene blutige Stiege 
faft in allen ©elttljeilen geführt, wie gerabe bie granjofen; feine ift oon einer fo 
unruhigen» beftänbig im SBolfe gärenben Sampf» unb ©roberungSluft erfüllt wie 


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Dte gegenwärtige Stärfe unb Organifation ber franjöftfdjen Jtrmee. 5\ 

unfere fonft fo Begabten unb itt Dieter 4?infictjt überaus tüchtigen Nachbarn jenfeit 
ber Vogefen. ©erabe biefe ftete franjöfifdje SriegStuft jroingt uns ruhige, frieb* 
tiebenbe $)eutf<he unauSgefejjt ju fotcher SBachfamfeit unb fortbauernber SriegS* 
bereitfdjaft. ©eit Subwig XIV. fchmachDoflen AnbenfenS bis auf ben testen 
Siefenfampf Don 1870—71 ift es eine nur ju lange Steifje ber btutigften Kriege, 
bie uns Vewoljnern ©ermanienS Don ben granjofen oft auf bie wirttich friootfte 
unb DerabfcheuungSwürbigfte SBeife aufgebrängt Würben. Unb auch i e i!t nach ber 
jwar ftrengen, aber ebenfo gerechten Vuße, bie toir 3ranfreich für feine ttott- 
ftänbig recht' unb ruchtofe SrtegSerfärung im ©ommer 1870 aufertcgten, nachbem 
wir mit bem Stute Don §unberttaufenben tapferer beutfcher Krieger nach langem 
Gingen unb Sümpfen uns enbtidj ben Dottftänbigen ©ieg erjwangen, fcheinen bie 
granjofen aufs neue Don einer SriegStuft gegen $eutfchtanb ergriffen ju fein, 
bie bei uns aOen bie größte ©ntrüflung erregen muß. SSirb boch bie franjöfifche, 
ohnehin fchon numerifch fo ftarfe Sanbarmee unb gtotte faft aEtjä^rlich immer 
mehr Dergrößert unb fcheinen befonbetS feit ben testen äJionaten ber SriegS* wie ber 
SRarineminifter in Paris förmlich einen SBettftrcit miteinanber beginnen ju WoQen, 
wer bie tjöchften gorberungen für fein Vubget ju ftetlen unb bie übermäßigften 
ptäne für bie Vermehrung ber unter ihm ftehenben ©treitfraft ben Sommern 
Dorjutegen Dermöge. Unb woju bebarf granfreidj jefct noch biefe fortgefefcten 
Lüftungen feines $eereS unb feiner SriegSflotte ? bürfen wir mit üottem Rechte 
fragen. 3ft boch bie gtotte unter ber Iricotorftagge nächft ber engtifchen Weitaus 
bie ftärffte unb bcftauSgerüfiete ber ganjen SBett, unb baS £eer unter ber gleichen 
gähne jäßtt auf ooüent SriegSfuß faft an 1 l / 2 Mid. ©otbaten. ©ottte fotche 
©tärfe aber nicht Doßftänbig genügen, um ben granjofen einen ftotjen ptafc in 
ber Seihe ber europäifchen Vötter ju fiebern ?! ®aß granfreich nach feiner gänj* 
liehen Siebertage im testen Stiege, bie befonbetS auch feine Sanbmacht oottftänbig 
jerrüttete, mit Doßem (Sifer unb rüdfichtStofer Aufopferung Don ©elb bahin ftrebte, 
(ich in mögtichft furjer grift nicht aflein ein triegStüchtigeS, fonbern auch nume* 
rifch ftarteS §eer wieber ju fchaffen, war Dottftänbig gerechtfertigt. 3ft boch, Wie 
wir fchon anführten, für jeben ©roßftaat in unferm SBeltttjeit eine ftarte gtotte 
unb Armee ein ganj unbebingteS ©rforberniß, wenn er auf Veachtung, ja fetbft 
nur auf ©etbftänbigfeit ben miubeften Anfpruch erheben miß. ©0 barf man biefem 
Patriotismus ber granjofen, mit Welchem fie, ohne ängstliche Südficht auf bie 
Ungeheuern baburch entftehenben Soften ju nehmen, fidj im Saufe weniger gahre 
wieber eine in jeher $inficht tüchtige unb Achtung gebietenbe gtotte unb Sanb* 
macht ju fchaffen Derftanben, bie höchfte Anerfennung nicht Derfagen. Aber jefjt. 
Wo bieS 3iet Doßftänbig erreicht ift unb grantreich Wieber eine SriegSmadjt auf bem 
SDteere wie auf bem Sanbe befifct, bie eines ©roßftaateS erften SangeS in jeber $in* 
ficht würbig ift, foßte man bodj enbtich einmat mit biefen unauSgefefcten Lüftungen 
aufhören unb ben übermäßigen Anforberungen beS SriegS* wie SSarineminifterS ein 
entfchiebeneS Veto entgegenfefcen. ©egen welch anbern Staat rüfteit bie granjofen 
fort unb fort, wenn eS nicht gegen 2)eutfd)tanb ift? Außer bem mecrumftuteten ©itg* 
tanb befinbet fid) grantreich in bet gtücftichen Sage, unter aßen europäifchen ©roß* 
floaten bie beften natürlichen ©renjen ju feiner Verttjeibigung ju befifeen, Währenb 

4* 


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52 


Unfere £&\. 


mieber umgeleljrt $eutfdjtanb leiber bie ungünftigften befiel. ®ie brei ©ebirge 
ber ^P^renäeit, Sllpen unb Sßogefen trennen granfreit größtenteils an feinen 
©renjen oon Spanien, Italien unb ®eutftlanb, unb eine lange Steife gerieft 
angelegter unb oorjüglit auSgerüfteter geftungen, gortS, Sdjanjen unb geftungS- 
türme non Stein toie Eifen fällen alle Süden in biefeti natürlichen SBäQen feljr 
geftidt aus unb oermehren bie Sßefenfiofraft beS SanbeS im ^öc^ften ©rabe. 
§aben mir ®eutft«n bot im Kriege Oon 1870—71 nur ju feljr erfahren müffen, 
melche Starte grantreich in feiner ®efenfioe beftt unb meldje Ungeheuern Opfer 
an ©ut unb SBlut eS unS trof} ber unauSgefefcten {Reihe ber glänjenbften Siege 
unferer tapfern Gruppen getoftet hat, bis mir enblidj in baS £erj beS SanbeS 
einbringen unb bis unfere Kanonen baS übermütige iJJariS jur üoUftänbigen Sr» 
gebung jmingen tonnten. Unb menn aut jefet burch ben SSerluft oon SRefe unb 
Strasburg, bie glüdlichermeife enblich mieber in beutfehen tBefifc jurüdgefommen 
finb, bie franjöfifte SJefenfiofraft ein paar fehr empfinbliche Süden erlitten 
hat, fo finb biefe hoch burch eine {Reihe großartiger neuer IBefeftigungSanlagen, 
melche feit 1872 an ben Dftgrenjen entftonben, möglichft mieber erfefct morben. 
SBenn aber granfreich nunmehr eine feljr ftarfe ®efenfiofraft befif}t: rnoju biefe 
unauSgefefcten, oft mirflit mit frampfhaftem Eifer jef}t betriebenen SSerftärtnngcn 
ber glottc unb Slrmee, menn man nicht bie Slbficht h e ßt, bei ber nächften gün- 
fügen ©elegenheit einen Offenfiofrieg — unb jtoar nur p mahrfcheinlich aber¬ 
mals gegen ®eutfttonb — p beginnen? SBeldjer frembe Staat foHte auch tool 
baran beuten, granfreich ohne ©runb unb Urfate mit einem EroberungS- 
friege p bebrohen? ®aS burch unb burch jerrüttete Spanien hoch mahrlich nicht, 
unb ebenfo menig gtalien, baS mit Ungeheuern Opfern foeben erft feine Ein¬ 
heit ooHenbete, in feinem gnnern noch mit phflofen Schmierigfeiten aller Slrt 
p fämpfen h at unb aOeS anbere mehr roünften tann, als in granfreit Er¬ 
oberungen ju maten unb fit burt franjöfifteS ©ebiet p oergrößern. ®ie 
griebenStiebe ®eutftlanbS aber ift p befannt, als baß man nitt aut in granf¬ 
reit felbft baöon überjeugt fein foHte. SllS mit 1871 nat einer faft beifpiel- 
lofen SReiße glünjenber Siege in bem uns auf bie fribolfte SBeife aufgejmungenen 
Kriege bie oodftänbigen Sefieger ber granjofen gemorben rnaren, nahmen mit nur 
unfer früheres beutfteS ©ebiet mieber jutüd, futten unfere ©reuten burt ben 
©rrnerb Oon äRejj möglitft ju fitem, ließen uuS eine angemeffene Entftäbigung 
für unfere angemanbten großen Soften unb erlittenen RJertufte bejahten unb 
jogen bann fobalb als mögtit unfere Gruppen auS bem Sanbe ber granjofen 
jurüd, biefen ihre Setbftänbigfeit miebergebenb unb fie ihrem eigenen Stidfat 
überlaffenb. SBelter irgenbmie Oernünftige ®eutfte foHte aut w °t na( h Er¬ 
oberungen in grantreit lüftern fein! SBahrlit, menn bie granjofen uns nur in 
{Ruße taffen, fo fönnen fie öor jeber Störung ihres griebenS oon uns ®eutften 
üoHftänbig fiter fein unb brauten auS gurtt oor unfern Singriffen nitt ihr 
ohnehin fton übergroßes ftriegSbubget afljährlit not mehr ju fteigern; ht £ran 
mirb niemanb, ber bie SBertjältniffe mirflit fennt, nur im minbeften jmeifetn fönnen. 

®aß bie granjofen fit ober burt ihr fteteS ffriegSgeftrei unb ihre fort unb 
fort gefteigerten ÄriegSrüftungen felbft am meiften ftäbigen, ift fetbftoerftänblit. 


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Die gegenwärtige Stärfe unb Organifation 6er franjöfifcfyen 2frmee. 53 


Sranfreicf) ift noch immer ein fe^r wotjlhabenbeg, ton einer fleißigen unb wirtl} 5 
fc^aftlic^en Veoötferung bewohnteg Sanb; aber fein SEBo^ftanb ift in ben testen 
$ecennien in einem entfdjiebenen, feljr bebeutenben SRüdfcfiritt begriffen: bag ift 
eine ganj unleugbare £fjatfacf)e. 3« liefet Verringerung ber nationatöfonomifdjen 
Verhäftniffe tragen aber bie fteten ftrieggrüftungen unb fortwährenben Ver* 
mehrungen beg fceete# unb ber Stoffe unbebingt bag meifte mit bei. 3n runben 
Ziffern angegeben, beträgt bie burdffdfnittlidje Einnahme beg gabregbubgetg ber 
franjöfifchen SRepublif 4000,990000 Sr3. Saton gebraust ber fi!rieggmimfter aber 
jefct fchon oßjähtlicfj 700 2Riß. gr§. unb ber ÜRarineminifter 290 SRiß. Srö., 
währenb bag Vubget beg Enltugminifterg nur bie hiergegen ^öc^ft befdjeibene 
Summe ton 152 3Riß. grg. aufmeift. ©oflten bie Kammern aber wirftich bie 
neueften Sorberungen beg jejjigen Srieggminifterg VouTanger, ber ton einer un* 
gemeinen Srieggfuft unb ©itelfeit befeffen fdjeint, genehmigen, fo tuirb fich 
beffen Vubget fcf)on im Stieben um jährlich 70—80 SRiß. Stg. mieberum fteigern, 
ttährenb ber neue ÜRarineminifter auch fchon mit einer erneuten, womöglich noch 
großem Sorberung für bie Vermehrung unb SReorganifation ber Kriegs* flotte im 
tpintergrunbe fteht. SBoljin aber foß folch unfinnigeg Treiben julefjt anberg 
führen al$ ju bem gänjtichen finanjieflett Vanfrott Srantreicfjg? 

Sür unö ruhige, friebtiebenbe Vetoohner $>eutfchlanbg bringt btefe ftete 
Ärieggluft unb ftänbige Vergrößerung ber Streitmacht unferer tteftlichen 5Rach= 
barn ebenfaflg manche entfehiebene Unannefjmtichteiten unb fdjttere Saften. SBenn 
Sranfreich fort unb fort rüftet, fo barf auch ®eutfcf)Ianb ganj unzweifelhaft nicht 
ungerüftet bleiben, unb eg ertoächft baburch bie bringenbe Vf^cht ber ©etbft- 
erhattung, auch unfererfeitg für unfer fpeer unb unfere glotte aßjährtich fehr be= 
beutenbe ©ummen ju terauggaben, bie toir wenigfteng tljeilweife ungleich Keffer 
unb nfifcficher für SSerte ber griebeng unb ber Humanität terttenben fönnten. 
«uch bag Vertrauen im Raubet unb Verfehr unb bie ©tetigfeit aßet 3«f*änbe 
wirb nicht wenig baburch erfchüttert, Wenn Wir unauggefefct auf unferer $ut tor 
einem Kriege ber gewaltigften 91 rt fein unb jeben ®ag befürchten müffen, baß ung 
ohne ©runb unb Urfadje eine ffrieggertlärung aug fßarig jugefanbt Wirb. 916- 
gefehen ton biefen, gewiß nicht gering anjufdjtagcnben Uebelftänben, brauchen 
wir ung fonft tor aßen biefen franjöfifchen ffrieggriiftungen unb ßrieggbrohungen 
nicht im aßerminbeften ju fürchten, fonbern fönnen im ©efüfjl unferer Sicher¬ 
heit unb ©tärte biefe fteten IRobomontaben aug fßarig belächeln unb bie SRefuI* 
täte aßet Vergrößerungen ber frattjöfifchen 9Irmee ruhig abwarten. ÜRag auch 
jeber ßrieggminifter in fßarig — unb in bem testen SJecennium aßein haben un* 
gefähr ein ®ufcenb terfchiebene ©enerale biefen äußerlich fo glänjenben fßoften 
eingenommen — fofort beim Veginn feineg Stmteg mit einer gänjlich teränberten 
Crganifation tjerbortreten unb mit wahrhaft frampfhaftem Eifer fich beftreben, afle 
©efefce umjuänbern unb bag wieber ju jerftören, wag fein Vorgänger tießeicht 
foeben erft mit großer üRfilje unb mit nicht geringen finanjießen Opfern beg Sanbeg 
errichtet hat: ein beffereg, Irieggtüdjtigereg |>ecr, alg ®eutfd)lanb ju feinem fRuhm 
unb ©egen unter ber gemeinfamen f<hwarj*meiß-rothen gah ne fich enblich gegrünbet 
hat, fchaffen fich hie Stanpfen burch aße ihre Organifationen unb SReorganifationen 


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54 


Unfere <3eit. 


nun unb nimmermehr: beffen bürfen mir fieser fein. 3m ©egentßeil, alle biefe 
fielen Slenberungen, Slbänberungen unb Umänberungen in ben 2)ienft= mie @jerciv= 
regtementS, in ber $i8ciplin, ben SlbancementSoerßältniffen, SBemaffnungen, Unifor» 
mirungen ber griebenS» mie $riegSftärfe u. f. m., mie bie franjöfifcße Slrrnee folcßc 
feit 1872 faft unauSgefeßt erbulben muffte, feßmäeßen fogar bie IRuße unb geftig» 
feit aller Gruppen im hofften ©rabe unb berringern babureß, troß aller fogenannten 
Ver&efferungen, beren mirllicße SriegStücßtigfeit nießt menig. 2BaS aber bie nu* 
merifeße ©tärfe beS #eereS anbetrifft, fo fann unb mirb, menn eS bie 9tothmenbig= 
feit gebieterifcß bertangt, baS bereinte $eutfcßlanb noch immer eine ftärfere fianb* 
armee in baS gelb marfeßiren taffen, als granfreieß bieS jemals, felbft bei ber 
allergrößten Slnftrengung bermag. S)aS S'aiferreich ®eutfcßlanb jäßlt jeßt gegen 
49 3Ritl., bie IRepublif granfreieß aber nur 37 SRiß. ©inmoßner: bieS ift ein 
numerifeßer Unterfchieb in ber fieiftungSfäßigfeit eines SanbeS für bie ©rgänjung 
beS fteereS, ber burch nichts erfeßt merben fann. ®o mögen bie granjofen jum 
größten ©cßaben ihrer eigenen ginanjen fort unb fort rflften unb ihre Slrrnee unb 
glotte bis in baS Uugemeffene bermehren: gurcht merben unb fönnen fie uns 
$eutf<ßen nun unb nimmermehr baburch einjagen, menn auch nicht ju leugnen ift, 
baß biefe franjöfifcßen 3füftungen auch unö i u großen StuSgaben jmingen. 

5Raeß biefen mehr allgemeinen ^Betrachtungen moHen mir nun ju ben ©injel* 
fjeiten ber franjöfifcßen Slrrnee übergehen, unb jroar juerft bie numerifeße ©tärfe 
ber betriebenen SBaffengattungen angeben. ©8 finb ganj bebcutenbe ßahlen, 
mit benen man hier rechnen muß, unb fie jeigen mehr als Starte, mie anfehnlich 
bie ßanbmacßt ber fran^öfifeßen SRepubtif fchon gemorben ift, felbft menn bie neuen 
SeorganifationSpläne beS jeßigen ffriegSminifterS Soulanger niemals jur Slu§= 
führung gelangen foHten. 

SBie in jebem Jpeere ber fReujeit, bilbet auch im franjöfifcßen bie 3«fanterie 
bie fpauptroaffe. ©io ift nicht allein bie numerifcß ftärffte, fonbern mirb troß 
aller VerboHfommnungen unb Vermehrungen, metdje bie Slrtitlerie befonberS in 
ben teßten ®ecennien erfahren hat, immer bie leßte unb roießtigfte ©ntfeßeibung 
ber «Schlachten horbeiführen; bieS haben bie gemattigen Kämpfe ber 3aßre 1866 
unb 1870—71 fo recht überjeugenb gezeigt. SBie griebrieß ber ©roße bem 
preußifcß=beutfcßen #eere feinen ©runbeßarafter berließ, ben eS troß aller 3tefor= 
men ber iReujeit im mefentlicßen noch bis auf unfere ©egenmart beßalten ßat, fo 
ÜRapoteon I. bem franjöfifcßen. ©elbft bei uns in 3)eutfcßfanb ßat man mit bodern 
SRecßte feßr biete Einrichtungen SRapoleon’S I., biefeS großen ©cßlachtenmeifterS, 
als ganj borjügtieß erfannt unb, fomeit eS bie Verfcßiebenßeit in ber ^Rationalität 
ber granjofen unb ®eutfcßen geftattet, möglicßft nacßäuaßmen berfueßt. ©o ßat 
in mancher £inficßt bie franjöfifcße 3nfanterie, befonberS in ber Slnroenbung beS 
XiraiQirenS, ber Vermenbung im jerftreuten 2)orfgefecßt, ber fubjectiben SluSbil- 
bung ber einzelnen ©olbaten, ben 5)eutfcßen ganj entfeßieben mit als Vorbilb 
gebient unb mir ßaben bieleS bon ißt gelernt. Unb baß mir baS ©rlernte treffließ 
ju benußen unb gefdjicft anjumenben berftanben, geigten bie Kämpfe beS Krieges 
bon 1870—71. Stuf ber anbern ©eite ßaben, bureß böfe ©rfaßrungen beleßrt, 


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Die gegenwärtige Stärfe unb Organifation 6er franjäftfdjen 2lrmee. 55 


bie granzofen fett bent lebten Kriege wieber mancße$ Don ber beutfeßen Infanterie 
angenommen, wa8 noch non griebrieß bem ©roßen her bei ber preußifeßen feft 
eingebürgert war unb non biefer au§ auf alle unfere anbern beutfeßen feeres» 
tßeife ju beren größtem Stufen überging, hierzu gehört nor adern ba$ gejte, 
©efeßfoffene, Stramme, befonberS im üRarfcßiren unb allen größern gefcßloffenen 
taftifdjen SBewegungen, unb bann aud) baS nicht allein fd^neOe, fonbern auch 
fiebere Schießen unb richtige Treffen, Worin baä franzöfifeße gußoolf fo Weit 
hinter bem beutfeben jurüeffteben mußte. So ejercirt unb manöorirt bie fran* 
Zöfifcße Infanterie jefet ungleich fefter unb fieberet als früher unb ^at feit 1871 
in ihrer taftifeben 51u$6ilbung ganz ungemeine gortfeßritte gemacht; ßierin finb 
ade competenten ©eurtßeiler, bie ben dRanöoern ber franzöfifeßen Gruppen nor 
1870 unb auch faßt wieber beiwohnten, nodftänbig einig. 

Die franzöfifeße Infanterie in ihrer fangen Organifation unb Stärfe jähft 
nun in ber gelb’ ober actinen Sfrmee: 

I. 144 ^Regimenter Sinieninfanterie. dfuf bem griebenSfuße fod jebeS SRegi* 
ment enthaften: 4 ©ataidone unb 2 Depotcompagnien, mit jufammen 73 Offizieren, 
380 Unteroffizieren unb 1188 Sofbaten im ©liebe. Die gefammte Sinieninfan* 
terie würbe bemnacb eine Stärfe non 576 Sataidonen mit 2304 Selb* unb 
288 Depotcompagnien mit 238000 dRann Stärfe befißen. 

II. 30 ©ataidone Chasseurs ä pied ober Säger; eine Steuerung, Welche bie 
granzofen z««P 1836 non ben Deutfcßen nachahmten unb bei fieß einführten, 
©on bem Orte ihrer ©inrießtung hießen biefe Säger juerft Chasseurs de Vincennes 
ober auch non ihrem ©rrießter, bem Herzog non Orleans, Chasseurs d’Orläans, 
unb würbe beren 3aßl Oon urfprünglich 4 Sataidonen admähfich auf 30 Oer* 
mehrt. Die Formation unb Stärfe biefer S^affertrS, Welche auSgefucßt tüchtige 
unb gewanbte SRefruten, befonberS auch aus ben ©ebirgäbiftricten granfreießs er* 
haften, umfaßt 120 gelb* unb 30 Depotcompagnien mit einem griebenSbeftanbe non 
18000 dRamt. SRaeß bem neueften fßlane beS ©eneratS ©oufanger foden ade 
biefe SßaffeurSbataidone aufgeföft unb in Sinieninfanterie oerwanbelt werben, ba 
bie neuere Daftif unb bie nerbefferten Schußwaffen nerfangten, baß fämmtliche 
Snfanterie gleich gewanbt tiraidire unb fießer feßieße unb baßer ein Unterfcßieb 
ZWifcßen ©ßaffeurS unb Sinieninfanterie aufßären müffe. ©rßeben fuß boeß auch 
bei und in Deutfcßfanb neuerbingS niele mifitörifeße Stimmen, wefeße oerlangen, 

• baß bie Sügerbataidone fäntmtfieß in Sinienbataidone oerwanbelt würben, ba fte bei 
ber jeßigen SfuSbilbung ber Infanterie feinen befonbern dtußen meßr gewährten. 

III. 4 Bnaoenregimenter in üffgerien, in ber griebenSftärfe non 64 gelb* unb 
8 Depotcompagnien mit 10400 dRann. Diefe nom ©eneral Samoriciere errichteten 
3uaoen befteßen aus gewanbten Sofbaten, bie fieß naeß feeßSmonatlicßer Dienftzeit 
freiwidig auS ber Sinie in biefe Druppe nerfeßen laffen. Urfprünglicß waren biefe 
3uanen, beren Stärfe anfänglich nur 1 ^Regiment betrug, auSfcßließlicß für ben 
Ärieg in ffllgerien beftimmt; boeß würben fie feßon 1853—54 in ber firirn, 1859 
in Italien, fpäter in dRejico unb aueß im Sfriege non 1870—71 oerwenbet unb 
fämpften ftetS mit großer ÜluSzricßnung, ba fie unter ißren Offizieren Wie dRann* 
feßaften niel oorzüglicßeS dRaterial für ben Dienft im gelbe enthalten. 


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56 


Unfere §iit. 


IV. 3 Regimenter SurcoS mit 48 Selb' unb 3 Sepotcompagnien in einer 
griebenSftärfe bon 8200 SWann. Siefe XurcoS, beren Offiziere faft burtgeljenbS 
aus granzofen, bie ©otbaten aber aus Regem befielen, ftnb urfprüngtkh nur für 
ben Sienft in Sttgerien beftimmt, fämpften jebot 1859 in Italien unb 1870—71 
in granfreit mit öietfac^er Süttigfeit, mcnn fie freilidj aut bem Ruf ber Un= 
überminbtitfeit, ber ihnen häufig borauSgegangen mar, in feiner $infidjt ent* 
fpratm. Stußerbem finb nocf) eine grembentegion, teiber größtenteils aus 
beutften Seferteuren beftefjenb, bie bon franjöfiften Offizieren commanbirt merben, 
bon circa 2000 SDlann ©tärfe, unb 3 SiSciplinarbataittone ober leicfjte afrifanifte 
Snfanterie borhanben. 

SEBirb biefe gefammte Infanterie ber getbarmee auf botte S’riegSftärfe gebraut, 
fo fott fie bem ©tat nach ent alten: 468 SelbbataiHone mit 468000 2J?ann, 146 Sepot» 
bataiüone in ben geftungen mit 156000 SOtann, 30 Sataittone unb 30 Sepot» 
compagnien ber GfjaffeurS mit jufammen 37500 9Jtann; inSgefammt alfo eine 
©tärfe oon 817000 SRann. 

2Jtan bürfte mo( annehmen, baß eine Sinieninfanterie bon in runber gaßt 
800000 ÜDiann bem ©ebürfniffe granfreitS in jeber ftinfidjt boDftänbig genügen 
mürbe unb itjre ©ermehrung baljer mahrlit uitt notfimenbig märe; allein ber 
Sfjrgeij unb bie GroberungStuft beS ffriegSminifterS Soutanger fteint anberer 
Slnfktjt ju fein. Siefe ©tärfe genügt itjm nic^t mehr, unb er hot jefct einen 
neuen DrganifationSptan ausarbeiten taffen, ber ben Kammern zur Prüfung unb 
Genehmigung borgetegt merben fott. 

Ser ShiegSminifter ©outanger münftt, ftatt mie bisher 144 Regimenter Sinien» 
infanterie, fortan 194 Regimenter biefer Iruppe, in benen bann aber bie fefcigen 
30 ©ataitlone Chasseurs ä pied, bie aufgehoben merben fotten, mit aufgehen. 
SebeS Regiment fott 3 gelb» unb 1 Sepotbataitton enthalten, ebenfo mie bieS bei 
nnS in Seutftlanb ber galt ift. Slußcr biefer zunächft für ben Sfrieg in Guropa 
beftimmten Infanterie fott not eine befonbere Infanterie für ben Sienft in ben ffo» 
tonien organifirt merben, metche auSfttießtich aus fit bazu metbenben greimittigen, 
bie bann einen hohem ©otb beziehen, gebitbet mirb. Siefe Gotoniattruppen fallen 
nat bem ©outanger’ften fßtane enthaften: 6 Regimenter 3uaben zu 3 gelb» 
bataittonen, 4 Regimenter Tirailleurs d’Afrique zu 4 ©ataittonen, 2 Regimenter 
grembenfegion zu 4 ©ataittonen, 4 ©ataitlone teitter Infanterie unb 4 SiS* 
ciptinarcompagnien, fämmttit für Stfgerien beftimmt; für bie übrigen Kolonien 
4 Regimenter Gotoniatinfanterie mit 36 ©ataittonen, 6 Regimenter eingeborene 
SirailteurS bom Senegal, Songfing unb ben übrigen Kolonien. 

SRan fleht, eS ift allein an Infanterie fton eine fehr bebeutenbe ©erftärfung 
beS feeres, mette ber Generat ©outanger bertangt. 

Sie Gabalerie ber franzöftften Slrmee enthält in ber Sinie: 12 Regimenter 
®üraffiere, bie fehr ftmer bemaffnet unb beritten ftnb unb im testen Kriege mieber* 
hott ©emeife beS größten $etbenmutheS gaben, ohne jebot bei ihren Angriffen 
auf Infanterie irgenbmie bebeutenbe Grfotge erreitt zu hoben. Gehört bot au t 
bei ben jejjigen berbefferten ©tußmaffen ein erfofgreiter Eingriff ber Reiterei auf 
gefttoffene Infanterie überhaupt zu ben Unmögtitfeiten. gerner enthält bie 


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Die gegenwärtige Stärfe unb 0rganifation ber franjöftfdjen 2trmee. 57 


franjöftfd^e SaOalerie 26 Dragoner-, 20 ©^oJfeurS», 12 3ua0en* unb 4 Regimenter 
Chasseurs d’Afrique, Welche im lebten Kriege fämmtlich gegen Deutfdjlanb fochten 
unb fich im allgemeinen feljr bewährten, unb 3 Regimenter ©pahis. Schere finb 
gleich ben ZurcoS eigentlich nur fär ben ®ienft in Algerien bestimmt, enthalten 
Oiele Dürfen unb Araber unter ihrer SRannfcffaft, fämpften aber im testen Kriege 
ebenfalls mit gegen unS, ohne fich icboch befonberS h et00 > : äuthun. Die ©efammt» 
ftärfe biefer Gaüalerie hat 308 3clb* unb 84 Depotfdjwabronen mit 68000 SRann 
unb 61600 ißferben. Die Saüalerie ift fehr gut bewaffnet unb ebenfalls gut, 
theils mit franjöfifchen, theils mit afrifanifchen üßferben beritten unb fteht in biefer 
Jpinficht ber beutfdjcn gar nicht nach, wie fich benn überhaupt bie ißferbejucht in 
granfreicfj, Welche feit 1852 fehr große gortfdjritte gemacht hat, mit ber in 
Deutfdjfanb in jeher £>infi<ht meffen fann, was früher entfchieben nicht ber gaß 
war. Dem ©eneral Soulanger genügt aber biefe ohnehin fchon fo beträcht» 
liehe ©tärfe ber franjöfifchen SaOalerie nicht mehr. Rach feinem neueften Drga» 
nifationSplan fotl biefelbe enthalten: 12 Regimenter ßüraffiere, 30 Regimenter 
Dragoner, 22 Regimenter 6h°ffenrS, 14 Regimenter $ufaren, afle für granfreidj, 
unb 6 Regimenter Chasseurs d’Afrique unb 4 Regimenter ©paljiS, für Algerien 
unb bie übrigen Kolonien beftimmt, was einen Zuwachs oon 11 Regimentern 
bebeuten mürbe. 

Die Artiflerie galt ftetS mit als bie angefeljenfte unb tüchtigfte Waffengattung 
ber franjöfifchen Armee, unb man erfennt auch hierin Wie in manchen anbern Sin» 
richtungen recht bejeicfjnenb, baß ihr Jpauptfchöpfer, Rapoleon I., urfprünglich ein 
einfacher Artißerielieutenant gewefen mar. Auch in bem lefcten Kriege hat fich 
bie franjößfehe Artiflerie bei mehr als einer ©elegenheit rühmlichft auSgfyeichnet 
unb unS ben ©ieg wieberholt äußerft ferner gemacht. 

Rach ihrer jefeigen Drganifation befteht bie franjöfifche Artiflerie ber gelb» 
armee auS 19 Regimentern DiüifionS» unb 19 Regimentern ÄriegSartiflerie mit 
einem griebenöetat oon 437 befpannten Satterien unb 278000 ©olbaten. 

gerner enthält bie Artillerie 2 Ißontonnierregimenter, Welche in granfreidj 
eigenthümlidjerweife ju biefer Waffengattung gerechnet werben, mit 3000 SRaun 
griebenSftärfe. Der ©eneral Soulanger miß auch noch biefe Waffengattung burch 
4 Sataiflone afrifanifcher Artißerie unb 1 Regiment Solonialartißerie oermehren. 

Die ©enietruppen ber franjöfifchen gelbarmee beftehen bisjefct aus 4 Regi» 
mentern ©appeurS*SRineurS ju einer griebenSftärfe oon 11000 ßJlann, bie eine 
in jeber ^»infiefet vorzügliche Zruppe bitben, welche auch im lefeten Kriege wieber 
fid) befonberS bei ber Sertfjeibigung ber 'zahlreichen franjöfifchen geftungen im 
hüdjften ©rabe auSgejeichnet hat. 

Rach bem fßlane beS ©enerals Soulanger foß bie franjöfifche Armee in 3«» 
funft enthalten: 12 ©enieregimenter ju je 3 Sataißonen, 1 Sifenbahnregiment ju 
je 2 Sataißonen für ben Dienft in granfreich felbft unb 1 ©enieregiment ju 
4 Sataißonen für ben Dienft in ben Solonien. ©S ift alfo gerabe für biefe 
wichtige Waffengattung eine ungemein bebeutenbe Serftärfung in AuSficht ge» 
nommen. 

Der Drain, ber gut organifirt ift, befteht auS 20 Sataißonen im grieben. 


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58 


Unfere <3eit. 


fftecapituliren wir nun nodj ganz furz, fo ergibt fidj, baß bie je^ige gelbarmee 
granfreidfö, welche für bie Offenfioe beftimmt ift, in ihrer ooßen KriegSftärfe 
enthalten foß: 468 gelbbataiflone mit 468000 Mann, bie fogleich für ben erften 
StuSmarfch beftimmt unb in 8—14 Xeigen ooßftänbig mobilifirt werben foßen, 
146 Tepotbataißone zur SluSbilbung ber ©rfafcmannfchaften biefer gelbbataiflone, 
mit einer etatmäßigen ©tärfe bon 156000 Mann, 30 ©ataiflone S^affeurS mit 
30000 Mann, 30 Tepotcompagnien ber Gjjaffeurä mit 7500 Mann; ferner 
392 ©djwabronen SReiterei, 312 gelbbatterien, 57 reitenbe Satterien, 76 Tepot' 
batterien, 26 ©ataiflone ©enietruppen, 5000 Mann fßontonniere. Tiefe gelbarmee 
foß nadj bem feigen ©pfteui, mit ©infehluß ihrer Tepot unb ber für bie 
Kolonien beftimmten Truppen, eine KriegSftärfe bon jufammen 1,031300 Mann 
befifcen. fltach bem ©lane ©oulanger’S foß biefe ©tärfe nod) um circa 80000 Mann 
oermehrt werben, unb es würben bann 582 ©ataiflone Infanterie ber gelbarmee 
borßanben fein, Wäfjrenb unfere beutfehe Slrntee nur 503 ©ataiflone Infanterie bon 
gleicher ©tärfe für ben äuämarfdj befijjt. 21uch bie franzöfifdje Artillerie würbe 
bemnädjft ftärfer all bie beutfehe fein, Wogegen aud) nach ber beabfic^tigten neuen 
Drganifation bie beutfehe SReiterei um 25 ©cfjwabronen ftärfer als bie franzöfifdje 
bleiben Wirb. 

Außer biefer Sinienarmee befifct granfreich nach feiner jefcigen Drganifation 
auch noch eine fogenannte „Territorialarmee". Tie Truppen biefer Territorial' 
armee, beren Drganifation im wefentlidjen ber unferer beutfdjen Sanbrneßr nach* 
geahmt würbe, finb nur für ben Tienft im gnnern beS SanbeS beftimmt, Wenn 
ein geinb abermals eS wagen foßte, ben geheiligten ©oben granfreichs ju betreten. 
Tiefe Territorialarmee, oon Welcher im grieben nur bie ©täbe Oorljanben finb, 
ebenfo wie bieS bei unferer Sanbweljr ber gaß ift, wirb auS ben ©olbaten, bie 
ihre Tienftjeit in ber Sinie bereit beenbet hoben, ober auch aus folgen, bie 
fogleich wegen geringer färperlicher gehler Dom Sinienbienft auSgefdjloffen unb 
ber Territorialarmee jugewiefen würben, gebitbet. Tie jüngern Offiziere biefer 
Truppen finb entweber frühere <£injährig=greiwißige, wöljrenb bie höfjem ©efehtö- 
haberfteflen mit penftonirten Offizieren befefct Werben, ganz wie bieS auch bei und 
gefdjieht. Tem fßlane nach foß biefe Territorialarmee nun enthalten: 145 SRegU 
menter gnfanterie mit 435000 Mann, 9 ©ataiflone 3waöen mit 9000 Mann, 
5 ©ataißone ©tjaffeurS mit 5000 Mann, 79 ©chwabronen ©aüalerie mit 11800 
Mann, 38 ©atterien gelbartißerie, 19000 Mann ©enietruppen, befonberS z un * 
Tienft in ben zahlreichen geftungen beftimmt. Tie ©efammtftärfe biefer Territorial' 
truppen ift auf bem fßapier mit 535000 Mann beregnet, bürfte aber in SBirf' 
lichfeit fchwerlidh jemals biefe ©tärfe erreichen. ©efonberS an irgenbmie brauch' 
baren Offizieren würbe biefe fogenannte „Territorialarmee" ftetS ben empfinb' 
lichftcn Mangel leiben unb ihre ©rauchbarfeit für ben Krieg baburdj Wefentlich 
oerringert werben. 3ft boch bei uns in Teutfchlanb baS ©leiste ber gaß unb 
War es bei ber großen Mobilmachung 1870—71 äußerft fdjwer, ja tljeilmeife 
fogar unmöglich, ben mobilifirten Sanbwehrtrnppcn bie nöthige 3ahl Oon halbwegs 
friegstüchtigen Offizieren jujumcifen. Man mußte aus Mangel an geeigneten 


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Die gegenwärtige Starte unb Organifation feer franzöfifchen Zlrmce. 59 

Offizieren bie Sieutenant«fteßen häufig mit jungen militärifch ganz unerfahrenen 
ßJtännern beferen, zu ben höh ern Steßen aber fdjon zu alte, förpertie^ fc^roacfie 
unb oft 15—20 3fab»re jebem mititärifdjen Serufe Ooßftänbig entfrembete, penfionirte 
Offiziere öerwenben. Selbft bei bem beften SBiflen unb bem gluhenbften fßatrioti«* 
mu« genügte bie körperhaft biefer äJlänner nicht mehr für ben harten, befdjwer* 
liehen Sienft im gelbe, unb fie erhanlten oft fchon nach einigen ©Jochen, ja felbft 
Sagen unb füßten bie $o«pitäler. Unb ein gleiche« ober womöglich noch ungün* 
ftigere« ©erhältniß fanb uur zu häufig bei ben ältern, oerheiratheten gatnilien* 
üätern, befonber« be« ßJiittetftanbeö, ftatt, bie man au« ihrer bürgerlichen ©ehag* 
Uchteit hecauögeriffen, in bie Uniform gefteeft unb al« Unteroffiziere ober Solbaten 
ber Sanbwetjr bann ohne weitere« in ba« gelb gefanbt hatte. Stach ein bis zwei 
angeftrengten SÜtarfctjen waren nur zu üiele biefer Sanbwehrfolbaten marobe unb 
ein bi« zwei falte ©iouatnädjte im Unwetter brachten eine oerhältnißmäßig ungleich 
größere Saht üon ihnen fofort in bie Sazarethe, al« bie« bei ben jugenblidj fräf* 
tigern, wiberftanböfähigern ober auch burch längere ©ewöljnung abgehärteten Sol* 
baten ber Sitiienatmee ber gaß war. ©egeifterung unb ©atrioti«mu« ber Solbaten 
finb eine gar fdjöne Sache, unb ein $eer, welche« folcfje nicht befifct, wirb fchwerlich 
jemal« bebeutenbe (Srfolge zu erretten imStanbe fein; aber körperliche Slbhärtung 
unb ©ewöhnung an bie öielen, nun einmal ganz unoermeibtichen ©erwerben unb 
Strapazen afler Slrt be« Solbatenftanbe«, befonber« gar im kriege, werben nie* 
mal« baburch erfefct, unb wo biefe fehlen, pflegt aße ibeale ©egeifterung nur z« 
halb z« erlahmen. Seiftcte au« biefem ©runbe im aflgeineinen bie beutfehe Sanb* 
wehr 1870—71 berljältnißmäßig ungleich Weniger al« bie Sinie unb hatte babei, 
obgleich man fie öernünftigerweife, fooiel al« nur irgenbwie bie Umftänbe geftat* 
teten, möglichft z u fchonen fuchte, ungleich mehr kranfe al« tefctere, fo glauben 
Wir auch ber franzöfifchen Serritorialarmee ein unbebingt noch ungünftigere« 
fßrognoftifon hinfidjtlich i^rer wirtlichen krieg«tüchtigfeit fteflen zu fönnen, wenn 
fie folche wirtlich in einem ernftlichen kriege erproben foßte. 

3m kriege 1870—71 leifteten aße biefe ©ataißone ber mobilifirten Stational* 
garbe, granc«=tireur«, ©olontärbataißone, SRachecorp«, unb welche oft wirtlich 
lädjertich^gTufetige Stamen fie noch Weiter erhielten, trofc aßer SReclamen unb ber 
fchwülftigfien ganfaronnaben in ben ©olf«oerfammlungen unb 3eitungen nicht bie 
Hälfte bet wirtlichen Sienfte ber alten Sinientruppen, ja waren theilweife fogar 
Ooßftänbig unbrauchbar für ben wirtlichen krieg, raubten bett guten Sinientruppen 
nur bie nötige SJlunition unb ©erpflegung unb füßten unnüfc bie $o«pitä(er. 

SBenn wir baher bie ©ebeutung ber fogenannten franzöfifchen „territorial* 
armee" für ben wirtlichen krieg nicht aßzu h^h anfchlagen, fo tann fie boch 
immerhin beim 8tu«brudje eine« folgen manche anbere nü|liche Sienfte leiften. 
Sil« ©cfafcungen in ben großen Stäbten unb geftungen, bei bem tran«port üon 
Seben«mitteln, ©ewachung üon ©efangenen, turz bei ben mannigfachen ber« 
artigen Sommanbo«, wie folche jeber größere krieg in SDtenge bringt, fönnen auch 
bie ©ataißone unb Schwabronen ber Serritorialarmee immerhin bie beften Sienfte 
leiften unb e« ermöglichen, baß aße Sinientruppen in bie erfte kampflinie gefanbt 
werben. 


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50 


Uitfcre <3eit. 


«Rechnet man nun bie ©tarfe ber ßiniew unb Territorialarmee jufammen, fo 
eirfli^* f*4 bag bie franjöfifche Armee nadj ihrer je^igen Organifation bie un» 
^ feuere gal)l Don 1,780000 SJtann Truppe« aller Art inclufiüe ber $anbmerfet 
• feen Arfenalen, ber ©anitätstruppen u. f. m. beftyen foß. SBenn auch freilich, 
^ - 5 ^^ fdjon angeführt, ein l}oh et ifkocentfafc oon biefer ©tärle nur auf bem Rapiere 

p unb in SBirftidjfeit nidht oorhanben ift, fo blei 6 t boch immer eine fo impo- 

3 J?ad|t jurücf, bat granfreief) bor jebem unberechtigten Angriffe friebfertig 
unter Nachbarn Doflftänbig fieser fein lann. Tiefe fo bebeutenbe franjöjifdje 
S» 4 T»nbmacht foß bem jefcigen ißlane gemät, ben aber ber fitiegSminifter ©oulanger 
^(4jon möglichft toieber abjuänbera fich beftrebt, in 24 Doßftänbige ArmeecorpS für 
fertigen AuSmarfch in bie erfte Sinie, 8 fetbftänbige Saüaleriebioifionen, 36 leichte 
c^nfanteriebataiQone jurn AufflärungSbienft, ju benen man Dernünftigermeife Diele 
3 äger, gelbfjüter, TouanierS, lurj foldje ßeute, bie Jcffon im grieben im IRecogno- 
^ eiten oon ©egenben unb ißatrouißiren geübt finb, nehmen miß, 24 gufjpofitionS^ 
Batterien, ferner in 8 SReferoearmeecorpS Dertheilt merben. 

(Sä jeigt fi<h, bat *8 iefct ein ungemein grojjeS £>eer ift, welcfjeS ein 
Sanb bon 37 SCRitl. ©inmohnern, wie granlreicfj ift, für ben grieben mie Srieg 
organifirt hat. Tarf fich bei folcher ©tärle beS fieeteS ein granjofe mol noch 
nmnbern, bat bie jejjige franjöfifdje ©taatSfchulb, welche gröfjentheils burch Aus¬ 
gaben für baS £>eer unb bie gtotte entftanben ift, fchon bie ungeheuere Summe 
oon 20 Sföifliarben betrügt unb ber franjöfifche ©teuerjahler jährlich an 22 grS. 
©teuern bloS für militärifche Ausgaben entrichten mut, mährenb j. 8 . bei uns 
in Teutfdjlanb bie gahteSauSgabe für gleichen gmed nur faft 12 grS. per ffopf 
auSmacht? Sollten aber wirtlich bie 9ieorganifationS= unb VergröfjerungSpläne 
beS ©enerals Voulanger unb bie gorberungen bes jejjigen äRarineminifterS bie 
©enehmigung ber Kammern erhalten, fo mürbe fortan bie gahreSauSgabe für 
militärifche groeefe etmaS über 39 grS. für ben Äopf betragen, ©inb foldje 
gorbetungen für bloS militärifche gmeefe aber mol mit ber Humanität unb ©hw 
lifation, beren fi<h boch fonft bie granjofen fo gern unb fo laut ju rühmen 
pflegen, Dereinbar, jumal lein auswärtiger ©taat nur im aßergeringften baran 
benlt, bie SRuhe granfreicfjS burch einen fribolen AngriffSfrieg ju geführben? 
SEBenn mir biefe grage mit einem entfehiebenen 9tein beantworten, fo glauben mir 
ber unbebingten guftimmung aller Vernünftigen nicht allein in Teutfchlanb, fon= 
bem ebenfo fehr im Sanbe jenfeit ber Vogefcn Dodftänbig fidler ju fein. 

Tie franjöfifche Sanbarmee ift aber nicht allein feit ber Äataftrophe Don 
1870—71 bebeutenb Derftärlt, fonbern in Dielfacher ^inficht auch f e h r «erbeffert 
worben. TieS ift baS übereinftimmenbe Urtljeil aller militärifchen ©adjberftäw 
bigen, welche ©elegenheit fanben, ihren gröfjern Uebungen beijumohnen. (Sä wirb 
bei ber gnfanterie ein entfehieben grötereS ©emicht auf fefteS gefchloffeneS @£er* 
ciren, oermeljrte SföanöDrirfähigteit bei Aufmärfchen unb feften, taftifchen Vewe» 
gungen unb befonberS auch fich^reS ©Rieten gelegt, als bieS früher ju ihrem 
Schaben nur ju häufig ber gaß war. SBie wir in Teutfchlanb 1870 ju uw 
ferm groten Stufen fehr DieteS in ber leichtern Vemegliddeit ber Truppen Don 
ben granjofen lernten, fo hoben fie feitbem ju ihrem gleichen Vorteil wieber 


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Die gegenwärtige Stärfe unb Organifation 6er franjöfifdjen ilrmee. 6 t 


bieteS non uns gelernt. Auch baS fämmtliche SJlaterial ber Aueriiftung an 2Beljt 
unb SBaffen, Uniformen, furj an allem, was eine friegStüdjtige Armee für baS 
Selb bebarf, ift bei ber franjöfifdjen Armee jefct bortrefflicß unb jeigt, baß granf* 
reich eine in jeher £>inficf)t hoch auSgcbitbete unb IciftungSfä^ige Snbuftrie befifct. 

©benfo wie bie Infanterie, ja bießeidjt fogar in noch höhernt ©rabe, ^at auch 
bie Gabalcric feit bem testen Kriege fehr bebeutenbe gortfdjritte gemacht. ©8 
Wirb jefct im allgemeinen beffer unb 6efonber8 auch gefdjtoffener geritten al8 
früher; bie pflege ber fßferbe ift berbotlfommnet, unb ba tefctere eine höhere 
griebenSration erhalten, af8 bie8 Ieiber noch immer in Deutfchlanb bet gatl, fo 
finb fie auch in befferm gutterjuftanbe. ©benfo befinbet fich granfreich jefct in 
ber glücflichen Sage, baß e8 feine gefammten Pferbe für bie ßüraffiere, Dragoner 
unb Artillerie an8 feinen eigenen Probinjen, bie ber leichten ©abalerie aber häufig 
au8 Algerien unb Storbafrifa ju beziehen bermag. ©o !ann bie fran^öfif<he ©a* 
baterie hinfichtlich ihrer ganzen Au8rüftung fich unbebingt mit unferer beutfehen 
bergteichen. 

Die franjöfifche Artillerie hot fotool in ber Drefflichfeit ihre8 SJtateriatS wie 
in ber Au8bilbung ihrer Offiziere unb SJtannfchaften ftet8 einen ehrenbollen Slang 
eingenommen unb fich auch fett 1871 nicht allein Jöerftärfungen, fonbern mannich* 
fache SBerbefferungen, befonber8 auch * n ber ©onftruction ihrer ©efchüfce, ju 
erfreuen gehabt, fobaß fie jejjt in jeber fpinficht fich auSjeichnet. 

SBenn nun bie franjöfifche Armee in ihrer ganzen AuSrüftung, bei Welcher in 
feiner f?infi<ht unb im aHerminbeften an ©elb gefpart würbe, unbebingt aßen 
Anforberungen, welche unfere Steilheit an ein frieg8tüchtige8 £>eer fteDt, genügt, 
fo befifcen beren ©olbaten auch fonft noch «in« SJtenge borjügtiche ©igenfehaften. 
Die granjofen finb im allgemeinen genügfam, munter, lebenbig, bon leichter 
militärifcher gaffungSfraft, ihren gührern, Wenn fie erft einmal Vertrauen ju 
ihnen gefaxt hoben, treu ergeben, unb in ber Siegel auch gute gußgänger, fobaß 
jte leicht marfchiren lernen, ©ine ganj borjügliche ©igenfehaft ber granjofen ift 
ihr reger Patriotismus unb ihre große Siebe ju ihrem gemeinfamen JBaterlanfce, 
„la belle France". Dt) ne biefen lebhaften Patriotismus beS franjöfifchen IßolfeS 
hätte granfreich 1870—71 nicht biefe bielen unb großen Opfer aller Art ge* 
bracht; nun unb nimmermehr würbe es ©ambetta gelungen fein, biefen SSiber* 
ftanb auf baS äußerfte ju entflammen, fobaß eS Deutfcßlanb fo fchwere An* 
Krengungen foftete, bis wir enblich nach langem Siingen als ooUftänbige Sieget 
auS biefem Sliefenfampfe hfobor^ugehen oermochten. Ades bieS finb S3orjüge, 
welche wir mit ber unparteiifchen ©erechtigfeit beS UrtheilS, beren wir Deutfdjen 
uns ftets rühmen fönnen, unfern weftlichen Slachbarn juerfennen müffen. 

Auf ber anbem ©eite hat bie franjöfifche Armee fehr bemerflicfje ©chattenfeiten 
aufjuweifen gehabt, unb biefe foüen fich f e 't 1871 noch bebeutenb bermehrt haben. 
Die fielen Steuerungen unb Sieorganifationen, bie jeber ber bielen &rieg8minifter, 
beren granfreich feit 1871 fich i u erfreuen hatte, mit bem größten ©ifer aus* 
jufütjren ftrebte, gänzlich nnbefümmert barum, ob fein Porgänger nicht foeben 
erft baS getabe entgegengefefete Priucip berfolgte, haben bie ©tetigteit beS §eereS 
ungemein erfchüttert. @S finb fo biete neue StegtementS unb SBorfchriften aller 


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62 


Unfere §eit. 


9lrt erfcpienen, bafs Weber Offigiere nocp ©olbaten fiep bagwifcpen pinburtpfinben 
fönnen, ja fepr päufig {tcp !aum nocp bie äRüpe geben fotlen, eine neue Ser* 
orbnung grüttblicp tennen gu lernen, ba fie übergeugt finb, baß biefelbe bocp halb 
wieber umgeftofjen unb burcp eine neue, nach ooUftänbig anbern fßrincipien um* 
geänberte erfept wirb. 

@o perrfcpen jejjt 2)edorganifation unb Serfepiebenpeit in arger SBeife in ber 
frangöfifcpen Slrmee, unb jeber Eorpd*, $ioifiond=, Srigabegenerat, ja fetbft Oberft 
unb ffapitän panbett fo giemlicp nacfj eigener SEBillfür, opne fiep um bie oom 
ffriegdminifterium in fßarid erfaffenen Sorftpriften fonberlicp Oief gu befümmern. 
$agu ift ein ©ünftlingd* unb tßrotectiondunfug jept in ben frangöfifepcn Offizier* 
corpd unb ald natürliche golge baoon eine Stugenbienerei, ein Surfen um bie 
®unft ber Sorgefepteit, ein peimlicped gntriguiren unb Spioniren, furg eine Un* 
famerabfcpaftticpfeit barin eingeriffen, wie fotepe bei und in ®eutfeptanb, Wo bie 
Offigiercorpd glücflieperweife tt>ie aud einem feften ©uff peroorgegangen finb, gängtiep 
unbefannt ift. Sefonberd feit ber ©eneral Soutanger in bad ®riegdminifterium 
gu ißarid eingegogen ift unb unbefttmmert um afled anbere gänglicp nacp perfön* 
lieber SBiüfür panbelt, alte bewäprte Siuricptnngcn umfföfjt, fith um bie guten 
©efepe unb Zrabitionen ber Ülrmee nicht im atlerminbeften fümmert unb feine 
©ünftlinge unb ©efinnungdgenoffen möglicpft beüorgugt, foH biefer SRanget an 
$amerabf<paftlicpfeit im Offigiercorpd nocp bebeutenb gugenommen paben unb ba* 
burcp beffen geftigfeit unb ßriegdtücptigfeit wefenttiep erfepüttert worben fein. 9luch 
ber potitifepe fßarteipaber, ber ja überhaupt bad frangöfifepe Sol! fo feljr gerrüttet 
unb fo oiel ©uted Derpinbert unb Söfed ergeugt, ift tief in bad Offigiercorpd, ja in 
bie gange Ütrmee eingebrungen. ©epr niete Offigiere, befonberd aud ben alten 
Slbetöfamilien, bie Dorgugdweife gern noch immer in ber ferneren SReiterei bienen, 
ftnb entfliehen IRopaliften, unbebingte Slnpänger ber flerifalen fßartei unb pegen 
einen tiefen innern £>a§ gegen ben jepigen ffriegdminifter unb beffen ganged 
©pftem, wenn fie auep ihre ©efinnung nicht immer offen audfprecpen. Slnbere 
ftnb eifrige Drleaniften, Welche bringenb münfdjen, bajj bie jepige Sepubtif ge* 
ftürgt unb burcp einen Sfönig aud bem #aufe Drleand erfept Werbe; nocp anbere 
Wünfcpen ebenfaüd ben Untergang ber SRepubtif, aber bafür einen Sfaifer aud bem 
Stamme ber ÜRapoleoniben. Sefonberd unter ben ältern ©eneraten unb ©tabd* 
offigieren aller SBaffengattungen foU bie Sepublif faft gar feine Slnpünger, aber 
befto mepr heimliche ober offene geinbe gälten, gm ©egenfape piergu finb befon* 
berd bei ber Infanterie unb ben ßpaffeurd bie meiften jtingern Offigiere ent* 
fdjiebene Sepublifaner unb eifrige 2lnpänger non Soutanger, unter beffen güprung 
fie einen balbigen neuen IRacpefrieg gegen 2)eutfcplanb, ber ifjnen fcpnelled SlDance* 
ment unb mititärifchen fRupm bringen fönnte, bringenb wünfcpen. Unter Pieleit 
Jüngern Offigieren foll bie fociatbeinofratifcpe fiepte auep fepon ftarf oerbreitet 
fein, wenn fie ed auep nocp für geratpen palten, ipre Slnficpten bidjept nicht gang 
unumwunben audgufpreepen. 3fn ipren religiöfen unb potitifepen Stnficpten ebenfo 
oerfepieben wie bie Offigiere fotlen bie Unteroffigiere unb SRannfcpaften ber 
frangöfifepen Slrmee fein. Unter ben SRefruten aud ber länblicpeit Seoötferung, 
befonberd aud ben weftlicpen unb füblicpen ®epartementd, finb fepr Diele, welcpe 


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Die gegenwärtige Stärfe unb Organifation 6er franjöftfcßett 2lrmee. 63 


ganj unter bem ©influß ber ©eiftlicßfeit fielen, wäßrenb umgefeßrt bie großen 
©täbte unb bie gabrifgegenbett gar manche entfc^iebcne ©ociatbcmofrateu, bie an 
nicßtö glauben unb nur mit ÜRüße ficß notßgebrungen ber militärifcßen $iS= 
ciplin einigermaßen fügen, in bie Sfrmee fenben. ©o ift bie 3<»ßl ber 5)iSciplinar» 
bergeßen in ber franjöfifcßen Slrmee je^t feßr groß unb afljäßrlicß noch bebeutenb 
im 3uneßmen begriffen. 

$aß bie wirfließe KricgStücßtigfeit ber Slrmee burcß folcße religiöfc unb poli* 
tifcße 3 er rüttung ganj bebeutenb (eibet unb fein gegenteiliges famerabfcßaftließeS 
Vertrauen ber Offiziere unter fuß, feine waßre Slnßänglicßfeit unb Eingebung 
ber SRannfcßaftcn gegen ißte ©orgefeßen babei geheißen fönnen, ift fetbftoerftänb» 
ließ. Unb fo ßat bie ©treüfraft granfreicßS, wenn fie aueß in bieler $infi(ßt feit 
bem 3oß« 1871 ganj entfcßieben gewonnen, in anberer fpinficßt aueß roieber feßr 
eingebüßt, was freiließ nießt auSfcßließt, baß fie immer eine impofante, in jeber 
4>infießt bie grüßte ©eriicfficßtiguitg oerbienenbe SRacßt bilbet, beren ©efiß ber 
franjöfifcßen Kepublif einen ßoßen (Rang unter ben europäifeßen ©roßmäeßten 
fießetn toirb. 

3um ©eßluß motten mir in aller Kürje noeß eine möglicßft jufammengebrängte 
2)arftedung ber franjöfifcßen Kriegsflotte folgen (affen. 

2)anf unferer auSgebeßnten, großartigen ©efeftigungen oder roießtigen §afenptäße 
ber beutfeßen Dftfee* mie SRorbfeefüfte, beS SeiftanbeS unferer eigenen, jmat ber» 
ßältnißmäßig nur (leinen, aber borjüglicßen Kriegsflotte unb ber ©rfinbung ber 
jur Küftenöcrtßeibigung fo überaus mirlfamen lorpeboboote, braueßen mir jeßt 
bei einem etwaigen Kriege mit granfreieß einen SanbungSoerfucß franjöfifcßer 
KriegSfcßiffe an unferer baterlänbifcßen Küfte ni(ßt im adergeringften nteßr ju 
befürchten. Konnten feßon 1870 bie jaßlreießen franjöfifcßen Kriegsflotten weber 
in ber Dft* notß SRorbfee fieß aueß nur beS minbeften ©rfolgeS rüßmen, feinen 
beutfeßen $afen blofiren, feinen 2Rann lanben, fein ©cßiff mit ber fcßmarj*meiß* 
rotßen glagge fapetn, fo finb fie jeßt noeß ungleicß weniger ßierju im ©tanbe. 
SBie biel mäeßtiger fteßt ßierin jeßt baS Kaiferreicß Seutfcßlanb ba als ber elenbe 
2)eutfeße ©unb im 3«ßre 1848, wo einige Heine bünifeße gregatten ben gefammten 
beutfeßen ©eeßanbcl fperren fonnten! 31 ließ bürfte bie &eit, wo bureß gewaltige 
©eefeßlaeßten baS ©eßieffat ber Kriege unb fomit aueß ber ©ölfer entfcßieben 
werben fonnte, für (Europa für immer borüber fein; baS ßat bie KriegSgefeßießte 
feit 1848 feßr überjeugenb gezeigt. Unb bennoeß ueßmen bie Kriegsflotten fomol 
in ber Dffenfib» wie 33efenfiofraft eines ©taateS noeß immer einen feßr bebeutenben 
©ang ein, fönnen große (Erfolge erringen, aber aueß berßinbern, unb fein ©roß» 
ftaat, ber fein SKnfeßen beßaupten will, barf bie Sorge für feine glotte nur im 
aderminbeften oernaeßläffigen, ober er würbe bieS feßr cmpfinblicß büßen müffeu. 

Unter ben glotten ©uropaS nimmt aber, fomol in ißrer ©tarfe wie in ber 
treffließen ©auart ißrer ©cßiffe, 3luSbilbuug ißrer Offiziere unb Uebung ber SOlann» 
feßaften, bie franjöfifcße ÜRarine näeßft ber englifeßen unbebingt ben ßöcßften (Rang 
ein. SRießt allein, baß fie an Saßt ißrer ©eßiffe nnferer beutfeßen fieß weitaus 
überlegen jeigt, ift fie aueß ungleicß größer unb beffer auSgerüftet als bie ruffifeße, 


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6<{ 


Unfere ,gett. 


italienifc^e unb öfterreicf)ifd}e. $emtoh »erlangt ber jefcige frangöfifdje SDtarine* 
minifter, bem böfen Seifpiet feinet SoHegen, beS KriegSminifterS Soutanger, 
folgenb, nodj eine bebeutenbe Serftärfung ber glotte, unb e$ ijt mit Red)t gu 
befürchten, baß bie Kammern in fßaris biefe »ollftänbig unberechtigte gorberung 
bewilligen werben. 

Sie jefcige frangöfifdje Kriegsflotte enthält nah iljrem lebten ©tat 60 fjBanger* 
faljrgeuge, barunter 20 ®djtahtfhiff e erften Ranges ($eutfhlunb nur 7), ferner 
32 SoHbedS* unb ©tattbecfScoröetten gur Kreuzung, bann eine große 3<hf fEor- 
peboS aller möglichen ©gfteme, 9l»ifobampfer, ©ranSportfdjiffe, ©chulfchiffe, Ka* 
nonenboote, gufammen 380 ©ctjiffe, bie nod| gum ®ietift auf ber @ee fähig finb, 
wenn audj wol tnandje berfelben eine fefjr oerattete ©onftruction befijjen unb für 
bie offene ©eefdjladjt nicht fcljr brauchbar fein mögen. S)em ©tat nah f»ß bie 
Rtaunjdjaft ber glotte enhatten: 20 Siceabmirale, 30 ©ontreabmirate, 100 Cinien» 
fdjiffSfapitäne, 208 gregattenfapitäne, 780 SinienfdjiffSlieutenautS, 304 ©h'ff^ 5 
fäfinrihe, 134 Slfpiranten, im ganzen 1600 ©eeoffigiere unb 41000 SOtatrofen, 
SRafdjiniften unb militärifdj organifirte Werftarbeiter in ben großen Slrfenalen in 
granfreidj unb ben Kolonien; ferner 4 Regimenter SRarineinfanterie, in »oller 
KriegSftärfe 800 Offiziere unb 18000 9Jiann, unb ein RtarineArtilleriecorpS »on 
280 Offizieren unb 4200 ÜJlann. ®iefe Rtarineinfanterie unb Artillerie geidjnetc 
fih 1870—71 befonberö bei ber Sertljeibigung »on fßariS fetyr auS unb ift jefct 
im grieben in ben »erfhiebenften ©otonien gerftreut. 

©8 geigt fih alfo, baß wie bei ber ßanbarmee granfreidjö fo auh bei beffen 
glotte fhon mit fefjr bebeutenben 3<hten gerehnet werben muß. @o ftefjt bie 
franjöfifhe Republif fowol gu Sanbe wie auf bem ÜReere ftar! gerüftet ba, »er» 
fügt über ©treitfräfte, Weihe iljr einen »ollgültigen fßtaj} in ber Reilje ber übrigen 
europäifhen ©roßmähte fidjern, unb bebarf, wenn fie niht felbft »on freoelljafter 
KriegSluft ergriffen, oßne ©runb unb Urfadje einen ©roberungSfampf beginnen 
will, wafjrlidj feine Serftärfung ifjrer $eere unb gtotten. 

Rtödjte boh baS, in fo öieter £infidjt begabte unb tttdjtige Sott ber gran- 
gofen enblidj »on biefen KriegSgelüften unb Rahegebanfen abtaffen unb ben alten 
gotbenen ©runbfafc beherzigen, baß ber griebe ernährt, ber Krieg aber »ergeljrt. 
3)iefe fteten frangöfifdjen Rüftungen unb KriegSwünfdje ftören niht allein bie 
Rufje unb ben grieben ber gangen Welt auf baS empfinblihfte, fonbern fhäbigeti 
ben Woljlftanb unb baS ©ebeifjen granfreidjS felbft am weiften; bieö ift eine 
unleugbare Waljrljeit. 


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Jüeutfdje $xUvaxt)tfionktx to ncueffnx JB t\L 

®oit 

fftnbolf non ©oitfidjaU. 

Sßie man fiiteraturgefcßicßte fcßreiben fotl, barübet ftnb in neuefter Seit, 
befonberd fettend ber ©ermaniften, ©eficßtdpuntte aufgeftetlt worben, beten gange 
©infeitigteit nacßguweifen ed einer eingeßenben Slbßanblung bebürfte: bie £lutnt= 
effeng biefer SBorfcßriften befteßt barin, baß bie „äftßetifcße" Siteraturgeft^ic^t» 
fcßreibung für oeraltet ertlärt unb geächtet wirb. 3)ied gefcßießt jebenfaDd unter 
Slnleßnung an bie SBorte, welche ©eroinud in feiner ©inleitung gur „©efcßicßte 
ber beutfcßen Dichtung" über fein SBerf audfpricßt: „3fn einem fünfte Weicht cd 
befonberd non anbern literarifchen ftanbbücßern ab, baß ed nicßtd ift ald ©efcßicßte. 
3tß h^c mit ber äftßetifcßen Sfeurtßeilung ber ©aeßen nichtd gu tßun." $ad ift 
bad 2)ogma für bie ftrenggläubigen Siterarßiftorifer. ©eroinud hat aber feßon 
felbft bureß bie ftßat bewiefen, baß ed unmöglich ift, bied unfehlbare 2)ognia 
fejtgußalten. 

©eine „©efcßicßte ber beutfeßett 35icßtung" entßätt eine SJtenge äftßetifcß=fritifcßer 
Urtßeite, unb, fügen wir ßingu, meiftend feßr fubjectiber Strt; ed finb non oben 
ßerab gefüllte fritifeße Drafelfprücße, bie nießt aud eingeßenber öetraeßtung ber 
einzelnen Jlicßtroerfe ßerOorgeßeu; benn bergleicßen wäre ja eine fießerei. „2)er 
äftßetifcße Seurtßeiler geigt und eined ©ebießted ©ntfteßung aud fieß felbft, fein 
innered SBacßdtßum unb feine Sßoüenbung, feinen abfoluten SBertß, fein SSerßältuiß 
gu feiner ©attung unb etwa gu ber Station unb bem ©ßarafter bed $icßterö." 33ad 
aHed foü ber fiiterarßiftorifer alfo nießt tßun; aber etwad fngen will unb muß 
er boeß über bie eingelnen ®icßtroerfe, unb ba er fein Urtßeil nießt bureß eine 
Slnalßfe berfelben gewinnen barf, fo fprießt er in ber Siegel nur feine eigene 
SJleinung über biefelbe aud — unb bied Verbiet muß bem autoritätdgläubigen 
fßublitum genügen. Slußer biefen oft einfeitigen unb feßarfen ©enfuren entßätt 
aber aueß bie ßiteraturgefeßießte non ©eroinud felbftänbige äftßetifcße Slbßanblungen, 
Wie ben ©ffaß, in Wetcßem er bem ©runb unb Öoben non ©pod unb Sragöbie 
naeßgufpüren fueßt, unb bad ßalteu wir fogar, bie wir auf bem entgegengefeßteu 
©tanbpuntte fteßen, für ein überflüffigeö äftßetifcßed ©infcßiebfel. SBenn bie 3)etail* 
forfeßung ber ©ermaniften aud ißren Sachwerten unb Sadßjeitftßriften ßeraudtritt 
unb in ber ßiteraturgefeßießte bad große SBort füßren will, fo ßeißt bad bie Sieben« 
fache gur $auptfacße rnaeßen — unb barin Iciftet bie beutfeße ©eleßrfamfeit auf 

Unfnt Seit. i$87. I. 5 


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66 


Unfere «gcit. 


manchem ©c&ictc ©rftaunlidjci. ©ewifj h°l bic ßiteraturgefdjichte bie Sßflidjt, 
Wie ©erüiuui jagt, bic ©ntfteljung ber Sidjt werfe aui bcr 3eit, aui bem & reife 
ber gbeeit, Saaten unb ©djidfale nachzuweifen, namentlich wo ei bie ©efchichte 
ber ßiteratur einei ganzen Solfei nnb toieler galjrhunberte gift; aber bai ©h a = 
rafterbilb ber einzelnen dichter bleibt auch h' et immer bie ipauptfachc; bai Sidjter» 
porträt ift bai DJiebaiHon an bem gerichtlichen griei, unb ber ßitcrarhiftorifer, 
ber nur ben festem ju fdjaffen, fein ißorträt mit frappanten 3 ügen 3 “ geftalten 
uermag, ber fann gelroft fein Sttelier fdjliejjen. Sie anbcrn Stationen finb uni 
hierin poraui, fo wenig ber ^ochmuth ber beutfchen ©peciatforfchung — ©pecia» 
tiften finb bei ihrem engen Horizont fteti am ^oc^mütE^igfteu — bai zuzugeben 
geneigt ift. Sßir Perweifen nur auf ben ©nglänber Saine, ber ja, wai eine präg» 
matifche ßiteraturgefcf)i<htf<hreibuug betrifft, noch weit über ©eroitiui ^inauSge^t; 
benn ihm genügen nicht titerarifche Säten, SBechfetbejiehungen unb 3ufnmmen= 
hänge; er geht überaß fogar auf bie cutturgefchichtli<he ©runblage surücf, ja bii 
auf phhfiologifche Sorausfehnngen. ©tcichwol bitben ben JSern feine# SSerfci bie 
(Xljaraftergemülbe ber einzelnen engtifchen ©chriftfteßcr nnb dichter, bie mit einer 
bie feinften Qüge berücffichtigenbeu, auigezeichneten iporträtinalerei auigeführt ftnb. 
dagegen tritt bai 3 «fammengeftüdeltc beutfeher ßiteraturgefchichtfchreibung, bcr 
fich bie Sichterföpfe oft 311 Scjirbilbern perfdjicben, wo man bie Profite aui 
Söaumftämmen Ijeraui entziffern muh, tief in beu ©chatten. 

SBcnn fdjon eine aßgemeine ßiteraturgefchichte ober bie einei einzelnen Solfei 
unbenfbat ift, ohne bie SBürbigung ber Sebeutung ber einzelnen Sichter, bai heißt 
ot;ne eingehenbe äfthetifche fi'ritif, fo ift bei ber ßitcraturgefdjichtc einzelner ©pochen, 
befonberi ber neuern unb ueueften, bie nur eine 3 eit umfaffen, welche über bai 
ßebenialter einzelner zu honett fahren gefommener dichter nicht hiiwuigeljt, bie 
fogenaitntc ftreng gefchichtliche Sarfteflung, welche nur disjecti membra poctae geben 
fann unb aßei in ftjndjvoniftifche Sabeßen auflöft, entfehieben ein Uebcl: hier gilt 
ei, bie Slutoreu nach ben 9iid)tungcn unb ber ©igenart bei ©djaffeni, nach äfthe» 
tifchen Stüdfichten z“ gruppireit, unb bie 3 e<lgefdji<hte felbft h at himüu fdjon 
porgearbeitet, inbent burch bie gleidjzeitige fi'ritif fdjon berartige ©ruppen fifirt 
werben; ^ier gilt ei, ijJorträti unb (Sh ar aftcrbitber bcr einzelnen Sichter aui bem 
©anzen unb Soßen zu geben, fobafc iljc Silb fich bauernb bem ©eifte unb Kerzen 
bei Solfei einprägt, wai foßte hier ein tobter Stotizenfram nüjjen? 

2Bir ^aben alfo ßiteraturgefchichten ber ftrictcn Cbferoanz nach bem SRecept 
pon ©erPinui, Wir ^aben anbere, bie meljr ober weniger Pon äfthetifchen ©efichti» 
punften auigeheu, bann wieber fotdje, bie eine tenben^iöfe gärbung befi^en, wie 
namentlich bie uttramontanen ©djriftftcßer, bie auf biefern ©ebiete ziemlich pro» 
buctiP finb, fie ihren SBerfeu geben; anbere wieberum tragen bai ©epräge einer 
fdjarf auigeprägten einfeitigen ©efdjmatfirichtung, wie feiner^eit bie ßiteratur» 
gefehlte Pon SBolfgang Sßtenzel. 2lui ber 3ohi ber neuern ßiteraturgefchichten greifen 
wir einige tjeraui, welche mehr ober Weniger biefe ocrfchiebenen föidjtnngen Pertreten. 

Slm farblofeften erfdjeiitt bie bereiti in brittcr Sluflage porliegenbe „©cfdjidjte 
bcr beutfchen ßiteratur" pon SBilhelm ©cherer (Scrlin, SBeibntann’fche Such» 


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Deutfdje Citcrartjiftotifer ber neueftcn ,3eit. 


67 


hanblung). Steter, ein tüchtiger ©ermanift, ift burd) einen frühen Xob feinen 
Stubien entzogen Worben; er ftarb am 6. Slug. 1886 ju Berlin, Wölfin er be= 
rufen worben, nadjbem er in SBien feine afabemifche Karriere begonnen unb bann 
an ber Unioerfität in Straßburg eine fßrofeffur befleibet hatte. SÜJiit griinblidjer 
©elehrfamfeit bie berfdjiebenen ©pochen beutf^er ßiteratur befjerrfdjenb, wie er 
bieS in wiffenfdjaftlidjen Monographien mit lebhafter Slnerfennung ber gadj» 
gelehrten bewiefen, glaubte er auch eine „©efdjichte ber beutfchen ßiteratur" für 
baS große fßublifum oerfaffen ju muffen unb unterjog fich biefer Slufgabe mit 
großem ©efchicf, inbem er feine Ware unb elegante DarfteHung mit (einem ge= 
lehrten ©aUnft befrachtete, fonbern biefen in einen Slnljang bertoieS. @r fchrieb 
ein lesbares SBerf bon hanblichent Umfange, unb baS ift für einen beutfdjen ®c= 
lehrten eine rühmenSwertlje 2hat; benn nur wenigen gelingt es, baS Sitetier ju 
berteugnen unb ihren Stoff lünftlerifch ju geftatten. 

Scherer nennt uns felbft bie Vorgänger, bie ihn ju biefem SBerfe angeregt. 
Ißrofeffor Müllenhoff fteüte ihm alles jur Verfügung, was er bon feinen Slrbeitcn 
gebrauchen fönne unb wolle. „Dies war allerbingS nothwenbig; benn feit ich > m 
SBinter 1860 nnb 1861 Müllenhoff’S Söorlefungen über ältere beutfdje ßiteratur» 
gefchichte gehört. War ich gewohnt, eigene gorfchungen unb ©ebanfen an baS ba» 
malS ©eiernte anjulnüpfen, fobaß fich wir Eigenes unb grembeS unauflöslich 
bermifchte unb ich eine ©efammtbarftetlung nur unternehmen founte, wenn ich über 
meinen Sefifc, gleichbiet aus welcher iOueHe er mir jugefloffcn, frei berfügen burfte. 
SBo ich wir ber ©ntleljnung bewußt war, habe ich baS ftetS in ben nachfolgenbeu 
Slnmerfungen auSbriicflidj herborgehoben; aber eS Wirb an unbewußten ©ntleh- 
nungen nicht fehlen unb bie ©efdjichte nuferer $elbenfage ruht ganj auf Müllen» 
hoff’S Unterfuchungen. Stoch Weniger wäre ich iw Stanbc, im einzelnen anju» 
geben, Was ich feit nun Wohl 27 fahren bon ©erbinuS gelernt, ben ich wit 
immer neuer ©ewunberung tefe, fobiel ich auch ©eranlaffung finbe, ihm ju wiber» 
fpredjen. Unb ebenfo lange mag eS her fein, baß gulian Schmibt’S «©tfdjidjte 
ber beutfchen ßiteratur im 19. galjrhunbert» mich wit einem wahren ©nlfjufiaS» 
muS erfüllte unb mir ju ben (iterarifchen ©rfdjeinungen ber ©egcnwart einen 
bortäufigen feften ©taub gab." SBir mögen eS bähet nicht aDp fehr bebauern, 
baß Scherer feine beutfche ßiteraturgefchicfjte ganj wie ©erbinuS mit ©oethe’S 
lobe abfchlteßt; benn er würbe ja, wie er felbft belemtt, bie neuern dichter 
burch bie ©rille gulian Schmibt’S gefeiert haben, unb in Welcher ©cftalt fie ba 
erfdjeinen, fennt man ja hinlänglich aus beut SBerfe bcS ledern. Der Slbfchtuß 
mit ©oethe’S lobe gehört im übrigen ju ben Merfmaleu ber oorueljmen beutfchen 
ßiteraturgefchidjtfchreibung, bie fich nicht burch bie Serührung mit ben mobernen 
SchriftfteHern etwas oergeben will. DiefeS ©rincip Ijerrfcht ja auch bei unfern 
©hmnafien unb Uniberfitäten unb hat junt Sheil bie boüftänbige UrtheilStofigfcit 
unferer wiffenfchaftlidj eingebilbeten Männerwelt über neuere literarifdje ©rfchei- 
nungen unb auch bie X^eifna^mloftgfcit ihnen gegenüber jur golge, währenb bie 
auf höfjern Dödjterfchulen tjerangebilbeten grauen in ber neueften beutfchen Site» 
ratur eher ©efdjeib Wiffen. Doch auch biefe Dfjatfache läßt ja bie SBürbe ber 
SBiffenfdjaft gefäljtbet erfcheiuen, wenn biefe fich auf ein ©ebiet herabließe, baS 

5 * 


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68 


Unfere <3 e it- 


in ben höh etn äRäbcfjcnpcnfionen angebaut wirb. Steter rechtfertigt feine Dor» 
nehme Bnrücfhattung gegenüber ber Siteratur ber ©egenwart mit fofgenben SBorten: 
„SJlit bem ©rfdjeinen beS oollenbeten «gauft» bricht meine ©rjäf)Iung ab. Stur 
hierburch gewann ich einen würbigen Schlug, ben ich burdj einen Süd auf bie 
lefcten 50 Sahre unferer Siteratur, ber fich wie ein jerftreuter unb jerftreuenber 
Anhang ausgenommen hoben würbe, nicht Derberben wollte. SieQeicht liege fich 
fpfttcr einmal ein SluSweg treffen, um etwaigen SBünfcfjen beS fßublifums ent¬ 
gegen jnfommen: es fönnte wirflicf) innerhalb beS SlnjjangeS eine 3ufammenftelluug 
ber wichtigften Shatfadjen unferer Siteraturgefchichte unb eine furze objectioe 
Gharafteriftif unferer herDonragenbften Schriftfteller feit 1832 berfud)t Werben." 
Sllfo bie neuen Schriftfteller in ben Slp^jenbif Derwiefen unb bann burdj einen 
SluSzug aus Julian Sdjmibt gewürbigt! SBir hätten bem £>errn Serfaffer Don 
Kerzen ein längeres Seben gewünfdjt, aber biefer Slnljang in fßetit wäre hoch au<h 
bann beffer fortgebtieben. 

©oethe’S Sob gilt für ben einzig würbigen Slbfdjlug einer beutfdjen Sitcratur» 
gefehlte: wir fönnen biefem äußern Saturn feine foldje SSidjtigfeit beimeffen. 
9ludj bie Soüenbung beS „gauft" hat auf unfere Siteratur feinerfei maggebenbe 
ÜBirfung mehr auSgeübt, nur bie bfinbe Sewunberung ©oethe’S, bie fich au( h 
auf biefen misfungenen ^weiten Sheif erftredt, fann bieS behaupten: gfeichwof 
ift biefer Slbfchlug für baS Scherer’fdje SBerf ein berechtigter; benn ein Srittljeil 
beffefben lägt fich nur Q tS eine öiograpljie unb Gharafteriftif ©oethe'S bezeichnen, 
in Welche bie anbern Sichter epifobifcf) mit eingeflochten finb. Stur Schiller 
nimmt einen breitem Staune ein, wenigftenS bort, wo fein Seben mit bem« 
jenigen ©oethe’S eng oerwebt ift, währenb feine Sugenbbidjtungen ebenfalls 
fehr ftiefmiittertich behanbelt finb. ScShalb fonnte Scherer mit gutem ©ewiffen 
mit ©oethe’S lob fein SBerf abfdjliegen; benu alle ^Biographien enben ja mit 
bem Sobe ihres gelben. Scherer hat wie ©etDinuS ein Schlugfapitel über bie 
Stomantif, in welchem auch $idjtcr wie ißlaten, Stüdert, ©riHparjet, felbft £>cin* 
rieh #ehte befprochen werben, welcher festere aflcrbingS auf Srentano unb bie 
romantifche Schule jurüdweift. 

SBenn inbeg ©oethe'S Sob nicht an fich ein fo tiefgreifenber Ginfchnitt ift, 
bag eine Siteraturgefchichte bamit fliegen unb bie SBerfe ber nachfolgenben 
50 3ahre flangfoS jum DrcuS hinabgehen taffen fönnte, fo fällt er hoch in eine 
Seit, in welcher in ber Sljat eine neue literarifdje Gpodje beginnt. Swei 3al)re 
Dorher hatte bie parifer gulirebolution ftattgefunben unb in ber beutfehen Site« 
ratur ebenfalls eine reoolutionäre ©poche begrünbet, aus Welcher bie moberne 
Schule ber Sichtung heroorging; wer atfo mit bem SRobernen fich nicht befaffen 
will, ber tf)ut Wohl baran, Dor bem ©inbrudje biefer jungbeutfehen Sturm« unb 
Srangperiobe fein Sitcraturmcrf abzufchticgeu unb IjöchftenS noch bem SturmDogel 
berfelben, Heinrich §eine, etwas bie gebern auSjurupfen. 

SaS Söerbienft ber Scfjerer’fchen Siteraturgefchichte befielet befonberS in einer 
glüdlichen Slbgrcnjung unb Gharafteriftif ber einzelnen ©pochen unb in einer 
eleganten Sieprobuction ber einzelnen Sichtwerfe, gn festerer ^inßdjt mag fie an 
bie Siteraturgefchichte Sßilmar’S erinnern: nur finb bei Scherer bie fritifchen 


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Deutfcfjc Citerarfßftorifer ber ncueften <3cit. 


69 


Steßeje häufiger, reelle ber gefcbmacföoßcn Qu^altäangabe bet einzelnen SBerfe ouf- 
gefeßt finb. SBal bie Darfteflung unferer claffifcßen ©poche betrifft, fo oermißen 
mir freilich jebe originelle Suffaßung. SBer bie ©oethe=Siteratur fennt, wirb in 
ben umfaffenben ffapiteln, in benen Stierer ben großen Dichter beljanbelt, !auni 
irgenbeine neue Snfchauung oertreten finben. ©ine gefefjmaefoofle Kompilation 
ber ©oethe=©ommentare: bol ift el, mal uni ©euerer ßier bietet. 

SebenfoDl üerbient bie erfte £ätfte bei SBerfel ben Söor^ug: el ift ba Kultur» 
gcßhichtlidjel unb Siterargefdjidjtttcfjel gtüdticf) oereinigt, unb ßier fehlt el aud) 
liiert an neuen ©eßdjtlpnnften. ©I läuft inbeft in ber Darfteflung bilweilen 
eine etwal gefugte NJetaphorif mit unter unb in ben ©ombinationen eine wifl= 
fürlidjc Spielerei. So fagt Scherer j. ©.: „Der große Umriß unferer Siteratur- 
gefeßiehte befommt eine außerorbcntliche Sfforheit, wenn man fi<b gegenwärtig 
hätt, baß fie brei $öhepunfte erltommen i^at, welche ungefähr je 600 3al )tt 
ooneinanber liegen. Um bal 3ahr 600 n. Sßr. — el fei geftattet, eine foldje 
befiimmte .ßahl ö u nennen, Welche nur gan$ ungefähr ju nehmen ift — um bal 
Safjr 600 alfo, nachbem bie gewaltige Umwälzung ©uropal üofljogen ift, bie 
©ermanen auf bie ©ölferwanberung gurücfblicfen unb jugleich bie geiftige SNacht 
bei beßegten Nömerthuml fehlte, erlebt bal germanifche Nationalepol feine ©lüte. 
Um 1200 famen jene in ber Btoißhenaeit fyaib oergeffenen Stoffe ber $elbenfagc 
wieber in Aufnahme, unb bie uni befannten ©ebichte oon ben Nibelungen unb 
oon ©ubrun entftehen. 3ug(eic^ aber wirfen ©pifer unb Cprifer oon erftem 
Stange, SBoIfram oon ©fchenbach, ©ottfrieb oon Straßburg, SBalttjer oon ber 
©ogelmeibe. Um bal ^aßr 1800 befifct Deutfchlanb feinen ©oetße, feinen Sdjifler, 
beren bichterifdje unb gelehrte ©enoffen unb Nachfolger. Sffienn wir oon £>öhe= 
puntten ber ©ntwidelung fprechen, fo fefct biel ooraul, baß ein Streben ju biefent 
fünfte hin» ein ©mporfteigen unb nachher ein $erabfinfen ftattfinbe. Die £ö£)e= 
punfte ftnb gleichfam SBeflenberge, unb ben SEBeflenbergen mäßen SBeflentljäler 
entfprechen." 3n ein foldjel SBeßenthal gleiten wir atfo auch jefct aßmählich 
hinab, unb wir fönnen el uni gleichfam an ben Ringern abjäfjlen, baß el in ben 
näcßften jroei Sahrhurrbcrten immer tiefer in bie liefe geht. Diefe Äabbala 
Scherer’l fönnen wir nur für ein feljr müßigel ©ombinationlfpiel holten. $on 
einer erften ©lüte ber Nationalliteratur um bal 3ahr 600 }u fprechen, ift fein 
Siterarhiftorifer berechtigt: bie Siteraturgefchichte fann nur an oorhanbene Denf= 
mäler anfnüpfen, unb nicht im Dunfein tappenb fßreife oertheilen. Such iß bal 
3aljr 600, wie Scherer fetbft jugibt, fehr willkürlich angenommen; biefe ganje 
literarhißorifche Srithmetif gehört ju ben ©eluftigungen bei SBifcel unb ber @iu= 
bilbunglfraft. 

Dagegen iß bal mittelhochbeutßhe ©olflepol, ftnb bie hößfdjen ®pen treßenb 
charafterifirt, bie fßhhßo<]nomie einel tpartmann oon Sue, ©ottfrieb oon Straßburg, 
SBoIfram oon ©fchenbach unb ihrer ©pigonen treten in feßarfen Umrißen h er °or. 
Such bie Kapitel „Neformen unb Nenaißance", „Die Snfänge ber mobernen Site- 
ratur" enthalten oiete treßenbe ©eleucßtungen unb ©harafteriftifen, obfehon bie 
©renje jWifcßen biefeit beiben Sbfchnitten eine fließenbe ift. SBarum j. ©. Snbrcal 
©rtjphiul in bem erßertt unb $ofmannlwa(bau unb Sohenftein in bem lefctern 


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70 


Unfere <§eit. 


untergebra<ßt finb, ift mcßt rcr^t abzufeßen; ebenfo wenig, Warum biefe fcßwutftigen 
Poeten ber zweiten Scßtefifcßen Schule in einem Slbfcßnitt gefcßilbert werben, 
Wetter bie Ueberfcßrift trägt: „Perebtung beS üotfStßümlicßen ©efcßmacfS." 3m 
übrigen ftnb fie auch feßr ftiefmüttertieß beßanbelt, wenn aud) bie parallele 
ZWifcßen beiben eine geiftreidje ift; Soßenftein’S Dramen üerbienten boeß ebenfo 
gut wie bie üon 2lnbreaS ©rßpßiuS genannt ju werben. Sehr cingeßenb bagegen 
ift bie Sßarafteriftif üon ©ottfeßeb unb ©eßert; cS ftnb tebenSüofle Porträts. 
©ottfcßeb’S Scrbienfte um bie beutfeße Sprache unb Siteratur werben im aflge» 
meinen anerfannt, feine „Poetil" inbeß wirb nicht nach Perbienft gewiirbigt; fie 
enthält üiele S’apitet, bie auch noch heute ©eaeßtung üerbienen würben, „©ottfeßeb 
pertrat aße feine titerarifeßen 3ntereffen als fleißiger 3<>urnalift. Sr lebte üon 
1700 bis 1766, unb 34 üon biefen 66 3ahren gab er 3eitfcßriften heraus, bie 
er gefeßieft rebigirte unb größtentßeitS felbft fcßricb. ©eine Steßung an ber Uni= 
üerfttät gewährte ihm bie SNöglicßlcit, junge 2eute ßeranzuzießen unb als 9JHt‘ 
arbeitet ju gebrauchen. Sr rief zahlreiche Uebcrfeßungeit ins Sehen unb biente 
bamit nicht bloS ber Siteratur, fonbern ber aßgemeinen Slufflärung. Die widj= 
tigften englifeßen SBocßenfcßriftcn, ©aßle'S «Dictionnaire», Seibnij’ «Dfjeobicee», 
SBcrfe beS gontanefle, «Die ©efeßießte ber franzöfifeßen 9lfabemie» unb anbcreS 
würben bureß ihn, feine grau ober fouftige Reifer für jebermantt zugänglicß. 
Ueberfchtägt man biefen Dßeil feiner IX^ätigfcit, bie litcrarßiftorifcßen Arbeiten, 
ben üorwaltcnben 9lntßeil am Drama, bie ©erbinbung üon Dßeorie unb ©efchichte, 
üon eigener Probuction unb Ueberfeßnng unb frägt man, wer hierin fein Nachfolger 
war, wie Wbelung für bie Sprache, fo fann bie Slutwort nicht zweifelhaft fein: 
©ottfcheb'S Srbe war Seffing, ber erftc firitifer, 2leftßctifer, Ueberfeßer, Drama- 
tifer unb Dramaturg ber Deutfchen in ber nadj=©ottfcßcb’fcßen Seit. Sr war aber 
nicht bloS ©ottfcheb’S Srbe, fonbern auch ©ottfcheb’S ©ernießter." Daneben tritt 
nun ©eßert. „Der Iränfliche SNamt, ber mit tjo^tcr Stimme im Weinerlichen 
Done üortrug, fammelte einen großen 3ußörerfreiS um j> en er zur Neinßeit 
ber Sitte unb zur Neinßeit beS Stils anleitcte. Seine ütutorität war groß im 
proteftantifeßen wie im fatljolifcßcn Deutfchlanb; er hatte im 9lbel wie im ©ürger* 
tßum feine Sorrefponbenten unb Sorrefponbentinnen; ißm hulbigtcn bie Solbatcn 
beS Sitten griß unb beren öfterrcichifche ©egner. Nannte man einft SNetancßthon 
ben Beßrer DeutfchlanbS, fo hätte er DcutfcßtanbS §ofmeiftcr heißen föunen. 
©on ißm erbat man titerarifeßen Natß unb moralifche £>ülfe; er foflte Seftüre 
empfehlen unb ©ewiffenSfragen entfeßeiben, auS feiner $anb woßte man Spießer 
unb ©efeflfchafterinneit, ja womöglich ©räute unb ©atten empfangen. «9tn ©eßert, 
bie Dugenb unb bie Neligion, glauben», fagte ein fpätercr Krittler, «ift bei 
unfernt Publieo beinahe eins.» Stber baS aßgemeine Zutrauen, welches ber 
Plenfcß unb ber Beßrer genoß, berußte im testen ©runbe auf bet außerorbent* 
ließen Popularität beS ScßriftfteflerS." Sr hatte fieß in ntannießfaeßen DicßtungS* 
arten üerfueßt, in Scßäferfpielen unb Suftfpieten, aueß einen großen Noman üer- 
faßt, boeß bie ©rnnbtage feines NnßmeS blieben feine poetifeßen gabeln unb Sr» 
Zäßlungen unb bie geiftlicßen Cben unb Sieber. 

Die beiben leipziger profefforen erfeßienen bereits im Naßmen beS griberU 


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Ceutfcfje Citerarfyiftorifer 6er neueften <5ert. 




cianifdjen Zeitalters; an fie reifen fid) Seffing, Slopftocf, ©erber, SBietanb, ber 
junge ©oetfje unb ber junge ©djifler. 3 m ßangen bringen biefe Slbfchnitte bem 
Siteraturfenner nichts SteueS, nur bie freunblicfje «eleudjtung SEBietanb’S, ber oon 
oielen Siterarhiftorifern über bie Steifet angefefjen ioirb, macht einen toobttbnenben 
Gtnbrucf. ©in SQtiSOerhältnifj aber macht fich gettenb in ber «eljanblung beS 
jungen ©oetbe unb beS jungen Schiller: mie eingehenb ift „©öfe" unb „2Bertf)er", 
mie beiläufig finb bie Schifler’fcfjen ^[ugenbbramen befprochen! Später nennt 
Scherer einmal gelegentlich biefe gugenbbramen fatirifche Sichtungen; eS gefchieht 
bieS {ebenfalls im ©inblicfe auf Sd)iHer’S eigene ©rflärung berfelben im Sluffajj 
„Ueber reine unb fentimentalifche Sichtung": „Satirifch ift ber Sichter, wenn er 
bie Gntfernungen ber Statur unb ben SBiberfprucf) ber SBirflichfeit mit bem Sbeal 
(in ber SBirfung auf baS ©emiith fommt beibcS auf eins hinaus) gu feinem 
©egenftanbe macht. SaS fann er aber fomol ernfthaft unb mit Slffect, als fcfjerg* 
haft unb mit ©eiterfeit ausführen." 

SaS allgemeine SJtomcnt ber «egriffsbeftimmung beS Satirifdjen fcheint gtoar 
hier oorljanben gu fein; fchtoerlich aber hätte ber Sichter bie Slnmenbung auf 
feine „Stäuber" unb „gieSco" fetbft gemacht. Ser 2Biberfpru<h gtoifchen ber 
Söirftichfeit unb bem 3bea( beherrfchte gtoar bie Stimmung beS SichterS; aber 
in ber bramatifdjen ©eftaltung finb hoch noch gang anbere Kräfte unb Stirn» 
mungen lebenbig, unb wenn mir bei bem lanbläufigen Segriff bet Satire an ihre 
fclbftänbigen gornten benfen, fo befrembet bodj bie UnterfteKung grofjer Sragöbiett 
unter biefe Stubrif. 

3n bem großen Slbfdjnitt „SBeimar", beffen ©elb ©oettje ift, mirb Schifler's 
SBirfen, merben feine bramatifchen SBerfe unb ©ebichtc etmaS eingehenber bchanbelt. 
Scherer ftcht nicht auf bem Stanbpunlte ©oethe'S, melcher meinte, baS beutfefje 
«oll müffe \id) freuen, gtoei folche Serie gu haben, unb fit© nicht barüber ftreiten, 
tuet »on beiben ber größere fei. gür ihn ift ©oethe unbcbiitgt ber größte beutfc©e 
Sichter: eine ©röfjenmeffung, bie uns für eine objectiüc Siteraturgefchicfjtfchreibung 
menig geeignet erfdjeint, ba fie hoch immer auS ber fßerfpectioe fubjectiuer Schälung 
heröorgeht. 3m gangen mirb Schiller in berartiger SBcife behanbclt, baf} man 
biefer «ehanblung ben fubalternen Stang anmerft, ben Scherer bem Sichter ein* 
räumt: fchtoerlich mürbe man aus ber Ülnattjfe ber Schifler’fdjen Sramen erfehen, 
morin biefe einen fo grofjen «orfprung uor ben ©oethe’fchen in «egug auf tiefer 
greifenbe SBirfung haben. 3" bie gange Sarfteflung Scf)ifler’S finb neben bem 
Slnerfennenben, maS ja bem Siebling ber Station nicht üerfagt merben fann, herab» 
fefcenbe SBenbungen oermebt, melche bie mangelnbe Spmpathie beS SitcrarhiftoriferS 
für biefen Sichter ©ittlänglit© ißuftriren. So g. «. mirb «ofa mit Stathan 
uerglichen, bie Scene, in melcher ber SJtaltefer oor König «hit*PP fteht, mit 
berjenigen, in melcher Stathan bem Sultan bie ©efchichte oon ben brei Stingen 
ergäbt. Safe «ofa oon bem Sohne Sarl’S V. einen Staat oerlangt, morin bie 
Krone nach SDtenfchengtücf giele, üeranlajjt Scherer gu ber ©enterbtng: „SDtänner* 
ftolg oor Königsthronen moflte Schißer barfteßen, mie er es im «Sieb an bie 
greube» Oerlangte; aber gerabe bie unreife ©rfiubuug luirfte auf bie ©emütfjcr; 
gerabe in ben pftjchologifchen unb poetifefjen gehlern lag eine itnmibcrftehliche 


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72 


Unf>re ^eit. 


©ewolt." Unreife ©rfinbung, poetifefte unb pfpdjologifche geiler — bamit ift 
©ofa befeitigt. dergleichen übt hoch fonft feine SBirfung, fiöc^ftenS eine abftoßenbe 
aus. ©ei ber Ahalftfe oon „SBattenftein" heißt es gefegentlich: „durchgängig 
charafterifirt Schiller mehr burch baS, roaS feine giguren über fich unb anbere 
non ihnen auSfagen, als burch ©anblungen, aus benen wir feibft bie ©hatafter» 
jüge entnehmen fönnten." 2Benn baS tuahr toäre, mürbe Schüler faum ben An* 
fpruch hoben, unter ben beutfdjen dramatitern in erfter SReilje genannt ju roerben; 
hoch eg ift nur eine gänzlich unbegriinbete SRcbenSart. Stile Schifler’fchen ©eiben 
mit menigen Ausnahmen charafterifiren fi<h fehr fcharf burch if}*e ©anblungen. 
„die Saoflfeau non Orleans" foQ an ©oethe'S „©gmont" unb ,,©öft" erinnern: 
mieberum eine burch nichts gerechtfertigte ©eljauplung. ©S gelang Schiller hier 
nicht, bas 9Jeue barjuftctlen, etmaS beffer, aber auch nicht ganj, im „detl". „dm 
©raut non SlWeffina" bagegen ift baS ©ö(©fte SBerf reiner fi'unft, baS Schiller 
hernorgebracht ©ot. das ift bie afabemifche Schäftung, ©ei ber ©efpreeftung 
feiner ©ebanfenbichtungen heißt eS: „Schiöer’S Sprache ift nicht reich- muß 
auch h‘ w ntit SBenigem hauShalten, aber er rneiß eS glänjenb ju nermerthen." 
@S finb baS ©eljauptungen, benen gegenüber man förmlich nerftummt. Scftiller’ö 
Sprache nicht reich, fie, bie auS unerfchöpflichem OueH bie ganje Literatur beS 
folgenben ^ahrftunberts befruchtet hot? das ift übrigens alles auch nicht neu; 
man fennt begleichen aus ber Sigeunerfprache ber gelehrten, äfthetifchen ©liquen, 
melcfte meinen, etmaS nor bem ©olfe oorauSjuftaben, wenn fie auf Schiller nor- 
nehm ©erabfehen. 

Seiber finben mir biefe geinblichfeit gegen Schiller, unb jrnar in noch fchrofferer 
gorm auSgefprocften, auch in einem fonft höchft oerbienftlicfjen 2Berfe: „©efdjidjte 
ber beutfehen Sitcratur", oon granj ©irfch (3 ©be„ Seipjig, SBilhelm griebrich). 
©on bem SBerfe Scherer’S unterfdjeibet fich baSjenige oon granj ©irfch burch 
feinen confequent burchgefüftrten anthotogifchen (Sharafter. @S ift jwar weit baoon 
entfernt, ber Anthologie ungehörige 3ugefiänbniffe ju machen; ber Sfyarafter ber 
roiffenfchaftlichen darftellung, ber hiftorifchen ©ntmicfelung bleibt immer gewahrt; 
hoch baS Porträt ber einzelnen dichter erhält burch füttere AuSjüge aus ihren 
namhafteften SBerfen eine für baS große ©ublifum münfchenSwerthe ©eleuchtung. 
granj ©irfch hat tüchtige germaniftifdje Stubien gemacht, Wenn er auch nicht ju 
ben gadjgelehrten ber Unioerfitäten gehört wie Scherer, doch fteHt er nirgenbs 
feine ©elehrfamfeit in überflüffiger SBeife jur Schau, WaS atlcrbingS auch ®<herer 
nachgerüftmt werben muß, ber alle Quellenangaben in ben Anhang oerweift; bie 
darftellung oon granj ©irfdj ift burchmeg fließenb uub gefchmacfooK, unb wett¬ 
eifert hierin mit bem Scherer’fcften SSBerf: hoch fie ift reicher an ©erfpectioen unb 
parallelen, ©ine ftreng pragmatifche darftellung hot jWar ein Siecftt, biefelben 
ju Oerfchmähen: aber fie finb burchauS fein müßiges Spiel beS SBifteS, foubern 
bienen für einen großen SefcrfreiS baju, oft in frappanter SBeife bie ©igenart 
eines SchriftftellerS ins Sicht ju feften. da fich heutigentags jebe SBiffenfdjaft in 
Specialitäten oerflüchtigt, bie einzelnen gorfcher oft nur einjelne ©pochen befterrfchen, 
fo finb fie auch gar nicht in ber Sage, ficft jene üermeintltchen ©erfünbiguugen 


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Deutfdje Citerarfyiftorifer ber neucften <3eit. 


73 


$u Schulben fomrnen ju (affen: e« fehlt ihnen bet baju nötige Ueberbttcf, be» 
fonbet« wo e« ©ergleidje jwifchen ©djriftfteflern bet mittlern unb ber neueften 
giteratur gilt. 

An ©uftao greptag’« ©orbitb fich anlehnenb, h°t tfranj £>irfch Ieben«öotIe 
Sulturbitber in feine 2itetaturgefdjicf>te oerroebt. Dpne ben Sufontmenljang mit 
bet ©utturgefchidjte witb jcbe giteraturgefchichte in bet 2uft fchweben. $irfch 
fcpUbert ba« geben ber $Iöfter, ba« SSBefen be« (Rittertum«, bie erfte ©eftattung 
ber ©olföbüljne in (ebenbiger unb anfchauttcher SEBeifc; ebenfo wibntet et einzelne 
ffapitel ber neutateiuifchen Dichtung, ber 3oumaIiftif, ben giteraturbebingungen 
be« 3ahrt)unbert« bet (Reformation unb üie(e«, wa« mit ben culturgefd)icf)t(id)en 
3uftänben im 3ufammenhang fteljt unb oon ben 2iteraturf)iftorifern meiften« nicht 
berüdficptigt würbe, in eingehenber unb geiftoofler SBeife. Sef)r treffenb finb bie 
©harafterbitber, bie er Don ben berühmten (Dichtem be« 3Ritte(a(ter«, SBatther 
oon ber ©ogettoeibe, SBoIfram oon ©fdjenbach unb ©ottfrieb oon ©trajjburg, ent» 
wirft; ba ift nicht« 3ufammengeftücfette«, e« finb ©harafteriftifcn au« ©inem ©ufj. 
jpirfch behauptet mit Afchbadj bie Unechtheit ber (Dramen ber £>or«witha, a(« 
beren ©erfaffer ihm Sfonrab ©eite« gilt. Spätere (JJerioben finb im ganzen 
treffenb charafterifirt, einzelne Dichterporträt«, j. ©• ©oetfje, Oon frappanter Aeljn= 
(ichfeit. ©benfo treten bie ÜRänner be« 3teformation«jeitaIter«, bie Vorläufer 
unferer clafjifchen ©poche, meift mit fdjarfen 3ügen h<*Oor. 3« ©ejug auf bie 
neuefte 3cit hat gran^ $irfd) feine 2ieb(inge, bie oorjug«weife unter ben (Realiften 
ju fuchcn finb; e« begegnet ihm babei nicht fetten, baf} er unbebeutenbe Autoren 
überfchäfct, ober im Streben nach ©ottftänbigfeit feine (Regifter fo überfüllt, bafj 
bei bem gleichartigen SDtaffenaufgebot bie (Sonne feiner Äritif über ®erechte unb 
Ungerechte Wahtto« aufgeht. Die (Rangunterjctjiebe jwifchen ben einzelnen Autoren 
treten nicht fcharf genug heroor, Wenn auch bie erflärten 2ieb(inge be« Dageö bei 
bem Autor auf feine Dppofition ftofjen, fonbern mit einer ber Stimmung be« 
2efepub(ifum« entfpredjenben ooflen Anerfcnnung gewiirbigt werben. Doch Wer 
bie 2iteratur ber ®egenwart befpricht, Wirb fich fdjmerttch oon perfönlichen Spm» 
pathien unb Antipathien ganj frei machen fönnen, ebenfo wenig oon ben jefct 
herrfchenben Strömungen ber öffentlichen KReinung, währenb erft bie 3ufunft ba« 
©nburtheil über bie ©ebeutung ber einzelnen Dichter fprechen fann. 2Bie oft hat 
ein fpätere« ©efchlecht bie frühem ©röfjeit be« Dagc« ju ben Dobten geworfen! 
Auch oerleugnet ftranj $irfdj nie ba« Streben nach unbefangener SBürbigung ber 
einzelnen titerarifchen 2eiftungen ber ©egenwart; fein Urtheit über biefelbe ift nie 
einfeitig ober gar hümif^, unb . er roeifj immer geiftrcichc ©eficht«punfte feftju* 
hatten. 

Dagegen müffen wir bei feiner ©harafteriftif unferer claffifchen ©poche auch 
einen Augenbttcf oerweilen. Die ©erherrtictjung ©oethe’« geht £>anb in $anb mit 
einer #erabfe|ung Schiller’«, wie fie nun einmal bei unfern giterarhiftorifern 
üblich ift« welche weiften« au« gemifj fehr fchäfcen«werthen germaniftifchen Stubien 
herau«treten, wenn fie an bie DarfteQung ber neuem giteratur gehen. (Run muji aber 
bie Dhatfadje feftgchatten werben, bafj jene (iterarifche ©(ütenepoche, ber unfere großen 
Dichter angehören, mit ber attbeutfehen Dichtung gar nicht« gemein h°t. ©inflüffe 


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Unfere ^eit. 


beg Ülttertßum? imb ber gfeidßjeitigen SBeltliteratur, ^p^tlofop^ie unb Staturmiffen* 
ft^aft beftimmten fie: irgenbmefcßer 3ufammenßang mit altbeutfcßer Solf?lßrif, mit 
bett Äunftepifern, ben SfJiinne- unb SReifterfängem ift faft gar nießt üorßanben. 
Sei ©oetße aflenfaff?, ma? bie feßtermbetrifft, ba er meßrfadj ben §an? ©adj?’f<ßen 
Son anfällig; 6ei ©dritter aber ift feinerfei Sejießung nacßmei?bar. Erft bie 
SRomantifer griffen auf bie aftbeutfdjen Quellen prüd unb neuerbing? ßabcu 
mir eine etrna? crfünftefte, oft in Sänfeffängerei auiartenbe 'Jtacßbfüte be? 3Rinne* 
unb äRciftergefange? ju berjei^nen; mir ßaben eine au? germaniftifcßen ©tubien 
ßeran?gemacßfene SRobepoefie: baoon ift bei ©filier unb ©oetße, Seffing, SBielanb 
unb 3ean ^ßaul gar nießt bie 9tebe. ©cßiller ift beit ©ermaniftcn eine unbequeme 
©röße; benn fie fönncn bod; nidjt leugnen, baß er unfer oolf?tßümlicßfter Siebter 
gemorben ift, mäßrenb er mit ber alten Solf?poefie unb ber fogenannten erften 
beutfeßen Sfütenepocße ber Sidjtung nießt in bie geringfte Serüßrung fommt. 

granj £>irfcß fagt: ,,©o erhaben, fo großartig bie ebfe ©eftaft Seffing’? in 
ber beutfdjen @cifte?gefcßicßtc ergfänjt, fo muß fie bodj hinter einem ©rößern, 
©emaftigern prüeftreten. Siefer beftimmt nicht nur bie geiftige Stiftung eine? 
3eitalter?, er ift auf ütele Qo^r^unbertc ßinau? ber üerförperte Inbegriff beffen, 
ma? beutfehe ffJoefie ©roße? p feßaffen bermag. Seffing’? jmingenbe Sogif gibt 
auf fange ßiit bem Serftanbe feine? Söffe? p benfen. ©oethe’? fiterarifche ®e= 
luaft bemegt Sfeoncn ßinbureß ba? £>erj ber Söffer." 3n biefem Sone einer ©djön* 
rebnerci non jmeifelßafter Serecßtigung mirb ©oetße bureßmeg oerßerrfießt: mit 
„gaßrßunberten" unb „Sleonen" foßte boeß eine ernfte Siteraturgefdjicßte nießt um 
fieß merfeit, nießt fofeße 2Bed)Jet auf bie 3ufunft au?fteffen. Sie ©cßäßung oom 
©tanbpunfte gegeumärtiger äftßetifcßer Einficßt möge genügen — „ba? künftige 
rußt im ©cßofe ber ©öfter". 

Sei ©Ritter ßäft e? graitj §irfcß für nötßig, naeßpmeifen, baß er überhaupt 
ein Sicßter ift, unb nimmt ißn gegen biejenigen in ©djuß, mefeße ba? beftreiteu. 
„E? märe p Oief gefagt, mollte man behaupten, baß ©cßiffer eigentlich fein Sicßter, 
fonbern ein großer @efd)icßt?pßi(ofopß mar, bei bem bie fReflejion bie Slnfcßauung 
unterbriirfte. Sa fieß aber p biefer 9teffejion?tßätigfeit bie @eftaltung?fraft ber 
fdßaffenbett Sßnntafie gefeilt unb bie 3fbeen in ©eftalten oerförperte, bie fieß in 
poetifdßeu formen geben, fo ift ©cßiller ebenfo ein Sicßter mie Seffing." ©cßiffer 
unb Seffing — mir fönnten ben Äritifer Seffing fefbft gegen biefe ©feießftettung 
in? gelb fiißren! ©cßißer, bem bie ÜWufe in feurig ßinreißenber Snfpiration affe? 
in bie gebet bictirte, unb Seffing, ber alle? bureß „9tößren" in fieß in bie tpöße 
treiben mußte, fönnen niemaf? af? Sicßter in gfeieße Siitie gefteßt rnerben. ©cßiller 
bemegt fieß, naeß gratis $?itfcß f in einer Sltmofpßäre be? Stßßtßmu?, bie ben fßoeten= 
oerftanb feßr ßäufig im Saume! feßöner SGBorte beraufeßt. ©cßiffer’? ©eftalten finb 
in ber Slnfagc üerjeießnet; eine innere Unmaßrßeit ber Sßaraftere mirb bei Oiefeu 
Serfönlicßfeiten ber ©cßilfer’fißen Sramatif aueß oßne ben Sergfeicß mit ©oetße’- 
feßen ©eftaften empfunben. 9Bie meit fteßt ©cßiller mit feinen üerjeidjneten Eßaraf= 
teren }. S. gegen griebrieß griebrieß prüd, bem bon unferm Siterarßiftorifer 
ein „pfaftifeße? £erau?arbeiten ber Eßaraftere" naeßgerüßmt mirb. SBeiterßin fagt 
granj §irfcß oon ©cßiffer: „Ein Srantenftil, in melcßem bie forgfieß unb fein 


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Dcutfdje £iterart?iftorifer ber neueften ^etl. 75 

£jeraii@gearbeitete (Situation, ber theatralifdje Effect bie $auptfache unb bie auf 
Staturwahrheit beruljenbe Sfjaratterifirung Siebenfache ift, gleicht einet SKohnung 
mit prächtigem SReublement, in ber {ich bürftig geffeibete ©eftalten bewegen!" 
©egenübet biefer, auS ber romantifchen Schule herftammenben unb hunbertfach 
nachgefprodjenen ^Behauptung, bafj Schißer feine ©hamftere S u 5 cic^nett berftche, 
mufj geltenb gemacht Werben, baff feine Gfjnrafteriftif eine burchauS fcharfe ift, 
innerhalb bcS SbeatftilS ber Dragöbie, bie freilich feine überflüffigen ©den unb 
Santen juläfjt, wie bieS ja auch fdjon ©uftab greptag in feiner „Dechnif beS 
Dramas" auSgefprodjen hat. „®rft ©oethe unb Sdjifler", fagt er, „haben bcn 
Deutfchen baS hiftorifche Drama aufgefdjloffen, ben hohem Stil in ©efjanblung 
ber ®h ata ftere, welker für gro§e, tragifche SSirfungen unentbehrlich ift." „Durch 
mehr als ein halbes ^ahrhunbert hot ©rocht unb Slbel ber Sljaraftere Schifler’S 
bie beutfche Station beherrfcht, unb lange h“bm bie fdjwachen Stadjahmer nicht 
berftanben, baff bie gßfle feiner Diction nur beStjatb fo grofje SSirfungen herbor» 
brachte, weil unter ihr ein ßteichthum bon bramatifchem Detail Wie unter einer 
©ergolbung bebedt liegt." Das überfeinen aber nicht nur bie fchwachen Stach» 
ahmer, fonbem auch bie einfeitigen Sritifer. 

3um Uebetflufi hält es granj $irf<h für geboten, bem Dichter, nachbem er 
ihm SRanget an Originalität borgeworfen unb bafj er burchauS nicht peinlich 
gewefen fei im ©ermertljen bon Situationen unb giguren, bie er bei aitberu 
Dichtern gcfunben, auf zahlreichen Seiten eine Slrt bon ©eweis bafür ju liefern 
burch Stebeneinanberfteflung bon Scenen unb Steßen aus Sdjifler’S unb Sljaf» 
fpeare’S Dramen, bie im übrigen burchauS nicht überjeugenb finb, fonbem nur 
barthun, bah ähnliche Situationen bei geifteSüerWanbten Dichtern auch einen äfjn» 
liehen StuSbrud finben. SBie hot Shaffpeare feine ©orgänger uub ßeitgenoffen 
geplünbert! ©reene nannte ihn eine Srähe, bie fich mit fremben gebern fchmüdt. 
SettieSfaflS gehört ein fo weitfehweifiger EjrcurS biefer Strt in eine Siteratur» 
gefehlte. 

ferner wirb Schifler ber SlndchroniSntuS ber 3been in feinen Dramen oor= 
geworfen. Offne einen folchen SlnachroniSmuS gibt eS überhaupt fein t)iftorifd)e3 
Drama, welches baS ©ublifum ber ©egenwart paden fönntc, fonbern ba gibt eS 
nur gerichtliche Eoftümftubicn, Welche jur greube ber Schneiber unb 2lttertl)umS» 
forfcher auf bie ©ühne gebracht werben. SBir muffen unS immer non neuem 
gegen hiftorifche Stoffe erflären, mit benen baS geiftige Seben unb Streben ber 
©egenwart feine Fühlung hat. Solche hat übrigens Schifler nicht gewählt: jene 
Slnflage fann fich überhaupt nur gegen ben „Don GarloS" richten: in „Dcfl", 
„SJtaria Stuart", „Jungfrau non Orleans" finben fr burdjauS feine gefdjicht» 
liehen ©oftümfehler, feine SlnadjroniSmen ber Sfbeen! 

Oberflächlich wirb 3ean ©aul bon granj $irfdj behanbelt, ber fich auf eilte 
Angabe unb Slnalpfe feiner $auptwerfe gar nidjt einlägt, bafür einen feitenlangen 
SluSjug aus „Schulmeiftertein SBu|}" mittheilt. Defto mehr benorjugt granj fjirfch 
bie Stomantif: er nennt baS SRomantifche bie norherrfchenbe unb auch bie gefunbefte 
Dichtung in ber mobernen Siteratur. Die „gefunbefte" — man benfe an SfooaliS, 
Siemens ©rentano, SlmabeuS ^offmann, an Heinrich non Steift, aus beffen 


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76 


Unfere ^eit. 


Sranten brei umfangreiche SluSgiigc mitgetfjeilt werben, bet in anthologifcher 
Hiufidjt am meiften Don aßen beutfehen Sichtern bebaut ift. Unb gar bie „bor= 
herrfdjenbe" — leibet führen bie {Epigonen ber SRomantif in ber neueften 3«it 
loicber baS grofje SBort; aber bie burch baS 3unge Seutfchlanb inaugurirte moberne 
Dichtung unferer Siteratur wirb gulefct ben Sieg baoontragen über bie gange ana* 
chroniftifdje Sprit, ©pif unb Sramatif, welche hoch nur gu ben Dergänglicfjen 
SageSmoben gehört. 

Srofc biefer ©rotefte gegen ben ©tanbpuuft Don grang Hirfch, in wetchen ja 
©feicfjgefinnte nur eine (Empfehlung beS SBerfeS fehen fönnen, wirb baffelbe fich 
fetbft ben Sefern aller Parteien burch feine frifcpe, Warme SarfteDungSweife, bie 
©etbftänbigfeit beS UrttjeilS, bie ©elebnng burch Sie aus ben Sichtern mitge* 
theilten groben empfehlen. 

Sieben ber anthotogifchen Siteraturgefchichte tritt bie i Auftritte in bie ©chranfen 
unb gwar mit glängenbent (Erfolg; benn bie „Seutfdje Siteraturgefdjichte" Don 
Stöbert Äönig (©ielefelb unb Seipgig, ©elfjagen u. Slafing) liegt in ber 
17. Sluflage Dor: ein ©eweis bafür, wie glücflich ber ©ebanfe war, ber burch 
gahlreidje SBelt* unb ©olfsbtätter genährten Steigung unferS ©ublifumS für illu* 
ftratiDen ©chmucf auch einmal auf bem ©ebiete ber Siteraturgefchichte entgegen* 
gufommen. Ser Herausgeber fagt Don feinem SBerfe in ber ©orrebe: „©einem 
Urfprunge unb feiner ©eftimmung gernäh hot e $ Weber einen ftreng wiffenfchaft* 
liehen Sharafter, noch t»ill eS bie beutfehe Siteratur in ihrer ©efammtentwiefetung 
berücffichtigen; boch es burch treue ©eitujgung ber gorfchungen mehrerer her* 
Dorragenben ©ermaniften unb Siterarhiftorifer bem gegenwärtigen ©tanbe ber 
SBiffenfchaft gerecht geworben gu fein unb ein anfchoulicheS, wenn auch nicht er* 
fchöpfenbeS ©ilb beS ©ntwicfelungSgangeS unferer beutfehen Sichtung im Siahmen 
unferer gangen ©ultur bargubieten. Sem beutfehen $aufe wünfeht es Dor allem 
gu ergäben, was bie Slltborbern gefagt unb gefungen höben, unb im ©ilbe gu 
geigen, wie fie ©ücher getrieben, gebrueft, gefdjmücft hoben. @S möchte nicht 
nur ein Hausbuch fein, es möchte ein! ber (Erbbücher werben, bie SB. H- Stiehl 
in bem ©ücherfdjranl beS beutfehen H au N «eben ber HouSbibel unb ber ga= 
milienchronit gu erblicfctt wünfeht." 

Sie 3ahl ber bisher erfchienenen Stuflagen beweift, bah bie fühnen Hoffnungen 
beS ©erfaffcrS feineSwegS ittuforifefj waren. 3« ben neuen Auflagen ift bas 
SBerl wefenttich erweitert Worben, auch io SSegug auf bie neuefte Siteraturepoche, 
unb unoerlennbar tritt baS ©treben nach parteitofer ©eurtheilung auch folcher 
Slutoren IjerDor, welche ber perföntichen Stichtung beS Herausgebers weniger gu* 
fageit. 3« ftatten fommt ihm babei, baß er ben bloS fritifirenben ©tanbpuntt 
weniger hrrborhebt als ben djarafterifireuben; feine Houptabficht bleibt immer, 
bie Sefer mit ben eingetnen Sichtwerfen bertraut gu machen, was er burch 3« s 
hattSangabe, eingelne ©roben unb Slngabe ihrer bidjterifchcn ©igenart erreicht, 
©in HouS* unb ©rbbuch muh i« 1 Ser Sh at unparteiifch fein unb ben berfchieben* 
artigften ©hmpathien gerecht werben, foweit fie burch Sie latente gerechtfertigt 
finb. ©ingelne ©djriftfteller möchte man inbejj eingehenber gewürbigt fehen; bei 


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Dcutfdjc Citerarfyiftorifcr ber neueften <5eit. 


77 


ihnen »ermifjt matt bie Stnatpfe einjelner SBerfe, bie bei aitbern toiebev ins Detail 
geljt. 3Kit Siecht finb ©ufcfom, §ebbet, ©eibel u. a. eingehenb bcurttjeilt; Ortet* 
tigratfj, ben mit fehr Ijodjfteöeit, ift bodj, gegenüber anbent auf bieten ©ebicten 
fdjöpferifdjen Sintern, butefj eine biete Seiten tange Efjarafterifiif ju fe^r beborpgt. 

Ser ittuftratibe Schmud befdjränft fidj in bet neueften ©poche auf bie ißor* 
trätS bet Sichter; in bet ctaffifdjen, in meldet bie SBürbigung ©d^iCter’ö eine 
uneingefdjränfte ift, finben fich neben ben ißorträtS auch bie Bitber ihrer grauen, 
greunbinnen unb Siebten, fetbft ^umotiftifc^e Stilen, Xitetfupfer unb Sitelbrnde 
unb 3Iutograpben jeber Strt. gn ben meiter jurüdtiegenben Sporen fommen 
bap groben bet alten $anbfd)tiften, alten Srude unb ^oljfdjnitte, metche eine 
in ben miffenfehafttidjen ßiteraturgefdjichten fefjtenbe Stnfdjauung beS ättern Schrift* 
thumS ermöglichen. 

3?obert Äönig'S „ßiteraturgefdjichte" fott ja nicht batjnbredjenb fein, nicht neue 
©efidjtSpunlte bertreten: fie gibt baS SRefibuum afler bisherigen titeraturgefdjichttichen 
Mnatpfen in einet ©infteibung, metche baS grojje ißubtifum fiegreich erobert hat. 

SBir bütfen an biefer Stelle ein bebeutenbeS SBerf nicht unberücffichtigt taffen, 
metdjeS fich nicht auSfdjtiefjtid) mit beutfdjer ßiteratur befd)äftigt, aber biefetbc 
boch im 3»fammenhange mit benjenigen bet anbern Nationen barfteflt, bie 
„©efdjidjte bet neuern ßiteratur" bon 2lbotf Stern (7 Bbe., ßeipjig, Biblio* 
graphifdjeS gnftitut). Natürlich erfdjeint bie beutfehe ßiteratut in fotd>er Sar* 
fteßung in einet etmaS anbetn Beleuchtung, obfehon auch biejenigen, metche fie 
auSfdjtiefjtidj put ©egenftanbe ihrer Sarfteßung machen, nicht umhin tönnen, bie 
ßtefteje bet aßgemeinen ßiteraturentmidelung auf ihre Bitber unb ©ruppen fpieten 
p taffen. Stbotf Stern ift im mefenttichen ein äfthetifdpfritifcher ßiterarhiftorifer, 
unb baS ift nach unferer Ucberjeugung bet cinjig richtige Stanbpunft; er nimmt 
baS ©efdjichttidje, ßutturgefdjichttidje unb SBiffenfchafttidje fo meit hinein» als eS 
bie ©ntroidetung ber einjetnen dichter unb Schriftfteßer beftimmt; aber er hemmt 
unfere Schritte nicht burch ein ©eröfle jerbrödelnber Säten ober burdj über* 
triebene fhndjroniftifdje ©eroiffenljaftigfeit, metche bie ©baratterbitber ber einzelnen 
dichter auftöft, um in einzelnen gahrjehnten ober ßuftren gleichseitig gefchaffenc 
SBerfe unb. bie entfprechenben Bruchftüde aus bem ßeben ber dichter pfammen* 
porbnen. SEBir »erlangen »on einer ßiteraturgefdjichte ben ©efammteinbrud einer 
bidjterifchen ißerföntichteit unb ihrer Schriften p erhalten. SaS ©emorbene feft* 
phatten, ben bauernben Befij} ber Station unb bie Bebeutung ihrer titerarifchen 
Schäle p fijiren, baS ift ihre erfte Aufgabe, erft ihre jlueite, baS „SBerben" 
ber Sichter unb ihrer SBerfe barpfteßen, ben gufammenhang jtoifdjen ihrem 
ßeben unb ihrer Sichtung nadjproeifen: bie Ueberfdjäfcung beS oft gleichgültigen 
biographifchen SetaitS ift ein ©runbfehter ber mit ihrer ©etehrfamteit prunfenben 
ßiteraturgefdjichte. SaS SBert »on Stern mürbe aßerbingS »ießeicht beffer ben 
Xitel „©efdjidjte ber neuern Sichtung" führen, benn bie großen $h*t°f°Phe n unb 
$iftorifer, bie boch auch f° michtige Baufteine für bie Stationaltiteraturen herbei* 
getragen, finb fehr beiläufig unb feenhaft behanbett; boch jeber 2lutor hat ja 
baS Siecht, ben ßreiS, ben er barfteflen miß, ju umfdjreiben. 


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78 


Unfere «geit. 


Slbolf Stern befifet ein gliidlid)ec> Talent ber ©ruppirung; er Weife bie ein* 
jelnen SRicßtungen fcßarf ju fonbern unb oft mit einem bejcidjnenben neuen Sia» 
men in bie Siteratur einjufüßren. 3Rit 93ejug auf bie beutfdje Siteratur tritt 
bicS in ben erftcn SBänben weniger ßerbor: ba überwiegt entfliehen bie Siteratur 
ber anbern Stationen an Sebeutung unb auch in ber Scßilberung. SBaS über 
bie ^umaniften, über Sutßer, $anö Sadj3, was fpäter über bie franjöfifdje 
S($ule in ber beutfdjen ®icßtung, über bie erfte unb jweite Scßlefifcße ®icßterfcßule 
gefagt wirb: ba§ bietet nicßt$ wefentlicß Steuer, obfcßon gerabe burcfj bie ®ar* 
fteüung ber internationalen Siteraturbejießungen einzelne frappante Siebter aud) 
auf bie beutfeße Siteratur fallen. Scfjon bie Unterorbnung unter bie einzelnen 
SSüdjer: „®ie ©egenreformation", „55er SlfabemiSmuS", „®er SlafficiSmuS", „®ie 
Slufflärung", als gemeinfame Stubrifen für bie gefammte europäifeße Siteratur» 
bewegung, rücft bie einjelnen Srfdjeinungen in eine anbere, üon ßößern geiftigen 
SidjtqueHen auSgeßenbe Scleucßtung, als fie bie gefonberte $arftetlung einer ein* 
jelnen SSationalliteratur bieten tonnte. SDtit bem neunten Sudj: „Stüdfeßr jur 
Stajur", unb befonbevS mit bent jeßnten: „®ie golbene Seit ber neuen $icßtung", 
übernimmt ®eutfcßlanb bie güßrcrfcßaft in ber literarifdjen Bewegung unb bie 
anbern SJötfer treten meßr in ben tpintergrunb: hier entwirft uns Slbolf Stern 
ein S$ilb unferer Slaffifer unb SRomantifer, welches ebenfo lebenSboll Wie unpar* 
teiifcß ift, fobafe jebem unferer grofeen ®idjter baS gebüßrenbe SRecfet jutßeit wirb. 
Stur ber Unterfcßieb jwiftfeen ben Stomantifern ber erften unb jmeiten ©eneration 
erfdjeint uns meßt genugfam gerechtfertigt. 

SlnfangS hatte Stern bie Slbfidjt, fein SBerf wie ©erbinuS unb Stierer etwa 
mit ©oetße’S ®obe ju fcßliefeen; bocß ab weießenb bon biefem ißrogramm ßot er 
nocß in jwei umfangreichen S3änben bie neuere unb neuefte Siteratur djaraf* 
terifirt. $ier, Wo eS fieß nicht um fertige titerarifche SRubriten ßanbelt, bie in 
SJcjug auf frühere ißerioben fchon eine fanonifche ©eltung erworben ßaben, 
War für neue ©ruppirungen ber Slutoren ein größerer Spielraum gegeben. 6r 
tßeitt biefe neue ®podje in jwei Slbfdjnitte, bon benen er ben erften „Sibera* 
liSmuS unb ®emofratiSnmS" benennt, währenb ber jweitc als bie ©poche beS 
„StealiSmuS unb IßeffimiSmuS" bejeidjnet wirb. ©S taffen fidj inbefe biefe ©renjen 
fchwer einhotten, ba bie ^hötiflfeit einjelner Slutoren über beibe hinübergreift: 
alle folcße mehr ober weniger cßronologifcße ©intheilungen hoben etwa# 3rratio* 
naleS, ba baS Seben unb SEBirfen ber einjelnen dichter feiten ohne Steft in ihnen 
aufgeht. Swar in bie erfte ©poche taffen fid) öörne unb $eine, bie jungbeutfeßen 
Slutoren, bie potitifdjen Sßrifcr ohne fonberlidje Schwieriglcit unterbringen, ob* 
fchon ©ufcfow’S große Stomane, Saube’S tonangebenbe bramaturgifche ^hötigteit 
unb fein befteS ®rama „@ffej", fowie befonberS SBilhelnt Sorban'S „Stibelungen" 
fefeon in bie jweite ©poche fallen. SEBaS aber biefe betrifft, fo erfdjeinen und 
einzelne SRubrifen, wie befonberS bie erfte: „®ie SRüdfeßr jur ffunft", in ber 
beutfehen ®icßtung anfechtbar. Oft fdjeint eS und, als würbe hier unter Sunft 
bie afabentifche Selbftgenügfamleit berftanben, bie fieß bom ©eift ber Seit ab» 
Wenbet unb infofern burdjauS feine gortfeßung ber burcf) unfere Staffifer ange* 
bahnten, mit allen Sbeen beS SoßrßunbertS aufs engfte berfnüpften Sßoefic 


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Deutfdje Citerarfyiftorifcr ber neucffcn <3cit. 


79 


bebeutet. $ic SBorltebe, mit weither Slbolf ©tern $idjter wie ©ottfrieb Seiler, 
ißanl #epfe, Sjjeobor ©torm u. a. beljanbett, beweift jur ©enüge, baß er iit 
bicfer Slbwenbung oon ben geiftigen Seftrebungen ber ©egenwart einen Triumph 
ber reinen unb echten Sunft erblicft. Slbgefehen üon biefen perfönlidjen ©btn= 
pathien würbe ja bie ^Bezeichnung biefer mit jo liebebotlem SRachbrucf behanbelten 
Stiftung berechtigt fein, foweit eS bie erwähnten Slutoreit angeht: aber eS finb 
anbere in biefc IRubrif gefperrt, welche fiel) offenbar nicht ohne ©ewaltfamtcit 
barin unterbringen laffen. ©pielhagen’S SRomane j. ®. flehen burcljauS mit benen 
©ugfow’S in Einer Sinie, was ihre Xenbenj unb SRidjtung betrifft, unb fönnten 
unter ber SBe$eicf)nung „XlemofratiSmuS" wohl unterbracht Werben; felbft ©eibet 
ift ein Politiker Sijrifer, wenn er auch nicht im Heerlager ber Dppofition ftanb, 
wogegen ©ottfrieb Setter fehr gut Wie 3°rban unter bie Epigonen ber oormärj* 
ticken Dichtung gerechnet werben fönnte, benn feine erften ©ebichte enthielten 
oormärjliche politifche St)rif. 2ßa§ nun ©uftab gretjtag betrifft, fo wirb ihm 
gewiß niemanb baS SRedjt bcftreiten, für ben Rührer ber neuen SRcatiften ju gelten, 
©ehr treffenb ift bie Senterfung ©tern’S, baß greptag’S poetifche ©efammt* 
anfchauuitg in jenem SRealiSmuS gipfelt, welcher ju ber großen Sergangcnheit ber 
beutfehen Literatur infoweit in einen bewußten ©egenfaj} trat, als er auf gewiffe 
©ebiete ber tSarftettung, auf gewiffe ßRomente ber Empfinbung Pon Pornhercin ®cr= 
Zieht leiftete unb in ber 93erherrlicf)ung unb Ueberfchäfcung beftimmter SebenStreife 
unb ihrer SBorurtheife in bie moralifirenbe ißeriobe priicfoerßel; hoch gerabe auS 
©tern’S 3)arfteßung gehen nicht nur bie jungbeutfehen Bufantmenhängc greptag’S 
ßerpor, fonbern auch baß er mit Sepg auf feine beiben #auptwerfe ,,©oß unb 
£>abcn" unb „®ie Perlorene £>anbfchrift" ein burchauS tenbenjiöfer $id)ter ift; 
benn bie lenbenj berfelben ift gegen ben 9lbet ju ©unften beS SaufmannSftanbcS 
unb gegen bie £iife ju ©unften ber UniberfitätSgelehrfamteit gerichtet, nnb Wenn 
irgenbein Slutor bie Etitctte beS SiberaliSmuS beutlich Jur @cßau trägt, fo ift 
eS ©uftaP greptag. 

StRcßr als biefe großen £auptabtheilungen entfprecheit bie Unterabtheilungen 
ber ©ruppirung ber rfjarafteriftifchcn ©ebeutung einzelner ^Richtungen. ®a ftoßen 
wir auf bie poetifchen Stealiften ber beutfehen Siteratur, auf bie fatljolifche ©ruppe 
in ber neueften beutfehen Siteratur, bie in ber $b at ein jufammenfaffenbeS Silb 
einer SReihe jum 2ßeil Pon ben Siterarhiftorifern aßzu fehr beifeitegcfchobenen 
unb Pernachläffigten ©ehriftftefler gibt, ferner auf bie proteftantifch = ortpobojen 
Parteien unb frommen Stjrifer. 

®er ?lbfchnitt „“Sie neuefte beutfehe Siteratur" jerfäßt in mehrere Unterabtpei= 
ungen: 1) 2)ie dichter größern ©tilS, worin Slbolf ©tern bie ©electa ber 
Pornehm auf ben ©ipfel beS IßarnaffeS gefteßten ißoeten sufammenfaßt, Währcnb 
Wir in Richtern Wie j. ®. ©ottfrieb Sefler unb Jheobor ©torm feincSWegS her» 
porragenbe Jräger unferer Siteraturepoche finben tonnen, welche bie maßgebenbe 
Entwicfetung unferer claffifchen 3eit weiter fortführen. 2) Sprifer unb lt)tifd)= 
epifche dichter. 3) SRomanbichter unb SRooefliften, unter benen nach S3erbienft 
Sriebrich ©pielhagen unb SBilhelm ßiabe mit befonberer Vorliebe bepanbelt finb, 
währcnb SBilljetm Senfen nicht mit bem SRaehbrucf, ber feinem heroorragenben lalent 


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80 


Unfere <geit. 


gebührt, in ben ©orbergrunb gefteflt ifi. 4) ®ramati!er, eine Slrt Don Supplement* 
rubrif, in meldet befonberS ©rnft üon SBitbenbrueß mit tceffenben 3«9e« djatal* 
terifirt wirb. 5) ®eleßrte unb arcßäologifcße ißoefie. 6) ®ie ißeffimiften, eine 
©ruppe, in bec auf einmal ein älterer 2)ramatifer wie ©raeßooget wieber auf* 
tandjt, wäßrenb ein Slutor Wie Satßer*3Rafoeß, ber bocß bureß fein „©ermäeßtniß 
ffain’S" ju ben güßrern ber mobernen ©effimiften gehört, in ber reiften, etwas 
färb* unb pßßfiognomielofen ©ruppe: „$ie zeitgemäßen ©cßriftftefler", unter* 
gebracht ift, Wo er fieß gewiß ju feiner ©erWunberung mit ber SJtartitt jufammen 
in einer fRubrif ßnbet. 

®S ift überaus fdjwer, auS ben Strömungen ber ©egenwart bereits feft frpftal* 
tifirte ©ruppen auSjufeßeiben, no<ß meßr aber für bas in ber eigenen Sßmpatßie 
unb in ber SJteinung beS 2ageS $oeßfteßenbc einen unbefangenen fritifeßen Stanb* 
pun!t ju gewinnen. Sßir regten baßer ni<f»t mit bem Slutor, wenn er ber ßerum* 
taftenben SJtufe ber Sltabemifer feine oofle ©ewunberung entgegenbringt ober j. ©. 
ben bramatifeßen SBerten .fjeßfe’S aeßt Seiten unb felbft ben ocrfeßlten eine ein* 
geßenbe Slnalßfe Wibmet, wäßrenb er auf !aum einer Seite bie $ramen Slbolf 
SBilbranbt’S flüchtig berührt, ber bocß an bramatifeßem Talent ©aul £>epfe bei 
Weitem überlegen ift. 2)ocß Oon foleßer Ungleichheit ber ©eßanblung abgefeßen 
ift bie 35arfteflung Slbolf ©tern’S burcßauS rüßmenSwertß: uirgenbS überwiegt 
ein Irittelnber unb geringfcßäßiger 2on; überaß ift ein woßlWoßenbeS Entgegen* 
fommen gegen bie neuern latente unoerlcnnbar unb baS fießtbare ©eftreben, ißre 
literarifdje ©ßßfiognomie unb Eigenart mit einer fieß bem ©ebäcßtniß einprägenben 
Scßärfe barjufteflen. Slueß bie ©oßftänbigfcit, mit ber aße nennenSWertßcn Scßrift* 
ftefler, Welcßer Sticßtung fie angeßören mögen, regiftrirt Werben, oerbient Slner* 
fennung. SBie er aber bie ßier aflein in ©etraeßt lommenben beutfeßen Seßrift* 
ftefler mit gefeßmaefoofler geinßeit unb in lebenSüofler Scßilberung cßarafterifirt, 
fo notß meßr bie ©rößen ber SBelttiteratur, Wie 2affo unb Ealberon, Sßalfpeare 
unb SKilton, ©ßron unb ©ictor £>ugo, 2)icfcuS unb 2ßacferaß, bis ju 5)aubet unb 
Sola ßerab: eS finb jum 2ßeil plaftifcße ©über oon monumentalem Eßarafter, 
unb eine Steiße feinfinniger äftßetifcßer SteliefS jießt fieß um ißren Socfel. 
Ueberafl finb aueß bie dii minorum gentium gewiffenßaft Oerjeitßnet unb ebenfo 
bie Siteraturen ber nießt tonangebenben Stationen in ißren $auptOertretern bis 
jur ©egenwart ßerab in eingeßenber, meift treffenber Sßeife gefcßilbert. 

©egenüber biefen ©rößen ber SBettliteratur unb ben $icßtern anberer ©ölter 
jeigt fitß Slbolf Stern in feiner S'ritif burcßauS unabßängig oon einfeitigen äftße* 
tifeßen 2ßcorien, waS gegenüber ber beutfeßen fiiteratur ber ©egenwart bei ißm 
nießt immer ber Saß ift. ©on bem ©erfaffer biefer Seile« fagt er an einer 
Stefle: „Er oertßeibigte leibenfcßaftlicß baS Stecßt ber ©ebanlenbießtung, baS 
botß im Ernft wol faurn angefoeßten Würbe unb aus bem ein SebenSreeßt ber 
politifeßen unb pßüofopßifdjen Stßetorif in poetifeßer gorm noeß nießt erwäcßft." 
®iefe Unterfeßeibungen finb aber bureßauS nießt fo Rar unb felbftoerftänbließ, wie 
Stern ju glauben feheint. Wir fönnten ißm felbft maneße ©erwecßfelung mit 
©ejug ßierauf naeßmeifen; eS genügt aber wol ber StaeßweiS, baß neue ßiterar* 
ßiftoriler Wie granj £)irfcß unb SBilßelm Seßerer, unb baß SRomantifer wie bie 


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Deutfdje Citcrarfjiftorifer 6er neueften 




@cRiegel unfern großen 35ramatiler ©Ritter nicht etwa blo« für einen ©ebanlen» 
bitter, fonbern auch gerabeju für einen polittfcben unb phitofophifchen ©hetorifer 
erflärt haben. 

(Sin ©tußer ^iftorifd^cr Xarfteflung ift bie „©efcfjidhte ber beutfchen Literatur 
oon fieibnij bi« auf unfere S«t" oon Sutian ©djmibt, non Welcher, af« ber 9Ser= 
faffer ftarb, bie jwei erften ©änbe erfdjienen waren (©erlin, SBit^elm £erfc), mährenb 
bie brei anbern noch nicht Oeröffenttichten grofjentljeil« ooßenbet finb unb ba« SBerf 
fo üor bem ©djidfat bewahrt worben ift, ein Xorfo ju bteiben. . 3)te beiben erften 
©änbe reichen bi« jum 3ahre 1781, etwa bi« jum Auftreten Schißer’«. 35a« neue 
SEBerf tritt an bie ©tefle jWeier ättern SBerte: „©efdjichte be« geiftigen Sehen« Oon 
fieibnij bi« auf Sefftng’« lob" (2 ©be.) unb „©efcfjichte ber beutfchen Siteratur 
oon fieffing’« lob bi« auf unfere Seit" (3 ©be.) unb ift bie ©erßhmeljung ber» 
fetben ju einer „enbgüttigen Mu«gabe testet £>anb". 3utian ©chmibt hot ben 
Xitel be« ©efammtwerfe« Oon feiner gweiten Schrift übernommen, bie ihm ja 
oorgug«weife einen ©amen gemacht hot; er hätte ihn, wie er in ber ©orrebe cm» 
beutet, auch oon ber erften entnehmen fßnnen, unb nach unfeter Stnficht beffer 
baran gethan. ©ine ©efcfjichte geiftigen fieben« ift fein 2Berf fchon nad) ben ®e» 
ßcht«punlten, bie er in bet ©orrebe angibt; beim er fdjitbert im ©runbe „ein 
Segment ber allgemeinen europäifdjen ©utturbewegung wührenb jener 3oh* 5 
hunberte". ©tit ©echt hebt er hetOor, Wa« auch wir bereit« mehrfach betonten, 
baß ber wunberbare 9tuffchwung be« 18. 3 a h r h ut, bert« nur in geringem ©Iahe 
mit ben Oergangenen Schöpfungen ber beutfchen Siteratur jufammenhänge unb 
bah bie ©inwirfung ber früher gereiften ©ulturüölfer oon gröherm ©elang fei. 
6« geht barau« herüor, bah einfeitige ©ermaniften at« fotche wenig berufen finb, 
unfere ctaffifche unb mobcrne Siteratur barjufteßen. ©on ben geiftigen ©tementen 
unfer« golbenen Seitotter« ift nur bie ©eformation, wie 3“tian ©chmibt herOor» 
hebt, echt beutfchen Urfprung«; „felbft ba« mittelalterlich ©orbifcße iß un« 
©tobernen eher burch ©halfpeare, al« burch unfere eigenen Sorfahren aufgegangen, 
ba« Sllterthum burch bie italienifche ©enaiffance oermittett worben; in ber aßge» 
meinen SBettbilbung treten wir in bie gußftapfen ber granjofen". 35en Sufom» 
menhang biefer oerfchiebenen ©ilbungöelemente — ©enaiffance, ©eformation, 
©otfjif unb ©lafßci«mu« — untereinanber unb ihren ©influß auf unfere Siteratur 
beutet 3«Iian ©chmibt mit mögtichft ftarfen Strichen fchon in ber ©inteitung an: 
er lehnt e« ab, fich in ©pochen, wo bie Xicfjtung erlahmt, oorjug«weife mit ihr 
ju befchäftigen; ©olitil unb ©eligion, ©echt unb Sitte fommt bei bem ©erftänbnih 
ber Xicßtung in ©etradjt; bie ©efchichte ber Siteratur hängt iiberbie« mit ber @e= 
fchichte ber SBiffenfdjoften eng jufammen. Xljeologie, 3»ri«prubenj, ©aturwiffen» 
fchaften, bie ctafßfdje unb germaniftifche ^ß^itofogic ^abett auf unfere fchöne Site» 
ratur großartige Sßirfungen au«geübt. 3)ie Siteraturgefchichte hot biefe 35i«ciplinen 
nicht methobifch barjufteßen, fonbern nur folche ©tomente ju ergreifen, in benen 
bie eine ober anbere berfelben ihr oofle« ©ewicht in bie äBagfchate wirft, „gort» 
gang unb ©ewegung ber 3been in möglichft beutlidjen Umriffen ju jeid)nen", fagt 
3utian ©chmibt, „ift ber $auptjwed einer Xarßeßung." ®a« ift aber ebenfo 

Untat äctt. 1887. 1. 6 


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82 


Unfere 


Aufgabe ber ©efdjidjte, Oor adern ber ßulturgefchichte — unb wenn biefer $>aupt= 
jwecf in ben ©orbergrunb geftedt wirb, fo wirb ber Siteraturgefdjichte non §aufe 
aus eine nur fubalterne ©tedung eingeräumt, bie geiftigen Stiftungen unb ihren 
innern gufammenhang barjufteden barf biefe nid)t üerabfäumen; aber ifjr Schwer» 
punft mug ein für adental auf ber S^arafteriftif ber Stifter unb ihrer SBerfe 
liegen. 

2) ie adgemeine (Einleitung mit ihren SRüdblitfen auf bie „europäifcfje @ultur= 
bewegung bis jum 17. 3<if)tf)unbert" ift in ihrer fummarifdjeu Raffung fdjlagenb 
unb reif an geiftooden Sintern; im übrigen beffäftigt fif baS erfte Sud): 
„Seibnij unb feine Seit", DorjugSweife mit biefem $f)itofopt)en in feinen ©e= 
jiehungen jur engliffen unb franjöfiffen ©ilbung, bann mit bem Kampfe ber 
©ietiften gegen bie Drtfjobojen, unb nur im lebten Sapitel tauben bie ftofbidjter 
ßanifc unb ©effer auf. ©ab es benn in bem Zeiträume Don 1670 bis 1720 feine 
beutffe ©ocfie? ©ewig, eS ift eine Don ben gleichgültigen ©erioben, Don benen 
3ulian ©fmibt in ber ©orrebe fagt, bag fr gegenüber ein fummarifcheS ©erfahren 
gerechtfertigt fei: ber ©effiftfchreiber fode fo Diel wegwifchen als möglich, bamit 
baS Ütuge beS SeferS fofort ben ©egenfafc jroiffen ooden unb leeren ©erioben erfenne. 
Ob Julian ©djmibt hier nicht ju Diel roeggewifcht hat? SEBol werben in ber 
Einleitung £>ofmannSmatbau, Sohenftein unb ß^riftian Seife erwähnt; aber 
bie bamaligen Dichter» unb ©prachgefedfchaften, aus benen eine „©oetif" naf 
ber anbern IterDorging, bie Sffen, ^arSbörffer, 8tug burften bof nicht ganj mit 
©tidfdjroeigen übergangen werben; auf bie Entwitfelung ber beutffen ©profe 
unb Literatur waren fie boch Don grogem Einflug. 

3) ie nädjften Slbfdjnittc geben nur ein intereffanteS $idjterbilb: ©üntfjer. @ott= 
fdjeb, ©edert, ©leim, Sobmer werben gelegentlich in bem ©emälbe ber 3opfieit 
mit berüdfidjtigt; ber Slbfchnitt „3)er SbealiSmuS im Sluffteigen" fefet etwas Doder 
ein mit ber @h°rafteriftil SPlopftocf'S, fpäter Seffing’S; Sant unb Sindelmann 
werben in einem felbftäubigen ffapitel befjanbelt, ber „Siebenjährige Ärieg", 
©oltaire unb SRouffeau, Sterne unb £>ume faft ebenfo eingehenb wie bie beutfchen 
ülutoren gewürbigt. 

Eine Eigenart ber Schmibt’fchen Siteralurgefchiftfchreibung finb bie gefehlt* 
liehen $lbregcS, bie geh mitten in feine $arftedung einfehieben. 2)a wirb uns 
ber fpanifche Erbfolgefrieg auf mehrern ©eiten erzählt, ohne bie adergeringfte 
©ejiehung ju ben literarischen 3uftänben unb Seiftungen XeutfdjlanbS, ebenfo 
fpäter bie ©chlefifchen Kriege unb ber Siebenjährige ßrieg, mit welchem aderbingS 
Seffing, ©leim. Stornier, Ewalb Don Äleift, auch ©ottfeheb unb ©edert eng Derwebt 
finb; aber bie Ehronit ber einzelnen Schlachten fonnte uns wo! erlaffen werben. 
Stehen biefen Slbfdjtoeifungen auf baS ©ebiet ber ^riegSgeffichte finben fi<h burch 
baS ganje SEBerf h< er nnb bort einzelne djronologifche ®aten jerftreut, bie fich 
gattj frembartig ausnehmen unb fich getoig mit ©erwunberung unter literarifchen 
Schilberungen wieberfinben, gleich als wären fie aus einem aufgeblätterten Stotij-- 
buch h^tnuSgegreut worben. 

©ejeifnenb ift auch baS fpnchroniftifdje ©chnfelement für Julian ©chmibt’S 
Xarftedungöweifc. Seine ßljürafteriftif ber dichter, bie meift auf biographiffer 


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Deutfdjc Üiterarfjiftorifer 6er neueften Seit. 


83 


©runbtage ruht, h°t leinen oodcn Athem, ba fie bei jebern Antaufe auf eine 
Schtanfe ftöfjt, welche bie djronotogifche Ziffer ih r aufrichtet; bad Seben ber 
Siebter ift nicht nur in ffipodjen gegtiebert, fonbern in adertet fteinfte 3«iträume 
jerjtücfett, bie auf ben SRanten einer ©poche nicht Anfpruch machen fönneu unb 
bie auch nicht burch bie eigene ©ntwicfelung ber dichter beftimmt werben. 

@o taucht j. ©. unfer SJieffiadbichter juerft in bem Abfdjnitte „(Die feraphifchc 
Dichtung" auf (1748—51), ba h»t er bie führenbe Stimme; im zweiten ©anbe 
finben wir ihn wieber unter ben ©arben (1763—69), bann 1771—74 fpielt er 
unter ben £>ainbänbtern feine SRode, fpäter werben bie (Berührungen mit ©oethe 
unb ber (Bruch mit ihm (1775—76) gefchitbert; im nächften ©anbe werben wir 
ihm jebenfadd wieber begegnen, ©benfo begegnet und Seffing juerft in bem 316= 
fchnitt „(Ber Siebenjährige SJrieg" (1756 — 63), bann im jweiten (Banbe im 
Stbfcfjnitt „53ie probuctiPc Äritif" (1763—69), worin Seffing in boder SRanned* 
fraft gefchitbert wirb, bann wieber h«6t ein Abfdjnitt „Seffing in SBotfenbfittet" 
(1770—77) unb jutefct ein Kapitel „Seffing’d Andgang" (1776—81). ®ajwifchen 
fmb eine SJtenge anberer Kapitel, in benen gelegentlich Seffing auch erwähnt wirb. 

Sinb bad in SBahrtjeit nicht disjecti membra poetae, bie wir und ba in ben 
einzelnen Kapiteln jufammenfuchen müffen? ffaun ftch aud fotcher Stücfarbeit, 
aud fotcher SRofaif bad ©efammtbitb eined ®i<hterd mit überjeugenber SBatjrljeit 
geftatten? 

(Bod) Wir erfahren ja Pon ben Gütern bed fieitigen ©ratd unferer beutfehen 
Sprache unb Siteratur an ben Unioerfitäten, bah bie äfthetifche Siteraturgefchidjt 5 
fchreibung jum atten ©ifen in bie SRumpetfammer gehört, jene Siteraturgefdjicht- 
fchreibung, welche bie (Sichter unb ihre SBerfe in ihrer ©igenart unb ber ©e« 
beutnng djorafterifirt, welche fie in ber SBett bed Schönen einnehmen! SBenn 
audtänbifche Schrift fteder pon h°f> eni Stuf« auf biefem ©ebiet, wie (Daine, fo breit 
fie auch bie cutturgefchictitlichen ©oraudfefcungen bid in ein phpfiotogifdjed unb 
materiatiftifched (Detail anführen, hoch bie Triumphe ihrer (Darftedungdfunft in 
ben jufammenfaffenben gtänjenben ©harafterbitbern ber großen Schriftfteder feiern, 
in benen bie Anatpfe ber einzelnen SBerfe unb bad mit echter Intuition erfaßte 
©efammtbitb ber bichterifchen (Bhilfiognotnie £>anb in $anb geht, fo fod ber- 
gleiten in beutfehen Sanben nicht mehr ertaubt, ober ein oeratteted bitettantifched 
Unterfangen fein, wähtenb bie wahre ©etehrfamfeit in ber Aufhäufung unb 
Sichtung Pon (Daten, (Detaitnotijen jeber Art, ©rieffteden u. f. w. befteht, in ber 
Audgrabung aud ben Arminen unb fdjarffinniger ©enufcung ber bort gemachten 
tfunbe, furz, inbem man bie ctaffifdje ©poche behanbett wie bie attbeutfdje. 28er 
wodte bad ©erbienfttiche fotcher gorfdjungen leugnen? (Rur bürfen fie ftch nicht an 
bie Stede ber Siteraturgefdjichte fefcen woden, nur barf bie Siebenfache nicht jur 
$auptfache gemacht Werben. 

3u ben Seiten, welche für fotche (Darftettungdroeife am günftigften finb, gehört 
j. ©. „©oethe’d Sugenb", bie im jweiten ©anbe Pon Julian Schmibt’d SBerfe 
ben breiteften (Raum einnimmt, wie überhaupt ©oethe, bei bem fich ©rtebnifj unb 
(Dichtung eng oerWeben, ber in ©riefen, Aufzeichnungen jeber Art, in feiner Selbft 
biographie ben oodfommenften Anhalt ju fotchen Audführungen gibt, ber Siebting 

6 * 


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Unfete £jett. 


8« 


ber ejacten Siteraturforfcfjer — sit venia verbo — ift. Sie Sapitel Sulian 
©chmibt’d, welche ben jungen ©oetfje beljanbeln, ftnb in ihrer Elrt oortreffltc^: 
bie ERäbdjenbilber, bie grieberife, Sötte unb Sifli, treten in ihrem SBefen, wie in 
itjrer ©ebeutung für bie Sichtungen bed jungen Stürmerd unb Srängerd lebenbig 
oor und hin; bie (Sntftefjungdgefcfjicfjte non „©öl“ unb „SBertfjer", „©laoigo", 
„Steßa", bem „Sriumph ber ©mpfinbfamfeit", ben erften „gauft"=gragmenten Wirb 
und aud Seben unb ©riefen bed Sichterd erläutert; aud ben ©riefen ber 3eit= 
genoffen erfahren toir ben EBeflenfdjlag, ben jene Schöpfungen im beutfdjen ©eijled» 
leben fjctborgerufen, unb bie Urt^eite berfelben erfejjen jum bie äftljetifchen 
Urttjeile bed Siterarhiftoriferd, mit benen biefer fid) in ber Siegel nicht abgibt. 
Unb ba ©oettje nicht nur mit Berber unb EBielanb in freunbtiche unb feinbliche 
©ejiejjung getreten, ba er mit ben ©totberg gereift, mit Sen} unb ben Stürmern 
unb Prangern öerfefjrt hat, fo geftaftet fich feine gugenbgefdjichte üon felbft }u 
einem umfaffenben (iterarifchen d^itgemälbe, in toeldjed fich unge}hmngen bie 
anbern toerbeluftigen 3ünger unb üorgefd)rittenen EReifter einreihten. 

®d fönnte hier ber Elnfdjein erflehen, ald märe bie ERetfjobe wirtlich «in* 
richtige, unb hoch ift fie falfdj unb tann auf anbere ©pochen unb anbere Sichter 
nur mit größtem Bwang angewenbet Werben. Ohne grage finb ©chiöer’d Sragöbien 
bon „SBaQenftein" bid „Sett" bie größten ©höhe unferer bramatifchen Siteratur: 
in welcher ©e}iehung haben fie aber }u feinem Seben geftanben? 6r hielt fich in 
SBeimar auf, ald er fie bicfjtete, ald gamilienoater, in georbneten, bürgerlichen 
©erhältniffen, lieh faft in jebem galjre ein neued unfterblicheö Srauerfpiel erfcheinen 
unb correfponbirte nur mit feinen greunben über bie Stoffe unb ©rfotge. Sie 
nach 5Roti}en grabeube ©iograptjie geht hier gan} leer aud unb bie Siterar» 
hiftoriter müffen fich nolens volens ba}u entfdjliefjen, bie Sücfe, bie für ihre alle 
Setaild }ufammcnraffenbe ERethobe hier entftetjt, mit fritifc^en Setrachtungen 
über bie ein}elnen SBerte aud}ufüflen. 

Unfere bisherigen Eludfteflungen betrafen bie ERethobe gulian ©chmibt’d, welcher 
in feiner erften, noch bon ben ©elüften ber fpnchroniftifchen ©efchichtfchreiberei 
nicht angetränfelten Auflage feiner Siteratur bed 19. gahrljunbertd, fowie in 
ben Sammlungen feiner ein}e(nen ©ffapd genugfam bewiefen hat, bah er auch bie 
©abe einer }ufammenfaffenben ©haratterifiit unb farbenreichen ißorträtirung befifct. 
Sie ©or}üge feiner „Eludgabe lefcter §anb" werben }War burch bie ERethobe, 
welche ja aße SBünfdje ber heutigen gadjmänner erfüllt, beeinträchtigt, behaupten 
fich aber trofcbem gegenüber ben oft einfeitigen Sarfießungen ber Siteratur, in 
benen audfchliejjlich bichterifche ©r}eugniffe }ur Sprache fommen. Elld ©efchichte 
bed geiftigen Sehend oerbient gulian Schmibt'd SBerl ooHe Elnerfennung. ©(eich 
bad ©ilb oon Seibni} ift mit bebeutfamen 3ügcn entworfen; wie bei ihm finb 
überall bie ^ufammenhänge mit ber englifchen unb fran}öfifchen Siteratur heroor» 
gehoben. Ser junge ©oethe, Seffing, wenn man bie eht}etnen Kapitel }ufammen= 
fügt, aufierbem mehr im 3ufamntenhang bargefteflte Sichter wie ©ünther unb 
©ürger geben tjeugnih oon ber ijJorträtirlunft bed ©erfafferd. Sah er ein fefjarf» 
finniger ®opf war, hat er in feiner fritifdjen Shölifl^ü hinlänglich bewiefen, bid» 
weilen nicht blöd }u Ungunften ber Sinter, fonbern auch 4« Ungunften ber Sicht» 


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Deutfdjc Citerar^iftoriFer ber ncueftcn ^cit. 


85 


(unfit: in feiner SHeraturgefdjidjte beweift er e« weniger burd) bie (ritifdjen Sichter, 
bie nicht attju häufig auf bie einzelnen Richtwerte fallen, al« burd) bie Sufantmew 
orbnung ade« bewei«(räftigen SRaterial« au« ben ©riefen unb jeitgenoffifd^cn 
Schriften, fotoie au« ben Richtungen*) fetbft, Wetd)e immer ben teitenben ©eficht«* 
fünften entfpridf)t. Rabei ift bie Rarftedung Julian Sd)mibt’« ftet« dar unb 
burchftchtig, auch wo er e« mit ben Problemen unferer nicht immer burd^fid^tigen 
fpeculatiben ©hilofopf)en ju tl)un hat. 

©in ebenfo fleißiges wie intereffante« SBerF ift „Rie ©oeti( ber Stenaiffance 
unb bie Anfänge ber literarifdtjen ffritil in Reutfchlanb", bon Dr. ffarl ®orin«(i 
(©erlin, äBeibmann’fche ©uchhanblung). Sowenig bie ©poche, welche ber ittutor 
fchilbert, ton ©ebeutung ift für bie ©egentoart, ba fie in allen ihren ©eftrebungen 
Don ber claffifdf)en überholt würbe, fo groß ift ba« literarhiftorifche Quicreffe, 
ba« fie erweifen muß: benn eg ift bisher nur in ben eingeweitjteften Greifen 
befannt gewefen, mit welchem ©ifer man in ber Seit ber 9tenaiffance auch in 
Reutfdf)tanb nad) einem ffanon für poetifdfje« Schaffen fucßte unb in welchem 
innern Sufammenhange ade biefe Renbengen miteinanber ftanben. (freilich wirb 
man nidf)t ohne ein wehmütige« @efül)l in bem SUbum biefer Dergilbten Unfterb- 
lid)f eiten ber ©oepe unb ©oeti( blättern; bie äJteljrjafjl biefer Sötänner, beren 
92amen ju iljrer Seit einen guten Älang Ratten, bie als große SReifter gefeiert 
Würben, finb jefet fo oerfdfjoden, baß fetbft Diele Siteraturgefdjictjten ihrer nicht 
ober nur in ber beiläufigften SSeife gebenfen: anbere werben überhaupt nur burefj 
ben Steife einer in« gröfete Detail gel)enben gorfeßung au« bem tiefften Runlel 
an« £id)t gezogen, ©ine oerwirrenbe güde Don ©amen taudtjt in ber ©orin«(i'fcf)en 
Sd)rift auf; wenn inbeß aud) (ein Sefer ber ©egenwart fiefe ade einzelnen in« @e- 
büefetnife einprägen wirb, fo empfangen Wir bod) au« berfelben ben ©efammteinbruef, 
baß in jener Seit bie Ricßtlunft ju ben angelegentlicßften SBefcfeäftigungen ber ©e* 
leßrten unb ©ebilbeten gehörte unb baß mit Bezug hierauf ein ©ergleich mit unferer 
Seit feßt jum fRacßtßeil ber (extern au«fcf)tagen muß. 2Ber (ümmert fiefj heute um 
bie Siegeln ber Ridßtfunft? Saum werben ße auf ben Schulen gelehrt, woßl nodtj 
meßr in ben hößern Röcßterfcßuten at« in ben gelehrten 3lnftalten; ba« große 
©ublifum hat (aum ein Urtßeil über bie tformenfcßönheit eine« ©ebießt«, begnügt 
ftefe oft mit ben größten Stümpereien unb bemunbert poetifeße ©rgüffe, benen 
jeber (finplerifcße £>alt feßlt; fetbft Ricßter Don ©uf, benen mancher, aud) in 
formeder §inpd)t tabellofe SBurf gelungen, Derfaffen ein anbere« mal gang ftittofe 
©ebiefete mit ben gröbften ©erftößen gegen {Regeln Don unzweifelhafter ©ültigteit. 
Ramal« ftanben beutfeße dürften an ber Spiße Don ©efedfeßaften, welche bie 
Ricßttunß pflegten; aber bie fragen berfelben würben gleicßfam Don Sanb zu Sanb 
berßanbelt. Ra« ©enie läßt ft cf) freilich nicht au« ber ©rbe flampfen, unb gerabe 


*) Rie ®itte Qulian ©cbmibf« unb anberer Siterarljiftorifer, ade Söerfe, bie fie citiren, 
in bie ©rofaform aufgulöfen, ift gewiß nicht gu billigen; e« gemahnt oft wie eine glud)t 
Dor ben bidjterifdjen (formen, beren ©erübrung ben Autoren unbequem ift, weil fie and) 
in ihrer ftritif nie auf biefelbe gurüdfommen. 


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86 


Unfere (Jät¬ 


in biefem 3oh r h un bert ift eg bem beutfdjen SSoIfe nicEit aufgegangen; aber ber 
Sinn für bie Dichtung war in weiteften Steifen oerbreitet, man fudjte nach feftcn 
Regeln für ben guten ©efcfymacf, unb barin lag ein Snterejfe, welcfjeg bet ©egen» 
wart fehlt. «freilich, bei biefem @udfjen machte man oft feffr bebenflidje 3tr* 
faxten burdj unb fdjeiterte an manchen Stippen — bodj in magnis voluisse sat est. 

Die große Autorität, welche ber bamatigen Spotte botauSging unb ooraug» 
leuchtete, war ©caliger, beffen lateinifdj getriebene ©oetif in ber Dfjat jum 
erften mal einige fjötjere ©efidjtgpunfte auffteUte, Welche über bag blog «formale, 
bie SWetrif unb ©rofobie, bie burdj jahlreidje Seifpietfammlungen unb ©feig» 
brücfen jeber 9lrt ergänzt unb erläutert würben, ^inaulging. ©eitbem würbe 
bag ©oetifenfdjreiben ©tobe unb biefe SSerfe ein beliebter ©erlaggartifet; nament» 
tidj aber würben jahlreidje ©tetrifen unb ©rofobien ber lateinifdjen ©prat^c 
Oerfaßt. Der Slttmeifter ber beutfdien ©oetif bteibt trojj ber jafjlreidjen ooraug« 
geßenben lateinifdjen unb beutfdjen SBerfe über biefetbe immer bodj ©tartin Opifc 
mit feinem ,,©udj oon ber beutfdjen ©oeterei". öbfdjon oon fremben ©inflüffen, 
oon ©catiger, SRonfarb, $einfiug anfänglich beftimmt, hatte er bodj ftetS eine fwh e 
Meinung oon ber uralten Sprache ber ©ermanen, bie „unjertheilt, unOerberbt, 
rein unb unöerwifdjt auf ung gefommen fei". Die Deutfdjen allein befäßen nodj 
bie ©pradje ihrer gewaltigen Sinnen; bie ber ©rieten unb SRörner fei burdi bie 
©arbarei Oerberbt. Dag fdjtieb er fd)on in feinem „Aristarchus", einem tatei» 
nifitjen ©ermon über bie ©erad)tung ber beutfdjen Sprache. 3« feiltet „©oeterei" 
ift 0pi& in üieter fpinfidjt oon grunbtegenber ©ebeulung. Stur wag er jur ©er» 
tfjeibigung ber ©oefie gegen bie Singriffe auf ihre fittlidfje ©djäblidhfeit unb ihrem 
heittofeu ©influß auf bag Seben ber ©oeten üorbringt, über bie „Srfinbung" unb 
„Stbtljeitung", über bie „£>eroifdjen ©etidjbe", über bie „Dragebie", bie nur oon 
„Söniglidjem SBiöen, Dobfdjlägen, üerjweiffelungen, Sinber» unb ©atermörbern, 
branbe, ©lutfcfjäben, friege unb auffrutjr, {fingen, Reuten, feuffjen" unb bergleidjen 
hanbelt, über bie Somöbie fagt: bag ift wenig bebeutenb, unb Wenn er ©irgit 
über $omer unb ©eneca über ©opljofleg ftetlt, fo ^utbigt er bamit nur bem 
bamatg allgemein oerbreiteten ffeitgefdfjmacf. Sludj wag er über ben ßtjarafter ber 
übrigen Didfjiarten, bie ©legie, bie 3bptte, bag ©pigramm fagt, ift jwar faft 
burcfjweg berechtigt, aber eg ift bamit fein neuer SBeg eingefdjlagen. Dagegen ift 
er bahnbredjenb geworben in ©ejug auf bidjterifdje Decfjnif;' er juerft hot bag 
©rincip ber regelmäßigen Hebungen unb jwar fo umftänblidj unb beutlidj wie 
möglich oerfünbet. Sange $eit hieß bie bidjterifdje Dedjnif „Opifcifdje ©ergfunft", 
ein richtig gebauter ©erg ein „Dpifcifdjer ©erg". Dpih Würbe „ber berühmte 
Urheber ber neuen beutfdjen Dicfjtfunft" genannt; feine Singer befannten fidj 
fchon auf bem Ditel ihrer SBerfe ju ihm. Dpi|j fannte nur 3omben unb Drodhäen; 
ber Dafltjlug Wirb nur gebulbet. ©taßgebenb war er für bag fofgenbe 3oh r h un ' 
bert burch bie uneingefchränfte Seüorjugung beg Sltejanbrinerg alg beg fjeroifdjen 
©ergmaßeg; bie fogenannten vers communs, welche Stonfarb für geeigneter hielt, 
oerwarf er; feine ©ortiebe für ben Sllejanbriner war in ben Stieberlanben feft 
gewürfelt: „Somit fdjeiterte Wie in «franfreidfj burdj ©talegherbeg’ ©rtöbtung aller 
©onfarb’fdjen ©eftrebungen bei nng fchon im ©ntftehen bie Dppofition gegen ben 


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Deutfcfje Citerarfjiftorifer ber iteucftcn <3^1. 


8? 


eintönigften aßet Verfe. 2)urcf| biefe ©teile in bet «Voeterei» 6fie6 ber Hieran* 
briner für mehr als ^unbert Sahre fanctionict in unferer Siteratur, bis baS erfte 
große $eEametrifd)e ©ebicfjt ben lang gereiften Ueberbruß toie einen Drfan ent* 
feffette." 

SortnSfi faßt fein Urteil über bie „Voeterei" Bon Opifc batjin jufammen: „$)aS 
wichtige Süchtein hat Slnftoß ju einer neuen Siteratur gegeben, unb aud) wir, 
bie auf ihre erften grüßte ßerabfeßen bürfen, batiren Bon ihr eine neue Epodje. 
Dpife t|at bamit juerft getoirft für bie Verbreitung ber notljwenbigften ©runb* 
begriffe unb formalen Slnfdjauungeu Bon ber poetifdjen Äunft, bie im 9luSlanbe 
fcßon lange ©emeingut aller geworben waren. ®aß er baburdj auf bie Vrobuc* 
tion irgenbroetdjen autoritatiBen ®rud hätte auSüben wollen: Bon einer folgen 916* 
fid)t jeigt fidf in feinem ganzen SBirfen feine ©pur. 2ßie er in ben fragen ber 
VerSfunft Bon ber SRigorofität SRaleSherbeS’ Weit entfernt ift, fo in benen ber 
hälfern poetifdjen Theorie Bon ber Sefdjränftheit ber granjöfifdjen Stfabemie. Er 
ift unö $eutfdjen SRonfarb unb SRaleSherbeS jugleidj, aber fein eigentliches SEBefen 
fteht unter bem Einfluß beS SiebengeftirnS. SBie biefeS oon philiftröfer ©eban* 
terie Weit entfernt war unb hauptfäcf)li<h burch bie Äraft frifcher Anregung feinen 
Einfluß erlangte, fo ift auch Dpifc noch fein jopfiger Sdjulmeifter; nod) ift er 
angeweht Bon bem frifchen fmudje ber Stenaiffance, unb nicht ©ottfdjeb’S «$ri= 
tifcßer 5)idjtfunft» ift mit ©erBinuS fein theoretifcheS Südjlein ju Bergleichen, 
fonbem eher bem SRanifeft, mit bem bie ©lejabe bie neuen ©aflier jur geiftigen 
Eroberung ber sacrez thresors beS SHtertljumS einlub." 

Erft fpät unb nadjbem er in ben SKbelSftanb erhoben. Würbe Dpifc in bie 
Srucijtbringenbe ©efeflfdjaft aufgenommen, welcher baS britte Kapitel beS So* 
rinSfi’fchen SBerfeS gewibmet ift. Sange Seit war ber Erjfchreinfjalter XobiaS 
Jpübner ber einzige Sürgerliche ber ©efeflfdjaft; fpäter mußte man fich jur 9luf* 
nähme ber ©ärgerlichen entfchtießen, ba gerabe bie $auptjwecfe ber ©efeflfchaft 
oon Sürgerlichen erfüllt würben, bodj h Q tte bieS nicht bie SRehtung, baß große 
Herren unb hohe Srudjtbringenbe ©efellfchafter fich mit ben fiebrigem in Ber» 
ächtliche unb aflju gemeine Sunbfdjaft eintaffen foflen. Stoch einmal würbe 
1647 ber Serfuih gemacht, alles nicht Stittermäßige aus ber ©efeflfchaft auSju* 
(erließen, hoch ohne Erfolg; bagegen Würbe allmählich auch unb Shtnj in 
biefetbe aufgenommen. ®ie „§odjtöbtidjen grudjtbringenben ©efellfchafter", bie 
„Slbtreibenben", „Slähenben" ober wie bie appetitlichen Sejeidjnungen biefer no* 
mineflen Vegetarianer heißen mögen, trieben fich halb gleich ben gefrönten ißoeten 
wie ^»ünblein auf ben ©affen umher. 9ltS baS Verbienft ber gruchtbringenben 
©efeflfchaft hebt SorinSfi Ijrroor, bie ©efahr, gegen Welche f<hon Opifc fich jur 
SBeljr fefcte, gänzlich abgewenbet gu haben, baß bie „rauhe Sprache" für längere 
Seit entweber ganj ben fremben weiche ober bodj burch ©inmifdjung ihrer Sorte, 
Vhrafen unb Eonftructionen bis jur Unfennttidjfeit entfteflt würbe. Subwig Bon 
Slntjalt, bie Verte ber fchutmeiftertichen SRenaiffancefürften, war einer ber erften 
Vorfämpfer, ftanb an ber Spi|e gerabe biefer Seftrebungen; ber haflifche SRector 
©nenj, ber Orbnenbe, erhielt Bon ihm ben Sluftrag, eine beutfe^e Sprachlehre ju 
fdjreiben, Bon welcher Subwig inbeß wenig entjücft war. ©uenj hotte bie Äunft* 


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88 


Unfere |$eit. 


Wörter oerbeutfdjt; et wfinfchte ein Sefifon auS ben befien ©Triften, ein großes, 
epochemachenbeS, im Stil bet auSlänbifchen SJfabemien. Die Sprachlehre hatte 
getingen ©influß, weit größern bie Orthografie, welche ©uenj einführte. Rod) 
bei Dpifc hatte bie Recfjtfchreibung feljr int argen gelegen; Iji« wachten bie 
gruchtbringenben einen entfchiebenen Schritt nach oorWärtS. „Die beutf e 9tec^t= 
fcßreibung" oon ©uenj erfchien 1645 mit einem ©hrengebidjt oon $ergog Subwig 
felbft; nnb eS mar h»h e Seit, „ba nicht allein oon ©pietenben (£>arSbörffer unb 
©lajo in Nürnberg), fonbern auch oon ©uchenben (©Chottel) nene unb fi<h übel* 
fchidenbe Schreibarten wollen aufgebracht, fonbern auch eine frembere unb unge* 
wöljnlichere oon Säfit eingeführt werben". Die Seit war alfo auf biefem ©ebiet 
fo probuctio wie bie unferige — nur bah bie Regierungen fich nicht in ben föampf 
ber Orthografien Parteien mifdjten. 

Roch fruchtbarer War bie ©poche an Roetifen, benn übet bie fubtilften gragen 
ber RerSfunft zerbrechen fi<h bie grudjtbringenben bie Stopfe. Herzog Subwig 
geräth über berartige geinheiten oft mit feinen ©enoffen in ernftliche Differenzen: 
fo über bie „Daftplen", welche Dpifc empfiehlt. Subwig frieb felbft eine Roetif 
in fdjöngereimten Sllejanbrinern. Dies DpuS erfchien 1670 mit bem SBappen ber 
gruchtbringenben ©efeUfchaft, aber ohne ben Ramcn beS gürften. gm gahre 1642 
erfchien Rucßner’S „Deutfche Roefie". Der Rerfaffer, Rrofeffor in SBittenberg 
unb greunb Oon ßpifc, War bamalS eine große Autorität unb Würbe auch als 
Dichter gefeiert. Ruchner’S „Roetif" enthält oiel ReachtenSWerttjeS; fie ift in 
mancher fjinficht eine ©rgänjung ju ber oon Opifc; fie ift freier in ber Rnorbnung 
beS ©toffeg, reicher an ßitaten. Ruchner neigt in ber Sluffaffung beS bichterifdjen 
DalentS mehr jn Rlato als ju SlriftoteleS, betont bie Regeifterung mehr als 
bie Refonncnheit; ber Dichter ift bunTeln Dranges ootl; „bei allem, was er fdjafft, 
leiten ihn mehr göttlicher Drieb unb ©influß als Sunft unb ©efchidlidjfeit". ©s 
ift baS offenbar baS Richtige; in ber Regeifterung liegt eine incommenfurabte SRaCtjt, 
welche ben Dichter felbft entflammt unb auf alle #erjen jünbenb wirft: baS Rei= 
fpiel afler großen Roeten beweift es. Das „einmal ©efprodjene", baS ewig 
Rleibenbe wirb bem Dichter in bie gebet bictirt. ©ewifj gibt unfere 3lefthetif 
auch bem anbern gactor, ber Refonnenheit, baS gebührenbe Recht: hoch mögen 
bie Realiften unb ihre gefeierten DageSgrößen fagen, was fie wollen: ohne jenes 
Dictat ber Regeifterung gibt eS feine Dichter. Roch ein anberer Rnnft in Rudjner’ö 
„Roetif" wäre felbft für unfere ©egenwart wichtig, benn er enthält eine Rerur* 
theilung ber atabemif^en Richtung in ber Roefie; bie Rebeutung ber gbee gegen* 
über ber äußern gorm wirb ftarf heroorgehoben. Die gabel fei nicht bloS äußer* 
lidjeS Reiwerf; bie baS nicht beachten, feien „©änger unb Rerfemacher"; Rlato 
habe jum Dieter nur ber RerS gefehlt. Ruchner OerfuCht auch eine Älaffißfotion 
ber Dichtungen. Doch bcfcfjränft er fich auf ®poS unb Drama; eS fehlt bie Sprif. 
gn Rejug auf ben ©til wirb bie gehobene Rebe Oerlangt, nur eine SluSnahme ge» 
macht in ber S'omöbie, wenn bie niebriger geteilten Rerfonen mitfpredjen: benn man 
fönne einen Raum nicht mit rother garbe malen, ©ehr eingehenb wirb bie Ded}nif 
ber Rerfe behanbelt, fo Wie etwa heute biejenige ber SDiufif unb ber bilbenben fittnfte. 
Den Daftijlen oerhalf Ruchner juerft ju ihrem Recht, ebenfo ber ©apphifdjen 


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Seutfcfje £iterarl}iftorifer ber neueften <3eit. 


89 


Strome unb bem elegtfdjen ©er«majj, ba« alterbing« nicht au« §ejametern unb 
Pentametern beftanb, fonbern au« SUejanbrinern mit abmedjfetnben männlichen 
unb meibtichen ©nbreimen. Sonette mürben vermilberte ©pigramme genannt, 
unb ba« ijt nicht fo Verfehrt; ba« lefcte ©ijain braute bie Pointe, bie natürlich 
meit au«geffiljrt mar, ba« Sonett mar gteichfam ein Epigramm in Paufchärmeln. 
Sie eigentliche Stroptjenform für ba« Epigramm mar ba« äRabrigat, 

Siefer poeti! be« „©enoffenen" (fo mar ©uchnet’« Drben«name) folgte eine 
anbere von ©eorgiu« SdjotteliuS, melier enbfidh für bie beutfdje Poejte ba« er» 
feinte Siet ber „©runbridjtigfeit" finben moltte. Sa« Sitelblatt rühmt, baf? in 
biefer teutfdjen ©er«» ober Neimfunft unfere beutfdje ÜRutterfprache, foviel bero 
„füfjefte Poeji«" betrifft, in eine richtige gorm ber Sunft jum erften mal gebracht 
morben fei. 3« ber tateinifdjen ©orrebe mirb hervorgefjoben, eine Station ^öre 
auf }u fein, menn fte iljre Sprache aufgebe. 2Ba« feine SRetrif betrifft, fo läfjt 
er bie Quantität nach ber ©etonung tvecfjfeln. ©ine SRenge fettfamer Slu«brücfe 
verunzieren feine Poetif. Unter ben Neimarten finbet fid} auch bie gereimte 
Sappfjifdje Strophe, bie mir neuerbing« rnieber in unferer „Poetif" empfohlen 
haben; nur ift fie offne Nücfficfft auf bie ©äfur gebitbet: 

3ept vermehrt fiep Unglütf unb Jammer, 

Söfer Krieg un« fdftäget mit ftartem Jammer. 

©ott ben Krieg bodj enblicpem ftürje nieber. 

Nette un« rnieber. 

Sie mit fo grofjem Pomp auftretenbe, biet citirte Poetif Spottet'« enthält biet 
Säppifdje« unb ©efdjmacflofe«. Oft benufct ift #ar«börffer, ber nürnberger 
Patricier, beffen berüchtigter „S'retifcher Sridjter, bie Seutfdfe Sicht* unb Neim» 
fünft in fedj« Strophen einzugiejjen" im 3ahre 1648 erfcljien. Sen Nürnberger 
Spietgefettfdhaften, ben Nrfabiern ber Pegnifcfchäferei hot ©orin«fi einen befonbent 
Nbfdjnitt gemibmet: „Nürnberger Spielfunft." Sierlictjer Nu«brucf, feine hohe« 
©ebanfen, boch h°h e SBorte — ba« mar bie Sofung ber neuen Schute, ©ine 
reiche ©ilblichfeit mirb empfohten, ftatt ber mpthotogifetjen Figuren attegorifche 
©eftatten. SBie gefchmacfto« inbefj bie ©itber maren, bemeift ba« fotgenbe non 
$ar«börffer empfohlene, „©« ift ber Sonne ÜRagb Vorn ©ett erft aufgeftanben, 
fte h«t ba« ßammerpot in ihren rottjen föanben unb fchüttet e« gar au«" 
(mornit ber Sag gemeint ift). Sür ba« Sramatifche hot £ar«börffer mehr Sinn 
at« feine ©orgänger, boch bem ©horafter ber Nürnberger gentäfj, trat ba« Opern» 
hafte unb ba« ©aUet in ben ©orbergrunb. Sa« hiftorifefje Srauerfpiet tarn babei 
auch ix Aufnahme: bie $oheuftaufen, ber unjSIjtigemat gelüpfte Äonrabin; für alte 
fianbe bie ©ejug«guelte für ben „falten ftngftfchmeifi ber Sragöbie" marb bie Sürfei. 

©ine biefteibige Poetif hot Sigmunb von ©irfen, ber geniale ©eherrfcher ber 
Nürnberger Nrfabier, abgefajjt, „eine trofttofe ©erbaühornung be« luftigen, etma« 
epifur&ifch angehauchten Spielenben in« ©unfertige unb Selotifdje. ©ine biblifch 
gefärbte Siteraturgefdjichte, melche ba« Patriarchenalter verherrlicht". Sie SRufif 
ift bei ihm bie bevorzugte Shmft, in ber Poefie ift bie „©tümetei", ba« zierliche 
9u«bilben ber Nebe bie ftauptfadfe. Sie erfte aller ©ebichtarten ift ihm ber 
$hmnu«; bann folgen bie „Selb», gelben» unb Straffgebichte". 


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90 


Un(ere ^eit. 


SEBie bie Nürnberger ihren ißegnifcfchäferorben, fo giftete Stuft, ber tßaftor bon 
SEBebel, feinen ©tbfcfjwanenorben. ©eine tßoetif, bie er für bie Simberfcf)Wäne 
getrieben, Ratten bie Schweben öerbrannt; aber auS feiner @d(jute gingen mehrere 
ißoetifer Ijerbor. Ser wütfjenbe ©egner Stuft’S, 3efen, grünbete bie beutfögefinnte 
©enoffenfdjaft jur lieblichen SJiaienjeit in einem fdjönen Stofengarten. 3« ber 
neunmatneun SÖZitglieber jähtenben Stofenjunft tarn halb eine fiebenmalfiebenfache 
Silienjunft unb eine fünfmalfünffache Nägteinjunft. $118 „2BoIjtfe|enber" tnurbe 
3efen auch in ben fßatmenorben aufgenommen; boclj bewahrte er fetbft eine 
gemiffe ©etbftänbigfeit bem Oberhaupt beffetben gegenüber, ©ein „#etifon", 
feine Ißoetif tnurbe ber 3nnfapfel ber literarifdhen Parteien. 3efen unb feine 
Schule malten ficf) eines beutfdfjen IßuriSmuS fcljutbig, ber oft ins SurleSfe 
überging. SEBie Stuft tnurbe auch 3efen, ber jeittebenS ein unabhängiges fiiteratur* 
leben führte unb ein überaus probudiber SBielfdjreiber tnar, geabett. 

SorinSfi fdjitbert in feinem Sapitel „Sunftpoeten unb fßoetenjfinfte" ben Streit 
ber Anhänger non Stuft unb 3efen, biefe SDtänner fetbft unb bie fafjrenben, ge* 
frönten fßoeten, bie Sdjulfüdjfe unb tßritfdjemeifter. SaS Kapitel lögt bem 
.fpumor ein toeiteS Selb; eS ^eigt bon biefen Sichtern: „Difficile est satiram 
non scribere." 3m testen Kapitel: „Die granjofen", werben Wir mit bem @in- 
ftug ber SBoifeau’fcgett IJSoetif auf DeutfcEifanb befannt gemacht, mit ber neuen 
Slomanbidhtung, ber galanten ißoetif, bem Streit ber „friedjenben tßoefie" gegen 
bie „berftiegene"; nüchterne fßoeten, SEBeife, fi'anijj, Söeffer erfcpeinen auf ber 
Silbfläclje; eine Steihe aus granfreidj herübergefommener ffunftauSbrücfe befruchtet 
bie beutfche Sßoetif. 

DqS SBerf bon SorinSfi ift eine ber beften literarifdhen Ntonographien, bie 
wir befifcen: auSnehmenb reichhaltig, geiftreich in Urteilen unb parallelen, faft 
erfchöpfenb in SBejug auf baS Ouellenftubium. ©teichwol würbe eS noch wefent« 
lieh gewonnen hüben, wenn bie ©lieberung beS ©anjen eine burchßdf)tigere wäre; 
eS fehlen für baS große Sefepublifum bie marfanten ©infehnitte unb oft bie $lb* 
ftufnng bom SBefenttichen junt Unwefenttichen. Sie $auptgeftatten müßten fich 
noch fdjärfer herausheben: bieteS erfcheint burdh ben übergroßen Notijenreicfjthum 
etwas burcheinanbergewirrt. Sabon abgefehen ift eine ©poche, über welche ein 
Dheit ber Siterartjiftorifer jiemtief) flüchtig hinweggleitet, hier mit einer ©rünb* 
tichfeit bargeftettt, welche baS SGBerf SBorinSfi’S ju einem grunbtegenben für bie 
beutfche Siteraturgefdjichte macht. 

Stehen ben größern titerargefcf|i<htlidf)cn SBerfen erfcheint fortwäßrenb eine 
große 3 a h^ bon SJtonographien, Welche meiftenS an unfere ctaffifche ©poche an« 
fnüpfen. ©eiten Werben fpätere 3eiträume bargefteüt, unb bodh ftnb auch f<h on 
biefe jum Sheit in eine literargefdhidhtliche Perfpectibe gerüdft. ©ine StuSnaßme, 
bie wir fchon beShatb hier erwähnen, bilbet bie Schrift „SaS Sunge Seutfchlanb" 
bon geobor SB ehl (Hamburg, 3- 8- Stifter), in welcher biefer Slutor eine 
geift* unb gefdhmacfboüe ©harafteriftif ber jungbeutfdhen ©poche gibt, ju ber 
ihn feine 3ntimität mit einigen gührern berfelben befonberS befähigte. SJiit 
Pietät gebenft er borjugSWeife Speobor SJtunbfS, ber nach feiner $tnfidf)t bon 


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Seutfdje Citerarfyiftorifer 6er ueueftcn <3eit. 91 

ben Siterarhiftorifern unterfdiä^t wirb; eS liegt baS aber roo( baran, baf} ÜKunbt 
fich nicht tote ©ufofow unb Saube fpäter ju grö|ern Tidjtwcrfen in Stoman unb 
Trama emporgearbeitet hat. ©ufcfow proteftirt in einem mitgetfjeiften Briefe 
gegen eine ©orlefung, welche SBeljl in TreSben über bie „©eiftreidjen" galten 
wollte, weil er bieS Stichwort für eine SBaffe ber ©egner bet jüngern Siteratur 
hält. ©(eicfjmol fd)ifbert aud) 2Se^t in feiner neueften ©d}rift bie ®pocf)e beS 
Jungen TeutfchlanbS, bie wir in unferer „Stationalliteratur" als bie moberne ©türm» 
unb Traiigepoche bezeichnet haben, als bie eigentliche ©Spritepoche, JebenfaJIS 
intereffant finb bie zahlreichen mitgetljeiWen Briefe bon SJtunbt, Saube unb ©ufcfow, 
ber erftere meift milb unb auerfennenb, ber jweite gefpornt unb geftiefett mit bem 
furz angebunbenen (ßarolebefeljl in feinen Urteilen, ©ufcfow aber tiefoerftimmt, 
boch mittheilfam in (Bezug auf feine eigenften Angelegenheiten. Ter SKanget an 
©rfofg bei feinen fpätern bramatifchen SBerfen, bie hämifclje ftritif ber „©renz* 
boten" gegenüber feinen SRomanen, fortwährenbe Sorgen nährten bie htypochonbrifd)e 
Stimmung, 2Bot h<»t er ein Stecht, über bie aufreibenbe Arbeit zu Wagen, ber er 
fich hitfle&en muhte, nur nm feine ©jiftenz z u friften — unb bieS äufferliche ÜKo» 
ment foCte bei SBürbigung fdjriftftelletifchet Seiftungen mehr als bisher mit ange= 
fotogen werben, ©inem ©uftao gregtag, einem ißaul tpetjfe gegenüber, welche nach 
freier SBahl bienten unb fchaffen fönnen, ift ©ufctow fortwährenb im ffampf mit 
ber SWoth beS SebenS. „Sie hoben in ben «Jahreszeiten» gefagt", fchreibt er an 
3Behl, „ich Oerbiente jährlich circa 3000 Thaler. Steh, lieber greunb, Sie hoben 
ba ein grofjeS SBort getaffen auSgefprochen. hätten Sie es lieber nicht gethon. 
3ch bebarf faft fobiei, aber oerbienen? ©rfchreiben? ®a fein muh foft biefe 
Summe jährlich, um anftänbig zu (eben, Oier ffinber zu erziehen, eine junge grau 
nicht mit SRüljfal zu pladen unb ber SEBett nicht ben Triumph z u gönnen, bah 
cS einem Siteraten, ber nicht fchmeicheln, fpeidjellecfen, fich oerfaufen, in ben 
SRobeton beS TageS nicht einftimmen fann, pauore geht. Aber bah fie ba 
fein muh, bah *<h f' e erfchreiben fofl, baS ift mein ©(enb, unb ich er(ag ihm auch. 
Sticht, bah ich uichtS zu fchreiben wühte, nein, bah ich alles, Was ich f«h re *&e, 
herangeben muh! Tah i<h nichts wegwerfen, liegen (affen, länger feilen lann! 
D man fpricht Oon ben groben ©laffifern, oon ©oethe, Schiller, SBielanb, Berber, 
Jean ißaul! Alle hotten ©fiftenzen, hotten ißenfionen. Sie lebten ber Sitte 
jener $eit gemäh in Weinen Stäbten. SBär’ ich oermägenb, ober hätte nur für 
mich i u forgen, ober bezöge einen ©etjatt, ber meine Seit nicht abfaufte, ich 
wollte ganz onbere SBerle fchaffen, meinen ©egnern ganz anbere Semeife meines 
Könnens geben." SBer ben ©rief lieft, ben ©ufcfow nach bem Tobe feiner erften 
grau fchrieb, wirb an feinem oft oerlannten, tiefen ©emüth nicht zweifeln (önneu. 


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Bas dtkixx^t (ßlüfjlufjf. 

Sott 

ißrofeffor itanj .Stofepfj $3t0ko in SBien. 

SBenn man in frühem lagen jemanb tief finnenb unb nafbenftif an einem 
SBafferfaß fielen faf), fo würbe er für einen ffwärmeriffen Sieifenben gehalten; 
jeic^nete er babei in äwiffenpaufen, fo War er -Kater; machte er fif fteijjige 9?o* 
tijen in einem Süftein, fo war er Sifter. SBenn einer pute aß ba! am tofenben 
SBafferftnrj übt, fo ruft jebermann fogteif — ber ijt ein ©teftrotefnifer. 3a 
wofjl, ein ©teftrotefnifer, ber bie Strbeitlfraft be! faßenben SBafferl ftubirt, um 
biefelbe in ©teftricität umjuwanbetn unb all fotfe naf entfernten Orten ju leiten, 
wo fif itjre magnetiff en, mef aniff en, femiffen unb ßif twirfungen berwertpu 
taffen. 3« folget SBeife ift ffon manche SBaffertraft jur eteftriffen ©eteuf* 
tung ber Souriftenptetl, ber gabtifen unb tanbtif en Ortff aften aulgebeutet wor= 
ben, unb wirb e! in Sufunft in nodj erppern ®rabe immer mep werben. 

Ob babei bie eteftriff e Seuf te all ©ogentampe ober all ©liftampe aufgepn 
fofl, wirb puptfäftif Oon bem üerffiebenen 3'oecfe ber beabfiftigten ©eteuf» 
tung, bann auch bon bem Ifoftcnpunft, unb juweiten nur bon bem ©effmade 
jener abpngen, wetdbe bal eteftriff e 2ift benupn wollen. 3w allgemeinen 
werben ftf für bie ©eleuftung öffentlicher ißtäp unb fep großer Stäume mäf= 
tige ©entrattifter, atfo ©ogenfampen, beffer eignen all ©ftflampen. $agegen 
empfehlen fich ledere befonber! für ©rioatwopungen, wo fetbft bie ffwäfften 
©ogentif ter noch »iet ju jtarf wären, ferner ba, wo eine weitgepnbe Setfäflung, 
©ertpitung unb Stegutirbarfeit bei Sittel nottjwenbig ift; perpr gehören in 
erfter Sinie bie Spater, bann biete ber ftunft, 3«buftrie unb bem Raubet bie* 
nenbe ©tabtiffementl, wie Sttetierl, gabrifen, ©erlaufIgewölbe, Somptoirl, Su* 
reau! u. bgt. m. 

Sa fonaf bie eteftrifcp ©ttftampe in unfere pultif en Stäume einjubrtngen 
beginnt, unb per pf ft Wapff eintif in nift ferner ßufunft minbeftenl fo Weit 
jur #errffaft gelangen wirb, wie berjeit ba! naf manf erlei Stiftungen fo 
naftpitige ©altift, ba uni ferner jene! ©ftftift bereit! bietfeitig auf ©f ritt 
unb Iritt au! ben freunbtif erpttten Strbeitlräumen jeber 8rt entgegenteuftet, 
fo woßen wir un! im gotgenben mit biefem in ber Stnwenbung neuen Sifte 
etwa! näpr beff äftigen. 


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Das eleftrifcße ©lüßlicßt. 


93 


Sefanntticß erhalten bie etettrifeßen Sampen ißr Sicßt aus ben rafcß cotirenben 
Dßnamomafcßinen, bereit eteftrifcßer Strom burcß ben großen SBiberftanb eines 
ben Docßt oertretenben, fc^lec^t (eitenben ßörperS (meißenS flößte) in 2Bärnte 
fo umgefeßt wirb, baß legerer in ein ßelt teucßtenbeS ©rgtüßen gerätß. @3 
tommt alfo gunäcßft barauf an, eine Dßnamomafcßine burcß einen 2Baffer=, Dampf» 
ober ©aSmotor in fcßnette unb äußerft regelmäßige Umbreßungen gu oerfeßen. 
SBo eS nic^t mägticß ift, bie SRotoren fo gu regutiren, baß fte einen ßöcßft gteicß» 
mäßigen ©ang befißen, ba maßen mit bem fcßwanfenben etettrifeßen Strome Kccu» 
mutatoren für ben fpätern ©ebraucß gelaben werben. Diefe Speiser ber ©tef» 
tricität fommen alfo anäßelfenb ba gur Knwenbung, wo gu fürcßten ift, baß infolge 
ber ungleichmäßig rotirenben Ütäber ber SRotoren ein feine Stärfe ftetS wecßfetnber 
eteftrifcßer Strom auftrete, woburcß bann nur ein unfteteä, gucfenbeS, mithin 
unangenehmes, ja fogar fcßäbticßeS Sicht erfchiene. 2Ran (etoirft alfo ein ruhiges, 
conftanteä eteftrifcheS Sicht in erfter Sinie burch äußerft regelmäßig arbeitenbe 
SRotoren ober mittels Hccumutatoren. Seßtere ßnb eine neue Krt oon Sotta» 
©tementen, in melden man mittels „Sabung" oon einem etettrifchen Strome eine 
«hemifche Krbeit hat ooßbringen laßen, um biefe bann fpäter für bie {Beleuchtung 
mittels „Kuälabung" toieber in etettrifchen Strom gurücfguoerroanbetn. 

Strenggenommen gibt eS fein anbereS eteftrifcheS Sicht ats nur baS „@tfiß= 
ließt", welches in jeber Krt eteftrifcßer Seuchte bie $eltigteit fpenbet. 3n ben 
„{Regulatoren" ober „{Bogenlampen" tritt bie etettrifche ©tüßerfcßeinung an ben 
floßtenpoten fowie auch an bem Solta» ober Daopbogen, b. i. an bem gwifcßen 
ben floßtenpoten ßch entwicfetnben Sogen fteinfter, weißteuchtenber ßoßtentßeilcßen 
auf. ©benfo oerßätt eS ßch bei ben etettrifchen „Sampen mit gegeneinanber» 
geneigten flößten" unb an ben „etettrifchen flergen", bei welchen beiben ber Stb= 
ßanb ber floßtenfpißen wäßrenb ber gangen Srennbauer ßjirt iß, im ©egenfaß 
gu ben oorßer erwähnten fRegutatortampen, in welchen bie oeränberticße gegen» 
feitige ©ntfernung ber floßtenfpißen ßetS entfprecßenb gut Stärfe beS Stromes 
Oon leßterm fetbß fo geregett wirb, baß ficß baS Sicht auf baS fräftigfte ent» 
wicfetn fann. 3« ben ©lüßtampen mit „unooßftänbigem ©ontact" befteßt ber 
©Ifißförper aus ßoßtenftäben, an beren SerüßrungSftette baS ©tüßticßt erfcßeint. 
Kn leßterm betßeitigen ßcß nicßt nur baS ©rgtfißen beS bünnern poßtioen fßotä, 
fonbern aucß äußerft Heine, unfeheinbare, gtäßenbe So(ta»Sogen, weteße aus bem 
Serbrennen ber floßtentheiteßen an ben Unebenheiten ber ßcß berfißrenben ißote 
entfpringen. Diefe Sampen bitben ben Uebergang oon ben etettrifeßen Seucßten 
mit Sogen Weißgtfißenber floßtentheiteßen ({Regulatoren, etettrifeße flergen u. bgt. m.) 
gu ben etettrifeßen ©tüßticßttampen im engem Sinne, weteße man allgemein furg» 
Weg „©tflßtampen" nennt unb beren Sicßt oorgugSweife atS „©tüßlicßt" begeießnet 
wirb, obfcßon, wie wir foeben gefeßen ßaben, eS gar fein anbereS etettrifcßeS 
Sicßt gibt ats fotcßeS, wetcßeS oon bem ©rgtüßen ber etettrifeßen Seucßtförper 
ßerrüßrt. 3a in teßter Snftang berußt jebe Wie immer geartete Seteucßtung — 
gteicßoiet ob etettrifcß ober oon ben Stammen beS ©afeS, OeteS, beliebiger flergen 
ßerrüßrenb — auf bem ©rgtüßen Heinfter floßtentheiteßen. 

Die eigentlichen ©tüßticßttampen (3ncanbeScengtampen) befißen je einen gum 


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Unfere 


9i 

©rglügen beftimmten minber guten Setter, ber ogne Unterbrechung be# Strome 
(reife# in legterm aufgenommen ift. Diefer Docgt ber elettrifcgen Sampe ift geut* 
gutage immer ein fegr bänner, (ünftlicger &og(enfaben, meiner bem elettrifcgen 
(Strome einen mächtigen SBiberftanb bietet. Daburcg ergigt er ft cg gu einem fo 
gogen ©rabe, bajj er in# ©lügen nnb Senaten gerätg. Da felbft bie weijjglügenbe 
Äogle fidj bisher al# unfegmelgbar ertöteten gat, fo eignet fte ficg beffer al# bie 
feiner f(gmelg6aren SJtetatfe gum ©lüglörper ber elettrifcgen Campen. 3« ben 
minber gut teitenben unb ferner fcgmelg6aren SKetatlen gehören ©latin, 3ribium 
unb eine Segirung beiber; man gat bager berfucgt, Drähte au# biefen Stoffen 
als ©lügtärper bei ben elettrifcgen Sampen gu oerroenben. Mein ©latin, 3ri= 
bium u. bgf. m. flehen jtoar auf ben untern Stufen ber metaüifcgen Setter; fie 
fegen aber in ©egiegung auf ba# ©rglügen bem elettrifcgen Strome einen noeg 
oiel gu {(einen SBiberftanb entgegen, tiefer mufj bager berart erlögt toerben, 
bafj ein SBeifjglügen ber entfpreegenben Strömte eintreten (amt, wa# nur möglicg 
ift, toenn man bie (egtent oon fegr {(einem Cuerfcgnitt wäglt. Solche änfjerft 
bünne, weifiglügeube ©latin=3ribiumbrägte u. bgl. m. gaben jeboeg beit Uebetftanb, 
bajj fie felbft bei nur geringen ©rgögungen ber paffenben Spannung be# Strome# 
plöglicg fcgmelgen, wobureg ber Strom ltnterbrocgen unb bie Sampe unbraueg- 
bar wirb. 

Der weifsglügcnbe Soglenfaben für bie elettrifcgen Sampen fcgmilgt gwar nitgt 
wie ein bünner fßtatinbragt u. bgl., aber er oerbinbet ficg im freien egemiftg mit 
bem Sauerftoff ber Suft unb Derbrennt bager. Um bie# gu oergüten, umgibt 
man ben $og(enfaben luftbitgt mit einem ©laSballon, weteger mittet au#gegeicg° 
neter Suftpumpen nagegu luftleer gemaegt wirb. 9Rancge umgeben jenen garten 
$oglenbragt mit einem ©afe, in wettgem eine Verbrennung unmögtieg ift, wäg» 
renb ber ®oglenfaben borg eleltrifcg ergtügt, 3Jtan mufj fug bemnaeg güten, ba# 
elettrifcge ©rglügen mit bem geroögnlicgen Srennprocefj gu oerwe<gfe(n. Da# 
eteftrifege ©(ügtitgt entftegt ttiegt. Wie bie egemifege Verbrennung, au# einer Ver= 
binbung be# Sauerftoff# ber Suft mit bem ©rennmaterial unter 9Bärme> unb 
Sicgtentwicfefung, fonbern e# berugt, infolge be# großen Seitung#wiberftanbe#, auf 
ber UmWanblung ber elettrifcgen Arbeit in SSärme. Diefe bi# gum SBeijjglügen 
fug fteigernbe ©rgigung be# al# Docgt eingefegalteten, einen grojjen SBiberftanb 
bietenben Seiter# erfolgt ebenfo im luftleeren wie im lufterfüllten (Raum; fie tritt 
ungeginbert in ben betriebenen ©afen, unb felbft unter SBaffer, auf, unb bauert 
fo lange fort, al# ber elettrifcge Strom feine giergu erforberlitge Stärle beg&lt. 
Da# elettrifcge Siegt ift alfo eine bon ber gewögntiegen Verbrennung böüig unab* 
gängige ©lügerfegeinung; e# rügrt bon einem pgpfitalifcgen, unb niegt bon einem 
egemifegen ©rocefj ger, welcger im ©egentgeil bei ber clettrifcgen ©eleucgtung 
mäglicgft gu bermeiben unb au#gufcgeiben ift. 

Die beseitige elettrifcge ©lüglampe beftegt alfo im wefentlicgen au# einem 
fegt bünnen $og(enfaben, welcger in einem mäglicgft luftleeren @(a#gefäfj ein- 
gefcgloffen ift. Diefer feine Sogtenbragt gat meift bie gorm e ine# gufeifeit 
förmigen Vogen#. ©# ift niegt leiegt für bie Decgnit, bie 3uleitung#brägte luft= 
biegt bttreg ba# ©la# gu ben beibett (Silben be# ffogleitbiigel# gu fiigrett uttb 


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Bas eleftrifcße ©lüßlicßt. 


95 


bafetbft teitenb anzufcßtießen. 3n biefem fünfte unterfcßeiben ficß befonberS bie 
berfcßiebenen Sßfteme bet ©tüßtampen. ©benfo weiten bie ©rfinber boneinanber 
ab in bet #erftettungSmeife beS ÄoßlenfabenS. Sie berfcßiebenen Söfungen biefer 
fcßmierigen Aufgaben bitben meift bie ftauptpunfte bet patente in öezug auf 
bie etettrifeßen ©tüßtampen. 

SaS ©cmeinfame bet ßufeifenförmigen ober aucß geklungenen bünnen Sorten* 
fäben lägt ficß baßin jufammcnfaffen, baß benfetben burcß ein eigentßümticßeS ©er» 
faxten bei ber ©erfoßtung eine jotcße $ärte unb ©tafticität berließen wirb, baß bie 
ftoßtenbüget ben jetftörenben ©inftüjfen beS etettrifeßen Stromes tangere 3eit 
wiberfteßen tönnen. Sie burcßfcßnittließe SebeuSbauer einet guten etettrifeßen 
©tüßtampe wirb auf etwa 1000 —1500 ©renuftunben gefcßäßt; }o (ange muß 
mithin aucß bet Äoßtenfaben auSßatten, maö bet Sampe eine für mehrere ÜRonate 
ßinreicßenbe ©raueßbarfeit »erteilt, ba ja tägticß nur einige Stunben ©tüßzeit in 
Stiifprucß genommen werben. Saft gleichzeitig (1879) hoben Sman, ©bifon, 2Rajim 
unb Satte-So; burch müheootle ©etfuche ben richtigen SBeg jur Bereitung eines 
im (uftteeren SJaume beim SBeißgtüßen auSbatternben ÄoßtenfabenS gefunben, 
worauf bann batb bie ©ebrüber Siemens, ©reiner unb SriebricßS, 9Rülter, Sruto 
(Statien), ©ernftein (mit ber befannten ©oftontampe) u. a. m. mit ihren 2Retßoben, 
bie ffoßtenfaben ßerzuftetten, folgten. SaS SRoßmateriat für bie tünfttiche ©c» 
reitung ber ftoßtenfäben tiefem fetbftoerftänbtich toßlenßattige SDlaterieit, fo j. ©. 
bei ©bifon ©ambuSfafern, bei Sman ©aumwottfäben, bei 2Ra;im ©artonftreifen, 
bei Sane--3of bie Surzelit ber ©eiSpftanzen, fpäter auch fjmnffäben, bei ©ernftein 
röhrenförmige Ie;titgemebe u.}. w. ©orßerrfcßenb ift ber Äoßtenfaben Unförmig, 
mit bem ©ogett nach oben gemenbet, Sman winbet jeboch ben Äoßlenbüget im 
Scheitet treisförmig, toährenb 9Jta;im feinem Äoßtenfaben bie Sorm eines M erteilt. 
Stau frnbet auch ben Stoßtenbüget, um ben Eeuchtförper zu bergrößern, weiten» 
förmig (©ößm), ober in Gingen oerfchtungen, ober in bie Sänge gezogen u. bgt. m. 

@ar mannichfattig ift bie 9lrt unb Seife, Wie ber föoßtenfaben in feine ®taS= 
hätte eingebracht, unb wie ihm ber eleftrifcße Strom zu- unb abgeteitet Wirb. Sa 
©tatin ft<h nahezu > n bemfetben ©erhättniffe wie @IaS in ber Särme auSbehnt, 
fchmetzen bie ©taSbtäfer bei nieten Sampenarten feine ©tatinbräßte in ben gtä= 
fernen ©erfchtuß ber ©taSbattonS als 3“-' unb Slbtciter beS etettrifeßen Stromes 
in Bezug auf ben bogenförmigen Äoßlenfabeit, an beffen Schentet bie ©tatinbrähte 
teitenb befeftigt werben. SeßtereS gefchieht wiebet üon ben betriebenen ÜDtecßa» 
nitern in feßr abmeießenber Seife. Unb weit burcß bie abmeeßfetnbe ©rßißung 
unb ©rtattung ber Sampen bie ©tatinbräßte fteß im ©tafe toeferu, wobureß ber 
tuftbießte ©erfeßtuß leibet, fo ßitft überbieS bei maneßen Sampen Scßettact (3Ra;im), 
Guecffitber (So;) bie ßermetifeße Stbfcßtießung fießerzuftetten u. bgt. m. Sie 
3u* unb Stbteiter beS Stromes treten bei bieten etettrifeßen ©tüßtampen (z. ©. 
bei Sman) ßafenförmig aus bem Süße beS ©taSbattonS, um fo in einfacher Seife 
mit ben beiben etettrifeßen ©ölen beS EampenträgerS teitenb berbunben zu werben, 
wobei burd) Seberung für bie innige Berührung ber etettrifeßen ©ote mit ben 
©latinßätcßen borgefeßen ift. ©ei anbern ©tüßtampen enbigen bie Sampenbräßte 
in Gontactftäcßcn, weteße boncinanbcr bureß ©bouit, ©ips u. bgt. gut ifotirt finb, 


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96 


Unfere (3eit. 


unb »eiche fidj mit beit paffenben 93eruhrungSfläd)en ber beibett (ßole beS Sampen- 
gältet# Ieitenb terbinben. So j. 93. bitbet bie metallene ©chraubenfpinbel ber 
®bifon=2ampe bie eine 6ontactflädf)e ju ber mit einem elettrifchen Sßole oerbun» 
benen Schraubenmutter, Ȋfjrenb ber anbere 3uleitbraljt ifolirt burd) bie SRitte 
jener ©djraubenfpinbet gebt unb beim $erauStreten eine Sontactfläche bitbet jum 
gmeiten glädjenpol innerhalb beS SampenträgerS. $urch ©infchrauben ber Sampe 
in ihren Rätter ift atfo auch fth on >h re Berbinbung mit ben beiben elettrifchen 
(ßolen bergeftettt. 

Somol bie ©inhafung atö bie ©infchraubung ber ©lüfjlampen erlauben bem= 
nach eine bequeme 93erbinbung berfelben mit ben beiben (ßolen beS Prägers, fo»ie 
einen leichten AuStaufch ber Sampen, wenn etwa eine ober mehrere berfetben ben 
$ienft oerfagen foflten. 2)a ber fefte glfihenbe ßohtenbügel geftattet, ihm unb 
feiner ©laShüüe beliebige Stellungen ju ertheilen, fo hat hier bie 2>ecorationS= 
funft für bie Seuchter, ©anbetaber, SuftreS, Simpeln u. f. w. einen viel »eitern 
©pielraum als bei ben Slummen, »eiche nur nach oben brennen, »äljrenb man 
bie elettrifchen geuerfugeln mit bem ©(übbogen lotljrecht auf» ober abwärts, »ag= 
recht ober fdjief legen tann, was neue Sormen für bie 93ogenf)älter geftattet, 
). 93. ©taStulpen ober anbere 93(umen, auS »eichen bie ©lühlampen heraus» 
hängen u. bgl. m. 93ei ber allgemeinen {Einführung beS elettrifchen ©lüljtichteS 
»irb man jeboch aus ätonomifchen Stücfjtchten in ber Siegel fudjen, bie bereits 
oorhanbenen Sichtträger »eiter ju benufcen, fie mithin in paffenber äBeife mit ben 
SeitungSbrähten ju berfehen. Bei ben ©aSlampen jieht man meift bie lefctern 
mol ifolirt burch bie entfprechenben Kanäle, obfdjon ©timmen ficb erhoben haben, 
bie ®rähte in becoratioer SBeife äugen um bie SuftreS ju legen, bamit fie beim 
©inbringen in bie jumeiten feljr engen (Röhren feinen ©chaben leiben, ferner um 
eintretenbe gehler in biefen 3uleitungen leicht ju finben. 3« ber UebergangS» 
periobe, »o man noch Störungen im 93etriebe beS elettrifchen Siebtes ju be< 
fürchten hat, unb baher — »ie es jefet nicht feiten gefdjieht — ber Sicherheit 
halber auch noch für ben ÜRothfaQ auf bie ©aSbeleuchtung als Sieferoe jähtt, ift 
bie greihaltung ber ©aSfanäle an ben Sampcnträgem {ebenfalls oorju^iehen. 

SBie in 3ufunft ber SujuS unb bie ®unft ber AuSfchmücfung bie Sräger beS 
©lühüchteS für bie ©alonS noch »eiter geftalten unb umformen »erben, laffen 
»ir als offene grage beifeite unb »enbeu uns jefet befonberS ju ben einfachem 
Sidjthältera, »ie fie baS ©efchäftsleben alltäglich beanfprucht. Hier oerlangt man 
in ber Siegel Hängelampen an billigen unb fchmucflofen Ürägern, »eiche fij ober 
fch»ingenb befeftigt fein fönneit. 9Bo Beunruhigung unb ©rfchütterung bet Sam» 
pen OorauSfichtlich finb, »ähtt man lieber bie fchroingenbe Stufhängung, »eil ba 
bie Äofjlenfäben nicht fo (eicht burch bie ©töfje (eiben »ie bei ber fijirten ©uS» 
penfion. Slehnlich »ie bei ber ©aSbeleuchtung hat man aufjer ben HängetuftreS 
noch einfache ober geglieberte SBanbarme, tragbare Seuchter unb Satemen, fife 
©affenlaternen, bei »eichen baS ©lühlicht feinen 93ogen nach auf* ober abmärts 
»enbet, bie 3«* unb Ableitungen im gnnern ber Stühren ftecten unb bie Ber» 
fchiebbarfeit unb Iragbarfeit burch lange unb fimalförmig genmnbenc SeitungS» 


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Das cleftrifcfje ©Iüfylidjt. 


97 


braute ermöglicht finb. Die transportabel Saternen £)aben iljre SleftricitätSquelle 
im ©efted »erborgen. 

©olbglänjenb, mit einem angenehmen «Stich in ein gelbliches SBeiß, erftraljlen 
nunmehr aünbenblich bie eteftrifdjen ®lüf)tampen in »ielen BerfaufSläben ber 
großem Stäbte unb in nicht wenigen gabrifen auf bem Sanbe, Wo bie »orljan- 
benen SKotoren pr eleftrifdjen Beleuchtung einlaben. fftachbem Wir uns an bem 
fjreunblidjen Sicht ergöfct haben, fuchen wir p feiner Quelle p gelangen. Diefe 
liegt entweber nach großem ÜJlaßftabe in einer Eentralftation, welche h'*r baS 
Analogon pr SeuchtgaSfabri! »orfteflt, ober, Was pnädjft noch am häufigften ber 
5aII ift, bie prioate Einrichtung für bie Erzeugung beS eteftrifchen Siebtes finbet 
fieh im untern ©efdjoffe ober in einem Stebengebäube ber eteftrifch beleuchteten 
Socatität. 3n Bepg auf bie Bertßeitung beS eteftrifchen ©lühfidjtcS jeigt fich 
manche Sehnfidjfeit mit jener für baS ©aSlidjt. Die ©aSröhten bei ber festem 
ftnb beim eleftrifchen Sichte burch bie SeitungSbrähte erfefjt. Unb fowie bei ber 
©aSbeleuchtung oom mächtig weiten ^pauptrofjr baS Stöhrenneß nach aßen Seiten 
fich entfaltet unb in immer enger werbenben SRöljren bei ber Bertljcilung beS 
©afeS nach ©offen, Käufern unb Biwmem auSjWeigt, fo unterfdjeibet man auch 
bei ber eleftrifchen Beleuchtung im SeitungSnefj bie biefern ,fpaitpt= unb bie bün* 
nem 9?ebenbräf)te, wobei nicht p »ergeffen ift, baß hier für bie Burücffüljrung 
beS eleftrifchen Stromes bie »oneinanber ifolirten SeitungSbrähte hoppelt liegen 
müffen, währenb bie ©aSröhren nur einfach »orfommen. Der Saie ift nur p 
feljr geneigt, bie Einlage ber eleftrifchen Seitung für leicht p holten, unb bodj 
»erlangt auch liefet ©egenftanb bie tüchtigfte gaepfenntniß. Segen beS »orjüg- 
ließen SeitöermögenS beS SnpferS wählt man bie SeitungSbrähte aus biefern TOetaH. 
Um ben SeitungSwiberftanb fowie bie 9lnf^affungSfoften p »erringern, fudjt man 
bie fürjeften 3Bege für ben Draht, welcher jebodj nicht p bünn fein barf, weif 
fonft in ber ganzen Seitung burch ben p h»he» Siberftanb ein p großer Dfjeil 
beS Stromes in Särme umgewanbelt wirb, was bann an ber beabfidjtigten Um' 
wanblungSfteUe »on Strom in leuchtenbe SBärme, b. i. beim ©lüfjbraljte fehlt. 
Die einzelnen Dfjeile ber Seitung müffen auf baS innigfte metadifch »erbunben 
fein, benn burch fdjledjter leitenbe Sücfen würbe bie Stromftärfe leiben. Um 
nicht burch feitliche Ableitung an Strom einpbüßen, fod bie Seitung in »orpg= 
lichfter SEBeife ifolirt, b. i. mit ben möglich fdjt ec hteften Seitern (©uttapercha, Saut' 
fdjnl u. bgl. m.) umgeben fein. Eine gute Sfolation beS ganzen Drahtes fowie feiner 
BefefHgungSfteQen macht bie Seitung auch in Bepg auf Seuergefahr, efeftrifche 
Schläge an unerfahrene fßerfonen u. bgl. m. minber bebrohlich. Die Seitung wirb 
»or allerlei Unbill bewahrt, wenn man ihr eine ftabile güfirung unb gefdjiifcte 
Sage beforgt, jebodj immer berart, baß alle ihre Dljeite leicht pgänglich bleiben, 
bamit man bei eintretenben gehlem biefe leicht auffudjen fönne. Die Seitung 
unerreichbar p »erfteefen ober gar einpmauern, wie bieS pweilen »orfommt, 
empfiehlt fi<h bemnach feineSwegS. Dennoch ift man nicht feiten burch bie Ber» 
hältniffe gejWungen, einen Dheil ber Seitung unterirbifch p führen. Da in biefern 
gaUe bie Sfolirung noch forgfäftiger als bei ben p Dage liegenben Drähten fein 
muß, fo bebient man fich ber beft ifolirten Sabel, Welche für BeleucfjtungSjWecfe 

Uuftrf ßfit. ISS7. I. 7 


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98 


ttnfere £eit. 


bejonberS auSflejeicfttet angefertigt »erben, »eit ftier bie eleftrifcften Ströme feftr 
betr&c^tUc^ ftärfer at$ bte in ber Zeiegrapftie angemenbeten finb. Sollen bte 
®r&t) te Straften ober Sßläfce laufen, fo fönnen fie, ber ffioftl» 

fettftett tjaber, nadt bleiben, obfcfton autft für biefen gaß eine ifotirenbe $üQt 
uon SB Ortzeit ift. gebenfaßö aber füftrt man bann ben Zraftt äftnlitft wie bei 
ber freien Telegrafenleitung, toobei man iftn an feinen Irägem auf baS vor* 
jügüd)fte ifotirt. 

©<fton biefe wenigen Slnbcutungen bejüglitft ber Anlage ber Seitungen taffen 
aftnen, weltfte bielfettige unb ftft»ierigc Stufgabe ftier borliegt, befonberö in 
öfonomiftfter $infiiftt unb wenn man nicftt verftftwenberiftft in ©epg auf bie 
Zrafttbide öorgeften miß. gm aßgemeinen muft ber Querfcftnitt be$ ®raftte8 um 
fo gröfter genommen »erben, je ftftlecftter tefcterer ben eleftriftften Strom p leiten 
bermag, ferner je bebeutenber bie Stromjtärfe unb bie Sänge be$ ZraftteS ftnb. 
Dbmol für bie ®eretftnung ber Zrafttbide mandjertei Siegeln unb gormeln gegeben 
»orben ftnb, erfreut ficft bocft feine berfelben einer aßgemeinen ©ettung, unb e« 
entfcfteibet ftier meift bie tßrajis ber gnftaßateure, »obei freiticft autft auf ©t» 
faftrung baftrte Zabeflen p Statfte gezogen »erben. 

$ie ©tfifttiiftttampen fcftattet man faft immer paraßel ober nebeneinanber, 
b. ft. bie Zräftte, in »eltften bie Sampen aufgenommen ftnb, oerbinben brüden« 
artig bie beiben oon ber eleftriftften SRafcfttne fommenben tßotbräftte. ®ei biefer 
StftaltungSmeife erftfteinen alfo aße pofttioen Ißote ber Sampen mit bem pofitioen 
3uleitung$braftte oerbunben, »äftrenb fitft aße negativen Sampenpote mit bem 
negativen StüdleitungSbraftte teitenb vertnfipfen. gm Sdjema fieftt eine foltfte 
Spaltung »ie eine Seiter aus, in beren Sproffen bie Sampen ftängen, unb »o 
bie langen Stangen bie 3»* unb Ableitung Vorfteßen. ®enft man fitft ben 8“* unb 
Hbleitungäbraftt in gleicft viel 3weige auStaufenb, unb bann je j»ei biefer ©egenäfte 
burcft je eine Sampe teitenb Vereinigt, fo ftnb autft biefe Sampen paraßel ge« 
ftftattet. 3Wan tann bafter fagen, baft bei ber Siebeneinanberfcftattung von Sampen 
bie beiben Von ben tßolen ber etettrififten SKafcftine auögeftenben Zräftte in fo 
viele ScfttieftungSbogen austaufen, atö Sampen paraßel eingefeftattet »erben foßen. 

©anj entgegengefefet verftätt ei ficft bei ber $intereinanber« ober Serien« 
fcftattung eleftrifcfter Sampen. $ier liegen tefttere in einer Steifte ober Serie im 
3uleitung£braftte natfteinanber berart, baft je ber negative tßot ber einen Sampe 
ficft an ben pofitiven ber näiftften teitenb anfefttieftt. ®on ber teftten Sampe läuft 
enblicft bet 3urüdteitung8braftt »ieber pr eleftriftften Guefle. ®ie Stftattung 
natft einer Serie fommt bei ben ©tüftlampen in ber Siegel beöftatb nitftt vor, 
»eil jebe berfelben ber gortteitung bes eleftriftften Stromes einen ftoften SBiber* 
ftanb bietet, metefter lieft bei biefer Stftaltung3»eife abbirt, ober für Sampen 
gleitften SBiberftanbeö multipticirt. Zaburdj wirb ber p über»inbenbe SeitungS« 
»iberftanb fo groß, baft man eleftriftfte Ströme von p ftofter Spannung ver« 
»enben müßte, was aus meftrern ©rünben unmögtieft ift. SBenn bagegen bie 
©tüftlampen paraßel gefeftattet »erben, bann verminbert fitft iftr SeitungSwiber« 
ftanb mit ber Slnjaftt ber Sampen. ©ejtften biefe je einen gleicften Seitungö« 


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Das cIcftrifc^e"'<ßIüIfHc^t. 


99 


wiberftanb, fo erpätt inan ben (extern füt aQe Campen, wenn man ipre 3fl 
bibibitt in ben SBiberftanb bet ©ingellampe. 3Repr Campen bieten atfo bei biefer 
ScpaftungStoeife einen niel {(einem SBiberftanb ats eine Campe, unb gmar beträgt 
ba ber SBiberftanb nur einen 83nftpeil non jenem einer Campe, tiefer 89nf» 
tpeit fällt um fo Keiner aus, je größer bie Slngapt ber parallel gefalteten Campen 
ift. 3n fof er SBeife nerminbert bie fßarattetf attung ben CeitungSwiberftanb 
ber Campen berart, bafj bem eteftrif en Strome leicht eine fof e Stärfe erteilt 
werben (ann, lote fie für baS gu ergeugenbe ©tüpticp t ber borpanbenen Campen» 
gapt erforbertidj ift. 

®emnacp lann es oorfommen, bajj ein eteftrif er Strom eine ©tüptampe 
nocp nft in fteuer gu berfepen nermag, aucp nic^t 2, 3 ober 4 u. f. ro., mopt 
aber 20 ober mepr berfetben, wenn man fie nebeneinanber faltet. $ieä anfangs 
oerblfiffenbe ffirgebnijj erKärt ff lef t, wenn man überlegt, bafj bei ber fßaraltel» 
f altung non g. 89. 20 Campen ber Strom glef fam burcp ebenfo niete neben» 
einanberliegenbe $räpte läuft, loef e ff burcp einen eingigen gmangigmat bidern 
Äupferbrapt, opne Kenberung beS ©rfotgeS, erfepen (affen. 3" einem gtoangigmal 
bidern ®rapt ftnft aber ber CeitungSwiberftanb auf l / 20 , unb es fteigt baper pier — 
nacp einem mf tigen, non 0pm (1826) entbedten ©efepe — bie Stromftärte auf 
baS 3ü>ongigfa^e non nofer, waS in bem paffenben gatte pinref en lann, bie 
Campen ins @(f en gu bringen. 

89enor mir nun weiter gepen, mfiffen wir uns mit brei unentbeprticp en etef» 
trifen £>aupteifeiten befannt machen, wie biefetben feit bem erften internatio» 
nalen ©ongrefj ber ©tettriter in fßaris (1881) ben eteftrif en SDteffungen gu 
©runbe liegen. Sefanntticp werben ade eteftrif en ©if eiten gu ©pren berühmter 
unb um bie ©tettricität pocpberbienter fßppfiter nacp (extern benannt. So peijjt 
bie ©if eit ber eteftromotorif en Äraft — b. i. ber Urfacpe beS eteftrif en ©egen» 
fapeS, burcp beffen Ausgleich ber eteftrif e Strom entftept — in 89egiepung auf 
Sotta, baS „SSott". Stuf biefe ©inpeit begießen ff aucp bie fDieffungen ber eiet» 
trifen Spannung, welche bie ßraft begeicpnet, mit ber ff bie burcp bie etettro» 
motorif e ftraft gef iebenen entgegengefepten ©teftricitäten wieber gu bereinigen 
fudjen. $aS Sott ift etwas mepr a(S 0,9 ber eteftromotorif en $raft eines nor» 
maten $>anielTfcp en ©tements. 2)ie ©inpeit beS eteftriffen CeitungSwiberftanbeS 
nennt man, gum Stnbenfen Opm’S, baS „0pm"; es gteif t bem eteftrif en SBiber» 
ftanbe, Wefen 48,» SDteter reiner ftupferbrapt bon 1 SDtillimeter 3)utcpmeffer bei 
0° ©. bem Strom bieten. 3)ie ©inpeit ber Stärfe beS eteftrif en Stromes ift 
baS „Stmpere", was an ben großen fßppjtfer biefeS 9tamenS erinnert. $iefe Strom» 
einpeit liefert in einer SNinute burdj 3 e rf«pung bon angefäuertem SBaffer 10,5 $ubit» 
centimeter ÄnattgaS. 

3ept tönnen wir berftepen lernen, warum bie eteftrif en Sogentampen 
(Regulatoren, eteftrif e ftergen u. bgt. m.) nocp oor furger 3«it allgemein in 
Serie, b. i. pintereinanber berbunben würben. SBäprenb nämtidj ber SBiberftanb 
einer peilen ©tüptampe im ®ur<pf nitt 30—200 SBiberftanbSeinpeiten ober OpmS 
beträgt, befipt eine brennenbe 89ogen(ampe im allgemeinen nur einen SBiberftanb 

7* 


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\oo 


Unfere ^eit. 


Pc»*"* 

pca. 


1 bis 2 Df)mä. ®a nun bie £>interetnanberfcfjaltung einfacher ift als bie 
flete, unb babet — abgefeljen oon nod) anbern ©or$ügett — Pt«l öfonomtfdjer 
. c ^ e8 Q u3giebig öerminberten CeitungSbraljteS, io labet biefer geringe CeitungS* 

n _ t. Ä? x'ft an b }ur ©Haltung in Serien ein. ©etüöfjnlid) perfnüpft man etwa 6 Campen 
* ^ jcreinanbcr, ma§ jufantmen erft 6—12 OljmS SEBiberftanb ergibt. 9Han fann 

? lt ^ a ^ xr nod) »oeiter geben unb ungefähr ein ®ufcenb ©ogentampen in Serie neunten. 

Q 24—30 Campen mirb man jebodj bei biefer SdjattungSWeife nidjt leitet 

^X- «Sfommen fönnen, toeil jebe ©ogenlampe beiläufig 50 (Sinfyeiten ber eleftro» 
-xrif^ en ®raft, b. t). 50 ©olt Spannung braucht, toaS bei ber 9Jadjcinanber* 
Btt? f° biet mal 50 SBoIt gibt, als Campen in bem ©tromfreife leuchten 

fthltf» ^ ©ei einer fo ^o^en Spannung beS eteftrifchen Stromes ift aber jit fürchten, 

foüC ßicht an SRuhe unb SBei&e einbüfcen unb mit oioletten unb blauen 8farbcn= 

ba0s- ^ auftreten fönnte. UeberbieS finb bet fo fjoljer Spannung bie btanfen, ent* 

tot* eleftrifchen ®ra^ttf)ei(e für bie ^antierenben burdj bie bebro^Iic^en 

geS^ ®djtäge gefährlich; ja eS fönnte fogar, bei Slntoenbung non SBechfel* 

ete^'V^xnafäinen, bie 3foIirung beS SRafchineubrahteS t>om fjochgcfpannten Strome 
l^p o^tt unb bie eleftrifche 2Rafcf)ine baburch unbrauchbar toerben. Sinb fämmt* 
Rampen in Serien gefaltet, fo ift bic Stromftärfe in allen fünften beS 
^^^freifeS biefelbe; mithin befipt jebe ßantpe eine gleiche Stromintenfität, toelche 
allgemeinen 8—9 2lmpereS ober 8—9 Einheiten ber Stromftärfe auSmadht, 
attch auf 10—20 SlntpereS fich belaufen fann. 9?odj ftärfere Ströme Der 
ijet man meift für ©injellampcn mit mächtigen Sogenlichtern. 
t° e «gjo alfo bie §intereinanberfcf)aftung zahlreicher Sogenlampen eine ju h°h e 
bö^er nachtheilige Stromfpannung beanfpruchen mürbe, ba greift ntan auch 
^ tute bei ben ©lühlampen, zur ^ßarallelfchaltung. Sei biefer fommen elef* 
tt\^ e ®* römc öon con ftanter unb minber hoher Spannung zur 9lntoenbung, toobei 
fc\e erforberliche Stromftärfe mit ber fiampenanzaht toächft. 5)ie fieitungSeinrich ; 
tuttgett für bie ^aralletfchaltuug finb z*uar complicirter als jene für bie hinter* 
cinattberfchaltung, bafür vereinfacht fich toieber bei jener bie eleftrifche SKafchinen* 
attlage* SBeit ^ er 9tebeneinanberfchaltung bie t>on ber ©leftricitätSqueflc 
entferntem fiampen, toegen beS toachfenben ßeitungSioiberftanbeS, toeniger Strom 
entpfougen als bie nähern, leuchten bie teptern ftärfer als jene. SDiefer 
llebelftanb täfct fich baburch toett machen, bafc mau ben Ouerfdjnitt ber fieitungS* 
bräpte ber entferntem ßantpen verhältnismäßig verftärft, ober baß man ben SRücf^ 
meg für bie fdhtoädjer leudhtenbe ßampe fiirzer geftaltet als für bie ftärfere, roaS 
für jene einen fleinern SBiberftanb, mithin Stroniöerftärfung unb SichtzumacpS 
Zur 3otge hol* Sei ber gemifchten Schaltung toerben enttoeber htutereinanber 
oerbunbene Sampenferien parallel verfnüpft ober parallel gefaltete ßampenreihen 
hintereiuattber oerbunben. ®a es jept ©liihlampen oon gröfeern unb fleinern 
SBiberftänben unb Spannungen zur beliebigen 2luStoaf)l gibt, fo fönnen je ztuei 
ober mehrere ©lühlantpen oon minbernt SBiberftanb unb geringerer Spannung 
hintereinanber gefchaltet toerben, toobei fich ihr SBiberftanb unb ihre Spannung 
abbirt zu bem entfprecheubeu SBerth einer gröfeern ©lühlampe. Solche in Serie 
gefchaltete fleinerc ßampcu oevbinbet mau bann paraUcf. 2)icfe SchaltungStoeifc 


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Z)as clcftrifdje (Slüljlidjt. 


W 

hat jebotfj ben Uebelftanb, baß in jeher Serie olle Sampen zugleich brennen 
muffen unb man feine berfelbcn einjeln auöfchalten fann, es fei benn, baff man bie 
auSjuIöfcfjenbe Sarnpe fcutch einen paffenben ÜBiberftanb erfejjt, toaS aber einem 
Sergeuben ber eleftrifchen Sfraft gtetc^fäme. SBenn man jeboch in einer folgen 
Steife ju je zwei Ijintereinanbergefcffaiteten Sampen längs ber SDiitte einen SeitungS» 
braht legt, fo taffen fiel) jeitroärts non lefcterm einzelne Samten je nach SBunfch 
auSlöfchen, Wobei alle anbern weiter brennen, Weil hierfür jener burcfigelegte ®ral)t 
bie 3ufät»ruti9 beS eleftrifchen Stromes beforgt. 

Campen unb Seitungen ermatten erft Sebcn bon ber eleftrifdjen ÜRafcffine, über 
welche mir uns nunmehr in ihrer ©igenfehaft als „Sicfftmafchine" unterhalten 
wollen. $iefelbe gehört ju jener ©attung non Erzeugern eleftrifcher ©tröme, 
welche man „KJpnamoeleftrifche SSafdhinen", „®pnamomaf(hinen" ober fur^meg 
„®pnamoS" nennt, ©ine folche befteht aus einem ober mehrern ruhenben ©leftro» 
magneten, zwifdjen beren ißolen ein ring» ober cplinberförmiger ©leftromagnet, Sinter 
ober Slrmatur genannt, in fcfjnelle Dotation öerfefet werben fann. ©efchieht bieS, 
fo erregen ober inbuciren jene fijen SDlagneipole in ber rafch umlaufenben Slrmatur 
eleftrifche ©tröme, welche, je nach ben paffirten entgegengefefcten SRagnetpolen, 
auch entgegengefefct gerichtet finb unb fich im ganzen ju je einem pofitioen unb 
je einem negatioen ©trom jufammenfefcen. ®iefe Ströme laffen fich att ben 
magnetifch inbifferenten ©teilen ber rotirenben, ringförmigen Armatur mittels 
fchleifenber ®rahtbürften ober ®rahtbefen nach auffen fo ableiten, baff man einen 
continuirlichen eleftrifdjen 3nbuctionSftrom oon einerlei Sichtung erhält. $erfelbe 
bleibt beftänbig in feiner ©tärfe, folange bie UmlaufSgefchwinbigfeit beS 3nbuc= 
torS — fo nennt man auch bie Slrmatur wegen Sieferung ihrer SnbuctionSftröme — 
unb folange bie magnetifchen Serhältniffe ber eleftrifchen ÜRafcffine fich nicht änberu. 

Der eigentliche ©tromfpenber ift alfo bie ringförmige, eleftromagnetifche 
Strmatur, auch Snbuctor genannt. ®ie ®rahtumwinbung beS lefetern befteht, 
genauer genommen, auS nieten SnbuctionSfpulen, welche untereinanber burch einen 
„©tromfammler" ober „©oßector" berart Oerbunben finb, baff fie jufammen eine 
einzige, ben ©ifenring ober bie ©ifentrommel umgebenbe 3nbuctionSroHe ohne 
©nbe bilben. ®et ©tromfammler Wirb auf bem Umfange ber SüBefle hergefteflt 
aus SRetaflftreifen ober „Sarren", bie ooneinanber ifolirt, jeboch mit ben juge» 
hörigen 3nbuctionSroflen ber Slrmatur leitenb oerfnüpft finb. ®a ber ©trom» 
fammler am SRantel ber SBcfle liegt, fo rotirt er mit bem Snbuctor zugleich, 
welcher wie ein Sab auf ber ffiefle fifct. SBeil bie obenerwähnten inbifferenten 
ober neutralen ©teilen *ber rotirenben SIrmatur nach jto*i biametral entgegen» 
liegenben Orten am ©tromfammler oerlegt worben finb, fo bringt man auch h* et ' 
her bie 2RetatIbfirften ober ®raf)tpinfct ber „Stromabnehmer", oon welchen bann 
ber ©trom mittels Äupferbrähte nach auffen geleitet wirb. 9Ran hört juweilen 
auch *>en ©tromfammler als „Kommutator", b. i. als ©tromwechsler ober ©trom» 
Wenber bezeichnen. Sflein bieS ift unrichtig, ba er felbft jum ©(eichrichten ber 
entgegengefefeten ©tröme nichts beiträgt, inbem ber gleichgerichtete ©trom fchon 
-aus ben neutralen ©teilen beS SinginbuctorS abgeleitet werben tönnte. 3 m 


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toa 


Untere 


^«Oenfa|e 3 um Stromabnehmer heifct be^ “'‘"fJ^efaCuVng, «nb man 
” <:e ' c ‘ Iie 0 t ' we 9 en bet 5Ret6unfl mit b * n . A «öIRae «barbeitung ju oerhüten 

« b« t4 9t „ Se M 9»* NO“- 

“u« baffir «u forgen, bah bte Stotwu 9 i J unb Stromabnehmer 

r?ön fu«t auch m neuerer Seit bte ä™ l t^ cn öerbefferte ©onftruction auf 

-»r^Tcctenben eleftrtfc^en Unterbre«ung«funlen bur« o^erbett W eteftti ^e 

Weinfte herabjubringen, um fo ba« 

tct^t „och iögtichteit ju unterbrücfen ju fünften be« erwünf«ten ®m 9 <9 

SBci ber*gen>öhnlt<hen $hnamomaf«ine läuft ber au« ber * l " tn ® Ör ^ 

„toc Strom um bte S«enlel be« ruhenben 
5 = cingefchatteten Körper unb ben gesoffenen 2ettung«brah S unb bic 

nenntet, ©« liegen bemnach ber fije ©leltromagnet, fetn forool 

fäcre Seitung in einem unb bemfeiben Strome. 3m erfen q» nflne t:g mu g 
Kf e-T al« aller »rten non 5 «nantomafihinen btent ber remanen 8 - 6 ' 

jener f«ma«e 5Diagneti«mu«, welcher in jebem ©leftromagnete 
«« er au« nur ein einjige« mal oon einem elettrif«en 
«a=>«:n ift. 3a felbft ber ©rbmagneti«mu« oermag f«on tn ben metfte 3 
oiet SDtagnetiSmuS in bcm @ifett ber ©leftromagnete ju erregen, a i ur _ 
;«r«on be« erften eleftrif«en Strome« in ber f«nefl rotirenben Armatur er* - 
-X; ift. ®a biefer f«ma«e Strom au« um ben ©leftromagnet geht, 1 

t- «—m icrTt biefer, roobur« toiebet in beut rotirenben 3«buctor ber Strom ft« 
j- *r>et«er abermal« öerftärfenb um ben ©leftromagnet flieht u. f. w., t en 1 

- « W"» toiefe 2Be«felroirtung $wif«en ©teltromagnet unb Armatur ber Strom eine 
-|Fp ^ <Stärfe gewinnt, bah er fi« jur §erfteüung be« mä«tigen elettrif«en wogen« 

, i>c« ©lähli«te«, jur eteftrif«en ftraftübertragung, fowie ju no« anbern 

termenben lägt. 

2>hnamo« unterf«eiben fi« wefentli« oon ben magnetoeleftrif«en SRa« 
3 -» bei »»et« tefctem ni«t ©leftromagnete, fonbern fortbauernbe Stahlmagnete 

^^ettrif«en Ströme in ben rotirenben Armaturen erregen. ®iefe Stahlmagnete 
rEyci ben ® 9 namomaf«inen bur« ©leftromagnete, wie Wir foeben oernommen, 
xr * erfefet, bah bie erfte f«wa«e 3nbuction oon bem jurücfbleibenben geringem 
ber anfängli« ftromtofen ©leftromagnete henmljrt, worauf ft« bann, 
rC jg» bK ßeflenfeitige SEBirfung ton ben ©leftromagneten unb bem rotirenben 
a~» x* ber Strom big ju einer früher nie geahnten Stärfe fteigert. 

«X «oubtthpen ber ® 9 namomaf«inen fann man unterf«eiben fol«e mit ring« 
yx»«g c>1 Snbuctoren non jenen mit ct)linbrif«en ober trommelförmigen. $ic 

furjwcg 9tingmaf«inen, bie anbern Xrommelmaf«inen. 
^^^aaneuJeT 0 “ 1 f nfan 8 bet fe«jiger 3“h« unfer« 3 ah«unbertS eine 

batirt man bie 3tingmaf«inen bo« nur oon 
auäafewl! I 0) .'. toeiI er f‘ biefer e« oerftanb, biefelben fo ju geftalten, 
j 3 /'X8711 wenh / C fl! riCttätSqueIIcn für bie ©leftrote«nif würben, ©in 3“h r 

erbaebte wl! ® rantmc auf biefe 3Raf«inen ba« oon Dr. SBerner Siemen« 
3* 5 * 3 ^ 9m QuSe inanbergefehtc bt)namoeleftrif«e ^rincif) an, wobur« 


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Das eleftrifdje (ßlüljlicfjt. 


\05 


ihre Seiftungdfähigteit noch fefjt bebeutenb erhöbt Würbe. Sie Dtingmafchinen ftnb 
auf bad mannichfattigge mobificirt worben, berart, bafj ed wo! feljr fdjwer würbe, 
ge afie (ennen ju lernen. Sunt ©tüd genügt und h> e * bad oben beljanbelte 
©rincip einer SRtngmafdjine. Unfer Sefer bat fo ben ^auptfdjlügel §um ©erftänb* 
nig ber ©ingmafchinen anberer ffionftructeure, 5 . 83. ber Spnamod non Sondert, 
©ütdjer, Sein, Kröttlinger, SDKajrim, ©rufet) u. f. w., erhalten, ©ei ber Oon 
£efner» 8 tltened (1872, Siemend u. #aldte) erfunbenen Xrommetmafchine ift ber 
©rämme’fche Spulenring oertreten burcb einen cplinbrifchen Snbuctor, welcher 
Ztoifdjen mantelartig erweiterten ©ölen mächtiger Slettromagnete fchneß rotirt. 
Huch bie Xrommelmafchine bat gef) einer zahlreichen ©achtommenfchaft ju erfreuen, 
wie j. ©. ber Ehlinberbpnamod oon ©anz, ©bifon, SBefton, ©tphingone u. 
Sincent unb oieler anberer. 

3e fräftiger bie Steftromagnete einer Spnamomafchine ftnb, mithin je mach* 
tiger ber SBirtungdraum ober bad magnetifdje Selb berfelben ift, befto [tarier wirb 
bie in lejjterm rotirenbe Armatur inbucirt. Um bad magnetifcbe Selb wirtfamer 
Zu geftalten, lägt man ben Snbuctor Oon ben möglichft Oerhreiterten ftarfen ©ölen 
bet ©teltromagnete, fo oielfeitig unb fo nahe ald ed nur immer angeht, umfaffen.- 
3 « länger ber ©efammtbraht bed 3 nbuctord ift, unb je fdjneßer biefet rotirt, 
befto größer wirb auch bie eleltromotorifche Kraft, b. i. jener elettrifche ©egenfafc, 
burcb beffen Hudgleichung eben ber Strom zu Stanbe lommt. Sie Stromftärfe 
wäcbft mit ber eteftromotorifcben Kraft in bemfelhen ©erhältniffe, unb im umge* 
(ehrten Wie bie Summe ber im Stromlreife oorhanbenen Seitungdwiberftänbe. 
©n ber #anb biefed h ö <hg einfachen ©runbgefefced oon Ohne (1826) taffen geh 
äße in ©czug auf 3ntenfität, Spannung unb SBiberftanb bed Stromed auf* 
tauibenben Stagen heurtheilen unb aud) numerifcb beantworten. 

Sa man bei ben Spnamomafchinen bie eleltromotorifche Kraft nicht unmittel* 
bat meffen lann, fonbern erft mitteld bed 0 h m ’fth«n ©efefced aud ber oorhanbenen 
Stromftärte unb bem ©efammtwiberftanbe berechnen tnug, fo gibt man bei ben 
Spnamod, um ihre Kraft zu bezeichnen, nur jene Spannung in ©oltd, b. i. in 
(Einheiten ber eleltromotorifchen Kraft an, wie biefelbe geh beftimmen lägt an ben 
SRafdjinenllentmen, welche ald bie eleltrifchen ©ole bazu beftimmt ftnb, bie beiben 
©oben ber Seitung aufzunehmen. Sie fo gefunbene „Ktemmfpannung" ber 
SRafdjine oerhält geh Z“ ih rer eleltromotorifchen Kraft nahezu wie ber äugere 
SBiberftanb zur Summe bed äugern unb inuern SBiberganbed. 3e Heiner alfo 
ber lefctere gegen ben ergern ift, befto mehr nähert geh bie ©röge ber Klemm* 
fpannung jener ber eleltromotorifchen Kraft. Surch bie Sioigon bed äugem 
SBiberganbed in bie Ktemmfpannung belommt man für bie ©rajtd bie Stromgärte 
ber eleltrifchen ÜRaghine. 

©ei ber bidher befprodjenen Spnamomafctjine liegt ber Steltromagnet im un* 
getheilten $auptftrome, wedhalb er nur oon biefem abhängt unb z* ©. fchwäeher 
wirb, wenn ber äugere SBiberganb, b. i. jener in ber Seitung, zu* unb baher bie 
Stromftärte abnimmt. Sagegen Wächft bei ©erminberung bed äugern SBiberganbed 
bie Stromgärte, mithin auch bie Kraft bed ©lettromagnetd. Sa bie ©eränberungen 
ber magnetifchen 3 n t«nfität auch fol<h* in ©ezug auf bie Urfache ber oorhanbenen 


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Unfere <3eit- 


W 

©lettricitätSerregung, b. i. auf bie eleftromotorif e Kraft fowie auf bie bamit 
äufammenhängenbe Spannung an ben Sßolflemmen jur «folge ^abett, jeigt fic^ 
in ber gemeinen IDgnamomaf ine eine hoppelte Slbhängigfeit ihrer SeiftungS« 
fähigfeit bon ben Beränberungen beS SßiberftanbeS in ber äußern Seitung. Sott 
hier bie Stromftärte beftänbig erhalten werben, fo muffen in ben §auptftrom 
Regulatoren für ben SSiberftanb, alfo inbirect Stromregulatoren ober Rljeoftate 
eingefaltet werben. ®a bie heutigen Bogenlampen ober Regulatoren ebenfalls 
im Stanbe finb, ben burd) fie getjenben Strom ju regeln, fo laffen ff fofe 
Spnamomaf inen für bie eleftrif e Beleuchtung mit Bogenlampen bertoenbeu. 
dagegen finb fie für bie ißataflelf altung ber ©lühlampen unjwedmäßig. ©S muff 
nämlich, wie fid) bon felbft berfteht, möglich fein, eine beliebige 21njaf)t bon ©lüh» 
lichtem auSjulöfen, ohne Bcränberungen in ber fieudjtftärfe ber noch übrigen 
ju bewirten. Sehen wir ju, was gefchieht, wenn mehrere ©lühlichter auSgefaltet 
werben. 3” biefem gatte wirb, wie wir bereits wiffen, gleichfam ber Cuerfdj nitt 
ber Seitung am Orte ber parallel gefalteten fiampen berringert, mithin ber 
äußere SSiberftanb bermeljrt, alfo bie Stromftärte gef wädjt, was fich burch einen 
im #auptftrom eingefchalteten Regulator ober Rheoftaten nur f wer in be= 
friebigenber SSBeife auSgleichen läßt, weil bie Slenberungen ber Stromftärte ju 
beträchtlich finb, weil ferner bie burch ben bünnen unb fd) ledjt leitenben Reufüber« 
braht beS Regulators gehenben ftarfen Ströme ben lefctern gefäljrben, unb enb= 
lieh Weil t)ie* ju biel Strom im Rheoftaten unbenujjt oerloren geht. 

SlnberS ift bieS, Wenn man nach einem Borf läge SSheatftone’S (1867) bie 
©leftromagnete nicht in ben £>auptftrom felbft, fonbern nur in eine bon bemfelben 
tommenbe SlbjWeigung legt, ©ine Stenberung ber Störte ber ©leftromagnete fann 
jefct bom £>auptftrome aus nicht mehr erfolgen, fonbern nur bom Rebenfluß, in 
Welchem fie fich befinben. Unb ba nach bem ©efefce ber Stromber^weigung bie 
Stromintenfitäten in ben Sleften ff umgetehrt wie ihre SBiberftänbe berhalten, fo 
Wirb, beim SluSlöfdj eu mehrerer parallel gefalteter ©lühlampen, bie Stromftärte 
im Rebenbraht proportional ju jener Stromfwächung wachfen, wefe aus bem 
junehmenben SeitungSWiberftanb im ^auptftrom herborgeht. $ie ©leftromagnete 
im Rebenf luß werben burch bie hie* gefteigerte Stromfraft ftärfer, mithin auch 
bie ©lettricitätSurfache, b. i. bie eleftromotorif e Kraft, fomie bie bon teuerer 
abhängige Klemmfpannung ber eleftrif en SRaf ine felbft, waS mieber jene Strom« 
f wächung beS £>auptftromeS oerbeffert unb fogar auSg!eft, wenn man im Smeig* 
ftrom mittels eines Rheoftaten, b. i. eines Stromreglers, SBiberftänbe in paffen« 
ber SBeifc ein« ober auSf altet. 

5)iefe Regulirung beS Stromes für bie parallel gefalteten ©Iflompen ge« 
ftaltet fich felbftthätig ober automatifch bei ber ßompounbmaf ine, beten ©lettro« 
magnete fowol im £>aupt* ol$ Rebenftrom liegen. Siefe beiben ,3weigftröme 
compenfiren fich in ihrer SBirfung auf bie ©leftromagnete in ber borhin befprocheneu 
SBeife, fobaß fofe SHwantomaf inen biefelbe Spannung an ben Klemmen, mithin 
auch bi* gleiche Stromftärte behalten, woraus eine ungeänberte Sftftärfe ber 
©lühlampen entfpringt, wenn auch beliebig biele berfelben auSgelöft werben 
fottteti. ®S berfteht ff bon felbft, baß fofe fich felbft regulirenbe eleftrife 


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Das eleftrifdfe (Sliifylidjt. 


105 


äftafdjinen fet»r forgfältig gearbeitet unb auöprobirt fein müffen, wenn fie an» 
ftanböloö tljätig fein follen, unb baß fie baßer auch, bei fonft gleichen SSer^ätt= 
niffen, entfpredjenb treuerer atö bie gemeinen Dpnamomafchinen finb. 

Die parallele ©Haltung ber ©lühlatnpen geftattet genägenb ftarle ©tröme 
Oon geringer Spannung anpwenben, was gerabe für bie f)äuSlicfje eleftrifche Se» 
leudjtung ^wertmäßig ift, wo liodfgefpannte ©tröme wegen ber mancherlei mit 
ihnen oerbunbenen, bereits erwähnten ©efahren p Oermeiben finb. SRan Wählt 
baher hier DpnamoS mit ftarlen Strömen, bei welchen jebodj, infolge ber oer» 
minberten ©pannung, bie Umlaufögefdjminbigfeit bei gnbuctorö nicht höher alö 
300—1200 Douren in ber SRinute p fein braucht. Die heutigen ©leltrotechnilcr 
finb bat>on abgefommen, bie Ülnja^l ber Umbreßungen ber Armatur wie noch oor 
lurjem bis auf 2500 unb auch barüber p fteigern; fie finb jefct im ©egentßeite 
bemüht, jene Umlaufsjal)l möglichft herabpfefcen, unb bafür fetjr ftarle ©tröme 
burch größere SRafcljinen unb paffenbe Serminberung beS SeitungSwiberftanbeS 
fjerpfteden. ©o 3 . 93. hat eine Dampfbt)namo ©bifon’S mir 350 Umläufe in ber 
Minute, aber eine ©tromftärfe oon 700 2lmpereS, bann eine Heinere 300 Um» 
breijungen per SRinute unb 200 SlmpereS u. bgt. m. 

Unterhalb einer gewiffen, Oon ber Sefonberljeit ber eteltrifdjen Rtafdjine ab» 
gängigen @renp wirb man jebocf) nie mit ber S3erminberung ber einer dRinute 
entfpredjenben Xourenp^t beS SnbuctorS herabgehen lönnen, Weil ja fdjon ba$ 
Ißtincip ber Dpnamomafchine eine größere ©efchwinbigleit ißreS rotirenben Xljeileö 
oerlangt. Deshalb gehören auch bie Dampfmafchinen, Wenn fie eigens für bie 
DpnamoS gebaut werben, 3 U ben fdjned laufenben, beten Äolbengefdjwinbigleit 
mithin feßr groß ift. Die Serbinbung ber Dampfmotoren mit ber eleltrifchen 
ÜRafchine erfolgt entweber mittels Swifchentranömiffion, ober birecter nur mittels 
Riemen oon ben 9Rafcfjinenfcf)eiben, ober enblicß gerabeju berart, baß ber SDtotor 
biefetbe UmlaufSjahl Wie bie Dpnamomafdjine befißt. SefctereS gefchießt jejft noch 
feiten, weil in ber Regel birect rotircnbe ober eigentümlich conftruirte Dampf» 
motoren baju gehören, welche bereit nicht öfonomifcb genug arbeiten unb noch 
ihrer weitern ©ntwicfelung harren. Sei ber hohen Regfamleit auf biefem ©ebiet 
wirb waßrfcheinlich ber gewünfchte gortfcßritt nicht adp lange auf fich warten 
laffen. 

2Beil bie DpnamoS einen möglichft gleichmäßigen Umlauf forbern, um beim 
elettrifchen ©lühlicht bas ißutfiren, fowie eine ftörenbc Seränberlicßleit in ber 
Sicßtftärfe ßinta^ußalten, fo muß man fuchen, burch ein paffenbeS ©chwungrab 
bie ©leichförmigfeit ber ^Bewegung, ferner burch einen empfmblicßen, b. i. fcßned 
wirtenben Regulator ftets bie gleiche ©efcßwinbigleit (conftante RotationSjaßl in 
ber Zeiteinheit) beS SRotorS ju erzielen. Stuf biefe fünfte hot man ßaupt» 
fachlich 3 U fehen, wenn man bie fchon oorhanbenen Dampfmafchinen ber Öabrifeu 
jugleidj für baS eleltrifcße 2icßt oerwenben wid. 

3m Innern ber großen ©täbte wirb e$ feiten tljuntich fein, Dampfmotoren 
aufjufteden. ffür folcfje gäde empfehlen fich bie ©aSmotoren, in welchen bie 


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(0 6 


Unfere ^cit- 


©pamtfraft erster ©afe jene be« Dampfet oertritt. Obfdjon bie ©aömafdjinen 
oiel einfacher im Bau unb Betriebe finb, fo muß man bodj nicht glauben, 
baß gar feine ©chwierigfeiten bei ihrer Berwenbung oorfämen. SRan benfe 
j. SB. nur bei jenen SJiotoren, welche mittete Heiner ©jplofionen be« ©emifdje« 
non Cuft unb Ceuchtga« bewegt werben, an bie Beränberlidjfeit be« SracfeS bei 
tefcterm, an ba« ©efrieren be« SBaffer« in bcr ®a«ul)r u. bgl. m. ÄIfo auch 
hier muß ein gepulter, aufmerffamer unb gewiffenhafter SBärter ben ©ang ber 
9Jtafdjine bewachen. 

3 n wafferreicfjen ©egenben, befonber« in ©ebirgölänbern, fönnen bie SBaffer« 
motoren jum Sreiben ber eleftrifchen 2Jlaf<hinen gebraust Werben. SCBeil im 
allgemeinen bie bei allen ©efäden tauglichen Turbinen fdjneder rotiren ate bie 
gemeinen SBafferräber, fo fommen jene häufiger für bie eleftrifche Beleuchtung tn 
Slnwenbung ate biefe. SBei oft wechfelnber SBafferfjöfje unb für ©efäQe non etwa 
4—10 SOleter finbet man jeboch auch ba« gewöhnliche SBJaffcrrab ber eteftrifdjen 
Beleuchtung bienenb, wobei felbftoerftänblich für Umfefeung ber langfamen unb 
ungleichmäßigen Bewegung in eine fchneQe unb möglichft gleichförmige Dotation 
oorgefefjen ift. 

©in fchöne« Beifpiel Huger 5lu«nußung oon Oorljanbener SBajferfraft für bie 
Beleuchtung mit eteftrifdjem ©lühlicht erfreut feit oier Sommern bie Xouriften 
be« Stauriöthale« im faljburger Hochgebirge. Sin bem mit ©tetfehern erfüllten 
großartigen Slbfdjluffe biefe« %f)ah8 liegt romantifch in ber Höh« ®°n 1600 ÜJleter 
SfoltwSaigurn, ein fetjr befeßeibene« ©olbwerf, ba« einft, trofc feine« jefcigen 
golbigen Siachtlicljte«, Oiel mehr ©olb gefefjen hat ate in unfern Sagen. Siefe« 
Sßoch= unb Slmatgamirwerf be« Herrn SRojadjer hat lefcterer felbft mit eleftrifchem 
©lühlicht für bie Sommerzeit eingerichtet. Sa« au« bem ©olbberggletfcher ab« 
fließenbe SBaffer, welche« bie Slrbeit für ba« Bodjen unb ben Srahtfeitaufzug ju 
leiften hat, oerfefct eine Surbine um eine wagerechte Sldjfe in fchneQe Dotation 
(nahezu 300 Souten in ber SDJinute), welche mittete Stiemen« auf eine Heine 
Xtjnamomafchine oon Sröttlinger (SEBien) berart übertragen wirb, baß ber 3n* 
buctor in ber SDiinute etwa 1300 Umläufe macht, worau« eine eleftrifche Quelle 
entfpringt, bie gleichzeitig zehn ber fchwächern ©bifon’fdjen ©lühtampen mit je 
einer Ceucßtfraft Oon beiläufig acht Slormalferzen zu fpeifen Oermag. Sie Xurbine 
unb bie Xpnamomafchine befinben fich in einem tleinen 9Rafd)inenhaufe fo, baß 
erftere unterhalb be« gußboben« ihren SfJlah hat. Sieben ber eleftrifchen SDiafchine 
erglüßt eine Sßrobelampe. Bon ber Xpnamo läuft bie Ceitung nach ben oer* 
fdjiebenen ßoealen. 3nt benachbarten SOBotjnhaufe feljen wir 1 Campe im Bor« 
raum, 1 in ber $üdje, 3 im ©aftzimmer. gerner befifct ber Slbtabeptafe 1, ba« 
Sßodjwetf 7 Campen, wa«, einfd)ließlieh jener Sßrobetampe, zufammen 14 Campen 
gibt, oon welchen aber nach Obigem zu gleicher Beit nur 10 heüleudjtenb gemacht 
werben fönnen. Siefe genügen um fo mehr ben bortigen anfprudjöfofen Ber« 
hältniffen, al« jebe anbere Beleuct)tung«art bafelbft noch oiel fpärlicher auäfiele 
unb hoch mehr foften würbe. SEBenn ein alte« Sprichwort fagt: „Slrme Ceute 
fochen mit SBaffer", fo fönnte jefct ein neue« al« Seitenftücf bagu lauten: ,,®e» 
fcheite Ceute beleuchten mit SEBaffer." 3a man tann fogar mittete Spulen ober 


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Das eleftrifcße (ßlüßlicßt. 


U>7 


Spiralen bünner Steuftlberbrößte, bie fitß »egen ißreS großen SeitungSwiberftanbeö 
burtß ben eleltriftßen Strom ftarl crßißen, größere SBaffermengen jura Sieben 
bringen (3üßig 1883, eleftriftßeS $eijen t»on Sanegoj 1886 u. bgl. m.), unb 
bann fpretßen: „Steitße fieute fotzen mit SBaffer", mit ©nfpietung barauf, baß ein 
foldjeS ©erfaßren, wegen ftarfen Strombebarfs unb baßer größerer SlnftßaffungS* 
foften, felbft bann nicßt billig fönte, wenn autß ßßbrauliftße SRotoren bie ur* 
fprünglitße Slrbeit bafür umfonft liefern mürben. 

SBenn im Sommer 1887 ber SBanberer bom Stauriötßat aus nacß 28ilb= 
bab ©aftein jießen wirb, fo foß er bafelbft im ©roßen auögefüßrt finben,WaS 
ißn fo feßr, wenn autß nnr im fileinen, im unfernen fiolm=@aigurn überraftßt 
ßai: Wir meinen baS eleltriftße ©ttißlicßt, ju welkem ber berühmte SBafferfafl bie 
Arbeit gratis liefern muß. ©3 ift im Sßerfe, biefe 3nftaUation beS eleltriftßen 
SitßteS bis 1. 3uni 1887 ju @nbe ju füßren. Das ftürjenbe SBaffer ber gafteiner 
Ätße wirb burtß ein ©affin mit einer Drucfßöße bon 22 SReter anf jwei Dur* 
binen geleitet werben, welcße bie Dynamo in rafcße Dotation oerfeßen foßen. 
Vorläufig gebenft man etwa 2000 ©tüßtampen ju je 16 fielen Sicßtftärfe 
für bie Straßen* unb fjäuferbeleucßtung in ber eisfreien SaßreSjeit ju berwenben, 
woju 200 bon ben ju ©ebote fteßenben 15000 Ißferbelröften beS mäcßtigen SBaffer* 
falls auSreicßen bürften. 2Ran beranftßlagt bie $erfteßungSloften auf etwa 
120000 SRarl. 3*» ben Sllpengebieten greift, banf ber ritßtigen ©rfenntniß in 
©ejug auf bie ©erwertßung ber Staturlräfte, bie SluSnußung ber SBaffertraft 
für bie eleltriftße ©eleutßtung mittels ©lüßlampen immer Weiter nm fi(ß, unb 
Wir tönnten ftßon eine ftattlicße Steiße bon ©tabliffementS in Älpenorten ßier 
nennen, bie aflnätßtlitß im golbigen ©lüßlicßt erglänzen. SBaffermüßten benußen 
bereits in größerer Slnjaßt ißr treiöenbeS ©lement jur eleftrifcßen ©eleutßtung. 
3a eS liegen fogat füßne ©rojecte bor, bie 7 SRißionen ©ferbeftärlen beS Stiagara* 
faßS in eteftrifcße firaft umjufeßen, welcße ben bis auf 500 engliftße SReilen um* 
liegenben Stäbten als ärbeitSlraft gegen ©ntgelt jugeleitet werben foß. Statür* 
litß wirb erft ju berecßnen fein, ob biefe firaftübertragung nitßt tßeuerer ju fteßen 
fäme als Dampf-, ®aS= ober SBaffermotoren an ben betreffenben Orten felbft. 
Unb Wenn autß baS gacit etwa ju ©unften beS firafttranSportS bom Stiagarafaß 
ausfiele, wo finbet fuß auf einmal baS enorme fiapitat ßierfür? Ober beffer baS 
notßwenbige Sertrauen, baß leßtereS auf einmal jufließe? 3«benfaßs wirb alfo 
bie eleftriftße firaftauSbeutung beS größten SBafferfturjeS ber ©rbe mit einer 
Heinern Unterneßmung beginnen müffen. 

SRan ßat autß babon gefprocßen, mittels ber gtut beS SReereS in ben ©utßten 
große ©ecfen mit SEBaffer $u füßen, melcßeS bann jur ©bbejeit burtß fianäle ab* 
tiefe, unb Stöber ober für niebereS ©efäß beretßnete Turbinen ju treiben ßätte. 
Obftßon eine berartige ©enußung ber ©ejeiten ju gemerblitßen ^werfen an ben 
franjöfifcßen fiüften feit einigen 3<>ßten mit ©rfolg berfutßt worben fein foß, ift 
laum anjuneßmen, baß ein foltßer ©organg autß ber eleltriftßen ©eleutßtung 
jugute lommen lönnte, weil erftenS bie gtutßöße wetßfelt, alfo bie Stegetmößigfeit 
beS ©etriebeS leiben würbe, unb bann autß, weil für biefen Stoed bie fterfteflungS* 
unb ©etriebsfoften fitß ßößer beliefen als bie entfpretßenben Dampfmotoren. 


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*08 


Unfete ^eit. 


dagegen ifi eS immerhin benfbat, in winbreicpen ©egenben mit £ütfe Don SBinb» 
räbern baS SBaffer in pöper gelegenen Deicpen aufaufpeicpern unb bann atS Stuf» 
fcplagtoaffer für bie äJtotoren behufs eteftrifcper ©eteucptung ju berwenben. 

2Beit in unfern ©reiten bie EiSjeü gegen ben ©etrieb beS eteftrifcpen Siebtel 
mit Jgiülfe ber glüffe gerietet ift, abgefepen bon bem öftern, juweiten beben!» 
lieben äBecpfet im ©Safferftanbe ber teptern, führen in ben Stabten bie ©ad» 
unb Dampfmotoren bei ^nftattirung beS eleftrifcben Siebtes baS Scepter; bie 
erftern mehr in Keinem EtabtiffementS ober too feine Dampfanlage ertaubt toirb, 
bie leptern oorberrfebenb in Eentratftationen, mo faft immer ber ©ebraueb bon 
Dampfmotoren möglich gemacht toirb. Die 9Jiotoren, Dpttamotnafcpinen, Sampen 
unb baS EinfcpattungSberfapren rnüffen jueinanber mopt geftimmt werben, unb 
man barf fieb nicht borftelten, baS bieS fo teiept ift. .Da rnüffen ©ereepnung 
unb eine reiche Erfahrung $anb in $anb gepen. UeberbieS mufj noep bei gröfjern 
hierher gehörigen Einrichtungen für bie Ueberwacpung, SSartung unb SRegutirung 
bei ©anjen geforgt werben. Erft wenn alt bieS unb noep bieteS anbere pierper 
©epörige gefepepen ift, barf ber Efeftrotecpniter berupigt rufen: „ES Werbe Sicpt!" 


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Wie (ßrfcbeben in (ßrkdjcnlanlr. 

Sou 

©onful 10. ©. ütarfljall in '.ßatraS. 

Set ben Greigniffen beS 27. 9lug. 1886, eines ©djredfenStageS für ©rieten» 
lanb, finb, foweit fiefj baS jefct überfein läßt, über 1000 üRenfchen jeben 9llterS, 
©efdjledjtS unb ©tanbeS erfragen ober uerwunbet toorben. 

lieber 9000 Käufer liegen in Iriimmern unb weitere 3000 finb unbewohnbar; 
ganje ©täbte nebft oielen Dörfern gleichen großen Schutthaufen; bie unglüct' 
licken ©ewohner finb jefct ju Xaufenben obbad)loS, bent rauhen SBetter preis 
gegeben. 

3n ber 9?ad)t Dom 27. junt 28. 9lug. bei fehr fyotym $hermometerftanb (SageS- 
temperatur 24°—26° 91.), aber bei gebrüeftem Sarometerftanb würbe baS ganje 
fübliche ©uropa non fehr ftarfen ©rbbeben erfchüttert. 3)er 3J?ittelpunft aller 
biefer „feiSmifdjen" '-Bewegungen war aber baS fübweftliche Süftenlanb ©riechen* 
lanbS, ber tßeloponneS. 3)iefeS Heine Sanb ift in ber Xh at fthwer tjciwgefudjt 
worben, benn in Wmerifa am 31. 2lng. war bei bem ©rbbeben ber Serluft an 
9Renfchen(eben nicht fo groß, auch würbe nicht fo großer ©chaben angerichtet wie 
in ©riedjentanb. 

#err 2B. ©. gorfter, ©Jirector ber ©aftern Telegraph ©ompant) in 3onte, ein 
tüchtiger 'Raturforfdjer, fchreibt in einem ^Bericht: 

„®ie 9Retbung eines fürjlich hi £r angefommenen englifchen ©chiffSfapitänS 
über baS Sluftauchen eines neuen Sultans mitten im 9Reere unb an berfelben 
©teile, wo im 3 Q h re 1881 ein feuerfpeienber Serg entftanben war (jwifchen ben 
Snfetn ©apienja unb äRalta), Derfefcte mich in nicht geringe ©orge. ©S honbett 
fleh jefct um baffelbc Phänomen, welches noch beftätigt Würbe burch bie SRitttjei* 
lung toerfchiebener Dampferfapitäne, baS 9Reer fei an jener ©teile in ber größten 
Aufregung gewefen. 3m 9lngeficht beS ©rbbebenS (27. 8lug., 11 Uhr 30 ÜRin.) 
befchüftigten ftch meine ©ebanfen mit unfern Sabeln. 3 e h n SRinuten fpäter be» 
mertte ich, baß baS Sabel jwifchen ©anbia nnb Sonte jerriffen fei, ohne 3n>eifel 
infolge ber ©entung beS SReereSbobenS. $er '-Bruch gefchah 29 SReiten (englifeh) 
nom #afen Don 3onte. 

„3n biefer ©egenb fällt ber SReereSgrunb nach Dften ab unb beShalb waren 
auch bie ©rbftöge am heftigften jwifchen ©atacoto unb ©atamata unb h> ££ auch 
bie Sermüftuug am größten. 2Ber weiß, Welche gewaltige Scräuberungcn unfer 


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Unfere <3eit. 


^^ttbotn^fcc finbett wirb, wenn er an Ort unb ©teile geht, an 
- -*jbereitungen für bie Reparatur unferä gebrochenen Sabel« ja 


jj^t begreif tief», welche ungeheuere ©rftyütterungen eine foloffole, 
faüenbe ©rbmaffe ^erbeifü^ren muß; auch baß Heinere TOaj 
'* r *' ftod) fallen, ift burdj bie täglich öorlommenben ©rbftöße betoief 
■r* ^ - ^et Hnfidjt nach Ratten ©hio«, ©afteüamare unb ber ißetopon 
<s?entung be« 3Reere«boben« in ihrer SWälje gelitten." 

«tan biefe wieberholten ©rbbeben mit ptö^tic^er Umgeftaltung bt b= 

^ * r *' littb be« 2Reere«grunbe« in allen Xheilen beobachtet, brängt f « 
bafe unfere ©rbe noch teineöweg« ihren SBerbeproceß öoHenb it, 
**** tmir in biefen großartigen ©rf Meinungen, wie ©rbbeben, ben a\* 
c"*r» ^^itet Sultane, ben ©enfungen be« 2Reere«boben« u. f. ro., ba« m im 

©eltall fehen. SJlit anbern ©orten: mir finb noch ift ttu 
<^ auer 5er raftlofen So«mogonie. Huch baß foldje Seränbetuni in 
■% mirttich noch jkfet in unferer 9tähe oorfommen, bemeifen bie Xm= 

_ e jt< welche burch bie ©rbbeben im Hegeion (Softijja) 1861, Xhera l »an* 

/ ^tyhaQenia 1867, ißarnaffiba 1870, 6f|* 0 1881 unb bie ®t töße 
> ^ ^ 28. Hug. herbeigeführt worben ftnb. 

t>*e ganje griechifdje ^»albinfel mehr ober weniger bon ben ©rfchütte* 

27 - ® u 8- flelitten hat, fo ift e« hoch hauptfäthlid} bie Stomoirehie 
gen n*it ben fünf ©partyien Salamä, SWeffini, Ißhtya, Itiphplia unb 

ffen* ^ «»eiche am fchwerften heimgefucht worben ift; bie ©parchien SDiegalo* 

^ (Sjortynia in ber 9iomarcf|ie Hrtabia, unb Stylo« in Safonia fjuib 
[g |d)toer betroffen Worben, fobaß ba« ganje fübWeftliche SWorea mehr 

xbii* oom Stiege bermüfteten ©egenb al« einem blühenben fianbe gieret, 

tt 0 *** fteißigften unb frugalften Solle ber SBelt bewohnt wirb. 5)iefe 

:l<he^ f* n5 j n ^ tr ^ at ni >t folgern gleiß unb ©rfolg angebaut worben, 

■ ~ jt ^ em wbl«h*t* *heil grantreity« bergtityen werben fönnen. 

un5 Satonia erzeugen jährlich 50000 2on« Korinthen, 

- .- 


xubfbC 

r. («a 

1 <5 e,0en ' 45000 3!on * Salonen unb 150—18000 gaß Oel. 

7000 £?rtftyaften, bie am fchwerften gelitten haben, gehört ©ppariffia, ein 

<j u ^ t> otl a t 4000 ®’ nh,0 hnern, malerifdj in bem Hmphityeater gelegen, ha* 
@täbt<Ö e ^^»ef* a ^ a " 9 . b !l ^T 1 * 011 Oro« (Stytyrogebirge«) bitbet 




C» ^* cr © err ?<^aft ber Gürten unb Senetianer unb noch bi« jum Stuft» 
^a&|ingigfeit$friege$ mar fie eine ber mid)tigften ©t&btc 


. .. .. 

btud) t> c ^ Xfi T* cg * 1821 — 28 würbe fie mehreremal belagert uub \>tx* 

be« tt v> e !^ t .. eincn ^ e b r f<hönen terraffenartigen fßtah, ber fich faft in 

bräunt. freite be« ©täbtehen« hinjieht unb eine feltene Hu«fityt auf bie unter 

bet QCiT‘ l i et% ^ft' c€ ^ en ‘ >e ' J.. ® ut awltioirte ©bene bietet. Son ^iev aus Fann ber 
tym fi<h _ C -£i& et ' >a8 ^° ni c ^ e ® eer an bie fern liegenben ©trop>^abxtnfeln 
©tid ftc* 

ftyweifen- ® ta „ t e ^ nem fäwffen gelfenoorfprung finb noc^ bie jer= 

Unteir ^ ^jeberrefe er mittelalterlichen Surg $u fehen, bie eine grofje Stolle 

trüinmert^*^ 


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Die (£rbf>eben in <0ried?enlan6. 


Ui 

jur 3«>i bet Dürfen unb Venetianer in ©riechenlanb fpielte. Sie Stabt fjat einen 
lebhaften $anbel mit Korinthen, Dliöenöl unb Valonia unb auSgebehnten SBeinbau. 
Sppariffia unb ber bajugeljörige Kreis h at 8 Dobte unb 15 Verwunbete aufju* 
jälflen. Sille Raufet ftnb jerftört unb unbewohnbar. 

©argatiano mit 6000 (Sintnofjnetn |at unbefc£)rei6Ii<f» gelitten. Die Sage 
biefeS StäbtchenS, einige Ijunbert ffuß übet bet triptjtylifchen ©bene, ift prächtig; 
man fann bon hier aus einen großen X^eit biefet Sanbfläche überblitfen. Vefon* 
berS intereffant ift bet Süd nach bem £afenort SJtarathoupoliS mit bet eigen* 
thümlidjen gnfel 5JJroti. 3nt $)afen, bet jiemlicE» gefchüpt ift, werben jährlich 
bie ©rjeugniffe beS Steifes ißlatamoba (^auptftabt ©argaliano) berftrifft, b. tj. 
ungefähr 140000 6tr. Korintljen, 6000 gaß Del unb biel 28ein. 

Kaum itgenbwo anberS fann man einen fernem Sonnenuntergang in ©tiefen* 
lanb fe^en als getabe fjier. Seiber hat baS ©rbbeben Eiter feEjr biele Opfer ge* 
forbert: 25 SRenfchen ftnb erfcptagen unb 140 berwunbet worben, roäfjrenb ber 
Staben ftcfj auf meutere SRiQionen grancS beläuft. 

Jiliatra ift baS $auptfd)metjen8finb beS IßeloponneS. Diefe Stabt t)at un* 
gefaxt 7000 ©inwohner unb liegt im blütjenbften X^eit ber ©bene DriphhtienS, 
etwas über eine Ijalbe Stunbe weit bom ÜJteere entfernt. Sie ift ber befte 
SBeweiS (wenn überhaupt ein beweis nötljig wäre), baß baS neugriechifche Soll 
fortfchrittlicheS Streben unb große ©nergie befifct, bie ihresgleichen fucfjen. So 
unerhört fdjnell hat fiep biefer Drt in ben lefcten jeffn Sauren entwidelt, baß 
an bielen feilen ber Stabt noch baS Dorfartige burdpblidt, wäprenb im all* 
gemeinen unb befonberS in ber 9?äfje beS großen VlafceS bie fdjönen Ißribat* 
häuf er, ber Stub unb bie prächtigen Springbrunnen uns an eine Stabt zweiten 
StangeS in Dcutfcptanb erinnern. Slucp ift hier eine großartige SBafferlei* 
tung, bie furz bor bem ©rbbeben mit nicht geringen Opfern ber Vürger boüenbet 
worben ift. 

Doch wie fiept eS jept in biefer bor furjem fo glüdlicpen Stabt aus! Sei* 
nalje 1500 Käufer unb alle öffentlichen ©ebäube, nebft ber laum boüenbeten 
Ißanagiatirche, liegen in Drümmern; 87 Dobte finb fcpon begraben unb 147 93er* 
Wunbete finb mehr ober weniger fdjtoer befcpäbigt, einige fehr gefährlich. Der 
Schaben h* er ift ganz bebeutenb unb muß auf ungefähr 15 9Riß. grS. ange* 
fchlagen werben. 

Soroni ift ein biel ftcinerer Ort, aber bennoch auch ein reger §anbelSplap, 
ber noch int Stufblüpen begriffen ift. $ier werben biefelben Vrobucte wie in ben 
umliegenben ^ßrobinjen berfchifft, hauptfädjlich ober wirb bon hier Del in großem 
Quantitäten ejportirt. 

Die Stabt war biele 3ahrt)unberte pinburdj berühmt wegen feiner uralten Oliben* 
haine unb ber ausgezeichneten Dualität beS Oels. Die furchtbaren Verheerungen 
aber burch 3&rahint*lßafcha in ben Sohren 1825—27, ber mit rüdfichtSlofer 
VoStjeit bie Oelbäume fpftematifch nieberbrannte unb jerftörte, brachte ben iptafc 
um mehr als ein SHenfchenalter jurüd. Sefet blüht bie Oelcultur wieber auf unb 
überall finb Sortfcpritte ju bemerfen. Soroni hot 35 Dobte unb 100 Verwunbete 
ju beflagen, Währenb ber Schaben auf 5 9Riü. 3rS. angefcplagen wirb. 


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Unfere <3eit. 


U2 


2 ßgubifta ift bie leßte bet 2 eiben 8 ftätten, bie icß befonberS anfüßre, obrool 
biete onbete Orte, toie Stegafot>oli 8 , Kalo colo, fßßrgo 8 , leibet mit gleichem 
fReeßt ßiet eine ©teile finbeit tönnen. 2 ßgubifta ift ein feßr freunblicßeS 2 anb= 
ftäbteßen bon etmaS übet 2500 ©inmoßnern, am fübloeftltdjen fübßang bet Sor* 
berge be 8 SJegaleoti, llOO guß über bem Steere gelegen, inmitten fcßattiger 
@ßpreffen= unb Otioenßaine. DaS fffima ift ^errtid^; ba 8 fleißige SSotf treibt 
einen tebßaften unb auSgebeßnten £>anbel mit 2anbe8probucten, mie Del, So* 
ringen u. f. ro., unb ebenfo einen feßr auSgebeßnten SBeinbau. 

Stfgubifta ift aucß betannt megen bet in ber Säße befinbticßen ffepßalobrtjfiS 
(ober |>auptquelte), bie fcßon bon fßaufania 8 ertoäßnt unb aud) in bcn „(Srinne 
tungen unb Sinbriicfen au 8 ©rietßenlanb" bon SB. Sifeßer befonber 8 ßeroorgeßoben 
toirb. gern er ift aud) ba 8 Dorf Staniati 31 t nennen, tuo ber ßetbenmütßige fßapa^ 
fleffa 8 mit 5—600 fßatifaren gegen faft 6000 dürfen ftanbßiett, bis faft alte 
©riechen gefallen mären. 2 tjgubifta bemeint 18 lobte unb 100 Sermunbete. 
Sn ber ©tabt unb intern Umtreife finb über 1000 Käufer sertrümmert. 

Die gefammte 2ifte für gan 3 ©riecßentanb ergibt 303 Tobte, 698 SBermunbete, 
6 ©täbte unb 51 Dörfer serftört, mäßrcnb biete anbere ©tübte (roic fßqrgo#, 
SRegatopotiS u. f. ro.) nebft 205 Dörfern feljr ftarf befcßäbigt morben finb. 

Der gan 3 e ©traben mirb auf 75 Süß. grS. ober 3 Still, fßfb. ©t. gefeßäßt. 

©riecßentanb ruft nicßt otjnc ©runb 11 m |nilfc; baS SSott, bie Regierung unb 
ber König ßaben alles, ma 8 in ißrer Stacht ftanb, getßan, unb ermüben rtic^t 
barin, ißren Kräften gemäß .fnilfc 3 U fpenben. SBa 8 tann aber baS Heine, feit 
bieten Satiren fo fcßmer mitgenommene 2 anb tßun, um folcfie fcßrecflicßen 2 üden 
auSsufülten? Die Korintßem unb SSatonenernten bon 1883 unb 1884 mürben ber- 
regnet. S m teßtern Sbß re fam aucß ber große Sörfenfracß in Sltben, 1885 
mürbe ba 8 Solf unter bie SBaffen gerufeu, unb meitere finan 3 ielle ©cßroierigfeüen 
folgten, fobaß in benfelben Sauren aucß ber BroangScurS eingefüßrt merben mußte. 

Um allen biefen 2eiben noeß bie Krone auf 3 ufe|en, mürbe ©riecßentanb im 
grüßjaßr 1886 bon ben fecßS ©roßmäeßten btotirt, mobureß ber gan 3 c §anbel 
be 8 Heinen 2anbe8 boHflänbig gelähmt mürbe. 

@8 ßanbett ft<ß jeßt aber nicßt um potitifeße Staßregetn, fonbern barum, baß 
ben Daufenben bon obbacßlofett, ßungernben unb trauernben Stenfcßen ftfileunige 
#ülfe gefeßafft rnerbe. 

Ueber 50000 Stengen, bie in bieten gälten außer ißrem ©efißtßum aucß 
noeß bie tßeuerften gamilienglieber 311 bemeinen tjaben, finb im greien um i^rc 
3 ertrümmerten ^eimatftätten gelagert. 

Dtjne 3 'betfel gehören bie ^»ülfefleßenben 3 U einem ber fleißigften unb gc* 
nügfamften Sötfcßen ber SBelt. S^ß tenne e 8 feit beinahe 25 Sauren unb meiß, 
mie e 8 in berßättnißmäßig tur 3 cr Beit ba 8 ißm bon ben Dürfen im Saßre 1829 
übergebene, aber borßer boltftänbig bertoiiftete 2anb in ein Heine 8 fßarabieS ber= 
manbelt ßat. gn Dßeffatien ßat e 8 innerßatb fünf gaßren bie fßrobins fließt 
nur bon fRäuberbanbeit gefäubert unb biete gaßrftraßen gebaut, fonbern mo früher 
bie SBötfe ßauften unb niemanb fitß naeß Sonnenuntergang über bie Dßürftßtoeüc 
magen bnrfte, brauft ßeute bie 2 ocomotibe baßin. 


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Die <£röbef>en in (ßciecfjenlanb. 


il£ 

$ierju fommt, bafj bag griecf)ifcbe gamilienteben in hohem Mafje adjtungg* 
toerth ift. Der SSater Oereinigt in fidj ben Patriarchen unb ben Surften; er 
fdjeut oor feinem Opfer, nicht nur für feine grau unb Sinber, fonbern auch für bie 
entferntem Mitglieber ber SBertoanbtfchaft jurucf, gleicf)öiel ob eg ftcfj um bie 33er= 
forgung eineg Mäbcheng ober bie Unterftüfcung eineg ftrebfamcn günglittgg banbeit. 
Slu <S) bie grauenebre toirb in @riecf)en(nnb fo Zeitig unb jart öon ben Männern 
betracht mie in feinem anbent Sanbe. ®ag ffeinfte Vergeben gegen fie toirb 
unfehlbar geragt, unb toefje bem, ber fi<h beg atlerfieinften fc^ufbig macht. ©oH 
ein fotdjeg SBolf umfonft fi<h an bie Mi(btf)ätigfeit ©uropag menben? 

®icfe Saufenbe oon Unglücfticben im Peloponneg brauchen (jum Jütten» 
bau), Seite» SßroBiant: fie Oerbienen, bafj fidj bie anbern SSölfer tftatfräftig 
ihrer annehmen. 


tJnfcre ftfit. 1«$7. I. 


8 


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lu neue öunalgefe^gebung bes leuffe^en Heikes. 

Son 

fl, Bon S>djeel. 

Sei bem ©orte „©ociatgefefcgebitng" pflegt man bet uns jefct an bie ®efefce 
übet bie $lrbeitert>erficherung ju benfen, öon benen bie übet ßranten* unb Unfall* 
Perftdjerung bereits jn ©tanbe getommen, bie auf StterS* unb SfaPalibenPerfor* 
gung, ©itroen* unb ©aifenpenfion bezüglichen nod) in StuSfuht, bejiehungömeife 
Vorbereitung ftnb. 2>aS ift auch ganj richtig; nur ift ber Vegriff ber ©ociat* 
gefefjgebung bamit nicht erfdiöpft. tiefer ift oietme^r ba|in ju oerflehen, baß 
bie ©ociatgefefcgebung bie auf bie Söfung ber „fociaten grage" gerichtete ©efeh- 
gebung ift, unb ber Vegriff ber „fociaten grage" ift ber: mie ift ber gegen* 
»artig öorhanbene ©iberfpruch j»ifdjen ber potitifchen unb ber »irtfjfdjafttidjen 
Sntraicfelung unferS VottStebenS ju befeitigen? inbern »ir nämlich im poli* 
tifcflen Seben bie Freiheit unb ©teidjtjeit atS berechtigtes ißrincip h* u 9 e ft c Ut unb 
Per»irtticht hoben, »ährenb im »irthfchafttidjen Seben bie größten Ungleichheit« 1 » 
unb empfinbtichften StbhängigfeitSPerhättniffe befteljen unb fei) üerftärfen. $ie 
moberne ©ociatgefefcgebung muß atfo einen Ausgleich ber potitifdjen unb »irth* 
fdjafttichen ©ntwiefetung bejmeefen, unb in ihren 9taf)men faden ade gefefcgebe* 
rifchen SJiaßregetn, »eiche, be»ußt ober unbe»ußt, biefem Swecfe bienen. 

®er tefctere tann nun ent»eber baburch erreicht »erben, baß man bie potitifche 
Verfaffung auf bas SRioeau ber toirthfefiofttichen ju bringen fudjt, atfo auch in 
ihr entfprechenbe Ungleichheiten unb Itbhängigteitsoerhättniffe einführt; ober ba* 
bur<h, baß man bie »irthfehofttidje Verfaffung auf baS dlioeau ber potitifchen 
erhebt, inbern man in biefe fo oiet greitjeit unb Steifheit, nicht ttjeoretifdje, 
fonbern »irftidje, eingufütjren fu<ht, atS es ohne Srudj mit ben als richtig aner* 
tannten ©runbtagen unferer ®efedfchaftSorbnung thuntich erfcheint. 

®aS Sinfdjtagen beS erftern ©egeS »ürbe eine Umfeljr bebeuteit, gegen »etche 
baS für ben potitifchen £>anbgebtaudj fo beliebte ©djtagmort „SReaction" mit 
Siecht als Vor»urf fich richten ließe; thatfächtidj bentt inbeffen tein ernfter ißoti* 
tifer bei uns an biefen ©eg; pietmehr geht aus aden gefefcgeberifchen Stnftren* 
gungen bie ttare Stbficht heroor, baß man nur ben }»eiten ©eg, bie Slnpaffung 
ber »irthfehofttidjen Verfaffung an bie potitifche, für ben jur Söfung ber fociaten 
grage gangbaren unb barum mit ber ©ociatgefefegebung einpfchtagenben h^tt. 


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2)ie neue Socialgefeljgebung bes Deutfcfjen Hetcfjes. 

Satürtich werben babei nicht alle fragen, in welche ft$ bie große fociale 
Stage für bie fßrajris auftöft, gleichseitig unb gleichmäßig gu löfett toerfucht unb 
mit affen nach jener Sichtung hin anmenbbaren ffftitteln geförbert, fonbern es 
werben biejenigen X£)etlftücfe in Angriff genommen, welche nach ber Stuffaffung 
berer, Weiche bie 3nitiattoe hoben, am pajfenbften unb bringenbften gu bear* 
beiten ftnb. 

3n ber berühmten faifertichen ©otfchaft bom 17. Stob. 1881 ift als .gwec! 
ber barin bestochenen ©efefce, nämlich beS repreffiü wirlenben fogenannten 
SociatiftengefefceS unb ber für bie pofitiöe görberung ber Sage ber Arbeiter 
beftimmten SBerficherungSgefefce, bie „Reifung ber focialen Schöben" hingeftefft. 
6 $ ift felbftberftänblich bamit nicht gefagt, baß bie Socialgefehgebung mit jenen 
©efefcen erfcf)öpft fei. ®ie Anfänge unferer neuen Socialgefejjgebung reichen 
auch in ber IIjat weiter gurüef. 

®aS erfte ©rgeugniß gemeinfamer beutfeher ©efefcgebung, bei bem man fid> 
bewußt War, ein Stücf ber focialen grage löfett gu wollen, war baS ©efefc beS 
Sorbbeutfchen SunbeS über bie pritiatredjtliche Stellung ber ©rwerbs* unb 
SBirthßhoftSgenoffenfcfjaften oom 4. Suli 1868, welches als „©enoffenfdjaftSgefefc" 
belannt unb mit bem Samen beS öerbienten gührerS ber ©enoffenfdjaftsbewegung, 
Schutge*$elifcf(h, üerlnüpft ift. liefeS wollte burch ©rteichterung ber Gilbung 
bon ©enoffenfehaften Heiner Seute gum Sn>ed ber ©rebitgewinnung, beS billigen 
SSaarenanlaufeS, ber bortljeilhaften gabrüation u. f. w. bie Stellung ber wirtfj* 
fchaftlich Schwachen bem ©roßlapitat gegenüber ftärfen, bem Slrbeiter unb Keinen 
Unternehmer größere Unabhängigleit öerfchaffen. $ieS foffte burch bie folibarifche 
Haftung ber ©enoffen erreicht werben, bie aus bieten Keinen unb fchwachen fför» 
pera einen großen unb ftarlen machen fönne. @S ift belannt, baß bon ben 
ziemlich hochgefpannten focialpolitifchen Hoffnungen, bie bon feinen Urhebern an 
biefeS ©efeß gefnüpft würben, ftch fo gut wie nichts erfüllt fyat, unb baß man 
laum mehr an baffelbe benlt, wenn bon ffKaßregeln gur Heilung ber focialen 
Stäben bie 9tebe ift. 2)aS benimmt ihm nicht feinen ©^arafter als ©rftling 
unferer Socialgefefcgebung, benn biefer ift ihm baburch gewahrt, baß es [ich feiner 
übficht nach eben ben SBirlungen ber herrfchenben ©rwerbSorbnung entgegenfteffen 
unb fociale ©efahren befeitigen will. 

@S ift eigenthümlich, baß bas foeben cßaratteriflrte ©enoffenfchoftSgefefc noch 
bor ber „©ewerbeorbnung" erlaffen ift, bie bom 21. 3uni 1869 batirt unb welcher 
ber ©runbgebanle, bon bem jenes auSgeht, noch fremb ift. Sie ©ewerbeorbnung 
fteßt gang auf bem naiben Stanbpunlt, baß bie wirthfchoftlidje ©efefcgebung ein* 
fach bie im politifchen Seben gur ©eltung gelangten ©runbfäfce ber greiheit unb 
©leichheit burch entfprechenbe formale SBorfdjriften gum StuSbrud gu bringen höbe, 
baß baburch bie potitifche unb Wirthfchaftlidje ©ntwidetung beS SBolfSlebenS auch 
WirKich in ©inKang gebracht fei. ®ie ©ewerbeorbnung lennt bie fociale grage, 
auf beren Slnerlennung baS ©enoffenfdjaftSgefej} beruht, noch 0 Q r nicht; ihre 
Seftimmungen ftnb im mefentlidjen auf bie Berftörung ber bisherigen gewerblichen 
KbhängigleitSberhältniffe unb SBerbinbungen gerichtet, unb ißt geringer Inhalt an 
pofitioen Seftimmungen hot wefentlich päbagogifchen ©haralter, inbem fte bie 

8 * 


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Unfere ^eit. 


U6 

jtigcnblidjcn ©erfoncn öor ben ihnen burd) bie ©erwenbung jur getoerDIic^en 
Arbeit brof|tnbcn Schäbigungen ju tüfcen fudjt. 

$aß bie ©ewerbeorbnung ben wirflidjen Sebürfniffen beS wirthfcßoftlten 
SebenS nicht entfpradj, würbe nun fehr halb empfunben, unb aus biefet ©rfenntniß 
gingen eine ÜRenge Don Abänberungen berfelben fierbot, bie fidj jum I^eif als 
AuSbitbung ber Socialgefeßgebung charafterifiren. 

$5ie erfte, welche unter ihnen in Setracfjt fommt, ift baS ©efeß über bie ein» 
getriebenen $ülfSlaffen bom 7. April 1876, burch baS ber Ditel VIII (§§. 140 
unb 141) ber ©ewerbeorbnung ergänjt tourbe. 3n bem leßtern hatte man fid) 
begnügt, ben bisherigen ©citrittSjWang ju gewerblichen $ülfsfaffen aufouljebrn 
unb im übrigen bas ^ülfsfaffenwefen ft felbft ju überlaffen. Ohne borerft noch 
baS Unjureidjenbe biefeS ©rincipS jujugeben, aber bodj bie SDiängel beS tfjatfädi 8 
licken SuftanbeS anerfennenb, wollte man mit bem neuen ©efeß bie ©itbung bon 
^ranfenfaffen, inSbefonbcrc im ^inblicf auf bie ©ebürfniffe ber gewerblichen Ar» 
beiter, erleichtern unb baju ermuntern, ©leidjjeitig, mit ©efeß bom 8. April 1876, 
würben bie ©eftimmutigen beS §. 141 ber ©ewerbeorbnung in ber Stbfie^t auS» 
gebaut, bie ©ilbung bon S'ranlenfajfen burch bie ©emeinben auf ©runb bon 
DrtSftatuten, bie für ©efeüen-, ©ehülfen unb ffabrifarbeiter ben ©eitrittSjWang 
auSfprechen tonnten, ju förberit. 

©in Weiterer Schritt jur focialpolitifchen AuSgeftaltung ber ©etoerbeorb» 
nung gefchah bann mit ber Abänberwtg ihres VII. litelS burch baS ©efeß bom 
17. Sufi 1878. Die ©eftimmungen beffelben betreffen eine größere Sicherung 
ber Sethcifigtcn gegen bie ©erleßung ber burch ben ArbeitSDertrag eingegangenen 
©erpflichtungcn, bann eine ftrengere Drbnung beS SchrlingSDerhättniffeS unb bie 
©erfdjärfung einiger jum Schuhe ber Arbeiter gegebenen ©orfchriften; bie focial» 
politifd) bcbcutfamfte ift aber, baß bie Auffid)t über bie Ausführung ber Sor» 
triften, welche bezüglich ber Sefchäftigung jugenblidjer Arbeiter, ber Nachtarbeit 
weiblicher ©erfonen unb ber ffierpflicfjtung ber ©eWerbSuntemehmer jur ^erftellung 
Don Schußborridjtungcn in ©eltung finb, befonbern, oon ben SanbeSregierungen 
ju emennenben ©eamten ju übertragen feien, welche auSf<hließli<h ober neben 
ben orbentfi<hen ©otiaeibehörben amtireu: alfo bie obligatorite Einführung ber 
gabrifinfpcctoreu burch baS Neid} in bie SanbeSDcrWaltung. 

AIS Weitere bebeutfame Ergänzungen ber ©ewerbeorbnung ftnb bann h' ct 
noch ju erwähnen bie NeidjSgefeße oont 18. Quli 1881 (ju §. 97 ber ©ewerbe» 
orbnung) unb oom 23. April 1886, welche bie SBieberbefeftigung bet Snttungen 
bejwecfen. 

Neben biefett ©erfuchcn, bie ©ewerbeorbnung mit focialpolitifdjem Inhalt ju 
»erfchen, finb anberc gort trifte ber Socialgefefcgcbung ju Derjeidjnen. Unter 
biefen ift junächft baS ton am 7. 3“»* 1871 erlaffene ,,$aftpflichtgefej}" heroor« 
juhe6cn, amtlich benannt als „©efeß betreffenb bie ©erbinblichleit jum Schaben» 
erfaß für bie bei bem ©ctriebe Don Eifenbaljnen, ©ergmerfen u. f. W. herbei» 
geführten Döbtungen unb fförpcroerleßungen". Nach biefem ©efeß ift berjenige, 
ber ein ©ergwerf, einen Steinbruch, eine ©räberei, eine gabtil betreibt, bei 


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Die neue Socialgefei-sgebung bes Deutfcfjen Hcidjcs. ^7 

©etriebSunfäden nic^t nur für fein eigenes ©erfdjulben, fonbem aud) für baS 
feiner 2lngeftedten öeranlloorttid^ uub zum Sdjabeiterfab oerpflidjtet, beffcn £>öf)e 
burch baS juftänbige ©eridjt feftjufteDeu ift. 2ln unb für fidj war ja biefeS 
®efefc §öc^ft unoodfommen, hot fogar auf baS ©erljältniß oon Unternehmer unb 
Arbeiter fdjäbigeitb gewirlt, lueit es bem erfteru bie leiber nur ju häufig beuufctc 
Gelegenheit bot, bie Sdjulbfrage auf bem SBege beS (ßroceffes entfdjeiben jn (affen, 
unb cS unter(affen hotte, Siegeln für bie Slbmeffung bet ©ntfdjäbigung aufjufteden; 
aber eS ift bodj infofern grunbfäfclich bebeutfam, a(S eS bie Sluffaffung ber Arbeit 
a(S SBaarc, beS 2(rbeitSüertrageS a(S SBaarcnmiethe burchbrach unb barübet f)tn* 
auSgehenbc, ni<ht ohne weiteres auS bem StrbeitSoertrag folgenbe wirthfdjoftlidje 
©erpflichtungen auffteüte. 2)ie Unoodtommenheitcn biefeS GefefceS brängten auf 
eine anbere gorm ber Unfadoerfidjerung hin» wie fic fidj in ber neueften ©efefc* 
gebung gefunben hot. 

@fje Wir aber auf biefe eingehen, müffen Wir mehrerer gefefcgeberifdjen tUctc 
gebenlen, Welche baju beftimmt Waren, ben ©oben für pofitioe focialpolitifdje 
(Maßregeln weiter ju ebnen. 

$er 3eitfolge nach fomrnt (jier pnödjft baS ©efefc gegen bie gemeingefäljr* 
liehen ©eftrebnngen ber Socialbemofratie oom 21. Oct. 1878, welches bie Unter* 
brüefung ber „focialbcmofratifchen, focialiftifdjen unb communiftifchen ©eftrebungeu, 
bie auf ben Umfturj ber beftehenben Staats* unb ©efedfchaftSorbnuug gerichtet 
finb", jur Aufgabe ber (ßolizeigewalt macht. $ie ©cbeutung biefeS ©efefceS liegt 
barin, baß eS ben focialen gticben burch Burürfbrängung ber bie focia(en ©egen* 
fäjje beförbernben agitatorifchen Xfjötigfeit hetjufteüen fucht. SBenn man fidj ber 
wilben Sprache erinnert, welche bamalS öffentlich in ber treffe unb in ©erfamm* 
(ungen gegen bie politifche unb wirthfchaftlidje Orbnung geführt würbe, fo wirb 
man baS ©ebürfnifj nach 3urürfbrängung biefer Agitation anerfennen. (Mit ber 
fentimenta(en ©twägung, baß mit biefem ©efefc baS „Siecht ber freien SReinungS* 
äußerung" öerlefct fei, lügt fidj iljm gegenüber nichts machen, fo(ange unb fo* 
weit man nicht bereit ift, zuzugeben, baß jeber jeben beliebigen Singriff auf unfere 
©efedfchaftSorbnung machen, &. ©. ©ott (äftern, bie ®lje o(S eine oerfehlte ©in* 
ridjtung hinfteden, ben (Meineib als berechtigt anpreifen bürfe. ©S finb oielmehr 
hier nur ©rwägungen ber 3wetfmäßigfeit anjufteden, unb oon biefem Stanbpuutt 
aus ift bie {(ufredjterhaltung beS SocialiftengefefceS aderbings beftreitbar. Ob bie 
©ermehrnng ber focialbemotratifdjen SBahlftimmen auch ohne baffelbe gefcheheu 
wäre ober oiedeicht fogar burch baffelbe eingetreten fei, läßt fich nicht entfcheiben. 
Unzweifelhaft ift es, baß biefeS ©efefe baS ©efühl ber politifchen Unfichertjeit in 
weitere ffreife hineingetragen hot als in biejenigen, welche eS treffen modte. 

Sebenfads aber lag in biefem ©efefc eine ftarle Slufforberung, auf ber ©ahn 
wirthfchoftlicher (Reformen weiter oorzufdjreiten. Slde auf einzelne SDtiSftänbe ab* 
zielenbeit ©erbefferungSoerfudje mußten jebodj fo lange als nur Ijolb gethan ober 
oergeblich erfdjeinen, als bie ©rwerbsoerfjältniffe überhaupt unfichcr unb ungüuftig 
blieben. ®ie bisher in ber ©ollswirthfchoftspolitil cingefchlagene (Richtung war 
diejenige beS ©eben* uub ©efdjehenlaffenS; Weber gegenüber bem nach 3)cutfdj* 


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Unfere «gcit. 


ffranaöjifdjen Kriege eingetretenen attju fcbneflen „äuffcbwung", noch gegenüber 
bem fo fdjttetl barauffotgenben SRiebergange ber ©otfswirtbfcbaft war ein euer» 
gifcber 93etfucb ber 3ügetung unb 3neüdbattung gemalt worben. 3)ie wirtb» 
fcbaftticben „9taturgefe|je" oerfagten offenbar ifjre SSirfung. ©8 galt alfo, eine 
beffere allgemeine ©runbtage für bie SrWerbStljätigfeit ju fRaffen, unb babei 
fam e8 »ornebmlicb auf bie Sicherheit ber ©efcbäftigung ber oorljanbenen SlrbeitS» 
fräfte an. Diefen 3 m ed »erfolgte ba8 ©efe| über ben 3°tUarif bom 15. Sfuti 
1879 , baS ben ®rud befeitigen fottte, ben bie auStünbifcbe ©oncurrenj auf oer» 
fRieben e 3nbuftrie$weige im ^fnlanbe auSübte unb baburd) ben einljeimifdjen 
Arbeit? tx äftcn bie ©tetigfeit ber 93efc£)äftigung ober biefe lejjtere felbft raubte. 

ift ftar, bafj bie ©runbbebingung alter fociaten fReform bie Sicherung be8 
GrwerbeS ift. 

©efefc über bie (Srtjebung einer Seruf8ftatiftif im 3afjre 1882, welkes 
Dom 13. Sehr, be8 genannten 3a^reS batirt, muf? in ber SReibe ber ©ociatgefefce 
um beStoiflen mit aufgefübrt werben, Weit ei, wa8 in ben ÜJtotioen beroorgeboben 
ift, auSbrüdticb mit ber Stbfidjt ertaffen würbe, ben geplanten fociaten ^Reform» 
maßregeln bie nötige ftatiftif^e Untertage ju bieten, unb biefen 3>oed aud) erfüttt 
bat. ®ie ©erufäjäbtung oom 5. Suiti 1882 bat neue unb b'nreidjenb juoerläffige 
©rfenntnijj über bie 3ufammenfe|}ung ber SeOötferung nach bem ©eruf, über bie 
tanbwirtt)fct)aftticf)en unb gewerblichen ©etriebe erfcbtoffen, bei ben ©orarbeiten ju 
ben Arbeiter = Serficberung8gefe|}en febr gute $ienfte geteiftet unb Wirb fie noch 
weiter leiften. 

SBir tommen nun ju ben ©efefcen, mit wetcben ein wirfticb bebeutfamer neuer 
Stbfcbnitt in ber ©ociatgefefcgebung überhaupt begonnen b at , nämlich benen über 
bie ffranfcn* unb Unfattoerfidjerung ber Arbeiter. 2)iefel6en fmb befanntlidj 
feine3Weg8 gtei(b bei ber erften ©ortagc an ben SRei<b8tag ju ©tanbe getommen, 
fonbern haben eine jiemticb lange bauernbe partamentarifcbe ©efcbicbte. ®er erfte 
©ntwurf galt ber Unfattnerfuberung unb Würbe am 8. 2Rärj 1881 bon ber 9te= 
gierung an ben ^Reichstag gebracht. ®ann folgte im 3Rai 1882 ein jWeiter ©nt» 
Wurf über biefen ©egenftanb unb berjenige ju einem ©efej} über bie fitanfen* 
berficherung ber Arbeiter. Ueber bie tejjtere fam juerft ein ©efej} ju ©tanbe, 
ba8 in ber ©ifcung beS SReicb$tage8 oom 31. 2Rai 1883 mit 216 gegen 99 ©tim. 
men angenommen unb mit $atum oom 13. 3uni 1883 at8 SReicb8gefeb beröffent» 
licht würbe. 3« SBirffamfeit ift ei feit bem 1. $ec. 1884. 3)a8 Unfall» 
oerficberungSgefeb fam erft mit bem britten Entwurf ju ©tanbe, batirt oom 6. 3uw 
1884 , unb ift in SBirffamfeit feit 1. 0ct. 1885. 3wnäcbft gatten biefe Oefefee 
für bie Arbeiter ber gnbuftrie; unterm 28. 2Rai 1885 würben fie auf bie Hr» 
beiter in ben ©erfebrSgewerben auSgebebnt, unb oom 5. 9Rai 1886 batirt ein 
©efefc über bie Unfall» unb ffranfenöerficberung ber tanb» unb forjtwirtbfcbaft» 
lieben Arbeiter, beffen Sebingungen jeboeb oorerft noch nicht al8 reicbSgefefcticbe 
in Straft treten, fonbern bureb tanbeSrecbtticbe, bejiebungSWeife ortaftatutarifeije 
erfefct werben fönnen. 

®ic partamentarifcbe ©efebiebte ber ©ntftebung biefet ©efefje eingebenber $u 


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Pie neue Soeialgefefjgefmng bes Peutfcfjen Heicfjes. 


U9 


»erfolgen, bfirfte ^ier überftüffig fein; wir wenben uni fofort zur Darftetlung bei 
wefentlidjen gnljalto berfelben. 

©rftenl bal ®efefc Aber bie KranfenOerfidjerung btr Arbeiter. Daffelbe Witt 
— allmählich, nicht für alle Kategorien auf einmal — für alle gegen Sofjn un« 
fetbflänbig Befdjäftigten bie Berfidjerung gegen ©rwerblfofigfeit burch Kranfheit 
herbeiführen, inbem el fie jtoingt, einer Kranfenfajfe, welche beftimmte Bebin» 
gungen erfüllt, beizutreten. Dabei ift el nicht auf Swanglfaffen, fonbern auf 
Kaffenjtoang abgefetjen, b. h- ber einzelne ift nicht genötigt, einer für itjn »on 
»ornberein beftimmten Kaffe beizutreten, fonbern er muß ttur einer ber Kaffen 
angebören, welche bie gefefelichcn Bebingungen ber Kranfenhülfe erfüllen. ©ofcher 
Kaffen gibt el fieben ütrten: l) bie Drtlfranfenfaffen, 2) 8etriebö»(gabrif«) 
Kranfenfaffen, 3) Baufranfenfaffen, 4) Qnnunglfranfenfaffen, 5) ©emeinbefranfen« 
Taffen, 6) ©ingcfchriebene #filflfaffen, 7) auf lanbelrechtlicher Sßorfc^rift errichtete 
§ülflfaffen. Unb all achte Srt blieben bie Knappfchaftöfaffen »orfäufig »on bem 
©efefe unberührt. Die ju 1 bil 4 genannten Srten finb biejenigen, welche ber 
©runbibee bei ©efefcel am meiften entfpredjen. Diefel Witt nämlich in erfter 
Sinie bie Kranfen»erftd)erung in ber SBeife förbern, baß fi<h auf einem jwecf= 
mäßig abgegrenzten ©ebietlabfchnitt bie Beruflgen offen bafür jufammentbun. 
Die Begrünbung bei ©efefcel fagt biel mit fofgenben ©orten: „Die gegenfeitige 
KranfenOerfidjerung ber ©eruflgenojfen ift bei ber retatioen ©teicbbeit ber Kranf« 
beitlgefabr bie rationeüfte, übt burch bie bei ihr am Ieichtefien burcbjufübrenbe 
©elbftoerwattung einen wohltätigen moralifcben ffiinfluß aul unb erleichtert burch 
bie naben Beziehungen ber Kaffenmitgtieber jueinanber bie jur Befämpfung ber 
©imutation unentbehrliche ©ontrole." Dazu muß bemerlt werben, baß bie unter 
9?r. 1 aufgeffibrten „Drtlfranfenfaffen" ber 3bee nach in einer ©emeinbe ober 
in einem weitern Bezirf bie Bereinigung ber ju einem beftimmten ©ewerbe ober 
niehrern »erwanbten Beruflzweigen gehörigen ©enojfen umfaffen follen. Die 
unter Str. 5 genannte ®emeinbe=Kranfen»erficherung fotl ber Sbficht bei ©efefcel 
nach nur ba eintreten, wo ficß beruflgenojfenfcbaftlicbe Bereinigungen nicht finben 
unb baber, bamit nicht Arbeiter unüerfichert bleiben, bie ©emeinbe bie ©ache in bie 
$anb nehmen unb fefbft eine Kranfenfaffe grünben muß. £>ätte man nun ben Nahmen 
ber KranfenOerfidjerung auf biefe fünf Kaffenarten befchränft, fo wäre berfetbe 
»öffig weit genug gewefen, um fowol bie Sreitjeit ber Bewegung afl bal Bor» 
hanbenfein »on Kaffen, bei benen man fi<h »erfichern tonnte, ju garantiren. Süßer» 
bem ßnb aber noch bie ju Sir. 6 unb 7 genannten „freien" Kaffen jugetaffen, 
bei benen man gfeichfaDl ber Berfidjerunglpftidjt genügen tann, wenn fie be» 
ftimmte SRinbeftleiftungen »erfpredjen. Damit tjat man erftenl bal beruflgenoffen» 
fchafttich« fßrincip wieber preilgegeben, benn el ift burchaul nicht öorgefchrieben, 
baß bie „freien" Kaffen banach jufammengefe|t fein follen, unb zweiten! ift ben 
„freien" Kaffen ganz ungerechtfertigterweife ein Borfprung »or ben anbern baburch 
gegeben, baß fie für ben Beitritt eine SIterlgrenze ober überhaupt Bebingungen 
auffteflen bürfen, welche ihnen geftatten, bie fßerfonen mit geringerer ©rfranfungl« 
mahrf<heinticf)teit an fich heranzuziehen unb bie anbern ben Ortlfranfenfaffen u.f.w. 
Zu überlaffen. Die unflreitig »orhanbenen Borzüge ber „©elbftoerwaftnng" fön« 


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*20 


Uttfere .geit. 


nen in biefem gatte nic^t ju ©unften bet „freien" Waffen angeführt werben, 
ba bie DrtSfranfenfaffen ja auch burdj iljre SÖlitgtieber oerwaltet werben. ®en 
„freien" Äraufenfaffen ftef)t jebeitfattS bnS Sebenfen entgegen, baß fie oielfacf) mit 
Vereinen Oerbunbeit finb, Welche ganj außerhalb ber ffraitfenfiirforge liegenbe 3ielc 
haben. Aufgabe aller biefer gcfchlid) angcbeutcten be^ie^ungSwetfe jugelaffenen 
Stoffenarten ift bie, ihre SRitglieber burdj Sßerfdjaffung Oon ärztlicher Hülfe unb 
Arznei unb ©ewäljrung oon Sraufengclb gegen bie golgen ber mit ber föcanfheit 
oerbunbenen ©rwerbslofigfcit ju fdjiihen. AIS regelmäßige ®auer ber Unter» 
ftüjjungSpflicht finb breije^n ttBodjen (ein SBiertelfaljr) angenommen. 2)ie Stuf- 
bringung ber hierzu erforberlicßen äJlittel gefd)iet)t burdj ^Beiträge, bie in einem 
innerhalb beftimmter ©reujen gefefclid) üorgefdjriebenen Skrljättniß jum Sohne 
ber oerfießerteu SDiitglieber ftehen, unb ju einem drittel ben Arbeitgebern, ju jWei 
dritteln ben Arbeitnehmern zur Saft faßen fotten, bei ben „freien" Sfaffen jebodj 
oon ben SRitgliebern allein aufgebracht werben muffen, ba biefen fein S'oaugS» 
recht gegen bie Arbeitgeber zufteljt. 

Zweitens baS UnfattoerfidjerungSgefeh.*) ®icfeS will, allmählich, benfelben 
Sfreiä oon ißerfonen, auf ben bie Sfranfcnoerfitßerung auSgebeljnt werben fott, 
gegen ©rwerbSfcfläbigungcn burdj ^Betriebsunfälle oerfid)ern, unb jwar burd) ge» 
fcfclidj organifirte ©erufSgcnoffcnfdjaften ber Unternehmer, beren territoriale SBe» 
grenjung nach SmecfmäßigfeitSrücffichten gebilbet wirb, unb bie fiel) unter Auf» 
fießt beS SteidjeS bejiehungSWeife ber SanbeSregierungcn (9?eidjS»SBerficherungSamt; 
auch, foweit fi<h bie SBcrufSgenoffenfchaft nicht äber baS ©ebiet eines Staates 
hinaus erftreeft, SanbcSOerfidjerungSämter juläf|tg) burch felbftgewählte Organe 
oerwatten fotten. ®er tiefgreifenbe principietle Unterfchicb jWifchen bem oben 
befprodjenen .f?aftpflid)tgefeh unb biefem UnfaflöerfidjerungSgefeh liegt barin, baß 
bei biefem bie grage nach ber JBerfdiutbung bezüglich beS Unfalls ganz fortfäflt, 
unb bamit all bie ©treitigfeitcu unb ©djwierigfeiten, welche fich an bie ©djulbfrage 
fnüpfen, oon oornljerein abgcfchnitten finb. Stur Unfälle, welche ber ^Betroffene 
fetbft üorfählich ^er6eigefüf)rt h a & en fottte, finb oou ber Serficfjerung auSgefd)toffen. 

®ie ©ntfdjäbigung fott regelmäßig in einer für bie ®auer bet ©rmerbSun» 
fähigfeit ju jahlenben Stellte beftchen, bie in einem Srudjtheil beS wirflichen 
SafjreSüerbienfteS beS JBerlefcten berechnet unb, im gatte ber Xöbtung, wieberum 
ju einem SBrudjtheile, ben Hinterbliebenen gewährt wirb. $ie Aufbringung ber 
SJtittel h*e^u gefcfjieht burd) Umlage auf bie Unternehmer, welche bie JBerufS» 
genoffenfehaft bilben, unb jwar nach SJtaßgabe ber in bem abgelaufenen StecßnungS» 
fahre oon febent einzelnen Unternehmer an feine oerfidjerten Arbeiter unb An» 
geftettten thatfächlich gezahlten Sohne einerfeitS unb aubererfeitS nach SJtaßgabe 
ber Unfaflgefaht, Welche bie Statur unb bie ©nridjtungen feines ^Betriebes mit 
fich bringen. So biefem Swcfe finb bie ^Betriebe nach ©efahrenflaffen eingetheilt. 
Sufchläge ju bem umplegenben wirflichen Qa^reäbebarf werben behufs Anfamm» 
lung eines SteferöefonbS gemalt. 


*) $iefeS Ifjcmo ift bereits in bem Artifel boit fi'arl @ard$: „Haftpflicht unb Unfall» 
oerfidjerung", in „Unfcre Seit", 1882, I, 350 fg., befproeben worben. 


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Die neue Socialgefe^gebuug öcs Dcutfdicn Keidics. 


$ie BerufSgenoffenfdjaften fteßen alfo ättwngSfaffen bar, in ruefc^c bie Unter* 
nehmet, welche uerfte^erungSpfftt^tige ißerfonen befdjäftigen, eintreten muffen unb 
beren Soften fie allein tragen. S'ibeffen werben bo<h auch bie Arbeitnehmer 
baburdj mit herangezogen, bafj bie Soften and) ber burch Betriebsunfälle entftanbenen 
Äranffjeiten für brci^eljit üöocfjen beit nad) bern ßranfenoerfitherungSgefefc orga* 
nifirten Waffen jufaüen, ju benen auch bie Arbeiter Beiträge leiften. ©o ftcht 
baS UnfafloerfidjerungSgcfej} mit bem Borgenannten ©cfefc im gufammenhange; 
anbererfeits bebeutet es einen Schritt jur gefe|lid)en Regelung ber Snüafiben*, 
ja auch ber äBitrocn* unb SBaifenücrforgung, ba bie burd) Unfall erwerbsunfähig 
geworbenen fßerfonen nebft ben SBitwen unb SBaifen ber burd) Unfall ©etöbteten 
auf ©runb beffelben Berforgung erhalten. 

SBenn man ff nun Beranfthaulichen will, auf einen wie grofjen ®reis Bon 
Berfonen ff biefe ©efejje erftreden, fo fann man bie Äffern ber BerufSftatiftif 
Bon 1882 ju SRatfje jiehen, bie burd) bie Bermehrung ber BeBölfernng natürlich 
allmählich überholt Werben, aber bodj noch brauchbare AfaltSpunfte bieten. 

tie ©umme bet am 5. guni 1882 im teutfen SRefe als erwerbsthätig 
gewählten ^ßerfonett betrug 17,632008; baju fommen 1,189684 häusliche tienft* 
boten. 2)aoon geht ab bie Kategorie ber im öffentlichen tienft unb in freien 
Berufsarten Befäftigten, auf welche bie Berff erung nicht auSjubehnen ift, mit 
1,031147 ißerfonen; bann finb abjurcdjnen 4,851043 Arbeitgeber in Urprobuction, 
3nbuftrie unb £>anbel, unb 307268 fßerfonen, bie als hi>h«eS Auffidj tSperfonal 
unb Betriebsbeamte zu bezeichnen finb, unb bie wenigftenS bann nicht in bie Ber* 
fidjerung einbezogen werben foHen, wenn ihr jgahreSeinlommen 2000 3Rarf über* 
fteigt. ®ann bleiben als Berfoneti, auf Welche bie Berfidjerung fchon erftredt ift 
ober allmählich erftredt werben foß, übrig: 

1 ) 4,096243 Arbeiter in ber Snbuftrie, einfliefjlidj Bergbau unb BauWefeu, 
unb 339644 ^auSinbuftrieße, bei benen eS zweifelhaft bleibt, ob man fie als 
Unternehmer ober als Arbeiter zu £>auS für frembe fRedjnung bezeichnen foß; 

2 ) 1,124844 Arbeitnehmer in BerfeljrS* unb #anbelSgemerben unb in Sohn* 
arbeit wedjfelnber Art; 

3) 5,015326 Arbeitnehmer in ber Sanb* unb gorftwirthfaft, nebft 866493 laub* 
wirthfaftlf en tagelöhnern, bie zugleich felbftänbige Sanbwirthe finb, unb bei 
benen ff baher biefelbe grage erhebt wie bei ben ^»auSinbuftrießen, nämlich ob 
fie als Unternehmer ober als Arbeitet zu betrachten finb. 

tiefe wenigen .Sflen genügen, um zu zeigen, auf einen wie grofjen fßerfoueu* 
IreiS fich bie neuen ©efefce erftreden; babei gibt bie zu 1 gegebene Saht un» 
gefähr bie fßerfonenmenge an, für welche fie jefct fchon in SBirffamfeit finb. 

SBorin liegt nun bie Bebeutung biefer beiben ©efefce? tiefelbe ift eine 
Bierfache. 

©rftenS liegt fie eben iit ber äJienge Bon ißerfotten, benen bamit für ben gaß 
ber ftranlljeit unb ber Befähigung burch Unfaß wenigftenS baS notijbürftige 
©infommen gefiebert ift, unb in ber bebeutenben Bergröfjcrung beS fßerfonenfreifes 
gegen früher, wo biefe gürforge faft ganz ben freien Bereinigungen unb ben burch bie 


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\22 


Unfete ^eit. 


©etoerbeorbnung ermöglichten ortsftatutarifdjen 3wangSlaffen föt ßranfenoerpdje* 
rung übertaffen War. SBie wenig bic tejjtern ihre Aufgabe erfüllten, jeigt j. iS. 
bie Erfahrung oon ©erlin, Wo bie 3wangS0erpcherung ortftatutarifch burdjgeffihrt 
war. Dort waten am Schluffe beS 3 a h r eS 1883 in ben 3wang$faffen im ganjen 
nur 98435 SRitglieber, wöhrenb nach Einführung beS ÄranfenoerficherungSgefe|eS 
in ben DrtS», SetriebS * unb 3 n *tungStaffen am Schluffe beS 3“h re 3 1885 
218665 SDtitglieber waren, b. h- bie 3aht berer, auf Welche ft<h bie gefefctiche 
gürforge erftrecfte, war mehr als oerboppett. Die Aufroenbungen für ihre fitanfen= 
pflege betrugen 2,882541 ÜJlarl. 

3 m großen ©anjen barf man annehmen, bafj gegenüber bem frühem 3upanbe 
bie 3<»bl ber gegen burch Sfranlfjeit herbeigeführte ErwerbSlopgleit ©erficherten fich 
minbeftenS üerboppelt hat, was bie inbuftrieüen Arbeiter betrifft; ganj abgefehen 
oon ber AuSbeljnung beS ©efcfeeS auf weitere Greife, inSbefonbere bie lanbwirth' 
fdjaftlichen Arbeiter. ©in jabtenmäfjiger Vergleich ber früher unb je^t gegen 
Unfall SBerficherten lägt fleh überhaupt nid^t anfteQen, weil baS §aftpfiiehtgefeh 
nur eine bebingte, principieü befchränfte ©erficherung bot. 

3 weitenS liegt bie ©ebeutung ber in fRebe ftehenben ©efefce barin, bafj je^t 
bezüglich ber SBerficherung bie greijügigfeit hergefteüt ift, inbem ber Arbeitnehmer 
jefct überall biefelben gefefclich jur Aufnahme Oerpflichteten ffaffen pnbet, in bie 
er ohne Schmälerung früher erworbener Siechte eintreten lann. 

Drittens ift als principieü SBebeutfameS tjeroorjuheben, bafj für alle bie oielen 
gälle, in benen fonft bie öffentliche ober prioate SRilbtljätigleit, bie Armenpflege 
eintreten muffte, je&t ein felbfterroorbener Anfprudj auf eine im OorauS ffeirte 
Seiftung getreten ift, Welche nichts mehr bon bem ©haralter ber bemüthigenben 
Unterftüfjung hat. #ier ift beiläufig baran ju erinnern, bafj bie gotge biefer 
©efefce bie oerhättnifjmäfjige Serminberung ber öffentlichen Armenlaft, bie für 
Deutfchlanb gegenwärtig auf etwa 72 ÜJiitl. SKart anjufchlagen fein bürfte, fein 
mufj, wenn man nicht etwa bie übrigen Seiftungen für bie Armen in bemfelben 
©erfjältnifj fteigem will, Wie ber Armenetat burch bie Uranien- unb UnfaQfaffeu 
entlüftet wirb. 

Viertens befielt bie ©ebeutung ber beiben ©efefce barin, bafj mit ihnen ber 
Anfang ju weitern Schritten in berfelben Sichtung gemacht ift, unb jwar werben 
biefe Schritte führen 1) jur AuSbehnung ber 3noalibenoerficherung über bie mit 
bem UnfafloerfidjerungSgefeh begonnene 3noalibenffirforge hinaus; 2) jur 2Bitwen= 
unb SBaifenoerfotgung burch ©erficherung, 3) jut ©erficherung gegen bie burch 
hohes Alter bebingte ©rwerbSunfäljigleit. AIS ein weiteres gelb beS ©erpdjerungS* 
wefenS bleibt bann noch 4 ) ber Schuh gegen bie golgen unüerfchulbeter ArbeitS» 
lofigfeit Erwerbsfähiger übrig, oon bem eS feboch fehr jweifelljaft ift, ob unb 
wie weit er einer gefefclichen Regelung zugänglich ift. 

Es ift befannt, bafj, wöhrenb für bie Wohlhabenbern ©eoölferungSfdjichten bie 
prioaten ©erpdjerungSanftalten bem ©ebürfnijj nach Kapital» unb Sentenoerpcherung 
genügen, bie fogenannten arbeitenben Älaffen folche prioaten Anftalten faft ganj 
entbehren unb, foweit pe für fie eingerichtet finb, fo wenig ©ebrauch baoon machen, 
bafj man ber SDtenge ber ihrer ©ebttrfenben gegenüber fagen barf, jene feien fo gut 


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Die neue Socialgefe^gebung bes Deutfdjen Heicfjes. {25 

wie nicht Dor^onben, begietjungSweife nid^t benuht. Ebenfo ift es ungWeifelljaft, baß 
„freie" Saffen für bie foeben gu 1 bis 3 begegneten SerficherungSgattungen be» 
gügtidj ber StuSbetjnüng ber Setheiligung unb ber Sicherheit ber Seiftungen immer 
weit hinter bem SSünfcfjenSroert^en gurüdbfeiben werben, unb ba| nur obliga» 
torifche, öffentliche Soffen für bie Slrbeiterberficherung ooK genügen. Stile Er» 
Führungen bei uns wie in anbern Sanbern weifen auf biefe Rotfjwenbigfeit hin. 
Studj bie Einrichtung öffentlicher, fiaatfich garantirter Soffen ohne SajfengWang 
hat fich bis jefct a(S burdjauS ungureichenb ermiefen. 

StlS wichtiger Stnfang gur öffentlichen Drgonifation ber StfterS» unb ^nbatiben» 
betfidjerung ber Slrbeiter {teilt {ich biejenige ber Snappfchaftsfaffen bar, wie fie 
namentlich in fßreufjen befteht, wenngleich bie Reformbebürftigteit ihrer Einrich¬ 
tungen im Sinne einer noch gröfjern Sicherung ihrer SeiftungSfähigteit gugegeben 
werben mag. 

Stn biefe Slrt bon Soffen tnüpfte benn auch ber erfte Stntrag an, mit welchem 
bie {frage ber SltterS» unb 3nbatibenöerfid)erung an ben ®eutfchen {Reichstag ge» 
bracht Würbe, nämlich ber bom Slbgeorbneten Stumm bereits im gebruar 1879 
eingebrachte Stntrag, bahin tautenb: „®er {Reichstag wolle befdjtiejjen, ben £>errn 
{ReichStangter gu erfudjen, bem Reichstage in ber nächfien Seffion einen ©efefc» 
entWurf borgutegen, welcher auf bie Einführung obtigatorifcher, nach bem SRufter 
ber bergmännif^en Snappfdiaftsoereine gu bitbenber SltterS = unb Snoalibentaffen 
für alte gabritarbeiter gerichtet ift", nachbem ein ähnlicher Stntrag bereits bei Se» 
rathung ber ©ewerbeorbnung im Satire 1869 bon bemfetben Slbgeorbneten ein» 
gebracht Worben War, ohne Serfidfichtigung gu finben. Ueber biefen Stntrag hat 
bie achte Eommifion beS Reichstages einen ausführlichen Serid)t erftattet (Rr. 314 
ber $)rudfachen ber gweiten Seffion 1879 ber bierten SegiStatnrperiobe), ber 
mit ber nachftehenben Refotution enbet: 

„®er Reichstag Wolle befchliejjen, ben fperrn ReichStangter aufguforbern, bem 
Reichstage tfjuntichft batb einen ©efefcentwurf, betreffend bie Errichtung bon 
3nbatiben» unb SltterSberforgungStaffen für gabrilarbeiter mit obtigatorifcher Sei» 
tragSpfticht auf fotgenber ©runbtage borgutegen: 

1 ) $ie Saffen haben neben ber {ßenfionirung ber Slrbeiter fetbft auch 'h ren 
SBitWen unb ffiaifen entfprechenbe Unterftüfcungen gu gewähren; 

2 ) bie Slrbeiter unb Slrbeitgeber haben gemeinfehafttid} fowot Seiträge gu 
ben Saffen gu leiften, als beren Serwaltung gu führen; 

3) bas burch bie gegahtten Seiträge erworbene Recht beS SlrbeiterS an bie 
Saffe ift namentlich burch Uebertragbarfeit feiner Stnfprüche bon einer Saffe auf 
bie anbere gu frühen; 

4) eS finb Rormatibbeftimmungen für bie Errichtung bon Saffenoerbänben 
unter befonberer Serfidfichtigung unb görberung beS 3ufammenfchtuffeS ber» 
wanbter SnbuftriegWeige gu erlaffen; 

5) bie Eontrote über bie nach ÜRafjgabe beS ©efefceS errichteten Saffen ift 
ben SanbeSbeljörben guguweifen." 

®iefe Refotution btieb in ber betreffenben Seffion unertebigt; in ber nächften 
ftettte ber Stbgeorbnete Stumm eine Interpellation, um bon neuem auf bie 


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*24 


Unfcre <§eit. 


Erfüllung feiner Sorberungen ju bringeu, unb biefe führte in ber ©ifcung Dom 
27. Sehr. 1880 jut Vefprctuitg ber ©adfe im Veitstage. ©eitbem ift bann 
bie Unfall» unb &ranfenberfid}eruug in ben Vorbcrgrunb getreten unb ein ©efefc» 
entwurf jur 8CfterS= nnb 3noalibenoerficf)ening ber Arbeiter ift not nidjt an ben 
Veitstag gefommen. 3«bot ift befannt, bafj bie Vorarbeiten baju im ©ange 
finb, tute baS nach bem Sßortlaut ber Dorier angeführten faiferliten Söotfdjaft 
auch nicht atiberS fein fann, inbern bort nach Erwähnung ber Vorlagen für bie 
Regelung ber Unfall» unb Sranfenberficherung gefagt ift: „Slbet auch biejenigen, 
welche burch Sllter unb Snöolibität erwerbsunfähig Würben, haben ber ©efammt» 
heit gegenüber einen begrünbeten Slnfprwh auf eiu IphrreS SKajj ftaatlicher Süt* 
forge, als ihnen bisher hat jutheil werben fönnen." 

3ur Veranfchaulichung beS UntfangS beS IßerfonenfreifeS, auf ben fich biefe 
VerfichcrungSthätigfeit erftreden würbe, fönnen wir Wieber bie Sahnen her Ve» 
rufsftatiftif heranjiehen. danach würben am 5. Saat 1882 gezahlt: 

1 ) 490686 Slrbeitnehmer ber Sanbwirthfchaft, ber 3nbufirie, ber $anbels» 
unb VerfehrSgcwerbe unb in wechfelttber Sohnarbeit (ungerechnet baS höhere Sluf= 
fichtS» unb VcrwattungSperfonat unb bie lanbwirthfchaftlichen Xagelöljner, welche 
zugleich felbftänbige Sanbwirthe waren, unb bie £>auSinbuftrietten), bie im Sllter 
Don 60 unb mehr Sahreu ftanben unb noch erwerbstätig waren; 

2 ) 186846 fßerfonett berfelben VerufSftettung unb VerufSabtheilungen, welche 
Wegen h<t en SlltcrS, infolge Don Verlegung ober Sfranfljeit bauernb erwerbS» 
unfähig geworben waren; 131360 Don biefen Snoaliben waren 60 unb mehr 
Sahrc alt; 

3) würben 749395 Slrbeiterwitwen gewählt, b. h- SBitwen Don Scannern 
berfelben VerufSftettung unb aus benfeiben VerufSabtheilungen, Wie ju 1 unb 
2 augegeben. Von biefen SBitwen waren 399145 erwerbstätig, bie übrigen 
350250 nicht ober nur nebenfätfit erwerbstätig; Don beit SBitwen überhaupt 
waren 363649 im Sllter üon 60 unb mehr fahren, Don ben erwerbstätigen 
SBitwen 116701. 

4) Ueber bie 3af)t ber SBaifen in ber Veoölfernng, unb ber Slrbeiterwaifen 
inSbefonbere finb birecte Erhebungen für baS Veit im ganzen nitt Dorhanben; 
man wirb jebot, not Derftiebenen Veobattungen, nitt weit fehlgreifen, wenn 
mau biefelbe hier auf baS Stoppelte ber 3<tt ber SBitwen annimmt, alfo auf 
ungefähr 1,500000. 

SBie man aus biefen Ssaten entnehmen fann, ift, was bie 3<>ht ber fßer» 
foneit betrifft, bie Snoalibenfürforge, bie ja burt bie Unfattoerfiterung jum 
Sheit ft ou ertebigt wirb, eine teitte Slufgabe gegenüber ber ©iterung eines 
arbeitslofen,/EinfommenS ober wenigftenS einer 3ubufje jum StrbeitSeinfommen 
für bas Sllter, falls man biefe oon ber Srage ber Erwerbsfähigfeit unab» 
hängig matt. ®ie Srage ber SBitwen» unb SBaifenpenfion Derliert an ©röfte, 
wenn man erwägt, bafc bie arbeitsfähigen SBitwen für fit unb ihre S'inber bot 
hötftenS eine geringe 3ubufje beanfpruteit fönnten unb bah bie nitt arbeitS» 
fähigen Strbeiterwitwen fto« jefct jum grofjen burt bie öffentlite Slrmen» 
pflege unterhalten werben, was ja übrigens aut bei ben ^noaliben ber Sott ift. 


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Die neue Soeialgefeijgebung öcs Deutfcfjen Heicfyes. 


f25 


Neben bet Aufgabe bet AlterSberforgung tritt bie ber 3nt>aliben= unb 2öittt>en= 
berficherung gewiß bem Umfange nach erheblich jnrütf. 

(Tie SDlittel bafür Würben aufzubringen fein entweber, wie bei ber Unfallber* 
fidjerung, burch ein Umlageoerfahren mit gleichzeitiger ©ilbung ftarfer Sieferben, 
ober burch ffapitalanfammlung für ben einzelnen Serficherten, um ihm bei (Sin* 
tritt bes bejtimmten Alters entweber ein Kapital ober eine Nente jn gewähren, 
hierbei würbe eine Abweichung bon ben ftrengen berjidjerungStedjnifdjen ©runb* 
fäjjen, ba eS fidj um öffentlich garantirte ff affen banbeit, bicl eher geftattet fein 
als bei ©ribatgefeltfchaften. (TaS Umlageoerfatiren hätte ben ©ortheil, baß bie 
Setficherung fofort in SBirffamfeit träte, roätjrenb ba« beim anbern ©erfahren für 
bie jefet fd)on ältern Beute mol nicht möglich Wäre, Wenn nämlich ber einzelne 
barauf angewiefen Wirb, ftch felbft fein SerßcherungSfapitat ju bilben. 

(TaS Umlageberfahren ift nur als 3wang8berficherung benfbar, wäbrenb bas 
eigentliche ©erfi<herung«berfahren obligatorifdj ober frei fein fönnte. 3m (extern 
3aQe wäre aber, Wie fchon bemertt, eine erhebliche AnSbctjnung nicht angenehmen, 
eS müßte benn fein, baß ein ftarfer Anreiz burch 3ufchüffe aus öffentlichen 
äRitteln, Woburdj bie Prämien ber einzelnen zugleich entfpredjenb niebriger Würben, 
hinjufäme. 

Nun ergeben fidj aber folgenbe weitere (Erwägungen. CErftenS: wirb eS ber 
©olfSwirthfchaft überhaupt möglich fein, biefe Saft ju tragen? 3n ber (Tljat wirb 
fte zwar fchon jefct }u einem (Tljeil, aber hoch eben nur ju einem (Theil getragen. 
(Tie Arbeitsunfähigen werben bereits öerforgt, nnb infoweit Ijanbelt eS fich mir 
um eine anbere ©ertheilung ber Saft. Aber bie ©erforgung fall beffer werben 
unb {ich auf Weitere ffreife erftreefen. 

S5ann, wenn man biefe Stage bejaht: Wie fott bie ©ertheilung ber Saft erfolgen? 
Wie Weit foHen öffentliche ©erbänbe, bejiehungSWeife ber Staat, b. i. bie Summe 
ber Steuerzahler, Wie weit bie Arbeitgeber, wie Weit bie ju berfidjernben Arbeit* 
nehmer herangezogen werben? 

SBeiter, Wenn man, wie Wo! felbftoerftänblich, bem Arbeitnehmer felbft einen 
(Tf}eil ber Saft zufcf)iebt, wie fotl er in 3eiten ber GErwerbSlofigfeit bie ©eiträge 
aufbringen? ffeineSfaflS fann man, wie bei einer Pribatgefeflfdjaft, bie ©er* 
ficherung mangels Prämienzahlung ohne weiteres aufhören laffen, ober auch nur 
bie Nachzahlung ber ©eiträge oerlangen, ©ieDeidjt ift nur ber Ausweg möglich, 
baß man überhaupt nicht eine öon bornherein beftimmte Nente zufidjert, fonbern 
baß r»h biefe banach richtet, welche Höhe baS ffapital beim ©intritt beS beftimmten 
(Termins erreicht hat. ©eim lobe bor bem beftimmten Alter fönnte bann baS 
ffapital ben Hinterbliebenen zufallen; jebodj müßte man babei baS (Erbrecht wo! 
auf bie SBitwe unb ffinber befdjränfen. 

5 erner fommt man bei ber ©erficherung burch ffapitalanfammlung fpecieü zu 
bet Stage: wie werben biefe großen Summen auf ben ffapitalmarft unb ben 
3 i««fuß witfen? 

Unb bann: wenn man auch ben noch Arbeitsfähigen eine Altersrente gewährt. 
Werben biefe baburch nicht in bie Sage fommen, ihre ArbeitSfraft übermäßig 
billig anzubieten nnb baburch bie anbern Arbeiter zu fchäbigen? 


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{26 


ttnfere £eit. 


Schließlich: tote foQ man bic ben gleiten 3wecl anftrebenben, fchon üorhanbe= 
wen „freien" Soffen beljanbeln? 

Sir müffen unS hier bamit begnügen, biefe ©rwägungen nur ganz flüchtig 
anzubeuten, um bie Schwierigfeiten beS weitern gortfchreitenS bei ber gefeh» 
liehen Regelung ber Hrbeitemrficherung wenigftenS in ber $auptfadje ju oeran= 
fraulichen. 

Unb nun noch bie Berficherung gegen ©rwerbslofigleit. SaS für biefe non 
feiten ber öffentlichen ©eroalt gefdjehen !ann, baS börfte hauptfächlieh unb in 
erfter Sinie bie fixere gunbamentirung unb Seitung bet Bolfswirthfchaft über* 
haupt fein, Welche ftoßweife Unterbrechungen ber ©rwerbSthätigfeit Oertjinbert, unb 
bie fc^lieg(i(^ auch ibentifch ift mit ber ©ewährung beS „SRechtS auf Arbeit", wie ber 
Berfaffer baS in feinem fo betitelten 9tuffa|e im zweiten Banbe beS Jahrgangs 1885 
biefer 3eitfehrift, S. 89 fg., auSeinanberzufefcen gefugt hat. 211s ein auf bie Ber* 
hütung ber ©rwerbslofigleit ber Einzelnen fpecieü gerichtetes SDiittet bietet fich bann 
bie Organifation beS 2lrbeitSna<hweifeS, bie tljeilS öffentliche, tljeilS prioate, b. i. Sache 
öon Vereinen, fein fann; toie inSbefonbere ber fogenannten ©ewerfoereine, welche 
biefeS 3iet mit Siecht ju bem ihrigen gemacht haben, unb bie auch bie geeigneten 
Organe fein bürften, bie Berficherung gegen ©rwerbslofigfeit im technifchen Sinne, 
nämlich bie ©ewährung tion Unterftüfcung in 3eiten ber ©rwerbslofigfeit auf 
©runb eines non bem einzelnen burch frühere 3ahlungen erworbenen SRechts, 
burchzufüljren. 

$>amit hätten mir ben Ueberblicf über bie neue beutfdje Socialgefefcgebung 
unb bie fich unmittelbar an bie Sortierung ber Slrbeitertierficherung anfnüpfenben 
gragen beenbet; freitich aber haben wir bamit noch lange nicht baS ©ebiet, baS 
fich für bie Socialgefejjgebung noch Weiter eröffnet, burchfdjritten. hierüber jum 
Schluß nur noch wenige Sorte. 

$cm 3mccf ber Socialgefejjgebung, ber in ber StuSgleichung beS jWifchen ben 
politifchen unb wirthfchaftlidjen Berljältniffen beftehenben ©egenfajjeS burch 9tuS* 
behnung ber thatjächtichen Wirthfchafttichen greiljeit auf einen größern X^eil ber 
Bebölferung unb in ber SRilberung ber Unterfcßiebe in ben ffiinfommeitS- unb 
Befij}öerhältniffen befteljt, Wirb weiterhin inSbefonbere noch burch folgenbe 2Jtaß= 
nahmen gebient werben fönnen. ©rftenS burch bie gortfe|ung ber, burch einige 
^Reformen ber ©ewerbeorbnung fchon begonnenen Mrbeiterfchufcgefefcgebung, bie 
wefentlich auf ben Schuh ber ©efunbheit ber Arbeiter, bie Befchränfung ber 
Arbeit oerheiratheter grauen gu ©unften beS gamilienlebenS, unb auf bie Be¬ 
grenzung ber 8lrbeitSzeit jur Unterfiüfcung einer geregeltem ißrobuction fich wirb 
richten müffen. Borarbeiten ba$u finb im ^Reichstage felbft fchon gemacht; unb 
inSbefonbere bieten bie Berichte ber zehnten Somntiffion in ber erflen Sefjion 
1884/85 (5Rr. 374 ber SJrucffadjen beS ^Reichstages) unb in ber zweiten Seffton 
1885/86 (ÜRr. 122 ber $rucffa<hen) bazu werthoolteS 2Rateriat. 

3weitenS werben fich Erfolge erzielen laffen burch SRaßnahmen zur Erleichterung 
ber ßapitalbilbung unb baburch beS SluffteigenS fogenannter Keiner Seute zur wirtfj' 
fchaftlichen Selbftänbigleit; unb eS ift gewiß zu bebauern, baß ber Schritt, welchen 


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Pie neue Soctalgefetjgebung bes Peutfdjen Heikes. 


\27 


bie 3teidj3regieruitg burd) Vortage beS $oftf$>arfaffengefe|}e3 im 3> an uar 1885 
in biefer Stiftung ju ttjun beabfidjtigte, burcfj ben SSiberftanb be$ ^Reichstages 
oerhinbert worben ift. 

SJrittenS liegt bie SDiöglic^feit üon Reformen in biefer Stiftung auf bem ©e- 
biete be$ (SteuerwefenS. $)ie ©inffihrung bet ^rogreffioen ©infommenfteuer, ber 
fiarfen Sefteuerung müßiger, arbeitsfähiger Zentner, bie Reform bet ©rbfchaftS» 
fteuer im Sufonimenhange mit entfpre^enber Reform beS ©rbree^id würben fich 
baju wirtfam erweifen. 

XaS ftnb ißrobfeme, bie natürlich nicht alle auf einmal angegriffen unb gelöft 
werben fönnen, unb Wir bürfen uns freuen, auf bem ©ebiet ber ©ociafgefefc» 
gebung fdjon fo weit üorgefdjritten ju fein, Wie es thatfächtich ber gaö ift. 


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Cfjrtfmk btt ©cßcntoart. 

£itrrörtfd)C ttctmr. 

®ie beutle Sprit bat in lefcter Seit Wenig ©löten gezeitigt, bie ein befonbers 
würdiges unb eigenartiges Strom ahnten: bie SJteifter beS Siebes bat tbeitS ber 
$ob binweggerafft, tbeits haben fie bie Spüren ibreS SItetierS geJct)loffen, weif 
braujjen raube, nnfreunblidje SBinbe weben. Studj ift eS ja ebenfo Wenig möglich 
wie wünfebenswertb, baf) b c röorragenbe latente alte 3abre wit einem neuen ©anbe 
©ebiepte auf bem literarifeben ©tartte erfebeinen. Sin einzelner Itjrifc^er Treffer 
ift oft entfepeibenb für ben 9tupm eines SiepterS: baju bebarf eS ni<bt biefer 
©änbe. $ie jüngern Kräfte, bie auf bem ©tan ber Sprit erfebeinen, muffen ft<b 
erft ein ©ublitum febaffen — unb baS ift bei ber Ungunft ber 3eiten nicht fo tei<bt. 
Sennocp haben fiep auch einige bewährte Sänger auf bem bieSjäbrigen ©ücper= 
ntartt eingefunben. 

Stöbert ^amerting bat eine neue ©ebiebtfammtung perauSgegeben unter 
beut Sitet „©tätter im SEBinbe" (Hamburg, 3* tf- Sücpter). 3n ber Spat 
finb eS teieptbinflatternbe ©tätter, Sieber unb Epigramme, bajwifcpen mehrere 
ootltönenbe ©rotoge unb ©etegcnbeitSgebicbte, bie er bei fönftterifeben unb patrio^ 
tifdjen Stntäffen oerfafet bat. dagegen fehlt baS epifdje Element faft gänjlicp, 
wenn wir öon ber eigentbümlicben Saltabe „Sobtengräbertanj", bie etwas fepaurig 
SrgreifenbeS bat, öon bet SiooeHe in Serfen „SJiarie", abfeben, bie als eine 
traumhaft oerbämmernbe Satounobelte erfebeint, unb öon ber ÄunftternobeQe 
„Sorreggio". Sin brainatifcbeS Fragment: „©antper unb SBötfin", führt unS ein 
junges witbeS SWäbcpen, eine nnmibifebe ©antpertape, im ©efpräcb mit Qugurtba 
bor: jebenfatls eine originelle Sntrobuction für ein gefcpicptlicbeS Srama. Son 
beit „©tättern im SBinbe" aber finb biete burcpauS nicht baitacb angetban, im 
SEBinbe ju bcrwebeit; auf einige bat ber Siebter SBorte gefebtieben, beren 3npalt 
nicht fo teiebt bertöfepeu bürfte, öon ben peffimiftifeben fflättgen beS SBettfcpmerjeS 
in ben ©rätubien bis ju ben £>ocpgefängen ju Sbrcn StflbeutfcplaitbS: eS finb 
barunter biete ftimmungSbotte Sieber, anatreontifepe ©emmeu, treffliche Xenien: 
eS ift tein biebterifeber StuSbcrtauf, tuie bei ©oeten, bie wie ber epiueftfepe Siebter 
mit bem ©infei febreiben, wäbrenb ber ©eift ihnen nichts mehr in bie gebet bictirt. 

Ser beliebte Sänger beS SEBuppertpalS, Smit fKittcrSpauS, ift in biefem 
3 at)te febr probuctib getoefen; er bat jwei Sammlungen beröffenttiebt: „Such 
ber Scibenfcpaft" (Olbenburg, Stpu^c) uttb „StuS ben Sommertagen" (cbenb.). 
Sie ©bbfiognomie ber beiben Sammlungen ift im ©runbe wenig berfepieben: 
ein teibenfcpaftlicper Sicpter im Stile Sorb Spron’S ift SKitterSpauS nicht, unb 
was er als Seibenfcpaft bejeiepnet, ift nicht baS bom Sturm empörte SWeer, 
fonbern nur ein etwas pöper gebenber SBogenfcptag ber Smpfinbung. dagegen 
enthalten beibe Sammtungen, unb befonberS bie jWeite, eine gro|e 3apl öon 
©ebiebten, bie ein warmes ©efübt atpmftt unb jenen ungetünftetten @ufj unb gtu6 
ber frifcb aus biefem ©efübt beröorftrömenben ©erfe jeigen, in welchem ficb &* e 


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Citerarifcfje Hemic. 


129 


Unmittetbarfeit beS bidjterijcfjen SatentS auSfpricht. Statur», Familien« unb Sebent 
bitber wechfetn miteinanber ab; „unter fdjwarjen SSioIfen" fingt auch baS Scib 
fein Sieb, aber eS ift nicht peffimiftifch angefränfett. Unb Wenn ber Siebter in 
biefen Slbfchnitten nicf)t über bie einfachen ©trophenformen hinausgeht, fo jeigt 
er in ben Betrachtungen, bag er auch baS Sonett unb bie Serjinen be^errfefjt 
unb gelegentlich fßtaten’fche Std^tfüßler ju commanbiren oerfteht. @S finb feine 
Stbgrünbe beS SenfenS, in bie unS ber Sichter hier führt; es ift eine barmonifche 
SBeiSheit, bie er prebigt. 

Ser Sragöbienbichter ©rnft Bon Sßitbenbrudj ift auf bem epifdjen ©ebiet 
fein grembting: noch ehe feine ©tücfe auf bie Bühne tarnen, hatte feine Sichtung 
„Bionöifle", ein ©chtachtenbitb auS bem Seutfdj^granjöfifchen Kriege, bemiefen, 
bag er in bie gugftapfen ©djerenberg’S tritt, auch Salent für tebenbige ©d)übe= 
rung fricgerifcher Borgänge bcfijjt. ©eine neue Sichtung „©eban", ein $etben> 
lieb in brei ©efängen (granffurt a. O., ÜBaibmann’S Berlag), beroeift bieS Bon 
neuem. Ser .erfte ©efang fchilbert bie Schlacht Bon ©eban, ber zweite bie Ber» 
hanblungen Bon Soncheri, ber britte ben „SönigSritt". (Sä ift ja natürlich, 
bag baS Botte Sicht auf bie ©ieger fäüt; im €>t)mnenton Werben bie ^ohenjottern. 
Wirb BiSmarcf befungen. Offenbar aber tj fl t fi<h ber Sichter ben bramatifchen 
©ffect entgehen faffen, ber fich an baS Bereiten beS S?aifer<S 'Jiapoteon währenb 
ber Schlacht fnüpft. Sarüber, bag er mitten im ©djtacfjtenfeuer gewefen unb 
ben Sob gefudjt ^ot, faffen boch bie Sluffchtüffe neuer franjöfifcher Ouetten feinen 
3weifel ju: baBon fchweigt aber bie SJtufe Bon SBitbenbrud), wie überhaupt ber 
befiegte Gäfar eine etwas ftach gerathene 9ie(icffigur bleibt. Ser Sichter fucht 
baS ©chfachtgemäfbe, baS er überhaupt auf ben erfien ©efang bcfchränft, burdj 
allerlei atlegorifche SlrabeSfen ju heben, bie aüerbingS nur frfimache Surrogate 
finb für bie ©öttermafchinerie beS alten ©poS, unb fchiebt in bie beiben festen 
©efänge hiftorifche Erinnerungen ein. 3Bie in altem, was SBitbenbrucf) fegreibt, 
ift @c|wung unb geuer in biefent ©chtachtgefang; aber eS fehlt ju fehr bie 
ruhige fßtaftif unb Stnfchautichfeit; wir werben in einem fortwätjrenben SBirbet 
ber Begeiferung mit fortgeriffen. ©benfo fehlt bie Steigerung für bie eigentlich 
grogen SJtomente beS SageS: ba wugte ©cherenberg beffer am rechten Ort gu 
paefen unb ju jünben. Unb auch on troefenen ©chtadjtenbuttetinS fehlt eS nicht: 
nur einzelne ©eftatten treten aus bem über baS ©anje oerbreiteten ißutoerbampf 
anfchautich heroor: beS $uff<hmiebS Sodjter Bon BajeitteS, bie fatfenben ©enerate 
©erSborff unb SJtargueritte, ber gahnenträger ÜJiajor Bauer. Sie fßorträts Bon 
BiSmarcf unb SJiottfe finb jwar anfchautich unb wohfgetroffen, boch wer fennt 
ihre Süge nicht? 

Sie ©ebichtfammlung „9tuS §öhen unb Siefen", Bon Sttfreb griebmann 
(SRinben, Brun’S Bcrfag) hot ben genialen 3ug, ber biefem Sinter eigen ift. SEBie 
fdjon ber Sitef anbeutet, bewegt fie fich halb auf ben $öf)en beS ©ebanfenS, befon» 
berS in bem Stbfdjnitt „StetigiöfeS", ber einige Sichtungen in ebter gorm unb Bon 
gebanfenooflem ©chwung enthalt, batb auf bem ©ebiet leichter ^ßfouberei unb 
fchtagfertiger fßolemif. Sie hiftorifchen greSfen ber Sammlung finb im grogen 
©tit burchgefütjrt; ber ©egenwart gegenüber Berhäft fich ber Siebter mehr fatirifch 
unb ironifch, unb in Berfen unb fpieterifdjen Steinten prägt fich biefe Stirn» 
mung aus. 

OSfar Sinfe, ber Berfaffer ardjäotogifcher Stomane, bie in £cttaS fpiefen, 
ber „SRitepfehen SRärchcn", ber geiftreichen heinifirenben „Berfudjung beS heiligen 
SlntoniuS" unb einiger ©ebicfjte im grogen ©tit, hot jefct ein huworiftifcheS 
Slntermejjo herausgegeben unter bem Sitet „Ergo bibamus" (SRinben, Brun’S 
Bertag). Stach bem gan 5 en ©harafter beS Sichters barf man hier feine leicht- 
ftuffigen, BolfSthümlichen Srinftieber erwarten: eS ift eine ziemlich gelehrte unb 
bisweiten frauS wunbertiche Srinfpoefie. 3hr unBerfennbateS Borbitb ift ©cheffct 

Unfrrc «fit. 1887. I. 9 


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(30 


Uttfere £t\i. 


in feiner ©ebichtfammlung „Gaadeamus", wo er juerft Eulturgefdjichtlicheg big jnm 
SBorfänbflutlic^en in Srinfoerfe gebracht: mit welchem Erfolg, beweift bag altaffgrifcfte 
Sieb „3m Schwarzen ©alfifcfj ju Slgfalon", weldjcg eins ber beliebteften Stuben* 
tenlieber geworben ift. 0gfar Sinfe bringt unö baffir ein altägftptifeheg Stint» 
lieb, eine altchinefifche ©aßabe, inbifcfje ©eigheit, eine colonialpolitifche ©aßabe, bie 
ung er^ö^lt, Wie eine fd)öne ©riitzeffin ber Sübfeeinfeln einen beutfcfjen Sichter 
auffrißt, unb ä^nlitfje burlegte unb borotfe ©ebichte, auch auS ber $dt ber Kreuz* 
fabrerromantif, mit ©ointen, bie oft an fjeine erinnern. ßtatürtidj fitib ni<$t 
aßeg Srinflieber, objdjon ber Siebter atg foldje auch ©ebidjte in reimfreien, fej)r 
tünftlid) aufgebauten Strophen bezeichnet. Sie zweite flbtheilung: „Elafftfdjeg 
3ntermezzo", enthält einige oornehme ©ebichte in antififirenbem Stil, bie wohl 
gelungen finb, unb in ber leftten: „Srnft unb Scherz", finben fich neben einigen 
flüchtig hingeworfenen minnefängerifdjen Ergüffen einzelne fchwunghafte ©ebichte 
öon fefter ftrophifdjer ©lieberung, wie bag Sieb „©ach’, 0 wache, ©aterlanb". 

„Orgien unb Slnbachten" betitelt fid) eine Sammlung oon ©ebidjten, bie ein 
jüngerer öfterreichifcher dichter, ©ruft ©echöler (Seipzig, ©ilhelm griebrich), 
herauggegeben hol- ®ie Sammlung befteht oorzuggmeife aug größern Iftrifd)» 
epifchen Erzählungen, bie in bem fünffüßigen reimlofen 3ambuS gebichtet finb. 
So trefflich biefer ©erg fich burch feine anftfirmenbe, gleidjfam (ampfegmuthige 
Bewegung für bie Sragöbie eignet: fo wenig erfcheint er ung für bie epifdje 
Sichtung geeignet, befonberg wenn biefe nicht im großen Stil ber Epopöe gehalten, 
fonbern ftart mit Iprifdjen unb reflectirenben Elementen oerfeftt ift. gür bie oer« 
weilenbe Schilberung ift ber reimlofe 3owbug im Seutfdjen weniger geeignet unb 
im übrigen eine zu bequeme, bicht an bie ©rofa grenzenbe Sichtform, unb wenn 
er auch ben Steimlujrug ber Ottave rime unb Serzinen Oerfchmäht, fo ift ihm ber 
ßteimfehmuef boefj nicht entbehrlich, wenn et nicht zu fühl unb nüchtern augfeljen foß. 

©o Schißer'g bramatifche ßjtufe fleh inö epifd) ©reite oerliert. Wie in ber 
Schilberung SRanuel’g oon feinen ©rautgefchcnfen in ber „©raut oon SKeffina", 
ba fangen bie 3amben aßmählich an, in Schlufjreimen aufzublühen, ffledjgler 
mag fich auf eine fo erfolgreiche Sichtung berufen wie $amerting'g „Slftagoer 
in Diom", wie er wo! überhaupt atö Sichter zur Schule fjiamerling'g zu rechnen 
ift. Soch auch bort erfchien un« ber fünffüßige Blanc vers ein nicht genügenber 
Sräget jehrounghafter Säuberung. Sie erfte SWoüefle in ffierfen: „Slngelifa", h öt 
einen weichmüthigen (Reiz, bag Eharatterbilb beg armen, Iranfen äRäbdjeng, bem 
plöftlich ber Stern ber Siebe aufgeht, wirtt fftmpathifch; bag Enbe ift echt tragifdj. 
„3m mobernen |>örfelberg" ift eine Stubie auö bem ©ereich ftäbtifdjer Orgien. 
„Slh“öoer’g Enbe", „©iorbano ©runo", befonberg aber „Sag entfdßeierte ©ilb z u 
Saig", welche bie Siebe ber ©eftapriefterin fchilbert, bie, zum Sobe geführt, ben 
©eliebten burch bag ihr zuftehenbe Stecht ber ©egnabigung errettet, finb gebauten* 
oofle Sichtungen, welche bem Salent beg ©erfafferg ein günftigeg 3eugnifi auö* 
fteflen, währenb bag Iftrifdje Sntermezzo „Sonntag im ©ratet" einige frifdj, eigen* 
artige mienerifche ©enrebilber bietet. 

Eine origineße Sichtung ift „Sag ©eheimnijj beg Sidjterg", eine Iftrifcfte 
Spmphonie oon Sauft ©achter (Stuttgart, ©reiner u. ©feiffer); fte fchmiegt fich 
ganz genau ben mufifaiifchen formen an unb enthält immer Säfte mit je zwei Shei* 
len. Sie „3ntrobuzione" in Serzinen ift fdjwunghaft in h°h em biehterifdjen Stil 
unb mit feftöner gormbeherrfdjung gehalten; in ben Sttflegroö unb Sdjerzog ftnb 
leichte, heitere Söne angefchlagcn; eg werbeu bunt wechfelnbe Sebenöbilber oor* 
geführt: in bem erften Sheit beg ginale bagegen herrfcht wieberum ber ernfte 
Son einer fich in oortrcfflichen ©erfen auöprägenben ©eltbetrachtung. Sag ©anze 
ift eine ©erfterrlichung ber ©oefie, bie unter ben oieloerfdjlungenen ©ewegungen 
unb ©egenbewegungen ber bidjterifchen Stimmführung fich immer nlg baö zu 
©runbe liegenbe 'Btotio heraugijören (äßt. 


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Citerartfdje Herme. 


\ 5 \ 


Huf bcm ©ebiete ber Stomanliteratur fierrfc^t tnieber große gruchtbarfeit. 

Stadjbem griebridj Spieltagen eine 3eit lang Heinere 9tontane ober, Wenn 
man roill, größere Stählungen oeröffentlidjt bat, welche fpannenbe ©egebenheiten 
unb originelle ©baraftere barftetten, bot er ficb je^t toiebcr jenem 'großen Sultur* 
roman jugeroenbet, bem er hauptfächtich feine Sorbern als ©rzäljler ju oerbanfen 
bat, unb feinen $auptwerten: „Jammer unb 2tmboß", „Sn Sfteib unb ©lieb“, 
„Sturmflut", ein neue« angereibt: „2BaS foH baS werben?" (3 ©be., Seipzig, 
Staadmann), griebrich Spieltagen erfdjeint in feinen größern SBerfen als ber 
berufenfte Stadjfolger Äarl ©ußforo’S: er fcbiibert bie ©erfönlichleiten nicht btoS 
realiftifch, in ihrer greifbaren Heußerlicf)feit, fonbern oorjugSWeife in ihren geiftigen 
Stiftungen unb ©eftrebungen; geiftootle ©eleudjtung ber ©egenwart unb ihrer 
»erfcbiebenartigen lenbenjen gehört nicht ju ben HrabeSfen, fonbern jn ben fpaupt* 
aufgaben beS StomanS, unb baS Sicht fallt ungefähr bon berfetben Seite in bas 
©emätbe, Wie bieS bei ©ufefow ber galt ift. 

Stur burcb eine Sigenthiimlichteit unterbleibet ficb ber neue Stoman oon ben 
frühem, auch Don benen ©ufcfow’S: es ift ein „Sdjroman", ber $elb erzählt 
felbft feine SebenSgefchichte. lieber biefen Ichroman hat Spieltagen eine größere 
Stubie Derfaßt, in welcher er bie ©orjüge unb auch einzelne Schattenfeiten beS 
ganzen ©enreS hreoorhob. S33ir rechnen zu biefen Schattenfeiten bie ©erfübrung, 
nicht nur ben SDtonoIogen beS gelben einen ju breiten 9taum ju oerftatten, fonbern 
auch bie Debatte, in welcher er feine Steinung gegenüber berjenigen ber anbern 
oerficht, ju weit auSjubehnen. Unb wir bürfen nicht leugnen, baß biefe Schatten* 
feiten auch »» bem neueften intereffanten SSoman bemertbar fmb: gerabe im 
brüten ©anbe, wo wir eine wacbfenbe Steigerung erwarten bürfen, Wo eine 
erhöhte Spannung ber Sefer erreicht werben foH, machen ficb in ©ctrachtungen 
unb ©efprächen Steflejionen breit, Welche baS Sittereffe an ber §anbiung burdj 
bie ausführlichleit unb Selbftänbigleit, womit fte auf treten, nicht unwefentlich 
lähmen. 

8n bunter abenteuerlichleit, Welche bie ©Ijantafie auch berjenigen Sefer, bie 
nicht auf baS geiftig ©ebeutenbe auSgehen, angenehm befdjäftigt, fehlt eS in bem 
fRoman nicht: namentlich ift bie ©lütter beS gelben eine fahrenbe ®ame, welche 
bieSfeit unb jenfeit beS DceanS bie merlwürbigften ®inge erlebt hat. gür baS 
SenfationSbebürfniß ift fie bie interejfantefte gigur beS SRomanS: fie gibt gleich 
anfangs mancherlei Siäthfel auf, welche ju errathen bie Spannung ber Sefer wach 
hält. Sa ihrem ganzen SBefen eine oornehme ®ame, lebt fie als bie grau eines 
einfachen SargtifchlcrS unb hält ficb Don ihrem Sohne, bem Hboptiofohne beffetben, 
fo fern, baß biefer fich faum an fte hreanwagt. Sin fatßolifcher ©eiftlidjer ift 
ihr §au8freunb. $od) was liegt alles hinter ihr? S)ie ©egebenheiten in Storb* 
amerifa, bie $eiratlj mit einem armen Schaufpieter, bie Siebe beS $erjog«; 
ber Selbftmorboerfuch mit bem &inbe; bann folgt bie gludjt aus bem $aufe 
beS SargtifchlerS, ber Srwerb Don ©iiüionen in Siorbamerifa, bie $eimfehr, 
baS SBieberfehen beS SohneS; eine lange Sette Don ©egebenheiten, bie wir nur 
Zerftfidett feljen, fobaß Wir unS oft befinnen müffen, wie fie jufammenfchließt, 
unb ob nift h' er unb bort eine pfhfologifche Süde ift, bie ber ©erfaffer aus* 
Zufällen Derfäumt hat. 

Sticht minbet bunt finb bie abenteuer beS SohneS: ©pmnafiaft, in Dürftigen 
Serhältniffen nach bem Hobe beS ©aterS, Don ber Subenfamilie unterftüfct, ein 
Opfer ber fßarteiwuth, ber fchon bie Schüler beS ©pmnafiutnS erfaßt hat, inbem 
er in ben Schläger geffleubert wirb, welchen ber eine Kämpfer bem anbern 
entgegenhält. Sann fetten wir ihn plößtich am $ofe eines Herzog«, in un= 
ertlärlicher ©Seife ausgezeichnet, bis es jum ©mche tommt. Sr wiü nach 
amerifa auSWanbern, opfert aber fein fReifegelb, um einen focialbcmofratifchen 
Stiefbruber zu retten, ber an feiner Stelle bie gaftrt Dorthin antritt. '35ann 

9* 


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--- Unfere geit. _ 

wi»; Cr ®^? u ^ e ^ er » einfacher Xifcßler bei feinem SB ruber in SBertin —' man benft 
SRäbdjeng bog ^iccf'fd^e Gtjäßlung. Bulefct erßält er bie #anb bei 

Ser ” e * ne öon Gßarafteren, bie ung burtß ißre Sebengwaßrßeit feffeln: 

® ot neßme Sttbelbert, ber fieß juleßt erfc^icßt, weniger weil er in eine 
C «f ift, alg weil er am gortfeßritt ber ÜJienfcßßeit »er» 

nfcJ&ro • i 1 -^' b ' e fließe £>aut; ber ftubentifcß frifeße 2lriftofrat; ber eble 
; J 'öoigtrijj, ber ung an ben Dffijier in ben „SRittern üom ©eifte" lebhaft 
"fwfc* ä ® an .^ et ©wü Qfraet, bag jarte getteßen, feine Schweflet, ein 
tug enoeg orauenbilb mit ftiHer Siebe’, ^»älfgbereitfcbaft unb Gntfagung; SRarie 
® 0 ” rr e *' n ' ein ßarafterfefteg Sötäbcßen öon unerfcßütterlicßer Gntfcßiebenßeit, ihre 
1,1 < uv 61 ? ^erfeßrenbe unb boeß geiftüoHe SRutter, bie feßöne GHinor, welche 
jUie^t Die §anb beg gelben erhält, obfcßon fie an geiftiapr SBebeutung fo weit 
jjtuter ißm jurüdfteßt. Unb wie fteßt’g mit ben SJlobellftubien, auf welche Spiele 
^agen ja fo große ©tücfe hält? ®aß ihm jum Sßaftor Steiner |>err Stöder 
gefejjen, baß er für ben liberalen Sßrofeffor §unnug auch fern aRobett gehabt, ift 
^tDeifrlloä. aber ber thüringifche tperjog? . 2Bir befinnen ung, auch in einem 
0rebi Q öjG) £tt fRoman bereits einem folcßen begegnet ju fein, fpier tritt aber bag 
jgebenuiche ber SDtobellftubien ein: auf ber einen Seite eine Aktualität, welche 
jebett Steifet augjufcßließett fdjeint, auf ber anbern eine große SUienge nur bet 
$ßßatttafie beg SDidjterg angehöriger ßüge, fowol wag ben Gßarafter, alg Wag 
jjie SBegebenßeiten betrifft: babureß gerätß bag SBilb in eine feßwanfenbe SBeleucß- 
tuflfl V nb ber tiefer in SBerwirrung. 

®ie WertßboUfte Partie beg SRomang ift offenbar bie Sbtjlle ber £afenftabt 
{rti et ? en ®anbe: für Scßilberung beg ©ßmnafiatlebeng ßat Spielßagen, Wie er 
erfrort i n »Jammer unb Almboß" bewieg, bie geeigneten garben auf feiner Palette. 
Jj^eclüoü gruppirt finb bie SBorgänge am tßüringer fperjogeßofe unb am ßam= 
bU*Q et & a f en > am wenigften befriebigen bie lebten SBücßer: ßier oerblaßen bie 
q- at ben ber Scßilberung etwag; bie SBerwidelungen, bureß welche ber Dberft 
Spigtrif} betroffen wirb unb welche Albelbert’g 2ob ßerbeifüßren, erfeßeinen etwag 
jufawwengefünftelt; bie Sßeatergefcßicßten finb blaß; bag ®uell, bem Ulrich jum 
opfet fällt, ßat alg beiläufigeg Albenteuer mit bem ©anjen teinen reeßten 3u- 

t fl ntntcnßang. 

1 sßor allem ift ber SRoman ein geiftreießeg SBert: ber ©eift ber Humanität 
bureßweßt eg, ein SDicßtergeift, ber raftlog über bem Sßroblem beg 3 a ßrßunbertg 
brütet, halb entßufiaftifcß, halb farfaftifcß fieß aug bem SJtunbe feiner gelben über 
biefelben augläßt. fpier gewinnt bie GSarfteÜunggweife Spietßagen’g einen feßönen, 
oft ßinreißenben Scßwung; fonft begegnet man, neben giänjenben Scßilberungen, 
n« fpröber unb feßwerfättiger SCarfteüung unb einem Stil, ber eine bebenfließe 
Hinneigung jum gefeßmadlog SUtanierirten in eigentßümlicß fcßleppenben unb oer= 
midelten Gonftructionen Oerrätß. 

/-inGinen anbern 3cß=9toman ßat ißaul £>eßfe oeröffentlidjt: „G)er Vornan ber 
Sltj^gbame" (SBerlin, fjerß). Gr unterfeßeibet fieß wefentlicß bon bemjenigen 
Sp Aetßogen’g babureß, baß er nießtg weniger ift alg ein 3eit= unb Gulturgemälbe, 
fonbern nur ein gänzlich perfönließeg Sebenggefcßid beßanbelt unb baß nießt bie 
Stiftgbame felbft ißre Grlebniffe erjäßlt, fonbern ein greutib unb SBereßrer, beffen 
eifienpl Scßidfal mit berfelben aufg engfte oerwebt ift. 3n ftiliftifeßer ^infießt 
ift .bw SRoman eing bet beften ffierfe beg Sßicßterg; bie attifeße ©tajie, welcße 
bituCMUge SBarfteHung bureßweßt, gibt bem Stil bag ©eptäge mafellofer ftlarßeit 
unb feiner fßrägnanj; nirgenbg finbet fieß jeneg 9tingcn mit bem fpraeßließen 91ug* 
l»ud, bag einzelne Stellen in bem großen SRoman Spielßagen’g fcßwerfällig maßt; 
fMffiicßiißnt, wer ein Gulturgemälbe ber ©egenwart entwirft, eine ganj anbere 
©abemfentaft ju bewältigen, alg wer einen im engem Greife fieß bewegtnben 


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Citerarifcße Herme. 


(33 


4?erjendroman fcprei6t. Der $aucp einer ebeln Stefignation, Welcher niete 916= 
fc^nitte bed SBerfed burdjwept, wirft fept an{iepenb; eine wenig aufbtingliepe, 
aber ftimmungdooUe ©oeße bticft und aud biefen Kapiteln mit rüprenbem 3auber 
an: bie Äritil wirb bie [title unb fanftc Schönheit bed SBerled mit uneingefcpränltem 
Sobe anerfennen mitten unb nur an ber ©lößlicpfeit ber SBenbung Slnftoß nehmen, 
Wel^e für bie fpätern ©efcpicfe ber $etbin entfcheibenb ift. SBie biefe in unlieb» 
famen ©erpältniffen auf bem ©cplofle ihrer Serwanbten wohnenbe ©Hftdbame 
fiep auf einmal baju entfcpließt, einem non bem ©cßloßperrn midhanbelten Director 
einer fahrenben Druppe {u folgen, für beffen lünftlerifcße ßeiftungen fie fchon früher 
begeiferte Dpeilnapme empfunben; wie fie bei ihrer SJtenfcßenlenntniß, ihrem echten 
©efüpt, ihrem pocßftrebenben ©inne ßcß entfcpließen fann, einem SDtanne, beffen 
Auftreten etwad gefprei{t Dpeatralifcßed hat, wad auch bem ®r{äpler non $aud 
aud auffällt, $anb unb $er{ {U fchenfen: bad erfcheint boch ald eine {u wenig moti« 
nirte SBenbung, befonberd in einem fonft alled Detail genau audmalenben Vornan, 
Währenb man fich folcpe ^fJlö^Iic^feit in einer Sonette eher gefallen lügt, unb bad 
hat außerbem jenen capriciöfen 3ug, ber fich bei £>epfe fepr oft finbet unb mit 
bem bad gefunbe ©efüpt eined großen Seferfreifed nicht {u ftjmpatpifiren oermag. 

Der neue Vornan non ©eorg @berd: „Die Stilbraut" (3 ©be„ ©tuttgart, 
Deutfcße ©erlagdanftatt), fpielt in ber 3eit, ald bie Sünger SJtopammeb’d bad 
Stillanb in Sepp genommen hatten; ba entfaltet fich Pier rin bunted ßeben: 
Segppter, ©riechen, ©erfer, Slrabcr: bad aÜed wogt am Strom bed Stild in 
SRemppid burcheinanber. Der erfte Speit bed Stomand ift reich an glücfticpen, 
originellen (Srßnbungen; ber ©maragb unb feine ©eßieffale, bie ßiebenben ©aula 
unb Orion in ihrem feinblichen ©egenübertreten, bad gait{e ßeben in ber Statt» 
palterei feffelt in höcpft anfchauticper ©cpilberung bie Dpeitnahme. 3m {Weiten 
Dpeil erlahmt biefetbe burcp eine aQ{u große ©reite ber DarfteHung unb burcp 
eine {erftreuenbe Ueberöeillerung bed Stomand mit neu auftretenben ©parafteren. 
Dagegen erwecft ber britte Speil mieber gefteigerte ©pannung: baß ein Opfer in 
ben Stil gefcpleubert werben foü, um ipn {um SlnfcpWeQen ju bewegen, baß ©aula 
wegen ipted Säntpeild an ber glucpt ber Stonne bad Opfer fein foQ: bad ift ein 
eigenartiged SJtotiü. SRärcpenpafte ©paraftere Wie ber haßerfüllte greife Slegppter 
$orad SIpoflo unb ber ©cpwar{e Obaba, greifen in bie fpanblung ein; ed ift 
leibenfcpaftlicpe ©ewegung in allen ©rappen; bie ©cpitberungen finb lebenbig unb 
farbenprächtig; nur gegen bie Sonfequen{ in ber ©paraftet{eicpnung möchte man 
bei Orion unb ber bidweilen böswilligen Äatparina, bie fiep für ©aula juleßt 
opfert, ©ebenfen pegen. 

Da ©eorg ©berd fepon bad Beitalter ber Sraber in Slegppten feßilbert, warum 
will er nicht in ber Beit noch weiter oorWärtd fepreiten unb bie ©egner bed areßäo« 
logifcpen Stomand burcp einen neugefcßicßtlicßen unb einen {eitgefcpicptlichen erfreuen, 
bie auep am Stil fpielen: ber erfte {ur Beit ber 3ran{ofenperrfdpaft unter bem 
erften Stapoleon, ber {Weite {ur Beit bed SSufftanbed öon ®rabi unb ber britifepen 
Occupation? 

SBieberum haben wir ben granjofen einen ©epritt naepgetpan, unb wir lonnten 


bied erft, naepbem fie bei ©eban gefcplagen worben, bad Deutfcpe Steicß begriinbet upo 
Sertin Steicpdpauptftabt geworben war. SBie bie Stomane 3ola’d, Daubefd ilfttr 
fepon früper bie oon ©aljac, ©aut be ffoef u. a. in ©arid fpielten unb mit eftet! 
gewiffen ©enauigfeit in bad topograppifepe Step ber $auptftabt einge{eießtfer^fii 
ren, fo werben jeßt Stomane gefeprieben, bie niept nur in ©erlin fpieteu^ fasern 
peß audbrücflicp ald berliner Stomane bejeiepnen. ©o üeröffentließt §iiwi?i'nli= 
ner einen Spflud öon Stomancn, ber bie Ueberfcprift trägt: „©etlUrlra Wfcifjjfö 
reich." ® em erften Stoman: „Die ©läubiger bed ©lücfd", iji'frat imMMier 
gefolgt: „Die ffrau oon 19 3apren" (©redlau, ©cßottlänber^'rWwejyffllm 
bad berliner Socalcolorit leinedwegd befonberd in bie Säugen fti$f! ia wflflptäflr 


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Unfere §eit. 




Sßaul Sinbau einen EßtluS bon fRomanen unter bet gemeinfdjaftticßen glaggc 
„Serlin" in See ftecßen, mäßrenb gleic^jeitig bie berliner 3<rfdten Slrbeiterromane 
auS ber 3teid)Sbauptftabt mit ber nötigen braftifcßen Scßilberung beS bortigen 
fßrotetariertßumS fcßreiben. 

fjßaut Sinbau’S 9toman „®er gug nach bem SBeften" (Stuttgart, Spemann), 
ber erfte beS EßfluS, ift oßne grage baS befte nooeüiftifdje Erjeugniß biefeS 
SlutorS: er ift aus Einem ®uß unb mit einer ftiliftifeßen Eleganz unb S3orneßnu 
beit abgefaßt, bie mir bei ben SBerfen mancher berühmten fRomanfcßriftfteller t>er= 
miffen. greilicß finb bie guten SJtufter beS franjöfifcßen SiomanS, nicht ettoa Sola 
unb bie fßaturaliften, unberfennbar: eS ift eine EhebrucßSgefcßichte sans peur et 
sans reproche, bie unS ber Slutor erjäßlt. greilicß nicht ganj sans reproche, 
benn bie $elbin geht ju ©runbe, hoch im Äinbbett, maS auch ben tabellofeften 
Ehefrauen paffirt. ®er 3“8 notß bem SBeften hat jroei bermögenbe Äaufleute 
aud bem Offen 93erlinS nach bem SBeftenb geführt, mo ber eine, Eommerjien* 
rath SBifprecßt, fich ein prächtiges §oteI baut, große ©efellfcßaften gibt, ben 
SBerfeßr mit ber oornehmett SBelt fucht. Seine grau, bie fcßöne Stephanie, ift 
ein bortreffliefjeS Eharafterbitb: bie echte 2Be(t= unb Sebebame, unb ei gehört ju 
ben feinften 3ügen beS fftomanS, baß fie, eben bereit junt 33aH ju gehen, bie 
Stadjricht bom Xobe ihres SSaterS, bie ihr telegraphifch jugefommen, unterfcßlägt 
unb baS Vergnügen, fich in hohen Greifen ju bewegen, theuer genug mit ben 
nagenbften ©ewiffenSfcrupeln erlauft. 2)ieS ift eine pfßcßologifch mohlgelungene 
Scßilberung, melche bie Üßcilnahme ber Sefer in bottem SRaße erregt. ®ie 
Scßroefter ihres ©atten ^atte einen Kaufmann Eßrife gcheirathet, ber fich nach 
bem Xobe berfetben jum jweiten mal mit ber reijenben, pifanten Solo oermöhlte. 
$aS ift bie eigentliche $elbin beS SRomanS; ihres gemöhnticßen, langweiligen 
©atten mübe, fnüpft fie mit einem jungen talentboHen SKufifer, ©eorg Stortftetten, 
ein intimes SJerßältniß an. fpöcßft cßarafteriftifch für bie gefeüfchaftliche Heuchelei 
ift eS, baß baS SJerßäftniß, obmol allgemein befannt, gebuibet wirb, bis eS ju 
einem Eclat fommt: bann muß Solo freilich bie gludjt ergreifen; fie thut 83uße 
in einem etberfetber fßfarrhaufe, wo fie nahe baran ift, ben frommen, ehrbaren 
fßaftor ju Oerjaubcrn. S8on ihrem ©atten gefcßieben, ^eirot£>et fie SRortftetten unb 
ftirbt im erften SBocßenbctt. 

inwieweit Sßaut Sinbau äRobette beS berliner SebenS benufct hat, miffen mir 
nicht: bie Schilberungen tragen jebenfaHS baS ©epräge großer SebenSmaßrßeit. 
Sehr feine Eharatterjeichnungen finb ber ©hmnafiallehrer in Serlin unb ber fßajlor 
im SBuppertßal. Ob inbeß biefer „3ug nach bem SBeften" in feiner culturgefcßicßt* 
ließen Sebeutung — sit venia verbo — hier jur ©eltung fommt, möchten mir 
bejmeifeln: eS ift nur ein äRotib für bie $anb(ung, ähnlich etwa mie in bem 
Suftfpiel „Maison neufe" oon Sarbou. Eine allgemeingültige Senbenj läßt ft cf) 
nießt aus biefen rein perföntichen SSerßältniffett entnehmen. 

Eine auffaüenbe Sleßnlicßfeit mit fJ3aul Sinbau’S Vornan hol ber neuefte bou 
SBilßelm Senfen: „gn ber grembe" (Seipjig, Elifcßer), ber ju ben fünftlerifcß 
abgcfcßloffenften SBerfen biefeS begabten SMcßterS gehört. Stucß hier ßanbelt eS fich 
um eine ungetreue Ehegattin, eine fßfarrerStocßter, bie am $ocßjeitStage mit einem 
Ebelmann bureßgeßt. StefonberS bie Kapitel, melcße bie 9teue unb ©nße beßan= 
beln, ßaben in beiben Stomanen oiel SBerwanbteS. ®ie ftimmungSboüe fßfarr^ 
ßauSibpöe ber erften Sapitel ift meifterßaft. 

®ie ßiftorifeße Sitcratur beS lefcten ^albjaßrS ift eine feßr reiche, fobaß 
wir unS auf $erborßebung einiger Srjeugniffe befeßränfen müffen. §einticß 
SBeljßofer bietet uns „Slügemeine ©efeßießte beS StltertßumS" (@b. 1, ©otßa, 
g. 31. fßertßeS); naiß einem geiftootlen ^»inweis auf baS Entfteßen ber SBelt unb 
ber Staatsformen fiißrt er unS bureß bie ©efeßießte ber Slegßpter, S9abßlonier, 


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Citerarifdje Heoue. 


*35 


Äßprer, fßtjönigier unb Sfraetiten hinburdj, enttoidett und ihre Stüte unb ihren 
Serfad, ihre Politiken, focialen unb cuttureden Buftänbe. SSßett eingehenber 
belehrt und übet bie babptonifch’aßhrifche ©efcbidpte ©. S. Siele in Selben 
(„Hanbbfidjer ber alten ©efchidjte", 93b. 1, ©oifja, 5. 9t. tßertljed); nach bem um» 
faßenbßen ©tubiurn ber Duetten gibt er einen Ueberblid bed bisher über Sabpton 
unb Slßprien ©rmittetten unb prüft tritifch bad ©rgebniß ber gorfdjung; er geigt, 
wie oiet noch unßcpet unb äRutfjmaßung iß, wenngleich eine beffere Seit für bie 
tSlßpriotogie anbrach unb bie hißorifdjen Sejte grünbticher bearbeitet werben; ber 
©oben becft noch große ©chäfce; trofc oder Vludgrabungen, trofc aüed fRiefenßeißed 
blieb bie ©efchichte öod Süden, Wie bie Sifte ber Könige unb bie Sruntinfchriften 
neben fo diel anberm beweifen; Siete betehrt und, baß bie ©efchichte beiber Reiche 
eine untrennbare, bie ©efchichte einer SBettmacht fei, unb gibt ße in Umriffen 
bid jum Sobe ßönig ©argon r d II., 705 0. Sfjr. 

Sin Weiter Sßeg führt und Dom ©ifje ber Stftrologie unb bed fflbergtaubend 
in bie $auptftabt ber tathotifchen Söett. ©eit 9iante’d berühmtem 2Berfe finb 
gatjttofe ffiingelforfdjungen über bie ©efchichte ber fßäpfle erfchienen, fobaß eine 
neue quellenmäßige ©efchichte berfetben ein ©rforberniß war. Subwig Saflor 
entfprach bemfetben in ber „©efchichte ber ißäpfte im S^itatter ber SRenaiffance 
bid gut 2Baßt ißiud’ II." (greiburg i. Sr., Herber), wetched Such atd erfter Sanb 
einer ®efd>i<hte ber Säpße feit bem 9ludgange bed dRittetalterd gu betrachten iß. 
Saßor benufcte bie bidher gefdßoßenen päpfttichen unb gahtreiche tömifche $rioat» 
ardjioe (ttotonna, Drfini, ©aetani, SRicci, Dbedcatdji u. f. w.), bie übrigen itatie» 
nifchen, bagu beutfche unb frangöfifcbe Srdjioe unb bie gange einfehtägige Siteratur, 
fo maßenhaft fie (ich aufgethürmt hat. 3h ra erfeßeint bad Sapftthum atd bie ättefte, 
babei aber fetjr tebendfräftige Spnaftie ber SBett, bie SRenaißance feinedwegd oon 
dtnfang an gegen bie ftirche gerichtet, fonbern erft mit ber Seit in bied gatjr» 
waffer getrieben; einer falfdjen heibnifchen fRenaißance ftettt er eine wahre chnft^ 
ließe gegenüber; erftere fdjilbert er atd gang entartet in Satta unb Seccabetti, bie 
er in entf etlichem Sichte beleuchtet, leptere am gtängenbften in Sittorino ba geltre 
unb SRitotaud' V., in bem fie gerabegu ben Spron beftieg. Sad Such ift oom 
rämifchen ©tanbpunfte aud gefdjrieben, fehr feinbfetig gegen bie Angreifer SRomd 
unb ber Hierarchie, bietet aber oiet Qintereßanted unb geßetnbed, g. S. ben 
SRufentjof dtitotau’d V. Sie Oaticanifdjen 9trchioe haben neben ben benetianifchen, 
fpanifchen, ungarifdjen, betgifchen, flfterreichifchen, beutfehen unb frangöfifchen in erfter 
Sinie Mnton ©inbetp gu feinem SBerte „Söatbftein währenb feined erften ©enera» 
tatd im Sichte ber gteichgeitigen Duetten. 1625—30" (2 Sbe., ißrag, g. Sempdtp, 
unb Seipgig, ©. greptag) fowot an ofßcieden Stctenftüden unb ©efanbtfdjaftd» 
berichten Wie an fßrioatbriefen neue @d|äfce erßhloßen. 3« bem Streite um 
©djutb ober Unfchutb SBatbftein’d fteht ©inbetp unter ben StnHägern; ohne ©nabe 
oerbammt er ben griebtänber atd gewißentofen ©treber unb Hauptfchutbigen an 
ber langen Sauer bed Kriege«; er bemüht fid), bie oorbereitenben Schritte SBatb» 
ftein'd gu feiner Ungeheuern äRad)tßedung, bie $reidgabe ber taifertichen Qntereßen 
unb bie eigene ©rpöhung atd tängß geplant barguthun, unb behauptet, Statbftein 
habe ßch Währenb feined erßen ©eneratatd atd Serrätper herangebilbet, bad Heer 
atd fein Sigenthum betrachtet, ßch nicht nur nicht um bed Äaiferd dRacht gefümmert, 
fonbern felbß nach ber Äaiferfrone gefchiett. ©d bürfte ©inbetp jeboch nicht 
getingen, und tro| adet gteichgeitigen Serichte gu übergeugen, SBalbftein fei grunb» 
fäfctich ein ©egner ber taifertichen dRadß, oorübergehenb fogar proteftantifdj 
geftimmt unb im ffiiberßreite mit ber taifertichen ßßolitil gemefen; im ©egentheil 
war er Oietmehr beßrebt, mit Hälfe jefuitifcher Sottdergiepung SRorbbeutfdjtanb 
gu tathotißren unb ber taifertichen dRacht immer mehr unterguorbnen; auch befaß 
er nicht eine fotche Stdmacpt über ben Steifer, wie ©inbetp annimmt. 

Sie wenig rühmliche ©rfdjeinung bed erften fRheinbunbed war bidher in ihrer 


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\36 


Unfere <geit. 


©ntftehungSgefdjichte nur unboQlommen betannt; meift fjerrji^te barüber eine irrige 
Sorftellung; auf forgfältigen ©tubien aus ben preupifrfien 2Ird|it>en berufjenb, 
bietet barum baS SEBert (Sridj South im’S: „®ie ©ntmidelung beS SRheinbunbeS 
Dom Sah« 1658. Slc^t Satire reichSfiänbifdier ißolitit. 1651 — 58“ (Seidig, 
©ett u. ©omp.), mirflid)e Belehrung; ohne eine ©efchidjte beS BunbeS ju bringen, 
begnügt eS fid) mit bet Darlegung ber ©enefiS beffelben unb ihrer ©rünbe; aus 
bem ©eifte ber Seit heraus hält if)n Soat^im für feiueSroegS fo unfittlidj, mie 
man itjn allgemein bezeichnet; jumal ift er überjeugt, bafj Surmainz barin eine 
©orantte für 3)eutfdhtanbS Trieben erblicft hübe. 

® tütt^agen barf heute als bie Seele öder gorfdjungen über ©«fiepen« 
««to ^fruebtet »erben; ber zweite Banb feiner „©efdjichte ©d)lefienS“ (®otl)a, 
v Ti- c« rt ^ e ^ WjKe&t baS früher non un8 befprodfjene 2Berl ab; er beginnt mit 
ber ©tnfüljrung ber habsburgifchen §errfd)aft 1526 unb geht bis jum ®nbe ber 
©onbergefqi^te ©dbtefienS, ju feiner ©rtoerbung burch griebrid) ben ©rofjen; 
tm ganjen lann man biefen 33)eit eine ©efdiicbte ber Deformation unb ber ©egen* 
teformation ©djtepens nennen. ®er $roteftanti8mu8 erlangte zwar einen ungemein 
toleranten äftajieftätsbrief, aber ber tßreifjigjähtige Srieg unb bie Siedjtenfteiner 
©)ragonaben jerriffen it)n, entoölferten baS fianb; bie ärgfte Deaction fam mit ben 
gefuiten. ©rüntjagen fiat feine Slufgabe, ©fiepen« ©efdjichte ju fdjreiben, glan* 
jenb gelöft. 

©ine an innern Srifen unb äufjern ©türmen reiche Beriobe DefterreidjS fcfjilbert 
t>er «petzu öor allen berufene g. SR. oon Srones mit manchem neuen ÜRoment in 
„3 ur ® e l^i(^te OefterreichS im Seitalter ber franjöpfc^en Stiege unb ber SReftaura* 
jion. 1792-—1816. 2Jtit befonberer Dücffic^t auf baS Berufsleben beS Staats* 
iitanneS greiljerrn 2lnton oon Balbacci“ (©otlja, g. 21. Berthes). Balbacci mar 
^juar !em grofjer Staatsmann, batte aber bod) bei oielen wichtigen Gingen bie fpanb 
tut ©b'ele, erlangte baS befonbere Vertrauen Saifer granz’ II. unb fpnterliefj uns 
üß i:traultdt|e mic ofpciette 2lufzeid)nungen übet $of unb Staat, j. 8. über @rz* 
tjeri°9 Soljann unb feine ©orrefponbenj; zur Beleuchtung Oon granz II., SDiaria 
gubootca, SJbugut, SCRetternicf), ©enfc u. a. wirb manches beigetragen unb eine 
®fijje ber innern Suftänbe OefterreichS bis 1816 um Balbacci 
gtupprct; SroneS zeigt im Jpinblid auf bie lanbläupge 2tnflage gegen Oefterreidj 
a i& ben ^ort ber Deaction, mie ferner ihm ber politifche greiheitSgebanfc unb 
tjie SRationalitätSibee bei feinem eigenthfimlichen ©taatScharafter anzupaffen »ar, 
D l)ne bap es pd) ihnen feinbfetig oerfdjloffen hätte. SEBenn SroneS ermähnt, ©enfc fei 
ttberfchäfet Worben, fo erfehen mir aus „OefterreichS Xfjeitnahme an ben BefreiungS* 
{tiegen. ©in Beitrag jur ©efdhichte ber 3ahre 1813—15 nach 2lufjeichnungen 
D on griebrid) ooit ©enfc nebft einem 2tnljang: Briefmechfel jmifd&en ben dürften 
<gch K,at S en & er 9 unb SKetterni^. ^erauSgegeben oon SRicharb ^ürft SDtetternich* 
ggjinneburg. ©eorbnet unb jufammengeftetlt oon 2llfonS greiherrn boit Slin* 
fomP tofni " (3S*en, Sari ©erolb'S @oIjn), mie ©enh, obmol ber intimfte greunb 
jj C g ©taatSfanjlerS, hoch oft meit entfernt mar, in alles eingemeiht ju merben; 
gjletternich üerbarg ihm feine innersten ©ebanlen unb bie gtope Botitif gar 
manchmal, fogar aus SDtiStrauen, unb Saifer ftranj mistraute ihm fehr oft. graft 
lauter ungebrudte 2lufjcichnungen oon ©enfc, bem erften SijSubliciften ber Seit, 
liegen bem Buche, baS als Dachtrag ju „SDtetterni^’S hinterlaffenen Bupieren“ 
erfcheint, iu ©runbe; fie finb an SRetternich unb ben ^ofpobaren ber SBalachei 
gürften ©arabia gerichtet unb bieten ein ©efammtbilb ber biplomatif^eit unb 
militärifchen ©reigniffe oon 1813 bis 1815. SBie alles, maS ©enft’ gebet ent* 
promte, P«b bie Beriete unb 2lufjeidinungen höchft geiftooll unb fpannenb, natür* 
lieh oom öfterreichifchen ©efidjtSpunfte auSgehenb. 

Soh flnn ,® u f tn0 ®ropfen’S „Borlefungen über baS Seitatter ber greiheitS* 
friege“ erfcheinen nach 40 fahren je|}t in jmeiter 2luflage (2 Bbe., ©otha. 


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Politifdje Keouc. 


137 


Sr. Sl. ©ertheS), üom Sof)ne beS fürzlieh fjtnübergegangetten $iftoriterS, ©uftaö 
®topfen, in einet 1883—84 t>om Sßater mobificirten gorm herouSgegeben. Sinb 
fic auch burch neue gorfchungen lange überholt, fo blieben fie bodj ooHgültig unb 
ooöberecfjtigt burch ihr einbtingenbeS ©erftänbniß für ben Seift einer großen 
3eit unb in bie welthiftorifdje ©ebeutung ber ©poche; ihre leibenfchaftliche unb 
eble Sprache wirft auch h e “te nod) h'ureißenb. |>anS Splitter h at «®ie 
Berichte beS faiferlich föniglicf)en ßommiffarS ©artbolomäuS greiherrn Don Stürmer 
auä St.»$elena jur 3cit ber bortigen Snternirung Napoleon ©onaparte’S 
1816—18" (ffiien, Sari ©erolb’S Sohn) {jet Q uSgegeben; fie entftammen bem 
öfterreidjifcßen Staatsarchiv, bieten intereffante ©elege ju ber peinlichen Aufgabe 
ber Seljanblung unb ©eroadEiung eines fo unbequemen ©efangenen, wie Rapoleon 
War, unb bezeugen, wie belicat unb fifelid) bie Stellung ber ßommiffare fein mußte. 

„©Ijarafterbilber ouS ber neuern ©efchidjte gtatienS" gibt uns ber uner* 
müblicbe 9llfreb »on Reumont (Seipjig, ®uncfer u. $umblot); eS finb wefenU 
(ich perfönliche Erinnerungen im 9lnfcf)tuß an frühere biographifcfje Sammlungen 
be$ RutorS; nur jmci gelten Ricfjtitalienern, bem grünblicben ,§iftorifer ©ene» 
bigS, Rawbon ©rown, unb bem »ielfeitigen jüngft »erftorbenen Sari £>itlebranb. 
©on ben anbern finb befonberS intereffant ber burch feine religiöfen SBanblungen 
merfwürbige $erjog Sari Subwig bon ßucca, ber fjochfinnige Staatsmann 9Jtaf* 
jimo b’Öjeglio, SRattajji’S inftinctiber ©egner, Sabour, Ricäfoli, ber eminente 
©ilbhauer ®upre, bor allen ber burch feltene ©ilbung ausgezeichnete Herzog bon 
Sermoneta. Reumont’S Slio wenbet ihr ©eficht gern riidmärtS, feine Shmpatbie 
für bie 3«t nach 1870 ift gering; ihn begleicht Sebnfucht nach bem alten päpft» 
liehen Rom, wie fie bei einem fo ftrengen Satholifen leicht berftänblich ift. 

©in für bie beutfebe ©ulturgefcbicbte wichtiges SBerf ift bie bon ber ^iftorifdjen 
©ommiffion beS SörfenbereinS ber ®eutfd)en ©uchhänbler im ©erläge berfelben 
berauSgegebene „©efcbicbte beS beutfehen ©uchhanbelS", beffeu erfter bon bem z u 
früh berftorbenen griebrich Sapp abgefaßter umfangreicher ©anb bis an baS 
17. Sabrbunbert reicht unb eine 9Renge zum %t)tü neuer SDtittheilungen über bie 
erften Betten nach ©rfinbung ber ©uchbrucferfunft, über bie Anfänge beS Racf|= 
brucfS unb ber ©enfur enthält. 

©on Seopolb bon Ranfe’S „SBeltgefcßichte" (Seipzig, ®uii<fer u. |>umblot) 
ift foebeit ber fiebente ©anb, mit einem ©orrnort bon Rlfreb ®obe, erfcbieneit, 
womit biefeS ho<hbebeutfame SBerf tool leiber abgefcbloffen ift. 


))olitifith( Kcone. 

16 . Iccember 1886 . 

®er ®eutfche Reichstag, ber am 23. Ro». eröffnet würbe, hat eine Ruf* 
gäbe z» löfen, beten Rnfünbigung fdjon in weiten Sreifen begrünbete Seforgniffe 
betreffs ber europäifchen Sage unb ber über bem ©aterlanbe fcfjwebenbcn SriegS* 
wolfen erweefte: bie Erhöhung ber griebenSpräfenzftärfe beS $eereS. 

Schon in ber ®bwntebe öermißte man ben RuSbrui ber 3u»erficf)t, baß ber 
gtiebe ©nropaSj in näcbfter 3cit gefiebert fei. RllerbingS hieß eS barin, „baß bie 
©eziehungen beS ®eutf<hen Reiches zu ben auswärtigen Staaten frieblieh unb be- 
friebigenb feien. ®ie ©olitif beS SaiferS fei unauSgefefct baßin gerichtet, nicht nur 
bem beutfehen ©olfe bie Segnungen beS gricbenS zu bewahren, fonbern auch für bie 
Erhaltung ber ©inigfeit oder 9Rädjte ben ©influß im Steife Europas zu »er» 
werthen, welcher ber beutfehen ©olitif auS ihrer bewährten griebenSliebe, aus 
bem burch biefe erlangten ©ertrauen ber anbern Regierungen, auS bem dRangel 
eigener Qntereffen an ben jefct fchwebenben gragen, wie auS ber engen greunb* 


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Unfere <3eit. 


ö 1 
Dd 

<S> 

bi c 


c*: ft ertoudjS, welche ben Kaifer mit beti beiben benachbarten Kaiferßöfen per* 
t i>e". SlfleS, WaS $u ©unften beS griebenS fpredjen lann, ift fjier angeführt: 
i. cfjwol erregt bieS Aufgebot fämmtlicher günftiger ßJtomente bocfj baS ©ebenien, 
^ eS nöthig fei, ben ©efürcßtungen t>or ©ebrohung beS griebenS ein ftarleS 
^-gewaewicht ju geben, ©ei ber SRilitäroorlage hebt bie Dßronrebe herbor, baß 
jJ^üdficpten auf bie finanzielle Sage beS Steife« nicht außer Sicht gelaffen feien: 
eid) Wirb barauf berjidjtet, auf Einführung ber inbirecten Steuern unb auf 


anbere Steuereintfjeilung junädjft ju brängen. Die SJtotioirung bet SJtilitär 
c V^^-i;c*ge burdj ben KriegSminifter fonnte toenig baju beitragen, biefe ©efürchtungen 
v ^erftreuen; benn wenn er auch einräumte, baß eine augenblitflicß brohenbe 

^^-icö^flefahr nicht oorßanben fei, fo fpradj er boch bie Ueberjeugung au«, baß 
«nS in einer Seitepoche befinben, toetdße nicht gegrünbete SluSficßt auf eine 
V"* .^e^nbe Erhaltung beS griebenS gibt: jebenfaflS werbe baburdj ben Oerbünbeten 
sfte0i crun 9 en hie ißPitht auferlegt, ju prüfen, wieweit bie Sßeßrlraft beS Deutfcßen 
«tcic^e« gegenüber berjenigen ber benachbarten Staaten als auSreidjenb ju be» 
ca<& tm f e *- ®' e Kriegsmacht granfreichS fcfjreite gegenüber ber unferigen fdjon 
tänQ cte Seit in erhöhter griebenSpräfenjftärfe oor; außerbem foöe biefclbe auf 
(Sjtiiitblcige eines oorliegenben ©cfeßentwurfS noch weiter erhöht werben. Der 
KriegSminifter fpradj ferner für bie Dringlicßfeit ber ©orlage unb legte bem 
<ftetd)3tage ben SBunfdj ans Werj, noch öor ben SBeihnadjtSferien bamit an« Enbc 
, u fommen; bann äußerte er ficb noch über bie finanzielle Seite ber grage, wobei 
et unter großer Weiterleit heroorßob, ihm perfönlich fei eS bequem unb angenehm, 
bafj er bafür ju forgen habe, auf welche SSeife bie äJiittel jur Durchführung 
tiefer SReorganifation befdjafft werben foßten. Die perfönliche ©elaftung, bie fie 
tut golge h Q be, erflärte er inbeß für geringer, als biejenige in granfreieß fei; 
am ©thlaß brach er noch eine Sanje für baS Septennat. 

Darauf ergriff ber Slbgeorbnete dichter baS SBort, ber bie militärifche Autorität 
ber Ciiifen ift unb fid) in ber Dhat in Etat unb Serwaltung beS beutfeßen Kriegs» 
toefenS tüchtig hineingearbeitet hat. ©udj war feine Siebe burdjauS fachlich, waS 
felbft bie ©egner anerlannten: hob er boch am Schluß hertior, bie Ueberjeugung, 
baß wir ein ftarfeS KriegSheer haben unb behalten müffen, burchbringe äße Kreife 
beS ©olles. Die Einjelfragen, in benen Uneinigleit im fpaufe herrfche, feien gering 
gegen baS, worin aße einig feien. Er erflärte eS inbeß für unmöglich, bie Sor* 
läge bis ju SEBeihuadjten ju erlebigen, unb fragte, warum fie überhaupt fo fpät 
eingegangen fei, worauf ber KriegSminifter bie für ängftliche ©emütfjer wenig be» 
tu^igenbe Antwort gab, erft in jüngfter Seit, lurj oor Eröffnung beS ^Reichstages, 
fei eS befcßloffen worben, bie neue ©räfenjftörfe fdjon Oom 1. SIpril 1887 ein» 
treten ju laffen, unb jwar fei bieS gefeßeijen bei ber immer größer merbenben 
Dringlithlei* her Sage. SRichter meinte. Wenn bie ©orlage fo rafch bewißigt 
werbe, müffe baS SluSlanb glauben, eS ijanble fid) nicht um eine griebenSpotitif, 
fonbern um eine Eroberungspolitik wenn eS fid) aber um eine bauembe ©elaftung 
b e g Solle« währenb beS griebenS hanble, fo müffe baS ©laß berfelben genau 
geprüft unb beziffert werben. ES lomme überhaupt nicht bloS auf bie mili» 
tärifcßr Stärle an, fonbern auf bie Snteßigenj unb ©uSbitbung beS WeereS. 3n 
granfreich u"h SRußtanb ftänben mehr Solbaten auf bem ©apier als auf ben 
©einen; bei uns fei bieS umgelehrt, ©egen baS Septennat erltärt fieß SRidjter 
entfliehen; feine ©artei ftimme für eine einjährige gefifteflung ber ©räfenjftärle 
unb fei her Slnfidjt, baß eine mehr als breijährige nicht meßr conftitutioneß fei. 
Sleßnlich fa rad ) fieß Slbgeorbneter ©aper oon ber ©olfSpartei auS: er fanb eS 
außerbem auffaßenb, baß bie ©orlage beS ©ünbniffeS mit Defterreidj nicht gebente, 
unb bebauerlidj, baß bie SReidjSregierung fi(ß nießt bie ©lülje gebe, baS ©oll unb 
bie ©ollsoertretung über bie Seitung ber auswärtigen ©olitit ju orientiren;. 
bann oermißte er eine Dedung ber finanjießen ©nforberungen ber ©orlage: bie 


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Politifdjc Hemie. 


m 


@rhöf)ung bec SRatricularbeiträge fei bod) eine folcfje 2)edung nid)t. Hm 8d)luff 
fitaibirte et für Vera6fef)ung ber breijä^tigen 2)ienftjeit. 

Hm 3. 2)ec. eröffnete Sßinbtfjorft ben Singriff auf bie Vortage mit ben befannten 
©orbehatten unb gerounbenen ©rflärungen. SBenn eS gelte, ben Daterlänbifdjen 
©efi|ftanb aufrecht ju erhalten, werbe feine Partei bie nottjwenbigen HuSgaben 
ablehnen. 3m übrigen foflten feine jejjigen ©rflärungen fein ©räjubi^ fdjaffen 
für bie Hnhönger feiner Partei; er behalte fich üoße HctionSfreiheit oor. 2Rehr« 
forberungen betreffs ber Hrmee bebürften ber genaueften Prüfung wegen ber 
gröffent perfönlidjen Seiftungen unb ber finanziellen Hufmenbungen, bie bafür 
nöthig feien. SBinbthorft oermiffte ben Seiter ber auswärtigen ©olitif, ber nicht 
einmal feine Vertreter entfenbet habe. 25er ÄriegSminifter habe erflärt, bie ©er* 
hältniffe feien notorifch; baS fei aber nicht ber Saß. 3a ber ©ommiffion müffe 
bie genauefte HuSfunft gegeben Werben; wenn ber Seichstag ©elb unb Sefruten 
bewißigen fofle, fo müffe er Wiffen warum, ©anj wie Sichter ftimmte SBinbt» 
horft in erfter Sinie für einjährige ©emifligungen, bann hödfftenS für folche, bie auf 
bie 25auer einer SegiSlaturperiobe gemacht werben. 

HlS gelbmarfchafl ©raf SKoltfe eintrat, um p fpredjen, burfte er auf bie 
gefpanntefte Hufmerffamfeit rechnen: Wenn man inbeff ©nthüflungen in Betreff ber 
politifchen Sage feitenS beS groffen Strategen erwartete, fo hatte man fich getäufcht. 
©uropa ftarre Don SBaffen, fagte er; man möge fid) linfs ober rechts menben, 
mir finben unfere Sadjbarn in ooßer Süftung, in einer Stiftung, bie fetbft ein 
reiches Sanb auf bie 2)auer nur fchmer ertragen fönne: baS bränge mit Satur* 
nothwenbigfeit auf balbige ©ntfdjeümngen, unb beShatb habe bie Segierung fchon 
oor Hblauf beS SeptennatS eine ©erftärfung ber Hrmce oerlangt. 3Ran habe 
oon einer ©erftänbigung mit gcanfreid) gefprodjen: Ieiber fei biefelbe unmöglich, 
folange bie öffentliche SSeinung in Sranfreidj ungeftüm bie Verausgabe jmeier 
Wefentlich beutfcher ©rooinjen forbere, Währenb wir feft entfchloffen feien, fie nie 
berauSjugeben. 2)aS ©ünbniff mit Defterreich fei fehr merthooß; aber ein groffer 
Staat efiftire nur burch eigene Straft, ©ei ber gegenwärtigen Sage unfer Slilitär* 
fpftem über ben Raufen p werfen, baS würbe bod) ein bebenflidjeS ©fperiment 
fein, ©ine gute ginanjlage fei fehr wichtig, aber bie Südficht barauf höre auf, 
wo eS fich um Kämpfe uttb ©ntfdjeibungen fjanbelt, wo nach bcm HuSfprudje beS 
beutfchen Sanbsfnechts ©atronenffülfen bie gangbarften Rapiere fein werben. 
Sicht baS mititärifdj abfolut SBünfdjenSWertbe, baS finanjiefl ©rreichbare fei 
neben ber ©orlage ins Huge gefaßt worben. „2)ie ganje SBelt Weiff", fagte 
SRoltfe am Schluff, „baff wir feine ©roberungen beabfidjtigen; mag fie aber auch 
wiffen, baff mir baS, was Wir haben, erhalten woflen, baff mir bap entfchloffen 
unb gewappnet finb." Sach SKoltfe fprach ber Socialbemofrat ©rißenberger, 
welcher für ©infüljrung ber einjährigen 25ienfipit plaibirte unb bie Ablehnung 
ber ©orlage feitenS ber Socialbemofraten in HuSficht fteßte. SKarquarbfen unb 
SBöflmerth wanbten fich gegen baS ©entrurn unb bie Socialbemofraten unb fpradjen 
mit parlamentarifcher ©ewanbtheit p ©unften ber ©orlage, für bte plefct noch 
ber SriegSminifter baS SBort ergriff. 

2)ie SKilitärborlage ift an eine ©ommiffion Oon 28 Slitgtiebem oerwiefen 
worben. Ueber bie ©eneralbebatte innerhalb biefer ©ommiffion berichteten bie 
Leitungen, obfchon fie bie oertrautichen 2Jlittt)eilungen über bie VeereSftärfe ber 
einzelnen EKädjte, über 25iS(ocationen beutfcher ©ruppen nicht bringen bürfen. 
2)iefe pnb nur für bie SSitglieber beS SeidjStagS beftimmt. SBidjtige ©nthüßungen 
über bie auswärtige ißolitif haben bie ©ommiffionSberathungen bisher nicht ge¬ 
bracht. 9Rit 16 gegen 12 Stimmen lehnte bie ©ommiffion in ber erften Sefung 
bie SegierungSoorlage in ihrer jejjigeii ©eftalt ab unb nahm bann ben Stauffen* 
berg’fdjen Hntrag an, ber nur eine griebenSftärfe oon 450000 SSann (ftatt ber 
468000 ber ©orlage) gewähren moßte unb jwar nur auf brei 3al)re. 


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Unfere ^eit. 


HO 


©egenüber ber Sorlage über bie griebenSpräfenjftärfe unb bie große gtage 
bc# Slugenblicf#: ob Krieg, ob grieben? nehmen bie anbern Serpanblungen be# 
SReiepStage# über beit ©tat, ba# Seminar für orientalifcpe ©praßen, bie Duette 
frage nur ein untergeorbnetc# 3«tereffe in Slnfptucp. 

Ser SRücftritt be# ©abinet# grepcinet ingranTreiep wirb wenig änbern mit 
Se$ug auf bie innere unb auswärtige Situation. Unter ben ßRiniftern, bie au# bem 
alten ©abinet in ba# neue übertreten, befinbet fiep Soulanger, ber in Dieter Hinfiept 
al# ber $err ber Situation bejeiepnet werben barf. Sepr überrafept pat feine neu* 
ließe griebenSrebe; aber wäprenb in Seutfcplanb bie Sefürdjtungen oorperrfepen, e# 
Tonne halb ein europäifeßer Krieg auSbreepen, pat ba# officieüe grantreieß niemal# 
bie SRotpwenbigTeit be# grieben# fo laut proclamirt Wie gerabe jept; unb e# ifl 
Tein ©runb anjunepmen, baß e# babei eine macpiaoetliftifcpe SJSolitiT Oerfolgt. 
Ser ^aubegen Soulanger liebt e# fonft mit bem ©cpwert ju raffeln; aber foltper 
bebropliepe Särm wäre ju wenig im ©inflang mit ber ißolitif, bie ber URinifter» 
präfibent oerTünbigt, unb am entfepiebenften in feinet Siebe am 27. SRoö. bei 
Seratpung be# Subget# ber auswärtigen Slngelegcnpeiten. Selafoffe, ein Sona* 
partift, patte ba# Soblieb Stußlanb# gefungen unb ba# Sorgepen ber SRuffen in 
Sulgarien oerperrliept; er interpeflirte ben SRinifter mit Sejug auf bie bulgarifcpe 
2lngelegenpeit. gn feiner ©ntgegnung betonte grepcinet al# bie Hauptaufgabe 
ber ^Regierung bie Slufreepterpaltung be# allgemeinen grieben#; benn in granlreicß 
werbe an einem für bie Bufunft ber mobernen ©efellfcpaft oießeiept entfcpcibenben 
SBerfe gearbeitet, an ber Umwanblung alter ntonareßifcper gnftitutionen in repu* 
bliTanifeße. ©in folcpe# SBerT erforbere lange Beit; man bürfe niept glauben, baß 
ba# Biel fepon erreicht fei, wenn man am Sage naep einer foteßen SBanblung 
anfepnließe SKajoritäten um fiep oereinigt pabe. Siefe SRajoritäten feien eppemerer 
Statur, SRajoritäten be# ©efiipl#, be# erften ©inbruef«, bie in folepe ber Sernunft, 
ber lleberjeugung umgewanbelt werben müßten, ©in folepe# SBerT würbe oer* 
jögert unb erfepwert burep einen europäifepen Krieg, in welepem granfreiep feine 
ganje Kraft aufbieten müffe. 

2Ran Tonnte bei biefen allgemeinen Sepauptungen noep immer ber SInfießt fein, 
baß ber fRebner fiep eine Hintertpür offen laffe: benn fo groß auep ba# grieben#* 
bebürfniß granfreiep# fein mag, fo Tönnte ipm ja boep ein Krieg burep bie aßgc= 
meine Situation aufgenötpigt werben. Siel wieptiger al# biefe SemerTungen grep* 
einet’# waren baper feine StuSlaffungen über bie Sage ©uropaS. grantreieß, fagte 
er, pat Tein anberc# gntereffe in Sulgarien ju oertreten, al# ba# allgemeine gntereffe 
an ber ©rpaltung be# £)8manifepen SReieße#, welepe peute für grantreieß üon pöperer 
Sebeutung ift, al# fie e# jemals gewefen, bie Sorge für ben europäifepen grieben 
unb enblicp ba# gotereffe an bem ©leicpgeroießt ber Kräfte im SecTen be# HRittel* 
länbifepen SReereS. 9lu# biefen ©rTlärungen bie ©eneigtpeit jur Unterftüßung 
ber Släne fRußlanb# unb ju einer ruffifeß*franjö[ifeßen Mianj perauSjulefen, 
biirfte boep auep ber Tüpnften foppiftifeßen Auslegung fepwer faßen: benn oon 
aflem, Wa# SRußlanb miß, ift pier gerabe ba# ©egentpeil perborgepoben: diußlanb 
wiß ben Bufantmenbrucp be# DSmanifcpen SeießeS unb einen Slntpeil an ber 
Herrfepaft über ba# SRittelmeer. ®ße biefe ©rTlärungen würben überbie# oon ber 
Kammer mit bielem Seifaß aufgenommen. 

©leicpmot Tarn noep im Saufe ber ©tatsberatpungen ba# SRinifierium grepcinet 
^u gaß: boep bie# ping burepau# niept mit feinen ©rTlärungen über bie europäifepe 
SolitiT jufammen unb mar niept etwa ba# SSert einer im Sunteln fepleiepenben 
Kriegspartei. Sie Kammer war fepon bei ber ganjen Seratpung be# Soranfeßlag# 
niept in ber ©ebetaune; fie patte für 6 ÜRifl. Slbftrieße bereit# gemaept unb fo 
Woßte fie fiep benn auep niept baju oerftepen, bie 3 SRifl. für bie Unterpräfecten 
ju bewißigen, fonbern biefe Seamtenpoften gänjliep au# bem ©tat ftreiepen. 


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Politifdje Xeoue. 


W 


®ie Gjtremen ber Siebten unb Sinfen reiften fiep babei bie |>anb unb bie 
Stimmenthaltung einer großen 3apl Oon Opportunsten gab ben SBuSfdjlag. 
®ie Unterpräfecten bilben ein fepr notploenbigeS ©lieb in ber franjöfifcpen 
Seamtenmafcpinerie: baß eS bei ben SBaplen, bei ber Ginführung beS SSolföfc^uI* 
gefe^eö mefentlicp auf ihre SRithülfe anfommt, h°& en bie SRinifter felbft peroor: 
um fo unbegreiflicher mar eine Slbftimmung, bcren IRefultat bie Slbftintmenben 
felbft in unangenehmer SDScife ju überrafchen festen; benn eS mar im ©runbe 
nicht ihre Slbfkht, baS SRinifterium gu ftürgen. ffrepcinet blieb inbeß hartuäcfig 
bei feinem Gntfcpluß, gurüdgutreten, obfepon bie SRabicalen felbft ihn gum Söleiben 
gu bemegen fugten, Ginige Sage lang bauerte bie beunruhigenbe ®rifiS; bann 
mürbe ©oblet mit ber Silbung eines GabinetS oom ^räfibenten ©reüp beauftragt 
unb übernahm biefelbe auch nac h einigem Sträuben. SSier SRinifter beS frühem 
GabinetS blieben in bem neuen, baS ebenfalls ein UebergangSminifierium ift, in 
meldjem SRännet oerfepiebener Parteien nebeneinanberfipen. Son einem SBecpfel 
im ÄriegSminifterium, ber früher für bie Slrmeereformen ftetS fo ungünftig mar, 
fieht man jefet ab: eS ift mol gtoeifelloS, baff ©oulanger, ber bie neue Slrmee» 
organifation fo energifch in bie $anb genommen hat, noch mehrere BRiniftermecpfel 
überleben bfirfte. 

SBenn nicht gloquet, fonbern ©oblet an bie Spipe beS neuen GabinetS in 
granfreiep getreten ift, fo haben aflerbingS iRüdficpten auf iRußlanb babei eine 
große Stolle gefpielt; benn gfoquet ift für iRußlanb eine persona ingrata megen 
ber perauSforbernben Sleußerung, bie er fich gu Scpulben fommen lieh. GS 
Oerbient bieS immerhin Seacptung; bie frangöfif<h*ruffifcpe Slßiang fchmebt in ber 
Suft, fo merfmürbig immerhin bie Serbinbung einer bemofratifepen Stepublit, 
bie fich immer mehr bem StabicaliSmuS guneigt, mit einem Staate erfepeinen mag, 
in metchem nach Wie bor bet uneingefchräntte Despotismus herrfcht. ©oblet felbft, 
ber bisherige UnterrichtSminifter in bem Gabinet grepcinet, ift fein SRinifter im 
Sinne ber republifanifcpen fjeißfporne; er hat auch in ffirepenfragen oiel SRäßi» 
gung gegeigt. Sie treffe empfängt baher baS neue SRinifterium feiueSmegS mit 
einem freubigen SBiflfommen, unb eine lange Sauer barf man ihm nicht oer= 
fprechen. Sie 200 SRonarcpiften ber Sammet finb ftetS bereit, jebeS SRinifterium 
ber SRepublif gu gafle gu bringen, unb ber Seftanb beS GabinetS hängt baher 
Oon ber guten Saune einer ber ©ruppen ber Sinfen ab, ber Union des Gauches, 
melche bie gemäßigten iRepublifaner bereinigt, unb ber Gauche radicale, einer 
gmifdjen ber gemäßigten unb ejtremen Sinfen fdjroanfenben graction. ®ic fehlere 
unter Glemenceau’S güprung geht oft mit ben SRonarcpiften $anb in fpaitb; bann 
feptoanft baS parlamentarifcpe 3ünglein um ein ©eringeS unb ein Slbfaß oon 
40 Stimmen aus ber Union des Gauches fann, toie baS bei grepcinet eingetreten, 
ein SRinifterium ftürgen. grepcinet hatte inbeß immerhin ein ißreftige, baS ©oblet 
nicht befipt: jept begeichnet er nur eine 3wifcpenftation; bie europäifche Situation 
fann Soulanger ans IRuber bringen, unb baS ift niept ber SRamt, um fogleidj ober 
fpäter fpurloS im ®untel gu berf<h>oinben. 

©encral SaulbarS ift aus Sulgarien abgereift: er hat als officiefler ruffiftfiev 
Slgent bie Serpanblungen mit ber Regierung, bie oorgugsmeife in bropenben llfafen, 
gelegentlich auep in Slalaten beftanben, bie an ben SRauern ber bulgarifcpen Stäbte 
angefcplagen mürben, ooßftänbig abgebrochen; bie ruffifepen Gonfuln finb mit ipm 
abgereift. Gr macht ben ^Regenten unb ipren SDtiniftern ben Sormurf, auf feine 
fRatpfcpläge niept gepärt, bie ruffifepen Untertpanen niept genugfam befepfipt gu 
paben. Ser $auptoortourf bleibt immer, baß bie SRegenten bie ©roße Sobranje 
einberufen paben, trop beS auSbrüdlicpen SBiberfprucpS ber ruffifepen ^Regierung. 
Solange bie jepigen Siegenten, bie oon ben SRuffen überhaupt als unberechtigte 
Ufurpatoren angefepen merben, am SRuber finb, foß eine Sßieberaufnapme ber 


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Unfere <§eit. 


H2 


biplomatifdjen Vejieljungen auSgefchlojfen fein. Von ben Regenten ift bisher nur 
ffarawelow bem SEBinfe RugtanbS gefolgt: eS fdjeint, er miß feine 3ufunft fiebern; 
er galt frfjon immer für einen Slnfjänger ber ruffifc^en 3ntrigue, bie aus Vulgarien 
ihren ©pielbaU ju machen gebenft. 

3Jiit ber Ulbreife beS ©eneralS ÄaulbarS hat biefelbe burchauS nicht ihr ©nbe 
erreicht, fonbern eS fjat fich wieberum bie SBirfung ihrer insgeheim fchleicfjenben 
2Jlachinationen gezeigt. Die bulgatifdjen Sunler, biefelben, bie fidj an ber Ser* 
fdjroörung gegen ben dürften Sllejanber beteiligt Ratten unb am 21. Slug, in 
feine ©emädjer eingebrungen waren, machen mieber einmal non ftd) fprechen. 
Die Regentfdjaft habe bamalS bie Sunferfdjule aufgelöft, bie Sunfer waren als 
©emeine in bie Regimenter bertheilt worben. 21m 13. Stob. lieg bie ©obranje 
©nabe für Siecht ergehen unb befdjlog bie SBiebereröffnung ber 3unferfdjulc. 
®aum war biefe Vlüte ber bulgarifchen Sugenb wieber bereinigt, als fie aber« 
mals fich berfchwor — unb jwar füllte bieStnal baS für ben 24. Stob. beftimmte 
Sittentat ben Siegenten unb SJtiniftern gelten, ©ie füllten bon ben 300 3unfern 
gefangen genommen, unb wenn fie SBiberftanb leifteten, ohne weiteres getöbtet 
werben. Doch bie Verfchwörung würbe berrathen, bie Sunlerfdjule bon Druppen 
umzingelt, bie SReuterer nerhaftet. ©iner ber Offiziere, bie fich f<h on an bem 
Sittentat gegen ben giirften Sllejanber betheiligt hatte«» füll ber $auptanftifter 
ber neuen Rebellion gewefen fein. Sicher h fl t man nichts bon einem ®ericf>t 
gelefen, welches ben SReuterern baS Urtheil fprechen foU, unb eS ift fraglich, ob 
auch i'fct wieber bie ©inflüffe fich geltenb machen werben, welche jur Segnabigung 
ber politifdjen Verbrecher beS 21. Slug, geführt haben. 

SnjWifdjen ift bie bon Ruglanb aufgefteHte Xhroncanbibatur beS gürften 
SlitolauS bon SRingrelien bei ben europäischen SRächten jwar auf feinen birecten 
SBiberfpruch geflogen, boch ift Ruglanb auf baS ben Vulgaren berfaffungSmägig 
juftehenbe Recht, in ber ©rogen ©obranje ben gürften ju wählen, hingewiefeit 
worben. Da tritt nun bie ©chwierigteit ein, bag biefe ©obranje bon Ruglanb gar 
nicht anerfannt wirb, ba fie im SBiberfprudj mit feinen Sefehlen gewählt worben ift. 
Die ©anbibatur beS gürften bon SRingrelien hat nun in Vulgarien felbft geringe 
SlnSfichten; ja fogar bie ruffenfreunblichen Sanlowiften fcheinen mit ihr nicht ein« 
berftanben ju fein. Der leichtlebige Dfcherfeffenprinj, ber in ber Petersburger 
©arbe feine militärifdjen, in ben ©alonS an ber Sterna feine SebenSftubien gemacht 
hat, fcheint ben Vulgaren felbft nicht ber fchwierigen Slufgabe gewachfen ju fein, 
fie ju regieren — unb einen biogen Strohmann in ber ipanb RugtanbS wollen 
fie fich auch n <$t gefallen laffen. Die Deputation bon brei SRitgliebern, bie eine 
Runbreife burch ©uropa antreten foD, wirb bie in Vulgarien ^errft^enbe ©tim* 
mung überall unoerhohlen jum SluSbrucf bringen, 3« Petersburg wirb fie nicht 
Zutritt ftnben: hat boef» ber Sfaifer eben erft ben ©eneral ÄaulbarS in ©atfdjina 
empfangen, unb bie Petersburger Regierung in einem ©ircular an bie SRächte eS 
als eine Dhatfache hingeftellt, bag baS bulgarifche Voll ben Slbenteurern, welche 
bie SJlacht in ben §änben haben, abfolut feinblich gegenüberftehe. 

Die bulgarifche Deputation ift in fßeft ftjmpathifch begrügt unb bon ber afa» 
bemifchen gugenb mit antiruffifchen Reben berljerrlicht worben. 3« SB*«« empfing 
fie jwar Sfalnolt), aber mehr als prioatmann, unb beglüefte fie mit einer längern 
©auferie, aus welcher bie Deputirten erfeljen foitnten, was fie fchon wugten, bag 
Oefterreidj bie beften SBünfdje für Vulgarien hege, aber fie erfuhren nicht, WaS 
fie wiffen wollten, inwieweit bie üfterreichifch-ungavifche SRonarchie geneigt fei, ihr 
Schwert in bie SBagfdjale ju werfen, um biefe SBünfche ocrwirflichen ju helfen. 

Steuern Veristen aus SBien jufolge glauben bie bulgarifchen Slbgefanbten felbft 
nicht an einen ©rfolg ihrer SRiffion, fie wollen aber iljrerfeitS nichts berfäumt 
haben, was eine folcfje üöfung mit £iülfc ber europäischen ©abinete ^erbei^u« 
führen oermog. SlnbcrerfcitS rechnen fie auf ein Viinbnig ber Vallanftaaten; 


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Politifdje Hemie. 




ber ©mpfang, ben fie bei König {Rilan in Selgrab gefunben, fcßeint fie feinet 
weg! entmutigt ju hoben: ein folcßel SBünbniß märe fein gering ju acßtenbe! 
Wemmniß ber ruffifcßen «ßolitif. 3n allen biefen ©taaten gibt el aber auch 
eine ftarfe ruffifdje Partei, »eiche fogar für bie {fürften eine permanente ©efaßr 
ift. Such in {Rumänien, obfchon bie {Rumänen burcbaul feine ©tarnen finb, fehlt 
el nicht an panflamiftifcben Webereien: einen Slnfnüpfunglpuntt für bal fettige 
Rußlanb bietet bie griedjifcb=ortbobo£e Kirche, »eichet bie {Rumänen in ihrer 
fRehrjaßl angehören. Sie miloergnügten {Bojaren, »eiche bie Aufhebung ihrer 
{ßrioitegien nicht oerfcbmerjen fönnen, bilben eine regierunglfeinblidje confer« 
oatiöe {ßartei, bie mit ben {Ruffen ju fraternifiren geneigt ift, unb bie unter 
ruffifchem ©influß rebigirte franjöfifcße ^eitfdjrift „Independance Roamaine" 
befleißigt fich einer ©prache, bie mit berjenigen ber rabicalen Webblätter in ood« 
ftänbigem ©intlang ift. Sie rumänifche Preßfreiheit erlaubt fi<h {Bebroßungen ber 
Regierungen unb bei König! felbft, bie in anbern ©taaten eine Auflage »egen 
Wochtterrath# §ut {folge haben »ürben. $ierin fucßt bie non {Rußlanb infpirirte 
fßrcffe fogar ben {Rabicalen, »eiche nach längerer Sahlenthaltung bei ben leßtcn 
©emeinberoaßlen »ieber in ©emeinfdjaft mit ben 5lltconferoatioen auf bem {ßlan 
erfcßienen, aber in allen Wauptftäbten bei Sanbel unterlagen, noch einen Por« 
fprung abjugeminnen. 

SEBie »ürbe fich aber bie Sürfei ju einem folcßen {Bünbniß ber Salfanftaaten 
fteHen? Sie {ßotitif ber Woßen Pforte ift unburdjficbtiger all je: Shatfadje ift 
nur, baß ber türfifche ©efanbte in ©ofia, @abban=ffifenbi, bie {Rolle oon Kaulbarl 
fortfpielt unb gleiißfam bie {Bücßfe aufhebt, »eiche bet ruffifdje ©eneral inl Korn 
geworfen hat. Watte fdjon früher bie Sürfei ben {Bulgaren bie SBeijung ertheilt, 
oon ber Einberufung ber ©roßen ©obranje abjufeßen, »ie el {Rußlanb oerlangte, 
fo hat fie neuerbingl auch 9 e 9 en bal Slbgeßen ber Seputation ißebenfen erhoben, 
ja auch ben {Regenten ben {Rath ertheilt, ihre Memter nieberjutegen. Söeibe Rath 5 
fdjläge blieben unbefolgt: »al ben erftern betrifft, fo fonnte fich bie Regentfcßaft 
mit Recht barauf berufen, baß ein {Befdjluß ber ©roßen ©obranje jene Pb- 
fenbung ber Seputation jur {folge gehabt, unb baß nach bulgarifchem ©taatlrecht 
bie Regenten nicht in ber Sage feien, gegen biefen {Befcßluß fßroteft ein^utegen. 
@abban«©fenbi hat alfo mit bem {Retier bei politifchen Rathgeberl fo »enig 
©lücf »ie Kaulbarl, nur roirb er ftd) ein {Rillingen feiner iRiffion »enig $u 
Werken nehmen; benn fie beruht jebenfadl nur auf einem biplomatifcßen 
geftänbniß ber Sürfei an Rußlanb, bal nidjtl {ßrincipiedel unb Un»iberrufticpel 
an fuß trägt, fonbern »omit oieQeicht für ben Slugenblicf irgenbeine biptomatifche 
©egenleiftung SRußlanbl, vielleicht in {Betreff Stegpptenl, erlauft »erben foQ. {Rag 
el in Konftantinopel »ie in fßaril nicht an Opportunsten fehlen: bie Shatfache, 
baß Rußlanb ber ©rbfeinb ber Sürfei ift, »erben fie nicht aul ber SBelt fdjaffen. 
Sie ©anbibatur bei fßrinjen {ferbinanb oon Koburg, bie Oon SSien aul all eine 
fo aulfichtlooDe prodamirt »urbe, »irb neueften Racßricßten jufolge in Ißeterl« 
bürg nicht emft genommen. 

Offenbar fudjt ©nglanb burch {Abmachungen mit ber Sürfei feine tßofition 
in Heghpten ju behaupten: ben Sürfen finb aber biefe {Abmachungen unbequem 
genug, unb fie bemegen fich in anbern {fragen burebau! nicht im {faßrroaffer ber 
engtiftßen {ßolitif. ©alilburp hatte in feiner Sorb»5Rahorl«Rebe ben ©tanbpuntt 
ber englifchen Regierung baßin aulgefprochen, baß bie Occupation Slegpptenl 
feinelmegl eine bauernbe bleiben fotle, baß el aber trofj oder gemachten {fort« 
fdhritte feine Aufgabe feinelmegl al! gelöft betrachten fönne unb fich baßer ein 
©nbtermin für bie Räumung ttegpptenl nicht angeben laffe. Roch befaßt bie 
i»ifcßen ©nglanb unb bem ©ultan abgefdjtoffene Sonoention ju Recht, ber jufolge 
bie Oberßerrlichfeit bei ©uttanl anerfanut »irb, bcu ©nglänbern aber gemeiufant 


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Unfere £e\t. 


*55 

mit bet türfifdjen Regierung bie Aufgabe zufäflt, bie Verbältniffe SlegpptenS um* 
jugeftatten. Sir Srummonb SBoIff batte fid) jufommeu mit 3Rufbtar=Vafcba biefer 
2t ufgabe unterzogen. Sod) oerlautete bisher febr wenig ton günstigen IRefultaten 
ber neuen Verwaltung, unb baS ermutigte granfreid), feine bisher feineöwegS 
auf gegebenen SRecbtSanfprüdje auf bie 9Ritl)errfdjaft in Stegppten wieber bei ben 
enropäifcben Eabineten unb auch bei ber fßforte geltenb ju machen. Samit ift 
irtbeß nichts weiter erreicht worben, als baß bie 2lbgefanbten ber Xürfei unb 
(ämglanbS fid) bei ihren ^Reformen in Slegppten eine« etwas rafdiern SempoS bc* 
fleißigen, ©ir Srummonb SBolff unb 2Rufbtar*?ßafcba einigten fid) über einige 
tuefentlidije fünfte, unb ber erftere begab fid) nad) Sonbon, um hierüber bie Ent* 
fdjeibung beS äRinifteriumS einju^olen. 3u biefen fünften gehört bie Sitbung 
eines £ieereS oon 16000 SRann: nur terlangt ber Ertglänber cnglifdie, ber Sürfe 
türfifdje Offiziere für baffclbe. Ein zweiter ißunft, bie Slbfdjaffung ber Eonfular* 
gericbtSbarfeit, betrifft eine internationale grage, worüber eine Verftänbigung mit 
aßen europäifdjen URäcbten nötbig ift. gebenfaflS wirb inbeß ber ruffifdj*fran= 
Zöftfdje Einfluß bie Sürfei beftimmen, auf eine geftfteßung beS torläufig in ber 
gerne terbämmernben BeitpunfteS z u bringen, an welchem bie Englänber ba§ 
«Rillanb terlaffen werben, unb in bem 3ö0 e on ber englifcfjen Regierung, biefen 
geitpunft zu beftimmen, mag ein ^auptgrunb bafür gefudjt werben, baß bie 
Sürfei in ihrer URiSftimmung ben ruffifdjen SRatbfdjlägen bereitwifligeS @ebör 
fc^enft. 

gn ber bulgarifdjen grage bot bie engtifdje Regierung feit ber £orb*3Rat)or3* 
«Rebe SaliSburp’S fein weiteres £ebett§zeicE)en gegeben. Siefe Erflärungen beS 
«JSremierminifterS waren übrigens bünbig unb terftänblidj, leineSWegS biplomatifd) 
gewunben. Sie ruffifdje Ißolitif in Bulgarien Würbe rücfbottSloS oerbammt unb 
Cefterreicb=Uugarn bie llnterftüjjung SnglanbS terfproeben, wenn eS Slnlaß finben 
foßte, ficb gegen fRußlanb mit ben SBaffen in ber $anb zu wenben. 

gunäcbft befdläftigt bie englifeben Staatsmänner bie ungelöfte irifc^e grage; 
bie «Radjricbten ton Störungen- ber öffentlichen Drbnung, ton ®ufläufen, ton 
Etmploten jeber 8lrt in bem „grünen Erin" ntebren ficb oon Sag Z u Sag. £Ra<b* 
bem bie ©labftone’fcbe SReform gefebeitert, war eine erneute retolutionäre Stuf» 
regung in grlanb ficber zu erwarten. Sorb ©alisburb b°t beim auch in einer 
«Rebe im conferoatiten Slub erflärt, baß mit aßer Strenge unb Energie in Jgrlanb 
eingefeßritten werben müffe; ebe er an eine SReform ber Slgrargefefcgebung geben 
fönnc. Sie irifdjen Patrioten finb bie gefäbrlicbften SRetolutionäre; benn fie 
finb unerfeböpflieb in neuen 3Rad)inationen, wäbrenb fie auch befanntlidj in ber 
§anbbabung beS SpnamitS eine gewiffenlofe IßoofiS bewäbren. Sa bie irifeben 
«Padübeiren bie $öbe beS ißaditzinfeS nicht mehr felbft beftimmen bürfen, fonbern 
erft nach Verftänbigung mit bem ^arfjter, ber ein beftimmteS Angebot fteflt, unb 
wenn jene Verftänbigung nicht zu erzielen ift, baS @erid)t entfebeibet, bat bie 
Sanbliga Vertrauensmänner ernannt, welche in ben terfdjiebenen Sanbfcbaften im 
«Ramen ber Pächter über iperabfe&ung beS IßacbtzinfeS tcrbanbeln. Sffienn ber 
©runbbefifcer auf ihr Slngebot nicht eingebt, fo zahlt ber fßaebter überhaupt feinen 
Pachtzins, fonbern zahlt bie Summe in bie ffaffe ber Sanbliga, bie eS bafür 
übernimmt, ihn gegen jcbeS Einfdjreiten beS SanblorbS zu fdbüfcen. SaS finb 
ganz unhaltbare guftänbe, bie aflem JRedjtSgefübl ins ©efiebt fcblagen, unb bie 
Regierung fiebt ficb baher teranlaßt, gegen bie Seiter ber Vewegung gerichtlich 
einzujdjreiten. 


Serantioortlidjer JRebacteur: Dr. SHnboIf oon ©ottfdjafl in Scipjig. 
Srnd unb Verlag oon g. 91. örorftpmS in Scipzig. 


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(Suffaü Jregfag. 

©in Sichterporträt 

BOtt 

Öntft Btel. 

©uftab gregtag, beffen gegenwärtig int ©rfdjeinen begriffene „©efammelte 
SBerfe" ju einer erneuerten SBürbigung feines ©d)affenS aufforbern, gehört feit 
1844 unferer Siteratur an. Ser Slngelpunft für baS ©erftänbnifi beS SichterS 
liegt aber in einem SBerfe, baS erft 1855 erfdjien, in feinem „«Soll unb $aben", 
einem Montane, ber ebenforool einen SBenbepunft in ber @efcbid)te unferer epifchen 
©rofabicfetung bebeutet wie eine £auptftation auf bem ©ntwidelungSwegc Sregtag’S. 

Sie fiterargefcfiidjttidje Stellung wie bie nationale ©ebeutung Don „Sott unb 
$aben" fann nur im Sufammen^attge mit ber 3eit feiner ®ntfte§ung richtig 
erfaßt toerben. 

Sie „Sämonen=©ffe" ber 1848er SRebolution toar ausgebrannt. 3« unferer 
Siteratur Ratten bie oor* unb bie nai^märjticfien ©reigniffe, mie eS nid)t an« 
berS fein fonnte, ein ooflcS unb überall bernefjmbareS @d)o gewedt, unb eS ift 
djarafteriftifd), in wie gegenfäfelid)en formen fid) ber nationale ©ebante einerfeitS 
bor unb mäfjrenb ber Meoolution, anbererfeitS nad) berfelben äufjert. Sie aufftei« 
genbe SBelle ber ©ewegung würbe, intern gefühlsmäßigen ©runbdjarafter gemäß, 
bon unferer Siteratur borwiegenb Igrifcfl accompagnirt; bie niebergeljenbe prägte 
fidj, ber gefunfenen 3 e ittemperatur entfprecfjenb, in unferm ©chriftthum bor allem 
in epifchen ^teroorbringungen aus; jene jeigte eine ntefir fubjectioe, biefe eine faft 
auSfchtießlid) objectioe gärbung; bort fd)leuberten ©eorg £erwegf), gerbinanb 
greiligrath, Stöbert ©rufe, Sranj Singelftebt unb ^toffmann bon gatlerSleben ifere 
rebolutionären SKanifefte feei^fpornig in bie erregte Seit; feier reichten SBilibalb 
SllejiS unb gregtag ifere ausgereiften 3eit« unb ©ittenromane einer enttäufdjten 
unb abgemübeten Station in rußiger Haltung bar. SBilibalb SllejiS unb gregtag 
ftnb in unferer nacfemär^lic^en Siteratur recht eigentlich bie Iräger ber bamalS 
im ©olfe lebenbigen Snftincte. ®er fieberhaften Slction bon 1848 War eine 
fdjwfite Meaction gefolgt. Sie 3««« toaren niebergebrannt; aber trofe §äfd)er« 
thum unb Semagogenrietherei glomm bie ©lut noch unter ber Slfdje fort. StReßr 
unb mehr befeftigte fid) in ben ©emütfeern bie Ueberjeugung, baß bie ©ötter» 
bilber, bor benen man in ber ©lütejeit beS ©unbeStagSregimentS baS ©nie 
Un|ne Seit. 1887. I. 10 


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Unferc ^eit. 


W6 

gebeugt unb metcße bie Bewegung bon 1848 (oum ju erfcßüttern bermocßt hatte, 
übet futj ober lang bocß einmal bon ißren Altären ßerabgeftürzt, baß jumal in 
Staat unb Sirene neue Sahnen erfcßloffen Werben müßten. SRübe war man biefer 
in ber äußern ©olitil impotenten, naeß innen hin reactionären unb einßeitsfeinb* 
licken Kleinftaaterei, mübe biefer mit ©otijeiftaat unb Stomantif tiebäugelnben 
Ortßobojie, herzlich mübe ber gefammten 3«t mit ißrer innern Unfreiheit unb 
Ohnmacßt unb ihrem |}^rafen^aften KoSmopotitiSmuS. SBan berbanunte ben 
„unflaren, baterlanbSlofen SbeatiSmuS" beS „jungen ©eutfcßlanb" unb fteflte 
bie oon ihm beliebte irreleitenbe ©roclamation eines utopifeßen SBettbürgertßumS 
at§ bie eigentliche Quelle beS SRiSerfotgS ber 1848er ©ewegung hin- ®ie Station 
fuchte, wie im Seben fo auch in ber Siteratur, Sammlung nach ber ©rfcßütterung, 
Aufrichtung nach ber Stieberlage, Kräftigung beS ftaatUchen SewußtfeinS im 
©ürgerthum nach bem politifchen ©anfrott ebenbiefeS ©ürgertßumS. 

©en alfo SDiiSOergnügten, in benen aßen ber nationale ®ebanfe lebhaft mar, fam 
baS ©rogramm greßtag’S unb SBilibalb AtejiS’ oerftänbnißooß entgegen; war eS 
boch im ©runbe auS nichts anbetm herborgegangen als aus ber Stimmung eben* 
biefer SJtiSoergnügten; tönten boch a “ 8 *>en Schriften biefer beiben literarifchen 
Sprecher ber ßeit Oor aflem jene ^auptforberungen bon 1848 bernehmtich genug 
heraus, jene zwei $auptforberungen, bie in ber launifchen ßotterie ber Seit jmar 
nicht als Treffer auSgefpielt, Wohl aber in bet ßoffenben Seele beS ©olfeS noch 
nicht ad acta gelegt worben; benn WaS bie ©emütßer bamalS in ©ärung brachte, 
war bor aßem bie teibenfeßaftlicße Sehnfucßt nach politifeßer greißeit unb natio* 
naler Sinigung jugteieß mit bem elementaren Triebe unb ©ränge nach toirtß* 
fcßaftlicßer unb gefeflfchaftlicher Steform. ©otitifeße Freiheit unb mirthfehafttieße 
Steform war bie Sofung. ©olitifcß nun gelangt ber nationale ©ebanle in ben 
bon einem träftigen patriotifeßen ©eßalte gefättigten Stomanen beS genialen litera* 
rifeßen ©efcßicßtSmalerS SBilibalb AlejiS, „Stuße ift bie erfte Sürgerpflicßt" (1852) 
unb „Sfegrimm" (1854), ju großartiger Ausprägung; mirtßfchaftlicß finbet er in 
greßtag’S „Soß unb £>aben" einen naßeju claffifcßen AuSbrud. ©tßifdj betrautet 
aber bebeuten biefe brei Stomane bie f$lucßt unferet ©ießtung aus ber SBelt ber 
Zertrümmerten politifcßen 3ben(e unb focialen ©räume auf ben feften ©oben ber 
concreten ©ßatfaeßen einer jerllüfteten S«it, bie an ©elbftoertrauen arm, barum 
aber ber Aufrichtung unb ©rßebung bureß ißre geiftigen güßrer um fo bebürf* 
tiger mar. 

®ie Aufricßtung unb ©rßebung ber Seit ift bie auSgefprocßene Abficßt bon 
„Soß unb §aben", einem ©oltSbucße im eminenteften Sinne beS SBorteS. ®aS 
1854 gefeßriebene unb, wie gefagt, im näcßften Soß« erfeßienene ©ueß warb bem 
$erjoge bon ®oburg»©otßa gewibmet, inbem fein ©rfeßeinen mit bem Hinweis 
barauf begrünbet würbe, ber fperjog ßabe eS als bie ©fließt ber heutigen ©ießtung 
bezeichnet, baS ©olf in feiner SJiutßlofigfeit aufjurießten unb ißm „einen Spiegel 
feiner ©üeßtigfeit oorzußalten"; ber ©erfaffer, fo führt bie SBibmung auS, woße 
nun berfueßen, biefe Aufgabe ju löfen unb babei „bie Umriffe feiner ©ilber rein 
ju halten bon ©erjerrung unb feine Seele frei bon Ungerecßtigfeit". ®aS treff» 
ließe SBerf, baS bie Anlehnung an ben reatiftifeßen Stoman ber engtifeßen $umo* 


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<Buftot> ^rcytag. ^7 

riften nicht öerlennen täfjt, ^at gehalten, WaS eS öerfprochen. (SS ift ber ©efaljr 
gliitfltc^ auSgeWichen, welche ber Dichter felbft als eine broljenbe bezeichnet, ber 
®efaf)r, „an bie ©teile einer bicljterifchen Sbee bie praftifdje lenbenj" ju fe|en 
unb „ftatt freier Saune" bloS eine „unfdjöne äRifchung oon plumper SBirflidjleit 
unb gelünftelter (Empfinbung" ju geben. (ES fteht bietmehr in treuer Auslegung 
beutfdjen Sebent unb beutfdjer Düchtigfeit bisher unerreicht ba. 

greptag, ber beim (Erfcheinen non „Soll unb Ipaben" im 39. SebenSjapre 
flanb, blicfte bamalS bereits auf eine Steife früher veröffentlichter SBerfe jurücf, 
welche ich mit borbehalte, im Saufe biefer SBürbigung eingehenb }U beleuchten. 
(Sin an (Erfahrungen unb ©tubien reicher SebenSmeg lag fdjon um jene Seit 
hinter unferm dichter. Suerft bie Sinbljeit in feiner Vaterftabt Sreujburg in 
©Rieften — er mar bafetbft am 13. 3fuli 1816 als ©ohn eines praftifchen Arztes 
unb nachmaligen VürgermeifterS geboren worben —, fobann feine ©chuljahre auf 
bem ©pmnafium ju DelS (1829—35) unb feine ©tubienjcit in Vreötau (1835 
—36) unb (Berlin (1836—39), barauf eine achtjährige Dljätigfeit als (ßrit>at= 
bocent ber beutfchen Sprache unb Siteratur ju VreSlau (1839—47), unb enblich 
nach turjem Aufenthalt in DreSben fein journaliftifcheS SBirlen ju Seipjig — 
baS waren bie Stationen, bie fein Seben bis baljin burchtaufen hotte. 

gür baS Verftänbnifj ber bichterifchen Schöpfungen gretjtag’S bietet ber Abfdjnitt 
feines SebenS bis zur Veröffentlichung bon „©oll unb haben" manches nicht un* 
wichtige Moment, unb bie autobiographifchen SDtittheilungen beS Dichters, welche 
unter bem Xitel „(Erinnerungen aus meinem Seben" bie oben erwähnte Ausgabe 
feiner „(Eefammelten SBerfc" (22 Vbe.) einleiten, hüben natürlich bie autljentifchfte 
Unterlage für eine jufünftige (Biographie unferS (ßoeten. Seine 3'*ge enthalten 
gleich bie erften Abfchnitte ber „(Erinnerungen"; fie bchanbetn bie Vorfahren ber 
heutigen gamilie greptag unb unferS Dichters ffinbljeit in Sreujburg. (Es ift in 
ben ©runblinien eine auS ber gerichtlichen Vergangenheit bet gamilie wie ber 
(ßrobinz genetifch IjerauSentroicfette unb fubtil auf ben localen hintergrunb gejeich^ 
nete fleinftäbtifche gbpHe, bie uns hier borgefüprt wirb, unb namentlich für bie 
fdüefifchen Verhältniffe jener Seit Werben bebeutfame (Einzelheiten berichtet; auS 
ben ©chul*, ben ©tubenten», befonberS aber ben brcSlauer Docentenjahren erfahren 
wir fobann in ben folgenben Kapiteln oiel beS @h ara ^eriftifchen unb Sntereffanten; 
hier ift eS namentlich bie zweite breSlauer (ßeriobe, welche burdj bie mannigfachen 
(Einbrücfe, bie ber junge (Kann bamalS empfing, in baS Sicht einer bauernben 
Vebeutung für greptag'S Seben tritt, ©ein freunbfchaftlicheS Verhältnis Z“ ber 
angefehenen ftaufmannSfamilie SMoIinari, mit welcher er einen regen Verlehr 
unterhielt; feine häufigen (Berührungen mit ber gemütvollen fchtefifchen Dichterin 
AgneS granz, bie eine Seit lang feine $au£genoffin war, feine nahen Veziehungen 
ZU #offmann Oon gallerSleben, ber bamalS ber Unioerfität als Docent angehörte, 
unb öor allem bie oertracten, flcinlichen Verhältniffe an ber Alma mater, welche 
ihn fchliejjlich zwangen, fein (ßrioatbocententhum aufzugeben: all bieS fchilbern 
bie „(Erinnerungen" mit reizootler Unbefangenheit unb feinem Daft, unb bie 
mannichfachen (Berichte über 3“9enbar6eiten, über literarifdje, alabemifche unb 
gefeflfdjafttiche Snftänbe jener Seiten geben bie SBürze bazu. Von befonberm 

10 * 


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Unfere «geit. 


gntereffe unb großem Gelang für bie ©ilbung«gefdjichte grehtag’« aber ftnb bie 
äRittljeilungen über feine in Sre«Iau beginnenben unb fidj bon ba ab burdj fein 
ganje« Seben jiefjenben eingeljenben Stubien über ba« Sweater, über beffen innere 
unb äußere Dechnif unb bie praftifchen gineffen ber ©üljnenroelt. Die eminente 
©abe grehtag'«, Situationen unb Socate, 3eitconfteüationen unb allgemeine 3“* 
ftänbe mit menigen 3ügen ju jeidjnen unb äRenfchen unb Dinge (urj ju djaraf* 
teriftren, finbet in biefen autobiograpßiftßen Scßilberungen eine neue, glänjenbe 
©eurfuubung. Die« gilt auch befonber« bon bem fßaffu«, ber bie reoolutionären 
©reigniffe bon 1848 beleuchtet, bie unfer dichter in Seipjig miterlebte, einem 
fßaffu«, ber ihm ju einer fdjarfen unb feljr jutreffenben Äritif ber potitifchen 
©ereine in Sachfen ffierantaffung gibt. So biet an biefer Stelle einfttoeilen über 
bie „Erinnerungen au« meinem Seben"! 

SKit grehtag’« Ueberfiebelung in bie fßleißenftabt beginnt bie fßeriobe feine« 
journaliftifchen SBirten«. 

gn bem bamal« geiftig ungemein regen Seipjig hatte er nach ggnaj ßuranba’« 
gortgang bie fRebaction ber bon biefem gegrünbeten „©renjboten" gemeinfam mit 
gulian Schmibt übernommen unb, materiell unabhängig, mie er mar, mit bem 
greunbe jufammen ba« Statt täuflich ermorben. grehtag’« rebactioneüe unb 
iournaliftifdje Xljätigfeit bilbet in ber Schute feine« ©eifte« einen michtigen gactor, 
unb fie ooriiehmtich ift e«, bie ihm bie ©reite unb liefe be« Seben« erfchtoß unb 
ihn ju einem potitifchen ©haraftcr feftete unb ftählte. 

Die „©renjboten" nahmen unter ber rührigen neuen SRebactiou einen unge¬ 
ahnten Stuffchroung; potitifch oertraten fie mit Energie unb ©infidjt bie gbee ber 
preußifchen gührerfchaft in Deutfchlanb; titerarifch machten fie im ©egenfafc ju 
ber einfeitigen Serherrlidjung gung=Defterreid)3, melche fiüraitba at« feine $aupt* 
auf gäbe betrachtete, oon jejjt ab in eutfchiebener SEBeife ©ropaganba für jene ge- 
funbe fRidjtung, melche nach bem Sorte gulian Schmibt’«, ba« auch ba« SRotto 
ju „Sott unb Stäben“ bilbet, ba« Sßotf „ba auffucht, too c« in feiner Düchtigfeit 
ju finben ift, nämlich bei feiner Strbeit". üßit fRadjbrucf unb Scharffinn miefen 
bie „©renjboten" auf bie ©efaljren h>"/ bie in ber einfeitigen fßflege ibea» 
liftifcßer ©eftrebungen liegen, mie fie einerfeit« in ben nebelhaften ^ßh an taften ber 
SRomantiler unb ihrer bamal« noch in ungebrochener Schlachtlinie aufmarfdjirenben 
fRadjtreter, anbererfeit« in bem leibenfchaftlicheu 9tabicali«mu« unb ben gemagten 
fReforniibeen be« „gungen Deutfchlanb" ju Sage traten. ÜRamentlidj gegen bie 
©orfämpfer ber le^tern, melche fich befonber« in ©uftao ®ühne’ö „Europa“ tum* 
melten, eröffneten bie „©renjboten" eine fcharfe fßolemif, melche ihre SRebacteure 
mit allen URittelu einer umfaffenben ©ilbung, mit ftreitbarer ßernhaftigfeit unb 
bon hohen etlichen ©cficht«puntten au« in Scene festen, mie benn bie Sentenj 
gulian Schmibt’« au« beffen „©efchichte ber SRomantif": „91ur burch Ueberroin* 
bung aller gllufionen lann bie ©ernunft ihre SDtadjt bethätigen", fehr roohl al« 
bie Debife ber grehtag*Schmibt’fchen journaliftifchen ©eftrebungen gelten fann. Die 
pofitioen gorberungen aber, melche bie „©renjboten" an bie moberne Dichtung unb 
bie 3eit überhaupt fteüten, gipfelten bemgemäß in bem Safce, baß neben ba« oon 
ben iRomantifern unb bejiehung«meife bon ben „gungbeutfchen" betonte gbeal 


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(Suftap ,freytag. 


W9 

bet Schönheit mit aller ©ntfchiebenljeit ba§ bet Sitttidjleit in feine Siebte ein* 
jufefcen, baß ferner bie ßöfung ber materiellen Aufgaben ber 3eit not berjenigen 
ber ibeetlen auf bie gafjne beS XageS }u fdjreiben fei unb baß enblidj bie S>idj* 
tung ins SolfSteben einjuleljren ^abe, um fo baS Soll in feiner liefe ju ergreifen, 
all bieS unter ber Ülegibe eines nach außen unb innen ooranleudjtettben unb fü§= 
renben, für Seutfchlanb machtbotl eintretenben SreußenS — Sortierungen alfo, 
welche ber SBecterentroidelung beS nationalen ßebenS fefte ©runblinien borjeich» 
neten unb intern SEBefert nach auch bie leitenben ©ebanfen ber heutigen beutfchen 
ßiteratur geworben finb. 

3dj habe biefen Süd auf bie joumaliftifdje ^fitigfeit Sretjtag’S geworfen, 
um burch ©tfdjüeßung ber praftifchen, auf bie politifchen unb focialen Sebütfniffe 
ber 3cit gerichteten gntentionen unferS SichterS feinem „Soll unb fabelt" bie 
nötige SafiS beS SerftänbniffeS jti unterbreiten. greljtag ift in feinem bebeut* 
farnen Ütoman bet bichterifche Solmetfcher unb begcifterte Anwalt unferS gebil* 
beten ERittelftanbeS, ber berufene Stimmführer unb Serfechter beS beutfchen 
ßiberaliSmuS, aber auch ber fcharffichtige ffritifer unb Strjt feines SolfeS, ber 
refoütte unb rüdfichtslofe Xabler unb Serächter unferer nationalen Schwächen unb 
Sünben; er ift in feinem „Soll unb §aben" ber Schiiberer beS beutfchen SürgertljumS 
xa-c’ e^ox^'v. griebridj ffrehßig, beffen Seurtheilung ber beiben erften grehtag’fchen 
Stomane ich fo jiemlich in allen ©runbjügen beiftimme, fagt gelegentlich ber Se* 
fptedjung öon „Soll unb ftaben" in feinen „Sorlefungen über ben beutfchen 
Sioman ber ©egenwort": „Unfer Sürgerthum ift ber Präger jener uniberfellen, 
auSgleichenben, rein menfchüchcn Silbung, in welcher bie Straft ber Steujeit 
wurzelt, wie bie beS äJtittelalterS in ber berfefteten Staturgewalt ber (Korporation, 
aller gortfchritt ift feine Aufgabe unb fein SBert. Sie ©oncurrenj, ber freie 
Sßettftreit ber Kräfte ift feine Seele; nicht Seftjjen ift feine greube, fonbern @r* 
werben, Schaffen; nicht UeberlieferteS wiffen unb bewahren will er, fonbern 
erforfchen, entbeden, bas ©ebiet beS ©rfennenS erweitern. 3« freier, treuer 
©enoffenfchaft läutert fid) im Sürgerthum ber StanbeSinftinct beS Säuern, ber 
StanbeSgeift beS ©belmannS. Sa$ germanifche Sürgerthum infonberheit trägt 
ben ff ran j aller ©üte, Süchtigfeit, ©röße. gm 16. gahrfjunbert erzeugte eS 
Suther unb Shaffpeare, im 17. ^ielt eS Seutfchlanb geiftig am fieben, im 18. 
fchuf eS unfere Sichtung unb unfere SBiffenfchaft, im 19. unfere gnbuftrie unb 
bie ©runblagen unferS beginnenben SBohlftanbeS. Unb jefct ift eS babei, unfere 
Freiheit ju grünben." 

SiefeS Sürgerthum ber beginnenben greißeit nun jeichnet unS greijtag in 
feinem „Soll unb £>aben"; er jeichnet unS ben beutfchen SJtann beS SJtittelftanbeS, 
beffen Silb {ich bor allem jnfammenfefct aus ftarfem UnabhängigfeitSgefühl unb 
tüchtigem Sinn für Selbftänbigfeit, aus beharrlichem gleiß unb gefunber SlrbeitS* 
liebe, aus lauterer (SEirlic^Feit unb großer geinfüljligfeit für Stecht unb ©Ifre, ans 
ernftem £>ang ju häuslichem ßeben unb harmtofer Steigung ju fpumor unb Scßerj, 
aber leiber auch auS ffleinüchteit unb Splitterrichterei, aus Starrfinn unb Sünfel* 
haftigfeit, aus Sölpelei unb Ungewanbtheit im öffentlichen ßeben. @S ift ein 


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150 


Unfere §eit. 


nafieju erfchöpfeubeö 93ilb, baS greptag unS in feinem Vornan bon unferm un= 
abhängigen ©ürgerthum entwirft, Don einem Ruhmes« unb ©hrenftanbe, ber, aus 
bem Stampfe mit ber ©ntfagung Ijtttwrgegangen, in ber Slrbeit feine Ijöd)fte 81uf= 
gäbe erblicft unb im ©efüljle feines SSertbjeä fich getroft unb ftolz neben jeben 
anbern ©tanb ftetlen barf — trop feiner Schwäche unb SRängel. 

greptag’S „Soll unb £aben", beffen $anblung befanntlich in ©reSlau bor fiep 
geht, eröffnet unS bielfache SluSblicfe in bie 3eit, fo befonberS auf bie frafauer 
Vorgänge bon 1846 unb bie pofener Rebotte bon 1848, unb legt un$ ben 
©influjj beibet ©reigniffe auf ben fchlefifchen ^anbet feffelnb bar; eS fehrt ein 
in baS beutfche £>auS, in baS ©omptoir, in bie SEßerfftätte, in ben Sramtaben 
unb fchitbert unS in burchweg gegenftänblicher SarfteHungS Weife baS ©ürgerthum, 
Zumal ben SaufmannSftanb, als einen ber £>auptpfeiler unferer ©efeüfdjaft unb 
unferS ftaattichen SebenS. 

Sie erfte Anregung ju feinem Vornan, wenigflenS foweit eS fi<h um ©tim« 
mung unb Kolorit fjanbelt, empfing greptag in feiner ©tubentenjeit in bem fcpon 
oben erwähnten SRolinari’fchen £>aufe ju ©reSlau. „SaS atte ißatricierhauS bot ber 
ißhontafie gute SInregungen", fagt er fclbft in feinen „©rinnerungen aus meinem 
Sehen“.*) Stuf ben biiftern ©ängen unb £>öfen beS a(ten ^anbelSpaufeS in ber 
SllbrecptSftrahe Wehte eS ihn juerft an wie apnenbeS ©erftänbnih für bie ©e« 
beutung unb ben äBertp beS beutfchen $anbelS, unb ich benfe, jumeift bon 
bort hotte er fidj neben ben Slufjenbingen auch baS innere Rüftzeug ju 
feinem Roman. SCRit boHenbeter Sunft ber ©ontraftirung fteHt ber Sichter in 
„Soll unb $aben" ben beutfchen Saufmann in feiner auSbauernben, anfprucpS« 
tofen Arbeit einerfeitS bem begüterten Slbel gegenüber, ber, burch ißribilegien unb 
gefettfcpaftliche ©orurihcile gefcpüfct, ein arbeitSlofeS ©enufjleben führt; anberer« 
fcitS aber rücft er ihn in ein fcharf gegenfäpIicpeS Sicht gegenüber bem faufmän« 
nifchen ^Proletarier« uub ©chmaroperthum, gegenüber jenen Srämern unb ©chacpe« 
rern, bie lieber gaunern unb fteplen als ehrlich fcpaffen unb arbeiten. 

Sie ©haraftere in „©oll unb fabelt" finb burchweg mit feften güjjen auf 
ben SWutterboben ihres SntereffenfreifeS geftellt unb wachfen ungezwungen unb 
natürlich aus ihm empor, wenngleich ber Sichter in ber Zeichnung unb ©rup« 
pirung berfelben bon einer mitunter ftar! ans SRaliciöfe ftreifenben Senbenj nicht 
freijufprechen ift. Slber wo ift ein aus ber Siefe feiner etlichen iPerfönlicpfeit 
herauSfcpaffenber Sichter, ber nicht zugleich unwiHfürlidj bie Schlaglichter feiner 
fubjectibcn Ueberzeugungen in Siebe unb £>af? auf feine objectiben ©ebilbe würfe? 
©erabe in biefen fubjectioen Sichtern liegt bielfach & er Reiz beS Sichterifchen. 
Seine Sichtung ohne Senbenz, wofern fie bie ßeit am ©ewiffen pacfen Will, unb 
baS foH im ©runbe alle Sichtung. ®S fommt babei nur auf zweierlei an: bah 
bie Senbenz fith» auf grofje unb eble menfch^eitlic^e 3iclc richtet unb bah bie 
gorm, in ber fie fidj gibt, bie ©renzen beS Sünftlerifch«@chönen nicht überfdjreitet. 
©S barf fom’it ohne befonbere Rechtfertigung zugegeben werben, bah bie ©haraftere 


*) SSfll. hierüber auch Eoitrab StlBerti’S berbienfföoHeS geftblatt zum 13. guli 1886: 
„föuflao greptag" (ficipzig, Sbroin ©djtoemp), ©.11. 


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(Suftao ,frcytag. 


H 

in „Sott unb $aben" auSgefprodjen tenbenziöS finb. Spielt biefe Senbenj ober 
nicht inS Unwahre unb Ungerechte hinüber — gut, taffen Wir fte gelten! 
greilicß, ich »erbe gleich Gelegenheit haben, auf eine Ueberfchreitung biefer 
@ren$e in „Sott unb £>aben" nach jwei Seiten hin rügenb ßinzuweifen. 

@S ift ferner wahr, ber $elb beS SlomanS, Sintern SBoßlfaßrt, ift eine einiget* 
maßen fcßwäcßlicße gigur; er tritt in feiner blaffen Unbebeutenbheit aDju feßr 
jurflef hinter ben äbrigen $auptträgem ber ^janblung unb Wirb bodenbS erbrüeft 
burch baS iibetwiegenbe Sntereffe, welches ber flotte $err ginf einflößt, biefer 
ZWifcßen anmuthiger Seichtfertigfeit unb brüsfem SBefen, jwifchen arifWfratifdjer 
Steferbirtßeit unb jobiater SiebenSwürbigfeit hin* unb ßerfdjwantenbe amerifanifche 
Sanbp unb ÄaufmamtSfoßn. Slber eben biefer ginf ift hoch eine prächtige ©eftalt. 
Unb wie reijDod unb lebenswahr bie iibetwiegenbe Saßl ber übrigen Straffere! 
2)a ift pnächft ber tugenb* unb gewiffenhafte Sßef beS im SDiittelpunft ber Slction 
ftehenben §anbelSßaufeS Z. 0. Scßrötter. SKan glaubt ihn greifen, ihn am SRocf= 
ärmel fefthalten ju fönnen, biefen fteifteinenen $errn, biefen Inbegriff ber tauf* 
männifihen ©ßre au $ ben lagen unferer Slettern unb ©roßättern, ftreng eingehegt 
in bie engen Scßranfen beS täglichen ©efcßäftSlebenS, innerhalb berfelben human, 
intelligent, oofl ftoljer Sieberfeit, pflichtgetreu bis jur Slengftlichfeit, außerhalb 
berfelben aber furzfießtig, befangen unb ungerecht bis zur Unbutbfamfeit. Sa ift 
fobann unter biefem $errn Gßef bie ganze Steiße ber Sebienfteten ber girrna, 
biefer biebere unb bigote Saumann, beffen gbeal eS ift, als SJtiffionar bie Ur* 
einWoßner SubaftifaS ju befeßren, biefer ängftlicß genaue Sucßßatter Siebolb, ber 
nie mit einer herzhaften üJteinung ßerauSrücft, biefer £>err Specßt, ber im ©egen* 
faß ju jenem fieß ju ben unmöglicßften SJtutßmaßungen berfteigt; ba ftnb alle bie 
ßöcßft „gebilbeten" anbern Herren SommiS unb Seßrlinge bis ßinab ju bem finger* 
fertigen Sif, bem Scßreibefünftler mit bem feßmarjen ipinfet, bem Siebermann, 
ber mit biefem feßweineborftenen ^anbwerfSgerätß unermübtieß feine abenteuer* 
ließen Settern unb Signaturen auf bie SSaarenbaHen ber girma Z. 0. Scßrötter 
malt; fie alle aber überragt fowol an Sörperlänge wie an innerm Siefwertß ber 
finblicß recßtfcßaffene £>üne mit ben plumpen ©liebem unb bem weießen ©emütß, 
Sturm, bet gute Sturm, biefer ebelfte aller Stuflaber, bie jemals auf ben Speichern 
unb Sagerräumen, an ben StoQwagen unb 33aarenfarren eines ÄaufmannSßaufeS 
mit ben feßmeren Satten unb Sonnen hantiert haben — nur feßabe, baß greptag 
bei ßeiißnung biefer üom eeßteften #umor burcßalßmeten gigur fcßließlicß um 
einige Sinien bie ©renje überfeßreitet, welche ben reinen Junior bon ber Saricatur 
trennt! Sturm, neben bem als ein wirfungöboder Sontraft ber öon ißrn fo 
rüßrenb geliebte, nafeweife „3werg", ber „Siliputer", fein Soßn Jfarl fteßt, unfer 
Stuflaber ift gegen baS ©nbe beS SRomanS ßin (eiber einigermaßen inS SJtanierirtc 
bezeichnet. 

Siefer #üne ift nießt bie einzige gigur in „Sott unb $aben", bie bom warmen 
Sonnenlicht beS #umorS übergoffen ift, aber er ift fidjerlicß troß ber Serzeicß* 
nung, bie er fieß gefallen laffen mußte, nach biefer Seite ßin bie glütflicßfte 
©eftalt beS StomanS. £>umor, leucßtenber, golbiger ©lanz aus ber Siefe beS 
©emütßeS, liegt über bie ganze Sichtung auSgeftraßlt unb ift biedeießt ißre liebenS* 


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\52 


Unfetc 


Würbigfte ©eite, gint trögt ihn, bet bei iljm oft mit leichtem ©arlaSmu« tegirt 
ift, auf feinen übermütigen Sippen; Sabinen ladjt er nicht feiten au« ben klugen, 
unb hier hat er etwa« oon fanfter ©Reimerei; bic „gebilbeten" Herren ©ommis 
haben ihn, freilich in weniger feiner ©orte, reichlich auf Saget, unb — wer 
nennt bie ©eenen, wer jötjlt bie Situationen? — überall ift er in unferm Vornan 
gegenwärtig; überall bli|t er burdj, unb fei eS nur in einer flüchtigen SBenbung, 
im buftigen fauche ber Sprache, in Stimmung unb Solorit. 

3<h habe oben hetoorgehoben, mit Wie feiner Sunft ber ©tuppirung greptag 
eS Oerftanben, ben IRepräfentanten ber laufmännifchen ©olibität einerfeit« üppen 
be« genußlebigen Slbel«, anbererfeit« eine SReipe parafitifcher ©jriftenjen au« ber 
laufmännifchen SebenSfppäre felbft gegenüberjuftetlen. 2Ba« junächft biefe ledern 
betrifft, fo haben wir eS auSfcpließlicb mit jübifdjen Übertretern be« §anbel«ftanbe« 
ju thun, unb hier lomme ich auf bie foeben berührte gälfdjung ber Wahrheit 
unb tenbenjiöfe Ungeredjtigfeit in ber SBahl ber £ppen ju fprechen, welcher 
greptag fich fchulbig gemacht. 

©3 ift eine ganje $anb ooü jübifdjer pppfiognomien, bie er mit ledern ©riff 
in bie $anblung hineinwirft: fo ben bureptriebenen Sßeitel Bfcig au« ©orau, ber, 
eine oerlotterte ©jiftenj, mit fchlechtem, aber ruhigem ©ewiffen nach PreSlau lommt, 
„um ju werben ein großer unb ein reicher ÜJlann, wie man es lann lernen in 
bie Papiere", fo Söbefl Pintu«, einer „bon unfere Seut’", Wie er lebenswahrer 
unb portrötähnlicher nicht gefunben werben lann; fo ©chtneie Xinlele«, eine frifch 
erfunbene ©eftalt, braftifch unb originell, fo ber alte ©hrenthal mit bem Keinen 
Somptoir unb ber großen „Prieftafcpe"; fo enblicp ber fentimentale Sernparb 
ffiljrenthal — jweifelto« in #umor unb ©rnft eine ftattliche golge oon tünftterifd) 
fein gruppirten unb wirlung«ooH contraftirten ©eftalten, bie in ber großen Sauber* 
feit unb piaftil ihrer 3eid) nun 8 in unferer Siteratur nicht oiet ihresgleichen 
haben; allein in ihrer offenbar tenbenjiöfen Perwenbung al« Sehrfeite ber 
URebaiQe, in ihrer abficptsootl ifolirten ^inftetlung al« Iräger ber fchlimmen 
©eiten be« SaufmannSftanbe« machen fie einen Oerlepenben ©htbrud; ber dichter 
hat fie ohne Sweifel al« Vertreter be« gefammten jübifchen ©tamme« auSfpiclen 
wollen, unb ba« läuft auf eine einfeitige Parteinahme gegen ba« Bubentljum 
hinaus, bie ber fonftigen Dbjectioität ber greptag’fdjen SUlufe fcplecht ju ©eficht 
fteht unb bei allen @<hattenfeiten be« jübifchen ©harafter« hoch fehr weit üon ber 
SBahrheit entfernt bleibt. 3<h t»itt h‘ er nicht fprechen oon ber ehrenooüen ©tel* 
lung be« Babenthum« im mobernen Sulturftaate, oon ber regen Slntheilnaljme 
ber Buben an Sunft unb SBiffenfdjaft be« ^ahrhunbert« wie am öffentlichen Seben 
®eutfchlanb« — ich will nur einfach auf ben HJtangel an Humanität hinweifen, ber 
fich * n biefem fummarifchen PerbammungSurtheil über eine ganje SRaffe tunbgibt. 

Unb wie bie femitifche, fo lommt auch bie flawifche fRaffe in „Soll unb #aben" 
fehlest weg. 9Rit berfelben ©infeitigleit Wie ba« Bubenthum wirb ber polnifdje 
3tufftanb behanbelt; benn bie gewalttätige Unterbrüdung Polen« wirb mit oööiger 
SBiWür al« eine naturnothwenbige gotge au« bem fittlichen Buftanbe be« Polen* 
oolleS hergeleitct. SBaren Buben unb Polen bisher oielfacp in unferer Siteratur 
oerherrlicßt worben, würben erftere in Seffing’S „üRatfjan ber SBeife" unb fpäter 


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(ßuftap ^reytag. 


\53 


in unfern ©alon» unb ©mancipationSromanen oft überfc&tnengtic^ gefeiert, unb 
fanben teuere in ben Siebern eines ©laten, eines £>erroegh, eines 93e<f unb Senau 
entpufiaftifcpe Serperrticpungen, fo fehen wir fie bei greptag opne tiefer greifenbe 
ÜDiotibirung p beftructiben ©lementen ber ©efeöfcpaft geftempelt, bie 3uben p 
Auswürflingen, bie ringsum ihre moralifcpen ©erwüftungen anricpten, bie ©ölen 
p fcputbooll gefallenen Sögtingen ber ©efcpicpte, über welche baS SRab beS ßultur» 
gangeS wie eine geregte SlemefiS hinweggeht. Söeibe Auffaffungen finb minbeftenS 
einfeitig, unb Was bie ©ölen betrifft, fo War ber allgemeine (SntpufiaSmuS für 
fie fielet mehr atS eine blofje „Utobefranfpeit beS SiberaliSmuS", atS welche 
greptag fie in feiner Autobiographie pinpftetlen beliebt. Das finb bie beiben 
Ausbreitungen ber Denbenj, oon benen ich oben fpradj. 

Sticht oiet beffer als 3nben unb ©ölen fährt in „Soll unb $aben" bie 
Ariftofratie. Aber hier hat bie Denbenj ihre bolle Berechtigung. Die gamilie oon 
JRotpfattel repräfentirt in „Soll unb $aben" ben Abel. @S ift bewunbernSwerth, 
mit welker Äenntnifc ber einfchlagenben ©erpältniffe greptag bie berrotteten 3u» 
ftänbe eines DpeileS beS oerarmten unb berprtelten, entfitttichten unb entnerOten unb 
babei innerlich poplen beutfehen Abels bon bamalS uns in biefen Sippen auS bem 
©efcplecpte berer oon SRotpfattel fdjilbert. Der Freiherr ift eine mit ben SBurjeln 
auS biefer franfen focialen ©obenfepiept perauSgepobene ©eftalt, unb ein gut ©tüd 
non biefem ©oben felbft bleibt an ben SBurjeln hängen, fobafj mir bie ganje 3Belt, 
ber er entnommen, leibhaftig bor uns fehen. 

ÜKit grofjent fünftlerifcpen ©efehief ftellt ber dichter in- ber Anorbnung ber 
focialen ©ruppen feines StomanS uns ein breigetpeilteS fpmmetrifcpeS ©ilb bar: 
hier baS habfüchtige faufmännifche, bort baS genufjfücptige ariftofratifepe ©cpminbter» 
unb ©aunerthum als negatibe ©lemente, jmifepen beiben aber ber gefunbe, recht» 
fepaffene ©tittelftanb als pofitioer gactor in bem uns borgeführten ©efeüfcpafts* 
Organismus! £ier baS ©erbrechen, bort bie Dporpeit — in ber SKitte aber bie 
unbeirrte ©eeptfepaffenheit! £>eH unb flar ruft biefe ihr freubigeS „34 arbeite!" 
in bie ÜBelt hinaus, aber ihr p ©eiten tönt eS anberS, hi« baS plebejifch ber» 
lumpte unb faule: „3$ will nicht arbeiten!", bort baS bornehm prätentiöfe unb 
nicht minber faule: „34 brauche nicht p arbeiten!" Unb Wie fein wei§ greptag 
feine ©rüden p fcplagen oon einer ©ruppe pr anbern hinüber! SBie fein, abgefehen 
bon ber $anb(ung, fepon in ben blojjen ßparafteren! 3*oifchen bem Bürger» unb 
bem AbetSftanbe ftept bermittelnb ber ariftofratifepe SaufmannSjüngling ginf, 
jwifepen ben beiben $anbelspäufern, bem cpriftlicpen unb bem jübifepen, ber nur 
palb im 3ubentpum wurjelnbe ©erntjarb ©prentpal. 

liefet ©arafleliSmuS — nicht genug, ba{j er ftep in ber cortefponbirenbeti 
Stellung ber brei focialen ©ruppen einbrudSbbtl aitSprägt — er wirb bom Dichter 
auep a «f bie einjelnen ©eftalten innerhalb biefer ©ruppen auSgebepnt. Der etwas 
nüchterne Anton forbert in bem fein abwägenben gormgewiffen greptag’S als 
©egenbilb einen cpeoalereSfen ginf, ber biebere ©eprötter einen faloppen 9?otp» 
fattel, bie beutfcp=bürgerliche ©abine eine orientalifcp 5 pifante Stofalie u. f. w. bis 
in bie Siegion ber ©tatiften beS SRomanS hinein; benn auch ©ij, ber praftifepe 
„Dprann" mit bem ©infei, unb ©peept, ber ftep immer in ben gewagteften ©e* 


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Uttferc ,geit. 




bauptungen gefällt, finb foldje ©egenfäfce, Wie nic^t miitber ©türm unb fein ©o^n 
fiarl. Stile biefe ©eftalten aber Werben in ihrer äftbetifcb Wie ettjifdj geforberten 
©egenbilbtiebfeit effect« unb bebeutungSbolt in eine bewegte £anblung gefteHt, bie 
fieß auf bem #intergrunbe jene« fiampfeS jwifeßen beutfe^er unb flawifcßer Stoffe 
unb Sitte bewegt, ber ein befonberS lehrreiches fiapitel unferer nationalen @e* 
feßiebte bitbet. 

Sn ber Strt enblidj, wie ber Sichter ben Sonflict jwifeßen ben brei focialen 
gactoren beS StomanS löft, liegt eine eminent etßifcbe golgericßtigfeit, eine zugleich 
erfeßütternbe unb berfößnenbe Sragif: baS jübifeße wie baS abelige $auS, weil fie 
auf morfeßen fittlidjen ©runbtagen aufgebaut, brechen in ftch jufammen unb be* 
graben ihre Snfaffen erbarmungslos unter ißren Krümmern — nur baS fotibe 
funbamentirte ©ürgerßauS trofct allen ©türmen, unb feine ©ewoßner leben einer 
gtürf» unb friebenberßeißenben gufunft frifch unb tüchtig entgegen, fobaß am 
Schluffe beS StomanS bie ©ereeßtigfeit in jebem Sinne triumpbirt, bie poetifche 
wie bie etljifdje. 

Unter ben ©inwürfen, welche bie firitif gegen „Sott unb £>aben" erhoben, 
fallen öor allem jwei fermer ins ©ewießt: einmal, fo tabett man, lägt ber tedj* 
nifche Slufbau beS SRomanS manches ju wünfeßen übrig, unb fobanit ift ein 2JtiS= 
berßältniß nicht ju berfeniten jwifeßen ber ibeaten Stufgabe, welche er fieß fteüt, 
unb ber gar ju engen fleinbürgerlichen Sphäre, in ber bie £>anblung fuß bewegt. 
Unb in ber Sßat, jufammen mit ber tenbenjiöfen Seßanbtung beS 3“ben« unb 
beS ©otentbumS, finb bieS bie Schwächen oon „Soll unb |>aben". 

28aS junäcßft ben Slufbau betrifft, fo läßt fid} bom ©efießtspunfte ber Defonomie 
unb ber Symmetrie manches gegen ben Stoman einwenben; einiges ift ju breit 
auSgefüßrt, anbereS ju fnapp gebalten, unb bie ÜDtotibe finb nicht burebweg glücf* 
lieb erfunben; baS ©enrebilblicbe, ein gewiffer 3ug ins fiteine, wiegt bor. Saä 
Setait ift immer anfeßautieb, ebarafteriftifeb, fauber auSgefübrt unb fein cifelirt, 
aber man bermißt im gangen bie große ßinienfüßrung in ber ^anbßabung ber 
Secßnif. @ng bamit jufammen bängt ber jmeite ©inrnurf ber firitif, bie Scan* 
ftanbung beS allju befeßränft gegriffenen §orijontS ber £>anbtung, bet SorWurf, 
ber Siebter b a &e uns ben $anbet nicht, wie eine boßere Slnfcßauung beS ©egen* 
ftanbeS forbern burfte, als weltbeberrfcbenben gactor im mobernen Kulturleben, 
fonbern in probinjialftäbtifchet fileinbürgerlicbleit oorgefübrt. Siefer Sabel, ber 
wie jener anbere burcbauS berechtigt ift — benn trofc mancher SluSbliefe in SEBett 
unb ßeben läßt ber Vornan hoch ein umfaffenbeS Silb beS beutfehen SürgertßumS 
oermiffen; fehlen boch Stepräfentanten beS geiftigen Schaffens in SBiffenfcßaft unb 
fiunft barin fo gut wie ganj, unb bie Snbuftrie wirb nur oorübergebenb geftreift — 
biefer Sabel, fage ich, berührt bie ©renjen ber greßtag’fcben Seantagung über* 
ßaupt. Unfer Sichter ift fein bocßfliegenber weltumfaffenber ©eift; baS berftanbeS* 
mäßige Schaffen ift mehr feine Sache als baS Sictat ber Sufpiwtion, bie Sbtjlle 
mehr fein ©ebiet als bie ©popöe; eine auf bie Sterben fallenbe fiüble gerabe 
in ber SarfteKung leibenfchaftlicher Stffecte charafterifirt ihn nicht bloS in „Sott 
unb $aben", fonbern in ben meiften feiner §erborbringungen überhaupt — unb 
fo ift eS begreiflich, baß bie ©egenftänbe fich unter feiner £>anb eher berengen. 


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(ßuftat) ^rcytatj. 


155 


aö in grofje Simenfionen unb allgemeine ©eficfjtSpunfte $ineintuadjfen. Aber 
feinem „Sott unb f?a6en" mof)nt trof bet ftd) nach biefer Stiftung hin jeigenben 
Unplängtichfeit bodj eine tiefe tiotfSpf^otogifc^e Vebeutung inne; et ift eine bet 
micijtigften AuSgangSpunfte unfetet realiftifchen, auf ehrliche Auslegung beS mit!» 
liefen ßebenS gelichteten Vrofabicfitung geworben, unb loeil et nach bem bereits 
angeführten Igulian Schmibt’fchen SEBorte „baS Volt bei feiner Arbeit auffucht", 
errang er ben gröfjten literarifchen unb budjhänblerifchen ©rfolg nicht nur feiner 
©poche, fonbern beS beutfehen StomanS überhaupt. SaS erflärt fich ju einem 
guten Sh e 't aßerbingS aus ber 8eit: eine IJSeriobe politifcf)er ©jaltation hotte, 
roie oben bereits heroorgehoben, fahren refignirter ©rfdjlaffung tßta^ gemacht; man 
mar ber Volfstribüne unb beS ©djulfatheberS aufrichtig mübe gemorben unb 
folgte bem Sichter um fo lieber in bie Stille beS bürgerlichen $aufeS. 

Unfer Autor ^at ben mit feinem erften Vornan eingefchtagenen 2Beg planmäßig, 
fo fcheint eS, meiter oerfolgt: zehn 3atjre nach ber Veröffentlichung oon „Soll unb 
$aben" — anbere fpäter }u beteuchtenbe ©Köpfungen faßen bazmifdjen — trat 
et mit feiner zweiten epifefen fßrofabichtung, „Sie oerlorene #anbfcf)rift" (1864), 
oorS fßublitum. Verherrlicht er in ,,©oß unb $aben" baS rüftige SEBirfen im 
Sienfte ber materieflen SBohtfaljrt unferS Volles, fo miß er hier eine Apotljeofe 
ber geiftigen Arbeit unferer Station geben. Aber baS können bleibt bieSmal 
teiber hinter bem Sßoflen jurüd. „Sie oerlorene £>anbfcf)rift" barf fich in ber 
tiefgreifenben Vebeutung ber Abficf|t, mie in ber Süße beS geiftigen ©eljaltö jmar 
ohne grage ebenbürtig neben „@oß unb £>aben" fteflen: in ber Ausführung reicht 
fie aber nicht im entfernteften an jenen erften Stoman hinan. 

SaS erfte Aufblifen ber ©runbibee ber „Verlorenen £>anbfchrift" mürbe burch 
eine Unterhaltung greptag’S mit feinem greunbe SJtorif $aupt üeranlafjt, mie 
er uns in einem 9ta<hruf an biefen berichtet „AIS mir einmal p Seipjig", 
heipt eS bort, „aflein miteinanber an einem fühlen Orte fafjen, offeubarte £>aupt 
mir bei ber jmeiten glafdje im haften Vertrauen, bafj in irgenbeiner meft= 
fälifchen tleinen ©tabt auf bem Voben eines alten $aufeS bie SRcfte einer alten 
$tofterbibtiothef lägen. Ser £>err biefer Schüfe aber fei ein fnurriger unb 
ganz unzugänglicher -Kamt, mie er in ©rfahrung gebracht habe. Sarauf machte 
ich ih m ^ en Vorfchlag, ba§ mir pfammen nach bem geheimnijjooflen $aufe reifen 
unb ben alten §errn rühren, oerführen, im Stothfaß ejmittiren rooßten, um ben 
Schaf ju heben. Aus ber Steife mürbe nichts, aber bie ©Erinnerung an jene pro= 
jectirte galjrt hat p ber ^anblung beS StomanS beigefteuert." 

SaS in biefer Anregung angebeutete fütotio ift ein burch unb burch humo» 
riftifcheS. J£»citte ber Sichter eS richtig angefa&t, eS hätte fich gemijj etmaS Am 
nefmbareS barauS gehalten taffen. Aber nun felje man fich baS Sfinb an, baS 
aus biefem ©mbrpo gemorben ift! ©in in feine ©tubien oerrannter ©elehrter ift 
auf ber gagb nach ben oerlorenen ffapiteln beS SacituS, ftnbet biefe nicht, aber 
oerliert fein $erz an eine etmaS blauftrümpfige Schöne, bie fein SBeib mirb; er 
treibt mit ihr aßerlei gelehrte ©tubien, hat einen jungen fßrinjen p hofmeiftern, 
mirb oon einem intriguanten gürften, ber eS auf feine grau abgefehen hat, ohne 


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*56 


Unfere <§eit. 


bei biefer fein 3>el ju erteilen, cfjicanirt unb üon einem ganj gemeinen gelehrten 
gälfcher fdjänblich Untergängen, um fdjliefjlidj burd) bie fcfjarrenben Pfoten eines 
HunbeS jum ©ntbeder beS — SecfelS ber gefugten Hanbfcfirift ju merben. 
SluS biefem Sujet läßt fic^, unb märe ber Slutor ein ©enie erften [Ranges, nun 
unb nimmermehr eine SBertjerrtidjung beutfcher SBiffenfdjaft ^erauSbeftittiren. 
3ft nun aber fd)on bie 3bee oerfel)lt, bie geteerte ©ritte eines fßrofefforS als 
©afiS eines umfangreichen, burdjauS ernft^oft gemeinten StomanS gu oermenben, 
fo lägt auch bie ©eftattung biefer ^bee manches $u münfdjen übrig. 

Stuf ben ©inmanb, ber jur [Rechtfertigung beS SRotiüS mie ber ©ehanbtung 
beffelben gemalt merben fönnte unb in ber X^at mehrmals gemacht morben ijt: 
3regtag fetbft oerhatte ftch biefer 3bee gegenüber ironifch; er motte baS in gelehrten 
Äleinfram oerfahrene fßrofefforenthum in ber „©erlorenen Hanbfcf)rift" leicht unb 
grajiöS petjtfliren — auf biefen ©inmanb hat bie Sritif meines ©rachtenS ju ant» 
morten: 2Rag fein! SBar aber baS bie Slbficht, fo ift biefe grünbtich gefcheitert, unb 
jmar barum, meil bie ©haraftere, menn eine ironifche SBirfung erjiett merben foflte, 
oon $auS aus anberS concipirt unb beljanbelt merben mußten. Sie Sache liegt fo: 
roaren fie fo hinge [teilt, baß mir oon eornfjerein an fie glauben fonnten, baß ihre 
Hanblungen unb beren äJlotiüe unS gteich im Slnfang beS SRomanS mahrfdjeinlich 
unb feffetnb berühren mußten, maren fie ferner fo gehalten, baß mir in Suft unb 
Seib mit ihnen fühlen burften, unb fdjließlich ergaben bie [Räthfel, bie baS Sdjicffal 
ihnen gu rattien aufgab, gang anbere Sluflöfungeu, als mir urfprünglich ermartet, 
fcßeinbar bie „lächerliche SföauS" ber „freißenben Serge", im ©runbe aber bodj 
etmaS ©btereS unb ©effereS als baS ©rmartete — ftatt beS echten SRanufcriptS 
eine götfchung, baneben aber eine frifche junge fjrau u. f. m. — rnoßt! fo mar 
bie SBirfung eine ironifche, unb ber Sichter mar gerettet; man fonnte ihm ben 
öormurf eines SRiSOerhäftniffeS gmifdjen Stoff unb ©etjanblung nicht machen. 
[Run aber, mie bie Sache roirflich liegt, fann ber benfenbe unb feinfühlige Sefer 
bie ihm oorgeführten ©eftalten oon Oornherein nicht für oerftänbige ttRenfdjen 
nehmen (menigftenS beit ©rofeffor nicht), noch an ihre Hanblungen glauben — er 
felbft, ber Sefer, üerljält fidj ihnen gegenüber, maS boch nur ber Sinter fottte, 
ironifch, unb bamit ift bie ironifche SBirfung beS ©angen unterbunben, abgefchnitten, 
lahm gelegt. 

2Ran fommt bei ber Seftüre ber „©erlorenen $anbfchrift" über bie ©er» 
ftimmung nicht hinaus, bie burd) baS fchiefe ©erhältniß crgeugt mirb, in meinem 
ber ethifche 3n>ecf hier gu ben poetifdjen SRitteln fteht. SRan fann, mie baS 
Shema ift unb oorgetragen mirb, abfolut feine Hochachtung oor bem beutfchen 
©eifteSteben empfinben, bem boch hi er ein h°h eg Sieb gelungen merben fott. Sie 
gelehrte ©ritte, auf meldjer baS ©anje aufgebaut ift, tobtet atteS Qntereffe, unb 
baju fommt, baß ben ©haraftcren bie rechte ßonfequenj unb innere ©laubmürbig» 
feit gebricht, bie Hanblung feinen natürlichen gluß geminnt unb ber bichterifche 
©ortrag oft genug geuer unb Semperament oermiffen läßt, SRängel, bie fich aus 
bem SBefen beS Stoffes, mie aus ber ©eanlagung beS Sid)terS erflären: cS fehlt bem 
Stoffe ber fräftige SRotor eines impofanten ©egenftanbeS; eS fehlt bem Sichter, 
mie mir bereits bei ber SBürbigung oon „Sott unb Haben" gef eben, bie Seiben* 


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(ßuftac ^reytag. 


157 


fcpaft. Saper fann et und in biefem Utoman, wie an fo manchen anbern ©teilen 
feiner SBetfe, nid>t paden, nicpt überzeugen, nicpt ergeben; baper fcpleppt ficE) in 
bet „Verlorenen £>anbfdprift“ bie $anblung — tote glanjöoH auch zahlreiche Singet* 
heilen unb ganze Partien peroortreten — ^toifc^ert ben Sftremen eines gar zu 
engen 3bpES unb einer etwas überfchraubten Xragit in unerquidlidjetn dicf^acf 
hin unb her; bähet geminnt fogar bie Sprache beS UtomanS hier unb ba einen 
etwas nüchternen Veigefcpmad, befonberS gegen ben ©cptuß pin; baher enblich — 
unb baS ift baS Stflerfcplimmfte — fdjrumpfen bie Sparattere unter ber #anb 
ihres Schöpfer» meiftenS unrettbar in -JJlarionetten zufammen, bie fich nicht an 
ben gäben einer natürlichen unb togifchen ©efefcmäßigteit, fonbent an ben Sräpten 
ber fouoeränen SBittfür beS SicpterS bewegen, ©elbft bie pumoriftifcpen giguten, 
bie unferm greptag im Sufammenpange mit feiner Begabung für baS ©enrepafte 
unb bie Sleinmalerei fonft fo gut liegen, auch fte fpringen pier nur ungenügenb 
unb befect in bie Srfcpeinung. Ser gabrifant Rummel ift als pumoriftifcper 
XppuS nie! bewunbert worben — mir fcpeint, nur mit halbem Utecht. 2Bie ©türm 
in „©oll unb #aben", hinter bem er übrigens in jebem ©inne hiwmetmeit zuriid» 
bleibt, ift er nicht fcplecpt concipirt, aber wie jener, um nur bieS peroorgupeben, 
fällt er gegen ben Scpluß beS UtomanS pin gänzlich ab: er wirb forcirt unb 
manierirt, ein übermaliciöfer, im Seben ziemlich unmöglicher §arlefin. 

Ser ©runbfepler ber „Verlorenen ^anbfcprift“ ift auf benfelben SDJangel an 
geiftiger Sragweite beS greptag’fcpen SalentS gurüdgufüpren, bem wir fcpon bei 
Veurtpeilung von ,,©oH unb §aben" begegneten: bietet uns ber SrftlingSroman 
unferS SicpterS ftatt beS weltweiten UluSblicfS in baS commcrzieHe Seben ber 
Völler, wie bet ©egenftanb ipn forbert, eine ber 3bee ganz unangemeffene Sin* 
engung in provinzielle Verpältniffe, fo führt uns bie „Verlorene fpanbfdjrift" 
ftatt iu bie iprer Aufgabe entfprecpenben Vreiten unb Siefen beS wiffenfchaftlicpen 
Gebens in bie tleinlicp antiquarifcpen Seftrcbungen eines einfeitigen gelehrten 
©riflenfängerS — Unzulänglicpfeiten, bie beu SBertp beiber SEerfe bebauerlicp 
fcpmälern. SBaS bie „Verlorene §anbfcprift" betrifft, !ann biefe Unzulänglicpleit 
auch burcp bie güße geiftreicper Uteflejionen unb Sentenzen, welche ber Sichter 
in ben Xegt geftreut pat unb bie bei ,,©oß unb §aben" gänzlich feplen, nicpt 
oerbedt werben. 

Sngwifcpen patte fiep unfer Siebter nach breizepnjäpriger angeftrengtcr journa= 
liftifcper Spätigfeit von ber Utebaction ber „©renzboten" zurücfgezogen, unb zwar 
Zugleich mit feinem treuen Äampf* unb ©trebenSgenoffen Julian Scpmibt, ber bie 
Seitung ber „Serliner Slßgemeinen ßeitung" übernommen patte. SaS war im 
Sapre 1861. SaS ©ebürfniß größerer innerer Sammlung unb bie ©epnfucpt 
nach bichterifcper ©robuction waren in greptag immer lebhafter geworben unb 
patten ipn fcpon 1851 üeranlaßt, fiep in bem ftißen ©iebleben bei ©otpa anzu> 
taufen. Sort — er war feit 1854 gotpaifeper Jpofratp — »erlebte er nun aßjäprlicp 
bie ©ommermonate in rüftigem Schaffen, bis bie Sage ber Singe in Seutfcplanb 
ipn 1867 bewog, abermals bie güprung ber „©renzboten“ zu übernepmen. Sr 
war inzwifepen perfönlicp ins politifcpe Seben eingetreten, ba er als Vertreter beS 


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*58 


Unferc ^eit. 


ÄreifeS ©rfurt* @chleufingen=.8iegenrücf in ber nationalliberalen graction einen 
lebhaften äntljeil an ben ©erfjanblungen beS SRorbbeutfchen Reichstages genommen, 
©o matzte er benn bie „©reniboten" ju einem ftetS fchlagfertigen Organ feiner 
Partei unb gewann bamit nicht geringen ©influß auf bie politifcßen ©ntwicfelungen 
jener 3°h re * ®aS &'rieg3ja£|r 1870, baS er junt ©heit im Hauptquartier beS 
Sronprinjen »erbrachte, gab feinem äußern Sehen abermals eine neue SBenbung: 
eine ©ifferenj mit bem ©erleget ber „Orenjboten" hatte gegen ©nbe 1870 bie 
nunmehr enbgfiltige Rieberlegung ber Rebaction feitenS unferS ©icf)terS jur golge. 
@r leitete oon ba ab noch einige 3af)re bie oon ihm als ©rfafc für bie „©renj* 
boten" gemeinfam mit feinem ©erleget ©atomon Hirjel gegrünbete geitfcßtift 
„gm neuen Reich", um fich aisbann bauernb unb auSfcßließtich feinen bichterifchen 
Arbeiten ju roibmen. ©eit 1879 lebt er in SBieSbaben. 

2Benn greptag’S ^weiter Vornan gegenüber bem erften, wie mir gefehen, einen 
ftarfen Riebergang feiner epifchen S'raft bebeutet, fo jeigt ber große RomancptluS 
,,©ie Slhnen" (1872—80) fein bichterifdjieS können roieberum auf achtbarer Höhe, 
wenngleich auch ec baS Rioeau oon „Soll unb Haben" nicht erreicht unb princi* 
pieHe ©ebenfen ernfter 9trt herauSforbert. 

3n ben fecßS ©änben ber „Wfyntn", bie oießeicht junt ©heit burch ben großen 
©rfolg angeregt worben finb, ben 3of«Ph SSictor oon ©cheffel’S „©ffeljarb" er* 
rungen, hat er fich bie gewaltige Slufgabe geftetlt, ben innern SBerbegang unferS 
©olfeS oom heibnifchen 3eitalter an bis in unfere Sage herein an ben wechfelnben 
©djicffalen eines einzigen ©efchlecßtS ju fchilbern, fobaß baS feiner 3bee nach 
ungemein großartige Unternehmen gewiffermnßen aus einer einheitlichen cultur* 
hiftorifchen Slnfdjauung unferer Rationatgefchichte heroorgegangen ift. Unfer ©idjter 
betritt in ben „Sthnen" ein im ©rincip jweifelloS feßr anfechtbares ©ebiet, baS 
beS archioarifdjen Romans. ©er moberne ©ebanle muß in ber jeitgenöffifchen 
Literatur erfteS unb oornehmfteS ©efefc bleiben, ©in ©idjtwert, baS nicht, auS 
bem 3*itbemußtfein geboren, feine SBärme in baS Beitbcwußtfein jurücfftrahlt, 
baS oietmehr feine SRenfchen unb ©inge, ftatt fie unmittelbar aus bem lebenbigen 
Strom ber ©egenwart herauSjugreifen, ßch burch einen fünfttichen Apparat, burch 
baS ©tubium entlegener ©efcßichtSperioben, üermittelt: ein foldjeS ©icßtmer!, 
wenn eS auf hiftotifcße unb etljnographifche ©reue Slnfprudj erhebt unb nicht ein 
bloßes müßiges ©piel ber ©pantafie fein miß, bewegt fich niemals paraßel mit 
ber Rotmallinie einer gefunben Siteraturentwicfelung; es wirb afabemißh, boc* 
trinär, ejctufi», unb ber arg ins fi'raut fchießenbe archioarifche unb antiquarifche 
Vornan neueften ©atumS, ber nicht julejjt gerabe an bie „9ll)nen" greptag’S an* 
tnfipft, jcigt 3 ur ©enüge, wohin folche Slbirrungen im SBerbegange ber ©ichtung 
führen, ©er ©ichter ift ein ©of)n feiner ßeit — baS ift ein altes SBort. ®r fei, 
wie bicS fchon unfere Slaffifer geforbert haben, auch e ’ n Schüler unb SluSleger 
feiner 3cit! gretjtag in feinen beiben erften Romanen, welche Schwächen ihnen 
auch anfleben mögen, erfüllte biefe gorberung, wie heute faum ©iner neben ihm, 
unb eS ift barum um fo mehr ju betlagen, baß er bie hier eingefchlagenen ©ah* 
nen nicht weiter Oerfolgt hat. 


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©uflap ^reytag. 


159 


Ziefe ©erroaßrung gegen baö ©rincip oorauSgefeßieft, welche fieß übrigens int 
Wefentlicßen nur gegen bie brei erften ©änbe ber „Sinnen" rietet, fann icß mieß 
über öieleS in bem großen SßfluS juftimmenb, über einiges fogat begeiftert auS» 
fpreeßen. ©on ber SOtiSaeßtung beS mobernen ©ebanlenS abgefeßen, bie baS 
jcpüTov 'ieuSöc biefeS cßtlifcßen SBerfeS bilbet, finb bie „Slßnen", als Zießtwerf 
an fieß betrachtet, eine literarifeße Zßat Don aeßtunggebietenber ©ebeutung. ©S 
ift ein großartiges culturgefeßicßtließeS ©cßattenfpiel, freilich in ben erften ©ünben 
aueß ein ©piet mit ©eßatten, baS grerjtag hier an unS oorüberfüßrt, inbem er als 
Romancier großen Stils baS Zotalgebiet unferer ©efeßießte bureßwanbert. ZaS in 
unferer gefammten Zicßtung neue SBagniß, bie einzelnen Stomane beS SßlluS inner» 
lieh ju oerfnüpfen, inbem ber Zicßter fie als ©rueßtßeile ber ©efeßießte einer 
einzigen ffamilie ßinftellt, biefeS SBagniß erfeßwert bie impofante Aufgabe unge» 
mein. SBenn greptag übrigens in feiner SBibmung an bie beutfeße Sronprin» 
jeffin fagt: „ZiefeS ©ueß will ©oefie enthalten unb gar nicht ©ulturgefeßießte", 
fo berußt bieS meines ©raeßtenS auf einer unbetoußten ©erfennung ber Zenben^en, 
melcße bei ben „Slßnen" leitenb waren. ZaS culturßiftoriftße $;nöentariunt ber 
„Slßnen", baS empfinbet felbft ein oberfläeßlicßer ©eurtßeiler, ift größer als ißr 
poetifcßeS, unb gerabe ßierin maeßt fi<ß bie entfeßiebene Sugeßörigfeit ber Zicfi* 
tung jum areßiöarifeßen Vornan fo peintieß füßtbar. 

SJiit feiner bießterifeßer ©pürfraft toäßlt greßtag als ßiftorifeßen Untergrunb 
für bie erften Romane feines ©plluS jebeSmal ©efeßießtsperioben, in benen ein 
altes SRenfeßßeitSibeal jufammenbrießt, um einem neuen ©laß ju maeßen. Zie 
beiben ©rjäßlungen beS erften ©onbeS: „3ngo" unb „Sngraban", fpielen bie 
erfte in beutfeßer Urjeit, bie anbere in ben Zagen beS IpeibenbeteßrerS Sonifactu?, 
mäßtenb ber jweite Sanb: „ZaS Steft ber 3aunfönige", nnS in bie Sümpfe 
heinricß’S II. mit ben ©afatlen, ber britte: „Zie ©rüber oom beutfeßen |>aufe", 
in bie ©poeße ber Jpoßenftaufen unb ber Sreujjüge füßrt. ©S finb alfo brei feßr 
betrieben geartete ©poeßen, in bie ber Slutor nnS geleitet, bie ber früßeften 
©ropaganba für baS ©ßriftentßum im Dften nnb Storben ZeutfcßlanbS, bie ber 
Slnfünge ber Seiribfeligfeiten jwifeßen ©apft» unb Saifertßum unb bie ber anßeben» 
ben SteligionSftürme unb ber beutfeßen SolonifationSoerfueße. Sille brei ©änbe 
fennjeießnen fieß bureß ben etwas blaffen S^ealcßaralter ißrer gelben, bureß feße» 
matifeße ©eßanblung ber bureßweg ßeroifeßen SIction, buteß eine jiemließ bürftige 
©rpnbung unb ben ßalb patßetifcßen, ßalb cßronitalen Zon ber Zarftetlung. Zic 
beiben ©rjäßlungen beS erften SanbeS, jwifeßen benen ein 8eiteinf(ßnitt oon Pier 
Saßrßunberten liegt, bürften fünftlerifcß ßößer fteßen als bie beiben folgenben; 
„3ngo" ßat eine Steiße präeßtiger, oon eeßt bießterifeßem fpaueße bureßweßter 
©eenen aufjuweifen, unb ber ©onifaciuS im „^ngraban" ift eine mufterßaft ge» 
jeießnete 811freSco=®rfcßeinung. Sw „Steft ber ftoimfönige" bagegen, einer ©efeßießte, 
in beren SJiittelpunft 3wmo, ein ©nfel 3ngo’S unb 3ngraban’S, fteßt, ift eS bem 
Zicßter nießt gang gelungen, ben fpröben ©toff ber im ©runbe ßiftorifcß wenig feffeln* 
ben Sümpfe jwifeßen ©afaHen unb Srone bem Sefer feßmadßaft ju maeßen, unb bie 
in ißren buftigen ©injelßeiten oft aüerbingS berüdenb feßönen SiebeSfcenen lönnen 
mit biefem ÜJiangel nießt oerfößnen, „Zie ©rüber beS beutfeßen §aufeS" aber, 


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*60 


Unfere <geit. 


in toelc^e ba« ©lut 3>ngo’« in ber ©eftalt Soo’« ^ineinfpielt, bin ich oerfudjt, bie 
mattefte unter allen biefen ©rjäljlungen gu nennen; fie fällt mieberhott in« ©reite 
unb Slüchterne, unb ba« Stufblühen be« deutfdjen Crben« gegenüber ber finfenben 
Slutorität be« fatholifdjen Sfteru« ift ein (Stoff, ber bent mobernen Sntereffe aHju 
fern liegt, at« baß mir über bie ©mpfinbung ljinraegfämen, hier einem blo« ata* 
bentifchen ©jperiment gegenüber^uftetjen. 

©ine roefentlich mobernere Signatur tragen, ber Statur ber Sache gemäß, bie 
jmei nädjften ©änbe, meiere un« in ihren brei ©efdjidjten: „SJlarfu« ffiänig", 
„der SRittmeifter bon 8llt=9lofen" unb „der fjreicorporal be« üJtartgrafen SKbrecpt" 
(festere beibcn unter bem ©efammttitet „die ©efchmifter), au« ber grauen ©or* 
jeit unb bem bämmernben SJlittetalter ber oorigen ©änbe pnäcfjft in bie bürger* 
licken Greife be« (Reformation« jeitalter«, unb groar nach ^h orn an bie 2Beid)fel 
berfefcen, bann aber in ben au«geljenben dreißigjährigen ®rieg unb enblid) in bie 
Sopfgeit. da« ftofffichc roie ba« äfthetifche Qfntereffe, roetche« „die Slhnen" ein- 
ftößen, mach ft 0on ©anb §u ©anb; benn ftecfen bie erften ©Tötungen noch ftarf 
im Strchtoarifchen unb SIntiquarifchen, ja nicht fetten fogar im SJlanierirten, unb 
mirfen fie bur<h ba« grembartige ihre« Inhalt« mie burch bie große hiftorifche 
©etehrfamteit, roetche fie offenbaren, faft öerbtüffenb unb erfättenb, fo treten bie 
fpätern ©änbe un« menfchlich näher; mir fühlen ben ©eift unferer 3cit allmäh* 
tich fjeteinbrechen; mir atfjmen mehr unb mehr bie Suft unferer eigenen dage. 
Sebhaft haben t»ir bie ©mpfinbung ber aufgeljenben mobernen Seit fchon in bem 
trefflich concipirten unb meiftertjaft burchgeführten „SJlarfu« ßönig". greptag 
gibt hier fein ©efte« au«, ba« fich in mehr at« einer ©ejiehung ebenbürtig neben 
manche« au« feinen frühem Schaffen«perioben ftetten barf; gu ben großen ©igen* 
fchaften unfer« Slutor« gehört ba« Vermögen, un« mit menigen energifchen Süßen 
ein umfaffenbe«, in allen ©injelljeiten lichte« ©ilb einer ganzen Seitepoche ju 
jei^nen unb babei bie müheoollen gefcpichtlichen Stubien, bie üorangeljen mußten, 
hinter bem Schleier einer fcheinbar (eichten unb freien darftetlung ju oerbergen. 
®aum irgenbmo aber hat er biefe ©abe gtängenber bemährt at« in feinem ,,3Jtarfu« 
fiönig", einem SBerte, in meldjeni er un« ben Sieg ber neuen Seit in granbiofet 
SBeife jur Slnfchauung bringt. ©« ift eine ©erfierrlichung be« freien ©ebanfen«, 
auf ben mit fichercr #anb feftgehaltenen Seitfjintergrunb gezeichnet, bie un« h‘ er 
geboten mirb unb bie etrna« unmiberftehlich Ueberzeugenbe« h°t. Sieben ber 
^»auptgeftalt ber ©rjählung, bem SJlarfu« felbft, biefem mürbigen ©ntet 3ngo’«, 
Sngraban’« unb Smmo'«, ter ein geiftig heroorragenber reicher Kaufmann dhorn« 
ift, neben ihm unb feinem noch bebeutenbern Sohne ©corg treten anbere giguren 
ber $aupthanblung unb tritt enblich eine güöe trefflich oeranfchaulichter Sieben» 
figuren plaftifch au« bem Slahmen herbor: ber (Raubritter Renner«, um nur einige 
gu nennen, ift trofc feine« freibeuterifchen dreiben« eine ©rfcheinung oon ebetn 
Umriffen, ein dppu« jener romantifch burdjleuchteten Seit, unb ber £>auptmann 
£>an«, ber „©üchermann", ber SRagifter, üor allen anbern aber dobife, ber men* 
bifche ffnecht — melch eine ©alerie frifdj au« jener Seit gegriffener ©bawftere! 
da« entfchloffene ©intreten für bie Sehre Suther’«, in aücn Greifen ber ©ebölfe* 
rung lebenbig, geht a(« ibealer ©ul« burch bie ganze ©rjäljlnng; menn aber am 


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(ßuftao ^freytacj. 




Schluß be« ©udjeS ber große ^Reformator fclbft in bie $anblung einttitt, fo ift 
ba« jmar wirfung«ooH unb burchau« Dorfichtig motioirt; auch h at ba« S^arafter» 
bilb be« ©ewaltigen, in fräftigen 3ügen Ijingeftellt unb mittel« zahlreicher ©teilen 
au« feinen Sifcßreben, Ißrebigten unb ©treitfcßriften prächtig Derlebenbigt, etwa« 
SJtonumentale«, ©roße«, Smpojante«; allein man §at hier bodj ba« ©effiljl: ein 
SBeniger märe meßr gewefen — ba« inbiüibuelle ©rfcheinen Suther’« im ©ereidje 
ber ©rjäfjlung E>at, Dom ©tanbpunft be« ©anjen au« betrautet, elfer etwa« Slb= 
fchwädjenbe« al« bie SBirfung Verftärfenbe«; ein Verbleiben be« großen SJtanne« 
hinter ben ßouliffen ber erjätflung biirfte fünftlerifdj wirffamer gewefen fein a(« 
fein §erDortreten anf bie offene ©eene. 

Sieben bem „ÜRarfu« Rönig" fallen bie beiben ®ef<f)id)ten be« fünften ©anbe«, 
bie mit ißm ben Uebergang in unfere Sage hüben, entfeßieben ab. „Ser Stitt» 
meifter oon SllMRofen" führt un«, wie bereit« angebeutet, in bie Ie|te ©eriobe 
be« Sreißigjälfrigen Kriege«, unb entroQt Säger- unb ©olbatenbilber im ©efeßmaef 
be« „Sintpliciffimu«", ohne fein braftifche« Vorbilb ju erreichen, mährenb ber „grei» 
corporal be« SJtarfgrafen SUbrecßt" nicht Diel mehr ift al« eine unorganifdje 
SRofaif Don 3Ri«ceQen unb $iftörcßen au« ber 3eit ber 3öpfe. 

Stacßbem wir ben ziemlich unerquicflichen fünften ©anb überwunben, ftefjen 
Wir im fech«ten unb lebten Dotlfommen im Seben unferer 3eit. Siefer ©anb: 
„Äu« einer Meinen Stabt", entwirft un« ein ©ilb beutfeher ©efeßießte unb Sitte 
etwa währenb ber 3aßre 1806 bi« nach 1848. Sticht oft ift Seutfcßlanb« tieffte 
Srniebrigung unb ßöcßfte (Srßebung glän^enber unb zugleich einfacher gefchilbert 
Worben al« in ber erften £>älfte biefer Erzählung. 2Bie ber Verfaffer in bie Meine 
2Belt einer eng bürgerlichen (anbftäbtifchen ©efeöfcßaft bie große SBelt hineinragen 
lägt, juerft bie große SBelt be« nationalen Xrauerfpiel« Don Seutfcßlanb« gaH, 
bann bie noch größere be« gewaltigen fpelöengebicßt« Don Seutfcßlanb« Wufftanb 
unb feiner Befreiung au« ben Seifein ber Stapoleonifdjen $errfcßaft, wie er ba« 
{ich ergebenbe mächtige Daterlänbifche ©emälbe überall mit Seben ju erfüllen weiß 
unb über bem farbigen ©injelnen Hiemal« ba« ©anje au« ben Slugen Derliert: 
ba« ift ein« ber ©raoourftücfe ber greqtag’fcßen SRufe, unb ba« $erj wirb einem 
warm babei. Siefe SRänner unb grauen ber „Meinen ©tabt" finb faft au«nal)m«= 
lo« braoe, fernige Staturen: ba tritt un« junächft ®rnft Rönig, ein ©nfel jene« 
SRarfu«, ben wir im Dierten ©anbe fennen lernten, entgegen, ein Slrjt, ber fieß 
an ben Sümpfen gegen bie gran^ofen betheiligt, unb jwar unter ben greifcharen, 
bie in ©Iah unter« ©emeßr treten, wie an ben großen ©flachten ber ©efreiung«* 
friege, fobann fein @oßn Victor, ber 3ournalift, ber in bie ÜRärjreoolution oer- 
micfelt wirb, unb an biefe beiben fchließen fich bie übrigen trefflichen ©eftalten an: 
ber ©aftor, ber Steuereinnehmer unb anbere. ©ie ade finb SJtenfcßengebilbe au« 
fo echtem Schrot uub Rom, unb bie großen ©cßicffale ber Station fpiegeln fid) in 
ber erften Hälfte ber ©rzäßlung in fo ergreifenber, ttjpifcßer SBeife ab, baß bie 
höchfte Aufgabe ßiftorifeßer ®ßif# ein ©ilb i u öe&en a«0lei<h ben Vorgängen 
auf bem großen SBelttheater unb ben 3«ftönbeu im Seben ber einzelnen, hier 
Dollftänbig gelöft erfeßeint. Um fo befrembenber wirft bie jweite §ä(fte be« 
©ueße«, in welcher ber große ©ßflu« ber „Slßnen", ber eine gamiliengefcßichte 

Unfere $eit. 1887. I. 11 


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\62 


Unferc ^cit. 


beS beutfdjen ®olfeS ju werben Derfprad), HcinltcE) genug in eine £auSdjronif beS 
©efchledjtS König auSflingt. ®ictor König, bet 3ournalift, ber ^>e(b biefeS 
fedjSten ®anbeS, wirb ^ier als Sttngfter aus bem ©efdjlecht beS 3ngo auf baS 
$iebeftat ber borljergefienben fünf Sänbe gefteüt: er, Don bem wir nichts wiffen, 
als baß er auf ber Unioerfität auf ber äJtenfur geftanben, an ber fReoolution fid) 
beteiligt, ein 2lbenteuer mit einer SüEjnenft^önen erlebt unb ein 3<wraal gegrünbet 
— er ift eS, ber bie lange epifdje SReilje biefer „Ütfjnen" frönt? SEBir jinb um fo 
mefjr enttäufdjt# als mir in biefem SSictor König unfc^mer eine gewiffe ®orträt« 
ähnlichfeit mit unferm oerefjrten ©ufiao greptag felbft entbetfen. 2UIeS weift beutlic^ 
auf beS ®id)ter§ SebenSmeg tjin: wir erfennen in ben einzelnen Ißhafen ber Gr« 
jäplung feine Heimat, feine gamilie, baS Detail feiner ©cpicffale. 2We 21djtung 
oor bem Ijeroorragenben scanne unb großen ©chriftfteller, ber beS ®ebeutenben 
fo Diel unb biefe „2lf)nen" felbft gefdjaffen — aber nein, fo burfte ein SBerf, baS 
in einer 9teif)e Don ®änben bie Gntmicfelung bes bcutfdjen ®olfeS abfpiegeln 
wollte, niept auSlaufen. Die ©iegeSfeuer beS großen 3<>b reS 1870/71 mußten 
glorreich in baffetbe hineinteuchten; eine monumentale ©eftalt Don ttjpifd>er ®e« 
beutung mußte an feinem ©cpluffe ftepen — nicht ber ®erfaffer felbft! 

©o brängt fiep und benn biefelbe SBahrneljmung Don ben ©renjen bed gretj» 
tag’fcfien DalentS, bie fefjon gegenüber Don „Soll unb §aben" wie Don ber ,,®er» 
lorenen $anbf<hrift" in bie Slugen fprang, auch am 2luSgangc ber „Slljnen" un« 
abmeislidj auf, bie SBahrneljmung eine? peinlichen ÜRiSoerhältniffeS jwifdjen ber 
ibealen Slufgabe unb ber etwas fleinlichen unb engen Söfung, welche biefe ®uf« 
gäbe finbet. GS ift im lebten ©rnnbe wol ein SWangel an geiftigem SBeitblicf unb 
eine gewiffe — ich fo«” baS SBort nicht unterbrüefen — fleinbürgerliche 2lber in 
unferm fonft fo reich unb Dielfeitig begabten Siebter, bie hi« als beS UebelS 
Quelle ju betrachten ift. 

216er mögen bie „21hnen" ju 2luSfteKungen unb ®emängelungen ber Derfchie= 
benften 2lrt perauSforbern, mag an ben erften ®änben ber archiDarifche (S^arafter 
als ein ©tein gerechten 2lnftoßeS empfunben werben, mag ber SBcrtlj ber einzelnen 
Stählungen ein h öl hft ungleicher, mag bie 2trt, wie biefe Stählungen aneinanber« 
gereiht würben, eine wiHfürlic^c unb technifch angreifbare fein, mag bie ©ipfelung 
beS ©anjen in einer gar ju niebrig gegriffenen ©eftalt befrembenb unb Der« 
blüffenb wirfen, mag enblid), was fernerer ins ©ewicht fällt als alle anbern 
®ebenfen, bie ®etrachtung ber Siteratur Dom ©tanbpunft beS mobetnen ®rincips 
aus ben erften ®änben beS StomancpfluS bie Gjiftenjberechtigung abfpredjen 
müffen unb nur in ben lebten SlnfnüpfungS« unb 2(uSgangSpunfte für eine gefunbe 
SSeiterentwicfelung unferer ®rofabicf)tung entbeden fönnen — fie finb boch eine 
ehrfurchtgebietenbe Seiftung beS XalentS wie beS gleißeS, biefe fedjS ®änbe ber 
„21hnen", unb wenn nichts anbereS fonft, fo foHte uns biefeS Sine mit ben wahr« 
genommenen SKängeln Derföhnen: ber echt beutfdje ©ebanfe ftoljen SKanneSbeWußt« 
feinS, ber fchon in „©oll unb £aben" ber leitenbe ift, bricht audh fj* er überall 
burdj. 2llle biefe 2lhnen, bie 3ngoS, 3 mm oS, ©eorgS, ®ictorS finb SRänner ber 
Sljatfraft unb ber Unabhängigfeit, tief erfüllt Don ber ®erad)tung beS Knechts« 
finneS unb ber Unfelbftänbigfeit, unb mit ber wachfenben Gultur ber 3uh r h un “ 


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*63 


tSuftac ^rcytag. 

berte, ber fie angepören, berebelt fiep biefer UnabpängigfeitStrieb in ihnen; er 
rietet fiep bei ben grüpeften unter ihnen auf bie ^Befreiung ber ©erfon, bei ben 
Spätem auf bie ^Befreiung ber Samilie, bei ben Siingften enblicp auf bie ©e« 

freiung ipre8 ©olfeS — jeber Dpeil ber „Sinnen" ift ein §ope8 Sieb bon ber 

Srreipeit. 

Diit bem ©lief auf bie „2lpnen" pabe ich meine Ueberficpt über bie Doman« 
bicbtungen greptag’S abgefcploffen. Sein epifcpeS Schaffen pat, tuie mir gefetjen, 
einen mefentlicp cutturgefcpichtlichcn Sfjaratter, unb bie großartige ©abe, ben ©eift 
einer ganzen ©efcpicptSepocpe in ben engen SRapmen eines beftimmten bicpterifcpen 
©emälbeS gu bannen unb eS barin feftgupalten, jetdjnet biefeS epifcpe Staffen 
unferS SlutorS auS. ©rgängt werben greptag’S brei Domanbicptungen, unb gtoar 
in rein culturgefcpicptlieher SBeife, burd) feine äußerft feinfinnigen unb rein miffen« 
fcpaftlicp gehaltenen „©ilber ans ber beutfchen ©ergangenpeit" (1859—62) unb 
„Deue ©ilber auS bem Seben beS beutfdpen ©olfeS" (1862), roelcpe ©eiträge gur 

©efcpicpte beS beutfchen ©eifteS bon unbergänglicpem SBertpe enthalten. 

Die „©ilber auS ber beutfchen ©ergangenheit" finb ihrem ©runbftamme nach 
aus Ülrbeiten peruorgegangen, bie greptag in ben „©rengboten" beröffentlicpte. 
9118 ihnen fpäter bie „Deuen ©ilber aus bem Seben beS beutfchen ©olfeS" unb 
anbereS folgte, lam ber ©etfaffer bem SBunfdje feines ©erlegerS gern nach, ®m$ 
ben borliegenben Sammlungen burch ©rgängung unb Umarbeitung ein einziges 
gefchloffeneS SBerf gu formen, unb heute blicft bie beutfche Dation auf bie fo ent« 
ftanbenen bier ©änbe als auf eine culturgefchichtlidje Debue über nicht meniger 
als achtzehn Sfahtpunberte beutfchen SebenS. ©ine ausgeführte allgemeine beutfche 
©ulturgefdjichte bilbet baS SBerf groar nicpt, mopl aber mittels ber eigenthümlichen 
SJtetpobe ber Darftedung, bie eS anmenbet, eine pöcpft anregenbe ©inführung in 
baS Stubium beutfcper Sitte unb Arbeit, ©ine eigenthümliche SJietpobe in ber 
Dpat! ©ine SRetpobe, bie ben ©rnft beS gorfcperS mit ber fräftigen Intuition 
beS Richters berbinbet! Unb baS gtoar fo: mit feltenem ©efchicf fiedt greptag 
hier gaplreicpe SluSgüge aus merfroürbigen, meift bergeffenen ©rofchüren, ©hronifen, 
©iographien, ©riefen unb Urfunben alter unb ältcfter 3 e >teu gufamnten unb ber» 
fepmilgt biefelben burch geiftbotle ©etracptungen unb StuSfüprungen gu einem über« 
rafchenb einheitlichen ©angen. Die unferm ülutor in fo popem eigene ©abe, 
ben gehcimften Driebfebern ber ©olfsfeele nachgugehen, fommt in biefen „©ilbern", 
in benen fich greptag nicht als pofmeifternber URoralift, fonbern als ein ber 
beutfchen ©olfSfraft freubig unb guoerfidjtlicp bertrauenber Dptimift geigt, aufs 
glängenbfte gum 9luStrag. Der erfte ©anb umfaßt bie ffiinleitung ber erften 
SluSgabe beS SSerfeS fomie bie Darfteüung beS 9lbfcpnitt8 bon ben ältefteu Briten 
an bis gu ben $openftaufen, mährenb ber gmeite in feiner Einführung ben ein« 
peitlicpen ©parafter beS SeitabfcpnitteS bon ben £>openftaufen bis gum 3eitalter 
ber Deformation nacptoeift unb unS aisbann in großen 3ü8 e n bie geistigen ©nt« 
micfelungen bis gut Deugeit borfüprt. Das eigenartige ©efcpicf, mit bem greptag 
eS berftept, berfcpottene Schriften pcroorgugiepen unb teben gu machen, tritt in 
biefen beiben ©änben in ein petleS Sicht: bie SRenfcpen jener Dage, nornepme 

11 * 


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Unfete geit. _ 

grauen unb SRänner, faljrenbe Seute, Sanbdfnechte, ©efetjrte unb Rarren, blicfen 
und aud ben Slätteru biefet Sänbe mit fpredjenben Slugen an, unb bie Socale, 
in benen flc ficb bewegen, ©trage unb Rtarft, Ritterburg unb SRöndjdltaufe, 
©tabt unb Torf, treten und mit greifbarer Stnfdjaulidjfeit entgegen. Reben ber 
ißlaftif in ber Tarftellung biefer Slugenbinge aber — welche ßlarljeit unb Treue 
in ber Slufbetfung ber cultureQen unb allgemein geiftigen 3uftänbe jener 3®fjr* 
Ijunberte, welche grünbliche gorfdjung in aQen Kapiteln! Unb in einzelnen be» 
fonberd beoorjugten Partien bed Sanbed, welche blüfjenbe ©cgenftänblidjfeit unb 
garbe, wie j. 33. in bem ißaffud über bie Sefiebelung bed beutfchen Oftend! 3« 
ben beiben lebten Sänben enblidj, welche ficb ber Setradjtung bed Reformationd* 
jeitalterd unb feiner batjnbredjenben Sebeutung für alle golgejeit juWenben, öffnet 
fich bad ©rab ber Sergangenheit — ed ift rticfjt ju biel behauptet — unb lägt 
feine lobten leibhaftig auferfteljen. Tie greQtag'fc^e SRethobe, welche ejacte 
gorfchung unb bic^terifc^en ©eift feinfühlig berbinbet unb betfthollene glugblätter, 
Tagebücher unb Siograpfjien jwingt, bie in ihnen gebunbenen ©eifter freijugeben, 
feiert hier ihre höt^ften Triumphe. Tie lebendootle Serbeutlichung berfunlener 
©pochen erreicht in biefen fdjönften Sänben bed SBerfed ihren §öhepunft. Tie 
aufgehenbe ©onne einer neuen 3eit wirft ihren Schimmer über biefelben, unb 
mit bewunberungdwürbiger Sunft wirb und bie ©poche bergegenftänblicht, in 
welker ber fchroffe ©egenfafc ber religiöfen Sonfeffionen bad Seben ber Söller 
beftimmte unb bie ©ontroüerfen ber Kirche atled erfüllten unb oerwirrten: Staat, 
gamitie, SBiffenfdjaft, USotitif. Ter ©tanjpunft wol bed gefammten SBerfed ift ber 
oon £utf)er h®nbelnbe Slbfchnitt, ber jur ©äcularfeier bed grogen Reformatord 
feparat heraudfam. greptag hol biefen, wie er ihn felbft nennt, gewaltigfiten 
©harafter unb tücgtigften SRann, ben Teutfdjlanb erzeugt, in feiner ganzen ehernen 
©röge erfagt; er hot ihm ein titerarifched Tenfmal errichtet, wie Dor ihm noch 
feiner, aber er hot babei bie SRängel unb Schwächen bed Sutljer'fchen ©eifted 
nicht überfeinen; nicht einen einzigen taftifchen SRidgriff feined gelben hot ber 
fcharffichtige Siograpp unerwähnt gelaffen; fie ftepen alle neben ben grogen ©igen* 
fchoften Suther’d in ber Silanj gebubt, bie unfer Slutor übet SBefeit unb SBerfe 
bed ftanbhaften ÜRönched oon SBittenberg gezogen hat. 

Slbgefehen oon bem reichen Stoff ber Selehrung unb Unterhaltung, Welchen 
„Tie Silber aud ber beutfchen Sergangenheit" im einzelnen bieten, lägt fich aud 
ihnen bad allgemeine gacit jiehen, bag fie und flar unb prägnant barlegen, wie 
ber moberne beutfcge ©eift, nachbem er bad gegfeuer ber Reformation unb bie 
§ölle bed Treigigjährigen Srieged überftanben, aud ganj befonberm Untergrunbe 
ermachfen ift, einem Untergrunbe jwar, wie ihn neben und ein anbered ©ulturoolf 
überhaupt nicht aufeuweifen hot. 

Sluger bem „Suther" h at fich oud ben umfaffenben ©tubien ju biefen „Sil* 
bem aud ber beutfchen Sergangenheit" noch ein jweited felbftänbiged Such lod* 
gelöft: „Äarl SRathp, ©efchichte feined Bebend", mit berSBibmung: „Tied fchrieb 
ber greunb bem greunbe, ein 3°utnalift bem anbern, ber iJ3reuge banfbar bem 
Sabenfer." SDian barf biefed Such oom Seben bed ebeln Solfdfrcunbed unb her* 
üorragenben liberalen Staatdmanned in ber Tpat ein claffifched nennen. SBad 


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(ßuflap ^freytag. 


(65 


bie Ueberficßtlicßfeit in bec 2tnorbnuug beS tu eit gegriffenen Stoffes, was bie feine 
föunft in bev organifcßen ©lieberung beffetben, was bie htappe unb bodj in aDen 
feiten gefättigte Sarfteßung, was oor aßem bie fräftige unb ebenmäßige H«rauS= 
geftattung beS gefcßilberten SßarafterS unb ben freien, burcßauS felbftänbigen 
Stanbpunft beS 2lutorS über ben wecßfelnben Meinungen ber 3eit betrifft, ßat 
greßtag BoßenbetereS unb Schöneres biefer 2trt faum je gefcßrieben. SaS Bucß 
eßrt beibe, ben Porträtmaler wie ben porträtirten. 

2cß ßabe im Obigen bie SRomanbicßtungen unb bie culturwiffenfcßaftlicßen 
SBerfe greßtag’S in ben fireiS ber Betrachtung gejogen. @S erübrigt nocß, in 
eine frühere SutwidelungSpßafe unferS SicßterS jurüdjugreifen unb feine brama» 
tifcßen Schöpfungen ber Beleuchtung ju unterließen. 

greptag, ben wir als einen fo gtängenben Epifer lennen gelernt, unb ber t>on 
ber heutigen ©eneration auch befonberS als folcßer gefeiert wirb, hat feine erften 
Sorbern als Sramatifer errungen. 

SRacßbem er in ben 3aßren 1839 unb 1840 ein fpäter (1845) unter bem 
Sitel „2luS BreSlau" erfcßieneneS Bänbcßen wenig marfanter ©ebicßte oerfaßt, 
bie ihrem Hauptinhalte nach baS polnifcße glücßtlingSleben jener Sage patßetifcß 
unb etegifcß beftngen (nictjt immer im Sinflang mit feiner fpätern 2luffaffung 
biefeS SßemaS), bebutirte er 1844 mit bem brei 3aßre juOor gefcßriebenen Suft* 
fpiet „Sie Brautfaßrt ober ffunj üon ber Stofen". Ser ©egenftanb, ju beffen 
poetifcßer Bearbeitung ber Sicßter fiep namentlich bureß gugger’S „ffißrenfpieget 
beS HanfeS Oefterreicß" angeregt füßtte, ift bereits früßer mehrfach beßanbett Wor= 
beit, unter anberm oon Seinßarbftein. Ser bamats faum jum SJtanne ßerangereifte 
greptag ergreift baS Sujet mit ber ganzen ßueüfrifeße ber 3ugenb. Sie Eßarafteriftif 
beS abenteuertuftigen ÜJtajtmitian oon Oefterreicß ift trefflich, unb nur bureß ben 
fprubetnben SEBiß unb bie feine Scßalfßeit beS Starren Äunj wirb bie ©eftalt beS 
jungen ffaiferfoßneS einigermaßen übertrumpft. Sine anmutßige gigur ift ferner 
ber Bube ftuni, ber Stetter 3JtajimiIiau’S aus fran^öfifeßen gaflftriden, ber fieß 
fpäter fo reijenb a(S üßtäbeßen entpuppt, um ben ftugen Äunj mit H°nb unb 
Herj ju beglüden. geßlte nießt bie Einheit beS 3ntereffeS unb wäre bie H°nb= 
(ung nießt gar ju breit angelegt, fo ßätte baS fed ßingeworfene Stüd, baS bei 
einer Eoncurrenj ber berliner H°f^nßne neben brei anbern Suftfpielen ben Preis 
errang, eine bauernbe Bereicherung unferer ^Repertoires abgeben fönnen. Sntereffant 
ift eS, wie Sßaraftere, bie in bem fpätern ©eflattcnfreife ber greptag’fdjen Sicß* 
tung baS Bürgerrecht erlangen, ßier ißre Scßatten bereits oorauSwerfen: fo ber 
cßeoalereSfe SRajimilian, fo ber gutmiitßig feßatfifeße S’unj, fo oagabunbirenbeS 
Bolf unb SRitterfcßaft oerfeßiebenen ÄaliberS — lauter Sppen, bie in ber golge* 
jeit bei unferm Sicßter immer wieberfeßren unb feiner Sßtufe ju ben feßönften 
ftränjen oerßatfen. 

ÄuS berfelben 3eit wir bie „Brautfaßrt" ftammt grcptag’S jweiter brama- 
tifeßer Berfucß, baS gragment gebliebene Irauerfpiel „Ser ©eleßrte", baS im 
3aßre 1844 entftanben unb 1845 in 2lrnoIb Stuge’S „Poetifcßen Bilbern" juerft 
jum 2tbbrud gelangt ift. 2lucß in biefer 3 u 8 e nbarbeit, oon ber unS ber erfte 


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\66 


Unfcre .geit. 


8Ict öotlenbet üorliegt, finben wir ein fpäter öon greptag meljrfaf öerwenbeteS 
SOlotiö im öorauS angebeutet: SGBatter, bet £>elb, rettet fif aus bet Unnatur unb 
Verberbfeit bet ©efettfc^aft „ins Voll". 2Ber glaubt ^iet nift baS Programm 
öon „©oll unb $aben" ju hören, baS bie Arbeit beS VolfeS als ben öornetjmften 
©egenftanb ber mobetnen Siftung proclamirt? 2Ber ^ört ^iet nift gewiffe 
©runbftimmungen ber „Verlorenen |>anbffrift" unb ber „Sournatiften" öorauS* 
Hingen? 

SJiit feinen beiben näfften bramatiffen Stiftungen, ber „Valentine" (1847) 
unb „®raf SBalbemar" (1850), tritt greptag in baS ©tabium feiner bif teriff en 
Vollreife — ber SRuhmeS* unb EroberungSlauf feiner SOiufe beginnt. Sie 3“ 5 
gef)örigfeit ober minbeftenS bie nafje öerwanbtffaftlife Vejieljung beS greptag 
jener Sage jur jungbeutff en ©f ule wirb burf biefe SBerte unleugbar beglaubigt; 
fre emancipirten Neigungen, itjre gegen ©efeUffaft unb Srabition gerichteten 
teformatoriffen Veftrcbungen, ihre Vorliebe für SluSnahmSejiftenjen unb feoalereSfe 
Eparaftere, ihre ff arfe Sialeftif unb ihr nonchalantes Umfpringen mit ben tanb* 
läufigen Vegriffen öon 9tef t, ©itte unb Epte — oH bie8 fetmjeifnet fie als mit 
öollem Vewufjtfein in ben SBaffern ber bamaligen jungbeutffen 3eitftrömung 
ffwimmenb. Veibe ©tücfe treten öon jwei öerff iebenen ©eiten — ^ier oon ber 
beS 3HanneS, bort öon ber beS SBeibeS — an baS gleiche fociate V*obtem pinan: 
fie bringen bie Vefreiung aus trabitionellen Vorurtheiten burf eine tiefe Siebe 
jur Sarfteflung; ber Sonftict ift fomtt in beiben ein wefentlif pfpfologiffer, 
unb bie überaus feine unb fubtile Sialeftif, mittels Welfer fie conöentionetlen 
Slnffauungen unb Verfeprtljeiten ber ©itte unb ber ©efeUffaft mit ben SBaffen 
freien unb öorurtpeilSlofen SenfenS ju Seibe gehen, leiht ihnen einen befonbern 
SReij, ben 8?eij beS DppofitioneHen, ber benn auf feine SBirfung auf baS 
Vublifum nift öerfehlte. 

Sie „Valentine", an Welfer franjöfiffe Einflüffe nift ju öerfennen ftnb, 
ging mit entffiebenem Erfolg über bie beutffen Vühnen. SaS war begreiflif: 
bie §auptf araftere ermangeln jwar — eS ift unleugbar — tieferer Erfaffung unb 
pfpfologiffer Vegrünbung; fie finb öorwiegenb auf ben featraliffen Effect ju* 
geffnitten, unb öoüenbs ©aatfelb ift eine auf SBiflfür aufgebaute Sfiftenj unb 
wirft als Sieb äftfjetiff oerlepenb, aber fo elegant unb elaftiff War bie beutffe 
©prafe öon ben Vretern herab lange nift erltungen; überbieS ift jebe ©eene, 
öom ©tanbpunfte beS ©anjen aus wie für fif betraf tet, Hug unb fein gebaf t, 
in fif runb unb bewegt, unb naf äugen hin jwecfbienlif unb fpannenb. SaS 
VatfjoS ber Ueberjeugung befeelt bie ganje Siftung. Subem ift alles in fr 
farafteriftiff hingeftellt, inbiöibueß gefärbt, eigenartig gehalten unb öon einer 
gewiffen Energie ber Stimmung erfüllt, bie über bie Klippen unb Slbgrünbe ein* 
jelner gewagter ©eenen unb ©ituationen hinweghitft unb hinWegtäufft. 

SaS Verhältnis öon Vilb unb ©egenbitb jwiffen ber „Valentine" unb bem 
„©rafen SBalbemar", Welfer lottere, nebenbei bemerft, juerft in ben „©renjboten" 
jmn Slbbrucf gelangte, ift unoerfennbar. SBirb bort eine ebfe grauennatur, eine 
Slriftofratin, burf einen ÜJfann auS bem Vürgerftanbe öon ben Vorurteilen freS 
©tanbeS befreit unb einer normalen Sluffaffung beS SebenS gewonnen, fo fehen 


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(ßuftap Jreytag. 


\67 


Wir ^ier ba$ umgetehrte S3ert|ältni§: ein ariftolratifcher Sßüftting, ber in ben 
Vanben bet Salon» unb ber £>atbroett fich in eine 6(aftrte üRenfdjenberadjtung 
eingemiegt ^at, wirb burdj bie Siebe ju einem nnoerborbenen ÜRäbdjen au8 bem 
Volle ju feiner urfprünglichen Südjtigteit jurüdgeführt unb einem gefunben Sicnfte 
ber ülftenfchheit Wiebergegeben. ,,©raf SBalbemar", ber fid), toie bie „Valentine", 
fchnell bie Sühnen eroberte, erreicht nicf)t bie fünftlerifdje §öt)e feiner Vorgängerin, 
obgleich bie Gljaraftere in ihm minbeftenö fo tief erfaßt finb wie in jenem Stüde; 
benn er baut fid) jum X^eif auf unbenfbaren Vorau$fe|ungen auf; er leibet 
ferner an einem rein nooeHiftifcfjen Schluß unb an gemiffen tfjeatralifchen Heber» 
treibungen, bie nicht nur in ber miüfürtidj tenben^iöfen unb übertriebenen Stuf» 
tragung üon Sicht unb Schatten — baä eine auf ber Seite ber tieberlidjen Slrifto» 
fratie, baö anbere auf berjenigen beö fitttic^en ÄleinbürgerthumS — berufen, 
fonbern auch tu outrirten Scenen fühlbar werben, wie in bem Sluftritt, in bem 
bie ruffifdje gürftin auf ben Sefifc SEBalbemar’ö ocrjic^tet. Stuf einen weitern 
SJlangel be$ StüdeS enbtidj weift ber Sichter fetbft mit einem gemiffen greimuth 
in feinen autobiographifdjen SJiitttjeitungen hin. ®r finbet einen gehler beö 
„SEBatbemar" barin, „baß am Schluß bem 3n>eifel Saum getaffen wirb, ob ber 
gebefferte £etb in bem neuen Seben, ju bem er fid) plöfclich entfdjtoffen, au$« 
harren werbe". „Siefe Schwierigfeit", erflärt gregtag aitdbrüdlicf), „ift nicht über» 
wunben. Sie war aber wot ju überwinben, wenn ich bie SBanblung am Schluß 
fchon mätjrenb beö Stüdes burdj einen (leinen 3 u f a fe ju bem ©h ora ft er 
gelben beffer motioirt hätte. Saß ich bieö mährenb ber Strbeit nicht beutlich 
empfanb, mar entweber ein ÜJtanget ber Vegabung ober ein Scft üon Unreife." 
@3 wäre ju wünfdjen, baß ber Sichter noch h eu te ba$ üerfchutbete unb üon ihm 
fetbft fo richtig gewürbigte Verfäumniß nachhoteit möchte, ©in fchöner unb großer 
ßug ift aber im „©rafen SBatbemar" bie fefjarfe Vetonung ber Ueberjeugung, 
baß bie üornehmen ffreife üon ffrantheitöüorgängen tief jerfreffen finb, unb baß 
bie ©efunbheit einzig ba ju fudjen ift, wo Satur unb Einfachheit heimifch finb — 
im Sol!. 

Stehen bie „Valentine" unb „®raf SBatbemar" in einem gemiffen innern 3«* 
fammenhange mit ben Senbenjen ber „Sungbeutfchen", fo ift bie«, wenn auch nach 
einer anbern Sichtung hin, entfliehen auch in Vetreff ber britten Ijerüorragenben 
Vühnenbichtung gregtag’3 ber galt, in Vetreff beö Suftfpielö „Sie Sournatiften" 
(1854). Sungbeutfch ift in ihm baö SlctueHe unb journatiftifch 3ugefpi^te in^anblung 
unb @h ar °fteren — ein SJloment, ba8 biefeS gregtag’fche Suftfpiet mit ben gleich» 
jeitigen Vühnenbichtungen Saube’3, ©ufclom’ö unb anberer Vertreter beö jung» 
beutfdjen Vrogrammö gemein h Q i- ®' e ©rftärung liegt nahe; traten bo<h biefe 
Herren ju einem großen wie greptag fetbft, auö bem Säger ber Sageö» 

preffe in ba3 ber bramatifchen Sichtung über; fie (amen birect üom SebactionS» 
feffet auf bie wettbebeutenben Vreter; fie nahmen ben Sotljftift, bie tßapierfdjere 
unb baö ganje pubticiftifche $anbmerf3gefchirr mit hinüber in ben Sheöpiötarren — 
ba$ potitifche unb fociate Sageöintereffe fdjließt bei ihnen ein ©ompromiß mit 
ber ißoefie. 

„Sie 3nurnatiften" entrollen un$ ein Vitb ber potitifchen tßarteifämpfe in 


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Unfere 


, eIlt ^Dcutfc^tanb ber SReaction; fie führen ung etwa in bag 3 a h r 1853. 9tücf= 
ic&titt unb gortfc^ritt fielen ficf) in gefc^toffener pijalanj gegenüber, unb bie 
r£ctge&P Te fi e ‘P bag ©tlachtfelb, auf bem fie fich begegnen. @8 Ijanbelt jt<h um 
^- c fSßai) 1 für bie nächfte Sanbtaggfeffion. Dabei wirb ein big ittg ©injelne 

•fa-fxeii* wohlgetroffeneg unb fauber auggefüfjrteg Sulturporträt ber ganzen Spodje 
vor un^ entfaltet; eg wirb ung junächft in braftifdjer fjorm bie SBirtung ber 
ootitif^cn SSa^lumtriebe auf bag Familienleben jur Slnfcfjauung gebraut; bie 
*o u ftüttbe beg beutfdjen ©ürgerftanbeg werben ung uergegenwärtigt: bie potitifclje 
l lrtre if e aller Greife, bie erften ©ehöerfuche ber Nation in ben parlamentarifdjen 
fi?int> er f < ^ u ^ en ' ** ebe ®rtefleit, bie plumpe Dummheit, fe^neßfertige« Streber* 
tburri unb feilte ©elegenljeitgbienerei: all bieg, furj bie Phhfiognomie ber Bert 
wi*t> ult8 00n ’^ ret Reitern ©eite gefchilbert, wie eg bem echten Suftfpiel ju= 
ober eg werben ung bei biefem einfeitigeu Verfahren im ©runbe bodj nur 
j,i e red^l unjulänglidjen SBaffen beg Dagegfampfeg, bie bloßen 2leufjerli(f)teiten ber 
c orl |^itutione(l en Vewegung bramatifch aufgemiefen, bie ibealen Sntereffen ber Bert 
b ac0 e1t ^ ommen * m SRowor ber Parteiumtriebe gar nic^t ju SBorte — bie tiefere 
e c i> er Vorgänge bleibt jieralidj unberührt. 2Ran ljot pr ©ntfräftung biefeg 
jgortottrf 3 eingewenbet, bafj bag Bntereffe an ben Sanbtaggwaljlen bei ber SKajorität 
in jenen logen überhaupt lein tiefereg gewefen. ®ut! Slber bag jugegeben, ifl 
bot& 3° rberun Ö 9 eto t gerechtfertigt, bafj aug ber intereffe* unb berftänbnifj* 
ooöett SWinorität — wer leugnet fie? — wenigfteng eine einzige ©eftalt, bie eine 
tiefere ©tfaffung ber Beitaufgaben repräfentirt, hätte herauggegriffen unb in bie 
ftanbfnnfl geröeft werben foHen, uttb wenn auch nur an bie Peripherie ber $anb* 
luna- unbe ^ abet beg dichten Suftfpieldjarafterg ber „Sournalifien" 

unb in D0 ^ em ®' n rt°ng mit ber realiftifchen Haltung beg ©tücfeg gefeffehen fönnen. 
ggj r fio^en hier wieber auf bag mehrerwähnte Deficit im bicf)terifchen können 
Fr euta0 r & : waä w * r an "®°H «ob £>aben", an ber „Verlorenen §anbf<hrift" unb 
bem <§5cfj* u PP e ' n bcS 9 ro &ortigen Vaueg ber „SltjiKn" üermifjten, bag fehlt auch 
tj er . bie &öh e ber Sluffaffung unb bie SBeite ber Perfpectiüe. Volj, ber &elb 
beg tonn nach tiefer ©eite hin nicht genügen, ebenfo wenig irgenbeiner 

unter t» crt Trigen ®Ooralteren. Slbgefehen twn biefem Mangel hoben aber bie 
©eftalten ber »Sournaliften" ben frifchen SBurf unb ©hi £ beg echten Suftfpielg. 
Die ieii> en ^ouptträger ber §anbtung, Volj unb fein weiblicher ©ecunbant, 
Übelheit*/ h oben Saftigen Dollen tperjfdjlag; Volj ift eine burchoug beutfehe Statur 
ooH ßuntor unb Vegeifterung jugleich; er h fl t ©emüth unb boch einen feinen 
©tidj in£ Sronifche; er bewegt fiel) mit leichter ©leganj unb hält bie gäben ber 
9lction in fi<^ erer $ at, b» big er fie feiner anmutigen Partnerin allein übertägt. 
Diefe, $lt>elh c 'b' *P oiedeicht bie grajiöfefte Frauenfigur Freptag’g, elaftifch, froh- 
li*, finbifl/ ein Reiner ®W°mat mit bem Säckeln ber Schelmerei um ben SJtunb, 
„eine h eDe ® e P a,tt,, ' um einen 2i e btinggaugbrucf unferg Dichterg ju gebrauchen. 
Unb alg prä^tigeg, epifobijeheg ©egenbilb biefeg jooialen Paareg bie ehrenwerte 
Familie <ßiepe»brinf! ©ute Seelen, aber Pfahlbürger Bug um B«g! ®g pnb 
SRenfchen, n»»e «nf ere lic ben «Rächften meifteng: fie fifcen breit unb fidfer auf ihren 
überlieferte» $«W auun 9 eu u «b Vorurteilen, alg wären eg lauter pure SEBahteiten 


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(Suftao ^reytag. 


169 


unb unanfechtbare Voftulate; fie ftepen im Zentrum eines Möglich engen ©eficptS* 
{reifes unb zeigen babei, wie es im Seben meiftenS gefunben wirb, ein ungemein 
robufteS ©elbftbewufjtfein. 2BoS aber mit ihnen oerföhnt unb iljre ©eftalten un= 
enbticp ergöplidj macht, baS ift ihre tölpelhafte VertrauenSfeligleit, ihr grohfinn, 
ihre $armlofig!eit. VerooHftänbigt wirb ber ÄreiS burch bie SRebacteure unb 
SRitarbeiter beS SlatteS „Union“. Ser tprifeh angefäufelte, ^örtlich fcpmachtenbe 
VetlmauS, SRebacteur für „Sjeater, SRufil, bitbenbe ffunft unb allerlei", ber 
hungerige, fingerfertige ©chmocf, journaliftifcher Sogelöhner beim „Soriolan": 
wer begegnete ihren Ur= unb Vorbilbern nicht nod) heute bupenbweife ju fieipgig 
unb ©etlin in ben AbminiftrationSbureauS unferer ißublicifti!? ©onfequent finb 
freilich nicht alle ißerfonen burchgeführt. ©o fehlt bem confertmtiben SBahl* 
canbibaten, bem Dberft Verg, bie rechte innere ©taubwürbigfeit, unb fchemenhaft 
bleibt ber liberale Sanbibat, bet ehrliche ißrofeffor Qlbenborf; ferner finb ber 
intriguante ©utsbefiper ©enben unb einige anbere giguren gar ju unausgeführte 
©eftalten. Aber trop biefer ÜRänget finb „Sie gournaliften" ber geachteten 
©teQung in ben ^Repertoires unferer Später burchauS würbig, welche fte feit 
ihrer erften Aufführung im ©tabttheater ju VreSlau (8. Sec. 1852) einnehmen; 
benn was feinfinnigen #umor, realiftifches Seitcolorit unb forfcpe güprung ber 
$anbtung betrifft, pot &oS moberne beutfche Suftfpiel ben „Sournaliften" nicht 
biel an bie ©eite ju ftellen. 

3m Sahre 1859 erfchienen „Sie gabier", unferS Sichters lepteS Srama. 
Sie Xenbenjen ber „gungbeutfcpen", $u benen greptag fich in ber „Valentine" 
unb im „©rafen SBalbemar" theilmeife belannt hotte unb bie in ben „Sourna* 
liften“ faum noch nacpllangen, waren inzwifcpen öon ber Seit ziemlich überholt; 
Wir hoben gefehen, wie entfliehen unfer Sichter, gemeinfam mit gulian ©chmibt, 
in ben „©renjboten“ bie Sbeen ber neuen ©poche journaliftifch oerfochten, wie 
rücfpaltSloS er bie Aufrichtung beS SßotfeS burch pflege beS nationalen VeWufjtfeinS 
unb Hebung ber materiellen SebenSbebingungen als bewegenbeS ©runbprincip 
feiner gorberungen pingeftetlt unb wie fcpneibig er ber jungbeutfchen ©chute bie 
gehbe angefagt. AIS Antwort barauf hotten bie ©upfow, bie Saube, bie $üh ne 
unb Seroalb auS ihrem oerfdjanjten Säger mit Sritifen unb Artifetn, mit ©ffapS 
unb Vrofcpüren ein praffelnbeS unb fnaflenbeS geuer gegen ben „Renegaten“ 
greptag eröffnet unb fein „©oll unb £>aben" wie feine „Sournaliften" mit ber 
äpenben Sauge ihrer Ißolemif überfchüttet. 

Vielleicht ift bie glucht auS bem Äampf unb $aber ber ©egenwart, welche 
„Sie gabier" bebeuten, als eine IRiicfroirfung ber 2RiSftimmung ju bezeichnen, in 
Welche biefe jungbeutfchen Angriffe unfern Sichter nothwenbig üerfepcn muhten. 
„Sie gabier" Oerlaffen bollftänbig ben oon greptag in feinen übrigen bramatifcpen 
Schöpfungen cultioirten mobern focialen Voben unb befteigen ben Kothurn bet 
antifen Sicptung, inbent fie uns bie Auflehnung beS römifcpen VürgertpumS gegen 
bie Votricierperrfchaft in einem bicpterifcpen ©emälbe zur Anfcpauung bringen; 
fie zeigen uns baS republifanifcpe SRom im Kampfe mit bem oolsfifcpen SSeji, unb 
an bet ©pipe biefeS Kampfes für bie Siberftabt baS alteprmflrbige ißatricier* 
gefdjlecpt ber gabier unter bem ©onful ßaefo gabiuS. Auf biefem $intergrunbe 


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\ 70 


Unfete ^eit. 


er*tw>icfelt ftc^ ber ßonflict awifdien ben AbelSgefchledjtern unb bem Bolf, als 
er ff en Borfämpfer ber alte SpuriuS gciliuS tn ben Borbergrunb tritt. @S wäre 
ü fprigenS eine Berfennung ber et^ifc^en Bebeutung ber „gabier", wollte man bie 
<E>idjtung, weit fie fid) bem Stoffe unb aud) ber Sonn nach böHig in ben ®leifen 
afabemifcfjen $ramaS bewegt, im Sichte einer bloßen äfthetifcfjen Stubie be= 
txroc^ten — fie ift bei Weitem mehr. geh tann ber Sluffaffung böttig beiftimmen, 
tc»eWje in iljr bie antife Berfappnng eines für bie moberne 3bee oott begeifterten 
yf^oeten erblidt. greptag entrollt unS in ben „gabiern" bie tiefe Xragif, welche 
fiir jeben, nicht bloS für ben römifchen, Staat in bem Kampfe ber SRädjtigen 
mit ben Ohnmächtigen, ber SBiffenben mit ben Unwiffenben, ber Befifeenben mit 
bett (Enterbten liegt; er weift mit bem ginger barauf. Wie gefahrbroljenb felbft 
für ben Beftanb beS Staates bie gewollte gfolirung unb principielle Trennung 
ber <Stänbe ift, unb bringt biefe gefc^ic^tSb^itofop^ifc^e gbee in einer wie jufätlig 
ber antifen SBelt entnommenen ^anblung marlant jum AuSbrucf. „3)ie gabier" 
finb alfo im ©runbe actuetl wie bie übrigen Dramen greptag’S auch. ®er ißtan 
ift fein erwogen, bie äJtotioirung fubtil, ber ßonflict gewaltig, bie ißerfpectibe 
groß, ber StimmungSwechfel reich, bie $iction maßooH unb bie ftanblung fpannenb; 
außerbem finb bie ßharaftere tief tragifcf» erfaßt, unb in ihrer Ausführung, bie 
einen Ijetbenhaften 3ug h fl t, ift bie Klippe moberner Schönrebnerei, bie ber becla» 
matorifchen AlterthumStragöbie fo oft berhängnißbotl wirb, gefchicft umfcßifft. Unb 
bod|! ®cr ooden Söefriebigung beS am OueH greptag’fcher ^Dichtung Xrinfenben 
fteht auch hier ein ®tmaS hinbernb entgegen. SßaS fönnte eS anberS fein, biefeS 
ßtwaS, als baS alte „bis hierher unb nicht weiter!" ber greptag’fchen SDtufe? 
®ie realiftifche Statur unferS 2)idjterS, bie fühle, teibenfchaftSlofe ©runbftim» 
mung, bie ihn beljerrfcht, reicht nicht aus jur Bewältigung großartiger ßonflicte 
im ©eifte ber antifen Uragif; eS gebricht ihr trofc ber foeben heenorgepobenen 
großen Borsüge $u fehr ber ^odjftug eines fdjwungbollen IßathoS unb bie 
überjeugenbe 9Ra<ht eines pinreißenben bramatifchen BortrageS. dagegen ejcel» 
liren „5)ie gabier" ferner burch eine öollenbete Äunft beS Aufbaues, eine arepi» 
teftonifche Schönheit in ber ©efchloffenhcit ber ßompofition, wie fein anbereS 
ber greptag’fcpen 2)ramen biefe in gleichem SJtaße aufweift, ßjpofition unb 
Steigerung finb muftergültig; bie ©ipfelung ift effectüoll, bie impofante ©ericptS» 
feene beS bierten ActeS in technifcper Beziehung unübertrefflich, unb auch Umfehr, 
Sataftroppe unb ßrpebung laffen bie ibeale ßinie ber ßompofition nirgenbS ber» 
fennen. greptag befunbet in ben „gabiern" eine erfepöpfenbe Bertrautpeit mit 
ben ©efepen beS bramatifchen Aufbaues, als beren berufener gnterpret er fich 
übrigens, um baS fcpließlidj noch furj ju erwähnen, auch in bem maßgebenben 
theoretifchen ÜBerfe „2)ie Jecpnif beS $>ramaS" (1863) erwiefen pat, einem Buche, 
baS mit großem Aufwanb bon ©elehrfamfeit unb biepterifeper Dioination aus ben 
claffifchen Bühnenbichtungen ber SBeltliteratur bie ©efepe für ben correcten Bau 
beS 3)ramaS ju conftruireit fucht. 

SBaS bie Schöpfungen ©uflab greptag’S neben ihrem tiefen geiftigen ©ehalt 
charafterifirt, baS ift nicht fornol baS unleugbar Aparte ihres ©eprägeS als bie 


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©uftao ^reytag. 




ebetftolje Energie unb a6fotute Efjrticbfeit bet ^ier in bie Erlernung tretenben 
bicbterifcben ißerfönlidjfeit. greptag ift lein ißoel, ber mit bet ©efte be« %xu 
bunen für feine Sbeate feurig eintritt; et ift fein tmlfanifdjer ©eift oon jener 
flantmenben Seibenfdjaft, bie in bet einen |>anb ba« ©ein, in bet anbetn ba« 
Sticbtfein trägt unb ein brüte« nicfjt fennt, fein literarifdjer £itan, ber ben Dffa 
auf ben ißetion t|ürmen möchte — nein, SJtafj unb Stube wiegen in feinen ißro» 
bürten not; biefe ißrobucte trogen ben Stempel echten beutfcben ©eifte« unb fjaben 
ju beffen Anregung unb Seranfdjaulidjung macfjtDofl unb fegenSreicb gewirft; an 
bärtige greube an beutfcper 2trt unb beutfd^em SBefen erfüllt fie; Dichter unb 
©etebrter reifen fidj in greptag bie #anb. Urfprüngticb eine naibe Statur, bat 
er nicht auf gehört, in ftrenger Arbeit an fiep felbft bie ©renjen feine« SBefen« 
ju erweitern; in Swift unb ©efebiepte §at er SBaljrfieit unb Schönheit gefugt. 
Unb wie bief be« Schönen unb ©rofsen §at er arbeitenb unb fuepenb erreicht! 
©ermanifepe« Seben, geiftige« wie politifepe«, ben SBerbegang unferer Station bon 
ben Urjeiten bi« beute fpiegeln feine SBerfe in jum XEieil unDergängticpen gornten 
wieber. Zweimal, in ben „Silbern au« ber beutfepen Sergangenpeit" unb in ben 
„flpnen", ift er ber Entwertung be« beutfepen Sotfe« biebtenb unb benfenb nacp= 
gegangen; al« gournatift wie al« Stebacteur ift er, treu im Säger be« Siberali«* 
mu« au«barrenb, für bie nationale Einigung Deutfcptanb« unermübtiep eingetreten. 
Sebarrticpe Siebe jum Sott ift bie ©eete feiner Dichtung, feine Station ftnrf unb 
tüchtig ju feben ber SBunfcp feine« Seben«. Sein beutfeberer Siebter at« unfer 
©uftat) greptag! 


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3Vm ^Eeufelsfee. 

SloneHe 

öon 

®mtl Staubert. 

(gortfejjung.) 


n. 

gnjwifdjen fprengte SBalbemar burdj ben SBalb. (Sr fabelte fidj, bag bie 
bäntonifche ©cfjönheit feine« Schübling« auch ih« nicht unberührt gelaffen; aber 
e g foDte ba« erfte unb te^te mal fein, unb er wollte fich fdjon wappnen gegen 
bie Steigungen ihrer Stäbe! (Sr mäßigte bie ©angart be« Stimme!« auf bem 
halb erreichten ©anbwege, jünbete eine ßigarre an unb überbaute, wa« unb 
rote er ju ®ri<h {preßen foüte. 21 in SBegweifer angelangt, lieg er ba« ©ferb, 
roie »orbem, juritcf unb fdjritt nicht ohne Unbehagen bem beribeflemmenben 
2 Bteberfef>cn entgegen. Da« Sifferblatt feiner Ufjt, welche« er mit bem ©lüfj 5 
branb be« Dabacf« beleuchtete, jeigte genau eine ©tunbe öor SHitternacht, unb fo 
burfte er ficb auf ba« (Srfcheinen be« alten S'ameraben gefügt machen. 

«Bon ber tlngöbe überblicfte er ben See; ber SJtonbftrahl fpiegelte fich in bet 
SJiitte beffelbeit; um fo biifterer gähnte ba« Söaffer ju beibcn ©eiten ber bie glut 
burc^fd^ncibenbeti Sichtbrücfe. Der Slnblid roar ihm ein Slbbilb ber ©eele be« 
franfen greunbe«: ein flammenber Sidjtftrahl ber Siebe, neben bem fich bie 216= 
griinbe ber §ööenqual öffneten. 

2tu« ben liefern be« gegeniiberliegenben Ufer« trat ein SDtann Ijetbor, ber 
unruhifl am ® aum be« ©eroäffer« heranroanbelte, über ©chilf unb ©infen fpähte, 
mit fich felbft ju reben fchien, bie 2 lugen unftet in bie SRunbe fchweifen lieg unb 
julefct an ber Keinen ©teinptjramibe anhielt, bie er mit bem guge umftieg unb 
angftootl mit ben $änben bunbwüfjtte. 

„Slara, ßlara!" rief er roieberholt in bie Suft l;inau« unb erregte einen 
SSiberhaö/ be« Kagenb öott SBipfel ju SBipfel 50 g. 

„©rieh non §ochborf", antwortete SBalbemär mit weittönenber Stimme, bie 
ba« (Scho awfnahm unb breifach jurüefgab. 

«Bon bem ©eifterruf feine« Slawen« erfchrecft, fah ber Stachtwanbler auf unb 
fagte ben SDtann in« 2luge, ber jefct au« bem ©chatten feine« ©tanbpunlte« heroor* 


j, 


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~ 


*73 


21m Ceufelsfee. 


fam unb, com ooflen SDtonbglanz umflogen, mit erneutem ©nruf ben ©bfjang mit 
großen Stritten ^inobftieg. 

©leicß barauf ftanben bie beiben SDtänner ficß ©tim an ©tim gegenüber. 
„Du fjier, ©Salbemar?" ftotterte Erich, nadjbem er fid) überzeugt, baß er nicht 
träume, unb mit wachfenbem ©rftaunen ficf? in bie Süge beS einft fo heißgeliebten 
ßameraben jurüdgefunben hatte. 

„Doch fo wunberbar nicht!" oerfeßte ber Schloßherr. „Oft bieS nicht mein 
©runb unb ©oben? ©ib mir bie §anb, ©enoffe meiner Ougenb, unb brüde 
fie mit einer Onnigfeit, bie uns über bie Trennung oon fieben fangen 3 a h tcn 
ßinwegtäuf <ht!" 

„©on fieben fangen fahren", roieberhofte ber anbere unb fdjfug in bie bar* 
gebotene Sterte ein, oon bem weichen treuherzigen Slang ber ©timme, bie einft 
fo oief äJtacfjt über ihn geübt, im Onnerften ergriffen. „Du hier?" fagte er noch 
einmaf. „©Sie fonnteft bu mich auS fo weiter Seme im Broielicht ber Stacht 
erfennen?" 

„Och habe bi<h erwartet. Du freilich fuchteft nicht mich, fonbern ein gräulein 
©lara ©reitenftein." 

©rieh trat einen ©chritt jurüd. ©eine bfaffen ©Sangen rötheten fid) unb eine 
argwöhnifche Spannung brüdte fidj in feinen ÜJiiencn auS. 

„$öre mich an, greunb!" fuhr ©Salbemar fort. „©in Sufall hat mir baS 
©orhaben entbedt, baS bich an biefen @ee getrieben, fpeute ift ber DobeStag 
meines 83eibeS, ben ich an biefer Stätte ju begehen pflege, ©egen ©benb um* 
Wanbefte ich ba£ ©Baffer, traf auf ben Steinhaufen, ben bu zertrümmert Ijaft, 
unb fpürte unter ber Spifce beffefben ein ©fatt auf, baS bie Unterfchrift beiner 
©raut trägt. Stiemanb fudjt biefen burch ben ©bergtauben beS SanboolfeS be* 
rüchtigten fßfaj} auf, unb ohne meine Dazwifchenfunft rnäreft bu ber ginber gewefen." 

$aftig griff ber SebenSmübe nach bem Schreiben, baS ber greunb aus feiner 
©rufttafdje h^oornaljm, unb fuchte bie bfaffen 3^ifen zu entziffern. 

„Die ©tonblampe brennt nicht ^etf genug", fagte ber ©utsherr, „unb alle bie 
taufenb Sterne bort oben finb nicht im Stanbe, ben $immel$gfanz ber engef* 
gleichen Siebe, bie auS ben ©Sorten Efara’S fpricht, z» überftrahlen. Saß bir 
ben Onßalt berichten, wenn ich auch nicht febe Silbe treu im ©ebächtniß behalten 
haben mag!" 

©1$ er bie ©Siebergabe beS ©bfdjiebSgrußeS mit fchwanfenbet Stimme beenbet 
hatte, zudte ©rieh in namenfofer ©rfdjütterung zufammen, ftanb lange fpracßloS, 
führte baS ©fatt an bie Sippen, um es mit leibenfchaftlidjen föüffen z« bebeden, 
unb brach zutefct in bie gesammelten ©Sorte auS: 

,,©n biefem $eroiSmu£ beiner Siebe erfenne ich bich, & u unoergleidjlicheS 
Stäbchen! fteine Sprache hat ©uSbrud, um beinern ©betmutf) gerecht zu werben. 
Unb nun fdjtäfft bu bort unten auf bem graufigen ©runb, oon feiner liebenben 
$anb gebettet, unb ich Unmürbiger atßme noch unb ftürjc nicht hin, um mich in 
ber ©Soduft beS DobeS mit bir zu oereinigen?" 

©r eilte an ben SRanb ber glut. ©Salbemar hatte ißn genug geprüft, um fuß 
oon ber elementaren ©ewalt. feiner Steigung zu überzeugen, folgte ihm auf bem 


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Unfere <5ett. 


*7* 


guge unb umflammerte i£)n mit feinigen Sirmen. ®S mar ein furjeS Gingen auf 
Seben unb 2ob, bis ©ritp, ber öergebenS bie eherne Umfcpnürung beS ffameraben 
abjuftreifen trachtete, im ©eräufcp ber ftampfenben Xritte, in bem ©raufen feines 
©luteS ben Sinn ber SBorte oerftanb, bie ipm ber ©efäprte in bie Dpren ftprie: 
„©leib'! ©ie lebt, fie ift gerettet, fie ift in ber 9iäpe unb parrt auf bicp!" 

®a löfte fiep ber ®ampf; ber Uebermunbene fanf an bie ©ruft beS StetterS, 
pregte baS £>aupt auf feine ©cpufter unb fcpfutpjte mie ein $inb. Slflmäplitp 
öon bem ßufpruep SBafbemar’S befeproieptigt, napm er ben Strm beS greunbeS, 
fepritt (angfam mit ipm am Ufer auf unb nieber unb lauftpte ber ©rjäpfung beS 
oorfieptig ben Hergang entpütlenben SDtanneS. 2IIS biefer feine ©egegnung mit 
©lara, ipre ©eiepte unb feinen ©ntfeplug berietet patte, baS SDJäbcpen als @r= 
jieperin feines ßinbeS auf bem ©cploffe ju bepatten, fpraep er mit einbringli(pen 
SBorten auf ben Sameraben ein, üerpflieptete ipn, ber opferfropen ©raut bie »öde 
Sraft feiner Spätigfeit ju mibmen, um ipr ein enbticpeS, menn auep fpäteS ©fütf 
ju erringen, erbot fiep, bie ©erföpnung beS ©opneS mit bem ©ater felbft in bie 
4?anb ju nepmen, Iub ben fepon patb ©emonnenen auf baS perjlitpfte ein, bis 
bapin fein ©ut als eine greiftätte feiner Siebe unb eines mopltpätigen, feine 
©efunbung befepfeunigenben SBirfenS ju betrauten, unb fügte mit bem Xon un= 
roiberfteptiiper $ülfSbereitfcpaft pinju, bag feine ©efiptpümer fo reiep unb auS= 
gebepnt feien, um, falls ber gamilienjmift niept beijulegen märe, ein angemeffeneS 
©tücf baoon abjujmeigen unb feinem ©tubiengenoffen jur ©rünbung eines eigenen 
$eimmefenS jur Serfügung ju ftetlen. 

SBie fange patte ©riep eine fotepe ©praepe aufrieptigften SBoptmoHenS unb 
tpatenfroper greunbfepaft niept gepört! ®a hämmerte auep ipm bie Hoffnung 
auf einen neuen SebenSmorgen auf; ba üertor ber müfte Ort feine unmirtptiepen 
©(pauer unb ber griebenSglanj beS SRonbeS quoll mie ein Si<pt ber ©erpeigung 
um bie SBalbbäume, bie ipre SJiabelfronen in feierlitper Slnbacpt §u ben Sternen 
poben. 

„3<p pätte eS nitpt ertragen", fagte ber erfepütterte greunb, „bag ein grem* 
ber fitp in baS ©epeimnig unferer Siebe gebrängt, fiep mir unb ipr gegenüber 
über Seben ober 2ob pätte entfepeiben motten. Stber bu, SBatbemar, bift ganj 
ber Sitte geblieben, bift bie SRebficpfeit felbft! Unb foltpe potpperjigen Slnerbie- 
tungen rnaepft bu mir an biefer ©teile, too icp einft, bu meigt eS, in palbem 
SBapnroip opne ©rüg unb Slbftpieb baöongefprengt, mo icp beine ©aftfreunbfepaft 
mit petlem Unban! oergolten!" 

„Sag baS ©ergangene", unterbratp ipn ber ©utsperr. „®ie ©cpule beS 
SebcnS pat bitp in parte 3ucpt genommen, unb bie grutpt berfetben mirb bir in 
Bufunft maunpafte ©elbftbeperrfcpung fein." 

„0, pätte itp gemugt, bag bu mir niept unüerföpttlitp jürnteft", fiel ©ritp ein, 
„bag icp miep oertrauenSüofl an biep menben burftc... eS märe niept fo rneit mit 
mir gefommen! Oft mar eS mir, als ginge meine ©eefe aus ben gugen, als 
mügte meine Siebe miep tangfam pinmartern. !gtp quälte, mo itp befeligen foQte, 
icp ftpöpfte glutp aus bem ©orn beS ©liicfS. 2)u allein mürbeft mitp mie ein 
befonnener Slrjt auS Xieffinn unb ©erjmeiflung errettet paben! Slbet bie ©epam, 


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2tm Ceufelsfee. 


\75 


bie nur burch bie ©efchämung biefer Stunbe überboten toirb, fchloß mir ben 
Sföunb unb tjerfperrte mir ben Sugang ju beiner |>ülfe. 211g ich geftern auf bem 
©ege nach bem Seufelgfee ben Siebe! beiueö ©djloffeg in ber gerne auffdjimmern, 
als ich beute auf meinem nächtlichen Sobegpfabe ben Sichtglanj au£ ben genftern 
beineg fjaufeg wie ein Seudjttburmfeuer burch bie ©arfwipfel bliitfen fab, ein 
geuer, bag mir bie Stiftung wieg, um bag gahrjeug meiner Siebe bor bem 
©(^eitern ju bewahren, ba brängte eg mich an beine ©ruft, an beine @cf}weKe, 
unb mit bem jögernben guße jog ich mir bag legte ©ret unter meinen fchwanfen« 
ben Sritten hinweg. Sannft bu mir benn bergeben, unb fott eg möglich fein, 
baß i(h bie ©iebergeburt meiner greunbfchaft unb meiner Siebe jugleidj erlebe?" 

„Quäle biih nicht länger, Äamerab", begütigte ihn ©albemar. „Saß ung 
aufbrecben! Unter taufenb Slengften harrt ßlara, bi<b in ihre 2lrme ju fcfjließen." 

Sr führte ihn mit fid). 21m ©egweifer faß ber Sfnecht auf einem fchlichten 
Scfergaul unb hielt bie Sügel beg ©chimmetg unb beg Dteitpferbeg beg ©erwalterg 
in feinen ^änben. 

,,©ie liebreich h a f* & u für alles borgeforgt!" flüfterte ©rieh. Sie ÜJlännet 
hoben fi<h in bie ©ättel unb trabten burdj ben ©alb, ein jeber mit feinen @r= 
Wartungen befchäftigt, toährenb ber Unecht in ber gerne folgte. 

©or bem Shore beg ©orwerfghofeg ftanb ein jweifpänniger, Ijalbberbecfter 
©agen bereit. Ser alte SERüüer hatte ben ®utfcbbo<f befliegen unb grüßte ehrer« 
bietig bie 2(nfömmlinge. 

„©teigen ©ie ab", befahl ber ©utgherr bem ©raufopf, „unb forgen ©ie für 
unfere ©ferbe; ich felbft werbe bag gräulein unb biefen $etrn nach bem Schloß 
fahren." 

Ser tllte ftetterte h^ab. „Schmiege bi<h in bie eine ©efe beg ffiagenS, 
Sametab", raunte ber greunb bem greunbe ju. „9to<h einen 2lugenblicf — unb 
id) bringe bir bie liebengwürbigfte ©efeflldjaft!" 

©rieh that, wie ihm geheißen, ©albemar ritt burch ben offenen Shorweg 
auf ben SutSljof, unb ber ©erwalter führte ben lebigen ©raunen hinter if)ut 
hinein. 

©lara würbe burch ben ^»uffchlag, ber bon bem halb gepftafterten §ofe herauf« 
tönte, aug ihrem grüblerifchen ©innen aufgefdjrecft. Sag ©teinbilb, bem bie 
©ermalterin bergebeng einen $auch beg Sebeng abplocfen gefügt hatte, würbe 
wie burch «inen Sauber gleifch unb ©lut. $urtig eilte fie an bag niebrige 
genfter unb bliefte hiuaug. ©ie entfärbte fich unb hielt fich Irampfbaft an ben 
©foften feft. ©ben fprang ber Schloßherr aug bem Sattel; aber bag jmeite 
©ferb hatte feinen Steiter, unb bie entfejjlichften 3Rut£|maßungen beftürmten bie 
Seele ber ©päherin. ©ie fonnte eg nicht abwarten, big man ihr Nachricht gab, 
unb ftürjte bie fchlecht beleuchteten Stiegen h<uab. 21n bet Schwelle trat ihr 
©albemar entgegen. 

„3ft er tobt?" hauchte fie tonlog unb lehnte fich an bie glurwanb. 

,,©r lebt, ift gerettet wie ©ie unb freut fich 3>b rer 9lähe", berfefcte er unb 
beobachtete mit heimlichem ©ntjücfen, wie ber 2lugbrucf ber unfeligften ©rwar« 
tung bor ber ©erflärung ber feligften Ueberrafchung fchwanb. „©ilen ©ie burch 


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x 76 


Unfere <5eit. 


t>ett ^ortoeg, Sraulem Sfara , fügte et lä<hetnb hinau, „unb fälüpfen Sie unter 
baS «erbet! be* »aglein«! ©in fot<he« SBieberfehen berträgt feinen onbetn 
3cuflcn al« ben Sreunb bet Siebenben, ben SRonb." 

®f W t^t na<h, tote fie mit elaftifchen Schritten an ba« £[jor eilte, Bieft 
ben btenflferttgen «ermattet jururf unb fdjmunaette in behaglicher 6elbftaufrieben= 
^eit, oö «• unterbrücfter «uff^cet bon brau&en hereinftang unb et fi<h 
auömafte, baß fi<h au« bem Innern be« ©efährt« 8 n>et äRännerarme betbor= 

* te "\ZrtJrVZI'“/” 0 ' 1 ™''' 1 *' &eÜebk fyineitijUjiefycn 

un b in unlMbatet Umftrtcfung ju umfangen. 3a, bie atmen, mübe gelten 

i,n ****** ► *■* -» »•«•> 

wenigen fflitnuten ging er hinau«, fträngte felbft bie ©äule an, bob 
fi#, °$" e einen Wirf in ba« SSägtein ä u werfen, auf ben Sutfäerfifc unb ließ 
bie fftappen ““greifen. ®ie Siebenben merften e« nicht, baß fie fortgeaogen 

™“ Cb f "'nb UmWI "” 8tn ' * n “"” » “« «Wt uub «0« um fit 

” b . Mm M »“»•"I“ i» W. ehmu biuuuf unb empfanb riu, 
heitifle ®*[” eb, ® un f ®eifte bet berftärten ©attin, beten ©ebenffeier er heute 
beging, t ^anbeft; fie, bte mit ihrer unenblichen £er 4 en«güte jebe S^räne 

in 't) rev }* 9 " 9 iu tro * ,en - i cbcö ferne, ihrem SBIirfe erregbare Seib 4 u tin= 

berit fuch te , m “fj te feine ‘Ifjat über ben SBotfen toben. 

oft er auf bem Weiten SBege, ber ba« ©eräufch ber 3täber berfcfilana 
ein fjfüftee« hinter fa, ein beratene« tfüffen bernahm, fcßmang er luftig bie 
ißeitfch c unb er ^ u " te rtc bie «ßferbe wie ein harmto« bergnügter «Boftillon 

g?ach einer haften Stunbe war ba« Scßtoß erreicht. ®ie ®ienerfchaft bie 
über b« 5 “ nfle Ia " 9e . Ausbleiben ihre« $errn fcfjon in Sorge gerathen 

mat ' . "unb^eLgVeulbe'rTrf, 06 " *' C 00019 unoermu ^ ete *“*»nft einer ©r= 
aiehenn unb eine« Sreunbe«; hoch man war gewohnt, baß ber einfitbige ©ebieter 

bie Ueöerrafchungen liebte W fetten au«fpra<h unb btinben ©ehorfam Stlanl 
unb f» tt> flren 0,ete £ fl ube f°r°rt gefchäftig, ben «norbnungen beffetben gotge 
4 u feifte* 1 - ö 

% n twuhjer Xafet faßen ber «Retter nnb bie ©eretteten beifammen 9Kit 
finnigem. Ir „ f S!"? ^» ber »irth feine ©äfte WiÖfommen, bie burch bie St 
fettung ber Umfktnb biefer «Rächt genötigt worben waren, ihm ihr aebeimfte« 

^ e * Ie ftew 6 ® e ^ flU * nÄ «tt bem ©oft" b™ fte !* bta 5Räume ”, bur<h bie SBanbe be« 

* «•*»<«*" 9,äum '' um W“ •+ *- «»ti.« i. 5Ä.255 


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21m treufelsfee. 


\77 


ju geftalten, unb bat bie mittellofe, jeben halben Ueberfluß beS SebenS fo lange 
entbcljrenbe SBraut feines SreunbeS in ber jarteften SBeife, fid) ber in ben ©djränfen 
Woßloerwahrten ©arberobe feiner ©attin um fo mehr bebienen ju wollen, als bie 
lefctere bon ungefähr gleichem SBuchfe mit bem gräulein gewefen fei. 

Xann traten alle brei beljutfam auf ben gehen in baS S’inbetjimmer. Xer 
Pater begattete bie fterje mit ber Hanb, fobaß nur ein gebämpfter Sichtftraljl 
auf bie Heine X^etefe fiel, welche in lieblichem Schlummer in ihrem Pettchen lag. 
Pon ben frieblithen Hthemjügen beS anmuthigen äHäbdjenS, bon bem Hnblid ber 
rflhrenben ffinbeSunfcfjutb, beS jauberif^en ©ngeltraumS ging ein beruhtgenber, 
ben Hufruhr ber Seele befdjwichtigenber unb reinigenber Hauch auf bie Pefdjauer 
auS, unb fic brüdten fich beim Hbfcßieb bie £>änbe in bem erhebenben Pewußt* 
fein, einen Sunb gefchloffen $u hüben, ber auf gegenfeüige Hutung, auf rücfhaltS* 
lofeS Pertraueit unb fchöne Sittlichleit gegriinbet war. 

Sange noch, nachbem fich bie äWänner entfernt hatten, ftanb Elara bot bem 
Säger- ihres neuen Pfleglings, hauchte einen Kufe auf bie reine Stirn beS Plonb» 
lopfeS unb faltete bie Singer jum ©ebet, währenb bie Äiefern um ben XeufelSfee 
im erften SKorgenwinbe aufraufchten unb bie fchwarje Slut in leicht gelräufelten 
SEBeQen an baS Ufer ft^lug. 


III. 

©rieh »ub SBalbemar fchliefen nach ben Hnftrengungen unb ©rregungen ber 
wechfetbollen Stacht ziemlich tief in ben Xag hinein. 311S fie enblidj gemeinfam 
in baS PerfanunlungSjimmer beS SchloffeS traten, bot fich ih nen e ' n ^er^erquiefen« 
ber Hnblid bar. 

ßlara, bon ber ihr jugewiefenen SJtagb nach ihrem SBunfdje frühzeitig gewedt, 
hatte fich unter bem Peiftanb ber jubortommenben Haushälterin aus ben Sehränten 
ber berftorbenen Schloßljerrin ein gefchmadoolleS Sftorgenlleib gewählt, baS ihren 
SBudjS auf baS bortfjeilhaftefte heruorhob. Xann harrte fie mit bem Xienft* 
mäbchen im Äinbetjimmer auf baS ©rwachen XfjerefenS. SllS bie Heine rotf)* 
wangige Schläferin bie berträuniten Hugen auffchlug, lächelte fie ber wunber* 
fdjönen Srewben an ihrem Säger mit einem fo Ijolbfeligen HuSbrud ju, baß man 
hätte meinen lönnett, ein frommes Xraumbilb habe ihr ihren Scßufcengel in über-- 
irbifcher Slnmuth gezeigt unb fie wähne nun, benfelben als bie wonnigfte Per* 
lörperung ihres ©efichtS leibhaftig neben fich ä u erbliden. Pon ber äJtagb ber* 
fiänbigt, wer bie Xante fei, unb bon biefer mit mütterlicher Särttidjleit in bie 
Hrme gefchloffen, faßte fie fofort ein linblidjeS Pertrauen ju ihrer ©rjiehetin, 
ließ fid) ohne Scheu bon berfelben anlleiben, beantwortete ihre fragen mit un* 
befangener Offenherjigleit unb ftanb halb ganz unter- bem Bauberbann, ben ©lara 
fo oft an ihren Pfleglingen erprobt hatte. Pegabte Äinber haben häufig ein fei* 
nereS ©efüßl als bie ©rmachfenen für bie Harmonie Wahrer Schönheit, für bie 
SMobienfüüe ftimmlichen SBohllautS unb geben fich unbewußt bem einfchmeichetn* 
ben ©inbrud gefangen, Weit ihnen noch baS Schöne zugleich baS ©ute ift. XaS 
bewährte fich auch an ber Keinen Xherefe, unb nach einer Stunbe waren Sefjrerin 

Untere Seit. 1837. X. 12 


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[78 


Unfere ^eit. 


unb ©d)ülerin in einem fo traulichen Sinöerftänbnig, als ob fie fidj fc^on SWonate 
fjinburch befreunbet gemefen mären. 

Sie beiben greunbe fahen fich überrafcht an, unb ber ©ater befielt auf bem 
meinen Xeppich ben ©orfjang beS SimmereingangS eine SBeile in ber Hanb, um 
bie liebliche ©eene, bie er belaubte, nicht §u früh i u ftören. 

Glara fag auf bem Sioan; ber ©lonbfopf ftanb auf ihrem ©d}o$ unb um« 
ftriefte unter filbernem Sachen ihren SJiarfen mit feinen boBen Slermchen; ihre 
Häupter ruhten SBange an SBange, unb ihre Socfen mirrten fich in reigboBeni 
©piel ineinanber. 

Saum h^tte bie Steine ben ©ater entbeeft, als fie jubelnb auf ihn jufprang 
unb ihm, mie er ftch fofenb ju ihr nieberneigte, in bie Dhren flüfterte, er jofle 
ju bem gräutein recht lieb unb gut fein; benn biefetbe fei fetbft fo lieb unb gut, 
unb niemanb bürfe ihr je ein böfeS SBort fagen. 

SBalbemar bliefte auf bie Srjieherin, bie fich mit leichtem Srrötljen oon bem 
Siban erhob. gn bem fteibfamen ©lorgengemanbe, baS in fernen Sagen feine 
©attin umfdjloffen hotte, erfchien fie ihm noch fcfjöner unb berüefenber als jubor. 
Sin ©ebanfe fc±)og ihm burch ben Sopf, mie glüdlich Xherefe merben unb mie 
herrlich fie fich entfalten mügte, menn bie ©raut feines greunbeS ihre ©lütter 
merben fönnte, unb mie glücflich oiefleicht er felbft. ... Sr badjte ben ©ebanfen 
nicht aus, runjette über feinen närrifcheit SinfaB bie ©tim unb machte fein 
Södjterchen mit bem Dnfel Srich befannt; boch fo fchnefl unb marmherjig fich *>et 
lebhafte SBitbfang an feine neue ©ftegerin angefchmiegt hatte, fo fcheu unb öer» 
legen menbete er fich bon bem ©afte ab, reichte ihm nur jögernb unb auf mieber« 
holteS ©itten baS Häubchen unb mag ihn, hinter eine Stuhllehne geflüchtet, oon 
fern mit ängftlichen, faft miStrauifchen Slugen. 

„®eh auf beinen ©pielplafc im ©arten, blöbeS Sinb!" fagte ber ©apa julefct 
in leicht oerroeifenbem Xon, unb bie kleine marf im ^inauStrippeln ihrer Hüterin 
einen fo fehnfüchtig öerlangenben ©lief ju, bag eS berfelben fchmer fiel, ihr 
nicht fofort unter bie SBipfel beS ©arfeS ju folgen. 

2 lm grühftücfstifch entmarfen bie brei einen ©lan ihres jufünftigen 3ufammen« 
lebenS. Sie UnterrichtSftunben mürben feftgefefet; man oerabrebete, baS ©erhält« 
nig Slara’S unb ihres ©räutigamS üor bem Sinbe unb ber Sienerfchaft fürs 
erfte geheimjuhalten, unb Srich ergriff ben ©orfchlag beS ©utöljerrn mit greube, 
junächft mit ihm baS meitläufige ©efifcthum in afleit feinen Sheilen ju befichtigen, 
fich e ' nen bofllommenen Ueberblicf ju berfegaffen unb bann an ber ©ermaltung 
ber Sänbereien öoBgültigen Slntheil ju nehmen. 

9llS man am Slbenbe biefeS erften SageS ber neuen 3ufammengehörigfeit am 
Sheetifche fag, befannte Sßalbemar mit gütlichem ©efjagen, bag fein oereinfamteS 
©cglog nunmehr einen föftlichen Schaf} ber ©efeQigleit berge, ber ihn für bie 
lange Oebe feiner meltfeinblichen Slbgefchloffenfjeit ooßauf entfehäbigen fofle, unb 
er glaube, bag bieS ibpflifche Srio feiner tleinen Safelrunbe meit fchäfcenSmerther 
fei als ber Särm afler glänjenben Girfel unb raufdjenben geftlichfeiten. 

greilich verbreitete fich ber SRuf oon ber meiblichen Schönheit, bie ihren 
Sinjug in baS jefct oielbefprochene Herrenhaus gehalten, halb genug in ber 


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21m Ceufelsfee. 


1?9 


Stachbarfchaft; öon beugter getrieben, metbeten fich jaljlreiche Vefucher unb 
Sefucherinnen, bie ftch fonft um ben ©rillenfänger auf bem SRittergtite wenig ober 
gar nicht befümmert Ratten; aber bie fteife, burdjauS nicht jur SBieberleljr ein* 
labenbe Haftung SBalbemar’S forgte bafür, baß biefe aufbringlichen Störungen 
allmählich unterblieben unb fo bie Steijbarleit be« Vräutigam« möglichft gefront 
würbe. $a« ©ellätfdj, ba« ftd) fiier unb bort über bie Sdjtoßbewohner breit 
machte, gelangte nicht an bie Dljren berfelben; bie nächften S33o<hen »erliefen 
frieblich o!jne jeben Qwifc^enfatl. 

5)er greunb lieg ben greunb ba« Abhängige feiner Sage in leinet SBeife 
empfinben, beljanbelte iljn wie einen gleichberechtigten ÜJtitbejifcer, erörterte mit 
ihm umfangreiche Verbefferungen mancher mit ben gortfchritten ber lanbwirttj 5 
fdjaftltchen Technif nicht übereinftimmenben ©utSeinridjtung; fie brachten oft 
ganje läge mit ben grünblichen Vorarbeiten ju ben geplanten Umgeftaltungen ju. 
®ie Bewegung in ber frifdjen 2uft, fowie ber grieben feines Werjen« wirften auf 
ba« gftnftigfte auf ba« Vefinben @ricfj’S ein; feine SBangen färbten ftd) mit ge= 
funbem fRotf), unb bie Weiterleit feiner Stimmung gab ben reichen Vorzügen feines 
fprfiljenben ©eifteS bie greiheit ihrer Vetljätigung jurüd. 

Slur ein trüber Schatten fiel auf biefe fonnigen Jage. SBalbemar hatte, 
feinem Verfprechen gemäß, ben erften Verfucf) gewagt, eine Annäherung jwifchen 
Werrn öon Wodjborf unb feinem Sohne anjttbaljnen. ®er ©rief an ben Vater, 
ben er mit ber ganzen güfle feiner Verebfamteit nnb aller WetjbeWeglichleit auS= 
geftattet hatte, bie ber gnnerlichlcit feiner Statur entfprach, war ohne Antwort 
geblieben. $ie Hoffnung ber Siebenben würbe auf« neue getäufcht, aber auch bie 
Woffnung be« ©riefftederS. ©r fehnte fich insgeheim nacf» ber AuSföfjnung ber 
beiben Wochborf, nach ber Trennung öon feinen ©äften, Weil allmählich ein ftarnpf 
in feiner Vruft entbrannt War, ber ihm auf bie Tauer unerträglich ju werben 
brohte. ©rieh freilich, beffen reine« Srautglüd auch burch ba« ^artnäefige 
Schweigen feine« Vater« nicht öerlümmert werben lonnte, bemerlte bie Veränbe* 
rung nur wenig, bie fich in bem SEBefen be« greunbe« in langfamem gortfehreiten 
ooUjog; aber ba« fcharfe, an SDtenfchenbeobachtung gewöhnte Auge ©lara’« ent* 
beefte nur ju balb bie Spuren fchtaflo« burchwachter Mächte in ber SJtübigfcit 
unb Abfpannung feiner Süge, entbedte bie SJterljeichen eine« feelifdjen Aufruhr« 
in bem Ausbruche einer ihm fonft fremben ^»eftigfeit gegen bie Vebienfteten, in 
ber gewaltfamen ©eberbenfprache, mit ber er fich 8 uft oerfchaffte, fo oft er ftch 
unbeachtet glaubte, unb fie hing mit ängftlichem gorfchen in ber Stille an feinem 
Antli|, ba« ihr auf« neue bie ©inwirlung be« unheitftiftenben glucke« ju erlenneu 
gab, mit bem ihre traueröoDe Schönheit belafiet war. Unb in ber Xf) at » ber 
Schtoßherr öerhehlte e« ftch nicht länger, baß bie Steigung, bie er feit ber erften 
Vegegnung für bie ©rjiefjerin gefaßt hatte, in ihrem üppig auffdjießenben 2Ba<h«* 
thum ju einer 2 eibenfd)aft geworben war, bie ihn Wie ein Schlinggewächs mit 
beuteluftiger ©ier umllammerte unb ihn rettungslos $u überwältigen fdjien. 
SBol lämpfte er ben reblichften ffampf mit fich felbft unb fteQtc fich »ft öor ba« 
meifterlich gemalte Oelbilb feiner ©attin, um fich burch bie ©rinnerung an ihre 
heilige Pflichttreue in feinem SBiberftanbe ju ftärlen; bodj gerabe ber Umftanb, 

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180 


Utifere ^eit. 


baß Elara bie ©emänber bet ©erftorbenen trug, in ihren Räumen fdjaltete unb 
Waltete unb fein ®inb mit Siebe überfchüttete, liefe fie i§m gteidjfam als bie gott* 
gegebene SRachfolgerin ber ©erllärten erfdjeinen, unb er malte fid) in fieberigen 
Xraumftunben ein häuSlidjeS ®lüd aus, baS nur bur<h baS f)äfelicf)fle ©erbrechen 
an feinem greunbe ju erlaufen mar. ®o folgte ein Seelenftreit bem anbetn. 
Er legte fich Erich gegenüber, ber iljm mit ber $armlofig!eit eines grofeen KinbcS 
begegnete unb ihm feine übergroße Danlbarleit burcfe bie emfigfte gürforge für 
baS @ut bewies, beit allergrößten 3mang auf, um auch nicht ben ftüchtigften 
Schatten eines 3RiStrauenS in bem greunbe aufjumecfen; er fpradj mit ihm über 
bie ©raut mit einer Unbefangenheit, bie ihm häufig genug ben 8ttf)em einfchnürte, 
eon ber SRöglichleit einer balbigen ehelichen ©erbinbung beS ©aareS unb ber 
gortfefeung ihres unzertrennlichen ©erlehrS; aber biefer fid) täglich unb ftünblidj 
mieberljolenbe 3*® an 9 rieb >h n auf, unb eS war lein SBunber, baß er in ber 
fchleunigcn SoSlöfung oon ben Siebeuben bie einzige CueHe feines feiles falj. 

9tuS biefem ©runbe fanbte er einen j weiten, in noch einbringlicßern SluS* 
brüden abgefaßten ©rief an ^errn oon £jod)borf. Der uneigennüfcige Sachwalter 
frember Siebe erlitt eine neue ©ieberlage; leine Antwort erfolgte, unb auch ®rid) 
fing jefct an, ben 8opf hängen 5« laffen unb an ber Bulunft ju oerjmeifeln. 
©ei ber ihm aufgcnötljigten Ueberjeugung, an beren ©egentheil er fid) bis bahin 
in felbftbetrügerifchem SBahn gellammert halle» baß fein ©ater nun unb niemals 
nathgeben werbe, fanb er eS mit feiner ÜJtanneSmürbe nur fchledjt Oereinbar, 
weiter unb weiter oon ben Sllmofen freunbfchaftlicher ®roßmuth jtt leben, wenn 
biefelben auch in ber rüdfid)tSbotIften Slrt gefpenbet würben, unb bie ©egrünbung 
eines fpeimtoefenS auSfchließlich ber greigebigteit feines SBirtheS oerbanlen ju 
follen. SBalbemar hingegen faßte im ftiHen ben Entfchluß, ben Ehebunb beS 
©aareS auf eigene #anb ju befchleunigen unb, bei ber juneljmenben ©ebrechlidj» 
leit beS in hohem 2llter fteljenben ©ermalterS, an Erich bie ©emirthfchaftung unb 
bie Sinlünfte beS immerhin abgelegenen ©ormerteS unb baS ®eftüt ju überlaffen. 
Sßäre er erft ber äRann Elara’S geworben, hoffte er, fo würben fie fich feltener 
unb feltener fehen, fo würbe er felbft fich leichter in baS Unabänbertiche fchiden 
unb leichter ju üerjichten lernen; jubem gemährte ihm biefe Einrichtung ben Droft, 
baß ber Unterricht unb bie Erziehung XherefenS, bie er täglich auf baS ©or* 
wert hinüberfchiden wollte, oorberhanb leine Unterbrechung unb Einbuße er* 
fahren werbe. 

Sebem SBiberfpruche ber greunbe auSjumeichen, betrieb er insgeheim fein Sor* 
haben, erfah für ben froh überragten SUten einen 8tuf)epoften unb begann, bie 
ftanbeSgemäße 9luSftattung ber lünftigen SBohnräume feiner Schüblinge in aller 
©erborgenheit inS SBert ju fefcen. 

Sin einem ^erbftnadjmittage hatten bie brei ©enoffen einen längem SluSritt itt 
bie SBälber unternommen, an welchem auch Xherefe auf ihrem muntern ©ont) fich 
betheiligte. Die über bie Statur auSgegoffene Schwermuth, bie Entfärbung unb 
Entblätterung beS SaubwalbeS, bie Siutönigleit beS SJabelfjoljeS, bie nebelige Suft 
unb baS fRegengctröpfel hatten eine Einfilbigteit beS Schloßherrn $ut golge, ber 
weniger feine Stimmungen in bie Statur hineinfah, als fie heute oon berfelbcn 


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2tm Ceufelsfce. 


m 

empfing, ©eine ©djweigfamfeit hatte etwas SlnftecfenbeS; war er bod) fletS ber 
Sonangeber ber fteinen ©enoffenfchaft, unb fo ritten auch bie Siebenben grüblerifch 
bahin, in ihrer SDJitte baS luftig trabenbe Söchterdjen, baS mit feinem unoerwüft- 
li<h«n grohfinn allein bie Soften ber Untergattung trug. 

3e mehr fie fich bem SBegweifer am XeufelSfee näherten, um fo mehr geriet!) 
baS ©efpräcf) in$ ©tocfen. Ser Sater hielt feinen @djimmet am Sreugweg an 
unb rief baS OorauSfprengenbe Sinb öon bem nahen Ufer beS büftern SBafferS mit 
tanter, faft gorniger ©timme guriid. 

2lt!e brei Ratten unbewußt eine gleiche afjnungSbange Gmpfinbitng: ber ©ee, 
toon bem ihre ^Bereinigung auSgegangen war, fonnte auch toieber ihre Trennung 
forbern; fte mußten ihn meiben, burften bie Sämonen nicht aufreigen, bie bort 
hinter ben Siefern lauerten, im ©chitfrohr fich üerbargen, unb ber SEBeg, ber fie 
bort Dom Sobe fortgeführt hatte, führte nur gu leicht gum Sobe gurücf. 

9lad) ber SRüdfehr inS ©d)toß bauerte bie umwötfte Stimmung fort. SaS 
SRaht toar oergehrt, bie Steine gur fRuf)e gebracht. Sa forberte SBalbemar bie 
greunbe auf, ben 9teft beS geierabenbS im SKufilgimmer gu oerbringen, unb bat 
bie Grgieherin, bie ihn fd)on ein paarmal burch ihren feetenootten ©efang entgücft 
hatte, ihn burch ein Sieb gu erfreuen. Grich ftimmte gu, um ben Sann gu 
brechen, ber auf ber fonft fo gefpräd)igen Safelrunbe tag. 

Gine toftbare Hängelampe erhellte nur mäßig baS große ©emad). Ser fdjwatge 
glügel Oor bem genfter, baS in ben ißarf hinauSfaß unb an baS ber ftrömenbe 
Segen fchtug, erfcßien in feinen bämmerhaften Umriffen »nie ein gigantifcher 
©arfophag, übet roetchen fich bie fehleren Vorhänge ber Scheiben wie eine bunfle 
Draperie beS SobeS fentten. draußen feufgte ber SSinb in bem fpärtichen Herbft* 
Iaub, unb bie SWarmoroafen auf bem SaminßmS fchimmerten wie froftige ©rab* 
urnen. 

Glara öffnete ben glüget, fefcte fich unb enttoefte ben Saften ein paar tuet)* 
miithige 9lccorbe. Ser Hausherr» ber fich *h r gegenüber in einen Sehnftufjl nieber« 
getaffen hatte, auf ben ber hinter ißm ftehenbe Sräutigant bie 2trme aufftüfcte, 
oertor fi<h im 2lnfchauen ber magifchen Schönheit ber ©pieterin. Ser Simpel* 
ftrahl flimmerte auf ihren Socfen, unb unter ihren Srauen brannten bie 2lugen 
wie gtoei unruhig ftaefernbe Sergen, bie ber ©türm Oertöfdjen Will unb bie fich 
bennod) gegen feinen gornigen 2Itl)em behaupten. Sie elegifdjen flccorbe gingen 
plöfctid) in ein aufgeregtes, unrhhthmifcfjeS Sorfpiel über, als Gtara ihre Stiele 
auf ben lichtgetroffenen Sljeit ber feuchten ©cheiben gwifhen ben Sorßängen l)ef 5 
tete. Sun Wußte fie mit einem mat, WaS ihr ben Sag übet bie ©eete bebrüeft, 
was wäßrenb beS SitteS ihren grohfinn in geffetn gefchtagen hatte. 2BaS baS 
©ewiffen befchwcrt, wirb fchtießtich bem fdjeuen ütuge gut ©eftatt. Son braußen 
feßaute ein btaffeS, tieftrauriges SJtännerantlifc burch baS genfter herein unb fd)üt* 
tette baS regenburchnäßte ©etoef: eS War baS 9littltfc il)reS SruberS Sicharb, baS 
wie ein Schemen fam unb fdjwanb, baS fie in langen 3«ifchenräumen heimfudjte, 
um ihre Siebe gu Oerftagen unb ihre Stuft mit ©ram unb ©rauen gu umfpinnen. 

Gin leichtes gröftetn überfiel fie; bie ginger glitten mit einer herben Siffo- 
nang oon ben Saften; einige 2lugenblicfe barauf h u & fie an, inbem ihr ber 


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*82 


Unfere <3eit. 


jiäJje ©greifen unwiflfürtich bie SBat)t beS Siebet eingab, ben ©oethe’fdjen „(Sri- 
lönig" in bet Schubert’fchen SonWeife oorgutragen. Sie ben nächtlichen SEBatbritt 
malenben SKoügänge bet ©afjoctaoen Kirrten gefpenftig oon ben ©aiten beS gtfi* 
gelS, unb bie Sängerin fang mit einet fo bämonifchen ßraft beS AuSbrucfS unb 
fo teibenfchafttich fortreifjenben ®ewalt, bafj if)t bei ben Schlußworten bet ©attabe: 
©weicht ben $of mit 3Jtüf)’ unb 9iott), 

3n feinen Armen ba« fiinb war tobt — 

bie falten Schweißtropfen auf bet Stirn perlten unb fie fidj Saftig oom Seffel 
erhob. 3b r ©tief irrte untrer unb ftreifte bie büftere ©ortiere, toelc^e ben offenen 
Saat oon bem anftoßenben 3?ebengemad) trennte. 2BaS war baS? Stanb bort 
nicht eine gitternbe Äinbergefiatt im weißen Sobtenhemb unb oerfeßwanb f chatten* 
ßaft, wie fie aufgetaueßt war, in bem Suntet beS nachbarlichen SRautneS? 

SBährenb ber ©utsherr, oon bem mächtigen ©inbruef beS ©ortrageS gebannt, 
unbeweglich in feinem Sehnftuhl oerharrte unb feines SEBorteS fähig war, oeriieß 
ber ©räutigam feinen ©laß unb wenbete fich ber ©rgieherin gu, um ihr gu banfen 
unb fie in feine Arme gu feßtießen; aber fie warf einen unfteten Seitenbticf auf 
bie Sortiere unb bie genfterfeßeiben, wehrte bie Annäherung beS ©etiebten faft 
flehentlich ab, entfchulbigte fich mit einem ptöfcticßen ttnwohtfein unb entfernte fich 
eilfertig bur<h ben #aupteingang aus bem ÜJtufiffaat, um fich in ihre SRäume 
gu ftitchten. 

„Sie wahre fhmft", fagte ©rieh gu bem greunbe, „muff ihren Zünftler auf* 
reiben. Ser Schaufpieter, ber fich in feine jeweilige fRoQe fo hineinfühlt unb 
hineinbenft, baß ihn bie ©inbilbung beherrfeßt, er fei fetbft, was er barftette, 
unb ber Sänger, ber ben StimmungSgeßatt eines jeben Siebes feinem eigenen 
©emüth aufprägt unb bie ffiorte beS Sichters unb bie SEBeife beS SonfeßerS über* 
geugungSooß wie auS bem eigenen Innern fchöpft: beibe werben fo oft gu bem 
Aufgeben ihrer urfprängtichen ©erfönlicßleit genöthigt, baß biefe nothwenbig gu 
allmählichem £>infiecßen oerurtheitt wirb." 

SBatbemar ftußte über biefe troefene Anmerfung beS ©ertobten, wäßrenb ihm 
fetbft bie feurigften Sobfprüche begeifterter Anertennung Aber bie ©efangSteifiung 
©tara’S auf ben Sippen fchwebten. Unb noch ein anbereS gab ihm gu benten: 
hatte nicht bie ©rgieherin bie $utbigung ©rich’S mit bewußter Abfichttichteit gurücf* 
gewiefen, war ihr ©erßältniß gu bemfetben hoch tein fo ßergbeftricfenbeS, wie fie 
fetbft fich hatte glauben machen Wollen, unb war in ihrer ©ruft noch ein un* 
gefülltes tefcteS ©lüdsoertangen, baS ber greunb mit allen feinen ©aben unb 
©orgügen nicht gu beliebigen üermochte? SaS fjerg pochte ihm heftig, atS 
er fich oorfteßte, baß es ihm oiefleießt befchieben fein tönne, biefem testen ©er* 
langen burch ein ootteS ©erftänbniß ber Seele ©Iara’S gu genügen; er ftarrte ben 
©enoffen wie abwefenb an, bemühte fich umfonft, ein erträgliches ©efpräch in 
Stuft gu bringen, unb bie ©iänner fetjieben enblich mit bem beiberfeitigen ®e* 
ftänbniß ooneinanber, baß bie Srübfetigfeit beS frühen ^erbfteS auf ben @e* 
müthern tafte unb ber wibrige SRebel Sinne unb ©ebanfen oerbrießtieß umfehteiere. 

Auch au f f > n Sinberhetg hatte bet „©rlfönig" feine SBirfung geübt. Sßerefe, 
bie, nur burch gwei Heinere Zimmer oon bem StRujiffaal getrennt, im erften 


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ilm Ceufelsfec. 


\83 


©stummer log, mürbe burdj baS fflabierfpiel iljrer ©rjieherin aus bent bräunt 
geroecft. Salb bemannt fie bie Stimme, beren ®precf)ton fdjon belebenb auf fie 
mirlte unb beren ®efang fie ootlenbS ju bejaubern pflegte, ftetterte aus ihrem 
Settchen, taftete fidj, Oon bem ?tnfdjmellen be$ SortrageS unroiberfteljlich ange* 
jogen, burdj bie offenen SRebenräume £)titbure^, folgte bem bämmerigen Sümpetglanj 
unb oerftedte fidj tjalb hinter bem Xljüroorhang, um bem munberbaren Siebe ju 
taufdjen. 3 mmer meiter öffneten fid) ifjce glänjettben Slugen, je broljenber fidj 
bie Socfung beS SBalbgefpenfteS in ber Satlabe offenbarte; fie griff nacfj ben 
Xrobbeln ber portiere, um in bem ©raufen, baS fie burdjfcfjauerte, einen #alt 
ju umpaden, unb bei ben ©dduhjeiten beS ©ebidjteS fcfjien ihr bie Sampe ju 
oerlöfdjen unb ber Xeppidj unter ihren Sitten fiep in ©iS ju oermanbetn. Xa 
fot) fie bie geliebte Seljrerin üom Seffet auffpringen, faf) bie Schmermuth in ihren 
Süden, fab ben Dnfel ©rieb auf fie jugeben unb fab, mie fie ben ffujj unb bie 
Umarmung beffelben nicht leiben motlte. darüber empfanb fie mit einem mal 
eine finbifdje greube, fdjlüpfte, bamit fie nicht entbedt merbe, auf ben Sehen 
juräd, hob fidj auf ihr Saget mie im $a(bfdjlaf unb Oergrub ihr fföpfdjen in 
bie ffiffen, um baS fRaufcfjen ber ißarfbäume nicht ju hören. 

SllS ©lara am näcfjften SJiorgen nach einer peinbotl burdjmad)ten SRadjt ihren 
Sögling medte, ftredte ihr baS ffinb mie troftbebürftig bie Slrme entgegen, lieh 
fidj auf ihren SdjoS jiehen unb erjätjlte ihr einen fchredhaften Xraum. 

„£>u, es mar bös genug", plauberte fie. „ 3 di ftanb in einem großen ®e* 
mölbe unb jitterte oor groft. Xa famft bu, Xante ©lara, in einem langen meinen 
©emanb. Xu fangft bann ein Sieb oon einem Sater unb einem Knaben, ber fi<b 
gemaltig fürchtete, ich glaube, oor einem ©eifie fürchtete. Unb ich fürchtete mich 
mit bem Knaben. Sluf einmal frodj aus einem SBinfel beS ©etoölbeS ein mir!« 
lidieö abfcheulicheö ©efpenft, meit grauslicher als baS, oon bem bu gefungen 
hatteft. ©S lauerte am Soben, redte fich langfam in bie §ö(je unb fdjritt auf 
bich ju; aber ba mar es im Umfehen fein ffobolb mehr, fonbent es mar ber 
Dnfel ©rid), ber bich mit einem teuflifdjen ©rinfen umhalfen rootlte. ^ßah! Xu 
ftiefjeft ihn jurüd, unb er oerfanf in ben Soben. Xa mar alle meine furcht 
meg, unb ich flatfdlte in bie §änbe, bah bu ben DRuth hatteft, baS ©efpenft ju 
oertreiben, unb eS mar auch 9003 red;t, bah bu bem böfen Dnfel feinen ff uh gabft!" 

Xie ©rjieljerin fah baS ffinb betroffen an. So mar bie fteine ©eftalt im 
Xobtenfjenib, bie fie geftern hinter bem Sorljang erblidt ju haben glaubte, bodj 
mehr als ein flüchtiger ©innentrug ihrer trüben unb aufgereijten fßljantafie ge* 
rnefen. Xhetefe berichtete offenbar oon einem ©rlebnih, baS fie im Xraum fort* 
gefponnen hatte, unb mifchte bie Silber ber 2Birflid|feit unb beS Schlummers in 
unlösbarer SBeife jufammen. ©lara ahnte, maS fich jugetragen, beftärtte baS 
SRäbdjen in bem ©tauben, bah es einen garftigen Xraum geträumt habe, unb 
fragte julefct mit fdjmanfenber Stimme, inbem fich ih* baS treue §erj jufammen* 
jog: „Sift bu benn mahrhaft bem Dnfel ©rieh fo böfe, unb marum hat es bich 
gefreut, bah ich <h n f° unfreunblich jurüdftieh?" 

„ 3 dj mag ihn täglich meniger leiben", gab bie ffteine jur ?lntroort unb fchüt« 
telte trofcig ihren Slonbfopf. „3Benn er fo neben uns fifct unb bie groben bunfeln 


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Unfere ^eit. 


Kugelt auf bich rietet, fo ift ntir immer, all wollte er bich mit feinen ©liefen 
mit $aut unb §aar öerfchlingen. 34 mug immer, wenn er bich fo anfunfelt, 
an ben SJlenft^enfreffee in meinem Kärchenbuche benfen. ®er ift freilief) plump 
unb fjäfttiefj, unb ber Onfel ift feffön. Kur bu bift frönet, fcfjön wie bie $imm> 
fife^e gee in meinem Kärdjen, welche bie oerirrten Xagetöhnertinber rettet; aber 
ber Onfel gleicht bem fe^war^aarigen Stäuber in meiner @efdjicf)te, ber bie füge, 
fromme ©rinzeffin raubt; ebenfo Will er bief) rauben unb in feine ©urg fchteppen, 
unb barum mag iefj if)m nicht gut fein!" 

„2Bal bu aud) fdjwaheft, Stob!" erwiberte Klara unb fudjte bal SKäbegen ju 
begütigen. ©I ging if)r wie ein ©tief) burcf)l $etj, baß fie auch biefel heifi* 
geliebte ©efchöpf berlieren werbe, wie fo mannen ©ftegting oor iljm, unb bag el 
fich <h r ouf immer entfremben müffe, wenn fie einmal ©rich’l SBeib geworben 
fei. Sie ftaunte über ben feinen ginftinct SfjerefenS, ber fi<h in i^rer Kbneigung 
gegen ben ©erlobten funbthat; benn el War il)r fc^on längft zur ©eWigfjeit ge= 
worben, bag bie ©iferfudjt ihre! ©räutigaml, bie wie ein gefährlicher 3ünbfioff 
in feiner Seele lag, fich auf bal ahnunglootle fi’inb gelenft batte, bag er igm bie 
aufopfernbe Siebe beneibete, bie ge iljm fpenbete, unb bag er feinen Kilmuth 
gegen bie lodjter nur aul ber unbegrenzten 5}anfbarfeit gegen ihren ©ater noch 
mit fittlicher Kraft in © thronten hielt. 

2Bie fie auch fortan ihren <Sc^üfeling ju ©unften bei ©eliebten ju beeinftuffen 
fud>te unb ihm Wieber unb wieber oorhielt, bag el ©ottel ©ebot fei, alle 2Jiit= 
menfehen ohne Soreingenommenheit mit gleicher Siebe ju umfaffen: ihre SBorte 
waren in ben SBinb gefprochen. ©on jenem Xage an zeigte fi<h Iherefe immer 
wiberfpenftiger gegen ben §aulgenoffen, ber fich immer mühfamer beljerrfchte, 
unb bie gelegentlichen Ermahnungen bei ©chlogherrn blieben ohne ©rfotg, ja 
beftärften ben ©heim unb Ürofcfopf nur in feinem SBiberfpruch. 

3njwif(hen behielt SBalbemar feinen jjmeef im Kuge unb arbeitete heimlich 
an ber gefdjmacfoollen Kulrüftung ber 2Bof)nräume auf bem ©orwerf fort. J)ie 
Kitte bei KoOemberl war herangefommen, all bie greunbe zu fpäter ©tunbe 
oon einem 3agbaulfluge heimfehrten. Soll banger Erwartung trat ihnen bie 
©rzieherin mit einem ©riefe an ©rieh entgegen; ber ©oftftempel war berjenige 
ber ©efifcung bei £>errn oon ftochborf, unb bie Kuffchrift zeigte ber ©raut bie 
wofjlbefannten geberzüge ihrer einftigen beiben Schülerinnen, bie fief) gemeinfam 
an ber Kbreffe betheiligt hatten. 

SUlit bebenber $anb erbrach ber ©erlobte bal Schreiben. ®ie Stieff<hWeflern 
benachrichtigten ihn, bag ihr ©ater fegwer erfranft fei unb bag er, nach langen 
■Kühen zum ©emugtfein zurücfgebracht, ben bringlichen SBunfch aulgefprodjen 
habe, ben Sohn zu fehen unb fich mit ihm zu oerftänbigen. 

„©nblich inl ©aterhaul", feufzte ©rieh- „Kber welch ein SBieberfehen! Kur 
bie Kähe bei lobel fonnte ben harten Kann beftimmen, fein gleifdj unb ©tut 
nicht länger zu Oerleugnen!" 

©I mugte fofort gehanbelt werben, Koch mit bem Kachtzuge Wollte ber Sohn 
aufbrechen; fonnte hoch ber lob, jeglicher ©erföijnung abholb, bie Sippen zu oor= 
fchneü fchliegen, an beren lefctem Saut bal Schicffal feinel Sebenl hing! 


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21m Ceufelsfee. 


185 


3uerft bad)te ber Sräutigam batan, bie Staut nach ißreußen mitjunehmen, 
in bet ßhmerjtichen Hoffnung, baß bet ©terbenbe oieHeidjt e« übet fid) gewinnen 
werbe, bie $änbe ber ßiebenben ineinanberjulegen. SBalbemar fodte entfdjeiben, 
unb et bejahte bie grage, weil et in ber jeitweiligen ©ntfernung Slara’« für ficf) 
eine SRögtidjteit erbtiefte, feiner üerhängnißoollen Steigung $err ju werben unb 
in füllet @infef)r bei fiel) felbft eine ©lut ju erftiefen, beten jähe« Muffladern in 
einem unbewachten Slugenblid einen löblichen ßmiefpalt jwifchen ihm unb bem 
greutibe entjünben mußte. 

Sann überlegte ber Sohn, ob er nicht in unbefonnenem ©ntfchluß ©efafw 
laufe, burch bie ©egenwart berfenigen, bie feinen fo lange für unheilbar gehaltenen 
3erfafl mit bem Sater hetaufbeßhworen hotte, bie $ranfheit beffelben ju oer» 
fchlimmern unb bie ßöfung be« furchtbaren 3ü>ifteö oon Oornljerein ju öereiteln. 

SBalbemat foOte abermal« eittfcheiben, unb er bejahte auch biefe Stage, Weil 
e« ihm jefct, wo er ben ganjen ©rnft be« Scheiben« empfanb, auf einmal un* 
bentbar erfchien, be« Umgang« ber greunbin ju entbehren, fich in maßlofer Sehn* 
fucht ju oerjeljren unb fein Schloß mit einem Schlage in eine freublofe, matter- 
ootle ©infiebelei ju oerwanbeln. @r bebte oor biefem ©ebanfen jurüd, uub ©lara, 
bie ben wechfelnben ©ntfchließungen ber SOtänner mit bumpfer Spannung gegen» 
überftanb, fah Weber in ber einen noch in ber anbern $eil unb Segen, ba, ße 
wußte e« nur ju gut, ihr gortgetjen unb ihr ©leiben gleich berberblich War. 

©nblich etfannte e« ©rieh für ba« SRathfamfte unb burch bie Stüdfi^t auf ben 
ffranfen unweigerlich ©ebotene, bie Steife allein anjutreten. 

Sie Sorbereitungen würben in fliegenbet $aft erlebigt. Set SBagen fuhr 
bor. SBieber unb wieber fanlen fich bie ßiebenben in bie 8lrme. Stun, ba fie 
ihn auf« neue hingeben, in« Ungewiffe entlaffen, in ba« trauerumflorte Saterljau« 
entfenben foDle, in welchem fie auch ’ n *h ret Mbwefenljeit eine ©cheibewanb bilbete, 
bie nieberjureißen ber Sohn ju ebel, bie abjubredjen ber Sater ju herrißh war: 
nun fühlte bie ©rant bie SOtacht ihrer ßiebe in ganjer Stärle, nun brüngten fich 
in bie ÜDUnuten be« Slbßhieb« bie ©riitnerungen an alle bie Opfer jufammen, bie 
ße für ihn gebracht, unb ße liebte in ihm nicht nur ben unglüdlichen, um ße 
bulbenben unb bem ©tanj feiner Stellung entfagenben greunb, fonbern fie liebte 
in ihm auch ß<h felbft, alle ihre Spänen, ihre ©emißen«pein, ihre Sorgen unb 
©nttäufchungen, ihr elenb burchgebrachte« 3 li genbleben unb ba« tröftliche, fie oor 
fich felbft erhebenbe ©ewußtfein jebet guten Shot un b ©elbftüberwinbung, ba« 
au«fch(ießlich in ihm oerförpert war. 

811« fie ihn au« ihren 8lrmen freigab, befchlich fie ba« bunfte Sorgefühl, eine 
lefete reine unb unentwegte greube an feiner örnß genoßen ju hoben; fo würbe 
ße ihn nie Wieberfefjen, fo niemal« wieber an feinem $erjen ruhen, unb Wa« bie 
3ufunft noch bringen tonnte, war neue Ouat unb neue« ßeib, gegen welche« bie 
Stoth ber ©egenwart ein ©fpfium War. 

Sa trat ber Setlobte oor SBalbemar unb bot ihm bie |janb mit ben SBorten: 
„Steuer, reblicher ffiamerab, bir übergebe ich ße mit bem ©chufcredjt be« Ser» 
trauen«! Schüße unb fdjirme mir mein Sleinob, ohne ba« mein Safein eine 
SBüfte wäre; hüte e« oor ben ©efahren, mit benen ba« Sertangen, folange bie 


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\86 


Unfere <3eit. 


®rbe fte^t, bie Schönheit umgarnt! Slide fie an! Solche Äugen, bie in ben 
@runb bet «Seele flauen, unb bie fich oor feinem, auch bem peinlicbften Splitter« 
rietet nicht ju fenfen braunen, befifct fein jtoeiteS SBeib. Son bir will id) fic 
jurüdentpfangeit in aller Steinzeit unb ©lorie, bie in biefer heiligen Stunbe ihre 
Schläfen unb 3^8« umftrahlt!" 

SJalbemar fdjlug in bie bargebotene Sterte ein, nicht ohne ju Juden; benn 
iljni brannte bie £anb, als hätte er roiffentlidj einen SReineib geleiftet. 

Äl$ er fich umtoenbete unb nach ber ©rjieherin hinüberfal). fchlug biefe bie 
®tide üor ihm nieber, unb ihm mar, als ob ein leifeS 3ittern burch i{j« ©lieber 
liefe. SSie? Ratten ihm biefe Äugen bereits in ben ©runb ber Seele gefdjaut, 
unb fchämte fie fich für ihn, bafe er öerfprach, maS er boch nicht ju holten 
gefonnen mar? 

$er greunb liefe eS fuh nicht nehmen, bem greunbe baS ©eteit ju geben, 
©ie fliegen mit Ulara bie Ireppe hinab. Äuf ber Seraitba ein lefcteS Sebemohl. 

ÄlS bie SWänner auS bem genfter ber Äutfche jurüdölidten, flatterte baS 
toeifee Such ber Sraut jwifchen ben SBinblichtern ber Wiener burch bie Stacht, 
©in lefcteS SBinfen unb Äufblinfen. Solange baS Stollen beS SBagenS noch ju 
erhorchen mar, ftanb Ulara unbemeglich auf ihrem ijilafc. S)ann fdjritt fie hinauf, 
baS £erj Ooll fernerer Ähnungen. „3u Ih ete l e !" lispelte fie. „ÄuS ben Äthem* 
jügen ber halben Schläferin foü mir ber Stiebe entgegenmehen." 

$aS ©efpräch ber greunbe, metdjc in befchleunigter gahrt ben Sahnhof noch 
Jur 3«it ju erreichen Juchten, oerfiegte mehr unb mehr. 3h re ©lide maren in 
bie gerne gerichtet, ben Siebet ber 3ufunft ju burchbringen. SBieberljolentlich 
brängte fich ©albemar baS Änerbieten auf bie Sippen, ©rieh foUe baheim bleiben 
unb ihm felbft bie perföntiche Sermittelung im Äcttcrnhaufe überantworten; aber 
burfte er eS auf fich nehmen, eine Unterrebung jmifchen ben ©rjürnten ju Per* 
hinbern, bie vielleicht bie lefcte auf ©rben mar, uitb um beten Hintertreibung 
ihn bie unoerföljnten lobten noch oerflagen tonnten? Unb boch traute er fich 
nicht bie ffraft ju, in mochentangem Ätleinfein mit ber Urjieherin feine Selbft« 
beherrfchung ju behaupten; er fürchtete fich in füfeem ©rauen oor ber ftchtbaren 
©egenroärtigfeit ihrer unentrinnbaren Äugen, beren unfichtbare Äügegenmart in 
gelb unb SBatb, in Saal unb Kammer, in SBadjen unb Xraum ihn fchon längft 
geängftigt hotte. So machte er bem ©enoffen ben Sorfdjlag, ihm nach tßreufeen 
ju folgen unb burch feinen mannhaften Uinflufe bie SorfteDungen unb Sitten beS 
Sohnes ju unterftüfcen; boch ber greunb miberfprach ihm unb beichtete ihm in 
ftotternber Sermirrung, bafe bie alte, fdjon halb übermunben geglaubte Reijbarfeit 
feiner Statur, bie alte quälerifche Seforgnife um bie unantaftbare Reinhaltung 
feiner Siebe ihn aufs neue heimfuche, bafe eS ihm bie einjige Seruhigung auf 
feiner fummerfchroeren Reife fei, feine Sraut in ber juoerläffigften Obhut beS 
erprobten Sameraben ju miffen unb fo mit ntinber bebrüdtem Herjen in bie 
gerne ju eilen. 

$er Schlofeherr ermiberte ben Hänbebrud beS Sprechers in fchmüler Settern* 
mung unb mar froh, als ber SEBagen oor bem Sahnhofe hielt. 

3n wenigen SRinuten mufete ber 3ug eintreffen. Äuf bem menfchenleeren 


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2lm treufelsfee. 


187 


£>attepla{j wanberten bie ©efäljrten auf unb ab. Ta rafte bie Stäbercotonne 
h«ran unb bie glüljenben Sinter beS TampfroagenS ftrömten ihren feurigen Schein 
auf bie regennaffen brennenben ©leife aus. Tie ©lotfe gab baS 2lnfunfts= unb 
©bfaljrtSjeichen mit mistönigem <Sc^att faft ^interetnanber. Ter Schaffner riß 
bie Tljür eines Soupe für ben einzigen §arrenben auf. ©in $inaufreichen ber 
#anb, ein $erabgrügen, ein paar halblaut fjrröorgeftogene ©djeiberoorte für bie 
©etiebte, unb bie SOiafc^ine jog mit mächtigem Stucfe an. 

„©leibe, reife nicht, lag uns nicht allein!" fo rang es fich wie ein unwitl» 
türlicher ©ngftruf aus bem gepreßten ^erjen beS Burücfbleibenben los, unb baS 
funfenburchfticfte Stauchgewölf, baS Tonnern ber Staber berfchlang* bie oljnmäch* 
tigen ©3orte. 

©Salbemar ftanb Wie betäubt. Ta leuchtete bie rothe 3Kü|e beS ©aljnhof» 
öorfteherS aus bem Tunfel auf. 

„Sft noch twt Tagesanbruch eine ©elegenheit, nach ©erlin ju gelangen?" 
SDtit biefer grage wenbete er geh an ben ©eamten. 

„3n einer halben ©tunbe fährt ein ©jtrajug oorbei, ben ©ie benufcen fönnen", 
lautete bie Antwort. 

©in paar Minuten lämpfte ber Steifefuftige mit bem ©ntfdjlug, ben Äutfcher 
heimjufchicfen unb fich mit ber erbichteten ©otfchaft entfchulbigen ju taffen, bag 
er burch eine bringtiche Tepefche nach ber Stefibenj berufen Worben fei. Stur ein 
paar Tage wollte er bort bleiben, nur ein paar Tage ©lara nicht feljen, um fein 
ungeftümeS ©tut ju befänftigen unb fich burch 3*rftreuung oon bem einzigen &itU 
punft feiner ©ebanfen abjulenlen. 

@r blicfte umher. 2Bie unwirtlich war ber Aufenthalt! ©Sie oerbroffen lag baS 
rauchgefchwärjte ©tationSgebäube jwifdjen ben ©Sipfeln beS fahlen ©ärtchenS, wie 
trübe unb ungaftlich flacferten bie tümmertichen Saternen, an beren Scheiben bas 
regnerifche Stebelgetröpfel hernieberriefelte! Unb welch ein heiteres ©ilb erquick 
liehen ©ehagenS, wenn er an bie fanfte ftaminglut feines TljeejimmerS bachte, 
an bie weigen fchängeformten #änbe, bie ihm mit anmuthreichfter ©eweglichfeit 
ben buftigen Tranf crebenjten, unb an bie munbertfjätigen Augen, bie ben SDtai» 
glanj ber grühlingSgeftirne über bie faubere Tafel auSftrahlten, jebe Taffe in 
eine träumerifche Stachtoiole, jebeS ©tücfchen beS jierlich gewürfelten 3ucferS in 
glänjenben ©ilberthau oerjauberten! 

©r ftürmte burch baS ©ebäube, warf fich ben ©Sagen, unb ber ftutfdjer 
jagte nach bem ©chloffe jurücf. T)aS holperige fßgafter ber ©tabt rüttelte noch 
einmal fein ©ewiffen auf; aber auf bem weichen ©runbe ber ©Salbwege wiegte 
er fich in wohligem ©orgenug auf bem bequem gepolfterten ©ifce, unb ber flüchtig 
wanbernbe Schein, ben bie ftutfehtaternen im ©orübergteiten auf bie tätlich auf» 
blifcenben ffiefernftämme warfen, erinnerte ihn immer wieber an bie fnifternbe 
Äaminflamme unb an bie wonnige Abgefdjtoffenheit feines $aufeS. 

3a, julefct War er nicht mehr allein auf ber nächtlichen fjahrt; eine jftuberifche 
©efellfchafterin fchmiegte geh an feine ©eite, lehnte ihr fammteneS Socfenfjaupt 
an feine Schulter; er ergriff ihre biegfamen $änbe, fchlang feinen Arm um ihren 
£eib, beugte geh ju ihr fgnab unb brüefte, währenb ber Stegen mit oerftohlenen 


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*88 


Unfete ^ett. 


Stopfen an bie umfdjleierten ©treiben Hopfte, Oerftohlen einen Suß auf bie 
fdjwellenben Sippen, bie if)m toie fchmadjtenb geöffnete ©lütenlelche entgegen» 
bauchten. Sie SRäber freiften fchnetler, unb fd>neller unb Reifet arbeitete feine 
Pfjantafie. (Sr glitt oom ©ij} tiernieber, er fniete Bor ber (beliebten, er fab ju 
il;r tjinauf, fab in ihre SBunberaugen; fie jog ibn empor, er rubte an ihrer ©ruft, 
unb feine atbemtofen Süffe regneten fo jaljlloS auf ben gtfibenben SDhcnb ber 
gaf|rtgenoffin nieber, wie bie Stopfen beS jefct heftiger nieberraufebenben Stegen« 
unzählbar an bie jittemben Scheiben feblugen. 

Ser SBagen hielt Bor ber ©eranba. Ser ihm in« ©eficht fpröbenbe Siegen 
ernüchterte ben auSfteigenben Schloßherrn, beffen Sinne baS nächtliche pijantafie» 
bilb beraufcht hotte. Sr bliefte in bie £>öbe; im 3immer ber Srjieherin brannte 
noch ein Sicht, unb ber ©chatten ihrer auf» unb abmanbetnben ©eftalt jeidjnete 
fich auf bem weißen ©orhang beS genfter« ab. 

Slara hotte fich nach bem Slbfdjieb an baS Saget ihre« Pfleglings begeben. 
Sie Steine erwachte, unb bie ©raut tbeilte ihr mit, baß ber arme Dnfel Stich 
in Stacht unb Stebel ju feinem tobfranfen ©ater reifen müffe; fein warme« Sett 
umhülle unb Wärme ihn, fonbern et fahre fdjlafloS in baS garftige SSetter hinaus, 
fchaue fummerood in bie ginfterniß, unb wie bie Junten ber SocomotiBe auf bem 
feuchten ©runbe beS Sßege« erlofchen, fo erfterbe ein Junten ber Hoffnung noch 
bem anbern in ben Shtänen beS unglücflidjen greunbe«. 

Sein Saut finblichen SJtitleibS, nach bem fich bie Sprecherin fehnte, fam über 
bie Sippen ShcrefenS; Bietmehr richtete fie fich auf, lächelte Bergnügt unb ptauberte: 
eS fei gut, baß ber Onfel fern fei; nun werbe fie hoch 9tulje hoben unb Bon 
bem häßlichen Sraume nicht mehr geplagt werben, bet ihr feit jener Stacht unab» 
täffig ben Schlummer ftöre; nun werbe enblich ber Sobolb nicht mehr h erfl n» 
fchleidjen, ber fich immer in ben böfen Srich Berwanbte unb begierig bie $änbe 
nach ihrer lieben, lieben Pflegerin in bie Süfte ftreefe. 

Slara hielt mühfam ihre Stjränen jurilcf unb flüchtete, nadjbem baS Sinb 
Bon neuem eingefchtafen War, in ihr ©entach. StuljeloS burdjmaß fie ben Staum 
mit ungleichen Schritten, begleitete ben ©erlebten auf feiner trüben gafirt unb 
fudjte in feiner Seele ju lefen. SBelcf) ein Scfiicffal ihres SicbeSbunbeS! Sort 
in ber 9täf|e fchlummerte ihre ©djufcbefohlene, bie fich öor bem ©eliebten fürstete, 
ja ihn in finbifchen Slengften halte; ber ©erlobte felbft, bem ihr ©unb jnm 
gluche würbe, flog einem ©ater entgegen, welcher bie ©raut beS Sohnes geliebt 
hatte, oieneidjt noch ti^&tc unb um ihretwillen bem eigenen Srben noch io ber 
©tunbe beS SobeS brohte; unb bie Schritte, bie fich i e f?t Bon ber Sreppe her 
über ben öben glur ber Shür ihres gimnterS nahten, fiinbigten bie Ülnfunft 
eine« SJtanneS an, bem fie ju ewiger Sanfbarfeit oerpflichtet war unb beffen 
wadjfenbeS ©erlangen fie bennod) über lurj ober lang ihrer lebten SufluchtSftätte, 
ihrer lebten Stille berauben mußte! 

SBalbemar ftanb oor bem ©emaefje ber Srjieherin. SBäfjrenb er langfam bie 
Stufen hioangeftiegen war, hotte er wieberholt nach feinem ^erjen gefaßt, um 
ben begehrlichen fdjnellen Schlag beffelben ju befchwichtigen; jefct Bor bem Sin» 
ßonge jn bem $eiligthum, baS ihm ben Inbegriff aller weiblichen Schönheit, aber 


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2tm Ceufelsfee. 


189 


auch oder reinen grauenmürbe umfdjloß, hatte er fich burd) bie mutfjig Wad) 
gerufene Erinnerung an fein ©djuhoerfprechen, an baS ^er6e ©efdjid unb bie 
feufdje Sauterfeit ber Seiterin feines ffinbeS ju einer Saffung burdjgelämpft, baß 
ber milbe Saft feines ^erjenS fich mäßigte unb bie Reißen SEBeflen feines ©luteS 
nicht meljr mit fdjmerjljafter ©etoalt an feine Schläfen toften. 

Er Köpfte an. Sfara, meldje bie fich nähernben ©dritte mit banger ©e= 
Kommenheit oernommen unb julefct in bem mitternächtigen Schmeigen beS ©djloffeS 
mechanifch gejäfjlt hatte, ftüfcte fidj unfcfjtüffig auf bie Sehne eines ©effefS. SBaS 
foDte fie beginnen? „©effer ift'S", überlegte fie, „ich erfahre noch > n biefem 
Kugenblid, mie eS um ihn fteht, als baß ich beu SDiorgen unter taufenb 3toeife(n 
heranmache. Sch entgehe meinem ©erfjängniß nicht, ©rieht eS je|t über mich 
herein, baß er bie Slbmefenheit beS ©eliebten nufjt, um mich an fidj i« toefen, 
fo ift eS mir heilfamer, noch in biefer SRinute mich feinem Slrm ju entreißen 
unb ju fliehen, als an ber Siebe beS armen, fo oertrauenSfeligen greunbeS jur 
fünbigen ©errätljerin ju merben. aber umhin flüchten? ©leichoiel; bie Stacht 
gibt ©chufe, ber SEBalb ift rneit, unb ich fenne bie ©fabe jum leufelsfee!" Sie 
that ein paar Schritte oormärts. 

$)a Köpfte eS abermals, jögernb, f<hü<htern. 0, mer ihr bieS jaghafte ©odjen 
beuten fönnte?! SBar eS ein Seichen ber ©elbftbefinnung, bie fidj in bem matten, 
leibenfdjaftslofen Segehr um Einlaß offenbarte? Ober mar biefeS leife 3uden ber 
Singer, bieS heimliche Slnfdjlagen ber Snöcfjel ein Eingeftänbniß ber ©ünbe, bie 
fcheu unb oerftohlen nach öcm ©efifc beS fremben ©uteS taftete? 

ES Köpfte jum britten mal. Sie gebachte beS ©odjenS beS ^oljrourmS, baS 
fie einft getrieben hatte, bie lange oerfcfjloffenen ©riefe beS ©eliebten ju erbrechen. 

Sntf djeibung, ©emißheit! Sie öffnete. 

„Sch bemerfte noch Sidjt in 3h tem 3immer, Sräulein Elara", fagte SBalbemar 
mit ruhig freunblichem Ion, ohne über bie ©chmeKe ju treten. „Es erfchien mir 
als eine ©flicht ber ^reunbfe^aft, 3h nen noch h eute bie liebeooüen ©rüße Eridj’S 
ju übermitteln, mit benen fein järtlicheS $erj mich beauftragt hat. Er tonnte 
nicht mübe merben, an Sie ju benfen. Schlafen Sie moljl, liebe Sreunbin! 
©ott behüte unS!" 

Sie legte ihre #anb in bie feinige, unb er entfernte fidj, ohne ihren 5>anf 
abjumarten unb ohne fidj untjubliden. 

Elara fchloß bie ipr unb faltete bie £)änbe über ihrer ©ruft. 9todj hatte 
fie bie neue Heimat nicht oerloren! liefeS „©ott behüte unS!", in biefer auf« 
richtigen Schlichtheit gefprodjen, mar ihr ein ©emeiS, baß SBalbemar mit fich 
fämpfte unb fie unb fich felbft in ben Schuh einer höher« Siebe ftellte. 

Sie fchlüpfte noch einmal an baS ©ett If»etefenS unb brüdte einen reinen 
ffuß bet innigften lanfbarfeit auf bie heitere ©tim ber Xod)ter, ben fie bem 
©ater nicht gemähten burfte. 

Snjmifdjen jagte Erich feinem 3iele ju. Km Kbenb beS folgenben lageS 
erreichte er baS oäterliche ©ut unb mürbe oon bem unter Ifjränen erftidten 
Subei feiner lange entbehrten Schmeftern empfangen. 

2Bie fremb mar ißm alles gemorben, mie ungemohnt! 3» SBalbemar’S Schloß 


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190 


Unfere <5eit, 


hatte er feine £eimat aufgefdjlagen: bog tarn ifjnt mit jebem ©djritt in bie alten 
[Räume immer beuttidjer jum ©emußtfein. Unb bo<h, alg ec jefct bie meinenben 
SRäbdjen zurüdfcf)idte unb in ba« Wrbeitgjimmec feine« ©ater« trat, in meid)eg 
bec Äranfe auf SBunfd) beg Ärzte« gebettet tuorben mar, alg ec ben einft fo 
kräftigen 3Jtann in ben ©Jauern beg t)ifeigen gieber« erblidte, ein ©ilb ber £ülf* 
lofigfeit unb beg Jammer«: ba füllte ec eg bennocf), baß ec in bag ©aterfjau« 
gefommen mar, mo|in bie ©oljnegpflidjt it)n rief, unb ber alte, tiefgemucjelte 
©roll fing an, einer fanften [Rührung ju meinen unb fid) in Sorge unb Xfjeil* 
nähme um unb für ben Seibenben ju (Öfen. 

(Sr mufterte bag ©emadj, nadibem er mit ber $ranfenpflegerin geflüftert unb 
fich non bem ernften, aber bodj nicht ganz ^offnungötofen 3uftanbe beg ©iedjthum« 
hatte unterrichten (affen. ®a traute er feinen Äugen faum: über bem Schreib* 
tifdj be« |>errn Don f>od)borf hing in pradjtooHem, blumenumfränjtem [Rahmen 
bag Heine, moljlgetroffene ©ilbniß ßlara’g, bag fie einft ihren 3bg(ingen jum 
Ängebenfen jurücfgelaffen unb bag ber ©ater ben iEöcfjtern abgefchmci<he(t haben 
muhte! @« burthfchauerte ihn fcttfam. ©o hatte bie Steigung beg heißblütigen 
[[Ranne« boch mehr ju bebeuten gehabt a(g bag bli^artigc Suffladern ber ©inn* 
lichfeit; fo hatte er bag ©ifb ber ffintfernten ftid unb treu in feinem $erjen 
bemahrt, hatte fich in ber SSeljmuth ber ©ntfagung an bem Änfcßauen ihrer $üge 
erquidt, mährenb ber ©ohn fich ihrer Dollen Siebe erfreute. Unb mie? SBenn 
ber ©ater ihm fein Seben Dergiftet hatte, hatte auch er burd) ba« eigenfüdjtige 
gehalten an bem ©orrecht feine« Änfprudj« an Slara nicht auch ihm bie Hoff¬ 
nung auf ein neue«, fein 35enfen unb Smpfinben Derjüngenbe« ©lüd zertrümmert? 
[Run fchmerjten ihn bie harten, unbarmherzig anHagenben SBorte, bie er einft in 
ber ©tunbe be« Srudj« mie mucfjtige Äeulenfcßläge auf ben jitternben, erbleichen* 
ben ©ut«herrn in maßlofem ©rintm herniebergcfdjmettert hatte, unb ber naffe 
©lid, ben er Don bem fßorträt ber ©eliebten auf ben ftöhnenben Schläfer 
lenfte, glich einer ftummen, reuigen unb bemüttjigen Äbbitte. 

Jrofc feiner Srmübung Don ber befchmerlichen Steife brachte er ben größten 
Ißeil ber [Rächt an bem ©ette be« Sranfen ju unb ttjeilte fid) mit ber frommen 
©chmefter in ©flege unb 2Bad)e. Hatte er oorbem feinen Äugen nicht getraut, 
fo traute er nun faum feinen Ohren, al« ber ©ater im gieber bann unb mann 
ben [Ramen Slara’« ljeroorftieß unb in unjufammenhängenben [Reben befunbete, 
mie feßr ihn bie Sinbitbung folterte, baß ba« SRäbdjen, nach bem er bie Ärme 
augbreitete, ißn mit immer erneuter Srbitterung unb ©raufamfeit hinmegmie«. 
2Bie tief mußte biefe SReigung in feine ©eele gegraben fein, baß fie noch °u« bem 
lallenben ©Jahnmiß be« Seiben« fprad)! Unb alg Srich am nächften SRorgen 
umftänblich mit feinen ©chmeftern Derhanbelte, nach allem fragte, erfuhr er ju 
feinem Srftaunen, baß faft fein lag Dorübergegangen fei feit bem Scheiben 
beg ©ruber«, an meldjetn ber ©ater nicht ba« ©efpräd) auf bie (Srjieherin 
geteuft unb ißr ©ebächtniß pietätootl in bie Kerzen ihrer Schülerinnen jurüdF* 
gerufen hätte. 

(©djlufj folgt.) 


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Dit Jloünt innig üts trnitfd)en Itbrtrfeefirttgsfjafcns 

an tor Sabe. 

Son 

SKajor a. $. ®ictor fiure. 

„$lm 13. Stob. 1886 ift bie neue Seefchteufe oon SBilhelmShaOen jum erften 
mal, unb jtoar oon 6t. SKajeftät ©anzerfcfjiff griebrich ffarl, paffirt Worben.“ 
6o nü^tern ctroa tute biefe 9?otiz ift bet ©harafter berjenigen Seiet geraefen, 
Welche ber ©inweifjung jener neuen Sdjleufe unb bet „zweiten Hafeneinfahrt“ 
galt, unb bodj honbette es fic£> um bie ©ollenbung eines ber bebeutenbften 6ee- 
bauraerle bet SSelt unb gleichzeitig um bie ©ollenbung Don ©leutfchlanbS 9torbfee= 
friegShafen. S)enn mögen auch an biefem noch mancherlei ©erooflftänbigungen 
unb Umänbetungen bei ©efteljenben butch baS Snwachfen unb gortfdjreiten unferet 
Stftarine nothraenbig »erben, mögen namentlich ©arnifon*, geftungö* unb SBerft* 
bauten noch mancherlei ©Weiterungen erfahren: bie eigentlichen £afenbauten oon 
äBithetm$haOen finb mit ber gertigftettung ber zweiten Hafeneinfahrt unb ber 
neuen @eefd)leufe als beenbet anzufehen. 

Ziemlich genau 32 gahre, nachbem baS früher olbenburgifche Terrain, auf 
bem jene errichtet, in preujjifchen ©efifc übergegangen war; benn eS War am 
23. SRoo. 1854, als ißrinz Slbalbert oon ißreu|en als ©ommiffar ffönig griebrich 
SBilhetm’S IV. baS nunmehrige preujjifche Sabegebiet oom olbenburgifchen SRinifter 
oon ©erg, als bem ©ommiffar beS ©ro6h«zogS ißeter, übernahm. 51n ben ®ct 
biefer Uebemahme fnüpften fi<h bamalS bie Hoffnungen au f Schöpfung unb 
baS ©ebeifjen einer nationalen ÜRarine: Hoffnungen, bie boppelt freubig gehegt 
würben nach ber trüben Seit, bie erft wenige gahre zurücflag. 

©ine fo Heine äRadjt wie I)änemar! hotte monatelang bie beutfchen ftüften 
gefperrt; oor bie SDtfinbungen unferer Ströme hotten fich bie bänifchen Skiffe 
gelegt; bie in ben ©innengewäffern weilenben beutfchen gahrzeuge burften fich 
nicht h'oouSWagen; bie heimwärts reifenben mußten angefichtS ber feinblichen 
ftriegSflaggen fchleunig baS SEBeite fuchen, um nicht aufgebracht zu Werben, unb 
©)eutfchtonbS Seeoerfehr War gelähmt. SRufjten hoch unfere Säufleute unb IRheber 
in fremben Hofenpläfcen gilialcomptoirS errichten, um aus See SBaaren empfangen, 
nach ®ee folche ejpebiren z u fönnen. Unb ber gefammte Seehanbel ©reufjenS, 


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192 


Unfere 


SJlecflenburgS unb SübecfS war, wenn er Slntljeil am SBeltoerfeljr haben wollte, 
burch ben ©unbjoll auch jur griebenSjeit tributpflichtig an 2)änemarf, beflen 
maritime Ueberlegentjeit im Kriegsfall ben wenigen preußifcfjen KriegSfahrjeugrn 
ben ^Durchgang burdf ben ©unb ober ben ©eit oerfperrte. Stur ein Slorbfee* 
friegS^afett fonnte ber preußifcfjen Seemacht einen gewijfen ®rab oon Unab* 
hängigfeit oon 2)änemarf fichern. 

liefen ©ebanfen mit geuer aufgegriffen unb, waS metjt fagen will, burdj= 
gefegt ju hoben, ift eins ber größten unter ben oielen ©erbienflen, bie fleh ber 
öerewigte ©rinj=Slbmiral SIbalbert, beffen ©tanbbitb ben großartigflen ©lafc 
2Bilf)elmShaoenS fdjmücft, um ©reußenS, jejjt SleutflhlanbS @eemadjt errungen hot. 
$ie SBahl unter ben oerfchiebenen ©trommünbungen — nur an folcße fonnte bei 
©rojectirung eines StorbfeehafenS gebacht Werben — fonnte nicht ju fchwer fallen. 
®aS rechte ©Ibufer War in bänifchem, baS linfe (SmSnfer in hoHänbifchem Seflf, 
unb bamit War ber ©ebanfe, für ©reußenS fleine glotte an ber ©Ibe ober ®mS 
einen KtiegSljafen fdjaffen ju Wollen, oon felbft auSgefcfjtoffen. (SS fonnte fleh 
baher nur noch unt bie grage, ob SBefer, ob gäbe, Ijanbefn, unb ba mußte, ganj 
abgefetjen oon ber „wohl aufjuwerfenben" grage, ob feitenS beS „hannooerifchen 
URittelreidjeS" überhaupt an ©reußen ein Xerrain am rechten SBeferufer §u Kriegs* 
hafenjwecfen abgetreten worben wäre, bie 28aljl auf bie, an beiben Ufern olben-- 
burgifche gäbe, fcf)on allein auS tedjnifdjen 9tü(fflehten fallen. ®ieS läßt fleh 
inbeß erft öerßeljen, wenn bie Slnforberungeti befannt flnb, bie ein KriegSljafen 
überhaupt, unb ein folcfjer an ber ber glut* unb ©bbeftrömung auSgefefcten 9torb= 
feefüfte im fpecieUeu erfüllen foH. 

®in Kriegshafen foH geräumig unb tief genug fein, um alle ihm jugewiefenen, 
nicht im $ienfte beflnblichen ©chiffe unb gahrjeuge fowie bie auS See jurüef* 
fehrenben aufjunehmen; er muff eine genügenbe Slnaaffl oon ©orridjtungen haben, 
um bie außer IDienft ju ftetlenben Schiffe abjutafein unb $u cntlöfcfjen, bie in 
$ienft ju ftellenben auSjurüflen unb bie reparaturbebürftigen ju repariren; er 
muß ferner bie erforberlichen ©orräthe an gnoentarien, SJiunition unb ©rooiant, 
einfdjließlicfj Irinfwaffer haben, um bie in ©ce gefjenben Schiffe mit allem ©rforber* 
liehen ju oerfehen. ©egen feinblichen Singriff müffen bie gefammten $afenanla* 
gen mit allen ©orrathSräumen burch geftungSwerfe, auch nach ber Sanbfeite 
hin, gefcfjü&t fein. SDtit ber ©ee muß ber §afen burch c * ne in A4 jufamnten* 
hängenbe SBaffcrfahrftraße oon auSreichenber Siefe unb ©reite oerbunbeti fein, 
unb möglichfl unmittelbar oor fleh foU er eine Strebe oon entfpredjenber ©röße 
unb $iefe haben, bie ben ©djiffen, welche feeflar flnb, einen fichern Stnferplafe 
bietet, oon bem aus fie ohne ©affirung oon ©chleufen ober ohne fonftigen Slufent* 
halt birect in ©ee gehen fönnen unb ber oor feinblicßem Singriff ebenfalls burch 
geftungSwerfe ober ©eeminenfperren $u flhüfcen ift. gebe einzelne SJlanipulation 
mit ein* ober auSgeljenben ©djiffen muß enblich mit IRücffldjt auf ben Kriegsfall 
oon Sßinb nnb SBetter möglichfl unabhängig gemacht fein unb gleichzeitig fo fchnetl 
als möglich auSgeführt werben fönnen. ®aljer muß baS gahtWaffer bei 9?adjt 
unb Xag im grieben genau bezeichnet, im Kriege für bie eigenen Schiffe, minbe* 


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Die DoUenöung 6es öeutfcfjcn tcoröfcefriegstjafens an 6er 3 a 6e. 


ftend für bie biefen beigugebenben Sootfen, genügenb erfennbar fein; bad 6in= unb 
Sudbringen oon Schiffen in bie unb aud ben ^afenantagen, unb im fpecieden 
auch bad Suffucfjen unb ©etlaffen ber zur ^Reparatur ber Skiffe beftimmten 
Srocfenbocfd, bad Sbrüften wie bad Sudrüften: aded bad mu& in ber benfbar 
fürjeften Seit gefaben. ©eiten biefe Snforberungen für jeben Sriegdhafen, fo 
treten ihnen für einen folgen an ber dtorbfee noch bie tjinju, bafj jene SBaffer* 
faljrftrafje, bie aud ©ee nach ber Strebe führt, ebenfo wie bie fR^ebe felbft, auch 
jur dtiebrigwafferzeit für bie tiefftge^enben galjrzeuge ber SRarine benufcbar fein 
mufj unb bafj wäljrenb bed täglich Biermat eintretenben „Umfefcend" bed glut* 
in ben ©bbftrom unb umgefeljrt bie auf 9?^ebe liegenben Skiffe fßlaj} }um 
„Sdjwojen" haben müffen. ©eibed bebarf ^iec einer furzen ©rläuterung. 

Sn ber beutfchen SRorbfeefüfte fteljt, oon ©türm» unb Springfluten abgefehen, bad 
SBaffer nach oodenbetem ©inlaufen ber glutwede, atfo zweimal täglich, um 3— 
4 dReter höb er ald nach Oodenbetem Sblaufen ber ©bbwede, ju ber natürlich 
ebenfafld zweimal täglich eintretenben üftiebrigtuafferjeit. 9tun fommen, ganz ab» 
gefehen Bon ben bei $Reu* unb ©odmonb erfotgenben ©pringtiben, bei melden 
bad SBaffer tiefer ald normal abfädt, diiebrigwafferftänbe oor, bie um mehr ald 
1 dReter geringer ald bie normalen finb; auch brauchen bie Schiffe immer noch 
30—40 ©entimeter SBaffer unter bem Siet, um mit Sicherheit fahren ju lönnen. 
Sie Siefe einer Äriegdwafferfira&e muß baher 1—2 dReter größer fein, ald ber 
Siefgang ber tiefftgeljenben ©djiffe ber dRarine beträgt. Sa nun biefer 7—8 dReter 
(bei ber ißanjerfregatte Sönig SBilhelm fogar über 8 dReter) audmacht, fo fann 
ald ftetd für bie glätte praftifabet nur berjenige fehr geringe Shril ber unfere 
dtorbfeefüfte befpütenben SBaffer angefehen roerben, ber auch J ut dliebrigmafferjeit 
tiefer ald 10 dReter ift. SBemt ferner bie obenerwähnten Snforberungen an ben 
£afen felbft unb ben in ihm oorjuneljmenben ©etrieb erfüdt werben foden, fo 
müffen bie eigentlichen $afenantagen bem SBecfjfel bed SBafferftanbed, welche glut 
unb ©bbe h«oorbringen, burch Sbfchlujjüorrichtungen (©chleufentfwte, ©ontond 
ober begleichen) entzogen fein; fie fönnen bad aber nur fein, wenn fic im ©innen* 
tanbe liegen. Saher (ann für eine Sriegdhafenantage nur eine ©tede ber Süfte 
in grage fommen, an bie jened 10 dReter tiefe gahrwaffer bidjt Ijrrantritt. 
SBährenb ed enblich auf SRheben, bie nicht unter bem ©influfj oon gtut unb ©bbe 
ftehen, genügt, bafj bie Schiffe, bie an Snfer liegen, nur ben Srehungen bed 
SBinbed folgen fönnen — unb biefer breht ade gahrzeuge nahezu gleichzeitig unb 
jebenfadd in bemfelben Srehungdfinne — müffen bie 3iE)eben an ber dtorbfeefüfte 
oerhältnijjmäjjig breiter fein. Senn wäljrenb jened obenerwähnten „Umfefeend" 
werben bie auf ßR^ebe oeranferten Schiffe nicht immer gleichzeitig oon ber Oer* 
änberten ©tromrichtung gefafjt; fie „fchwojen" (b. h- brehen ficfj um ihren Snfer) 
Oietmehr gewöhnlich nacheinanber unb gebrauchen, um währenb biefer ©cwegung 
nicht miteinanber zu codibiren, einen freien SRaum, wie er ihrer eigenen Sänge 
unb berjenigen ihrer Snferfette, bie übrigend zur tpocfjwafferzeit länger audgeftecft 
fein mufj, ald ed bei SRiebrigwaffer erforberlüh wäre, entfpricht. ©ine SRhebe in 
ber dtorbfee mufj baher oerhältnifjmäfjig geräumiger fein ald in ber Oftfee. 

©inen ©unft, ber aden biefen Snforberungen entfprä<he, gibt ed an ber SBefer, 

Unfctc ßtit. 1887. L 13 


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Unfere <5eit. 


W 

unb, wie gleich ber 93oüftänbigfeit falber ^injugefügt werben mag, aud) an ber 
Siber, bet Slbe, bet SmS nirgcnbS. Sntroeber finb feine gebüßten Sheben ba, 
obet e§ mangelt an einer jufammen^öngenben genügenb tiefen unb breiten 
SBafferftraße, ober biefe bleibt ju meit Bon ber ftilfte ab. Sagegen Werben alle 
jene Sorberungen, wenn auch nicht alle in gleichem S£Ra§e, erfüllt burch jene Bor* 
fpringenbe weftliche Äüftenftrecfe ber gäbe, bie jefct bic Jpafenanlagen oon 9ßit* 
helmShaoen aufnimmt. 

(Sine etwa 6 Quabratfilometer große, bis ju 16 Sieter tiefe Sttjebe liegt in 
einer (Entfernung oon nur etwa 1500 ÜJletern oon ben Stfloten ber jeßigen beiben 
Hafeneinfahrten, ©ie bietet Bor ben Ejerrfrfjenben weftlidjen unb fübweftlidjen, 
auch oor ben füblichen unb öfttidjen SBinbcn auSreichenben 6d)ufc, aflerbingS feinen 
gegen reine Sorbwinbe, bie aber feiten finb, baher bie fleincrn galjrjeuge bei 
ftarfem Sorbwinbe bie Stiebe oertaffen unb in baS etwas flachere SBaffer unter 
Sanb gehen müffen. 3'oifchen ber Sljebe unb ber alten Hafeneinfahrt ift jefct 
fo Biel SBaffer oorljanben, baß fchon gleich nach SEiebereinfefcen beS glutftromeS 
auch bie größten Schiffe unferer SSarine in bie Hafeneinfahrt gelangen unb — 
oermiebe man baS nicht aus anbern ©rfutben — eingefchteuft werben fönnten; 
auch nach ber neuen Hofeneinfahrt 3 U h fl t fich ein ziemlich tiefer ©tromfd)lauch 
gebilbet. (Sbenfo ift bie S3erbinbung oon ber Stiebe nach ber ©ec eine günftige. 
Sin ©tromjchlauch oon 10 bis 26 Sieter Siefe, ber nur an jwei Stellen — nahe 
bem Seuerfchiff „®eniuS=Sanf" unb etwa 3500 Sieter nörblich ber Oftfpifce ber 
3nfel SBangeroog — fich auf 600 refp. 500 Sieter nerengt, fonft aber 1600 — 
3600 Sieter breit ift, führt Bon ber withelmShaoener Shebe bis bahin, wo in 
ber Sorbfee bie Sonne A unb bie ©ignalboje anjeigen, baß man nunmehr „in 
See" ift. Unleugbar ift übrigens, baß, theilS wegen jener lefctgebachten 93er* 
engerung beS JahrwafferS, theilS wegen ber Sichtungen, bie biefeS annimmt, bie 
Sinfegelung in bie 3®be fchwieriger ift als bie in bie Slbe ober SBefer; man 
muß unter anberm jweimat SreljungSfreife oon fo fleincrn SabiuS — unb baS 
gerabe.an ohnehin fdjwierigen ©teilen beS gahrwafferS — betreiben, baß bie 
Sangenten an bem SreljungSfreife, bie in ber Sichtung beS alten refp. neuen 
SurfeS laufen, fich unter SBinfeln oon 140 refp. fogar nur 107 ®rab fchneiben. 
2)o<h finb beibe ©teilen gut auSgetonnt, unb bei Sacht erleichtern baS weiße 
gicht beS SeudjtthurmeS oon ©chiHigljörn unb bie beiben nur 4400 Sieter auScin* 
anberliegenben geuerfdjiffe „21ußen*3obe" unb „SSinjener ©anb" bie Orientirung. 

Sine fernere ©djwierigfeit, bie beS SinpaffirenS in ben Hofen felbjt burch bie 
alte Hofeneinfohrt, ift burch ben jefct Bollenbeten 83au ber neuen jwar nicht be* 
fyoben, aber boch minber fchäblidj gemalt, unb im allgemeinen barf gefagt werben, 
&afj ouch bie internen H a f e neinrichtungen — SocfS, Hellinge (für ben Seubau Bon 
(Schiff en )' ®orratf)S* unb SBertftattSräume im weiteften ©inne, Cabeoorrichtun« 
gen 11 • f- ,0 * — *h e ilS f^ on in ihrem jefcigen Quftanbe genügen, tljeitS fich unfeßwer 
yctDoOfommnen taffen. 

SBenn fonach ber SriegShafen an ber Sorbfee feinen 3wecf unbebingt gut er= 
fitat unb ber früher öiet angefeinbetc ©ntfc^ufj, i§n gerabe an ber 3abe an$u* 


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Die Dollettbung bes beutfcfjen HoröfeeFriegsfjafens an ber 3 a & e * 195 


Fegen, ebenfo unbebingt gutzubeißen ift, fo bliebe, ehe auf bie einzelnen Sauten 
unb bie Sntftefjung ber ©tabt 2Bilbelm«baten nähet eingegangen wirb, bodj noch 
bie grage ber (Erörterung bebürftig, ob benn nach ben (Ereigniffen oon 1864 unb 
1866, bie ®<ble«mig*$otftein mit feinem jefct ju einem ganz tortreffticben ßriegö* 
bafen auögebauten fieler §afen in ben Sefiß fßreußen« refp. 9torbbeutfdjlanb$ 
brachte, noch ein 9torbfeefrieg«hafen notbroenbig erfdjien, ober ob nicht tietmebr 
bie (Erftarfung feiner gtotte bem SJiorbbeutf^en Sunbe refp. bem ®eutfdjen SReic^e 
geftattete, im Srieg«falte ficb auf bie jebenfaü« mögliche gorcirung ber ton 2>äne* 
marf beberrfcfjten ißaffagen au« ber Dft* in bie Utorbfee unb umgetebrt zu oertaffen. 
Sie teßtere grage ift ju terneinen. SBenn e« auch möglich ift, jene fßaffagen 
fchtoachen Kräften gegenüber ju ergingen, fo taffen fich boch febr leicht gölte 
annebmen, in benen ein fotcbe« gorciren nicht getingen mürbe; man benfe j. 8. 
nur an ben 8?ücfjug einer gtottenabtbeilung au« ber SRorbfce in bie Dftfee, menn 
ber geinb folgt, unb bann jene glottenabtbeitung gegen ben oerfofgenben geinb 
unb gegen benjenigen, ber bie Sefile« oertheibigt, gleichzeitig fämpfen fott. Sie 
Dftfee bteibt eben in gemiffem ©inne immer ein Sinnenfee, unb ton einer unter 
allen Umftänben gefieberten Stetion unferer glotte im SEBeltmeer, in ber Dtorbfee, 
fann nur bie Stebe fein, menn mir, roie bieg eben ber galt, an biefer einen Stiegt 
bafen befifcen. ©etbft menn ber 9torb=Dftfeefanal fertig ift, ber bie freie fjBaffage 
au« ber öft= nach ber Storbfee unb umgefehrt fiebert, terfchieben jich bie ©erhält» 
niffe etma« ju ©unften be« tieler £afen«, aber nicht fo mefentlich, mie man 
glauben füllte. 3ur Sedung ber großen ©trommünbungen, ber (Ent«, SBefer unb 
(Elbe ift bie auf SBi(bctm«b<»t>en bafirte SRorbfeeflotte unter alten Umftänben beffer 
geeignet at« eine auf Siet bafirte unb auf ben Sana! angemiefene glotte. Senn 
.jpelgolanb, bie gegebene Safi« für eine gegen unfere 9torbfee(üftcn operirenbe 
feinbticbe gtotte, ift ton SBilbelmebaöeti noch um 5 ©eemeiten meniger entfernt 
al« ton Srun«büttel=9Rargarethen, mo boch erft ber 52 ©eemeiten lange Sana! 
nach $oltenau»Siet beginnt. Sie gbee, fich nur '•* ber Dftfee febtagen zu motten 
unb bie feinbliche gtotte in biefer ju ermatten, jene großen ©trommünbungen 
aber unter alten Umftänben nur mit Sföinenfperren, ©tranbbatterien unb fliegenbcu 
Setad)ement« ber Sanbarmee zu tertheibigen, mit anbern SEBorten, Srcmen unb 
Hamburg einem energifchen geinbe preiöjugeben, tann auch nicht mof)t ernfttjaft 
gefaßt roerben. Sluch ba« Seboudjiren ber ton Siet fommenben gtottentbeile bei 
Srun«bütte(>3Rargaretben tann füglich mit Sicherheit nur unter bem ©djuj} ber 
auf bie Siorbfeeftation bafirten glotte torgenonrtnen merben. 

28ifbelm«b«ten, ba« übrigen« roeitau« größer angelegt ift a(« ba« tieter 
(Etabtiffement bei (Ellerbed — bie mitbetm«baoener SBerft allein ift ettoa jmeimat fo 
groß mie ba« gefammte etterbeder (Etabliffement, unb ihre SSafferfläcben finb nahezu 
tiermal fo groß mie bie etterbeefer*) — mirb alfo feinen SBcrtt) at« Seutfcfjlanb« 
bebeutenbfter Srieg«bafen auch nach (Erbauung be« 9Zorb*Dftfeefanat« behalten. 

SBetcher moralifchc ÜJtuth bazu gehört bat, biefen Srieg«bafen ju fchaffen, 


*) Such übertreffen bie SBafferflädjen eben allein ber SBerft oon SSilf)c[m«f;aDeii bie« 
jenigen oon ffifjerbourg noch um einige« an ©röfje. 

13* 


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196 


Unfere <3eit.____ 

wirb Har »erben, wenn man ficb in bie Beit zurüdoerfefct, als Sßreußen mit 
Dlbenburg ben bom 20. 3uti 1853 batirten ©taatsoertrag abfchtoß, burdj ben 
gegen Saljtung bon 1,500000 HRarf unb eine ziemliche Steife fonftiger ßugeftänb* 
niffe materieller fRatur Dlbenburg baS Sabegebiet, welches bamats nur etwa 
300 Heftar groß war — erft fpätere Serträge führten Sergrößerungen auf baS 
$oppelte herbei — an Ißrcußen abtrat. SaS ©ebiet lag, bon bem ganz {leinen 
Serrain bei ©rfwarberljörne an ber Dftfeite ber ßabe abgefeljen, auf ber äußerften 
öftlidien ©pifce beS ßeoerlanbeS, eines SJtarfchlanbeS, baS oft genug burch SteereS* 
fluten in feiner ©eftalt gänzlich oeränbert, nur burdf ftarfe Seiche gegen bie See 
ju fdjüfcen war; gerabe berjenige Sfjeil, ber an Sreußen abgetreten würbe, war 
ben Angriffen ber @ee gegenüber nicht ju galten gewefen, bie ©inbeichung lief 
nic^t mehr parallel ber füfte — etwa in ber Stiftung 9torbnorbweft*®übfüboft 
unb bann Dft*SBeft — fonbern überließ baburcf), baß ein 1900 HJieter langes! 
©tfid beS SeicheS in ber 9ticf)tung 9torboft*@übweft lief, einen breiedigen ßipfel 
SanbeS bem Hbbrudj burch bie wilben ©ewalten ber ftürmifdjen ©ee. Huf biefem 
preisgegebenen ©tüd Sanb mußten, woüte man anberS nicht p weit oom Satjr* 
waffer abbleiben, bie Hafeneinfahrt unb bie ficfj an biefe anfcfjliejjenben Sauwerfe 
erbaut Werben; auf einem Sanbe atfo, baS jebe ber täglich zweimaligen Stuten 
großenteils, jebe ber zahlreichen Hochfluten ganz unter SBaffer fefcte, hier einen 
tiefen ©inbrudj in ben zerllttfteten Sljonboben machenb, bort Sföaffen oon ©djlid 
ablagernb, hier tiefe Äolfe einwühtenb, bort SRefte alter ©räben mit Schlamm* 
maffen auSfüllenb. Unb bie H°4 5 unb Sturmfluten erreichten H ö h e n, »eiche 
biejenigen ber Sauftellen um mehr ab? 3 ÜJteter, biejenigen ber Saugrubenfohten 
um mehr als 14 SJteter überfliegen, ©in einziger Storchbruch ber gewaltigen 
Sangebämme, welche bie Saugruben umfchtoffen, oernichtete mitunter bie Hrbeit 
Oon SBodjen unb SRonaten. SJiit rafenber ©ewalt warf ber ©türm bie SBaffer* 
maffen gegen jene fdjüfcenben Sämme; tiefe Äolfe wühlten fie an ihrem guße, ber 
mächtige Ueberbrud ber fidj heranwälzenben ©een brüdte bie ftarfen ©punb* 
wänbe nach innen, jerbrac^ ihren Serbanb, wufch bie SfymfüHung, bie ztoifchen 
fie gebracht War, au$ unb zerftörte fo bat? SRenfchenwerf. Unb war ein folcher 
Surchbruch erfolgt, fo war bie ©efahr nicht etwa oorüber; benn bie SBinbe hielten 
baS SBaffer auch bei ©bbe zurüd, fobaß auch Jur SRiebrigwafferzeit noch bie ©ee 
3—4 Steter höh« als normal ftanb. UeberbieS War ber Saugrunb, »cfenttich 
HnfchwemmungSgcbilbe, ein höchft ungünftiger unb erforbertc für jebe? ber großen 
Sauwerfe bie Herjtettung ftarfer fßfaljlrofte ober Setonbetten, bie unter SBaffer 
oon fßraljmen aus zu fdiütten Waren. 

Hber auch biejenigen Sauwerfe, bie innerhalb jenes obenerwähnten StoidjeS, 
jenfeit beffen ber preisgegebene Bipfel SanbeS tag, bergefteUt werben mußten, 
machten erhebliche ©cßwierigfeiten. ßunächft beSfjalb, »eil ben Seidjorbnungen 
gemäß bie beftetjenben Seiche ein Noli me tangere barfteßten, bis ein neuer Seich 
als fchaufrei erftärt Werben fonnte. neunter litten bie H Q fenbauten infofern, 
als bie ©efammtbaufteQe burch einen Seich in groei Sheile zerlegt würbe, bie 
geftungSbauten baburch, baß fie ba, wo fie gemäß ihrem ©efechtSzwed näher an 
bie Seiche hötten gelegt werben müffen, Oerhältnißmäßig weit entfernt oon ihnen 


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Die Dollenbung bes öeutfcfjen Ztorbfeefriegshafens an 6er 3a6e. (9? 


Bleiben mußten. ©obann »egen ber ungünftigen ©obenoerhältniffe. Stuf eine 
»enig Aber einen SWeter ftarfe tragfä^ige @djiiht. Bon reinem %f)on folgten @e* 
menge oon fanbigem %i)on, £orf, $arg unb anbern n\eljr ober minber birfflüffigen, 
feineSfaÜS tragfähigen ©obenarten; erft in erheblicher Siefe fanb fich ein ©anb, 
ber an unb für fich tragfähig war, aber burd) baS Stadjbringen bes ©SafferS in 
bie butch ©ump= unb ©cfjöpfwerfe aller Strt freijufjaltenben ©augruben in Srieb- 
fanb oerwanbelt »urbe. ©in leifer gingerbruef genügte, um in jene ©obengemenge 
fowol, bie man unter bem ©efammtnamen Schlief jufammenjufaffen pflegt, als 
noch in ben „tragfähigen" ©anb eine fpifce Stange oon etwa 3 ©entimeter ®tcfe 
beliebig tief einjutreiben. gebeS ©erlaffen ber aus fielen gebitbeten SJarrfahrten 
rächte fich unter folchen Umftänben burch tiefes ©infinten in ben bicfflüffigen 
Schlamm, ber bie ©oljte ber ©augruben nicht allein, fonbern fdjtießlich auch bie 
Oberfläche ber ©aufteüen bilbete. 2)a ferner baS gefammte bimtenbeichs gelegene 
Xerrain um etwa einen halben ÜReter tiefer lag als baS normale „^ochwaffer" 
brauften, unb eines jeben natürlichen ©efüüeS entbehrte, fo fonnte bie in ber niebet* 
fdjtagSreichen ©egenb fo nothwenbige ©ntwäfferung lebiglidj burch *»n f e h r en 8 5 
mafdjigeS Steh bon ©ntwäfferungSgräben, bie fdjließlich ihr ©Soffer burch e i Ren 
„^jauptjuggraben" mittels eines „SielS" ber ©ee jufüljrten, bewirft werben, 
gene ©ntwäfferungSgräben burchfehnitten allenthalben bie ©aufteüen unb mufften 
überaü abgebämmt, berlegt ober auSgefchöpft werben. Huch functionirte bie 
burch fte herbeigeführte ©ntwäfferung feineSwegS regelmäßig; benn gerabe nach 
ben befonberS regenreichen “lagen mit ©Seftwinb pflegten nicht minber regenreiche 
läge mit ©übweftwinb einjutreten, welcher festere bie SBaffermajfen ber ©ee fo 
aufftaute, baß an eine Deffnung beS ©iels, bie ja nur bann eine ©ntwäfferung 
herbeiführte, Wenn baS ©Saffer außen niebriger ftanb als binnenbeid)S, nicht 
gebaut werben fonnte. @o hotten benn fämmtliche ©aufteüen auch binnenbeichs 
mit einem ©Safferanbrang §u fämpfen, ber um fo bebeutenber mar, als baS ©runb* 
waffer häufig um 8—9 ÜReter ^öfjer ftanb, als bie mafferfrei ju holtenbe ©ohle 
ber ©augruben lag. @S gehörten gewaltige ©tafchinenfräfte baju, um unter 
biefen ©erhältniffen bie ©augruben troefen ju hatten, unb oft genug »erjagten bie 
ÜRafchinen unb bie Arbeiten mußten, Wo nicht § anbarbeit gerabe auSreichte, ein* 
gefteüt werben. $cr ftets aufgeweichte ©oben quoü in ben ©öfchungen ber ©au* 
gruben auSeinanber; biefe ftürjten ein, brüeften auch rool bie an ihrem guße 
ftehenben ©punbwänbe ineinanber, unb auch baS führte mannichfache ©erjögerungen 
herbei, unter benen namentlich bie geftungSbauten, beren hohe ©Jaüfcljüttungen 
auf jenen weichen ©Richten ruhten (ober eigentlich nicht ruhten, fonbern rutfcfjten), 
ju leiben hotten. 

$a ferner ber fruchtbare ÜJtarfcfjboben, ber bie ©egenb oon ©SilljelmShaoen 
bebeeft, bie ©igenfehaft befifct, fich unter ben ©inwirfungen oon Stegen, ©ferbe* 
hufen unb ©Sagenräbern in unglaublich furjer grift in einen ©rei ju oetmanbelu, 
ber aüenfaüS SDienfchen, benen es auf ©tiefeloerluft nicht anfommt, belabene ©Sagen 
aber burdjauö nicht pafftren läßt, fo war es nöthig, für jebe ©aufteüe gepflafterte 
©Sege hcrjufteüen, unb biefe mußten auf irgenbeine ©Seife, immer über jene oben* 
erwähnten ©ntwäfferungSgräben hinweg, angefchloffen werben, entmeber an eine 


aiikt;»:-.' 


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198 llnferc ^cit. 

©trage nach bem, e 6 enfaöS erft neuerbauten VanbclSljafen (berfetbe tag etwa an 
ber ©teile beS jetzigen neuen grogen VanbetSljafenS) ober an bie S^aujfee, bie über 
ÜRarienfiet nach ©anbe jurn Slnfchtug an bie ©hauffee Otbenburg» gebet 1859 
erbaut worben war. ©iS jur söefifeergreifung burd) tßreugen nämlich war baS gäbe» 
gebiet unb feine nähere unb weitere Umgebung fowot ohne Vafen — inbeg tagen 
bie Keinen £äfen oon SWarienfiel im SBeften unb SRüftringerfiel im Sßorben nur 
wenige Kilometer entfernt — atS auch ohne jebe, ftetS fahrbare ©tragenber* 
binbung. güt ben geringen guhrwertsoerfeljr, ber ju otbenburgif^er 3 «>t gerrfd)te, 
genügten bie in trocfenen 3 eiten leiblich fahrbaren „SHagmege", unb für ben Serfeljr 
oon V°f ju $of — eS gab im ganzen gabegebiet nur fünf „©teilen" mit etwa 
25 ßinwoljnern — bie ©reter, welche über bie ©räben gelegt waren. 

®ie Einlage jener ©tragen fowot wie beS VanbetShafenS, welcher teuere in ein» 
fadjer SSeife in ben ©dju^ eines ber neuerbauten, fpäter ju ermätjnenben glügel* 
beic^e unb eines befonbern, etwas niebrigern ®eidjeS bon einigen ^unbert SKeter 
Sänge gelegt war unb burd) häufiges ©aggetn genügenb tief erhalten würbe, 
war um beStoiHen um fo notfjWenbiger, weit ©aumaterialien irgenbeiner ®rt an 
Ort unb ©teile abfotut gar nicht gu ermatten waren. ®ie weiften ÜKaterialien 
langten bietmehr bon ®anjig, ©tbing, Stettin, Sarlstrona, bom innern gabebufen, 
bon ber ffiefer unb bem Stljein ju Schiff, einige, barunter namentlich 3iegetfieiite, 
per $ldjfe an. ©rft 1867 Würbe bie grogentljeilS auf preugifd)e Soften erbaute — 
auch bie ©etriebSergebniffe mugte ©reugen in gewiffer ^ö^e Otbenburg gegenüber 
garantiren, obgleich biefeS bie ©ahn mit berljältnigmägig geringen eigenen Opfern 
erworben hotte unb ihren ©etrieb leitete — ©ifenbahn ©remen=Olbenburg=SBiIhelmS* 
haben fertig unb tonnte jur äJiateriatförberung mit hetangejogen Werben. 

9?och Wichtiger aber faft atS bie Vergeltung bon Sommunicationen war bie» 
jenige bon SEBohnungcn gewefen. Sticht nur bie oberften ©pifcen ber beiben bau* 
teitenben ©eljörben beS V Q f eiI= «ob beS gortigcationSregortS, fonbern auch biejenigen, 
welche auf ben einjetnen Sauftellen bie Seitung hatten, mugten regetmägig ihre 
tigfeit bamit beginnen, für fich unb ihr ©eamtenperjonat burch Infauf unb ©in» 
richtung alter öauerhäufer in ber llmgegenb, ober burch, tfjeitS probiforifche, tljeilS 
begnitibe Neubauten SBohnungen ju [djaffen. Unb baS war fcfjwer genug in einer 
©egenb, bie einet entfprechenben gahl bon ©auhanbwertern, Wie fie etwa auch 
nur eine Keine Sanbgabl befifct, böHig entbehrte. Slud) für bie Arbeiter mugten 
fowot bon ben Serwattungen wie oon ben Unternehmern ©aracfen erbaut Werben. 
®a baS SlnWachfen ber ©ebötterung mitunter, 4 . ©. bei gnangriffnaljme eines 
neuen ©auobjectS unb fpäter bei Vinjutritt neuer SKarinetheite, einen etwas 
ptöfclichen ©harafter trug, fo tonnte eS nicht auSbleiben, bag in ber ©ite ©ebäube 
ju SBohnungen eingerichtet würben, bie urfprüngtidj ju ganj anbern 3weden 
beftimmt waren, 4 . ©. eine Schute, ja fogar ein „SriegS* unb griebenStabora» 
torium", befonberS höugg aber auger ®ienft gegellte „©aububen". 

©eht fchon auS bem bisher ©efagten herbor, bag ben ©eamten ihre fchwierigen 
unb forgenootten 2lmtSaufgaben burch ein bequemes unb behagliches häusliches 
Seben, wenigftenS in ber erften 3 e 't, Wahrlich nicht erleichtert würben, fo wirb 


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Die Dollenbung 6es öeutfdjeii Horöfecfrtegs^afens an 6er 3a6c. (99 

bieS nop mehr auS ben napfolgenben Anführungen erhellen. $aS SRalariafieber, 
in aßen 2Rarfpgegenben enbemifd», mar in SBifljelmShabcn toegen ber bortigen 
großartigen AuSfpaptungen, bie ftetS gieberfeime frei merben ließen, befonberS 
heftig. Mitunter mar jeher feierte ÜRenfp in SBilhelmShaten am Sieber bett= 
tägerig frant, unb namentlich auf föinber übten biefe giebererfranfungen einen 
fehr naptfjeiligen ©influß. AIS Xrinfmaffer mußte baS oon ben 3>äpern ab* 
faufenbe unb in Tonnen ober gemauerte Sifternen geleitete füegenmaffer benufet 
merben. ©lieb folpeS auS — unb baS grühjnhr fomie ber ©pätfommer finb meift 
mopenlang oöHig regenfrei —, fo mürbe in Tümpeln, ja in ben ©räben, roelpe 
bie SBeibeparceflen ooneinanber fpeiben unb bie ftetS braefigeö (mit ©eetoaffer 
termifpteS) SBaffer enthalten, bie trübe, ftp bort eorfinbenbe glüffigfeit, oft unter 
Auffipt oon SBäptern, bamit niemanb ju feiet nahm, gefpöpft, abgetopt, unb 
nap erfolgter Abfüllung getrunfen. 5)er SBinb ift in jener ftapen ©egenb, faft 
au$ jeber Stiptung her über ©ee ober über gänjlip erhebungSlofeS niebrigeS 
ßRarfplanb ftreipenb, üon einer fteftigfeit, ton ber man im ©iunentanbe feine 
©orfteßung h fl t- SBäljrenb j. ©. in jrnei fahren bie burpfpnittlipe SBinb» 
gefproinbigteit in fieipjig 2,2 SOieter pro ©ecunbe betrug, erreipte fie in berfetben 
$urpfpnittSjeit in SBilhelmShaten 7,2 SJieter; 20 SEReter finb aber häufig; 
28 SJteter, ja (am 29. Dct. 1880) 30,6 2Reter finb ebenfaßS fpon beobaptet 
morben. ©egen berartige SBinbe nun fehlte eS, ehe regelmäßige Läuferreihen 
beftanben, an jebem ®pufc. Unb baS mar um fo emppnbliper, als bie meft» 
lipen SBinbe meift oon heftigem SRegen, bie norböftlipen jumeilen oon einem ©iS» 
unb ©pneetreiben begleitet finb, gegen baS etrna ein berliner „©pneefturm" ein 
freunbliper, fofenber 3 e Ph l )r ift. 3« aß biefen SRiSftänben fam im Anfang nop 
ber SWangel an jegliper außerbienftlipen geiftigen Anregung unb, roaS bei ben 
primitioen ©erfjältniffen nipt ju oermunbern, ein ebenfolper URangel an jegtipen 
titaterießen, menti aup nop fo befpeibenen ©enüffen. ©etbft eine ftäbtifpen 
Gljarafter tragenbe ©ebauung fonnte fip im preußifpen ^abegebiet erft fpät ent* 
mirfeln. 2)enn ba Olbenburg bie Anfiebelung auf biefem (extern erfpmert rniffen 
moflte, mürbe ©auterrain bafelbft an ©rioate nur ju bem bamatS oerljältniß» 
mäßig hohen ©reife oon ü6er 3 äRarf pro Ouabratmeter (aflerbingS einfpließlip 
ber für bie ©ebauung erforberlipen Aufhßhung um 1—1,25 SDieter) oerfauft, unb 
felüft ber giScuS baute in bem nur menige Läufer jählenben „©tabtgebiet" nap 
ben ©orfpriften ber berliner ©aupolijeiorbnung, fobaß in jener ftürmifpen ©egenb 
ftatt jufammenhängenber Läuferreihen, bie ©puh oor bem SBinbe geboten hätten, 
einzelne, je etma 11 SReter ooneinanber entfernte (meil in ben einanber jugefehrten 
©iebeln mit genftern oerfehene!) Läufer ftanben. 

©S muß enblip nop jloeier Umftänbe ©rmäljnung gethan merben, melpe 
geeignet maren, bie amtlipe Spätigfeit ber ©auleitenben ju erfpmeren; eS maren 
bicS bie ©ielföpfigfeit ber ©ehörben, bie bei ben ©rojectcn unb Ausführungen 
mitjufprepen hatten, unb bie nipt in aßen Säßen genügenbe Gualififation ber 
©auunternehmer unb ©eroerbtreibenben. ©ei einem unb bemfelben ©roject mar 
mitunter Uebereinftimmung folgenber ©ehörben erforberlip: beS preußifpen 2)o= 
mänenßScuS, ber preußifpen ©olijeibirection, ber Ltfenbaucommiffion, ber 2forti= 


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200 


Unfere ^eit. 


ficotton, bet ©ielacfjt 9tüftringen=$nhPhaufen, bef jeoerifchen XJeicfjöerbanbef unb 
affet bet biefen oerfchiebenen Setjörben oorgefefcten 3nftan}en. Setrefff bef 
jWeiten fünfte« fei nur batauf tjingewiefen, ba| bie oben betriebenen ©erhält» 
niffe nic^t baju angethan waten, lauter fotibe, gefieberte ©fiftenjen an}U}ie!jen, 
fonbern baß manch einer, bet alf „abenteuerlicher ©efeff" hätte bezeichnet werben 
fönnen, in SBilhelmfhaöen ein früher rafd) öerjubeltef Vermögen noch rafcher 
wieberjuerwerben trachtete. 

©rft wenn man affe biefe ©chwierigteiten, welche bie Statur fowot wie fonftige 
Ungunft ber ©erhättniffe gehäuft hatten, fennt, oermag man gu ermeffen, Wel$ef 
gewaltige Stag oon ©nergie, Anteiligen} unb Slrbeit in ben Sauten oon SBiltielmf* 
haoen fteett, unb beS^alö fei erft jefct eine Sefdjreibung ber gefammten Arbeiten 
hier angefchloffen. 

3 uerft mugte ber mittlere Zfyeil bef mehrerwähnten, früher fdjon preifge* 
gebenen ßanbef Oon neuem eingebeicht werben, bamit im ®djuh biefer Sebeichung 
bie Saugruben für bie ein}e(nen }ufammenhängenben Saucompleje unb Umfaf» 
fungfmauern aufgehoben refp. }Wifchen ben fie umfchliegenben gangebämmen (auf 
©punbwänben mit ba}Wif(hengefchüttetem Xh on ober Seton) aufgebaggert werben 
tonnten. Xiefe neue Sebeichung fdjlog an ben obengebachten 1900 Steter langen 
$eich an unb ging in }Wei „gtügelbeichen" auf bie äugerfte ßanbfpifce }U, um 
bort burch einen gewaltigen Hauptfangebamm, beffen Srone übrigenf oon befon» 
berf hohen ©turmfluten überbeeft würbe, gefchloffen }u werben. X)a wo ber 
Slnfcfjlug bef gangebammef an jene Seichenben erfolgt, waren mächtige ©tein* 
fchüttungen angebracht, bie fich in einer ©efammtlänge oon über 3000 Steter alf 
„©teinbeiche" oor bem Suge ber neuen unb alten Reiche hinjogen unb meftlich 
an einen hohe« „©roben", ber bie Stuinen ber einer ©turmflut }um Opfer ge» 
faffenen fi’irche bef Xorfef Sant trägt, nörblich an eine oorfpringenbe ©de bef 
alten £>auptfeebeict)f anfchloffen. Xiefe ©teinbeiche haben }War bie Serlanbung 
bef fpäter ebenfaflf in bie Sebeichung ge}ogenen Xerrainf Oorbereitet, oerbanften 
aber wol mehr bem ber Sauoerwaltung burch eine ©laufet bef ©taatfoertragf 
aufgenöthigten Seftreben, fchon in ben erften Saufahren erhebliche ©ummen auf 
ben Sau }u oerwenben, ihre ©ntftehung. 

®ie eigentlichen $afenbauten beginnen mit ben beiben Stolentöpfen, }Wei auf 
tßfahtroft funbirten unb bie normale gluthöhe um 5 Steter überragenben runben 
Stauertörpern, bie äugen mit ©ortafteinen betleibet finb unb beren (üblicher 
neuerbingf einen Reinen Stufbau erhalten hat, unter bem fich ein felbfiregiftriren» 
ber ©eget befinbet. X)er nörbtiche Stotentopf zeigt nachtf ein grünef, ber (übliche 
ein rothef Hafenfeuer. Swifdjen beiben Stolentöpfen ift, in ber Höh« bef not» 
malen $ochwaffetf gemeffen, eine Oeffnung oon 69,s Stetem befinbtich, burch Welche 
bie Schiffe in bie „Hafeneinfahrt" gelangen. Xiefe, burch Stauern Oon 5,30 Ste¬ 
ter ©tärte unb gleicher £äh e unb Setteibung wie bie Stolentöpfe begren}t, ift 
210 Steter tang unb erweitert fich nach Storbweften }u affmähtich auf 93 Steter. 
Stn ber Sorbweftfeite ift fie burch baf Haupt» unb burch einf ber Xh°re ber 
„erften ©chleufe" oon allen binnenwärtf gelegenen Hafenzeiten abgefchloffen. 


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Die üollenbung bes beutfcfyen Horöfeefriegsfjafens an ber 3 a ^ e> 20 t 


Die erfte ©chleufe f)at 42,7 Steter Sänge — auch biefeS fowie alle folgenben 
Sängen« unb ©reitenmafje finb in jener $ö^e beS SormatljochwafferS genommen —, 
eine DurdjfaljrtSbreite oon 20 ,? Steter unb in ber Stitte eine liefe oon 8,47 Steter 
(ebenfalls bei Sormalhodjroaffer gemeffen). ©ie ruljt auf einem ftarfen ©etonbett 
unb ift theilS mit ©ortafteinen, theilS mit fdjwebifdjem ©ranit öerfteibet. 3^re 
SBänbe reifen ebenfalls bis 5 Steter über 9iormalf)ochroaffer unb bilben mit iljrem 
feetoärts gelegenen eifemen glut> ober ©turmtljor ben erften Slbfchlufj, ber bie 
gefammten ©tabtiffements gegen bie ©ee ftcfjert. Das gtutthor fdjliefjt oon felbft, 
wenn ber Slufjenmafferftanb Ijötjer fieigt als ber SBafferftanb binnenwärts beS 
^weiten X^oreS, bes ©bbtfjoreS. DiefeS hingegen fchtiefit oon felbft, fobalb bei 
beginn beS ©bbftromeS ber Slulenwafferftagb niebriger wirb. 

SuS ber erften ®d)leufe gelangt man in einen trapezförmigen ©orljafen oon 
188,3 Steter Sänge unb 125,5 Steter ©reite; auch er ift mit portafteinüerlleibeten 
Stauern umgeben, beren Oberfante jebodj ben ^oc^wafferfpiegel nur nodj um 
2,50 Steter überragt, ©egenüber ber erften liegt an ber Sorbmeftecfe beS ©or« 
IjafenS bie „{Weite ©d)leufe". Sie ift wie bie erfte conftruirt; inbeffen reifen 
ihre UmfajfungSmauern nur fo hoch toie bie beS ©orhafenS. ©ine $luSna!jme 
macht ein plateauförmiger ÜKittelt^eil ber beiben SängSmauern, ber fo lj°ch liegt 
wie bie Stauern ber erften ©djleufe, unb ber im ©erein mit bem {Wifdjen if)m 
befmbtidjen glutt^or unb ben beiberfeits an ihn anfdjliefjenben unb bis an bie 
obengenannten „gtügelbeiche" fich erftredenben Seiten ben {Weiten 9lbfd)lufj ber 
©tabliffements gegen bie ©ee bilbet. 

Sin baS innere ©djleufenljaupt biefer {Weiten ©djleufe fdjliefjt fid) ber „Hafen* 
fanal" an, in bem in ber Stegei ber normale §oc^wafferftanb gehalten wirb, 
©oll nun ein Schiff bei geringerm als biefem Sormalftanb burdjgefdjleuft werben, 
fo paffirt es, aus ©ee fommenb, bie Hafeneinfahrt unb baS nach Obigem ohnehin 
jefct offene fjlutthor, bemnächft baS {u öffnenbe ©bbthor ber erften ©djleufe; 
aus bem ©orhafen, ber banadj als ©chteufenfammer bient, ift in{Wifchen fo oiel 
SBajfer abgelaufen, bajj fein ©piegel mit bem ber ©ee im Sioeau ift. Hat baS 
©djiff bie ©chteufe paffirt, fo wirb baS ©bbthor ber erften ©chteufe gefchtoffen, 
baSjenige ber {Weiten (baS gluttljor ift natürlich aud) in biefer geöffnet) geöffnet. 
DaS SBaffer ber binnenwärts biefeS ©bbthoreS gelegenen H Q f en ^ e ^ e tnuf) alfo 
burch ©infen beS SßafferfpiegelS fich an niveau beSjenigen im ©orhafen fefcen, 
ehe baS Schiff auch bie {Weite ©chteufe paffiren lann. Da aber bie binnen« 
wärts tiegenben SBafferbaffinS (auSfchliefjlidj ber jefct erft fertig geftedten, bie hier 
aufjer ©etracht bleiben) etwa {Wölfmal fo grofj finb wie ber ©orhafen, fo geht 
oon ber ^ö^enbifferenj {Wifdjen bem ©innen» unb Slufjenmafferftanb auch nur ein 
Zwölftel für erftern oertoren, unb bieS ift bei jebem etwas f)öf) er als normal 
fommenben H 0( f)waffer unfehwer burch Oeffnung beS fflutthoreS ber erften ©chteufe 
{u erfefcen. 

Der — halb in eine ziemlich rein weftliche Sichtung übergeljenbe — Hafen« 
fanal hatte urfprünglidj nur ben 3coetf, ben eigentlichen ©innen« ober ©auhafen 
mit ben fich utn biefen gruppirenben ©auten mehr Oon ©ee {u entfernen unb ihn 
ber ©efchiefjung {u entziehen. Dies mar auch ä ur Seit» als baS ©roject auf« 


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202 


Unfere <3cit. 


geftetlt würbe, ein auSfdjlaggebenber ©tunb. Sei ber $rogfätjigfeit ber mobemen 
®efehüfce inbeß müßte ber Kanal, wollte er biefen feinen fröt>ern gwed nod) 
erfüllen, ftatt ber je|igen Sänge oon 1125 Sieter bie jeljnfache Sänge Ijoben, 
was baS gefammte ©tabliffement wieber gegen einen Sanbangriff oiel fcßwerer 
oertljeibigen Iaffen Würbe, als bieS je^t möglich ift. ®er Kanal, jum I^eil Dom 
tjornfjerein mit Kaimauern oerfefjen, jurn 2§eil Oon 84 auf 186 Sieter oerbreitert 
unb nachträglich mit folgen auSgeftattet, bilbet fe|t einen integrirenben Seftanb« 
tljeil ber Sßerftanlagen unb nimmt, in ber fogenannten 5luSrüftungSwerft, bie 
lampfbereiten Sdjlachtfchiffe auf. ®a er bie Stabt in einen nörblichen unb einen 
füblicßen fdjeibet, wirb er mittels einer ®rel)brüde, ftatt berer biSjefct eine 
©chiffbrüde aus ben ältefien preußifdjen Kanonenbooten bient, überbrüdt werben. 

Sin ben $afenfanal, oon bem noch ein Heiner befonberer $afen für $ampf= 
bagger unb Sraljnte au^getjt, fließt [ich ber ringS mit Kaimauern öerfeljene, 
376,s« Sieter lange, 235,3s Sieter breite Sauhafen an, um ben fich bie burdjweg 
granitoerfleibeten, obenerwähnten brei SrodenbodS*) unb jwei Hellinge, ein SootS* 
hafen unb bie jatjtreichen ©ebäube ber mauerumfchloffenen Sauwerft gruppiren: 
baS SerwaltungSgebäube, baS ®odpumpenhauS, bie ©chiffSfchmiebe, ®afler- 
werfftatt, ®ampfhatnmerfd)miebe, SlontirungSwerfftatt, Keffelfchntiebe, Sietatl= unb 
©ißengießerei, ^fßlattenroerfftatt, SootSbaufchuppen, SchiffStammem (eine jebe ent* 
hält baS gefammte Snoentar je eines jur Sorbfeeftation gehörenben Schiffes), 
Slrtiüeriemagajine u. f. W. 

®ie Siitte ber Ewdfoljlen liegt an ihrem höchften fünfte wieber, wie in ben 
©djleufen, 8,47 Sieter unter 'Jlormalhochwaffer, wogegen bie, unauSgepflafterte, 
Sohle beS SauhafenS, HofenlanatS, SorfjafenS unb ber Hafeneinfahrt um 63 ©enti« 
meter tiefer liegt, ober eigentlich — ba wie in jebem ber Serfchlidung auSgefefcten 
Sorbfeefjafen häufig gebaggert werben muß — liegen fotl. 

®er Umftanb, baß jebeS ®urchfd)tcufen 3«rt in Slnfpruch nimmt unb baß nicht 
Oiel ßeit bafür jur ®iSpofition fteht, h Ql,c ton im Sntereffe ber ßhleunigen 
KriegSbereitfchaft ber glotte ber Sorbfeeftation ben Sefifc nach ein« »jweiten 
Hafeneinfahrt" wünfchenSwerth erfcheinen Iaffen. ®em trat aber noch nach 3« s 
gebrauchnahme ber erften**) h'uju, baß fich baS Slnfteuern biefer für bie gräßern 
©cßiffe als jiemlich fchwierig herauSgeftetlt hotte, inbem ber Slcßtertheit beS ©djiffeS 
noch oon ber feljr fcharf oor- ben Slolenföpfen treibenben Strömung gefaßt würbe, 
währenb ber Sorbertheil fdjon im ruhigen SEBaffer ber Hofeneinfahrt fich befanb, 
woburch bie Schiffe in bem betriebenen Sloment gezwungen finb, ootlbampf rüd« 
wärtS ju arbeiten, um leine Hobarie burch „Slneden" ber SinfahrtSmauem $u 
erleiben. SBenn auch infolge beffen, banf bem ©efd)id ber ©ommanbanten unb 
ber Hofenlootfen, noch leine größern Unfälle ftattgefunben hoben, fo war hoch 
immerhin auch in biefer Sejiehung ber Sefifc einer jweiten, beffer ßtuirten Hofen« 
einfahrt bringenb erwünfeht. Sun nimmt ber Strom meftlich ber alten ©infahrt 
mehr unb mehr bie Sichtung oon beren 9ld)fe an; biefe würbe alfo für bie neue, 

*) Slu&er biefen ift ein ©djrointmbocf im Sau begriffen. 

**) ®ie erften Ärieg3fd)iffe paifirten fie im Kriegswinter 1870, in welchem bie altern 
Hafenanlagen oollenbet worben finb. 


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Die DoUenöung bes öeutfcfjen Horöfeefriegsf^afens an 6er ^abe. 205 


700 SWeter wefilich ber alten angelegte Hafeneinfahrt gewählt, bie nebft ben ihr 
bimtenwärtS angefeßtoffenen Sauten im wefentlidjen auf bem obenerwähnten, inner» 
halb ber alten „Steinbeidje" neueftenS eingebeidjten Serrain erbaut ift. Such bie 
„zweite Hafeneinfahrt" ift burch großartige SKoIenbauten gefiebert; bie nötbliche 
SWole, bie bei einer ©efammtlänge oon 600 SPteter fuß in flacher Guroe gegen 
ben fäblichen ÜRolenfopf ber alten Ginfahrt wenbet, mußte auf 500, bie füblidje 
nur 155 ÜReter lange SJtole auf etwa 80 SDteter ihrer Sänge im freien SBaffer 
erbaut werben, unb namentlich bie erftere hat währenb bet Saujeit, j. S. im 
Secember 1883, gewaltige ©turmfluten ju erbulben gehabt. Sodj ift ihr in tedj» 
nifcher Hinficßt fehr intereffanter Sau ohne wefenttieße Unfälle beenbet worben. 
Gbenfo ber Sau ber an fie anfeßfießenben, überaus großartigen neuen ©chleufe, 
ju bereu Haupt bie SUtoltnrnauern, beren Krone unter ber Höhe ber größten ©türm* 
fluten liegt, julefct rampenförmig auffteigen. Sie ©djleufenwänbe nämlich mit 
bem jwifdjen ihnen befinblidjen ©turmthor (ober, Wenn biefeS oerfagen follte, 
einem ißonton) hüben wieber ben Ibfcfjluß ber neuen Hafenanlagen gegen bie 
@ee. 2rlut» unb Gbbthor berfchließen bie ©chleufenfammer. Slußerbem hat bie 
180 SWeter lange ©chleufe nach binnenwärts einen S°ntonoerfchluß, ber in Ser» 
binbung mit einem ber Shore es geftattet, bie ©chleufen als Stothbocf auch für 
bie größten ißanjerfregatten unferer SDlarine ju benußen. Sie neue ©djteufe, 
im übrigen ben beibeit ältern ähnlich, ift nahezu 4 SKeter breiter unb 1 SJieter 
tiefer als biefe, bürfte alfo thatfächlich ju ben größten ©eefdjleufen ber SBelt 
gehören. 

SinnenwärtS bet ©chleufe folgt ein großenteils mit Kaimauern umgebenes 
Saffin, baS einerseits mit bem „SluSrüftungShafen" in Serbinbung gebracht wer» 
ben fann (butd) 9luSfaf}ren eines IßontonüerfchluffeS) unb alfo einen integrirenben 
Seftanbtfjeil ber eigentlichen Kriegshafenanlagen barfteüt, anbererfeits ben HanbelS» 
ßafen für ben neuen nach ber GmS füßrenben Kanal bilbet. 2ln biefeS 7 Heltar 
große Saffin fdjließt fich eine Stuffchleppoorrichtung für Heinere ju reparirenbe 
Sahrjeuge (eine fogenannte ,,©lip") unb ein Heines Srocfenbocf für Sampf» 
bagger u. bgl. an. 

Ser neue GmS» 3 abelanal muß infofern hier in Setracht gezogen Werben, 
als er in feinem fefjtoierigften Sheile oon ben Hafenbaubeamten ber Storbfeeftation 
auSgeführt ift; bitfer Sheil beS Kanals enthält nämlich außer einer Kammer» 
fcßleufe unb zahlreichen Heinern Surchtäffen unb Heinern Srehbrücfcn allein fechS 
größere Gifenbaßn» unb Gljaujfeebrüefen, fowie bie Ueberführung über einen jur 
Gntwäfferung ber Umgegenb bienenben SBafferlauf, bie üftabe. Ser Kanal hat 
für bie SJtarine übrigens auch infofern Sebeutung, als er ben H“fenbaffinS füßeS, 
nicht fchlidhaltigeS SEBaffer zuführt, eine beffere Spülung berfelben unb ferner 
einen billigem KofjlentranSport ermöglicht. 

3u ben Heinern, ebenfalls bem H“fenbaureffort jugefallenen Sauten gehören 
ein interimiftifdjer HanbelSßafen unb ein Heiner glutljafen, füblich beS SothafenS. 

SBeit einfacher unb fürjer finb bie fortificatorifchen Anlagen zu fchilbern. 
Stach ®ee ju beftehen fie im wefentlichen aus einer 9ln}a(jl unmittelbar an bic 


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204 


Un|ere geil. 


®eicße nörblicß bei alten Hafeneinfahrt gelehnter ober bic^t bahinter befinbti«her 
offener ©efcßüßftänbe mit ben erforberlicßen UntertunftS» unb ARunitionSräumen, 
fomie aud einem zroifcßen ihnen liegenben ^entließ großartigen, aflfeitig fturmfreien 
gort. Sille nach ©ee fchtagenben ©eftßüpftänbe ftnb mit fehr feßweren ßatibero 
auSgeftattet. SanbmärtS umgeben beit Ort — unb jwar in burchfcßnittticß 6400AReter 
Entfernung Dom ARittelpunft bei ©außafenS— brei gortS, bie ebenfalls aflfeitig 
fturmfrei, aber minber ftarf armirt ftnb. Sitte gorts ftehen unter fi(h unb mit 
ber ©ahn nach ®*euien in (Sifenbaßnoerbinbung. *) 

©on allgemeinem gntereffe möchte tool eine Stufjäßtung beffen fein, was ge» 
feßeßen mußte, ehe SBitßelmSßaoen, baS feinen Alanten feit bem 17. 2>uni 1869, 
bem Jage ber laufe bu«h „Äönig ABitßetm, ben ©cßirmßerrn beS Alorbbeutfcßen 
©unbeS" trögt, ju feiner heutigen ©töte gelangte. 

3unäcßft mußte jene bie Stnfiebelungen befeßröntenbe Elaufel beS ©taatSber» 
tragS faden unb baS „preußifeße 3 a begebiet" ertoeitert toerben. ©obann toaren 
bie meiten SBeibeptäfce mit ihren ftagnirenben Sümpeln unb Oräben mit ©ee» 
fanb aufjußößen unb gleichzeitig, nörbtich unb füblich beS HafentanatS, für eine 
auSreießenbe Entmäfferung burch jtoei neue ©iete (beren eins etwa ba münbet, 
ttto einft Atapoleon I. $ur Uebermachung ber Eontinentalfperre eine ©atterie hatte 
antegen taffen) Sorge ju tragen. 3>oei Slrtefifcße Srunnen unb fpäter eine 
eigene 13 Nitometer tange Seitung brachten frifcßeS Jrintmaffer, baS oon einem 
©ammetreferooir aus bie ©traßenbrunnen fpeift unb — feßon toegen ber Ser» 
proöiantirung ber ©cßiffe — in feßr bebeutenben Allengen erforberlicß ift. (Sor ber 
1877 erfolgten gertigfteflung jener Seitung mußten gelegentlich befonbere ®ampfet 
aus ©eeftemünbe ®rinfmaffer ßoten.) ®ie Straßen unb ©läpe waren ebenfaflS 
aufjußößen unb mit ARiflionen unb aber ARiflionen St intern $u pftaftern, fomie 
mit ©aSleitung ju tterfeßen, ju entwäffern unb mit ©öumen ju bepflanzen. **) 
AReßrere ©cßuten unb eine Sircße waren ju erbauen, ein größerer unb ein flei» 
nerer ©art anjutegen, eine ®ampferüerbinbung naeß bem Dftufer bet gäbe ein» 
jurießten, turj für eine rapib waeßfenbe ©eoötferung ftetS Oöflige Aleufcßöpfungen 
ßerjufteflen. ®en Söwenantßeit an beren Soften unb SluSfüßrung trug freilich 
bie ARarinetterWaltung, boeß btieb bei ber Eompticirtßeit ber beßörbtießen Ser» 
ßöttniffe für bie ftäbtifeßen ©eßörben ein gutes ©tücf Strbeit, benn baS näcßfte 
preußifeße Stmt ABittmunb, bem bie ©tabt unterfteßt, ift ziemlich unbequem ju 
erreichen unb in öieten ®ingcn, bie eben ben ARarinefiScuS betreffen, macßtloS; 
auch otbenburgifeße ©eßörben fpreeßen ber ®ei<ß= unb Sielöerßättniffe wegen über 
ABitßelmSßaüenS SBoßl unb ABeße mit ab. ©inb nun auch bei ber Eoncurrenj 
ber AteicßS», preußifeßen, otbenburgifeßen unb ftäbtifeßen ©eßörben ßier unb ba 

*) $a bie ©leife bis auf bie 2BäHe fortgefept finb, famt oßne ©cßmierigleit ein SRoßr, 
baS aus ©panbau ober ©ffen naeß SBilßelmSßatjen geßt, ßier in ßöcßftenS 24 ©tunben 
fcßufjbereit fein. 

**) $aS aRalariafieber ift jept fo gut toie ganj gefeßtounber.; SBilßelmSßaben barf ben 
gefunbeften beutfeßen fiüftenftäbten beigejäßlt werben, was tßeitS ben obenerwäßnten Staff» 
naßmen, tßeitS bem Stufßören ber SluSfcßacßtungen jujufeßreiben ift. 


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Die X)oUenbung bes öeutfdjen Horbfeefriegsljafens an her 3abe. 205 


„UnjuträgUdjfeiten" eingetreten unb ben ftäbtifdjen ©ef)örben fpeciell trübe @r» 
fahrungen mit ihren eigenen ©eamten nic^t erfpart geblieben, fo ift bot bie ©nt» 
toicfelung ber Stabt im gangen eine recfjt erfreuliche. 

©reite faubere Straffen, moljlgepflegte ©tä|e, meijt freunblit«, nietfach 9«* 
ftmacfooHe unb fogar großartige ©ebüube mit gatjlreiten ©orgärten geben ein 
recht anfpretenbeS ©üb, bem ein Steig noch gang befonberS eigentümlich ift: ber 
Stnblicf ber Schiffe, bie im ©au» unb ÜluSrüftungShafen lote im ©orhafen, fcheinbar 
mitten in ber Stabt liegen unb bereit Untermaften felbft bie Käufer noch gewaltig 
überragen. 

3n SBithelmSljaoen, baS übrigens Oon einer Ütngaht tteinerer gilialortftaften 
auf otbenburgifdjem ©ebiet (g. ©. ber bereits 6320 ©intoohner gähtenben, großen» 
teils marinefiScaliften ©emeinbe ©ant) umgeben ift, leben fefct etwa 14000 ©in» 
mohner, unb gmar, tuie gleit h*«i u 9 e f e fe t werben muß, faft ausnahmslos Don ber 
©tarine. Um beten Qntereffen breßt fit baher, felbft abgefehen oon ben aümähtit 
entftanbenen oerroanbtftaftliten ©egießungen, gerabegu alles, gür ben ©h ara Uer 
ber gebilbeten ©eoölferungSflaffen ift aber bie ©erquicfung ber bürgerliten ©e» 
rufSintereffen mit ben feemänniften Oon ©orteil getoefen. Sie gab ihnen eine 
getoijfe SBeite beS ©lideS, eine frifte StaffenSfreubigleit unb einen regen Sinn 
für baS gemeine SBohl. Unb fton um biefer ©igenftaften Willen motte man 
bem Orte aut ferneres froßeS ©ebeihen wünften. 


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Die jüttöffen QUbeforunrufjnt in ton Dmtntgfcn 
Staaten non Amerika. 

Bon 

töuiwlf Doetjn* 

L 

3 wei ber größten SReiche ber ©rbe befinben fich offenbar in einem ©ntwiefe* 
tungSftabium, welkes für ihre Brunft entfcheibungSOotle ©reigniffe in fich birgt. 
$ie beiben Steife finb bte SRepublif ber bereinigten Staaten oon Slmerifa 
unb baS rufftfc^e ffaiferreid). SBäfjrenb aber bte norbamerifanifche Union als 
SRepublif auf ber BafiS beS freien BürgerthumS beruht, ^errfc^t in SRußtanb eine 
militärifch-abfolutiftifche 2Ronar<hie. 2)ort fommt burch ein freies SBahlftjftem in 
hohem ©rabe ber SBitte beS Sottet $ur ©eltung, tjier entleibet ber ©injelwifle 
eines unbefdjränften ©ewaltljerrfcherS. 3n beiben Sänbern, bie fich glütf lieber* 
Weife räumlich wenig ober gar nicht berühren, macht fich anbauernb eine ftarfe 
@£panfiüfraft gettenb. 3>n Siußlanb geigt fich bieS in jwei SBelttheilen, in ®ficu 
unb ©uropa, in ben bereinigten Staaten bis bal)in nur in Mmerifa. 3n beiben 
großen Sänbem gibt eS ein wunberbareS Bölfergemifd), hoch tnirb baffelbe in bent 
einen Sanbe in tjofjem ©rabe burch eine freiheitliche berfaffung jufammengehatten, 
in bem anbern bagegen jumeift burch baS feinen SBiberfpruch bulbenbe SRadjt* 
gebot beS ©tngel^errfc^erS. Schon wieberljolt ift bie grage aufgeworfen worben, 
ob unb wie lange biefer 3ufammenhalt bauern fann. 2)er blutige SeceffionS* 
frieg machte ber SRegerfflaoerei ein ©nbe unb fdjlang, ber inbiüibuetlen X^atfraft 
freien Spielraum gebenb, ein neues, fefteS freiheitliches Sanb um bie regeiterirte 
Union, welche feitbem in einem frifchen Aufblühen begriffen ift; in SRußlanb 
bagegen fehlt in ber großen ÜRaffe ber Beüölferung faft jebe fetbftänbige ©eifteS* 
energie; nur ein fteteS SluSbehnen ber ©renjen unb eine anbauernbe ©roberungS* 
politif lenfen einftweifen ben nationalen ©eift üon ber Betrachtung beS ^etmifd^en 
©lenbS ab, müffen aber ber cultureHen unb politifchen ©ntwidelung Dieter euro* 
päifcher Sänber hödjft bebrohlich erfcheinen. 2Bie inbeffen in fo manchen Staaten 
©uropaS bie Söfung ber focialen grage immer beutlichcr unb mächtiger in ben 
Borbergrunb tritt, fo ift bieS infolge ber erleichterten unb fchneHen BerbinbungS* 
mittel theilweife auch in Slmerifa ber gatl; in SRußlanb jeboch lauert gleichfam 


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Die jüngften 2lrbeiterunruten in Öen bereinigten Staaten pon ilmerifa. 207 


auf outfanifctem Untergrunbe ber jerftörungSfücttige SlitiliSmuS nur auf eine 
paffenbe ©elegenfjeit, um alles Seftetenbe jerfetmetternb unb Oernidjtenb über ben 
Raufen $u toerfen. $aS Iefete Qatrtunbert ging mit einer gewaltigen Sieootution, 
Wetdje, wie man gefagt tat, bie Steife um bie Srbe machte, ju ©nbe; wenn nid)t bei 
jeiten SBorfetrungen getroffen Werben, fo fdjeint audj baS ©nbe biefeS ^a^r^unbertS 
niett oljne tiefgreifenbe Umwälzungen in mannen ©taaten teranfommen ju foQen. 

©S folt nun unfere Aufgabe fein, nactftetenb bie jüngften, oorjugSWeife 
in ben tefcten Satrjetnten oorgefommenen Arbeiterunruten in ber Siepublif 
ber bereinigten ©taaten, wotin fie üietfact Bon ©uropa auS importirt würben, 
einer nähern Setracttung ju unterbieten. $afj biefe Unruten burct bie ame* 
rifanifeten berljältniffe in mannet £>infi<tt etwas mobificirt erfeteinen, liegt 
auf ber £>anb. SSBol jebeS SBotf tot im Saufe feiner ©utturentwicfelung Ber» 
fetiebene ©tabien ju burctlaufen, bie burct itre befonbere ©igenart bebingt 
erfeteinen. 3» ben bereinigten ©taaten muffte baS tteitweife gortbefteten 
beS gnftitutS ber SlegerfflaOerei nact bem UnabtängigfeitSfriege aus potitifeten 
unb fociaten ©rünben im Saufe ber Seit jenen ferneren unb btutigen ©onftict 
teranreifen taffen, ben man treffenb a(S ben „unuermeiblicten ©onftict“ (the 
irrepressible conflict) bejeietnet tot. ©o entftanb ber norbamerifanifete bürget» 
frieg, nact beffen gtücfticter beenbigung bie fociaten bertättniffe in ben früteru 
©ftaoenftaaten fict metr unb metr ben fociaten 3uftänben unb ©rwerbSarten in 
ben freien UnionSftaaten näterten. ®ie Weiten, Bor wenigen ®ecennien noct Bon 
Seibeigenen bebauten ißtantagen toben oietfact unb in oertättnifjmäfjig turjer 
3eit lotnenben inbuftrielten Unternctmungen SRaum gegeben, btütenbe gabrifen 
entftanben, wo Bor wenigen Ratten efenbe ©ttaoentütten oertumpte Sieger bargen 
unb bie b e *tf<t e beS ©ttaoenauffeterS erfetattte; fetbft bie grofje SDletrjatl ber 
frütern Siebetten erbtieft jefct ein ©tücf für bie ©übftaaten barin, bafj fie Bon 
bem freien Slorben befiegt würben, unb wünfett unter feinen Umftänben bie 
Slegerfftauerei jurücf, wenn man auct gerabe fein geringfc^ä^igeS Urtteit über bie 
alten ©eceffionSfämpfer, fetbft niett über ^fefferfon ®aoiS, ju tören liebt. Sloct 
fürjtict fanb in Sti^monb im ©taate Sirginien, ber #auptftabt ber frütern 
Siebettenftaaten, eine grofje (anbwirttfetoftticte AuSfteltung ftatt, wo ber ißräfibent 
©teoetanb, ber niemals unb in feiner Ipinfictt mit ber ©eceffton fgmpattifirte, mit 
ber größten greunbtietfeit unb AuS$ei<tnung empfangen würbe. AuS teidjtbegreif» 
Iidjen ©rünben war biSjejjt in ben frütern ©ftaoenftaaten non ArBeiterunrutcn 
Wenig ober gar niett bie Siebe; für fociatbemofratifcte Agitatoren war bort lange 
3 eit fein ergiebiger Soben. 

®ie erften nennenSwertteu Sctc^en Bon Unjufriebenteit unb focialiftifcten ®e* 
Wegungen in ben fogenannten Arbeiterftaffen finben wir in ben öftticten, nörb» 
ticf>en unb weftticten ®t e il* n ber Union, unb jwar batb na<t itrer ©ntftetung. 
©eitbem fict Q uS einer Anjatt Oertättnifjmäfjig Heiner Sotonien burct bie Un» 
abtängigfeitSerftärung am 4. 3uti 1776 bie SBereinigten Staaten Bon Amerifa 
gebitbet totten, würbe biefer neugefetaffenen bemofratifeten Siepubtif non nieten 
©eiten, namenttict aber Bon granfreict unb ®eutfcttanb, eine rege Aufmerffamfeit, 
bie tteitweife an ©pmpattie grenjte, entgegengebraett. ®ieS fteigerte fict in bem» 


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208 


Unfere ^cit. 

felben SDtaße, Wie bie junge SRepublif an SluSbehnung unb Staftentfaltung infolge 
ihrer reifen natürlichen $ülfSquetlen unb ihrer innern polttifdjen Vefdjaffenljeit 
Wuchs unb fich ju einem mächtigen ©roßftaat entfaltete, beffen gtagge auf allen 
äJteeren roehte unb ber auf allen ©roßmärften ber Grbe mit ben übrigen Säubern 
in Goncurrenj trat. Sine ganj befonbete Stücfwirfuug übte bie große granjöfifcfje 
fReootution aus, inbem alle burdj biefetbe in ben oerfdjiebenften Staaten ©uropaS 
wachgerufenen Sbeen unb Veftrebungen jenfeit beS SItlantifchen QceanS bie Ver= 
wirflidjung erhofften, welche ihnen in ©uropa oielfach ober ganj oerfagt blieb. 
So gefdjah eS benn, baß getäufchte Hoffnung unb harte Verfolgung oiele Saufenbe 
oon ©uropamüben halb in großem, batb in Keinem Scharen nach ber großen 
tranSattantifdjen Stepubtit führten. Seit bem Saljre 1824 unb fihon früher finb 
oerfchiebene Verfuge gemacht worben, focialiftifch*communiftifche ©emeinwefen in 
ben Vereinigten Staaten ju grünben, bie meiftenS einen retigiöfen Veigefdjutacf 
hatten; wir Oerweifen h' er not furj auf bie oon ©eorg Stapp unb beffen Slbop* 
tiofohn griebridj 9tapp, 3°feph Väumeler, ffonrab Veifcet, Dr. Keil, ©tienne 
Gäbet u. f. w. gemachten ©Eperimente, fowie auf bie fpiritualiftifchen ©emeinben, 
bie Dwen’fche unb gourier’fcfje ©poche, worüber bereite in unferer 3eitfcf)rift*) aus¬ 
führlich berietet würbe. ®en 3 £ rfaü ber oon Gäbet ins Seben gerufenen icaria- 
nifchen Veftrebungen ju Stauooo im Staate QttinoiS unb in ber Stähe oon 
St.=SouiS im Staate ÜJiiffouri hat Verfaffer biefer ßeilcn, ber nahezu 12 3ah« 
in St.=Soui8 wohnte unb Slnfang ber fertiger 3h r£ SWitglieb ber Segisfatur oon 
SJiiffouri war, theitweife felbft erlebt. Gäbet ftarb in ber genannten Stabt am 
8 . 9toü. 1856 im Sitter oon 69 3aljren. Stach allen uns oortiegenben Quellen 
hat ber eigentliche GommuniSmuS feine Sufunft in ber norbamerifanifchen Union. 

®er Urfprung ber norbamerifanifchen Slrbeiterbewegung, welche fich bie Söfung 
beS ffampfeS jwifchen Kapital unb Slrbeit mit mehr ober weniger ©rfolg unb 
richtigerm Verftänbniß ber Vertjältniffe jum 3i £ l £ gefefct hat, ift etwa auf baS 
3atjr 1830 jurücfjuführcn. 3u ben erften Sorberungen ber aröeitenben Älaffen, 
bie fich um bie genannte 3 £ 't jur Verbefferung ihrer Sage enger jufammenju* 
fchließen begannen, gehörte baS Verlangen nach Verfügung ber SlrbeitSjeit. SBie 
früher jiemlich allgemein üblich, bebeutete bie oon Sonnenaufgang bis Sonnen' 
Untergang auSgebetjnte Slrbeit im SBinter eine StrbeitSjeit oon 9 bis 12 Stunbcn, 
im Sommer eine folche oon 12 bis 16 Stunben. $en ffampf gegen biefe lange 
StrbeitSjeit eröffneten bie VauhanbWerfer, welche auch infofern einen ©rfolg 
erhielten, als fie burdjfchnittlich eine fürjere Seit arbeiten als bie meiften anbern 
Slrbeiterflaffen. 3« oetfdjiebenen Stabten, j. V. in St.=SouiS unb Ghicago, 
organifirten fich „Slchtftunben-Vaubereine" (Eight Hoars Building Leagues), bie 
in Verbinbung mit ben ©ewerfoereinen ftanben, aber auch Slrbeiter ju SDiitgliebern 
aufnahmen, welche feinen ©ewerfoereinen angehörten unb fich auSfdjließlich ber 
Slgitation für Verfügung ber SlrbeitSjeit wibmeten. Slm 6. Sept. 1832 trat ju 
Vofton in SföaffachufettS ein Slrbeitercongreß jufammen unb berietl) unter anberm 


*) »gl. „Unfere Beit", Heue golge, XV, 1., 801 fg.; XV, 2., 200 fg., 751 fg. 


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Die jüngften 21rf>eiterunruhen in Öen Pereinigten Staaten pon 2lmerifa. 209 


über folgenbe fünfte: Drganifation ber Arbeiter in ben S2euengtanb*Staaten mit 
einem Sentralcomite in jebem ©injelftaate SteuenglanbS; geftftetlung eines ein¬ 
fachen unb billigen IßlaneS jur ®rrid}tung Don Arbeiter»gortbilbungSfdhuten; bor« 
fchlag jur Abhaltung eines jäljrliihen nationalen ArbeitercongreffeS; ©ropaganba 
für baS S^nftunbenf^ftem; ©influß ber Sanfen unb SJionopote auf bie Sage ber 
arbeitenben Staffen; #ebnng ber ©rjieljung, namentlich ©rlaß oon ©efefcen, 
toeldhe ber gabrifarbeiterbeDölferung nah bem SRufter ber englifcfjen Schulgefefc* 
gebung 3«t unb Gelegenheit ju geiftiger gortbilbung geben; Aufhebung ber 
Sdjulbljaft. Außerbent mürben Don bem in Siebe fteljenben Kongreß Statuten 
angenommen, in roeldjen ber jährliche 3ufammcntritt beffelben auf ben erften 
ÜJiittmoch im September feftgefefct mürbe. Schließlich erließ man eine Anfprache 
an bie Arbeiterbeoölferung ber bereinigten Staaten, in melier ber £>aß gegen 
bie befifjenben Klaffen jum AuSbrucf lam. Aehnlidje berfammlungen mieberholten 
fich in ben folgenben 3uh re n; auch ftellte bie Arbeiterpartei im Saßre 1835 eigene 
©anbibaten für baS Amt beS ©ouDerneurS unb anbere Staatsämter in IDlaffa* 
cßufettS auf. Die Regierung ber bereinigten Staaten hat biSjefct feine befonbere 
Stegfamfeit auf bem ©ebiete ber Arbeiterfrage gezeigt; boch mürbe am 10. Sept. 
1840 in ben StegierungSmerfftätten baS Sehuftunbenfpftem eingeführt, unb eS 
bauerte nicht lange, bis mehrere IßriDatmerften unb SBerfftätten biefem beifpiele 
nachfolgten. Am 24. Quni 1868 mürbe auch ein ©unbeSgefefc erlaffen, meines 
bie ArbeitSjeit in ben SBerfftätten ber Unionsregierung auf 8 Stunben rebucirte; 
biefelbe SJlaßregel fanb halb barauf, am 6. Suli, in bem glottenarfenal Don 
©harteStomn in SJtaffachufettS Anroenbung. 3m grühjaljt 1869 enblich mürbe 
ben in SlegierungSmerfftätten befdjäftigten Arbeitern mitgetheilt, baß ihre ArbeitS» 
löhne, entfprechenb ber üerbürgten ArbeitSjeit, um ein fünftel Derringert merbeu 
mürben. Da fich bie Arbeiter biefem ©efdjluffe heftig miberfepten, mürbe ihr 
SSiberftanb burch eine Ißroclamation beS tßräßbenten U. S. ©rant Dom 21. SJlai 
1869, melche eine Bobnherabfefcung auf ©runb ber Kürjung ber ArbeitSjeit Der» 
bot, befeitigt. Stadjbem im 3Rai 1869 bie ©acißc=®ifenbahn bem berfehr über» 
geben morben mar, trat am 16. Aug. ber Kongreß ber „nationalen Arbeiter* 
Oereinigung" (National Labor Union) in bh^a^Phia jufammen, ju metefjem 
nicht meniger als 1063 Arbeiteroereine, bie 178571 SJtitglieber jählten, ihre 
bertreter gefanbt hatten. Auch bie Sieger rnaren hier oertreten, unb jmar burch 
eine SDiiß Antponp, melche bie Siechte ber arbeitenben grauen roahrjunepmen fich 
bemühte, mie benn überhaupt Diele grauenoereiue ejiftirten, beren Dhätigfeit 
barauf gerichtet mar, bem meiblicpen ©efchtedjt nicht nur in ber ArbeitSfragc 
#ülfe unb beiftanb ju teiften, fonbern ihm auch baS politifche Stimmrecht (woman- 
suffrage) ju Derfchoffcn. AuS ben in bhüabelphia gefaßten befdjlüffen mögen 
hier nur folgenbe herootgehoben fein: bem nationalen banfftjftem mürbe, meil es 
bem ©eifte ber greiheit unb ©eredjtigfeit jumiber fei, ber Krieg erflärt; eine 
Siebijton beS DarifS mürbe Dertangt, infofern alle jum Seben nothtoenbigen Stoffe 
freie ©infuhr haben, bagegen SujuSartifel mit einem h°h en 3oü belegt merben 
foüten; bie öffentlichen Sänbereien (Public lands) ber bereinigten Staaten mürben 
für baS ©igenthum beS bolfeS erflärt unb foüten nicht an reiche 3nbioibuen ober 

Unfm £eit. 1887. I. 14 


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2\0 


Unfere IJeit. 


Korporationen oerfauft werben. 3” teuerer ©e^iehung ift bis auf bie neuefte 
.Seit ferner gefünbigt worben; benn bie genannten fiänbereien, beten Umfang fort- 
wäfjrenb abgenommen hat, finb oft in unoerantwortfidjer SBeife oerfdjteubert worben. 
Tie ©Übung einer gefchloffenen nationalen Arbeiterpartei fam trofc einer baljin 
gietenben Stefotution auf bem erwähnten Kongreß in iß^ilabclp^ia nod) nicht gu 
Stanbe; immerhin hatte bie ©ewegung ber Arbeiter gur Erlangung potitifdjen 
KinfluffeS unb gut Anwenbung beffetben im ^ntereffe ihrer Sage feftere formen 
angenommen. Ter im 3a^re 1870 erfchienene ©eridjt beS Arbeiterbureau für 
IDiaffacbufettS feilte bie Manien non ad)t ©erbinbungen mit, beren 3®«! in 
ber lebhaften Agitation für bie Sache ber Arbeiter beftanb unb mehrfach nodj 
befielt. 3“ ben gührern unb einflußreichften ©erbünbeten biefer focialiftifchen 
©eftrebungen, bie nidjt fetten einen offenfioen Kljarafter trugen, gälten unter 
anbem ber ©etceral Olioer, früher Kljef beS ©ureau ber Arbeiterftatiftif in 
©ofton, ©eorge 3J?ac Steiß unb ber Oberft SEBrigtjt. 3ur ®enngei<hnung beS 
StanbpunfteS, welchen bie extreme Arbeiterpartei ber norbamerifanifchen Union 
im SBeltauSfteflungSjahre einnahm, fybt Arthur non ©tubnifc in feinem wertlj* 
noßen, aus Oueßenftubien fdjöpfenben Suche „Storbamerifanifche Arbeiteroer* 
hättniffe" (Seipgig, Tuncfer u. £umblot, 1879) baS nom 22. 3uti 1876 bati* 
renbe Programm h«tbor, welches non einem Kongreß ber „Arbeiterpartei ber 
©ereinigten Staaten" (Working Men’s Party of the United States) angenommen 
würbe unb atfo tautet: „Tie Arbeiterpartei ber ©ereinigten Staaten fteßte gunädjft 
fotgenbe Sorberungen auf: 1) Kinfiihrung eines SiormalarbeitStageS non Oortäufig 
acht ©tunben unb ©eftrafung aßer Uebertreter; 2) fanitättiche Seauffidjtigung 
afler ArbeitSoerhättniffe, SebenSmittet unb SBohnungen eingefchtoffen; 3) ©in* 
fefcung non ftatiftifchen ArbeitSbureauS in aßen einzelnen UnionSftaaten, wie auch 
feitenS ber Stationatregierung. Tie Seamten biefer ©ureauS foflen aus SDtit* 
gtiebern ber Arbeiterorganifation genommen unb burch biefe gewählt werben. 
4) ©erbot ber AuSnufcung ber ©efängnißarbeit burch ©rioat unternehmet; 5) ©erbot 
ber Arbeit non ftinbern in inbuftrieflen Unternehmungen Oor gurüdgelegtem 
14. 2ebenSjat}re; 6) unentgeltlicher Unterricht in aßen ©itbungSanftatten; 7) ein 
ftrengeS ^aftpftidjtgefej} gum Schule aßer Arbeiter; 8) unentgeltliche Rechtspflege; 
9) Abfchaffung aßer ©erfchwörungSgefefce; io) Uebernahme fämmtticher Tele* 
graphen unb SerfehrSWege unb ©etrieb berfetben bnrch ben ©taat; 11) ftaattidje 
Kontrote aßer inbuftrieflen Unternehmungen unb ©etrieb berfetben burch freie 
corporatine ©enojfenfchaften gunt ©ortheit beS ganzen ©otfeS." 

Arthur non ©tubni|, welcher, unterftüfct non bem preußifchen £>anbelSminifter 
Dr. Achenbach, im 3®h re 1876 eine Steife nach ben ©ereinigten Staaten unter* 
nahm, berichtet feljr ausführlich über bie norbamerifanifche Arbeitergefefcgebung, 
foweit biefetbe oon ben einzelnen UnionSftaaten erlaffen Würbe; bie SunbeSregie* 
rung ift in biefer ©egiehung, wie bereits erwähnt, bisjefct nicht hernorragenb thätig 
gewefen. KS ift bebauertich, baß baS Such beS $errn non Slubnifc bie Arbeiter* 
bewegung nur bis Knbe ber fiebriger 3ahre nerfotgt, hoch nimmt baffetbe auch 
Rücffidjt auf bie Arbeiterraffenbewegung, oorgugSweife auf bie Khinefenfrage, 
welche in nerfchiebenen Staaten unb Territorien ber Union böfe AuSfchreitnngen 


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Die jüngften lirbeiterunrutjen in ben bereinigten Staaten non Ümerifa. 2 (( 


oerantaßte unb bcflagenSwerthe Aufftänbe ^erüorrief. So erregte }. SB. ein 
gewiffer SDenniS Kearneg, ber auch in jüngster Seit fie^ wieberum agitatorifch 
heroorgethan tjat, im Sommer 1878 in Kalifornien nicht geringes Auffehen. 
Jnbem er bie ©hinefeneinwanberung, reelle aflerbingS ben meinen Arbeitern oiel* 
fach ftarfe Soncurrenz machte, bitter befämpfte, oerbanb er fich mit ben ©er= 
tljeibigern einer unbegrenzten SPapiergelbwirthfdjaft unb rietlj jur ©itbung einer 
britten politifdjen Spartet, welche fich ebenbürtig neben bie republifanifdje unb 
bemotratifcf)e ju fteflen hätte. Sliefe „SRationalpartei", Wie ber californifcfje 
Agitator fie nannte, foflte afle „niebergetretenen Opfer" (down trotten victims) 
beS Kapitals umfaffen unb ben ©rjbemagogen ©enjamin g. ©utler, ber bereits 
bie bemofratifcf)e unb republifanifche Sßartei oerrat^en unb fi<h ber Arbeiterpartei 
in bie Arme geworfen hatte, jum ©annerträger erwählen. „Sefcet ber ©etoalt 
bie ©ewalt entgegen", rief Kearneg in einer ju ©ofton abgehaltenen öffentlichen 
©erfammtung aus, „begegnet ber ©ewalt einer tprannifcljen Regierung mit ber 
©ewalt beS zornigen ©olfeS, appeflirt oon ber Stimmurne an bie Sßatrone." 
2>iefer californifche Agitator, ber auch gegenwärtig wieber oon fiefj reben macht, 
barf gewiß als ein ©orläufer ber neueften Arbeiterunruhen, in welchen Anarchien 
unb $pnamithelben eine #auptrofle fpielen, angefehen werben. 

Um biefetbe Seit, aiS bie SJBühtereien Kearnep’S ftattfanben, tagte unter bem 
©orfifc oon Abram #ewitt, ber uniängft oon ber bemotratifchen Partei unb ben 
unabhängigen SRepubtitanern zun* SDtapor oon ßteuporf erwählt worben ift, z« 
SBafhington, ber $auptftabt bet Union, ein AuSfchufi, welcher Dom SRepräfentanten* 
häufe beS ©ongreffeS zu bem Snwde niebergefept worben War, bie Urfachen ber 
bamalS herrfchenben Arbeiternoth z u erforfchen unb SRittel z« beren Abhütfe in 
©orfchlag zu bringen. @S herrfchten nämlich in ben Jahren 1873—79 Oiele fchneß 
aufeinanberfolgenbe ©efdjäftsfrifen, welche eine brüdenbe ©efehäftsfehwüte unb 
eine weitoerbreitete SefchäftigungSlofigfeit h er0otr ' e f tn - $urch bie Schließung 
oon großen gabrilen gerieten ^a^Ifofe Arbeiter in bie größte SRoth, fie legten 
fuh aufs SEBanbern unb Oertoren nach tängerm SRüßiggange faft aße ©nergie, fich 
wieber einer geregelten Xheitigfeit hinzugeben. EBiefe £>erumftreicher, „IrampS" 
genannt, hat man wot in zwei Arten getheitt, nämlich in fotche, bie nur jeitweifc 
außer ©efchäftigung waren unb jebe fich ihnen barbietenbe ©etegenheit zur Arbeit, 
wie z- ©• $olZ h ei beifchaffen unb fpatten, ergriffen, unb in profeffioneße Saga= 
bunben, bie überhaupt nicht arbeiten woßten unb baS Sanb jahraus jahrein 
als ©ettler burehzogen. SSährenb fte ben Sommer unb bie wärmere Jahreszeit 
mehr in ben nörblichen Staaten oerbrachten, wanbten fie fich gegen ben SEBinter 
bem fonnigen Süben zu. 2Bar eS zu (alt, unter freiem $intmel ober in einem 
leeren ©üterwagen zu übernachten, fo metbeten fie fich wo! auf ben SPotizeiftationen 
ber Stäbtc, wo ihnen nicht feiten eine Siede oerabfolgt würbe unb oon wo fie 
am anbern SRorgen unbehefligt weiter wanberten. Oft aber rotteten fie fich * n 
Scharen zufammen unb fchlugen ein ©agabunbenlager auf. $ann oerfchwanben 
©eflügel unb Schweine in ber SRachbarfchaft; bom gelbe würben Kartoffeln unb 
junger ÜRaiS geftohlen unb ber Xramp lebte ^errlic^ unb in greuben. gaßS 
baS Säger nicht zur rechten Seit oerlaffen würbe, erfolgte zuweilen eine Aufhebung 

14* 


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2\2 


Untere 


burd) bie $oftjei unb bie arbeitötofen SBanberer würben wegen ©iebftatjl« in« 
3udjtgau« gerieft. 3n mannen Staaten, wie g. 9. in ißennf^tbanien, erlieg 
man fogenamtte Sagabunbengefe^e (Tratnp)aws), bie fe^r ftrenge Waren unb felbft 
ba« Slntnacgen eine« Sagerfeuee« bei 3ucgthau«grafe verboten. 3 n benjenigen 
Staaten, wo ein fotege« @efefc nicht ejiftirte, fonnte ber Iramp nur wegen 
©ettettt« unb Stehlen« beftraft werben; bo<h {am le|tere« oergättnigmägig nur 
fetten bor. SBenn ein £ramp wegen ©ettetn« gur SRecgenfcgaft gezogen würbe, 
fo lieg man ihn in manchen SäHen gur Strafe eine 8*it lang Steine Köpfen, 
wobei er mitunter mit Rette unb Äuget befchwert würbe, um fein (-Entfliehen gu 
oerginbero. Verweigerte einet bie Krbeit unb fefcte geh in feinem Xrofce wo« 
möglich mit gefreugten Mrmen hin, fo pflegte man ihm fo tange (alte ©fannfudjen 
unb SBager oorgufefcen, bi« er fich eine« ©egem befonnen, ober man lieg ihn 
unter bem ©etfprechen taufen, bie betregenbe Stabt ober ©egenb gu oertagen. 
®a in ben Vereinigten Staaten 2lrbeit«bücger unb 9lrbeit«befcgeinigungen nahegu 
unbefannte ®inge gnb, fo liegen Oiete SRidjter, um geh gu Oergchem, ob ge e« 
mit einem profeffionetten Iromp gu thun hatten, geh einfach bie innem £>anb» 
gächen geigen. Welche hierüber ein giemtich gdjere« Seugnig abgaben. 

®er groge dEifenbagnaufrugr im Sagte 1877 hätte geh nach ber 9tngcgt oon 
Sachfunbigen (aum gu einer tReoolte gegattet, feine«fat(« aber gu einer IReüolte 
oon fo grogen ®imengonen, wie ge WirKich ftattfanb, wenn fich nicht unbefchäftigte 
Arbeiter anberer Vranchen unb $erumftrei<ger, wie g. V. bie Xramp«, mit ben 
Strifenben oerbunben unb tegtere gu Igaten fortgerigen hätten, gu benen fich 
bie eigentlichen CEifenbagnbebienfteten allein wot niemat« entfehtogen haben würben. 
Setbg wenn bie um jene 3eit gwifchen ber Vattimore» unb 0gio=®efelIf(haft ejigiren» 
ben böfen Streitigfeiten anfteefenb auf ba« gefammte ©ifenbagnneg ber Union 
gewirtt hätten, fo ift bo<h mit tRficfgdjt auf bie ©i!bung«gufe unb Humanität ber 
amerifanifdjen GEifenbagnbeamten angunehmen, bag ge au« eigenem Antriebe bie 
Sahne be« Stufrugr« nicht entfattet haben würben. ®« fonnte geh niemanb unter 
biefen Stngefteflten oerhehten, bag ge burch ®ewattmagregeln wenig ober nicht« 
erreichen würben, inbem ge burch biefetben bie Sympathien be« grögern fßublifum« 
für ihre Veftrebungcn gur Vegerung ihrer ©ehätter oertoren. SRur bie 3Rage ber 
Seute, welche Wenig ober nicht« gu Oertieren gatten unb beim Umfturg allein 
gewinnen fonnten ober boeg gu gewinnen üermeinten, erftärt in etwa« ben ©e« 
ginn unb ba« Umgehgreifen be« Kufrugr«. ®er Umganb aber, bag bie Ve» 
bienfteten ber ©ifenbagnen fich megrfaeg eine tief einfegneibenbe Sognrebuction 
gefallen tagen mugten, Wirb auf gwei $auptmomente gurücfgeführt: einmal 
gerrfegte in jenen 3 a gten eine weitoerbreitete @efcgüft«frig«, welche ben Verbienft 
fegt oieter Strbeiter fürgte unb $unberttaufenbe ber ©efegöftigung beraubte; bann 
aber waren in ber oergättnigmägig tangen 3eit oon 1830 bi« 1865 nicht fo Oiet 
©ifenbagnen gebaut worben at« in ber furgen 3eit oon 1865 bi« gum Äracg 
1873. 3 m ©äcularjagre (1876) repräjentirte ber ffiifenbagnbegfc ber Union 
einen SBertg oon nagegu 5 SDtittiarben ®ottar«. So erftärt e« fieg Ieicgt, bag bie 
grogen ©ifenbagnen burch £>erabbrücfen ber greife für Vagagiere unb Stacht geg 
ber ©onenrreng ber Reinem unb fteinften ©agnen gu enttebigen fuegten. §ier« 


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2 )te jüngften Jlrbetterunrufjen in ben Der einigten Staaten non 2tmerifa. 213 


burdj unb infolge ber üielfadj nicht gerechtfertigten Sorberungen oieler garmer, 
j. ©. in gßinoiS, welche ben ©ahngefeflf (haften bie gracßtpreife feft üorfchrieben, 
blieb mannen ©ahnen ju(efct nichts übrig, als ben Setrieb einjufteßen unb ftch 
für infoloent ju erftären. Sie großen ©ifenbahngefeflfdjaften, we(dje baS gelb 
behaupteten, j. S. bie Sattimore=01jiobaljn, bie ©ennftjfoaniabahn unb bie SReupotf* 
Gentratbahn, beljerrfcht oon ben ©ifenbahnmagnaten ©arrett, Som Scott unb 
Sanberbilt, erhielten aUjährftch fjof)e Siöibenben unb erregten baburch nieten ßteib 
unb große Unjufriebenijeit. Set unter biefen Umftänben 1877 abgebrochene 
Aufruhr führte ju ©reuetthaten, bie benen ber parifer Gommune faum etwas 
nachgaben. 

An ©eheimbünben hat eS befanntticß in bet norbameritanifchen Union niemals 
gefehlt; an Sdjrecflichfeit unb ©erwerf(ich(eit tommen aber »ot wenige bem ©e= 
heimbunbe ber „3JJoßp SJtaguireS", bie oorjugSweife in ben ffohtenbergtoerfen 
©ennföloanienS ihr Unroefen trieben, gleich- Siefer ©unb bitbete fich in ben 
fittlich oerfommenen fatfjo(ifch 5 irlänbifchen Arbeitermaffen ber genannten ©egenb 
unb trat mit anbern fathotifch-irlänbifchen Arbeiteroerbinbungen in güfßung. @S 
ejiftirt über biefe 3JtoCt) SföaguiteS bereits eine fo jahtreidje Siteratur; faft jebeS 
8 udj, baS über bie ©ereinigten Staaten in ber neueften 3«t gefdjrieben würbe, 
erj&hft bon ihnen. Sie ©erantaffung jur ©itbung beS ©unbeS ber SDloßp (DiaguireS, 
über beffen SiamenSbejeichnung oiet gefabett worben ift, gaben in Amerifa baS in 
pennfploanifchm ©rubenbejirfen teiber oielfach h err f^ en ^ e AuSbeutungSoerfaljren 
ber Unternehmer gegenüber ben Arbeitern, ihr beftänbigeS £>erabbrücfen ber Söhne 
auf baS tieffte ßtioeau, bie fich oft wieberholenben, burcß bie Goncurrenj unb 
ben Oorangegangenen großen ©efdjäftSlrach (jeroorgerufenen 3nbuftrie=, unb bamit 
oerbunbenen ArbeitSftocfungen in ben Kohlengruben, welche oorher beim fieberhaft 
fdjneßen Gmporfdhteßen unb ©robuciren ber jungen 3nbuftrie ber ©ereinigten 
Staaten mit ooßfter Kraft gearbeitet hatten; h^rgu tarn baS faft haarfträubenbe 
©tenb, welches unter ben armen irifcßen ©rubenarbeitern ausgebrochen war unb 
jur fchredtichften Hungersnot!} auSartete. SJtünner unb SEBeiber oerwilberten, unb 
bie entfe$lichf)e moratifche ©erfuntenheit trat ein. Ser in Siebe ftehenbe ©eßeim» 
bunb oon Arbeitern, welcher ebenfo ben feigen, gemeinen ÜJtorb als $auptwerf= 
jeug feiner Agitation auf feine rothe gähne getrieben hatte, wie ber ©eheimbunb 
ber genier ober ber „9Jtonbf<heinbanben" in grtanb, ober ber bpnamitfreunblicßen 
Anarchiften auf beiben Seiten beS Atlantifdjen OceanS, erfchoß unb erboldjte jeben 
©efchüftSunternehmer ober ©eamten, welcher ihm misliebig war, unb (egte bann 
neben bie Seiche beS ©rmorbeten einen geheimnißooßen 3 e ttcl mit bem ©eweg* 
grunbe oon beffen Grmorbung. hiermit aber nicht juftieben, oergriffen fich bie 
SKoflh SRaguireS auch an Arbeitern, Welche bei ben oon bem ©eheimbunbe in* 
fcenirten StrifeS ober ArbeitSeinfteflungen für bie frühem Söhne weiter arbeiteten, 
fich ih rtn Agitationen nicht anfchließen woflten ober fich gar bagegen aufteljnten. 

Sie Schenfwirthe, welche ben SerfdjWorenen ben Grebit oerweigerten ober fich 
einer jeitweiligen AuSplünberung wiberfefcten, unb jwar mit #ülfe ber Staats* 
organe, würben fchwer beftraft. Setbft bei Staats* unb ©emeinbewah(en übten 
bie SKoßh SRaguireS ben frechften SerroriSmuS. ©ei ber wirflich ingeniöfen 


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Unfere <5eit. 


2W 


Organifation biefel ©epeimbunbel, welker burd) bie eigenartige ©intheilung feiner 
Mitgtieber in ©rabe in ein geheimnijjboßel, mpftifctjel Junfel gebüßt erfdjien, 
fornie bei ber brafonifdjen Jilcipltn, roetdje jeben ©eheimbünbler jum blinben 
SBerfjeug ber Oberleitung machte unb auf jeben, auch ben teifeften ©errath un» 
nachfichtlich bie Jobelftrafe fej}te, mar el natürlich, bajj el ben Organen ber 
Staatlgetoalt längere Seit unmöglich mar, bie Seitung ber Moßp Maguirel in 
ihre ©emalt ju betommen unb bem ftrafenben Arme ber ©eridjte bei Sanbel ju 
überliefern, infolge beffen herrfdjte aud) längere Seit ein furchtbarer, ftch bon 
Jag ju Jag intenfiber geftaltenber Jerrorilmul in ben gefammten Legionen ber 
Kohlengruben ©ennfptbanienl, mclcher fi<h auf immer meitere ©egenben biefel in 
feiner Montaninbuftrie fo hochenttoidelten Staatei erftredte, meil bamatl in biefem 
Snbufiriejmeige bal fatholif^-irlänbifche Arbeiterproletariat hfluptfächlidj noch &e= 
fdjäftigt mar. Jiefer Jerrorilmul unter ber Seitung ber Moflp Maguirel, melche 
aufjerbem burch bal berfommenfte, arbeitlfcheuefte unb gefährlidjfte meifje ©eftnbel 
aul ber Union täglich ßujug erhielten, moburd) ftch bal ©lenb in ben bortigen 
Kohlenregionen noch fteigerte, mürbe julefct fetbft einer großen Anjahl bon Mit« 
gliebern, bie bon ben Machthabern mit geheimer, eiferner ©ernatt blinblingl 
geteuft mürben, ju tofl; auch f»e empfanben ihn all ein fdjmerel 3°<h, fonnten 
ftch bemfelben jeboch burch eigene Kraft nicht entziehen. Jer ganje ©eheimbunb 
mürbe aber in feiner berabfcheuungimürbigen, jebel ©efefc, aßel Stecht unb 
afle Menfd)lid}feit mit güfjen tretenben ©ermilberung aufjerbem bon ber an* 
fcheinenb gottelfürchtigen, „©ruberliebe unb grömmigfeit" ftetl im Munbe führen« 
ben bortigen fathotifchen ©eiftlichfeit, mie el bie ©erichtlberhanblungen nachträglich 
Kar ju Jage förberten, beftänbig noch mehr ßehefct unb fanatiftrt, um ihn all 
blinbel SBerfjeug ju ihren Politiken ober fonftigen, meiftenl egoiftifchen Agitationen 
ju bermenben. SBeldj eine furchtbar braftifche, bie greßften ©egenfäfce bilbenbe 
©ereinigung: bal Kreuj ber afleinfeligmachenben Kirche unb ber Jotcf) unb Sie« 
botoer bei feig morbenben, fanatifirten ©eheimbünblerl! All bie Sdjredenl* 
herrfchaft ber Moßp Maguirel enbtich ihren f)ö<hften ©ipfelpunft erreicht ^atte, 
ba gelang el einem aufjerorbentlicf) fchlauen, gemanbten, bor feiner Jobelgefahr 
jurfidfchredenben Agenten ber „tßinferton Stational Jetectibe Agencp" in Steuporf, 
gantel Mac ©arlan, einem geborenen Srlänber, ftch in ber Seitung ber Moßp 
Maguirel feftjufefcen, bie gefammte, bilher unburcpbringliche Organifation bei 
berberblichen ©epeimbunbel ju entbeden unb fdjliefjlich bie ganje ©erbredjerbanbe, 
bebor fie noch gröfjerel Unheil anrichten tonnte, ben ©erichten bei Sanbel ju 
überliefern. 

Die Arbeitllofigfeit in ben ©ereinigten Staaten ift ju jeiten minbeftenl ebenfo 
grofj mie in Jeutfcplanb unb anbern Sänbern ©uropal, unb bie Unjufriebenpeit 
über ben Mangel an Arbeit, fornie über niebrige Söhne macht fidj in häufigen 
Strifel ber Arbeiter Suft, mobei meiftenl grofje ©erlufte an ©elb unb Arbeitl« 
fräften berurfacht merben. 3m 3«hre 1883 gab el, mie griebridj bon fteflmalb 
unlängft berichtete, in Steuporf aflein 44950 ftrifenbe ©etfonen berfchiebener ©e* 
fchäftigung; biefelben berloren 366150 Arbeitltage jum Sohnmerth bon 125000 Jofl., 


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Die jüngften 2lrf>eiterunruf}en in Öen bereinigten Staaten pon itmerifa. 215 


wo$u noch bie Berlufte ber Arbeitgeber $u regnen finb. S)ie Sage ber ©ifen» 
inbuftrie war befonbetS fcplecht; brei {fünftel ber ^opöfen waren gefdjloffen. 3m 
3aJE)re 1882 würben in ißennfploanien bie berühmten Sacfamanna=6tahlwerfe in 
©cranton gefchtoffen, woburdj mehr als 1000 Arbeiter befdjäftigungSloS würben. 
®aS fonft fo ruhige Bermont fam im Auguft 1883 in große Aufregung burd) 
SWaffenauSftänbe, bie an Aufruhr grenzten. 3m ©täbtcßen @lp führten nämlich 
arge Soljnftreitigteiten jwifchen ben ÜRinenarbeitern unb ben tßirectoren ber ber» 
monier Sfupfergrubengefetlfchaft ju ganj böfen guftänben. ®ie feit längerer 3 e *t 
ofjne Sohn gebliebenen unb baburch in Notp gerätsenen ©rubenarbeiter erhoben 
ficf) bewaffnet gegen ihre ©ebrütfer unb tonnten nur burd) ©infcpreiten ber 
Nationatgarbe gebänbigt werben. Auch in Dfjio fdjritten bie ©rubenarbeiter im 
3uli 1884 jum ©trife, ber länger als jepn SBocpen bauerte unb bie BergmerlS» 
befifcer ju einer Ausgabe oon 130000 ®oH. für bie Befcpüfcung ber Bergwerfe 
unb für neu angeworbene Arbeiter, meiftenS 3taliener, nötpigte. ®rei Bergwerfe 
würben oon Xruppen bewacht unb bie ftritenben Bergleute ju $unberten aus 
ben ber ©efedfdjaft gepörenben SBopnpäufern oertrieben. 3m #odingtpaIe im 
Staate Ohio tarn eS im September 1884 ju Arbeiterunrupen, bie fogar oon 
Blutoergießen begleitet waren unb bis in baS 3ab r 1885 fortbauerten. 3n 
Bpilabelppia fanben gegen ©nbe beS 3oh re 3 1884 große ArbeitSauSftänbe im 
©djupmachergewerbe ftatt, wobei oiete SNitglieber beS DrbenS ber „Nitter ber 
Arbeit" (Knights of Labor) ftarf beteiligt Waren. Schon im Auguft 1883 oer* 
öffentli<hte ©amuel ©omporS, ber Borfifcenbe ber organifirten „Bereinigung ber 
Arbeiter unb ©efchäftSleute", einen Bericht über bie Sage beS ArbeiterftanbeS in 
ben Bereinigten Staaten, welcher bie bamatS perrfcpenben $uftänbe als „äußerft 
traurige" bejeicpnete. 5)ie Sigarrenarbeiter oerrichteten, wie ber Bericht anführt, 
oielfach ihre Arbeiten in fcpmujigen, ungefunben Socalen unb oerbienten babei 
fo wenig, baß ihre Familien in elenben SBopnungen bei unjureicpenber Reibung 
ihr Seben friften mußten. 3« NtaffacpufettS würbe in einigen Baummoll» 
fpinnereien täglich einige ©tunben über bie gefeplicp normirte Seit gearbeitet. 
3u Neuporf erhielten bie {fracpüräger einen fo geringen Sohn, baß fie fiep nur 
feiten gfeifc^ taufen tonnten. Berfchiebene beutfdj- unb englifcp» amerifaniicpe 
Leitungen berichteten im SBinter 1884 auf 1886 oon einem galle, ber lebhaft 
an baS ©eoicht beS englifchen ©ichterS ©pomaS #oob, betitelt „The song of the 
shirt", erinnert. ©)iefe Dichtung fchilbert betanntlich in ergreifenbfter SBeife baS 
©lenb ber armen Näherinnen in Sonbon; allein bie ©chilberung paßt nicht nur 
auf engtifcfje, fonbcrn auch auf amerifanifche Berhältniffe; benn unter anbern 
Blättern melbete gegen ©nbe beS 3<Jp»ä 1884 ber Oielgelefene neuporter „Herald", 
baß in ber ©tobt Neuport eine aus brei ißerfonen beftepenbe fchlefifche gamilie 
ftch in ber $eit Oom 26. Noo. bis jum 9. ©)ec. mit bem Nähen bon 291 $emben 
7 5)oH. 75 ©. oerbiente. ©reiiepn Xage pinburcp arbeiteten biefe brei B»fonen 
oon morgens um 6 bis abenbS um 11 Uhr; auf eine ißerfon berechnet, ergaben 
fiep alfo im ganzen 663 ArbeitSftunben, in welchen 775 ffi. oerbient würben, 
wenig mehr als ein ©ent per ©tunbe unb pro Berfon. SJtan fpriept oon ber 
93ürbe ber Arbeit, unb mit ootlem Necpt; aber es gibt auch eine @cpmach ber 


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2\6 


Unfere «geit. 


ärbeit, melche nicht benjenigen fc^dttbet, tpetc^er fte ö errichtet, fonbern jenen, för 
reellen fte berridjtet wirb. 

3fm {Beginn beS SfahreS 1885 tiefe fich bie oielgetefene unb einfluferetd^e 
„{Reuporfer Staatszeitung" übet bie bamalige allgemeine ©efdjäftslage in ben 
{Bereinigten Staaten alfo oernehmen: „2)aS hinter unS liegenbe 3aljr 1884 tjat 
ber ffaufmannSmelt eine ununterbrochene {Reihe bitterer Erfahrungen unb fernerer 
Prüfungen gebracht. Xaufenbe oon ©efdjäftsleuten finb im Saufe beffefben bem 
gänzlichen {Ruin oerfallen, unb toenn mir auch bie Behauptung eines neuporfer 
Blattes, ba§ ade Bürger ber Bereinigten Staaten heute ärmer feien, als ttor 
einem Safere, nicht ganz unb oofl unterfchreiben möchten, fo ift eS bocfe unzmeifel» 
feaft, bah nur fehr menige B^fonen Urfacfee haben, auf bie {Refultate ihrer gefcfeäft» 
lidfeen Ifeätigleit mit Befriebigung jurücfjublicfen. S5em neuen 3apre ift ein burcfe 
fcfemere $eitnfucfeung ftar! gefchmädjter ©efcfeäftsförper als Erbe zugefallen, unb 
eS mirb ftcfe nunmehr halb zeigen mfiffen, ob bie neuerbingS zu läge getretenen 
Symptome beginnenber Befferung oon ®auer ober noch oon ffrantheitSrücffäden 
unterbrochen fein toerben. SBären hierbei fromme SEBünfcpe unb herzliche ©pm* 
pathien auSfdjtaggebenb, fo mürbe bie ©enefung eine recht fdfeneOe fein; eine nüchterne 
{ßrüfung ber amerifanifcfeen fomie ber überfeeifdjen ©efdjäftslage zmingt uns jebocfe 
bie Ueberzeugung auf, bah jebenfads nur eine langfame Befferung ber Berhältniffe 
in StuSfidjt fleht." 

3)iefeS Urtheit ber „{Reuporter StaatSzeitung" hat ftcfe im ganzen leibet nur 
ZU fehr als mahr bemährt. 


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Bnx neuern (ßefdjidjfe ber Ulieberlanbe* 

®on 

fiarl ®ijeoibor MJcnjelbarger. 

I. 

WS bet ölte Wjorbede im Wtfang beS 3 fl gte8 1871 ben igm ootn Könige 
geworbenen Sluftrag übernahm, an bet ©teile beS förmlicg auSeinanbergebrödelten 
©abinets ein neues ju bilben, ba ging ein ©efiigl ber ©efriebigung unb bet 
©iegergeit burdg bie breite ÜRaffe beS ©olfeS: benn nidjt nur glaubte man 
bamals, wo bet ®eut[cg=3ranjöfifcge Stieg nocg in ooQem ©ange war, bag 
es bet bewährten ©taatSfunft biefeS bebeutenben SDtanneS gelingen werbe, jeben 
non äugen etwa brogenben ©türm ju befegwitgtigen, fonbetn man gab ficg au«g 
bet fegen Hoffnung gin, bag et bet SJtann fein werbe, um mit bet igm eigenen 
Umfiegt unb SBiHenSfraft biejenigen Reformen im 3nnern ins Seben ju rufen, 
an benen feine Vorgänger gefdjeitert waten; benn bie im Sogte 1848 ju ©tanbe 
gefommene ©erfaffung gatte fi<g im Saufe bet Seit in mantger §infügt als un= 
jureiegenb etwiefen; bie jut ©ertgeibigung bet SJteutralität bei 91uSbrucg beS 
SriegeS in ©eene gefegte 3Jtobilifirung beS $eereS gatte bie ©egäben bet bis* 
gerigen militärifdjen ©inriegtung beS SanbeS in fo unjroeibeutiger SBeife blog* 
gelegt, bag bie weitete Sernacgläffigung betfelbeit einem nationalen ©elbftmorbe 
gteieggefommen Ware. UeberbieS beburfte baS gefammte ©teuerwefen einet gtünb* 
liegen SReöifion; benn bie gier $u Sage tretenben Ungegeuertidjteiten waten 
getabeju ein §ogn auf bie elementaren ©efege bet ©olfswirtgfegaft, unb wun= 
betn mug man fieg billig, wie ein Sol!, wo ber ©cgwcrpunlt bet Regierung niegt 
in ber Stone, fonbetn in bet ©olfSöertretung liegt, fteg eine folcge 3JtiSwirtgf(gaft 
fo lange tugig gefallen lieg unb, wie im ©erlauf biefeS StuffageS gezeigt werben 
wirb, pdg geute noeg tugig gefallen lägt. Sorbette bie befriebigenbe Söfung biefet 
beiben Stuf gaben, felbft bei ooUftänbiget Harmonie beS SDtinifteriumS unb ber 
baffe!6c ftügenben liberalen Sammermegrgeit, an fteg fegon einen Sufwanb »on 
megt als geWdgnlicget Xgätigfeit unb ©nergie, fo ftanb man alsbatb not bet 
troftlofen $gatfacge, bag eine tegierungSfägige, igter Siele fitg bewugte unb öon 
einem guten SBiHen befeelte SRegrgeit gar niegt beftanb, bag bie liberale Partei 
im parlamentarifcgen Sinne beS SßorteS übetgaupt gar leine Partei war unb 
bog baS SRanbat igret SÖGitgliebet nur auf igter antitlerifalen Sticgtung, alfo 


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Unfere <5eit. 


2*8 

einem ttegatinen Xitel, beruhte. @8 wäre bamals wahrlich eine Kunft gewefen, 
nuie jeljn liberale Sübgeorbnete gu finben, welche ^infic^tlic^ bet Stage über bie 
Organifation ber tobten unb lebenben ©treitfräfte ober über bie 91rt unb SEBeife 
bet Steuerreform einer Meinung gewefen wären! 2lber auch Xfjorbede war 
txidjt mehr berfelbe, ober nielmehr, er fonnte ficf) in ber Umgebung, mit ber et 
jufantmenwirfen foHte, nicht mehr guredjtfinben. 9118 er gum erften mal an bie 
©pifee trat, legte ba8 ©efüljl feiner Unentbeljrlidjfeit ben Siberalen auch bann 
fra« Schweigen auf, wenn fie anberer HJteinung waren al8 er, unb biefem Um» 
ftaitbe War ba8 3»ftanbefommen ber 93erfaffung8reöifion in erfter Sinie gu bauten; 
fein gweiteS SJtinifterium hatte ben ©lauben an feine ftaatSmännifdje Ueberlegenheit 
frei feinen ©efirinungSgcnoffen in nicf»t geringer SEBeife erfdfüttert, ba e8 nicht bie 
Regner ober bie Siberalen waren, benen er feinen ©turg oerbanfte, fonbern weil 
im ©djoße be8 ÜRinifteriumS felbft bie ©egenfäfce fid) fo fdjarf gugefpifct Ratten, 
bafj feine« SBleibenS nicht länger fein tonnte. Xie liberale Eßartei, bie feine Sei» 
tung entbehren gelernt hatte, fügte fid} nic^t met)r fo offne Weiteres ber üon ihm 
auSgegebenen ißarole; Xhorbede, ber feine 93erfaffung8reoifion für eine mehrere 
©efchlechter überbauernbe unb alle Sebütfniffe beS SSolteS befriebigenbe 9trbeit 
hielt unb non weiter geßenben Reformen nichts wiffen wollte, galt bei bem jüngern 
9?adjwu(f)S ber Siberalen halb a(8 überwunbener ©tanbpunlt, namentlich feitbem 
c8 fich g^eigt hatte, baß er in colonialen fragen bem ftarrften ßonferöatiSmuS 
hulbigte, unb ba8 SEBort be8 9lbgeorbneten oan Routen, baß, ebenfo wie ber SBona* 
parti8mu8 ber Eßarafit ber ißriucipien non 1789 geworben, ber Xt)orbediani8mu8 
ber ißarafit ber ißrincipien non 1848 fei, brüdte in SBaljrfjeit bie innerfte Ueber» 
geugung nnb ben politifdjen ©tanbpuntt eines großen XfjeileS ber liberalen 
Partei aus. Sicher wäre es beStjatb für baS 91nbenten beS um fein Sanb ho<h s 
nerbienten üJtanneS erroünfdjter gewefen, wenn ihn baS ©d)idfal nor ber Wenig 
beneibenswerthen Stolle, bie er turg nor feinem Eingänge als ÜJlinifter unb 
©abinetSchcf fpielen follte, bewahrt hatte, fo fehr auch bie 83ereitwiHigfeit angu» 
ertennen ift, mit welcher ber fiebgigfährige SDtann feine ©rfahrung unb feine immer 
noch rüftige Kraft gur SSerfügung ftellte, als eS fich barum hanbelte, einem un» 
haltbaren Suftanbe ein ©nbe gu machen. 

©chon bie erfte bebeutenbere Sorlage, mit ber baS Sabinet nor bie Kammer 
trat, war fehr tfeitler Statur. Xie nieberlänbtfcfje Regierung hatte mit ©nglanb 
einen ffiertrag gefcfjloffen, nach welchem erftere ihre an ber ffiefttüfte non 9lfrita 
liegenbe SSefifcung an ©nglanb abtrat, wofür fie, außer einer unbebeutenben ©elb* 
entfchäbigung, non le^term bie 91ufhebung ber öeftimmungen erhielt, welche einer 
91uSbehnung beS nicberlänbifchen EolonialbefigeS auf ber Snfel Sumatra bisjefct 
im 2Bege geftanben hatten. SEBelc^cn nerhängnißooHen Xaufch man hier gemacht, 
geigte fich aücrbingS erft fpäter, als ber heute noch nicht beenbete Krieg mit 9Uieh 
begonnen werben mußte; bamalS war bei ber Seurtheilung biefeS Vertrages ein 
gang anberer ©efidjtspunft maßgebend Stanfreich War im Stanffurter Stieben 
eben gegwungen worben, gwei Groningen an Xeutfchlanb abgutreten, unb wenn 
auch bie früher geäußerten SlnnejionSbefürchtungeu einer ruhigem ^Betrachtung 


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^ur neuern (Sefdjidjte 6er Icieberlanbe. 


2*9 


bet 2)inge {ßlofc gemalt Ratten, fo fürchtete man bod; ben präjubigieflen Straftet 
biefe« mit Snglanb abgefdßoffenen ©efdjäftS; benn, bi«6 es, habe man fid) ein» 
mal auf bie abfcfjüffige Sahn freiroifliger Gebietsabtretung begeben, fo tönne auch 
eine anbere SRacht mit berartigen ißtänen auf ben nieberlänbifdjen ©olonialbeftfc 
beröortreten; ebenfo wie ©Iraina in Afrila, fei auch Surinam für baS SRutter» 
lanb ein feljt unbequemer „Saftpoften", unb ein Keiner Staat wie bie SRieber» 
lanbe würbe unmöglich bie 9Ra<ht öefifcen, einem großem Staat, ber biefen Saft» 
poften ihnen gern abnehmen möchte, hinbernb in ben SBeg ju treten, namentlich 
wenn berfelbe irgenbwetche größere europäifche Vermietungen gur Ausführung 
feines IßlaneS benufce. ®iefet perft bon conferüatiöen Organen öertretene Staub» 
punft fanb auch im liberalen Säger Anflang, unb bebeutenbe unb einflußreiche 
Organe ber fßartei belämpften bie Abtretung bis pm lefcten Augenblicf. Aber 
bie Regierung ^teft bem Anfturra gegenüber feften Stanb, miewot eS noch bis 
pm Anfang beS folgenben Jahres bauerte, bis baS Abtommen mit ©nglanb ge« 
nehmigt würbe. Snbeffen hotte bie Angelegenheit für bie Regierung feine weitern 
unangenehmen folgen; im ©egentheil fielen bie ©rgängungSWaljlen pr Breiten 
Kammer im Suni fehr entfchieben p ©unften ber liberalen Partei aus. 

Von ihrer ßRefjrheit machte fie auch olsbatb nach ber ©röffnung ber neuen 
Seffion im September einen fehr edatanten ©ebrauch. Als baS Subget beS 
Aeußern berathen würbe, fteßte ber Abgeorbnete S)nmbar ben Antrag, ben für 
bie nieberlänbifche ©efanbtfchaft beim Heiligen Stuhl auf ben ©tat gefteßten fßoften 
ju ftreichen, ein Antrag, ber trofe beS SBiberftanbeS ber {Reihten mit 39 gegen 
33 Stimmen angenommen würbe. {Ratürlich war ber Stanbpunft babei maß» 
gebenb gewefen, baß ber ißapft nach ber Vefefcung {Roms burch bie Gruppen 
SBictor ©manuet’S aufgehört hotte, ein weltlicher Souoerän p fein, baß alfo 
eine biptomatifdje Vertretung, bie ja auch f<h on borher ein SujuSartifel im ooß» 
ften Sinne beS SBorteS gewefen war, jeber reeßen ©runblage entbehrte, währenb 
ber Verfehr gmifcßen ben Vifcßöfen unb ber ©urie ohnebieS ein ooßftänbig freier 
unb unbefchränfter ift. SSar ein Sah* oorher bie ©rbitterung ber Mentalen 
fcßon eine ungeheuere gewefen, als bie Kammer über eine Snterpeßation, welche 
ein ultramontaner Abgeorbneter an bie {Regierung richtete unb welche eine Snter« 
oention ber nieberlänbifchen {Regierung pr SBieberherfteßung ber weltlichen ßRacht 
beS VapfteS begmecfte, pr XageSorbnung überging, fo fpottet bie teibenfdjaftliche 
©rregung, welche fich nunmehr in ber ultramontanen Vreffe wiberfpiegelte, bei» 
nahe jeber Vefcßreibung. $)er Sefchluß ber Kammer würbe „ein jffauftfchtag ins 
Angeficht ber Kathotifen" genannt unb auSbrücflich berfichert, baß biefe bem Ober» 
haupt ber Kirche pgefügte Vefchimpfung für bie Katholifen noch oiet fränfenber 
unb fdjmergticher fei als aßeS, was fie im 3al)re 1853 währenb ber Apritbewe» 
gung (©inführung ber bifchöflichen Hierarchie) über fich hotten ergehen taffen 
müffen. ®er nieberlänbifche ©piffopat richtete eine Petition an ben König; aus 
{Rorbbrabant unb Simburg lief eine unter anbern auch bon Dielen Schutfinbern 
unb $ienftmäbchen Unterzeichnete Abreffe ein, welche mit einem unerhörten Auf» 
rnanb bon holsbrecßerifcher Sogif unb Don fubtilen ftaatSredjtlichen tEebuctionen 
baS conftitutioneße {Recht beS Königs, beliebig ©efanbte gu ernennen unb gu 


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220 


Unsere £t\t. 


galten, weitläufig erörterte. Pon feiten eines limburgifdjen ©rofjinbuftriellen war 
baS Anerbieten gemalt worben, ben oont bisherigen ©efanbten in SRom begogenen 
©ehalt aus feiner ©afdje gu begabten, unb lefcterer, ber ©raf ©uchaftel, erflärlc 
fid} bereit, feine bisherigen gunctionen unentgeltlich weiter gu führen. SltS man 
fich fchtiefelich übergeugt hotte, bafj ber ffönig in ber gangen Angelegenheit nur 
als conftitutioneHer 2Ronar<h honbette nnb honbetn wollte, wnrbc bie @rfte 
Kammer wit Petitionen überfdjwemmt; aber auch bieS holf nichts; Gnbe ©ecember 
genehmigte auch biefer ©taatsförper ben Abftridj ber ©efanbtfdjaft, unb am 
4. San. 1872 erhielt ber Pefcfjlufj ber beiben Kammern bie fönigtiche Peftätigung. 
®ie päpftlichen Sonfuln in Amfterbam unb fRotterbam würben oon ihren itatie* 
nifchen ©oQegen barauf hin erfudjt, ihr SSJappenfc^ilb eingugiehen; aber fie oer» 
ftanben [ich bagu erft fpäter unb nachbem ber ÜRinifter beS Aenfjern bie nötige 
Preffion auf fie auSgeübt hotte. ©er Patican felbft hotte Währenb biefer Peroe» 
gung eine grofje Bnrüdljaltung an ben lag gelegt; wie es h^6» foü piuS IX. 
an ben ffönig felbft gefdjrieben hoben; aber ber päpftlidje SnternuntiuS blieb 
ruhig im #aag fifeen. 

SBenn man baS ©ebaren ber 3«mten Kammer, befonberS ber liberalen 3Kehr* 
heit berfelben, währenb ber fotgenben 15 Satire furg unb prägnant djarafterifiren 
wollte, fo barf man breift, ohne auf ernftlidjen SBiberfpradj gu ftofjen, behaupten, 
ba& fie es barauf angelegt gu hoben fchien, jebem 9tad)benfenben ben grünblichften 
©fei gegen bie parlamentarifche SRegierungSform einguflöfjen; benn eS bitben bie 
Pertjanblungen ber niebertänbifchen PolfSbertretung einen fehr fchäfcbaren ßom* 
mentar gu bem Sothor Pudjer’fehen SSerte über ben Parlamentarismus. Sticht 
als ob es an ber Uebergeugung oon ber SRotljwenbigfeit eingreifenber unb nicht 
länger aufgufdjiebenber ^Reformen gefehlt hätte; im ©egentheit, ber ©rang nach 
gefefcgeberifdjer unb abminiftratioer XEfätigfeit ift niemals beutticher empfunben 
unb lauter geäußert worben als gerabe in ber Beit, wo ein ©abinet um baS 
anbere mit ljoffnnngSlofer SRefignatiort oom ©djauplafc abtrat unb bie bon ihm 
ausgearbeiteten ©ntmürfe, worunter anerfannt tüchtige Seiftungen, unerlebigt 
mit fich nahm, fobafj man eher oerfudjt ift, jtch über baS SBenige, baS wir!» 
lieh i« ©taube fam, gu Oerwunbern. Aber gebutbig, wenn auch im Snnerften 
empört, fah baS Pol! biefem ©reiben, baS eS nicht änbern tonnte, gu, unb wenn 
man nach einem braftifchen AuSbruef für bie 2Berthfd)ä|«ng fucht, in welcher 
feine Pertreter bei ihm ftanben, fo mag an bem in einem friefifdjen Platt bor 
ein paar Sohren ergählten „©raum" erinnert werben, in welchem baS entrüftete 
Pol! ben ©ifcungSfaal ber ©eneratftaaten erftürmte unb ben unwürbigen 8anb= 
boten baS ©chicffal bon SRartinig unb Slaroata bereitete. Unb fragt man nach 
bem tiefem ©runbe biefer notorifchen Unfruchtbarfeit beS Parlamentarismus trofc 
beS reidjlichften PorrathS an Sntettigeng unb ArbeitSfraft, fo wirb man in erfter 
Sinie einen unmäßigen SnbibibualiSmuS unb, als bie nothwenbige golge babon, 
ben SRanget jebroeber ParteibiSciplin, ober bielleicht richtiger gefagt, baS Ab» 
hanbenfein bon eigentlichen politifchen Parteien bafür berantwortlich machen müffen. 
©enn ber immer noch feftgehaltene Unterfcfjieb gwifchen Sonferbatiben unb Sibe» 
ralen hatte feit 1848 leinen ©inn mehr, ba erftere ebenfo gut Wie lefctere auf bem 


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<3ur neuern ©efdjidjte ber Hteöerlanöe. 


22\ 


©oben ber reöibirten ©erfaffung ftanben, unb menn im Sagte 1866 bie ©ergält» 
niffe biefer Untertreibung mieber eine geroifte Slctualität gaben, fo lagen igr bei 
nägernt 3ufegen weit megr pertöntic^e ©pmpatgien unb Äntipatgien als ttjirfTic^e 
Itjatfadjen ju ©runbe. SSenn in anbern Staaten bie Parteibilbung fir nidjt auf 
ber ©runbtage ^iftorifc^er Erinnerungen oofljiegt, fo beftegt gier infofern eine 
WuSnagme, als bie ortgobopproteftantifre ober, toie fie oon Politikern ©tanb* 
punft aus genannt mirb, bie antireoolutionäre Partei einer folgen ^iftorif^en 
©runbtage igre Entftegung unb igren oon 3 a b r 2» 3<Tr junegmenben Einflug 
oerbanft. Staturgemäg wäre im giefigen öffentlichen Seben atfo nur für brei ©ar» 
teien Staunt: für eine liberale, eine ortgoboje unb eine ultramontane; aber nur 
bie beiben (extern finb ooßroicgtige Parteien; im liberalen Säger gibt es nur 
Parteiungen, unb jtoar folc^e ber friimmften 9lrt; benn ben Siberalen fehlte 
baS erfte Erforbernig: ein genau umfrtiebeneS unb oon aßen, xoil6)t unter libe» 
raler Slagge in bie Kammer gefommen toaren, genau eingegalteneS unb beobar« 
teteS Programm, unb man gälte mit ber $iogene$»Saterne oetgeblir furen fön» 
nen, um in ber erften #älfte ber fiebjiger 3 fl gre «inen anerfannten Parteiref ju 
finben. $afür gab eS aber toenigftenS ein 2)ugenb fleinerer ©ruppen, bie fir 
in aßen rostigen fragen, befonberS menn eS jur Slbfiimmung fam, feinbfir 
gegenäberftanben, unoerbroffen am Slbbrur ber aus igrer SRUte geroorgegangenen 
SRinifterien jufammen arbeiteten unb fir bann öerblüfft anfagen, menn fir bie 
unoermeibliren folgen igreS XreibenS geigten. 

Star ©etoeifen fär biefeS garte Urtgeit braurt man nirt lange ju furen. 
ÄlS bie erfte unb notgmenbigfte, gar nirt megr rneiter ju bemeifenbe Sorberung 
ftanb nar 1870 bie Steorganifation beS SanbeSOertgeibigungSfpßemS ba. Star 
bem Stüdtritt beS ©eneralS ©oomS, ber mägrenb ber SRobilmarung beS fjeereS 
bie ©tefle eines ©eneralftabsrefs eingenommen unb ber fir unoergogfen für bie 
Einffigrung aßgemeiner $ienftpftirt auSgefproren, übernagm ber ©eneral Engel» 
Oaart baS Portefeuiße beSJPriegeS; aber als berfelbe fein Programm, auf metrem 
ebenfaßS bie aßgemeine ®ienftpflirt pgurirte, oorgelegt unb $ur ©oßenbung beS 
SortificationSfpftemS unb für SBaffenanfraffungen einen aßerbingS gogen auger» 
orbentliren Erebit oerlangt gatte, fonnte ber SRinifter nar bem Empfange, ber 
feinen ©orlagen gutgeil mürbe, unb auS ber 9lrt unb SBeife ber über biefelbe 
geübten Äritif fir alsbalb baS £>orof!op fteßen, tooju nor bie meitere angenegmc 
Xgatfar« fam, bag felbft ein Xgeil feiner Eoßegen, als getreues Slbbilb ber libe* 
ralen Partei, fir feinen ©orfriägen miberfegte. ®ag bie SRegrjagt ber Äbgeorb» 
neten fir für ©eibegaltung beS bisgerigen ©tefloertretungS* unb SoSfaufSfpftemS 
auSfprar, barf nar bem fegt nor geltenben SBaglrert nirt munbernegmen; mogl 
aber mirb man bißig ftaunen, menn Suriften unb Sboocaten, mit benen bie ©olfs« 
oertretung aflju reüglir gefegnet ift, mit ber 3uoerfirtlirfeit eines Ingenieurs 
ober eines ©eneralftabSoffijierS fir in bie einzelnen ternifren fragen oertieften; 
ber eine bemieS gaarfratf bie Stotgmenbigfeit, juerft baS #eer ju reorganifiren 
unb bann baS geftungSfgftem ju ooflenben; ein jmeiter brang auf bie Priorität 
beS legtern; mieber ein anberer rooßte mit ber ©rutterg beginnen, meire, bei» 
läufig gefagt, nirt bem ÄriegSminifterium, fonbem bem SRinifterium beS Innern 


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222 


Unfere 5 e ü. 


unterfteht, unb enblid) würben noch bie üerfdjiebenen Slnfichten über ein concen* 
trirteS ober nicht concentrirte? Sertheibigung?fpftem mit ber nötigen $etailmalerei 
oorgetragen. ©rtgeloaart nahm benn auch im ®ecember 1871 jeine ©ntlaffung, 
um bie @ift)phu?arbeit feinem Sachfolger, bem ©eneral $elpirat, ju überlaffen, 
ber, im gebruar 1872 ernannt, fcffon im 9Rai mit ben übrigen SIKiniflern abtrat. 

(gg mar ebenfalls eine tief einfdjneibenbe grage principieller Statur gewcfen, 
tveftfye biefeS britte SRinifterium Iporbede’ä ^intoegfegte, nämlich bie auf feinem 
«Programm unmittelbar neben ber Sanbe?oertheibigung fteljenbe Seform be? ©teuer* 
tuefenS. €>ier galt e?, mit beinahe nod) ärgern als antebiluoianifc^en 8uftänben 
auf3 ut ® umen ' ^ enn * mmer no£ b geltenbe ©teuerstem beruhte leine?roeg? auf 
ben* normalen unb oernunftgentäßen Ißrincip be? ©infommen?, fonbern t(atte ben 
sjyiietfftvertf) ber ©Ortung pr ©runblage, laftete hauptfächlich auf bem mitttern 
©iirgerftanbe, bem £>anbel unb ben ©eroerbtreibenben, pg ben ©runbbeßfc in faum 
nennenswerter ©eife ju ben ©taat?laften tierbei, ließ bagegen ba? in Staat?* 
agieren unb Äctien angelegte Kapital DoUftänbig frei. Slu? ber reifen glut non 
SBrofdj** ren unb Seitung?artifeln, in beneit bie Seform be? nieberlänbifdjen ginanj* 
mefenS non berufenen unb unberufenen gebern behanbett Würbe, ging wenigften? 
to oiel ^eroor, baß ber bisherige UJlaßftab ber Sertheilung ber öffentlichen Saften 
ein ungerechter, nicht mehr länger p tragenber fei, unb baß pr enbgültigen 9lu?* 
gteichung biefer UnbiHigleiten lein anberer ®u?roeg übrigbleibe al? bie ©infüf)*' 
rung einer rationellen ©infommenfteuer. $er ginanjminifter SBluffe legte benn 
aut ber 3 rof iten Kammer einen bahin jielenben ©efefcentrourf oot; allein berfelbe 
tourbe mit 51 gegen 27 Stimmen öerroorfen, unb ba? äRinifterium nahm bann 
infolge biefe? Sotum? feine ©ntlaffung (3Rai 1872). Sei ben Serhanblungen in 
ber ^weiten Kammer jeigte fid) bie 3erfat)renl)eit ber liberalen fßartei mieber 
j n giänjenbftem Sichte. Slögefehen üon einigen principiellen ©egnern, in bereu 
oorberfter Seihe ftappetjne oan be EopeHo, ber Stimmführer be? am meiften fort* 
gef<h*ittenen Siberali?mu?, ftanb, mären fo jiemlich alle Siberalen Don ber 8®ed* 
mäßigleit unb SRothmenbigleit einer ©infommenfteuer DoHlommen überzeugt; allein 
bie fyeotie erfchien ihnen ftet? grauer unb grauer, je mehr fie biefelbe mit ben 
ginforberungen ber ©irflichfeit in ©inflang p bringen hatten. $>ie ©infommen* 
fteuer, h* e & eS ' ^ie ibealfte ©teuerform; aber fie fteht in fchatfem ©egenfafc 
p ben «nf$auungen un ^ Ueberlieferungen unfer? Solle?, ba? bie Siefe feine« 
©eibfchranl« nicht gern mit einem Dom ©taat geaichten ÜRaßftab fonbiren läßt, 
unb um bem ffiort „Ueberlieferungen" einen hiftorifefjen Snftrich ju geben, ließ 
man ben „Sehnten Pfennig" be? §erpg? 2tlba au? bem ©rabe fteigen; Don anberer 
©eite beefte man fich mit bem @(f)Ube ber — ÜRoralität unb fchauberte Dor ber 
SRöglichleit 3 uriic *' beu nieberlänbifchen ©taat?bürger jmifchen fein ©emiffen unb 
feinen ©elbfad 3 U ftellen, b. h- man ging furjtoeg Don ber Slnnaßme au?, baß 
bie SRchrhe** ^e? au3 profeffioneQen ©teuerbefraubanten beftehe; mieber 

on t, ere _ unb biefe Kategorie negatioer Solitifer biirfte bie fchlimmfte fein, roeil 

fie ba? ©ute 3“ Derroerfen pflegt, um bem Seffern naeßpjagen — Wollten bie 
©infommenfteuer erft bewilligen, wenn bie Regierung anbere al? unhaltbar em* 
pfunbenc Steuern geregelt hätte: lurpm, nachbem in einer Seihe üon ©ifcungen 


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^ur neuem «ßefdjtcfyte ber ttieberlanbe. 


223 


bie ©egner unb bie ganzen unb falben Anhänger ihre Meinung, tfjeilweife mit 
unerhörter ©reite unb langweilenber ©rünblichfeit, jum beften gegeben, War fdjon 
oor ber Abjlimmung baS Sdjidfat ber ©efefcesoorlage ju berechnen, ©inen Wonat 
nach »h**r Ablehnung ftarb %f )orbecfe (4. 3uni 1872). 

Witten in biefc IßartamentSinifere fiel baS breihunbertjährige ©rinnerungöfeft 
an bie ©innahme ©rielS burch bie Waffergeufen (1. April 1572), bie erfte glöcf- 
Iiche SBaffentfjat beS üon feinen fpanifchen Unterbrüdern jum Aeußerften gebrachten 
©olteS. ©roßartige Vorbereitungen waren getroffen worben, um biefen ©hrentag 
ber Station in Würbiger SEBeife ju begehen, unb nicht nur in ben Stieberlauben, 
fonbern auch benachbarten ©elgien mar bie ©egeifterung eine fo grenjenlofe, 
roie man fie feit bem Saljre 1814, mo baS £>auS Dranien ben Xh r °n beflieg, 
ober feit 1830, Wo ber ffönig fein ©olf gegen bie meuterifchen ©eigier ju ben 
Bahnen rief, nicht mehr erlebt hatte. ©S mar ein fchöneS, erljebenbeS geft, als 
baS ©oll bie herrlichen 2age feiner großen ©ergangenheit in ber ©rinnerung noch 
einmal burchlebte, als bie unoergeßtichen gelben jene? StiefentampfeS ihren ©räbern 
entfliegen, unb als bie Station in ber „Steuen Sirche" iH $elft ben SJtanen beS 
„©aterS beS ©aterlanbeS", bem großen Dränier, bie oerbiente $ulbigung bar» 
brachte. Wer bamalS bie heß erleuchteten, in einem förmlichen Seuermeer 
fchmimmenben Straßen üon Amfterbam, Stotterbam ober §aag burchmanberle, 
ber tonnte fich einen beutlid)en ©egriff oon ber ftaatenbilbenben unb ftaaten» 
erhaltenben ffraft folget ibealer gactoren im Seben eine« ©olteS machen, unb fo 
gewiß e8 ift, baß ein ©oll, baS bie ©roßthaten feiner ©erfahren nicht mehr in 
heiliger ©rinnerung hält, baS Stecht freier unb felbftänbiger ©jiftenj oerwirlt hat, 
fo fidjer h^ft oft ein ehrfurchtSDotler ©lid in eine große unb ruhmooOe ©et» 
gangenheit bie ©efahren ober Unjulänglichteiten ber Weniger troftooßen ©egenwart 
tragen unb äberftehen. freilich hörte man auch fließe WiStöne in bem aUgemei» 
nen 3ubel. @S ift betannt unb fchon früher barauf hingewiefen worben*), oon 
Welchem Stanbpuntt aus ber $atf)oIi! ober ber Ultramontane ben ffampf gegen 
Spanien betrachtet; Wilhelm oon Dranien ift hier nicht ber Stationalhelb, fonbern 
bet wortbrüchige, ehr» unb pflichtüergeffene ©afaß, ber feinem rechtmäßigen £errn 
unb ©ebieter mit fchmarjem Unbant oergolten unb ber aHeinfetigmachenben Kirche 
Sahrhunberte ber Unterbrüdung unb Burüdfefcung bereitet hat. ©Jahr ift eS 
aßerbingS, baß in ber Stepublif bie öffentliche Ausübung ber fatholifchen Sieligiou 
nicht geftattet war; aber bie ffatf)otifen würben ihres ©laubenS wegen nicht oer» 
folgt, wie bieS bie fatholifche Kirche ben ißroteftanten gegenüber gethan hatte, 
unb wenn ultramontane Wortführer hier ©ewiffenSfreiheit unb ^Religionsfreiheit 
burdjeinanberwerfen unb erftere ohne {entere fich nicht benfen tönnen, fo mögen 
fie trofc ihres gefchichttichen Anachronismus oon ihrem Stanbpuntt auS recht haben, 
ba bie fatholifche Kirche ja ftetS über Unterbtüdung ju jammern pflegt, Wenn fie 
nicht unbefchräntt herrfchen unb anbere unterbrüden barf; bei einer oorurtheilS- 
freien ©etrachtung ber bamaligen ©erhältniffe aber wirb es einleuchten, baß eine 


*) Sgl. „Unfere 3eit", Steue golge, VII, 2., 321 fg. 


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22\ 


Unfere ^eit. 


fotc^e Bepanbluttg bet fatpolifcpen Sirene lebigticp oont driebe ber Selbfterpaltung 
geboten mar unb ba| bie fRepubticf gerobeju Selbftmorb on fid) geübt patte, 
toemt jte ben Katpolifen ober Spanifcpgefinnten, unb beibe Begriffe waren ba» 
mal« fpnonpm, biefelben ftaatsbttrgerlicpen Sterte wie ben Booteftanten perfannt 
haben würbe. docp begriffen bieSmat bie Katpolifen unb beren ffiortffiprer, 
namentlich foweit fle unter einer überwiegenb proteftantifepen Betölferung wohnten, 
bafe auch fie bnreh ihre dpeilnahme am gefte ben Beweis liefern müßten, ebenfo 
gute unb aufrichtige SRiebertänber ju fein Wie bie Broteftanten, namentlich Wo 
ihre Sippen bei jeber (Gelegenheit öon Sopalitätsäujjerungen über baS oranifche 
Königshaus überjufliefjen pflegten. UeberbieS muffte bie Erinnerung an baS fläg* 
li<h e giaSco, welche« einige ultramontane ^eifjfporne bei (Gelegenheit beS Zeitig* 
erlenfefteS gemacht Ratten (1868), fie in biefem Borhaben beftärfen, unb einzelne 
namhafte Katpolifen patten beShatb ihre Bereitmifligfeit, an ber Bationalfeier 
tpeitjunepmen, baburep belunbet, bafc fle ftd) in bie örtlichen geftcomiteS wählen 
liefen, unb in Briel nahm felbft ber bortige fatholifche (Geiftliche eine folche ©apt 
an. (über halb brehte ftch ber ©inb. gn einer Brofcpüre formulirte Dr. IRupenS 
ben Stanbpunft, welchen aufrichtige unb ehrliche Katpolifen ber geier gegenüber 
einjunepmen hätten, bahin, baß ihre dpeilnapute an berfelben nur bann möglich 
fein würbe, wenn ihr jebet confeffione£I*proteftantifche Eparafter abgeftreift, mit 
anbern ©orten: wenn am 1. Ülpril 1872 nur auSfcpliefjticp ber dpatfaepe gebacht 
würbe, bafj biefer Sag ben ®runb ju ber greiheit unb Setbftänbigfeit be« San* 
beS gelegt höbe, in welchem jept Broteftanten unb Katpolifen als gleichberechtigte 
Bürger nebeneinanbermohnen. Ein dpeit ^ er Siberalen, namentlich pertorragenbe 
Blätter ber Bortei, nahmen feinen Slnftanb, biefeS Brogramm als annehmbar ju 
empfehlen; aber alsbalb erhob ftch ®roen oan Btinfterer, baS $aupt bet Sinti» 
reoolutionären, pom Scheitel bis jur Sohle ein glühenber Ealoinift, unb furjWeg 
erflärte er: „stimmt man bem gefte feinen eigentlichen nationalen Eparatter, alfo 
gerabe baS, was es uns wertpboH macht, fo mögen Katpolifen unb Siberale 
jufammen feftfeiern, wir aber niemals mit ihnen!" Unb in ber dpat ift auch 
ber oon SRupenS gemachte Unterfchieb oom hiflorifchen Stanbpunft aus eine Un* 
geheuerlichfeit, unb Wie man fiep auch brepen unb wenben mag, fo ift unb bleibt 
ber UnabhängigteitStampf gegen Spanien ein Kampf unb Sieg beS BroteftantiS* 
ntuS über ben KatholiciSmuS. dies fühlte man auf uttramontaner Seite auch 
mit bem richtigen gnftinct, unb fo gefepap es, bah ein Katpolif um ben anbern 
fiep jitrücfjog, naepbem ber ®eiftlicpe in Briet fepon oorper auf bifchöflicpen Befept 
auS bem geftcomite ausgetreten war. ©enn derartige« in bem öorperrfcpenb 
proteftantifepen fRorben möglich war, fo faitn man fiep benfen, wie eS in ben 
fatpolifdjen Brooinjen 5Rorb6rabant unb Simburg juging. §iet lebte man noch 
mie oor 300 gapren, wo bie domperren in fpertogenbofcp ein feierliche« de* 
beum anftimmten, als bie ÜRacpricpt oon ber Ermorbung ©itpelm’S oon ßranien 
befannt geworben mar, ober als ber bamatige Etjbifcpof ton Utrecpt in Storn bie 
nötpigen Scpritte tpat, um ben SDlörber peilig fpreepen ju taffen — ber tom Klerus 
fanatifirte fatpolifcpe Böbet machte burep fein wüfteS doben bie Beranftaltung 
jebmeber geier unmöglich; in Breba unb §ertogenbofcp bewarf man bie in ein* 


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<3ur neuem <ßefd)icf)te 6er Hte6erlan6e. 


225 


jelnen Säben unb ©djaufenfient aufgeftetlten Säften DranienS mit Roth, jtoang 
bie Sudjhänbler, welche ©Uber auS bem Unabhängigfeitäfampfe auSgefteflt, bic= 
felben wegzunehmen, unb burchzog, tJ3iuS=2ieber brfittenb, bie ©tragen. ©in 
proteftantifefjer Offizier wagte eS in Simburg nicht, ohne ftarfe mititärifdje ®e= 
beefung bie jur Seiet beS DageS angeorbneten ©aloen abgeben ju taffen, wätjrenb 
er feine Familie auf bie $auptwache gebraut tjatte, um fie not etwaigen ÜJiiS« 
hanbtungen beS $ö6etS ju fchüfcen; ein fatf)otifcf)er @eifilicf)er fcfjrieb feinem 
proteftantifchen ©oflegen einen Sranbbrief unb broljte ihm mit ber Stnjünbung 
feines $aufeS, wenn er eS wagen foHte, ju flaggen ober ju ißuminiren, unb 
bamit ber internationale ©harafter beS fdjwarzen UttramontaniSmuS recht beuttich 
ju Dage treten foHte, überfdjritt ein Raufen preugifefjer Ratfjolifen bie ©renze 
unb oernichtete bie an einzelnen Käufern in ’S $eerenberg angebrachten Serjie« 
rungen unb rig bie niebertänbifchen Staggen herab. Dies war ber Danf für bie 
wärbige unb oon tjerDorragenben Ratholifen auch rädhattStoS anertannte $at» 
tung ber ©roteftanten, bag bie unter einer proteftantifdjen 2J?ehrheit wohnenben 
RatljoIifen ungeftört baS fünfzigjährige tßriefter* unb einige Sahre barauf baS 
fünfunbjwanjigjährige SRegierungSjubitäum Oon tßiuS IX. hotten feiern tönnen. 
Der Rönig foH aber auch bem ©ifchof Oon hartem gegenäber feine Meinung 
übet bie Haltung ber beerbe berfe(6en in fehr beuttichen ©orten ju erfennen ge= 
geben hoben. 

Der ©ahlfprudj ber alten SRepublif: „Concordia res parvae crescunt", fchien 
feine Sebeutung für baS ©efchtecht, welches foeben noch fi<h on bem Sorbilb ber« 
felben gefpiegett hotte, oertoren zu hoben, ©inen 9Jionat barauf fiel, wie bereits 
erwähnt würbe, baS ÜRinifterium als Opfer ber 3?rfahrenheit ber Partei, auf bie 
eS geh naturgemäg hätte ftüfcen müffen. Die ©onferüatioen jubelten, benn fie 
hietten ihre 3*it Wieber für getommen; aber noch foHte ihr fetjntichfter ©unfeh 
nicht in (Erfüllung gehen, benn nicht £>eemS?ert Würbe mit ber Sitbung eines 
neuen ©abinets beauftragt, fonbern ber tiberate Staufen oan be ißutte, ber unter 
bem zweiten SRinifterium ©h°rbede bereits an ber ©pifce beS ©oloniatbcparte* 
mentS geftanben hotte; be SrieS, ein ausgezeichneter 3 ur >ft, übernahm bie Suftiz, 
ber liberale SIbgeorbnete ©eertfema baS innere, oan Selben bie Sinanzen, ©eride 
Oan ^ermpnen baS Steugere, Srocj z um f° unb fo Dielten mal bie ÜRarine unb ber 
©raf oon 2imburg*©tirum, ein Seteran auS bem 3ahre 1830, ben Rrieg (Slnfang 
Suti 1872). ©etbftoerftänbtich entfernte baS neue ßabinet bie ©intommenfteuer 
atsbatb oon feinem Programm; bagegen lünbete bie Xjjronrebe oom 14. ©ept. 1873 
bie Steorganifation beS $eereS unb eine ^erabfejjung beS ©ahlcenfuS an. 3m 
Slnfang fchien eS, atS ob eine 3eit fruchtbarer tegi$latorifd)er Xijätigteit an« 
gebrochen fei: am 15. Oct. nahm bie 3toeite Rammet, atterbingS nach f e h r h e f‘ 
tigen unb t^eitweife teibenfchafttich geführten Debatten unb nur mit fehr geringer 
SRefjrheit (38 gegen 36 Stimmen), bie Stbfchaffung ber in ben oftinbifdjen 89e* 
fifcungen bisher erhobenen Differentialzölle an, fobag atfo fortan bie auS bem 
StuStanbe eingeführten ©aaren mit benen, welche aus bem SKuttertanbe tarnen, 
auf gleichen Sug gefteflt würben. Son conferoatioer ©eite fehlte es auch bieS» 

Unfrn Beit. 1887. I. 15 


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226 


Unfere ^ett. 


rnal nicht an aßen möglichen, oom fchroärjefien ißeffimiSmuS eingegebenen 2Bar= 
i mit gen; aber granfen Dan be $utte, ber Sßorfäntpfer ber liberaten Eolonialpolitif, 
raubte bie Sßtehrheit feiner Partei nicht nur Don ber 3>oecfmäßigleit, fonbern auch 
DO n bet ßiothwenbigfeit ber Dorgeferlogenen SIRaßregel ju überjeugen, unb halb 
bar auf, am 4. 9lob., brachte bie ^Regierung ben bei ihrem Sluftreten Derfprochenen 
®efefeentwurf über #erabfefcung beS SBahlcenfuS für bie Breite Äammer unb bie 
«ßrootnjialftaaten ein. 2tber falt unb gleichgültig war bie Aufnahme ber 93or= 
tage, unb waS bie fReorganifationSpläne beS ÄriegSminifterS betrifft, fo würben 
biefe, ba an ber Slbfcßaffung ber Steßoertretung unb bet Einführung ber allgemein 
neu ®ienftpflicht feftgehatten Würbe, mit beutlicf) auSgefprochenem SEBiberwißen auf» 
genommen, unb als bie Zweite Kammer im guni 1872 barüber fdjlüffig werben 
neunte, würben bie Anträge beS ÜJiinifterS mit 43 gegen 25 Stimmen Derworfen, 
roorauf biefer natürlich auf fein ferneres 3ufammenwir!en mit einer folgen 93otfS* 
oertretung oerjidjtete, feine Entlaffung einreichte unb erhielt, um fortan als Ißrioat* 
mann an ber Spi|e unb ate bie Seele beS „Antidienstvervangingsverbond" bie 
öffentlich« SJteinung für bie Einführung ber aflgemeinen Dienftpflidjt empfänglich 
ju machen. 

2Bäre eine folche nicht fchon burch bie fRefultate ber Kriege Don 1866 unb 1870 
ttah c 8 e ^ e fl t wor heu, fo mußte fie fich angefichte hochernfter Sreigniffe, welche ben 
@taat in fchwere 2Ritleibenfchaft jogen, eigentlich Don felbft aufbrängen. ®ie Don 
©ataüia aus unternommene Ejpebition gegen Ültjeh, ben Seeräuberftaat an ber 
«Rorbfüfte Sumatras, war, weil mit unjureidjenben 9Ritteln begonnen, total miS* 
tungen ; ber commanbirenbe ©eneral fföhler war gefaßen unb bie Xruppen mußten 
fi^h wegen ber ungünftigen SaljreSjeit wieber einfdjiffen unb nach 3aoa jurücf* 
lehren. 2Bie ein SBlifc aus heiterm Fimmel ober wie eine $8ombe in eine un* 
beforgte heitere ©efeßfdjaft fchlug biefe $iobSpoft ein unb erregte bie öffentliche 
SJReinung bis in ihre unterften liefen. SEBie man fich benlen !ann, beutete bie 
Dppofition biefeS SRationalunglücf in jeber benlbaren SEBeife gegen baS SMinifterium 
au ö, wagte aber junächft bodj nicht, ein ßRiStrauenSootum gegen baffelbe ju be» 
antragen; aber ju ihrer Ehre muß conftatirt werben, baß auch fie ben Don bet 
«Regierung Derlangten Erebit ju Lüftungen für eine alsbalb ju unternehmenbe 
jjweite Ejpebition bewifligte. Um ber öffentlichen, namentlich in Snbien laut 
geäußerten HJieinung entgegenjufommen, würbe auf ben öorfdjlag beS ©eneral* 
gouoemeurS nicht ber bamalige Oberbefehlshaber beS inbifchen $eereS, ©eneral 
SJerSpetjl, fonbern ber alte Dan Swieten, ber im Diutterlanbe längft bie oerbiente 
«Ruhe genoß, jum Eßef ber neuen Ejpebition ernannt. ®er Verlauf berfetben ift 
belannt: gegen Enbe beS Jahres 1873 langte biefelbe Dor Sltjeh an; fchon am 
24. 3>an. 1874 war ber ffiraton, bie fpauptfefte ber Sttjeher, erftürmt unb ge* 
tiomnten, unb am 29. Slpril fchiffte fich baS ©roS ber nieberlänbifchen Slrmee 
tuieber ein, nacfjbem eine oerhältnißmäßig Heine SBefafcung in bem eroberten 
jjfraton juriicfgelaffen worben war. 2)ie urfprüngliche Slbficht ber Regierung war 
getoefen, eine fefte fßofition in ätjeh ju behalten unb Don biefer auS baS Sanb 
aßmählich ja pacificiren unb jur Unterwerfung ju bringen; aßein man Warf 
biefeS gewiß weife unb oorfidjtige ißrincip halb über S8orb; je nach ber Wechfetn» 


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t 3ur neuem (Sefdjidjte 6er 53ieberlan6e. 


227 


ben {Regierung ging man 6alb jur Dffenfioe Aber, halb nahm man mieber eine 
abwartenbe Spaltung an, bis ettblid) ein ©eneratgouoenteur Don Satacia aus 
furjweg becretirte, baß Sltje^ als unterworfenes {Reich ju betrauten, baß ber 
KriegSjuftanb Demgemäß als beenbet anjufehert fei unb baß an bie ©Jette ber 
militärifdjen eine cioite Berwattung ju treten habe. tiefer häufige ©gfJemwechfet 
hat aber bem nieberlänbifdjen Ißreftige im 3 n 6if<^eii Archipel ungemein gefdjabet; 
in 8ttjeh fetbft, wo eS nicht gelang, einen ben {Rieberlänbern ergebenen Sultan 
an bie ©pifce beS Steiges jn fteflen, fobaß bie Beüölferung unter bem ©in* 
ftuß ehrgeiziger ©tammeShaupter im SBiberftanbe beftärft Würbe, h* e ft wan 
biefe manfelmütljige Gattung für ein offenbares 3ei<h en ber Schwäche, nnb fo 
bauert ber Dom fanatifdjen gslamiSmuS unterhaltene unb ftetS aufs neue Wieber 
angefachte SBiberftanb noch heute fort unb wirb menfchlidjer Berechnung gemäß 
auch noch nicht fo halb gebrochen werben tönnen; eS fei benn, baß ein neuer fräf* 
tiger 9lnlauf jur Unterwerfung beS SanbeS genommen werben fottte. 

®er SRücffchtag beS erften ungtücflichen ©reigniffeS in Snbien auf bie öffent* 
liehe SReinung im SRutterlanbe mar aber nicht auSgeblieben; benn bie im 3«ni 
1873 ftattgeljabten ©rneuerungSwahten waren für bie liberale {ßartei unb für bie 
{Regierung feineSwegS günftig ausgefallen, unb ba jte jefet nur noch über eine 
SRehrheit Don wenigen Stimmen oerfügte, ba bie Kammer berfdjiebene Bor* 
lagen untergeorbneter Bebeutung jurüdgemiefen unb bie Siberalen fich in ber 
militärifchen {ReorganifationSfrage als Ijöchft unjuberläffige ©tüfcen erwiefen hotten, 
fo reichte baS ©abinet bem Könige, nadjbem er Dom SluSlanbe wieber jurücf* 
getommen war, am 24. Quti feine ©ntlaffung ein. ©inen Slugenbticf fchien es 
aflerbingS, als ob ben SonferoatiDen ber feurig erftrebte DRachtbefifc ohne weitere 
HRüße in bie $änbe faßen fottte, ba ber auf ber ©renjfdjeibe jmifdjen ©onfer* 
Datioen unb Slntireootutionären ftehenbe Dan ßtjnben Dan ©anbenburg ben Auftrag 
erhielt, ein neues ©abinet $u bilben; aber eS fchien nur fo; benn im conferoatiben 
Saget lonnte man fich über bie Bettheilung ber herrenlofen Beute nicht einigen, 
ba namentlich bie Ultramontanen mit bem ihnen angebotenen Slntheit nicht ju* 
frieben waren, unb fo mußte Dan SJjnben ben ihm geworbenen Auftrag wieber 
in bie $änbe beS Königs jurüefgeben, worauf baS SRinifterium, aus welchem nur 
ber ®raf Don Simburg*©tirum auSfchieb, fein ©ntlaffungSgefuch jurüefjog. 

Snbeffen war bie furze ihm noch befchiebene ©siftenj eine recht bornenbotte. 
$ie Dppofition hatte fich * n Sltjehfrage förmlich feftgebiffen; umfonft machte ber 
©olonialminifter unb fein ©oflege beS ßteußern ber Kammer bie nötigen ©nthüttun* 
gen unb bemiefen beutlich, baß nur burch bie fofortige KriegSerflärung an Sttjeh bie 
©efahr einer auswärtigen ©inmifchung (Slmerifa) oermieben werben fonnte unb baß 
ber Krieg fetbft tro| ber feftfteljenben Ueberjeugung Don einer noch ungenügenben 
Borbereitung alSbatb begonnen werben mußte — bie Berhanbtungen barüber arteten 
in einen fo geljäffigen 2on aus, baß granfen Dan be {ßutte einem conferDatioen 
Äbgeorbneten baS {ßräbicat „unpatriotifd)" inS ©efidjt fdjleuberte. Äber bennodj 
gelang es nicht, bem ÜRinifterium gegenüber eS auch nur 3 U einem oerhüttten 
labclSootum ju bringen, wiewol teueres es ebenfalls nicht wagen burfte, ein 
förmliches BertrauenSDotum fjeroorzutoefen. S)urcf) bie ffintennung beS ©enerals 

15* 


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228 


Unfere ^eit. 


SBeifcel pm SriegSminifter, bet bie gorberung bet allgemeinen ®ienftpflitt faden 
liefe, hotte baS SRinifterium bet ^weiten Sammet jwar ein grofeeS ßugeftänbnife 
gemalt; allein bei bet ©eratljung beS SRarinebubgetS waren in biefem ®eparte* 
ment fo ungeljeuerlite $>inge an ben Sag gefommen, bafe baffelbe mit 37 gegen 
30 Stimmen abgelebt mürbe,» ber langatmige unb fotglofe SQtarineminifter 
Srocj mar babunf) für immer befeitigt. $>odj Waren für einen Augenblicf ade 
innern 3miftigfeiten oergeffen, als ber Sönig am 11. dJiai 1874 fein fünfunb* 
jmanjigjährigeS IRegierungSjubiläum feierte. ge|t tonnten Satljolifen unb Ißrote* 
ftanten freunbfcfeaftlicfe §anb in §anb gehen; eS freien wenigftenS, als ob erftere 
für ihre Gattung beim ©eufenfefte im April 1872 bie nötige ©ntftäbigung geben 
wodten, ja Diele fcferieben beSljalb bem SönigSjubiläum einen fpecifift tatfeotiften 
Sbarafter ju. Unter ben geftgaben, bie bem dRonarten bargebrac^t würben, be* 
fanben fit foldje h^tf* eigentümlicher ÜRatur. Abgefehen Don ben dRiSljanb- 
lungen, weite fet boS SRufenrofe bei biefer Gelegenheit, befonberS feitenS ber 
Vertreter ber 3 u nft ber Stulmonarten, gefaden laffen mufete, modte jeber nat 
feinen Sräften jur Verherrlitung beS XageS unb ber ißerfon beS SönigS bei* 
tragen: ein fatholifter ®eiftliter in Simburg bewies, bafe ber Sönig in geraber 
ßinie Don Sari bem ©rofeen abftammte, worauf Alberbingf Xhh m olsbalb einen 
Stammbaum fabricirte, weitem jufolge bie Sönigin Sophie ben Saifer Stubolf 
Don |>absburg ihren Ahnherrn in geraber ßinie nannte. Sei bem ©ferengeftent, 
weites bie Station bem Sönige barbratte, war man, wenigftenS bei ber Samm¬ 
lung für baffelbe, nitt gerabe befonberS biScret ju SBerfe gegangen, unb baffelbe 
gilt aut bon bem Sinbergeftent, ju bem ein ehrgeiziger Stulmeifter, ber feinen 
Flamen gern in ben 3eitungen figuriren fah, ben Anftofe gegeben hotte; bet Sönig 
überwies bie ihm überreitte Summe, weite übrigens einen Derhältnifemüfeig feljr 
befteibenen Setrag reprafentirte, einem SnoalibenfonbS. 

$)er zweite Xhetl beS minifterieden Programms, bie $erabfe$ung beS SBahl* 
cenfuS, mufete nunmehr ebenfalls jur Ausführung tommen. äRan tann nitt eben 
fagen, bafe bie Regierung befonbere ©ile mit ber Seljanblung ber Don ihr aus- 
gearbeiteten Vorlage hotte, unb bieS um fo weniger, als bie ju einer in bie be- 
ftehenben Verhältniffe fo tief einftneibenben Veränberung nötigen Vorarbeiten 
unb fiatiftiften ©rtjebungen teineSWegS in bem erforberliten Umfang unb mit 
ber gehörigen ©rünblitteit gematt worben waren. Aber bie ©onferDatiDen, 
befonberS ihr Anführer fpeemSfert, oerftanben meifterlit bie Sunft, bie ßiberalen 
bei jeber Gelegenheit oor ihr eigenes Programm ju fteden, auf bem bie SenfuS* 
frage eine hertwtragenbe Stede einnahm. ®ie {Regierung mufete bem drängen 
ber ©egner, Welte wohl wufeten, was fie taten, natgeben, unb als am 19. Suni 
1874 über ben ©efefcentwurf, ber übrigens nur eine fefer befteibene AuSbefe» 
nung beS SBaljlrettS unb eine weniger natteilige Seljanblung ber Stübte bem 
platten ßanbe gegenüber bejwecfte, abgeftimmt werben mufete, würbe berfelbe mit 
39 gegen 32 Stimmen oerworfen; unter ben bagegen Stimmenben befanben fit 
8 ßiberale. SBie Dor jWei fahren bei ber ©intommenfteuer hotte baö ber 
©enfuSherabfe^ung ju ©runbe Uegenbe ißrincip bie adfeitige Sidigung fämmtliter 
ßiberalen unb aut Dielet ©onferDatiDen; adein gerabe wie bamals hotte man cS 


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,5ut neuern ©efdjidjte ber Icteöerlanöe. 


229 


nicht über fich gewinnen fönnen, persönliche Stuften gu opfern, wogu noch ber 
wettere ©runb getommen fein mag, baß man biefem SRinifterium, baS fchon fo 
manche SRieberlage über fich batte ergeben taffen müffen unb bem ber SebenSfaben 
fchon batb burchfdjnitten war, bie Söfung einer wichtigen Stage überhaupt nicht 
mehr gutraute. 3)a8 Sab inet gab infolge biefeS Votums feine Snttaffung, bie 
nunmehr t>om Könige auch angenommen würbe. 2Rit bem 3Rinifterium hatte auch 
bie liberale Partei abgewirthfchaftet; aber ein Schmählicherer unb ruhmtoferer 
Untergang lieg fid) für eine Partei, bie mit Stolg unb mit {Recht fi<h früher bie 
Vertreterin beS bentenben ber Station nennen unb bie auf eine wahrhaft 

gtängenbe Vergangenheit gurücfbticfen tonnte, faum benfen; nicht im heißen Kampfe 
um ein oon ihr oertheibigteS potitifcßeS ober wirthfchaftlidjeS ißrincip, nicht ein« 
mal burdj eine parlamentarische Sabate ober ein föniglicßeS URachtwort, fonbern 
burdj ihre eigene Unmacht war fie gefallen. @8 war baher eine förmliche SBoht» 
that, bie ihr bewiefen Würbe, al8 fie, ber oon ihr innegehabten ©eWalt entfett, 
Seit unb Gelegenheit hatte, ihre Kräfte wieber fammein unb unter ber $anb eines 
Strengen unb energifdjen SuchtmeifterS ihre ©ebrecßen eingufehen unb gu berbeffem. 

2>iefer 3b<htmeifter war aber niemanb anberS als #eemSferf, ber anerfannte 
Führer ber Sonferbatiben unb ber Shef be8 im Saljre 1868 abgetretenen SabinetS. 
Sr fetbft übernahm ba8 innere, bau ber 2)oeS be SßifleboiS ba8 Sleußere, 
ban Stjnben ban Sanbenburg, berfetbe, ber lürgtich erft bergebtidj ein conferbatibeS 
Sabinet gu bitben oerjucht hatte, bie duftig, ban ber $eim bie ffinangen, ban ©ott« 
ftein bie Sofonien, SBeifcet ben ffrieg unb laalmann ftip bie SKarine; außer bem 
Premier gehörten, Wa8 ihre Stntecebentien betrifft, nur ber Saftig 8 » Solonial« unb 
Finangminifter ber entfliehen conferbatiben {Richtung an; SBeifcel hatte bereits einem 
liberalen Sabinet gebient; er wie fein SoQege oon ber 2Rarine waren in erfter 
fiinie Fachmänner, wäßrenb baS SRinifterium beS Steußern, namentlich in einem 
fleinern Staat, in ber Siegel ebenfalls oon ber fjktteiftellung beS SabinetS un« 
berührt bleibt. 

®aS conftitutioneHe Slnbenlen, baS §eem8ferf als SRinifter hinterlaffen, fonnte 
für bie Siberalen nicht befonberS troftreich fein, noch weniger War er ber SRann 
nach ih tem $ergen, toenn fie fich ber Schärfe, man barf ruhig fagen, beS ber« 
biffenen ©rotts erinnerten, mit bem er allen feinen ÜRadjfoIgern entgegengetreten 
war. 2Ba8 noch heu meiften Stoff gur Veunruhigung geben mußte, war bie 
unbestreitbare $hatfache, baß er als Slbgeorbneter mit ben kirchlichen Parteien 
nicht nur harmlos unb platonifh geliebäugelt, fonbern fie in ihren Veftrebungen, 
bie confefftonSlofe Schule aus bem SBege gu Schaffen, mitunter feljr nachbrüdlich 
unterftüfct hatte, Stuf ber anbern Seite bagegen wußte man, baß man eS mit 
einem ÜRanne gu tfjun hatte, beffen #anb bie 8ügel ber {Regierung mit Äraft 
unb Snergie ergreifen Würben, welche ber {Regierung bie (ängft berloren gegangene 
Autorität wieber berfchaffen fönnte unb ber ein Verwaltungstalent entfaltet hatte 
wie faum ein SRinifter, fetbft Shorbecfe nicht ausgenommen, oor ihm. SS ift 
gewiß ein feßöner Veweis ber auch öon ben ©egnern nicht geleugneten Wnerfen« 
nung feiner ungewöhnlichen Fähigfeiten unb feiner hetborragenben Sljaraftereigen« 
Schäften, wenn man fetbft auf liberaler Seite in ihm nicht nur ben unbermeibtichen 


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Utifere <5eit. 


Mann fah, ben bie augenblitflite Soge erforberte, fonbern wenn man ihm ^ier 
fogar mit einet unberljohlenen Sympathie entgegenfam. 3* 1 einem ber SBeric^te bet 
Abteilungen im erften Qaljre feiner Regierung mürbe auSbiücflit gefagt, baff 
man fein Auftreten „mit Sergniigen" gefeßen hätte. ©eroiß, J)ätte er eine fefte 
Mehrheit im Parlament hinter fit gehabt, fo mürbe feine SBirlfamfeit reichliche 
grüßte getragen hoben; bie Smeite Sommer hätte bann, ftott baS „^Beiblatt" jum 
„Staatsblatt" mit langen Sieben $u ungebührlichem Umfang onjuftmeDen, lefctereS 
mit fertig gebrachten ©efejjen gefüllt; aber, gejmungen, mie er mar, mit einer 
gegneriften Majorität ju regieren, lebte er recht eigentlich bon ber $anb in ben 
Munb, unb mit jiemlidjet Sicherheit tonnte er fich baS $orof!op fieüen, baß in 
bemfelben Augenblicf bie ©tunbe feines Slücftritts gefchlagen, in melchem bie 
liberale Partei fit auS ihrem Verfaß roirflich reconftruirt hatte ober ju ber, menn 
auch unbegrünbeten Ueberjeugung getommen mar, mieber neu erftehen ju tonnen. 
Unb menn £>eemSferf nach mehrjähriger, gemiß nicht unrühmlicher Amtsführung 
feinen fßlafc mieber ben ©egnern räumen muffte, fo mar bieS ebenfo menig baS 
auSf<hliefjti<he Serbienft biefer lefctern, mie eS unbeftreitbar jum guten X^eil feine 
eigene ©djulb ift. ®enn ftatt fit rüdljattSloS auf bie Partei ju ftüften, in beten 
©eift er ja bot regieren muffte, unb biefe ju einer träftigen ^Regierungspartei 
heranjujiehen, hat er eS berftmäljt ober oieHeitt nitt ben 3Ruth baju gehabt, 
feine eigene Stellung ben Anmaßungen ber Sirtlit en gegenüber genau ju prä« 
cifiren unb mit raftem Entßhluß baS Sanb ju jerreißen, baS ißn, menn aut 
nur not in ber Erinnerung an frühere Sage gemeinftaftliten Streites, mit ihnen 
oerbunben hatte. 

3)enn feit einigen Sahren hatte fit auf ber Stetten eine fßarteiberftie&ung 
boßjogen, melte in baS politifte Seben ber Stieberlanbe einen ganj neuen gactor 
einführte. Slot unter bem britten Minifterium X^or&ecfe maren Antirebolutionüre 
unb Ultramontane als ©tleppenträger im ©efotge ber Eonferbatiben einher« 
geftritten, unb in ben Sejirfen, in melten erftere gemählt morben maren, hatten 
fie ihr Manbat nitt auSftließlit als bie ©prößlinge Saloin’S ober als bie An« 
hänger beS bon ©roen ban fßrinfterer nat bem Vorgänge ©tahl’S formulirten 
antirebolutionären ©taatSrettS erhalten, fonbern fie maren häufig unter anti« 
liberaler ober antithorbecfianifter flagge gemählt morben. Sie praltifte fßolitil, 
metter biefe Stittung lange 3eit gehulbigt hatte, mar eine Art platonifte geroefen: 
unbetümmert um bie mirfliten fßarteiberhältniffe ging fie ihren eigenen SBeg, unb 
in S)iftricten, mo bie SBaljl eines Si6eralen außer jeber ftrage ftanb, fteUte fie 
regelmäßig bot if)«n Eanbibaten auf, einesteils um, mie fie eS in ber ©prate 
ffanaanS auSbrüdte, ju „jeugen", anberntheilS aber, um bie 3unahme ihrer Sräfte 
mit jebem galjre i“ meffen. Unb biefe mar aHerbingS eine ebenfo unermartete 
toie rafte, unb fie hat im Saufe ber folgenben 3ahre pt fo großartig entfaltet, 
baß fie, unterftüfjt bon ber SunbeSgenoffenftaft ber Ultramontanen, mit ben 
Siberalen um ben Mattbefifc mit aller AuSfitt auf Erfolg ringen fonnte. 

Es lohnt ber Mühe, bie Anfänge unb bie Entmicfelung biefer fßartei näher ju 
berfolgen. jahrelang hatte ©roen ban fßriufterer bergeblit berfutt, für bie 


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<<5ur neuern ©efdjidjte 6er Hie6erlan6e. 


23 \ 


nntirebolutionären 3been 'ßropaganba ju machen; er mürbe non ben wenigsten 
feiner @efinnung«genoffen Oerfianben, uitb in ber Stoeiten Kammer fanben feine 
Betrachtungen nicht um ihre« materiellen Inhalt« mißen, fonbern megen ber 
meifterhaften fjorm, in ber fie borgetragen mürben, Beachtung. ®rft nach bem bie 
confeffion«lofe Schute einfiihrenben ©efefe bon 1857 trat er mit einer praftifchen 
Sorberung Ijerüor, unb e« ift merfmürbig, baß ba« Bedangen nach 2I6fd)affung 
ober SRobification biefe« ©efefce« im Slnfang bon nur fehr menigen feinet dn= 
hänget geteilt mürbe; aber nach Verlauf oon menigen fahren hatte ber einft einfame 
Slntragftefler ein ganje« $eer hinter fich, gemiß ein merfmürbiger Bemei« bafiir, 
ma« @raft unb SBißen«fraft bermögen, unb baß man nur biefelbe 3bee mit ruhe» 
(ofem @ifer fortmährenb anpreifen barf, um ihr bie gemfinfehte Berhreitung ju 
berfchaffen. ®ie 3 a h* berjenigen, melche hei ben SBahlen an ber Stimmurne bon 
ihrem ®lauhen 3eugniß ahtegten, b. h- gegen ba« heftehenbe Schulgefefc proteftirten, 
nahm bon 3aljr ju 8 a hr i u - ®iefe« Berljättniß glaubte bie conferbatibe Partei 
;u ihrem Bortheil auöbeuten ju lönnen. ®« ift bereit« gezeigt morben, mie biefe 
Bartei ben burdj bie ©reigniffe be« 3ah re « 1848 gefchaffenen 3uftanb rücfljattölo« 
anerfannte, baß fie burchau« feinen reactionären ©harafter hat, baß, menn je ein 
Unterfchieb jmifchen ihr unb ben Siberalen aufgefteflt merben fann, biefer barin be» 
fteht, bafj fie ben Schmerpunft ber Regierung in ber $rone fucht, mährenb (entere ihn 
mehr in ba« Barlament berlegt miffen moßen, unb ebenfo ift früher fchon bargefteflt 
morben, baß ba« Schulgefefc bon 1857 bon einem conferbatiben SRinifterium ent» 
morfett unb burchgebracht mürbe. ®roen ban Brinfterer hatte be«halb nicht fo unrecht, 
menn er bon feinem Stanbpunft au« bie Sonferbatiben nur eine 9lbart ober eine 
„Schotterung" ber Siberalen nannte. SBenn ftch nun auch bie frühem Sonfer» 
batiben in ben Sibera(i«mu« bon 1848 aufgelöft haben, fo liegt e« bodj in ber 
menfchüchm Statur, eine erlittene Stieberlage nicht fo halb ju bergeffen, unb menn 
fie burch ben ®rang ber Berhältniffe gelungen mürben, ftch j“ Brincipien ju 
befennen, melche fie früher befämpft hatten, fo mußte boch bie Steigung übrig» 
bleiben, biefe Brincipien fo rnenig al« möglich ju betonen unb in ben Borber» 
grunb ju fteflen. 3)ie conferbatibe Dppofition offenbarte fich benn auch jatjre» 
lang al« eine rein inbioibueße, aber trofo aßer 9lu«bauer unb aßen Scharffinn« 
mußte fte recht gut, baß e« ihr niemal« gelingen mürbe, bie in ber Berfaffung 
bon 1848 niebergelegten Brincipien, roenigften« mit ihren eigenen Kräften, ju 
erfchüttern. Slbet ba« S a h r 1853 hatte gezeigt, baß man mit ber Unterftüfeung 
ber tirchlichen $ülf«truppen unter Umftänben einen gtänjenben Sieg babontragen 
fönne, unb menn man nur bem aflgemeinen Begriffe ,,8iberali«mu«" benjenigen 
be« bon ©roen ban Brinfterer befämpften „moberaen Siberali«mu«" fubftituirte 
unb fdjtießlich al« bie 5olgc beffelben ben rothen 9tabicali«mu« hinfteßte, fo hatte 
man genug gethan, um fich bie gemünfehte §ülfc ju berfidjern. Sil« enblich auch 
bie Satholifen mit bem Siberali«mu« brachen, obmol fie bemfelben ihre firchliche 
Freiheit berbanften, mar ba« feurig erftrebte 3'd erreicht: ben Siberalen ftanb 
eine conferbatib»antirebolutionär»ultramontane Koalition gegenüber, melche fich 
mit Borliebe bie antirabicale B°rtei nannte. Sn ber Ih°l blieö ber gehoffte 
Sieg auch ni<ht au«; aber al« e« an bie Leitung ber Beute gehen foßte, hatten 


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Unferc geit. 


bie Sachlichen baS Slachfeljen; HeemStert blieb als SDtinifter im 3oh*e 1867 
gegenüber adern Srängen nad) einer dteoifion beS @<hutgefe|eS taub, unb bie Eon* 
feroatioen, bie auf colonialem ©ebiet einen ihnen mehr jufagenben Summetptafc 
fanben, Ratten fic^ in ber ©djulfrage ab? feljr laue SunbeSgenoffen ertoiefen. 
Unb bennoch jeigte eS fic^ bei jeber AbfHmmung, bafj biejenigen, melden oon 
ben Gonferoatiöen bie befc^eibene SRode oon HülfStruppen erteilt mürbe, in ber 
Ifjot bie Hauptmacht maren, unb ba lag eS nahe, ben Sampf für eigene Sech* 
nung unb adein fortjufefcen; mürben je einmal bie Anftrengungen jum Siege 
führen, bann brauste man auch ben ißreis mit niemanb ju feilen. Siefen 2Beg 
hat benn auch bie antireoolutionäre Partei feit biefer Seit in fönurgeraber Stich* 
tung oerfolgt; als HeemSferf jum jmeiten mal als SWinifter in bie Kammer jurücf» 
lehrte, machten iljm bie frühem 33unbeSgenoffen baS Seben noch fiel faueret als 
bie liberalen ©egner, unb im 3oh re 1885, als HeemSterl jnm britten mal an 
ber @pi|e ber Regierung ftanb, mar bie conferoatioe Partei oon ber Oberfläche 
oerfdjmunben, unb es hätte nur beS einfachen SBidenS ber üereinigten Anti» 
reoolutionären unb Ultramontanen beburft, um bie ihnen auf bem ißräfentirteder 
angebotenen SJtinifterportefeuideS ju nehmen. 

Sie SBunbeSgenoffenfdjaft jmifchen Antireüolutionären unb Ultramontanen mar 
jiemtich jungen SatumS unb mar nicht ohne fchmere ©eburtsmehen ju ©tanbe 
getommen. Ser eminent caloiniftifdje Sharalter, ben ©roen oan Ißrinfterer ben 
uörblichen SRieberlanben oinbicirte, fchien jebmebe Annäherung auSjufdjliefjen, unb 
im 3<>h« 1853 bei ©elegenheit bet Einführung ber bifchöflidjen Hierarchie hatten 
bie ißroteftanten eine Hutung angenommen, melche ihnen oon ben Satholifen 
nicht fo leicht unb fo halb oerjieljen merben tonnte. Aber zugleich mit bem in 
ber tatholifchen Sirdje mehr unb mehr jur $errf<haft tommenben SefuitiSmuS 
trennten fich bie Satholifen oon ben fiiberalen, unb als baS HRanbement ber 
©ifcfjöfe im 3«h re 1868 erfchienen mar, in meinem bie confeffionSlofe Schule 
oerurtheilt unb ben ©laubigen bie Senufcung berfelben oerboten mürbe, als ferner 
bie Satholiten ebenfo mie bie ißroteftanten aus eigenen dRitteln confeffionede 
Schulen errichteten, ba mar ber gemeinfchaftliche OperationSboben, oon bem aus 
man bie unerfchütterlid) an bem ©djulgefefc Oon 1857 feftljaltenben Siberaten be» 
tämpfen tonnte, gefnnben. ©roen oan tßrinfterer, ber früher bie ftolje ßofung 
ausgegeben hotte: „3n unferer Sfolimng liegt unfere Sraft", meinte in feinen 
fpätern SebenSjahren, baff ein Sofantmengehen mit ben Satholiten „unter Um» 
ftänben" fehr münfchenSmerth märe. Unb fo tarn benn mirtlidh bie (Koalition 
jmifchen 9tom unb ©enf, jmifchen bem ©pdabuS unb bem Heibetberger SatedjiS» 
muS ju ©tanbe, miemot torberhanb nur bie Führer ber Antireoolutionären ben 
Smed unb bie Sragmeite berfelben erfannten, mährenb ,eS ziemlicher Arbeit 
beburfte, um ben ftarren caloiniftifchen ißlattelanbSbcmohnern, bie oon einem folgen 
„Monsterverbond" nichts roiffen modten, bie SRothmenbigfeit beffelben flat ju 
machen. Aber eben bie Sljotfoche, bafj bieS gelingen tonnte, ba|j man bie für 
unüberfteiglich gehaltene Stuft bennoch überbrücfte, bemeift nicht nur bie aus» 
gezeichnete Seitung, fonbern bie anS Unglaubliche grenjenbe SiSciplin ber anti» 
reoolutionären ißartei. 


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<5ur neuern ©efdjidjte 6er Hte6erlan6e. 


233 


ÄtS gürtet berfetben tritt nunmehr ein SKann auf, weiter bem antirebolu» 
tionären Programm feinen pofitife^en SuSban gegeben nnb ber als fachlicher 
geuerbranb in bet neueften Seit ft<h einen berüchtigten Samen gemocht h at: 
Dr. Slbraham Tuiper. Saum ben günglingSjahren entwadjfen, erregte er burd) 
fein entfchiebeneS Auftreten in ort^obo£=f3roteftantifc^em Sinne gerechtes Suffehen, 
mit ftdjtbarer greube begrüßte ©roen oan fßrinfterer bie junge feurige Traft, bie 
alles in ftdj p bereinigen festen, was bap gehörte, um einmal ber gühter ber 
pfunftSreidjen Partei p werben; als Sebacteur beS eben begrünbeten „Standaard", 
beS ©auptorganS ber antireoolutionären Partei, entwicfelte er in wenigen turjen, 
fcharfen Bögen baS Parteiprogramm, unb als ihn ber SBahtbiftrict ©ouba in bie 
3weite Kammer fanbte, wußten bie ©egner halb, bafj ihnen ein SJiann gegenüber» 
ftanb, ber mit rücffichtstofer Offenheit auf fein 3iel toSfteuerte. greitidj bie £f)at= 
fache, bafj man nid^t als geborener unb allfettig anerfannter Parteiführer baS 
Parlament betritt, fonbern bajj man nur in biefem fetbft burch türjere ober längere 
Zhätigfeit eine auch ötm ben ©egnern anertannte Autorität erwirbt, bewahrheitete 
fich auch h‘«; bie partamentarifche Wtmofphäre war ihm ebenfo fremb wie bie 
©abe, gewiffe ©renjen p refpectiren, welche für ben t>on ber Tanjel herab 
fpredjenben Prebiger nicht oorhanben p fein brauchen; baher auch bie Srt ber 
Beweisführung, bie bei einem fo praftifchen unb nüchternen Subitorium, wie es 
jebe PoltSOertretung ift, nicht p oerfangen pflegt. S)eShalb tonnte man auch halb 
recht gut merten, bafj Tuipet fich hier nicht heimifch fühlte, unb bafj fein eigen» 
thümlidjer Stanbpunft ihn bei gragen, welche mit biefem in feinem nähern Per» 
banb ftanben, häufig p Banalitäten oerführte. ®af)er überrafchte es auch feines» 
wegS, als er nach einigen fahren ber parlamentarifchen Saufbahn überhaupt ben 
übfehieb gab, um fortan außerhalb berfelben burch SCBort unb Schrift feine un» 
getheilte Traft ber Seitung unb weitem Organifation feiner Partei p wibmen. 
Bemerft mag noch werben, bafj bie politifche Sichtung Tuipet’S einen entfehieben 
bemofratifchen Snftrich h fl i» was mit bem antireoolutionären Stanbpunft fehr gut 
p oereinigen ift unb fich auc h ouS bem bemofratifchen Eharafter beS EatoiniSmuS, 
ber ftch feinem innerften SBefen nach nicht, wie baS ortljoboje Sutherthum pr 
Stärtung beS fürftlichen SbfolutiSmuS oerwenben lägt, auch f e h r leicht erflärt. 
gn welcher SBeife biefer bemotratifche 3ug beS antireoolutionären Parteiführers 
in förmliche fi«hlich»ochlofratifche Begebungen auSartete, follte fich fpäter geigen, 
greilich um politifche Eonfequenj brauchte er fich babei nicht p fümmern; wie» 
wo! ein erflärter Anhänger ber SluSbehnung beS SSaljlrechtS, galt es boch ben 
©efefcentwurf beS SDtinifterS ©eertfema p gad p bringen, weil berfelbe, wie 
fchon berührt würbe, nicht bem platten Sanbe, wo Tuiper feine meiften Anhänger 
jählte, fonbern ben Stäbten pgute getommen wäre. 

gn welcher SBeife ber fachliche Stanbpunft ber antireoolutionären Partei aQe 
öffentlichen gragen beherrfcht, jeigte fich nicht nur bei ihrem Tampf gegen bie 
Schute, fonbern auch bei fcheinbar ganj inbifferenten Porlagen. gm E)ecembet 
1872 hotte bie Breite Kammer einen ©efefcentwurf pr Perhütung epibemifcher 
Trautheiten angenommen unb babei auch bie Beftimmung eingeschaltet, bafj fein 


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23* 


Unfete £eit. 


©cfjüter unb audj fein Sekret in ben öffentlichen Elementar» unb 2J?ittelfct|uten 
jugelaffen werben fodte, welcher ben Stach weis, fi<h ber Impfung unterzogen ju 
ijaben, nicht oorljet geliefert hotte. Stach orthoboj»proteftantifchem Vegriff fcheint 
aber bie Smpfung, unb noch mehr ber gmpfjWang ein Eingriff in bie 
göttliche Vorherbeftimmung ju fein, unb beShatb wiberfefcten ftch bie Sntireoo» 
lutionäre mit ber ihnen eigenen gähigleit ber Annahme beS ©efefceS, unb auch 
al« baffelbe auch ®on ber Erften lammet gutgeheißen würbe, bauerte ber SBiber» 
ftanb fort, unb ber „Standaard" hot benn auch öon 3«t ju 3«it ©elegenheit, 
wiberfpenftige Sehrer ober Sleltern alö 3Jtärtt)rer ihrer Ueberjeugung ju Oerherr» 
liehen. ®ie katfjoliten hotten fief) in biefer grage oerftänbiger gezeigt; bie ©eift* 
liehen farberten ihre ©emeinbemitgtieber häufig felhft auf, fich impfen zu laffen. 
Vergegenwärtigt man fich biefeS Treiben ber kirchlichen, ihre ftetS bringenber unb 
anmaßenber merbenben gorberungen, bie mit bem intenfioen unb ejtenfioen 2Ba<hS» 
thum ber Sßartei gleichen Stritt hielten, bann begreift man auch bie ganze 
fache ber jämmerlichen Impotenz ber VollSoertretung ober oielmehr ber liberalen 
ÜJtehrheit auf gefejjgeberifchem unb abminiftratioem ©ebiet. ©erabe bie gurdjt, 
baß fich bie kirchlichen ber feurig begehrten $errf<haft am Enbe bodj bemächtigen 
lönnten, unb bie Veforgniß, baß bie öffentliche confeffionStofe Schule, in ber nun 
einmal bie ÜDtehrheit beS Volles unb ber SBähter baS VaHabium ber greiheit unb 
Unabhängigleit beS Staates oon ber kirche erlannte, oernichtet werben möchte, 
war ber ©runb, baß bie 3ufuht neuen SluteS in bie VollSoertretung oereitelt 
würbe: mochte man ftch über einen Slbgeorbneten, ber mutwillig zum Sturz 
eines EabinetS beigetragen, ober baS 3uftanbetommen eines notljwenbigen ©cfefceS 
burch feinen Eigenfinn oerhinbert hotte, noch fo fehr ärgern, fo fieberte boch an» 
geftdjtS ber lirchlichen SBüljlereien bie Uebetzeugung, baß er ein Anhänger beS 
VrincipS ber confefftonSlofen Schule war, feine SBieberwaht, natürlich zum Schaben 
ber Vartei fel&ft unb einer erfprießlidjen 3ufammenwirlung gtDtft^en Stegie» 
rung unb VollSoertretung; benn baß ber Staat nur auf liberale SBeife unb 
nach liberalen fßrincipien regiert werben lönne, h Q t baS zweite SJtinifterium 
§eemSlerl in ber fchlagenbften SBeife bewiefen, unb bie Sntfrembung zwifdjen ihm 
unb bet kammer, welche halb barauf einem offenen SKiStrauen unb einem beut» 
lieh auSgefprochenen SBiberWillen, mit biefem Sabinet noch ferner zufamntenzu» 
Wirten, Ißlofj machte, hotte eben ihren ©runb in bem 3weifel über bie eigentliche 
Stellung |>eemStert’S zu ben lieblichen Parteien unb zu ber Schulfrage. 

greilidj, bie VollSoertretung hotte nichts gelernt unb nichts oergeffen. ÜJtan 
barf nur bie fogenannten „oorläufigen Vetrachtungen", bie Verichte ber kammer» 
abtheilungen unb bie Debatten im 3>al)re 1875 näher anfehen, um alSbalb zu 
begreifen, baß bie 3«foh re «h e it unter ber liberalen SJtehrheit noch biefelbe war. 
Sn einer 3«it, wo wichtige, tief einfbneibenbe gragen an ber XageSorbnung 
Waren, wirb über ben Stücffchritt ber Sultur in ben Siieberlanben getlagt, unb 
man zerbricht ftch umfonft ben köpf barüber, in welchem 3ufammenhang biefe 
Vehauptung mit ben Vortagen #eemSlerl’S fteht; eS tarn felbft oor, baß fich bie 
StbtheitungSberidjte birect wibetfpradjen. So bem einen Würbe bem ginanzminifter 
£>alsftarrigleit, in bem anbern 2Banfelmütf)igleit oorgeworfen: zwei Eigenfchaften, 


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<3ur neuern <5efdjidjle ber tcieberlanbe. 


235 


Bon benen bie eine im menfchtichen Seben bie anbere augjufdjliegen pflegt; je^t 
Ijieg eg nicht tneljr, man habe bag Auftreten ^eerngferfg „mit Bergnügen" gefetjen; 
man fubftituirte ber pofitioen SBenbung jefet bie negatiBe: „nicht ofjne SBiber= 
mißen"; Banalitäten, bie eine fo crnftfjafte Berfamntlung gar nicht Aber ihre 
Sdjroefle taffen faßte, bitbeten tagelang Sette unb (Sinfdjlag ber Parlament 
tarifdjen Debatten, unb man fdjeute fiel) fetbft nicht, ben SRinifiern ©robljeiten 
in« ©eficht ju fdjteubern. 9Itg ber Sinanjminifter im Saufe einer ing Unenblicpe 
gebe^nten Debatte bem Ütbgeorbneten Suiper bemerfte, „baft bie SRinifter beg 
Sönigg, fo gern fie auch mit ben BoIfgBertretern fic^ in (Erörterungen eintaffen, 
bodj manchmal fehr froh feien, roenn bie Digcuffion geenbigt fei", ft^rie Suiper, 
toie ein Schuljunge, bem man feine bunte SRüfce genommen, Beter unb rief: 
„SBaS fofl ei merben, roenn ein DRinifter bei Sönigg fiel) erlaubt, einen Bottg* 
Bertreter in biefer Stßeife ju beleibigen 1" Unb eine WnjaEjt anberer, meift tiberater 
SRebner beeilte fich, bem getränften Kollegen ju $ülfe §u tommen unb in ben 
lädjertidjften Bheafen ihrer Sntrüftung Suft ju machen. „SBentt ber Sinan^minifter 
gereijt ift, roeit man bag SRinifterium mit bem ütRinifterium ißolignac Bergtichen 
hat", rief ber Slbgeorbnete be 9too Ban Sltberroerett, „fo möchte ich ih m nur ju« 
rufen: 3h r feib noch tein SRinifterium ^ßotignac, aber feht rooht ju; benn roenn 
ihr auf bem eingefct)lagenen SBege roeiter geht, feib ihr im beften Buge, ein 
3Rinifterium fßotignac ju roerben." Der Schluß in Bufdj’g „fjetena": „Dag 
©ute, fptach et, bag ftetjt feft, ift ftetg bag Böfe, bag man lägt", gleicht biefer 
©fpectoration auf ein £>aar. 3a eg tarn fogar Bor, baß man höchft naio fragte, 
womit benn eigentlich bie URinifter ihre Beit tobtfchtagen? 3m September 1874 
rourbe bie Irocfenlegung ber Buiberfee jur Sprache gebracht, unb £>eemgfert hatte 
Unterfuchungen beg Bobeng Bornehmen taffen — im September 1875 fpra<h man 
fein Befremben barüber aug, bag ber Sommer bie Stcfuttate ber Unterfudjung noch 
nicht oorgetegt roorben feien! 2tber bennoch fcheute fich bie Sommer, f<hon jefet bie 
2tjt an bie SBurjet beg nach ih ret äReinung unfruchtbaren Baumeg ju legen; fie 
wagte ei nicht, ben Bon ^eemgferf mit ber SRieberlänbifdjen 3lh e > n> ®if en ^ a hngefen> 
fchaft gefchloffenen Bertrag birect ju Berroerfen, fonbern tougte eine gortn ber 
Ablehnung ju finben, welche einer (Sabinetgfrife Borbeugte, unb ber parlamen= 
tarifchen Uebertcgenheit §eemgferFg gelang eg benn auch, fein unb feiner (Soßegen 
Bubget burdjjubringen. SRur ein bei Srieggbubgetg rourbe Berroorfen, roeit 
fleh bi* Sommer mit bem Born ©enerat SBeijjel Borgefchtagenen gortificationgfpftem 
nicht Bereinigen tonnte. Der Srieggminifter bimiffionirte, unb man erlebte nunmehr 
bag ungtaubtiche Sdjaufpiet, bag ein 3ngenieur, atfo ein (Sioitbeamter, an bie 
Spifce biefeg Departementg gefteßt rourbe. 


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Die fanlrarmee mttr Mt Äritösflrrfft Hufjlanbs. 

SSon 

Julius non MDidtrlw. 

SBir besuchten in bem Sluffafce übet bie franjöfifdje Slrmee *) bie ßrgani* 
fation unb ©tärfe ber ©treitfräfte $u Sanbe unb jur See ju fchitbern, toefc^e 
unfer mächtiger Stadjbar im SBeften, granfreicfj, in einem etwaigen Kriege gegen 
baS ®eutfc^e Saiferreich jur Sßerroenbung ju bringen oetmag, unb Woden nun 
eine gleich unparteiifc^e unb möglich ft genaue $arftedung beS fteereS unb bet 
flotte unferS StadjbarftaateS im ßften, Stujjtanb, ^iet folgen taffen. Stimmt bodj 
auch, mit möchten faft fagen leibet, 9?u6lanb8 SJtadfjt unfer beutfcheS ^ntereffe 
in gleichem SDtajje in Slitfpruch toie bie granfreichS. 8toor bürfte eS felbft bent 
fanatifdjften ÄriegShefcer im weiten Steidje beS garen fdjwer, ja felbft unmöglich 
faden, einen nur irgenbmie holbroegS oernünftigen ©runb aufjufinben, weshalb 
jemals bie SBaffen ber ruffifchen ffrieger im feinblichen ®ampf mit benen ber 
beutfdjen jufammenflirren fodten, ba auch nicht bie aderminbefte Urfadhe borhanben 
ift, ba& ficf) bie Wirflichen gntereffen 5)eutf<hlanbS unb StufjlanbS feinblich gegen* 
überfteljen lönnten; adein welche Strömungen ade in ben betriebenen ruffifchen 
Greifen bon äJtacht unb ©influfj wirflich ^errf^en, unb WaS für eine Partei 
fchtiejjlich babei bie Cbertjanb gewinnen wirb: baS entjietit fid) gttnjlic^ unferer 
^Berechnung. 2Ber aber ben blutigen $rieg wirflich wünfcht, ber finbet auch leidet 
irgenbeinen beliebigen ©runb baju; baS ift eine alte unb gar häufig erprobte 
©rfdjeinung ber ©efdjidjte oder Seiten, ©odte bie Partei ber fogenannten 
Panflawiften, bie gegen ade beutfdje Sultur unb ©itte, wie überhaupt gegen baS 
gefammte SBolf ber ©ermanen, einen ebenfo grimmigen Wie redjt* unb rudfjtofen 
£afj §egt, jemals bie ß&erfjanb in Petersburg gewinnen, bann müffen Wir auch 
jebe ©tunbe einer ÄriegSerflärung bon bortljer gewärtig fein: barüber bürfen wir 
uns feiner berberblichen Säufdjung bingeben. $afe freilich eine folcfje ®riegSerftä= 
rung zugleich auch eine finanzielle Sanfrotterflärung StufjlanbS fein Würbe, ade 
gortfehritte ber ©ultur unb Silbung, bie man im legten Sahrtjunbert bafelbft 
mühfam anjupflanjen begonnen hot/ wie mit einem Schlage wieber öernichtet 
würben, unb nicht adein £>unberttaufenbe muthiger ©otbaten hüben wie brüben 
nufcloS ihr S31ut babei bergiefjen müffen, fonbern auch baS ©lücf jahllofer gami* 

*) SJgl. ©. 50 fg. biefeS SanbeS. 


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2)ie Canbarmee unb bie Kriegsflotte Kuflanbs. 


237 


tieit für immer oernicßtet unb ber SBoßlftanb weiter Sanbftricße auf (Generationen 
gtünbficß jerftört wirb: ba§ fümmert biefe fanatifcßen ßriegSßeßer unb Spürer 
oerjWeifeft wenig unb ßinbert fie in ißrem ganjen oerwerffitßen £ßun unb Treiben 
nicfjt im minbeften. $aben fie botß felbft in ißrer übergroßen aJießrßeit, ebenfo 
wie bied bei ben #auptftßreiern unb unerntüblicßen Agitatoren ber franjöfifcßen 
SReoantßepartei ber Satt ift, für ftcß feßr wenig ober oft gar nichts ju Oerfieren, 
unb ßoffen bei einem Kriege nur petfönlicßen Vortßeif, ©elbgewinn, ober bocß 
Söefriebigung ißrer maßfofen ffiitelfeit unb ißreS (EßrgeijeS ju finben. „Aprfes 
nous le döluge" ift ber SSaßlfprucß biefer ßßauoiniften an ber ©eine Wie 
am SRewaftranbe. ©eßört baßer ein Stieg jwiftßen $eutfißfanb unb Rußfanb 
in naßer ober ferner gufunft gar nicßt ju ben Unmöglitßfciten, fo muß eine 
näßere Senntniß ber Organifation unb ©tärfe unb eine ßßarafteriftif ber nacß 
SRittionen jäßtenben Streiter, bie ber Sefeßf beS garen oßne Weiteres in ÜRarftß 
gegen bie beutfcßen ©renjen feßen fann, für uns alle oon großem gntereffe fein. 
2Bir wollen nun oerfudßen, eine fof(ße ßier $u geben, unb babei oermeiben, in 
attju genaue ©injefßeiten, bie nur ben äRilitär oon 3a<ß intereffiren fönnen, 
einjugeßen. 

9Ran ßat Rußlanb früßer Wof ßäufig einen „Sofoß auf tßönernen Süßen" 
genannt. 2)iefe Vejeitßnung entßüft wof mantßeS SRicßtige, befonberö waS bie 
fcßtecßten guftönbe ber Sinanjen SRußfanbS anbetrifft, bie helfen ©tärfe für ben 
Dffenfiö« wie ®efenfiofrieg fo ungemein fcßwäcßeti, jebocß nocß ungfeicß meßr 
SaffcßeS. SefonberS bie ungeßeuern Veränberungen ober rießtiger Verhärtungen, 
weltße bie SBeßrfraft RußfanbS in ben feßten 30 faßten bureß ben Ausbau beS 
weiten ©ifenbaßnneßeS, baS jeßt biefeS Reitß bis an feine entfegenften ©renjeit 
überließt, erfaßren ßat, finben ni<ßt bie oerbiente ®erücfß^tigung, wenn man gar 
fo geringfcßäßenb oon ben tßönernen Süßen SRußfanbS fptitßk ©eroaftopol mußte 
nacß ßefbenmütßigem elfmonatließen SSiberftanbe enbfieß falten, weif eS unmögfieß 
war, bie nötßigen Verftärfungen au Gruppen jur Ausfüllung ber ungeßeuern 
Süden, wefeße ber Stampf bereits gefoftet ßatte, unb meßr notß bie bringenb er» 
forberfießen Vorrätße an ttRunition oerfeßiebener Art unb ißroöiant aus ben großen 
SBaffenptäßen in fo feßnetter Seit, wie bieS unumgängfieß etforberfieß war, in bie 
weitenttegene ftrim ju fenben. AIS ber Saifer StifofauS im $erbfte 1853 beim 
beginne ber Vetagerung oon ©ewaftopol Regimenter auS 2RoSfau baßin fanbte, 
langten biefe erft nacß oiermonattießen äRärfcßen, unb um weit über bie $ätfte 
ißreS ©eftanbeS oerringert, am Orte ißrer ©eftimmung an. $ie in Rußlanb ftets 
ftattpnbenbe feßfeeßte Verpflegung ber Gruppen, bie (EiSftttrme in ben Steppen 
SübrußtanbS unb ber Srim unb bie fonftigen oiefen Selben ber SBintermärfcßc 
in biefen faft unbemoßnten Sanbftricßen ßatten ganjen ©ataittonen ben Unter» 
gang gebraeßt, beoor fie nur notß oor ben S^inb getommen waren. Unb jeßt, 
natß Vottenbung beS ffiifenbaßnneßeS, fönnen bie Regimenter in fünf bis atßt 
lagen aus ben entfernteren ©arnifonen ber Jfrim, ober oon ber SBofga, ober 
bem (Eismeer, ober ber ßbirifeßen @ren$e oßne bie minbefte (Ermübung ober ©er* 
minberung bet Gruppen bis an bie beutftß» ober öfterreießifeß ruffifeße ©renje 


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238 


Unfere ^eit. 


beförbert werben. Sein (Staat ©uropaS §at feine militärifdje Sraft filr einen 
Dffenfiöfrieg autf) nur annä^ernb fo fehr burdj fein @ifcnbahnne| oermehrt wie 
gerabe SRußtanb; benn in feinem anbern ftetjen bie Gruppen in fo weiten ßanb* 
ftrichen jerftreut, unb ihre ^ufammenzietjung für ben Stieg erforbert nirgenbS fo 
fange SBochen, ja felbft SRonate wie tjier. So wußte bie ruffifche Regierung fehr 
gut, waS fie ttjat, als fie in größter $aft SRitliarben öerauSgabte, um ein mög- 
tidjft auSgebehnteS ©ifenbahnnefc in ihrem ganzen Sanbe ju erbauen, unb offne 
Stücffidjt auf bie Soften Sinien errieten ließ, bie in rein commerjieQer §infi<ht 
auch nic^t ben minbeften Stufen gewähren, ja tljeilweife faum bie Soften ihres 
^Betriebes einbringen, befto wichtiger aber in Sejug auf ihre ftrategifche Sebeutung 
finb unb bie militärifdje Sraft beS SteicheS ungemein oerftärfen helfen. äReljr als 
eine SBermefjrung beS ^eereä um einige hnnberttaufenb SRann nüfcen SRußtanb je|t 
feine auSgebehnten ©ifenbaljnen; benn fie ermöglichen eS, baß nunmehr Sruppen* 
jufammenjiehungen oon bebeutenber Stärfe in wenigen SBodjen gefchehen fönnen, 
bie früher faum in ebenfo oiel ÜRonaten möglich gewefen fein Würben. Sehr 
bebeutenbe ©oncentrationen bon über ^unberttaufenben wären früher in manchen 
befonberS unfruchtbaren unb fchwach beoölferten Sheilen beS SReicheS eine unbe* 
bingte Unmöglichfeit gewefen, ba eS felbft bei ben größten tlnftrengungen unb 
Opfern aller 9lrt nun unb nimmermehr gelingen tonnte, fo ungeheuere ÜJtengen 
non SebenSmitteln für bie Sotbaten, unb befonberS auch bon Sourrage für bie 
«ßferbe, wie #eere folche bebürfen, mit SBagenlabungen auf fchlechten ßanbmegeit 
herbeijufchaffen. 

Obgleich SRapoleon I. alles auf baS forgfältigfte für bie Sßerprobiantirung 
feines $eereS borbereitet hatte, als er 1812 feinen bermeffenen ©inmarfch in 
SRußlanb begann, erlagen bo<h f<hon einige Sage nach &em Uebergange über ben 
«Riemen $unberte bon Sotbaten unb Saufenbe non Serben aus SRangel an ge* 
nügenben SRaljrungSmitteln, ba es ganz unmöglich war, ihnen folche ju fchaffen. 
Unb bieS gefchah noch ba$u im Sommer, wo man bie ÜRenfdjen nothbürftig 
mit Selbfrücfjten unb bie ißferbe mit Saub unb ®raS ernähren tonnte. 3efct 
aber, nach Sollenbung ber ©ifenbaljnen, fönnen bie riefigen Saftzüge ©etreibe, 
Sieh, 2Reljf, Sourrage für bie iJJferbe, bann auch äRunition aus ben fruchtbaren 
Srobinjen beS fianbeS unb ben großen SRagajinen unb Slrfenalen nach aßen noch 
fo entfernten öben unb unfruchtbaren Sanbfdjaften, in benen man ganze $eere 
jufammenjiehen will, in fürjefter Sri ft beförbern. Sollte ein Saifer bon Stuß* 
lanb jemals auf ben tljörichten ©ebanfen fommen, ohne ©runb unb Urfache an 
Seutfchlanb ober Oefterreich ben Srieg erflären ju wollen, unb befäße bann ber 
zeitweilige SriegSminifter nur einige Sljatfraft unb ©efchicflichteit, fo fönnte inner* 
halb 14 Sagen nach erfolgter SriegSerflärung ein Wohl auSgerüfteteS §eer bon 
minbeftenS 300—350000 Sriegern je nach S3ebarf an bie beutfef) = ruffifdje ober 
öfterreichifdj 5 ruffifche ©renje jur ©rgreifung ber Dffenfiöe aufmarfchirt baftehen, 
unb zahlreiche Steferoen tönnten, wenn folche nöthig geworben, ftetS nacfjrücfen. 
«Roch *>or 20 Sahren Würbe eS eine Unmöglichfeit gewefen fein, auch nur bie 
$älfte biefer Sruppenzaljl in gleicher Stift irgenbwo zu concentriren: folche Sort* 
Jchritte hat bie mititärifche Sraft StußtanbS in fepter ßeit gemacht. 


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Die £anbarmec unb bie Kriegsflotte Hußlanbs. 


239 


Sin jroeiter gortfebritt Don ungemein großer Sebeutung gefebab nach beS 
KaiferS fJtifotauS Dobe in ber ganzen Drganifation ber Dtuppen, unb befonberS 
in ber fubjectioen SluSbilbung ber Offiziere unb 3Jtannfd)aften. Der Kaifer 9tifo= 
lau8 mar ber gemaltigfte unb rücffidjtstofefte Despot unferS Seit alters, ber alles 
in bie ftarren formen beS blinben meefjanifdjen Despotismus unb beS unbebingten 
gebanfenlofen ©eßorfamS einpreffen rooQte, unb bem jebe freie ©ebanfentbätigfeit, 
jebe einzelne ©ubjectioität auf baS bitterfte belaßt mar. ©erabe fein $eer, 
meines baS Unglücf batte, fein £auptfpietjeug $u fein, unb bent er feine befon* 
bere Seit unb Sorgfalt mibmete, batte unter biefem ftarren gormenjroang, biefem 
Streben nach bloßer automatenmäßiger Xbätigteit aller feiner Offiziere oom fyöd)-- 
ften bis jum niebrigften, unb nun gar ber armen, bis auf baS ©tut gequälten 
Solbaten, ungemein ju leiben. 

fßaraben unb immer mieber fßaraben, bei benen bie Iruppen ganj genau 
öorber beftimmte ©üolutionen unb äWanöoer mit ber Stegeimäßigfeit fünftlic^er, 
oon einer SOtafcbine bemegter Slutomaten auSfübren mußten, gatten als baS bäcbfte 
Siet aller mititärif<ben SluSbilbung, unb unabläffig mürben folcße geübt. Der 
mit Dielen im Dampf ber Suppenlöffeln an ben faiferticben $oftafeln ermorbc» 
nen Orben gefebmürfte ©enerat ober Oberft, roeltber in ftrammer Haltung auf 
ftotjem, Dorßer Don einem Kunftreiter breffirtem Stoffe ftßenb, feine Dioifton, 
Sörigabe ober Regiment bem Kaifer im untabelbafteften fßarabemarfcb, mobei aueb 
fein Solbat nur mit einer SBimper juefen burfte, aorbeijufübren Dermocbte, roarb 
ber beoorjugte ©ünftling beffelben, bem o^ne meitereS bie midjtigften SommanboS 
unb böcbften Stellen anoertraut mürben, mochten auch fonft feine militärifcßen 
gäbigfeiten auf ber niebrigften Stufe fteben ober fein Sb arQ fter ber Deräcbtticbfte 
fein. SBebe aber bem armen Offizier, ber nur magte, felbftänbig ju benfen ober 
gar ein eigenes Urteil $u befißen: er mürbe übergangen, jurücfgefefct, aerböbnt 
ober jur Strafe nach bem KaufafuS gefeßidt, mäbrenb ber Solbat, bem nur ber 
allerminbefte gebier bei einer Ißarabe naebgemiefen merben tonnte, geroiß feine 
25—50 moblgeraeffene Stocfprügel bafür erhielt. #aben mir boeb auch bei ben 
preußifeben unb manchen anbern beutfdjen $eerestbeilen, bei benen befonbers in 
ben breißiger unb Diesiger fahren bie, fomeit eS bie Umftänbe erlaubten, mög* 
tiebfte Stacbabntung beS ruffifeßen fßarabemefenS unb ber rein me<banif<ben ®us» 
bitbung ber Solbaten leiber SJtobe gemorben mar, unter biefem Unfug, bie Dffi= 
jiere unb Solbaten faft auSfcbließticb baju ju breffiren. Diel ju leiben gehabt, 
unb eS marb manche Seit bureb biefeS unaufhörliche ©inüben beS SßarabemarfcbeS un* 
nüb oergeubet unb bie roirflidje KriegStücbtigfeit ber Druppen roefentticb Derringert. 
©benfo fleibete ber Kaifer StifolauS feine armen Solbaten in bie mögtiebft un= 
jmeefmäßige, nur für bie fßarabe berechnete unb bie freie Semeglicbfeit ber ©lieber 
binbembe, babei für ein fo raubeS Klima, mie Stußlanb im hinter befißt, gerabeju 
gefunbbeitsfcbäblicbe Uniform, unb gab ihnen SBaffen, bie nur recht flirren unb 
Mißen fodten, für ben mirflichen Kampf aber faum brauchbar maren. #aben 
hoch auch in fßreußen biefe hoben Küraffierßelme, biefe fteifen, eng jufammen* 
gefnöpften Kragen, langen, Dom SBinbe bemegten $aarbüfcbe, febmeren DfcbafoS 


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2^0 


Unfete ^eit. 


unb breiten ©anbetiere, tautet ruffifche Uladjahmungen, bie bamit betafteten 
©olbaten recht hart gequält. 

Die fchtimmen Solgen biefer rein ntedjanifdjen Dreffur unb ber automatifdjen 
AuSbitbung ber Offiziere unb ©olbaten beS ruffifdjen §eereS burch ben ffaifer 
ßtifotauS jeigten fich recht grell heröortretenb im erften orientalifchen Stiege bon 
1853 bis 1856. Wir hotten perfönlich ©etegenljeit, ben erften Sümpfen ber 
Stuffen gegen bie dürfen bei Ottenifca unb ©etate an ber Donau, unb fpäter ber 
miStungenen Setagerung oon ©itiftria im Satjre 1853 — 54, toie einigen ®e= 
fechten in bet Stirn gegen bie granjofen unb ©nglänber, als unbefangener 
©eobachter auS nächfter ßiähe perfönlidj beijumoljnen, unb mären erftaunt über 
bie große Ungefdjidticljfeit, mit ber fämmtiiche Waffengattungen beS ruffifche« 
feeres fich babei fchtugen. Der ©lutt) unb bie ©tanbhaftigteit aller Gruppen 
lieg ftetS nichts ju münfchen übrig; bie ©otbaten opferten fich h er °if<h ouf unb 
folgten mittig ihren Offizieren, mohin biefe fte auch führten; aber Don gefehlten 
©tanöoern, richtiger ©enufcung beS DerrainS, ©injeltfjätigfeit ber ©tannfdjaften, 
fidjerm ©(hießen, gemanbtem Rechten mar auch leine ©pur ju finben. Die 
Artillerie, burchmeg oorjügtidj mit gleichfarbigen ©ferben für jebe ©atterie be¬ 
spannt, fuhr fchnell unb ejact, fdjoß aber zehnmal fchtechter atS bie türlifche. Die 
Saoaterie, feljr gut beritten, ritt jmar feft gefdjtoffen in gleichem Dempo; allein 
bie ©otbaten tonnten meber mit ihren ©äbetn fechten, noch eine h«ih°fte» «n- 
geftüme Attade machen, unb mir fahen, baß bie mitben ©charen beS 3Sfenber>©ei 
bei Dltenifca baS oornehme, elegant mit tautet ©chimmetn berittene ruffifche 
$ufarenregiment ©aSfiemitfch im Augenbtid ootlftänbig jerfprengten unb ihm feine 
©tanbarten nahmen. Wir befifcen noch otS ©rinnerung einen bei biefer ©etegen« 
heit erbeuteten ruffifchen £>ufarenfäbet. @r fiejjt mit feinem fchmeren ©ügettorb 
Oon ©teffing fehr ftatttid) atS Waffe bei einem ©arabemarfch auS; allein bie 
Stinge ift fo meid) unb mit ©tei berfefct, baß fie fich f«h r leicht frumut biegt 
unb ein tüchtiger ©ichentnüppet eine ungleich beffere Waffe als biefer ruffifche 
liufarenfäbet bitbet. ©benfo maten bie ©emehre ber Infanterie fchmer, unbehütftich, 
unb ein fidleres Schießen bamit mar ganz unmöglich. Die ©olbaten hotten feine 
3bee oon Diraifliren, Derrainbenufcung, fcharfem Sielen» fonbern fchoffen medja» 
nifch ihre ©atoen ab, mobei neun Sehntet aller Sugetn unfchäbtich h 0( h übet 
unfere Söpfe hinroegfauften. Dabei midjen unb manften biefe ftrammen ruf* 
fifchen 3nfonteriecotonnen nicht, unb farbinifche Artitterieoffijiere Oerficherten unS 
mieberhott, eS höbe in ber Schlacht an ber Dfdjernaja jute|t ihrem ©efütjl miber« 
ftanben, mit Sartätfchen in biefe gleich einer ©chaffjeerbe mißen« unb miber« 
ftanbSlofen Snfanteriemaffen, bie aber nicht feige jurüdroichen, fonbern bemegungS* 
IoS ftehen blieben, feuern ju laffen, benn eS fei ein mahreS ©torben geroefen. 
Unb fo fämpften faft ausnahmslos in aßen ©pachten unb ©efechten beS gan« 
jen erften OrienttriegeS fämmttiche ruffifche .fceereStfjeite jmar mit bem größten 
©tut!) unb einer über aßeS £ob erhabenen Eingebung, jugleid) aber auch ber 
größtmöglichften Ungefdjidtichfeit, unb mürben ftetS oon ben türfijehen, farbinifchen, 
cngtifchen unb franjöfifdjen Druppen bei aßer unb jeber ©clegentjeit ooßftänbig 
gefchlagen. Dem mächtigen Saifer ©ilolauS brach fein ftoljeS $etz über biefe 


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Die Canbarmec unb bk Kriegsflotte Kuflanbs. 2^{ 

fteten Rieberlagen feiner oon ihm fo parabemäßig auSgebilbeten nnb für fo un* 
überroinblidj gehaltenen Gruppen, unb er erntete bie jwar horte, aber nur ju 
woljloerbiente ©träfe für ben ftarren SeSpotiSmuS, mit welchem er nicht allein 
fein $eer, fonbern auch fein unglüdlicheS Sanb nur ju lange getnedjtet hatte. 

©ein ©ohn, ber eble Äaifer Sllejanber II., weitaus in jeber Jpinfidjt ber ber» 
bientefte unb tüchtigfte äJlonarch, weither jemals auf bem ruffifchen fitoifertfjron ge» 
feffen hat, ber beS SBaterS traurige §interlaffenfchaft erben mußte, fuchte, wie fein 
weites Reich, fo auch beffen $eer möglichft im aufgellärten Sinne ju regieren unb 
bem ©eifte unferer Seit gemäß ju reformiren. PieleS, unermeßlich bieteS hat 
ftaifer SUejanber II. in ber lurjen Seit» bie er regierte, bis er burd) ftudjwürbiger 
SRörber $anb ben leiber Diel ju frühen 2ob fanb, für bie 33erbefferung ber ruf» 
fifchen ©treittraft ju Sanbe unb jur ©ee gethan, noch m eh c bleibt freilich hierin 
3u tljun übrig. SBie ber Äaifer Sllejranber II. bie Seibeigenßhaft in feinem 
Sanbe aufhob unb baburch allein fchon fich ben höchften ®htenpla| für ewige 
Seiten in ber ©efdjichte RußtanbS erwarb, fo forgte er auch für eine menfdjen» 
würbige SBeßanblung ber ©olbaten. (Sr berminberte bie frühere lange actibe 
Sienftjeit bon 20 Stohren auf 8 unb fpäter auf 5—6 3afjre, gab ein ungleich 
humaneres RefrutirungSgefefc, burch welches bie ehemaligen gärten utib SBiMflr* 
lidjleiten bei ber Aushebung wenigftenS einigermaßen eingefchränlt würben, unb 
berminberte bie früher üblichen förperlidjen Süchtigungen, bie oft nach Saune unb 
SBiülür ber Offiziere felbft bei bloßen ©jercirfehtem berhängt werben burften; jefot 
bürfen fte nur als SBeftrafungen für grobe Vergehen unb auf @runb triegögericht» 
licßer Urtheile ftattfinben. SBei ber SluSbilbung ber ©olbaten foHte auf ©rwedung 
bon bereu fubjectiber Sfjötigleit, Uebung im XiraiHiren, ©charffchießen, richtiger 8e= 
nufcung beS SerrainS — unter ffaifer RifolauS faft lauter unbelannte Singe — in ber 
ruffifchen ülrmee möglichft hingearbeitet, bem bloßen parabe» unb ftrengem formen» 
wefen aber leine größere ©eltung eingeräumt werben, als folcfje in jeber regulären, 
ftreng biSciplinirten Slrmee als wichtige fjactoren ber mititärifchen ©rjießung unb 
SiSciplin gebühren. Sluch für eine beffere ©rnährung unb SBefolbung ber ©ot< 
baten, obgleich biefe in Rußlanb immerhin noch türglich genug bleibt, warb 
wenigftenS etwas geforgt. Sie frühere fteife, unjwedmäßige, nur für bie Parabe 
berechnete Uniform ber ruffifchen ©olbaten warb grünblich reformirt unb burch 
eine weite, bequeme, befonberS auch gegen bie $ätte fchüfcenbe, unb ber ruffifchen 
8ottStracht möglichft angepaßte Sleibutig erfefct. SRit Ausnahme ber glänjenben 
Regimenter, befonberS ber Saoalerie, ber ©arbe, bie ihre bloS für ben parabe* 
plafe in Petersburg berechnete Uniformen tßeilmeife noch behalten haben, finb 
alle ruffifchen ©olbaten mit weitem bunlelgrünen Kaftan, weiten ßnieljofen, hoffen 
©tiefein, nieberer Peljmfijje unb grauem bezüglichen Riantel jefct fo bequem 
unb einfach wie nur irgenbmöglicfj gefleibet, wenn fie freilich für bas Sluge auch 
leinen fo gtänjenben Slnblid als früher mehr gewähren. SBie wir bei unfern 
beutfehen $ecre8theilen früher fo manches fjöc^ft Unjwedmäßige bei ben Ruffen 
nachahmten, fo lönnten wir jefct wieber einiges entfehieben ©ute in ihrer ®ellei* 
bung auch bei uns einführen, unb wenn bie engen, lurjen, tnappen SBaffenröde 

Untere äeit. 1887. I. 16 


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Unfere <5eit. 


2^2 


unferer Truppen mit ihrer einen Steife Änöpfe etwas oon bem weiten, warmen 
unb bequemen Schnitt ber ruffifc^en ÄaftanS erhielten, würbe bied oon entfdjie* 
benem Stufen fein, ©rünblich oerbeffert unb ben Anforberungen ber Sfteujeit 
angemeffen ift aud) bie Bewaffnung fänuntlidjer Truppengattungen. Tie alten 
plumpen, llappernben ©ewehre ber Infanterie, mit benen ein richtiges Bielen 
ganz unmöglich war, würben burch fetjr gute, leiste $interlaber nach neueftem 
Sqfteme erfe|t. Tie Artillerie erhielt oorjüglic^e neue §intertabungSgefchü|e unb 
bie ßaoalerie Säbel nic^t mehr mit weiten Bleillingen, fonbern mit wirlticf) für 
ben Steiterlampf brauchbaren klingen. SJtit biefen öerbefferten Saffen oerbanb 
fid) auch ein oöHig oeränberteS (Sjercir* unb Tienftreglement. @S würbe tirail» 
tirt, gelbbienft geübt, nach *> et ®c^eibe gefchoffen, Tauermärfche gemacht — alles 
nach bem ©qfteme, wie foldjeS in ber beutfehen unb franjöfifchen Armee fchon 
(ängft eingeführt ift, unb ein feiges SRanöoer ruffifcher Truppen weicht tton bem, 
wie eS unter Äaifer fßifotauS nur ftattfinben burfte, wenn nicht ber Born beS 
gewaltigen TeSpoten fogleich auf baS ^eftigfte entbrennen fottte, in allem unb 
jebem ganz ungemein ab. Ter berftorbene Äaifer Alejanber II. richtete mit botteni 
Siecht feine £>auptforge befonbetS auch auf eine beffere ©rjiehung unb eine erhöhte 
geiftige AuSbilbung ber Offiziere aller ©rabe in fämmtlichen Saffengattungen beS 
ruffifchen §eereS. Bilbet hoch baS DffijiercorpS in jebem £eere bas fefte gunba- 
ment, oon beffen Tüchtigleit unb geftigfeit auch bie Tüchtigleit aQer einzelnen 
4?eereStljeile wefentlich mit bebingt wirb. Unter bet Regierung beS ßaiferS 
SiifoIauS war aber bie Tüchtigleit beS ruffifchen Offiziercorps in jeber $in* 
ficht ganz entfehieben jurüdgegangen. ©ein ftarrer TeSpotiSmuS, feine entfehic» 
bene Borliebe für bie rein mechanifche Abrichtung, fein jpafj gegen jebe fubjec* 
tioe ©elbftänbigteit hatte mit fernerem Trud ganz befonbetS auf bem armen 
ruffifchen Offiziercorps gelaftet. Ter fiaifer wollte feine felbftänbig benlenben 
SJtänner ju Offizieren, fonbern nur Automaten, unb feinem gewaltigen Sillen 
mufften fi<h auch bie einzelnen Offiziere feines ^eereS unbebingt fügen ober 
untergehen. Tie grofje üRehrjahl ber Offiziere aller ©rabe bequemte fich biefer 
Anficht beS ÄaiferS unb würben ebenfolche ©amafchentnöpfe unb mechanifche 
Barabefolbaten, wie er felbft war; ja oiele juchten ihn womöglich barin noch JU 
übertreffen, ficher, baburch baS laiferliche Soffl wollen unb fornit fchnetleS Aoance» 
ment unb befonbere ©etbgefchente ju erhalten. SRan tann fich &ei unS in Teutfd)= 
lanb laum einen Begriff baoon machen, welch geiftig ungebilbete unb in rein 
mechanifchem gormwefen erftarrte, für bie güfjrung größerer Truppenmaffen gänj= 
lieh ungeeignete höhere Offiziere fich in beS SaiferS StifoIauS perfönlicher Um* 
gebung befanben. Senn ber Saifer, bet bei bet geringften ©elegenljeit in h«f* 
tigen 3 °tn gerieth, bann fofort feinem bienfthabenben ©eneralabjutanten, ohne bie 
minbefte Stüdjidjt auf bie Umgebung, fein gewöhnliches Scheltwort „Durak" 
(Tölpel) jubonnerte, fo rnufjte ber ©efdjimpfte bieS gebulbig ertragen. Sit hatten 
1853—54 befonberS im ßager beS Dmer=ißafcha un j) 1355 in ber ftrim vielfach 
Gelegenheit, unS mit gefangenen ruffifchen Offizieren aller ©rabe ju unterhalten, 
unb erftaunten mit Stecht über bie grofje innere Stoheit unb gänzliche Ungebübet= 
heit gar oieler biefer äußerlich feht ftattlich unb elegant auSfefjenben, mit zahl 3 


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Die £anbarmee unb bie 'Kriegsflotte Hußlanbs. 


245 


lofen Drben gefdjmücften oomehmen Herren. Süiete geiftig lebenbigere, tljatfräf« 
tige unb iljren eigenen SBerth fetbft fiit>tenbe Dffijiere, befonberS oon ber jtoor 
fonft in jeber $infi<$t ungemein beoorjugten, aber babei noch ungleich mehr als 
bie Sinie jur Parabefpielerei oerbammten ©arbe, fudjten möglichft weit auS beS 
SaiferS SJlähe fortjufommen unb im SautafuS ju bienen. 9Bie eS ber ©ebirgS» 
frieg mit gebieterischer -Jtothwenbigfeit erforberte, h^fäte bei allen im Sau» 
fafuS fedjtenben Truppen ungleich h^h«re Sebenbigfeit, SluSbilbung ber ©injel» 
thätigfeit ber Offiziere unb ©olbaten unb überhaupt ein frifcheter, freierer, wahr* 
haft militärifcher ©eift. 2luch bie Uniformirung aller Truppengattungen bafelbft 
mar nothgebrungen eine praftifdjiere, bequemere, unb mehr für ben Srieg im $o<h* 
gebirge als für bie bloße Parabe berechnete gemorben. Tem Saifer SKfolauS 
war biefer ganje taufafifdje Stieg, ber fo wenig mit bem Parabemefen jufammen» 
paßte, nebft ben babei oerioenbeten Truppen mit ihrer freien äluSbilbung ein ©reuet; 
er betrachtete alles babei als ein unoermeiblicheS Uebel, fuchte fidj mögtichft Wenig 
barum ju befümmern, unb ein ©eneral, ber eine recht ftramme, glänjenbe parabe 
in Petersburg ju feiner 3ufriebenheit ju commanbiren oermochte, erwarb fich un» 
gleich mehr feine ©unft wie einer, ber oietleicht bie erfolgreichste, füfjnfte ©fpebition 
im SaufafuS mit ©efehief unb äüuth befehligt hatte. 2Bie rüdficßtSloS ber gemal» 
tige 3ar babei oerfuhr unb wie wenig er in feiner beSpotifchen Saune baS @h c ’ 
gefühl feiner Dffijiere fronte, jeigt folgenber recht charafteriftifche 3ug, ben mir 
felbft aus bem lötunbe eines babei betheiligten, uns nähet befannten tuffifefjen 
Dberften erfahren haben. Tie einzige reguläre ßaoalerie beS taufafifchen SorpS 
bilbete lange 3ab*e baS jehn Schmabronen ftarfe berühmte Tragonerregiment, 
bamals „Sronprinj", jefct „Sönig oon SSürtemberg". Tiefes Regiment nahm eine 
ttuSnahmeftellung im |>eere ein, ftanb ftetS oor bem geinbe, trug eine außer» 
gewöhnliche Uniform mit weiten Sniehofen unb „Sitemfa", ungefähr in ber SBeife, 
wie folche je$t bie gefammten ruffifchen Tragoner tragen, unb beShalb bienten 
oorjugSweife Diele junge ©arbeoffijiere, bie eine (riegerifche freie Thätigfeit im 
gelbe bem glänjenben ©alonleben unb ftrammen Parabemefen in Petersburg 
oorjogen, als {freiwillige in beffen fReifjen. ©o fott Saifer StifolauS ftetS einen 
befonbern Unwillen gerabe gegen biefeS Regiment gehegt haben. 8US beffen Dberft, 
ein tühner, oielerprobter Uteiteroffijier, fich bor bem geinbe wieber feljr aus» 
gezeichnet hatte, lonnte ber Saifer nid)t umhin, ihm ben ©eorgSorben, ber in 
iWußlanb Statutenmäßig nur burch SluSjeichnung oor bem geinbe erworben werben 
fann, unb einen golbenen ©fjcenSäbel ju oerleihen. Ter Dberft mußte ber ©e» 
ftimmung gemäß ben weiten 2Beg oom SautafuS nach Petersburg jurüeftegen, 
um fich psrfänlich beim Saifer für biefe ÜluSjeidjnung ju bebanfen. Soll* 
ftänbig in feiner Parabeuniform, wie folche im SautafuS oom ©eneralgouoerneur 
eingeführt war, mit allen feinen oor bem geinbe erworbenen Drben gefdjmücft, ftanb 
ber Dberft jur befohlenen Slubienjjeit in ber Dteihe bet übrigen baju comman» 
bitten ©enerale unb Stabsoffiziere im gläiijenben ©aale beS SEBinterpalafteS. 
©eine h°h en Snieftiefeln, bie weiten tpofen in ben ©chäften, bie. turje Sitemfa 
mit offenem Stagen unb bie niebere SDlüße oon ülftrachanpelj contraftirten freilich 

IC* 


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24M* 


Unfere ^eit. 


feljr gegen bie engen, fnappen, alle freie Seroegtidjfeit bet ©lieber hemmenben 
Uniformen ber übrigen Offiziere mit ihrer fjodjwattirten ©ruft, gefdjnfirten Daiße, 
ben engen, hohen fragen, ferneren, gtänjcnben Reimen ober hohen breiecfigen $üten 
mit mächtigen roehenben geberbüfehen. @3 mar ber Unterfdjieb beS Stiegers 
im gelbe gegenüber bem ©arabe« unb ©alonoffijiet. Saifer ©ifolauS tritt ein; 
bemegungSloS, mie aus @rj gegoffen fielen aße Offiziere ba in ftreng orbonnanj« 
mäßiger Haltung. $o<$ aufgerichtet ge(jt Saifer ©ifolauS bie Steife entlang, 
rebet mohtmoßenb bie meiften an, bevorzugt babei aber erfidjttid) bie betanntern 
©arabegenerale. 9118 er bei bem Dberften be3 faufafifchen Dragonerregiments mit 
bem ©eorgSorben auf ber ©ruft unb bem gotbenen S^renfäbet für Dapferfeit an 
ber ©eite anfommt, oerfinftert fid) fofort feine SKiene; er muftert fcfjarf beffen 
ganzen Inzug t»on oben bis unten, ruft bann jornig mit lauter ©timme: „San» 
bitenregiment, Sanbitenuniform!" unb menbet fid), ohne ein SSBort meiter ju 
bem beftfirjten Oberft ju fprecheit, ju ben nädjftftehenben Offizieren. „Das mar 
ber San! meines SaiferS für 25 gahre treuer Dienftzeit, Don benen ic£» über bie 
$älfte ftetS Vor bem geinbe im ffaufafuS jugebrac^t unb mir brei SBunben babei 
geholt hotte", fptad) ber Oberft, unb fein luge funfette, als er mir biefe @e* 
fdjidjte erzählte, Vor innerm 3orn. 

Daß biefe beSpotifdje, aßeS ©Jjrgefühl bitter tränfenbe ober grünblid) jer» 
ftörenbe ©ehanblung ber Offiziere burcf) ben Sfaifer ©ifolauS bie ungünftigften 
golgen für baS gefammte ruffifcße DffiziercorpS Ijerbeiffihren mußte, unb baß eS 
felbft bem Saifer llejanber II. nicht fogleid) gelingen fonnte, folcße in furzer griff 
mieber z u verbeffem, mar felbftoerftänblid). Die große SKaffe aßer ruffifc^en 
Offiziere rnarb miflenS* unb gebaufenloS unb ergab fid) ruhig in ben ftarren 
Despotismus unb ben mechanifdjen ©arabeunfug ihres SaiferS unb ©ebieterS. 
©odj ein anberer, unb zmar nicht geringer Dfjeil fuchte ©rfafc für biefe entiebri= 
genbe SebenSmeife unb entmürbigenbe ©ehanblung burch fcfiamlofe ©etrügereien 
nnb Unterfchleife aßer Irt, um möglichft h°h e ©elbfummen theifS auf Soften ber 
Srone, tljeilS auf Soften ber armen vielgeplagten ©olbaten zu geminnen: biefe 
fteten ©etriigereien unb Unterfchleife oft ber fdjamlofeften 2lrt, überhaupt ber 
SrebSfcßaben ber gefammten ruffifchen ©taatsverroaltung, tterbreiteten fich gerabe 
unter beS SaiferS ©ifolauS Regierung mie bie ©eft in ben ©eihen beS ruffifdjen 
Offiziercorps. Ueberaß mürbe geftohlen unb betrogen, unb bie gahl ber ehr* 
lofen ©pifcbuben fing oft beim commanbirenben ©eneral an, ber ben ©taat um 
^unberttaufenbe betrog, unb ging bis jum $auptmann herab, ber bie ohnehin 
fdjon fnappen Stationen feiner armen ©olbaten noch mehr Verringerte unb auf 
biefe Sßeife einige hunbert ©übel im gal)re für fich Z u geminnen fuchte. 

©o zeigte fich * m erften orientalifchen Sriege, baß bie ©egimenter oft faum 
mit zmci Dritteln ihrer etatsmäßigen ©tärfe in baS gelb rüden tonnten, meil fich 
bie ©enerate, Dberften, ©ataiflonS* unb Sompagniecommanbeure gcmeinfam ver* 
bunben hatten, bie ©eträge ber ©efolbung für bie nicht bei ber gähne befinb* 
ließen unb mißtürlich beurlaubten ©olbateu in ihre eigenen Dafäjen zu fteden, 
baß bie Irtiflerie unb Gavalerie lange nicht bie 3ahl bet vorfchriftsmäßigen 
©ferbe befaß, bie SWunition fehlest mar ober oft gänzlich fehlte, bie Uniformen 


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Die £anbarmec unb bie Kriegsflotte Xufjlanbs. 


2^5 


mangelhaft unb abgeriffen, bie SEBaffen unbrauchbar waren: turj eine fortlaufenbe 
Sette Oon Spifcbübereien unb ^Betrügereien afler Ärt auf Soften bet wirtlichen 
SriegStüchtigfeit ber Iruppen ftattfanb. Slach bem Sprichwort: „Sine Srälje 
haeft ber anbem bie Äugen nidjt auS", waren öom tjöchfteu bis jum unterften 
Dffijier alle mehr ober weniger bei biefen Unterfchleifen betheiligt, unb bie wirf* 
lieh üblichen Offijiere, bie fich in ber 3Jiinber^eit befanben, mufften ftiHfchweigenb 
bulben, waS fie hoch nicht ju änbern bermochten. ©in anberer nicht fo leicht 
Wieber auSjurottenber Uebelftanb ber StitotauS’fchen SeSpotie war bie Sucht ber 
Offiziere, geheime potitifdje ©efettfehaften ju grünben. ©erabe ber hurte beSpo» 
tifdje ®rud bon oben erjeugte leicht bie Steigung ju rebolutionären Umtrieben, 
unb jWar waren eS gewöhnlich bie geiftig begabteften, • unterrichteten unb ener» 
gifchften Offijiere, bie oft mit wahrhaftem Fanatismus fich bei allen biefen ge« 
betmen rebolutionären Verbinbungett unb Verfchwörungen betheiligten. So finb 
fchon unter beS SaiferS SlitotauS $errfdjaft £unberte bon Offijieren wegen biefer 
Umtriebe unb Ißläne jum Umfturj ber Regierung nach Sibirien berbannt, in bie 
Strafbataillone im Saulafus geftedt, ju gemeinen Solbaten begrabirt, ju oiel« 
jähtiger Serterljaft ober jum Xobe auf ber Stidjtftätte berurtheilt worben, ohne 
baß biefe nothwenbige Strenge großen ©rfolg gehabt hätte. Setbft bie fcheußtiche, 
alles jerftörenbe Verbinbung bet Slifjiliften fanb unter ben Offijieren ber ruffifchen 
Ärmee manche offene unb mehr noch geheime Anhänger, fo unglaublich bieS 
allen erfcheinen mag, welche bie ©efinnungen bon @h re unb £reue gegenüber 
bem freiwillig gefchworenen Faljneneib lernten, bie glüdlicherweife auSnahmS» 
loS in unfern fämmtlithen beutfehen OffijierScorpS berrfdjen. Sinb bo<h er» 
wiefenermafien mehrfach Offijiere an ben oerfdjiebenen oerrudjten HJtorbanfchlägen, 
benen ber Saifer Älejanber II. julefct jum Opfer fallen mußte unb moburch auch 
baS Seben beS jejjigen SaiferS Ätejanber III. wieberholt bebroht Würbe, betheitigt 
gewefen. 9Iud) jefjt noch fallen geheime politifche Verbinbungen unb befonberS 
auch panflawiftifche Umtriebe unter ben Offijieren aller ©rabe ber ruffifchen Ärmee 
nur ju häufig oorlontmen unb beren wirlliche SriegStüchtigleit bebeutenb »er* 
ringern. Sft boch baS DffijiercorpS hierin baS getreue Äbbilb ber fogenannten 
böhern ruffifchen ©efettfdjaft, in welcher bie ejtremften politifchen Änfichten herrfchen 
unb ber geiftlofefte Formalismus, ber unterwürfigfte Snedjtsfinn, ber unbebingtefte 
©ehorfam gegen h<>h ere SSorgefefcte, baS rüdfidjtslofe Streben nach Slang unb Steidj» 
thum, bie üppigfte, raffinirtefte Verfdjwenbung, bie rohefte Verachtung bon Vit» 
bung, Sitte unb wahrer Humanität, bie fchonungSlofefte $ärte gegen alle Unter» 
gebeneu, wieber mit bem fdjeußlichften ©pniSmuS, ber frioolften Verfpottung oon 
Sleligion unb Sitte unb allem, was bem gebilbeten SJlenfchen heilig fein muß, 
ber wilbeften reootutionären ©efinnung unb bem fanatifchften, alles jerftörenben 
SlihiliSmuS nur ju häufig oerbunben fein foHen. SBenn je bie ©orte unferS 
großen SidjterS: „Vor bem Stlaben, wenn er bie Sette bricht, oot bem freien 
ÜJlanne erjittere nicht", ihre ooHc Veftätigung burdj bie ©irtlidjfeit fanben, fo ift 
bieS in Stußlanb ber gaü, unb ber einft oon feinen oielen Schmeichlern, leiber 
fogar auch bei unS in ®eutfd)lanb fo oiet gepriefene unb als SJtuftcr eines 
wahren, Iräftigen tperrfcherS jur Slachahmung empfohlene Saifcr SlilolauS, beffen 


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246 


Unferc ^cit. 


mehr als fünfunbjwan$igjährige ^Regierung ein 3lu<h für 9iuglanb unb begen 
£eer war, trägt einen nicht geringen IE)eil ber ferneren Scfiulb ^ieröon. 

Sin neues ®ienft= unb ©jercirreglement unb eine oeränberte Uniformirung 
unb ©ewagnung eines feeres taffen gef) bon oben fjerab leitet befehlen unb bei 
einiger ^attraft unb genägenben ©elbmitteln auch in nicht ju tanger 3eit ein* 
führen; allein bie ©rjietjung unb fReorganifation eines ganzen DfgjiercorpS machen 
uncnbtich biet grögere Schwiecigleiten jeglicher Strt unb erforbern befonberS auch 
einen ungleich tängern 3 e *traum, bis fte nicht mehr btoS auf bem tßapier flehen, 
fonbern auch »« bie wirtliche ©rajis übergegangen finb. So flieg auch ber $aifer 
Sttejanber n. bei feiner beabgcgtigten SReorganifation beS ruffifchen DfgjiercorpS 
auf unfägtich biete Sdjwierigfeiten unb ^inberniffe alter 2lrt. ©ieleS, Was bet 
äRonarch befahl, würbe oft aus böfer Stbficht, tjäuftg auch °uS Dummheit fatfch 
aufgefagt, mögtichft berbreht unb unboltftänbig ober auch gar nicht in Wirflidjfeit 
auSgeführt. 3Ran tonnte bie bieten Xaufenbe Offiziere alter ®rabe, bie einfach 
nichts anbereS berbroefjen hatten, als bag ge geiftig ungebitbet, roh «nb unwiffenb 
ober im biogen gotmenwefen erftarrt waren unb nur altes pünftticf) fo auS= 
führten, wie eS ihnen ihr $err unb SReifter, ber Saifer SRifotauS, bei feiner 
häuften Ungnabe befohlen hatte, ganj unmöglich fofort ihres ®ienfteS entheben. 
@S wäre bieS theitS eine gan$ ungerechtfertigte #ärte gegen biefe oft perföntidj 
braben SRänner gewefen, theitS hätte ber StaatSfchaj} bie ©engonirungen fo 
bietcr jugenbtidjer unb träftiger Dfgjiere nicht ertragen tönnen, theitS auch hätte 
eS ungemein an ihrem Jofortigen ©rfajj gefehlt. So mugte ber fiteifer ?t(ejanber 
fich benn nothgebrungen bamit begnügen, bie §auptträger beS SRitotauS’fchen Sp= 
ftemS unter ben höher« ©eneralen entweber ju penfioniren ober in unfchäblidje 
Sinecuren ju berfefcen, unb auf ihre wichtigen fßoften junge, thatträftige, baS neue 
St)ßem beförbernbe unb ihm treu ergebene Offiziere abanciren ju taffen. S)ag 
babei manche SRiSgrige, Uebereitungen unb gärten borfamen, war natürlich- 
©or altem aber mugte man geh beftreben, einen phtreidjen unb genägenben Stach» 
wuchs geiftig gebitbeter, befähigter, ben neuen ©erhältnigen wirtlich ergebener 
Ofgjiere fich heranju^iehen unb auSjubitben. So waren benn juerft bie 9Rilitär* 
eriiehungSanftatten, Sabettenhäufer, 3unferfcf)ulen, firiegSfdjuten, ©itbungSangatten 
für bie berfefjiebenften Waffengattungen, was afleS unter ÜRifotauS in greutichfter 
©crwahrtofr.ng gewefen unb wo Unwigenheit, fRotjeit, ja fetbft Safterhaftigfcit ge* 
herrfcht hatten, grünblich ju reformiren unb nach beutfefjen 2Ruftern botlftänbig ju 
rcorganigren. @S bergingen aber nicht allein Saläre, fonbern gtehrjelpte, bis 
bie guten folgen alter biefer SReugeftaltungen wirtlich in Steifch unb ©tut beS 
feeres übergegangen waten unb begen firiegStüchtigteit für einen Stieg ber 5teu= 
Seit wefentlich oermehrt hatten. ®ie ©efolbungen alter Dfgjtere ber berfchiebenften 
©rabe, bie früher oft fo fdjtecht gewefen waren, bag ihre Xräger förmlich auf 
©etrug unb Unterfdjteif hiagemiefen würben, ba fie bon ihrem redjtmägigen @e= 
halt unmöglich lebe« tonnten, wenn fie fein eigenes ©ermögen befagen, erhöhte 
man bebeutenb; begangene Unterfdjteife unb ©eruntreuungen bagegen würben, fo= 
halb fie entbedt unb jur Unterfuchung gezogen würben, waS freilich nicht fjäugg 
gefchah, ungleich ftrenger ats früher beftraft. So foß fich biefer firebsfdjaben 


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Die Canöarmee unb bic Kriegsflotte Xujjlanbs. 


2<k7 


ber rufflfehen Strmee, baS Setrügen, Unterlagen, jefjt tuefentlicf) oerringert 
haben, trenn freilich auch noch immer oiel SöfeS hierin öortjanben unb ungleich 
flärfer als in irgenbeinem anbern #eere beS cioitiflrten Europa nerbreitet ift. 
(Sin fo tief eingewurzeltes Uebet läßt fidj fo leicht auch nicht feilen, fonbern lange 
Decennien fönnen oergeben, bis eine wirtlich bemerfliche Sefferung eintritt. 

(Sine befonberS tätige Sorge roanbte man mit Stecht auch ber geiftigen unb 
moralifdjen Emporhebung beS fo wichtigen UnterofflzierflanbeS ju. Üluch hierbei 
waren faft übergroße Schwierigfeiten ju befiegen, unb eS beburfte Seit unb ©e* 
bulb, bis man bie erflen Anfänge einer mirflicben Sefferung ju erfennen ber« 
mochte. S)iefe oielen laufenbe alter oft flumpfer, geiftig ooßflänbig roher Unter« 
Offiziere, benen ihr meebanifeber ffrontbienft früher feft eingeprügelt war, jefjt äße 
ju geiftig nacbbenlenben, felbfltbätigen UKenfchcn ju machen, ihnen bie Ueber* 
Zeugung beizubringen, baß ein für bie Steuzeit wirflich friegStüchtiger Solbat 
nicht bloS wie eine ißuppe einen regelmäßigen ißarabemarfch machen unb in ber 
Sront manöoriren, fonbern auch fchnell unb gewanbt tiraißiren, flehet fließen, 
mit eigenem 9fa<hbenfen baS Zerrain benufeen muffe, war tbeilweife Wirtlich eine 
riefige Aufgabe. Unb nun füllten gar biefe alten Unteroffiziere in allen biefen 
Xingen bie Sehrmeifter ihrer Solbaten abgeben, unb nach einer flRetljobe, welche 
ber frühem, in ber Re aufgeworfen, öoflftänbig entgegengefefct war, nicht aflein 
felbft manöoriren, fonbern auch i(jre Sietruten auSbilben. ES war bieS faft baS 
Unmögliche Oerlangt, unb fo tonnte eS nicht fehlen, baß befonberS in ben erflen 
fahren nach ber Steorganifation SKiSgriffe über SWiSgriffe aßet 9lrt in ßJienge 
oortamen unb baS ©anje nur äußerfl langfam unb fchwierig oor fleh ging, ©lücf* 
licfjerweife würben bem $eere aßmählich ober immer mehr geiftig gebilbete (Sie* 
mente, nicht aßein als Offiziere, fonbern auch Solbaten unb Unteroffiziere 
Zugeführt. SefonberS bie feit 1874 eingeführte aßgemeine äBehrpflicht afler 
tRuffen, ganz bem beutfehen Spflem nachgeahmt, bewirtte hierin eine entflhiebene 
unb balb auch fehr bemertliche Slcnberung zum Seffern. 

So war benn trojj mancher SRängel unb Unüoßfommenheiten bie rufflfehe 
Strmce, welche 1877 ben fogenannten zweiten orientalifchen ®rieg begann, ganz 
entfehieben weit triegSgeübter unb aßen Slnforberungen ber Sieuzeit ungleich mehr 
entfprechenb, als bieS jemals bei einem fjeete, baS ber fi'aifer SßifotauS aufzu« 
fleflen oermocht, ber gafl gewefen. Xie Xruppen ejercirten unb manöorirten 
ungleich gewanbter als früher, unb befonberS bie Slrtiflerie unb Infanterie, biefe 
beiben §auptwaffen ber Sleuzeit, welche ganz aßein bie ^auptentfdjeibung jebeS 
SriegeS hetbeizufühten oermögen, oerflanben ihre ©ewehre unb ©efdjüfcc weit 
fleherer zu 6cnufjen, als bieS in ben frühem Kriegen gefchaf). 

Xie oielen großen Vorzüge ber rufflfehen Gruppen, welche fie theilmeife in 
einem fo hohen ©rabe wie feine anbere europäiflhe Slrmee befifcen, geigten fleh babei 
in biefem lefcten ßriege wiebet fehr beutlich; h' et Z u rechnen wir ganz befonberS 
bie große förpertiche SluSbauer ber Solbaten, ihre bewunbemSwürbige ©enüg« 
famfeit felbft bei ber fdjlechteRen Verpflegung unb ihre ungemeine Abhärtung 
gegen jeglich e ©inflüffe ber Witterung. 2BaS bie rufflfehen Gruppen hierin in 


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2^8 


Unfere ^eit. 


bem SEBinterfelbjuge Don 1877/78 teifieten, mar roirftidj erftaunenStoertb, unb feine 
anbere europäifcbe Strmee hätte einen Uebergang übet ben Vatfan bei fo tauber 
gabteSjeit, mangelhafter Verpflegung unb ungenügenben Transportmitteln jemals 
ermögticbt. SEBir entfinnen unS noch, baf} unS im SEBinter 1854 Dmer»fßafcba, 
ber türfifcbe ©eneraliffimuS, toieberbott in Varna jagte: „Sch fege bem Sultan 
meinen Sfopf ju güfien, wenn jemals ein {Ruffe über ben Vatfan fommt"; bamats 
fonnte ber türfifebe gelbberr biefe ftotjen SSorte mol {preßen, unb im grübting 
1854 mußten bie ruffifeben |>eere als Vefiegte miebet auf baS tinfe Tonauufer 
jurütfgeben, mäbrenb fie 1878 über bie in Schnee unb ©iS ftarrenben {J3äffe beS 
ValfanS gingen unb a(S Sieger in Slbrianopet einmarfebirten: fotebe unermeßliche 
gortfebritte batte bie Strmee beS SaifetS Sttejanber gegen bie beS SaiferS {RifotauS 
in etroaS über 20 Sabren febon gemacht. 

Stüber biefer groben ©enügfamfeit unb mirftich oft bemunbernSmertben pbbftfdjen 
Slbbärtung finb unbebingter ©eborfam unb ftrenge TiSciplin ganz oorjügticbe 
mititärifebe ©igenfebaften ber ruffifeben Solbaten. SBenn et oon feinen Offizieren 
nur einigermaben menfebtieb unb nicht, mie bieS früher leibet nur ju oft ber galt 
mar, fehlerer atS baS Vieh bebanbett mirb, ift ber ruffifebe Sotbat faft burdj- 
meg ber treuefte, anbängtiebfte, feinem Vorgefefcten btinbtingS geborebenbe Unter» 
gebene, ben man ficb nur münfeben fann; bie {Regimenter meinen unb manten 
fetbft im ^eftigften feinbticben Sartätfcbenfeuer nicht, unb fetbft bei ben eutfebiebeu» 
ften ÜRiebertagen mirb bie TiSciplin nidbt im minbeften geftört. SttS Semaftopot 
nach tanger rubmmürbiger Vertbeibigung enbticb im &erbfte 1855 erftürmt mürbe, 
traten bie ruffifeben {Regimenter trojj beS furchtbaren #agetS oon ferneren ®e» 
feboffen, ber in ihre {Reiben febtug, in öottftänbiger {Ruhe unb Orbnung ihren 
febr gefährlichen {Rücfjug aus bem brennenben Trümmerhaufen auf febmater 
febmanfenber Sebiffbrücfe über ben breiten äReereSbufen nach bem jenfeitigen Ufer 
an. Tiefe große förperlicbe Slbbärtung unb babei ftrenge TiSciptin ber Sot« 
baten, fetbft im Unglücf, ift ein Vorzug, ben bie ruffifebe Strmee oor manchem 
anbern europäifeben £>eere befifct. 

©in anberer Vorzug, ben baS 4jeer {RußtatibS befonberS bem öfterreiebifeben 
gegenüber befi|t, ift ber, baß bie große SRebrbeit feiner Sotbaten oon gleicher 9ta» 
tionalität, gleicher ©onfeffion unb gleicher Sprache ift. @S bienen in ber ruffifeben 
regulären Strmee etrna 35—40000 gintänber, bie gleiche Sab* Setten, ©ften, 
Suren, einige 30000 Teutfcbe, befonberS atS Offiziere unb Unteroffiziere, bie aus 
ben baltifcben Stäbten unb {Petersburg auSgeboben mürben, unb 10—15000 2Ro» 
bammebaner, auS ben Tataren ber Srim unb ben Tfcherfeffen beS SaufafuS 
refrutirt. Unter ben irregulären Truppen, befonberS in Sibirien, foQett ficb 
einige 20000 SRann SRongolen, Vafdjfiren unb Satmücfen befinben, bie noch bem 
^»eibentbum angebören; meit über 1 SERitt. Sotbaten finb aber auS ben Oer» 
fchiebenen norbftatoifchen Stämmen retrutirt. Unter biefen mögen ficb etma an 
180—200000 {ßoten auS bem frühem „ßongreßpoten", {ßobolien, ber Utraine 
unb anbern ehemals potnifchen SanbeStbeilen befinben, mctche römifch s fatbotifcher 
©onfeffion finb unb feine Zuneigung, fonbera oft fogar $aß gegen baS eigentliche 
{Rußtanb hegen; alle übrigen finb echte {Ruffen oon grieebifeb-fatbofifeber ©oit» 


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t)ic £anbarmec unb öic Kriegsflotte Kufjlanbs. 


2^9 


feffton, bie itt ber ißerfon ihres Baren jugteicfi auch baS fiöt^fte Oberhaupt 
ihrer ftirc^e bereiten. ©erabe biefer Umftanb, baß über 1 2Riß. ruffifcher Krieger 
bem Saren blinbltngS ergeben finb, berfdjafft bem $eere eine große ffeftigfeit auch 
bei ungtudlichen Srfolgen. 

SBenn auch ber zweite orientatifcfie Rrieg oon 1877 unb 1878 ftegreicfj für bie 
ruffifdie Armee ausgefallen war unb beren große gortfdjritte in allem unb jebem 
gegen baS |>eer beS RaiferS iRifotauS fehr über^eugenb gezeigt hatte, fo 
machten fidj bod) nocfj manche red)t bebeutenbe Uebetftänbe in ber Organifation 
babei bemerftidj. ©o erfolgte halb nad) beffen ©eenbigung fd)on im Saßre 1879 
eine tReorganifation ber Armee, woburd) bie £cauptmaffe ber Infanterie eine böflig 
oeränberte ©intheilung unb ©lieberung, Wie fotdje bet SReuzeit mehr angemeffen 
War, erhielt. Auch baS ©erpflegungS» unb befonberS gar baS Sajarettjwefen, 
ba$ ftetS bet fchwächfte 21jeif bet ruffifchen Armee Wat, fid» auch in biefem 
testen Kriege Wiebet äußerft mangelhaft gezeigt hatte, fudjte man möglichft ju 
teformiren. ®et ©rfolg hievon wirb freilich nicht aßju bebeutenb fein. Solange 
man nicht bie nöttjige große 3<rfd intelligenter, fleißiger unb öor aflem wirtlich 
reblicher unb unbeftedjlicher ?|ntenbanten unb ©erpftegungSbeamte aßet ©tabe 
unb gebilbeter, gefchicfter unb reblicher «Militärärzte anjufteflen oermag—unb an 
beiben klaffen hcrrfcht in fRußlanb bet größte HRangel, ber ftdj auch * n ®ecennien 
noch nicht abhelfen läßt —, wirb burd) afle ^Reglements, Sefeßle, Sontrolen unb 
ßiften fein einigermaßen befriebigenber 3«ftanb hierin herbeigeführt werben. 
SBaS nü|en aße noch fo Weifen ©efefce unb humanen ©eftimmungen, wenn eS an 
ber nötigen Baßl oon tüchtigen «Männern zu ihrer wirtlichen Ausführung fehlt? 
©o foß befonberS nach ben ©eridjten unparteiifcfjet Augenzeugen fich baS Sajareth- 
wefen beS ruffifchen £>eereS auch noch im lebten orieutalifchen Rriege in einem 
wahrhaft fcheußlichen ßuftanb befunben hoben. 

©ine anbere tief eingreifenbe SReorganifation ber ruffifchen Armee erfolgte 1881. 
®S würbe bie ©tatsftärfe aßet Sruppentheile, bie in SSirflichfeit boch niemals 
ooflftänbig erreicht würbe, wefentlid) herabgefeht unb auch &> e ^Regimenter ber 
©arbe unb ©renabiere würben benen ber Sinie gleichgefteßt. ©on befonberer 2Bidj s 
tigfeit war auch bie Aufhebung ber 363 ©ataißone, ©chwabronen unb ©atterien 
fogenannter „ßocaltruppen", beren militärifche ©rauchbarfeit ftetS eine feßr geringe 
gewefen fein foß, unb ihre ßrfe|ung burch 96 „fReferoe=©abrebataiflone". 

«Roch wichtiger für baS $>eer waren bie oielfachen Seränberungen, welche ber 
Reifer Alefanber III. feit feiner Shronbefteigung faft unauSgefefct mit bemfelben 
oorgenommen hat. S)a baS RriegSbubget (foweit man überhaupt baoon in @r» 
fahrung bringen fann) 1881 auf 200 «Miß. SRu6. geftiegen mar unb ber ftetS 
befolate Suftanb ber ruffifchen Finanzen biefe fortgefefcten großen Ausgaben nicht 
länger, bulbete, fo erfolgten 1881 ©eurlaubungen unb zahlreiche ©etminberungen 
btt ©tatsftärfe ber weiften Xruppentljeilc. @S foßten baburch aßjährlich an 
22 2Riß. SRub. erfpart unb baS RriegSbubget auf 180 «Miß. fRub. berringert 
werben, ©ehr lange fdjeinen biefe ©rfparungen aber nicht oon ©eftanb gewefen 
ZU fein, bemt in ben le|ten Sohren foflen bie Ausgaben beS RriegSminifters 


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250 


Unferc <5eit. 


wieber auf 190 —192 SJtid. SRub. geftiegen fein. 2>a in SRufelanb feine Set« 
faffung befielt, fein fefteg ©ubget oeröff entlieht, fonbent adeg burch blofee Ufafe 
beg Saiferg beftimmt wirb, fo t»errfc^t über ade finanziellen ©erhältniffe bafelbft 
ein grofeeg $unfel unb bie Slngabcn barüber finb ftetg nur annätiernb. Sine 
feljr wichtige SReorganifation fanb auefj 1884 bei ber gefammten SReiterei beg 
Jjpeereg ftatt. 2>ie ruffifche Slrmee befiel ben überaug grofeen Sorjug gegenüber allen 
übrigen europäifcfjen feeren, bafe fie in i^ren zahlreichen ßofafenregimentern eine 
Oorzügtidje leichte, ganz befonberg für ben ©orpoften« unb SRecognofcirungg« unb 
©atrouidenbienft geeignete SReiterei h at - Öür ben eigentlichen Sümpf finb biefe 
nerfchiebenen Sofafen zwar nicht geeignet, unb eine gefchloffene SIttacfe oermögen 
fie Weber zu machen noch auözuljalten; allein oermöge ber förperlichen Slugbauet 
unb Slbljärtung oon ÜRenfchen unb ©ferben eignen ftch ade Sofacfenregimenter 
in hohem ©rabe zum ©orpoftenbienft. 3fn allen unfern europäifchen feeren 
bilbet aber folch ©orpoften« unb SRecognofcirunggbienft mit beu wichtigften X^cil 
ber $£)ätigfeit ber gefammten SReiterei. 5)a nun bie reguläre ruffifche Saoalerie 
biefeg Dienfteö gröfetentheilg enthoben ift, fonnte man mit Ooder ^Berechtigung 
auch ihft ganze Drganifation oodftänbig anberg, atg bieg bei allen übrigen 
Slrmeen Suropag bet gad ift, geftalten. So würbe benn 1884 bie gefammte 
ruffifche reguläre Saoalerie, mit Slugnahme ber zehn Saoalerieregimenter ber 
©arbe, bie gröfetentheilg alg $aug« unb ©arabetruppen betrachtet werben, 
in Dragoner oerwanbelt. SBiefe Dragoner finb mit furzen ©ajonnetflinten be¬ 
waffnet, werben auch alg Infanterie einejercirt unb finb bazu beftimmt, im 
Sriege je nach ©ebfirfnife entweber alg Infanterie ober Saoalerie oerwenbet zu 
werben. Db fi<h bieg in SBirflichfeit bewähren wirb, mufe bie ©tfahrung lehren; 
bie frühem, ebenfalls nach gleichem Spftem auggebilbeten ©ragonerregimenter beg 
Saiferö SRifolaug zeigten fich Weber alg Infanterie noch atg SaOalerie befonberg 
tauglich, unb würben beöhalb auch halb wieber aufgetöft. 

Sine ganz genaue Senntnifs ber wirtlichen unb etatgmäfeigen Starte, ber ©ig« 
locirung unb Formation beg ruffifdjen $eereg ift eine Unmöglichfeit. ©a ja, wie 
fchon angeführt, fein conftitutionedeg Spftem in SRufelanb oorhanben ift unb 
feine Sontrole über ade Sinrichtungen unb ©eftimmungen ber SRegierung ftatt« 
finbet, fo braucht ber ruffifche Sriegöminifter auch über adeg bag §eer ©etreffenbe 
nur zu oeröffentlichen, mag er für gut finbet. ®agu fommt noch, bafe bie un¬ 
geheuere ©röfee beg SReicheg unb bie weiten Sntfernungen eine genaue Sontrole, 
ob auch ade ©eftimmungen beg Sriegöminifterö in SBirflichfeit befolgt würben, 
ungemein erfchmeren, ja zum X^eil fogar unmöglich machen. So meifj mau 
fidjertich im SriegSminifterium in ©etergburg nicht ganz genau, ob bie an ber 
chinefifctjen ©renze, in Sibirien, ober im Saufafuö, ober am nörblichen Siömeer 
ftationirten Gruppen in SBirflichfeit ihre etatSmäfeige Stärfe befifcen unb wie 
folche fonft noch befchaffen finb. Unter aüen Umftänben oermag aber jefct Stufe« 
lanb ein numerifefe fehr ftarfeg peer für einen Krieg in Suropa zu organifiren 
unb in einer fo furzen Beit, wie bieg noch Oot 20 Bahren ganz unbebingt eine 
Uumögtichfcit gewefen fein würbe, an jebem beliebigen ©unft feiner ©renze zu 


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Die £anöarmee unb bie Kriegsflotte Xujjlanbs. 


251 


concentriren. Dies toergeffe man itidjt, wenn man ein richtiges ©ilb bon ber Straft 
unb bem ©inftuf} bes ruffifdjen Saiferteic^eS gewinnen will. 

Die neuefte Sormation bet Sanbatmee SRufetanbä ift folgenbe: 

Die für ben Stieg in ®uropa beftimmten regulären Druden finb in 9 SRilitär« 
bejirfe mit 17 Armeecorps eingekeilt. Diefe Armeecorps fallen an ffelbtruppen 
enthalten: 41 Snfanteriebioifionen, unb jwar foHen bei 7 ArmeecorpS 3, bei 
10 ArmeecorpS aber 2 Snfanteriebiöifionen oorhanben fein. 3ebe 3nfanterie= 
biöifion beftetjt aüS 2 ©rigaben = 4 {Regimenter Infanterie unb 1 ©rigabe Artil» 
lerie ju 6 ©atterien. ®S finb aujjerbem nok jur freien ©erfügung 30 ©küfeen> 
bataillone unb 32 SataiHone Ißioniertruppen für biefe actioe gelbarmee oorhanben. 
An {Reiterei befielen 20 Saoaleriebiöiftoneti, bon benen 2 jur ©arbe unb 18 jur 
fiinie gehören, gebe Sinien-ßaöaleriebitiifion enthält 3 Dragonerregimenter, baS 
{Regiment ju 5 Selb’ unb 1 Depotfdjwabron, unb 1 reguläres Sofafenregiment 
ju 6 ©otnien, ferner 2 reitenbe Batterien ju je 6 ©efküfcen. 3m Sali eines 
Krieges foß biefe actioe Selbarmee nok burk 12 {Referoebioifionen Oermehrt 
werben. SRan nimmt an, baff je^t im Srieben oon biefen Druppen 814 ©ataidonc 
3nfanterie mit 613000 ÜJtann, 336 ©kwabtonen ©abaterie mit 72000 {Reitern, 
120000 SRann Artillerie unb 23000 SRann ©enietruppen wirflik unter ben SBaffen 
fielen. Stimmt man bie {Referoetruppen ba^u, fo ergibt fik nak ben officieüen 
Angaben, beten {Riktigfeit fik freitik jeglicher ©ontrole entzieht, eine SriebenS* 
ftärfe beS regulären $eereS oon 770000 SRann, bie burk ©injieljung ber beut» 
laubten ©olbaten unb ber SReferOiften auf l*/ a SRiü. Streiter gebrakt werben 
fann. @S bepnben fik Darunter 380 ©atterien Artillerie mit 1560 ©efküfcen, 
bie im Satt ber SRobilmakung auf 484 {Batterien mit 3772 ©efküfcen gebrakt 
werben fönnen. Der neueften ©eftimmung nak faß baS jäfjrlike SRefrutencontingent 
für bie reguläre Armee betragen 199000 SRann, bie bei ber 3nfanterie 5 3ah« 
unb bei ber Artillerie unb Gaoalerie 6 3<k re bienen foHen unb bann zur {Re* 
feroe fommen. An fogenannten „6injährigen", eine (Sinriktung, welke in lefcter 
Seit Stufjlanb ber beutfken Armee entlehnt hat, treten aßjährlik an 20000 SRann 
ein, aus benen nak k ter Sntlaffung bie Offiziere unb Unteroffiziere ber SReferoe 
entnommen werben follen. Db biefe Sailen wirflik aße riktig finb, entzieht 
fik bei bem in SRufjlanb herrfkenben ©hftern jegliker Prüfung. Steuere Steifenbe, 
Welke fik befonberS lebhaft für bie militärifken Suftänbe beS StakbarreikeS 
intereffiren, wollen bemerft haben, bajj nur bie in ben wefttiken ©renzprooinzen 
garnifonirenben Druppen unb bann alle Stegimenter ber ©arbe ihre ooße etatS= 
mäßige SriebenSftärfe im Dienft hatten, bei oieleu in entlegenen Ißrooinzen fte^en= 
ben Druppentheilen bie 3nfanteriften aber fkon nak breijähriger, bie ©aoaleriften 
unb Artißeriften aber nak oierjähriger Dienftzeit gewöhnlik beurlaubt würben. 
Stimmt man nur an, bajj jähtlik an 170000 gewöhnlike Ütefruten unb 
20000 Einjährige für baS reguläre fjeer auSgefjoben werben, unb jeber ©olbat 
5—6 Sahre in ber Sinie unb 4—5 Sah« in ber Steferüe, zufammen alfo 10 3®h« 
bienftpfliktig ift, fo Würbe bie friegSftärfe ber regulären rufftfkeit Armee bie 
grofje ©tärfe oon 1,900000 SRann betragen. Daneben bann nok bie zaljlreiken 
imgulären Druppen. Db freitik ein Staat mit fo fehr gefkwäkten Sinanzen, 


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252 


Unfere ^ett. 


toie bieS baS große Rußtanb ganz unzweifelhaft ift, wirtlich im ©tanbe fein 
wirb, folch ungeheueres §eer einigermaßen friegStüchtig auSjurüften unb bann 
längere »w Selbe ju erhalten, bürfte eine anbere grage fein. SebenfallS 
wirb ein Staat, ber wirtlich in einen Ärieg mit Rußlanb gerathen foßte, barauf 
gefaßt fein mttffen, baß §eere non großer numerifcher ©tärfe gegen ihn in baS 
Selb marfchiren. 

SebeS ruffifdje Infanterieregiment foU 4 Bataillone mit 16 ßompapien 
Zählen. Bon biefen 4 Bataillonen foU 1 Bataillon gewöhnlich in bem ©rgänzungS« 
bejirf beS Regiments ftehen unb jur erften SluSbilbung ber Retruten beftimmt 
fein, währenb bie 3 übrigen Bataillone ben mobilen Setbbataidonen jugetheilt 
finb; boch Wirb biefe Beftimmung nicht genau befolgt. 

®ie reguläre ßabalerie befiehl, wie fchon borhin angeführt, nach ihrer neueften 
Organifation nur aus ©ragonerregimentem, beren ÜHannfchaft auch barin geübt 
wirb, abjufifeen un b bann ganj wie bie Infanterie ju Suß ju fechten. Rur bie 
beiben ®ibifionen bet ©arbecabalerie machen hietbon eine Ausnahme unb ent« 
halten 4 ßüraffter«, 2 ®ragonet«, 2 Ulanen«, 2 $ufaren« unb ein combinirteS 
bonißheS Sofafenregiment, auS Welchem im Kriege 2 Äofafenregimenter formirt 
werben foHen. Serner ift noch eine ©otnie faufafifcher Äofafen, bie Xßfjerfeffen, 
welche bie gewöhnliche ©Scorte beS ffaiferS bitben, borhanben. SBenn auch ber« 
nünftigerweife bie bielen frühem Borrechte ber ©arbe, Wonach j. B. jeber ©arbe« 
offijier um einen ©rab höhet als ber Sinienoffijier rangirte unb ber $auptmann 
ober Rittmeifter ber ©arbe mit bem ÜRajor ber Sinie gleichftanb, jefct größten« 
theilS aufgehoben ober boch f e h r berringert finb, fo erfreuen fid) bie Offiziere ber 
größtentheilS in Petersburg unb llmgegenb garnifonirenben ©arberegimenter boch 
mancherlei Borzüge unb focialer Slnnehmlidileiten. Sluch bie SRannfdjaft wirb 
befonberS auSgefucht, wobei manche Spielereien borfommen. Wie j. B. bei bem 
®arbe«3nfanterieregiment gSmaitoW nur 9iefruten mit aufgeftütpten Rafen ein« 
gefteQt werben. ®ie Uniform ber ©arbe ift biel eleganter unb bei ber ©abalerie, 
welche auch auSgefucht fdjöne Pferbe erhält, fehr reich u«b bunt unb nur für bie 
patabe berechnet. Bei ber ©arbecabalerie, beren einzelne Regimenter Wieber 
einen oerfchiebenen Rang beanfprudjen, lönnen nur fehr reiche Dffijiere mit min« 
beftenS 8—12000 Rub. jährlicher S«^ Q 0 C bienen: eilt folcher SujuS Eierrfc^t in 
beren DfßjiercorpS. UebrigenS hot ß<h bie ruffifche ©arbe im Kriege niemals 
mehr als bie Sinie herborgetljan, unb felbft bie unfcheinbarften Sinieuregimenter 
leifteten in ber ffrim oft mehr als bie borneljmften ©arberegimenter. £>at man 
boch bie gleiche ©rfafjrung auch ' n $eutßhlanb unb überall, wo fogenannte bor« 
nehme unb beborjugte Regimenter borhanben finb, gemacht. Wie auch i* * m 
lefcten Kriege 1870 unb 1871 in Sranfreich gar manches beutfche Regiment, beffen 
Offi^iercorpS fehr wenige Offiziere bon Slbel ober großem Reichtum enthielt, 
minbeftenS baffelbe wie baS beborjugtcre ©arberegiment mit feinen ariftofratißhcn 
Offizieren leiftete. Slußer Rußlanb ift Preußen noch ber einzige größere euro« 
päifcße ©taat, ber eine befonbere ©arbe befifct, währenb Sranfreich, Italien, 
Oefterreich, Spanien, Baiern biefen unnüfcen unb foftfpieligen SujuS cntmeber 
niemals befeffen, ober fonft boch, «1$ nicht mehr ber geit entfprechenb, fchon längft 


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Ute Cattfcarmee unb bic Kriegsflotte Xußlanbs. 


253 


abgefdßafft haben. Sn ©nglanb, beffen Sanbßeer eine gang befonbere Drganifation 
hat, hefteten übrigens auch nodß einige Infanterie» unb Sabalerieregimenter ber 
©arbe. ®ie oorgüglidß bekannte ruffifeße gelbartißerie befißt 305 guß* unb 
37 reitenbe ©atterien mit 6 ©efcßüfcen bon ©ußftaßl. gebe Srigabe foQ 
2 ©atterien mit ferneren lO*©entimeter» unb 4 ©atterien mit leisten 8=©en» 
timetergefeßüßen haben. Sieben biefer gelbartißerie ift nocß eine geftungSartißerie 
borßanben, über bereu ©tärfe aber genaue Angaben fehlen. Ülußer in bem 
frühem Königreiche ©ölen, beffen wießtigfte ©täbte jefct äße fehr ftarf befeftigt 
finb, unb bann an feinen lüften befifct SRußlanb im ©erßältniß feiner ©röße gang 
auffaQenb wenige geftungen bon irgenbwelcßer ©ebeutung. @S ift bieS ein fixerer 
©eweis, baß man ftch bafetbft bor jeber Dccupation burd) feinblicße Gruppen fefjr 
fieser ffißlt, naeßbem Stapoleon I. ben fütjnen ©erfueß, in baS gnnere beS SanbeS 
gu bringen, mit 500000 ÜRann feiner beften Gruppen bejahen mußte. gm 
KaufafuS unb in Xurfeftan finb übrigens 5—6 ©ebirgSbatterien gunt ©ebraudße 
im bortigen Hochgebirge borßanben. 

®ie ©enietruppen beS regulären Heeres {erfaßen in 10 ©appeuröbataißone, 
welche ben ®ienft ber ©ioniere mit berfehen müffen, 8 ©ataißone ©ontoniere 
unb ein ©ifenbaßnregiment bon 4 Sataißonen. Sei jebem ©ataißon foß eine 
fünfte ©ompagnie, bie beim StuSmarfcß in ber ©arnifon als 3teferbecompagnie 
gurücfbteibt, formirt werben. 

®er ©tab ber ruffifchen Slrmee im grieben wirb auf 5400 Dffigiere unb 
fonftigeS bagugeßörigeS ©erfonal berechnet. Ob biefer ©tab fidj ftetS auf ber 
Höhe unferer Seit befinbet unb afle Dffigiere beffetben ihren im Kriege fo über« 
aus wichtigen ©teßen genügen Jönnen, bürfte feljr gweifethaft fein. Unter beS 
KaiferS SlifolauS ^Regierung genügten elegante Uniformirung, ftramme Hutung 
auf ber ©arabe, borneßme ©ebnrt ober ©rotection einflußreicher $amen unb 
Herren beS HoffreifeS f«ßr häufig, um junge, gänglicß unwiffenbe Dffigiere, welche 
bisher faft nur in ben ©atonS ber Petersburger H°fflefeßfehaft ihre ©roberungen 
gemacht hatten unb oon Krieg unb Kriegführung auch nicht baS minbefte Der» 
ftanben, in ben fehr beborgugten ©eneralftab gu berfeßen. $aß baher bie Sei» 
ftungen beS ruffifchen ©eneralftabS in aßen Kriegen, Welche StilolauS führte, im 
aßgemeinen fo äußerft mittelmäßig waren, ließ fiih bei beffen unboßlommener 
3ufamntenfefcung leicht erllären, unb mußten bie braben ©olbaten ber gelbtruppen 
nur gu oft mit ihrem ©lute fütjnen, was bie Unwiffenßeit ihrer hößem ©eneralc 
unb beren glängenbe ©eneralftäbe berfchutbet hotten, Sn ben testen ®ecen* 
nien ift wie in aßern, fo auch im ©eneralftabe beS ruffifchen H eere S entfliehen 
eine große Slenberung gum ©effern eingetreten, obgleich auch im Kriege bon 1877 
unb 1878 noch manche gehler bon ißm begangen würben. ©S hält ungemein 
feßwer, für ein großes H eer > ' n welchem früßer jebe geiftige ©ilbung bei ben 
Dfßgieren gänglicß bernacßläffigt, ja mitunter gerabegu berpönt würbe, in we= 
nigen gaßren bie nötßige Saßl wirflicß tüchtiger ©eneralftabSoffigiere ßerangu* 
bilben. ®agu finben befonberS bei ber ©erfeßung bon Dffigieren in ben in jeber 
Hinfidßt ungemein beborgugten ©eneralftab ©rotectionSunfug, ©onnejionen unb 
tRüdficßt auf bomeßmen ariftofratifeßen Slamen nur gu leicßt eine übergroße ©eltung. 


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25<* 


Unfere ,5eit. 


©ehr jahlreidj unb gut befpannt ift aud) bet gefammte Xrain bet rufftjdjen 
Slrmee, wie benn überhaupt bet grojje Steichtfjum an brauchbaren Pfetben jeglicher 
®rt, welchen Stufjlanb befifct, bie SluSrüftung unb fchnede SRobitmadjung bet 
Xruppen aller Waffengattungen ungemein erleichtern 

®ie Dodftänbig mititärifch organifirte ©enSbarmerie ift in btei Xioifionen ju 
Petersburg, Warfchau unb SRoStau ftationirt unb fott einige 20000 SRann ju 
Stofi unb ju Suß ftart fein. ©öenfaüS ift bie 3oQwa^e an ben weiten ©rennen 
beS fianbeS burdjweg mititärifch organifirt, unb fott eine ©tärte Don einigen 
60000 SRann befifcen. 

äußer biefen regulären Xruppen alter 9lrt hat bie rnffifche Slrmee noch eine 
bebeutenbe ßaljt öon irregulärer Saoaterie. {früher würben fämmtliche Ifofafen» 
regimenter $u ben irregulären Gruppen gewählt; nach & et lebten Drganifation finb 
aber 20 Stegimeuter bonifche S’ofafen ju regulären Gruppen gemacht unb, wie 
fdjon angeführt, in bie Gaoaleriebioifionen eingetheilt worben. So follen nach 
bem lefcten OrganifationSplan bie irregulären Gruppen je|t beftehen aus 
374 ©otnien nnb 28 ©atterien bonifcher Äofafen, bie in Dotter $riegSftärfe mit 
60000 SRann auSmarfcfjiren, 184 ©otnien ju Pferb unb 30 ©otnien ju guß 
Stofafen Dom ffuban in einer ffricgSftärfe Don 34000 SRann, 62 ©otnien ju 
Pferb unb 2 ©atterien ftofafen Dom Xeret mit 10000 SRann föriegöftärtc, 
12 ©otnien ju Pferb aftrachanifche ffofafen 1800 SRann, 56 ©otnien ju Pferb 
uralifche Äofafen in einer SriegSftärte Don 8500 SRann, 102 ©otnien ju Pferb 
orenburgifche Äofafen 18600 SRann, 54 ©otnien ju Pferb fibirifdje Kofafen 
8000 SRann, 12 ©otnien ju Pferb femiretfchenStifche Sofafen 2000 SRann, 
18 ©otnien ju Pferb unb 30 ©otnien ju guß tranSbaifatifche fiofafen 9200 SRann, 
6 ©otnien ju Pferb unb 6 ©otnien ju guß amurifche Äofalen, 2000 SRann ftart. 
3m gangen joden ade bie irregulären Xruppen, wenn fie auf Doden firiegefuß 
gebracht finb, enthalten: 880 ©otnien ju Pferb, 66 ©otnien ju guß unb 42 
©atterien leichter Slrliderie in einer ®riegSftärfe Don 150000 SRann. Db freilich 
ade biefe Bahlen gang genau ber Stichtigfeit entfprechen, möchten wir nicht Der- 
bürgen, unb eS bürfte felbft im ruffifdjen StriegSminifterium gu Petersburg niemanb 
Dorhanben fein, ber eine genaue Äenntniß baoon befi|t, wie ftart ade biefe 
Derfchiebenen Sbfafcnregimenter fein werben, fobalb fie auf oodftänbigen Kriegsfuß 
gebracht finb. Steinet man nun auch Don biefer angeblichen ©tärfe auf bem 
Papiere ein Drittheil, alfo 50000 SRann, ab, fo bleibt hoch noch immer bie feljr 
bebeutenbe Baljl Don 100000 SRann irregulärer Xruppen auf bem ffriegSfuß 
übrig. Bwar finb weitaus bie meiften biefer ®ofaten in ben fernen afiatifchen 
Sanbf(haften, in benen fie ftationirt finb, gur ©rhaltung beS griebenS unb ber 
Drbnung bringenb nothwenbig, fobaß nur ein feljr geringer Xljeil üon ihnen gur 
wirtlichen ©erwenbung auf einem europäifchen ÄriegSfchauplafce gelangen bürfte. 
Slber wenn auch nur 50000 SRann biefer irregulären Steiterei eine ruffifche Slrmee 
nach ben Weftgrengen begleiten, fo fönnen biefe als leichte Gaoalerie jum ©or= 
poften», Patrouillen» nnb SiecognofcirungSbienft immerhin Dom adergrößten 9?u$en 
fein. ©efonberS bie feltene törperliche Slbfjärtung unb grofie SluSbauer Don Stoß 
unb Steiler, wie unfere beutfehen Xruppen folche lange nicht in gleichem ©rabe 


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Die £anöarmee unb bic Kriegsflotte Kußlanbs. 


255 


befifcen, »erteilt aQeti biefen irregulären nicf)t geringen SBertf) fät ben wirtlichen 
Krieg. Qm Kriege non 1813 unb 1814 befafe bie in Seutfcf)lanb unb jfranfreief) fedj* 
tenbe ruffifche Armee übrigen« mehrere Safd)firen= unb Kalmücfenregimenter. Sa 
je|t ©ifenbaßnen oon ber fibirifihen bi« jur beutfihen ©renje ba« Weite ruffifche 
Reich burchfchneiben, fo ift ber Rtarfct) foldjer Regimenter gegen frühere Seiten 
au«nehmenb erleichtert. SBenn e« fein foH, tann jeßt ein Regiment oom Kuban 
bi« zum Riemen in 8—14 Sagen tranSportirt werben. 

Recapituliren wir nun jum Schluß bie ©efammtftärle ber rujfifchen Armee 
an regulären unb irregulären Sruppen aller SBaffengattungen, wenn alle auf 
ooüe etatmäßige KriegSftärfe gebracht werben. 

®« füllen oorfjanben fein an regulären Sruppen: Infanterie 1,917000 Rlanu 
mit 32000 fßferben, Reiterei 94466 ÜJiann mit 93400 9ßf erben, Artillerie 
210772 Rtann mit 118000 ißferben, ©enietruppen 43352 Riann mit 14000 ißf erben; 
an irregulären Swppen 156000 Riann: jufammen alfo 2,735000 Riann, inclufioe 
ber Stäbe, @en«barmen, Soüfolbaten unb 200000 Riann Reichswehr. Star 
glauben wir beftimmt, baß ein guter Sfjcil oon allen biefen faft übergroßen 
Stärfeangaben in SBirflichfeit niemal« oorljanben fein wirb, allein bie Störte, 
mit Welcher ba« |>eer Rußlanb« in ben Krieg gegen ba« toeftlidje ©uropa ju 
marfchiren Oermag, bleibt bennoch ftet« eine fehr große. Sein anberer Staat in 
(Europa befifct auch nur annähernb ein numerifcf) gleich ftarte« Sanbßeer, ja Wir 
fönnen annehmen, baß niemal« ein Sanbheer oon gleicher 3“hl oorljanben gewefen, 
al« baSjenige ift, über Welche« ber 3nr aller Reuffen ju oerfügen oermag, fobalb 
er einen Uta« ju beffen Riobilmacfjung erläßt. 

Alle« Kriegsmaterial an fßferben, ©efchüfcen, fonftigen SEBaffen, ©efleibung 
unb übriger Auörüftung fämmtlicher Sruppengattungen, bann auch• an SebenS» 
mittein ju beren ©Währung ift im eigenen Sanbe oorhanben unb Rußlanb in 
biefer ^infteßt ooüftänbig oom AuSlanbe unabhängig. Sefto fchlimmer fieht c« 
freilich mit ben Finanzen au«, benn Rußlanb ift troj} feiner ©röße ein ungemein 
tapitalarme« Sanb. An bemfelben Sage, an bem bie KriegSerftärung gegen einen 
großen europäifchen Staat erfolgen follte, wirb auch ber ruffifche ^inanjbantrott 
auSbrecßen: ba« bürfte ziemlich unzweifelhaft fein. Sie ejtteme panflawiftifche 
Partei unb beren fterrfefjaft allein fönnte Rußlanb zu bem freoelljaften Spiele 
treiben, ohne ©runb unb Urfache einen Krieg an Seutfdjlatib ober Oefterreich- 
Ungarn z« ertlären; fie wirb freilich auch oor einem folgen S3anfrott nicht zürücf* 
feßreefen, ja theilweife fogar fich beffen freuen. 3h r SBunfch ift aisbann, baß 
Rußlanb alle Kriegöbebürfniffe im eigenen Sanbe erzeuge unb burch Ißapiergelö 
mit 3>oang«curS bezahle, bie 3infen feiner Ungeheuern StaatSfchulben, bereu 
©läubiger größtenteils im AuSlanbe Wohnen, niemals entrichte unb über¬ 
haupt bie ©elbausfuljr über feine ©renzen zu feiner 3eit jemals wieber geftattc. 
Surch folcße Riaßregel würben alle im AuSlanbe wofjnenben ©läubiger Rußlanb« 
um oiele RiiQionen gefdjäbigt uub zugleich bie Kluft, bie biefen Staat oom übrigen 
meftlichen Suropa trennt, fo fehr erweitert, baß eine fernere Ueberbrücfung niemals 
mehr ermöglicht werben fönnte. ©ine folche womöglich gänzliche Srennung be« 
mächtigen Slawenftaate« Rußlaub oom übrigen ©uropa uub eine Abfcßließung 


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256 


Unfere ^eit. 


bei Steimel, wie folcp früher in St)ina gegen bie übrige SBelt befianb, ift aber 
bal pdjfte 3«I unb Streben aller wahren ißanflawiften, bie alle übrigen SBölfer, 
unb jtoar am meiften uni ©erntanen, aul tiefftem ©runbe itjrer Seele Raffen 
unb jebe Slnnäprung an uni unb unfere ©ultur Detabfcpuen. 

hoffen wir, baß nientall folcp alle Kultur unb Humanität in Siußtanb gänj= 
lid) jerftörenbe SBünfdje bet ißanflawiften jur ©rfütlung gelangen unb ganz @u* 
ropa in einen Sufüurt bei $ampfel unb ber 3«rüttung oerfepn! 

3um Schlug woßen mir nun aud) nod) eine möglichft furz jufammen» 
gebrängte 25arfteßung ber ruffifcpn Kriegsflotte t|ier folgen laffen. ißeter ber 
©roße, ber Schöpfer bei jefcigen ßaiferreicpl füußlanb, war aud) ber Schöpfer 
üon beffen Kriegsflotte. ®l ift befannt, baß biefer in Dieter #infidjt ungemein 
großartige unb tüpe $errfcpr, ber ben Seinamen „ber ©roße" mit SRecßt trägt, 
in $oßanb felbft bal Sdjifflzimmerpnbfoerf lernte, um feinen SRuffen hierin all 
Seßrmeifter bienen }u fönnen. So oerttmnbte er wäpenb feiner ganjen Sie» 
gierung fefjr Diel Kraft unb ©elb auf bie Schöpfung einer einigermaßen tüchtigen 
Krieglflotte, berief engliftp unb pßänbifcp Seeoffiziere, Ingenieure unb Sc^iffl» 
baumeifter in feinen $ienft, erbaute bie gewaltigen Ärieglpfen unb Slrfenale 
ju ßronftabt unb SReüal, fonnte aber bennod) niemall eine roirftid) tüchtige Kriegs* 
flotte in See taufen taffen. Unb ebenfo wenig wie ipn, gelang biel feinen 
fpätern 9tad)folgern im 18. unb 19. 3appnbert. Stur in ben Dielen Kriegen 
mit ben dürfen, ben alten fteten ©rbfeinben ber Stoffen, pben ruffifdje Äriegl» 
fd^iffe fid| häufig unb zwar nicfjt fetten aud) mit glücflicpm ©rfotge gefdjtagcn; 
fonft fpiette bie rufftfcp Krieglflotte in aßen Kämpfen mit ben granzofen, Schweben 
unb Preußen in ben testen zwei 3<ipl)unberten größtentpill nur eine paffibe 
Stoße. 2)er ©roß- unb Kleinruffe, wie überhaupt ber Storbflawe, ein fo gewanbter 
gupmann unb ißferbepfleger er aud) ift, pt nun einmal Weber Einlage nod) 
Steigung zum Seemann, unb auch bie Dielen Stocffcfßäge, bie fie erhielten, tonnten 
bie armen ruffifcpn IBaucrburfcpn unb bie Dielen polnifcpn Suben, bie man 
ZWanglweife auf bie firieglfcpffe ftecfte, nitp zu einigermaßen tüchtigen SDtatrofen 
machen, ©ine große görberung erhielt bie ruffifcp Krieglflotte, all bie Krim an 
Stoßlanb fiel unb Sewaftopot zunt mächtigen Ärieglpfen gemalt würbe, ba bie 
ffofafen unb fonftigen Uferbewoper bei Schwarzen SJteerel gute Seeleute finb, 
wie aud) ber JBefij} Don ginlanb mit feinen guten Seeleuten unb bem ftarten 
ßrieglpfen $elfingborg ber glotte Dielen Stufen brachte. SBäpenb ber ganzen 
Stegierung bei Kaiferl Stifolaul warb bie ruffifcp Oftfeeflotte nur all teerel 
ißarabefpietzeug betrachtet, ihre $aupttptigfeit beftanb in einer fßarabe auf ber 
Strebe Don Äronftabt, unb fie ging in aßem entfliehen z»tücf. S)ie ruf= 
fifcpn KrieglfcE)iffe, bie wir aße Sommer pufig in unfern beutfdjen Oftfee* 
Pfen fepn tonnten, erregten burd) ipe mangelpfte Slulrüftung, nautifcp Un= 
gefcpdlicf)feit Dieter ihrer Offiziere unb traurigel, aßel anbere mep all wirtlich 
feemänttifcpl Stulfepn unb ©eneßmen iper SJtatrofen, unter benen fich auffaßenb 
Diele polnifcp guben befanben, pufig ben Spott unferer beutfdjen Küften* 
beoölterung. 


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Die £anbannce unb bie Kriegsflotte Kußlanbs. 


257 


Unfälle unb Schiffbrüche afler 2trt gehörten 6ei biefen ruffifchen KriegSfchiffen 
ju ben gewöhnlichen Porfommenheiten. $ie glotte beS Schwarten SfteereS, bie 
immer einen befonberS getrennten ^Xtjeil bitbete, überfiel bei Ausbruch beS Orient 
talifchen Krieges ohne weiteres bie turfifdje Kriegsflotte bei Sinope unb öernict)» 
tete biefetbe. Später gingen fämmttiche KriegSfchiffe biefer glotte bei ©etoaftopol, 
wo fie jur Sperrung beS §afenS benufct würben, ju ©runbe, währenb bie See* 
Offiziere unb SDiatrofen jn Sanbe bei ber ruhmwürbigen S3ertt)eibigung ber ge» 
ftung mit großer Auszeichnung fämpften. Sn ber Oftfee blieb bie ruffifche glotte 
wohlweislich hinter ben ©ranitwäflen oon Kronftabt unb §elfingborg unb wagte 
feinen Kampf mit ben fraitjöfifchen unb englifdjen KriegSfchiffen. Auch int zweiten 
orientalifchen Kriege oon 1877 unb 1878 haben nur fehr oereinjette ruffifche 
KriegSfchiffe im Schwarzen Pteere ©elegenheit zur Xhätigfeit gefunben. 

SBie fchon fein Pater Kaifer Alejanber II., fo wenbet auch ber Kaifer Ategan» 
ber III. ber ruffifchen Cftfceflotte große giirforge an ©elb wie Stjätigfeit Z u - 
@S laufen alljährlich große Panzerfahrzeuge unb KriegSfchiffe fteinerer Art oom 
Stapet, ruffifdje Fregatten unb Sorbetten freien beftänbig auf ben fernften 
Pieeren, unb bie ruffifchen KriegSfchiffe, welche in ben lebten Sahnen Kiel be» 
fuchten, machten fowot in ihrer ganzen '-Bauart, AuSrüftung, feemännifchen AuS= 
bilbung ber Ptannfdjaft unb nautifcheit, wie wegen ber artifleriftifdjen Kenntniß unb 
©efchicflichfeit ber Offiziere einen ungleich »ortheilfiaftern ©inbruef, atS bieS noch 
bor 20 Satiren ber Satt war. ©erabe baß jefct allein $ampffchiffe, bei benen eS auf 
bie feemännifeße ©efchicflichfeit ber Piatrofen lange nicht in gleichem ©rabe wie 
bei ben frühem Segelfcf)iffen anfommt, eine Kriegsflotte bilben, gereicht ber ruf» 
fifchen Ptarine zum großen Portheil. 

Stach ben officieflen Rapporten, für beren unbebingte Pichtigfeit mir aber 
nicht immer einftehen möchten, fofl bie ruffifche Kriegsflotte jefct enthalten: 

I. in ber Oftfee: 27 Panzerfahrzeuge mit 270 ®efcf)üfcen, 33 KriegSbampfer 
mit 275 ©efdjüfcen, 95 Xorpebofchiffe; 

II. im Schwarzen Pleere: 4 Panzerfahrzeuge, fogenannte PopowfaS, nach 
ihrem ©rfinber, bem ruffifchen Abmiral Popomfa, fo getauft, bie in jeber £inficht 
boüftänbig unbrauchbar für ben Kampf fein foöen, 27 Keine KriegSbampfer unb 
18 Xorpeboboote; 

III. in ben fibirifchen £>äfen an 20 KriegSbampfer berfchiebener ©röße unb 
©attung; 

IV. im KaSpifcßen SJieere: 16 KriegSbampfer. 

2)aS Perfonal ber ruffifchen Kriegsflotte foß bem officießen Papport nach 
beftehen auS 140 Abmiralen unb ©eneralen berfdjiebenen StangeS, 1600 glotten» 
Offizieren afler ©rabe, 420 Piloten, 200 Ptarine»Artiflerieoffizieren, 600 Plarine» 
Sngenieuroffizieren, zufammen an Offizieren unb Ptarineärzten 4500 Perfonen, 
unb 26000 Ptatrofen unb Seefolbaten. @S finb bieS auch ganz bebeutenbe Schien, 
wenn fte nicht bloS auf bem Papiere, fonbern in SBirflidjfeit oorhanben fein 
foflten. 

Sn einem Kampfe mit einer wefteuropäifchen Placf)t bürfte mol nur bie Oft» 
feeflotte PußlanbS in Petracht fommcu, unb biefer ift unfere beutfehe Kriegsflotte, 

Untere tfeit. 1887. I. 17 


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1 


258 


Unfere ^cit. 


wenn fie aueß an ©djiffäjaßl etwa? fcßwäcßer fein mag, in jeber $infid}t coli* 
ftänbig geworfen; bie? ift ba? einftimmige Urteil aller competenten Seeoffiziere. 

Unfer Sluffaß, bei Welcßem wir un? ber größten Unparteiiidjfeit in jeber 
$inficßt ju befleißigen ftrebten, jeigt, baß e? eine ungemein ftarfe S?rieg$ma<ßt ju 
Sanbe unb SBaffer ift, über welche ber ®aifer öon Dtußlanb ju gebieten cermag. 
SRöcßten Wir auefj fernerhin, Wie bie? wäßrenb biefe? ganzen Saßrßunbert? — 
mit einziger SluSnaßme be? unglüdflicßen Sabre? 1812 — ber gaH war, mit un* 
ferm inäcßtigen Sßacßbar im Dften fernerhin in ungetrübtem Trieben unb guter 
Sreunbfcßaft üerfeßren: bieS ift unfer aufrießtigfter SEBunfcß! 


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.. jj, 


Wu itetntfinn uttir ^agfbüdjfr bts Denn be (£aft 

SJon 

ißrofeffor Dr. $, ©. fjagntcmn. 

Der 22.93anb ber „Ißublicationen aus ben löniglich preußifcfjen Staat8archibcn" 
enthält bie „Untergattungen mit griebridj bem ©roßen. ÜJtemoiren unb läge» 
Öftrer bon ^einrief) be Sott, f)«au8gegeben Don 9teinf)oIb Stofcr" (Seipjig, $irjct, 
1884). Die ütufmerffamfeit, luetcfje biefer ißublication befonber8 bon fetten ber 
£>iftoriler gemibmet wirb, ift burchauS gerechtfertigt burd) bie Sebeutung, melche 
fie einnimmt als ^Beitrag jur ©efchidjte gtiebri<h’8 beS ©roßen. 

©8 ift jur ©enüge betannt, mie burdjau8 fransöfifd) bie ©ilbung am $ofe 
griebrich'8 II. mar. IRicht nur an ber Dafel hatte ber föttig geiftreiche gran^ofen 
um fith berfammett, um mit ihnen in SBifj unb SSort, in ©efefjmaef unb ©elehr* 
famteit ju roetteifern, fonbern auch i m pribaten Umgänge, befonberS in feinen 
SDtußeftunben, mottte er ben SBoljllaut ber franjöfifchen Sprache au8 bem äJtunbc 
ber granjofen hören. gn bejeichnenber 2lrt befennt er ja fetbft bon fiefj, er fei 
im Deutfdjen lein großer jpelb. gn ber Dljat fchenlte er feine freien Stunben 
ber franjöfifchcn Unterhaltung unb Settüre. Seit 1752 hatte er ben Slbbc 
be ißrabeS al8 ©efeflfdjafter um fid). Dicfern lam man jeboch auf bie Spur, 
für ben geinb in Spionage thätig geroefen ju fein, wofür er in ÜRagbeburg ju 
büßen hatte. Stn feine Stelle trat nun §enri be Satt, ein Schweizer. Sr mar 
1728 ju 2J?orge8 am ©enferfee geboren unb machte feine Stubien, treu feiner 
catbiniftifchen Dichtung, auf ber Uniberfität ju Utrecht. 

©8 mar im guni 1755, baß §enri be Satt auf einem glußboote bon 21mfter= 
bam nach Utrecht fuhr. Die Sabine mar angeblich bon bem jfapeflmeifter be8 
Sönig8 bon iJSoIen befejjt. „2Ber ftnb Sie, mein fperr?" fragte ber bermeintlirfje 
SJtufiler unfern Stubenten; „foinmen Sie f)ict h ere ' n / ©ie finb hi« beffer 
aufgehoben." SU8baIb lamen ißolitif, ip^ifofop^ie, Religion jur Sprache; SEBolf 
unb Seibnij mürben Iritifirt. 9Jian tarn in Utrecht an, man fdjieb boneinanber, 
unb $enri be Satt füllte mol, baß er einen ungemöljnlich gefcheiten Sfapeflmeiftcr 
fennen gelernt habe. 9tm folgcnbeit Dage jeboch «fuhr er, baß fein geftriger 
9teifegefährte lein geringerer al8 ber König bon fßreußen gemefen fei. 

Sechs SSochen fpäter lub griebrief) ben Stubenten ein, in feine Dienfte ju- 
treten. Da biefen eine Äranlßeit an ber Sufage hinberte, mieberholte griebrich II. 
jmei gahrc fpäter bie Anfrage. Jpenri be Satt nahm an, unb im SDtärj 1758 

17 * 


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260 


Unfere £e\t. 


traf er im Sinterlager ju ©reSlau beim Könige ein. „Slfj", fagte ber ffötiig, 
ihn mieberfeljenb, „ah, guten Slbenb, mein £err, guten Slbenb; eS freut mich, 
Sie ju feljen. hätten Sie mich mol roiebererfannt?" 

„3a, ÜRajeftät." 

„Sin rnaS benn?" 

„Sin 3^ren Slugen!" 

$enri be Satt mürbe nun angefteflt als „©orlefer ©r. äJtajefiät“, im eigene 
licken ©inne aber als ©efeflfcljafter; benn faft jeben 2ag, roie feljr bie ©efchäfte 
auch brängten, fanb ber Äönig bei ber ©egelmäßigteit feiner SebenStoeife feine 
©tußeftunben, meiftenS abenbS oon 4—6 Uhr, unb jmat fo fidjer, baß §enri 
be Satt bie StuSnahme mie ein Sreigniß ins Sagebuch eintrug mit ben Sorten: 
„fpeute mürbe id) nicht gerufen.“ 

Sr hotte oom erften Slugenblicf an baS richtige ®efü§f für bie ©rüge unb 
ben ©eift beS dürften, ber ifjn jum täglichen ©efeflfchafter erforen hotte. ®o» 
fort begann er benn auch ein Xagebud) anplegen, um, roaS er fah unb Ijörtc, 
aufjujeidjnen. 9Jlit bem 13. 9Kärj 1758 beginnt eS unb bauert bis jum 14. Slug. 
1760, alfo naljeju 2 l / a 3aljre. 

Senn eS auf alle gäfle als ein befonbereS ©tücf Ejntte betrachtet merben 
bürfen, ben oertrauten Umgang biefeS großen dürften ju genießen, mie üiet be» 
neibenSmertljer möchte eS erfdjeinen, gerabe mährenb beS Siebenjährigen Krieges, 
mo bie Zljatfraft unb baS ©enie biefeS dürften baS Ungtaublichfte leifteten, ber 
tägliche Slugen» unb Dhrenjeuge beffeu geroefen ju fein, roaS ein giirft mit feinem 
$eere unternahm. 3 a noch mehr, maS ber Siebenjährige ffrieg ©pannenbeS unb 
©ermitteltes bietet, baS brängt fich gerabe auf bie 3 a h re 1758—60 jufammen. 

55er getbjug oon 1757 hotte burch jtoei große Siege bie preußifcßen Saffen 
unb ihren fieggefrönten getbljerrn furchtbar gemacht, ©ei 9ioßba<h hotte griebrich II. 
bie ©eichSarmee unb bie granjofen gänzlich gefchlogen, burch ben ©ieg oon Seuthen 
aber bie Defierreicher nach Söhmen jurüdgetrieben. 

©on nun an mürbe ber SriegSfd)aupta| ein getrennter. $ie granjofen, um 
Snglaub ju fchaben, griffen |>annooer an, mo ihnen ©rinj gerbinanb oon ©raun» 
fchmeig mit ber Slbarmee ber Silier unb Sefet entlang nicht nur ben beften 
Siberftanb leiftete, fonbern fie trofc aller Uebermacht bem ©hei» jubrängte. 

Snglanb, ebenfo eiferfüchtig auf grantreich mie beforgt für baS ©tammlanb 
feines honnooerifchen ÄönigShaufeS, mürbe oon Sitliam ©itt, bem aufrichtigen 
©emunberer griebrich’S II., hingeriffen unb Oerftanb fich «üblich mit bem ffönig 
oon ©reußen bah in, bie Slrmec in $annooer ju oerftärfen unb jährlich 4 3J?iß. Sljfr* 
©ubfibien ju jahlen. 55aS gefchah am 11. Slpril 1758. 

©efferte fich berart bie Sage griebrich’S II., fo mürbe fie anbererfeitS baburch 
bebentlich, baß mit 1758 ©ußlanb in ben Sfampf eingriff, üKemel einnahm unb 
an bie Sarthe unb Stefce üorrücfte. S)ie ©reußen tarnen fo jroifchen $roei £eere 
ju ftehen, bie ihnen an 3 a hl weit überlegen maren. 5)en 220000 feinblichen 
Sruppen hotte griebrich II. taum 90000 SJlann entgegenjufteßen. 

Sohl machte er fich 8 e 9 en bie ©uffen Suft burch bie Schlacht bei 3ornborf; 
aber er feinerfeitS erlitt eine ©ieberlagc burch ben Ueberfaß ber Defterreicher 


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Sic STemotren unb Cagebücßcr bcs f)cnri be £att. 


261 


bei $od)(ir<$. Ungemein brücfenb würbe griebriß’S II. Sage, Gr tonnte im 
gelbjug 1759 nißt ^inbern, baß bie dtuffen unb Qefterreißer i^re Heere net» 
einigten, erlitt oielmefjr, als er fiß mit bem bereinigten geittbe maß, eine totale 
Sßieberlage bei ÄunerSborf. 3)ennoß eilte er, roenn auch geflogen, bem Ißrinjen 
neinriß nach Sßlcfien ju $iilfe unb bereitelte burß feine glönjenbe ©trategif 
ade ißläne beS HJtarfßadS ®aun. 

916er er berlor boß für feine SBinterquartiere Treiben unb bei ÜJtajen eine 
9Ibtßeilung bon 12000 SJiann feiner beften Gruppen. 3)er SBinter 1759 War 
für baS preußifße §ttx bei ungenügenben Quartieren feßr hart nnb bie Xruppen 
Ratten fßwer ju leiben, griebriß II. relrutirte neuerbingS; aber troß aller 
üdaßfßübe ^atte er je|t ben 300000 geinben nur 90000 Sföann entgegenjufteden. 

Um fo empfinblic^er würbe eS für ißn, bei SanbSßut feinen tüchtigen ©enerat 
gouque mit 10000 äRann an Saubon ju bertieren. Grft bei Siegniß errang 
er, nach oielen SßicffalSfßlägen, neue Sßort^eile über Saubon unb ftedte burß 
ben ©ieg bei lorgau baS ©leißgewißt wieber bei¬ 
der $ob bet Sfaiferin ©lifabetß trennte bie geinbe; bie Siege GnglanbS 
nötßigten grantreicb jurn grieben unb bie brobenbe Gattung ber Pforte fowie 
neue SBaffenerfolge gtiebriß’S II. brängten auß SKaria 2:^erefia, ficb mit grieb« 
rieb II. ju berftänbigen. 

3)aS ift im allgemeinen bie politifebe Sage ber benfmürbigen Sabre, in benen 
Henri be Gatt feine „Soutnale" fcbrei6t. 

Stoßer follte man nun erwarten, baß uns in ben 9lufjeißnungen Henri be Gatt’S 
ein Ginblicf gewährt würbe nicht nur in baS Sagerleben, fonbern in baS innere 
©etricbe ber Sßotitif, baß wir (Streiflichter fänben über bie obfßwebenben $ageS= 
fragen, bie fpannenbe politifebe Situation, baS Schaffen nnb Stingcn beS be* 
brängteu ißreußenfönigS, unb ju jetten ßineinfeßen fönnten in baS ©ewebe biplo* 
matifeßer Unterßanblungen, baS fo oermorren, fo vielfach oerfnüpft, fo unentwirr¬ 
bar felbft bem flarften unb weitfießtigften Ißotitifer werben mußte. 

916er oou adebem finben wir ju unferer SSerrounberung wenig, faft mißte. 
Selten einmal ift übet Qefterreicß ober Diußlanb eine Semerfung; granlreicß unb 
©nglanb werben faft nie genannt. 

33er ©runb hierfür ift nicht etwa in bem Umftanbe ju fußen, baß Henri be Satt 
Hißte gefeßen, geßört ober Derftanben; auß nißt barin, baß man beßutfam Dor ißm 
gefßwiegcn hätte. ©ei ben Dielen SDiußeftunben, bei ber ©efedfßaft ber ßößften 
Dffijicre unb ©enerale, bei ber öftern 3ufammenfunft mit Sdlitßed, bem englifßen 
©efanbten, ber griebriß II. laut bewunberte, war für Henri be Gatt im ©egen* 
tßeil günftige ©etegeußeit genug Dorßanben, um in ade ©erßältniffe eingeweißt 
ju werben. 

ffofer, ber Herausgeber ber „URcnioireu", melbet fogar, baß Henri be Gatt 
Don bem ©einig oft ju Gorrefponbenjen, 9lbfßriften u. bgl. Derwenbet worben fei. 
So wäre eS benn gerabeju rätbfclßaft, warum bie „äJiemoiren" ü6er ©olitif fo 
DodftänbigeS ©ßweigen inneßielten, wenn nißt Henri be Gatt uns ben ©runb 
felbft mittheilen würbe. 


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262 


Untere ^eit. 


Sei einer ber erfteit Unterhaltungen beS neuen ©orleferS mit bem Könige 
fagt ihm biefer: 

„2llle$, waS ©ie fchen, ober oielleicht über meine Operationen erraten fönnten, 
alles baS fotl für ©ie geheiligt fein, wie auch oHeS baS, was ib Shnen mit 
©ejug barauf mittheile. . . . 9JJan toirb ©ie auffucheit, 3h nen fchntei^eln, um ju 
erfahren, was ©ie »on mir gehört haben unb womit ich mich bcfchäftige. 3b 
erwarte oon 3h rer @h*e, ba| ©ie fotche ©chmeicheteien abweifen unb feiner 9ieu= 
gierbe bienen, bie mcift eher böfe Slbfibt als SBi&begierbe in fich birgt, ©eien 
©ie öerfichert, bajj man 3h re äRittfjeilungen fchtecht oerwerthen würbe, unb beS* 
wegen feien ©ie auf 3h rer $ut." 

liefen fRath hat £>enri bc Gatt, WaS fein Jagebuch anbetrifft, ftreng, ja mit 
einer gewiffen 2lengftlibfeit befolgt. J)a baS Sebcu im gelbe unftet War, ba ihm 
bei ©eförberung ber Sagage ©lütter berloren gehen fonnten, ba bei einem Ueber* 
fall ber geinb fich beer bemächtigen fonnte, wie er’S mit wichtigen ©apieren that, 
als gouque gefangen Würbe, barum fchwieg Jpenri be Gatt über alles, waS Krieg 
unb ©olitif anbetraf. llm neugierigen Slugen feine ©efriebigung ju gewähren, 
fdjrieb er ganje Slbthcilungen beS JagebubcS mit griechifchen ©uchftaben ober 
mengte lateinifbe ©teilen hinein, um ben Unfutibigen gu öerwirren. J)en König 
nannte er D. D., unb oerräth anfällig, baß bieS JieobatuS heilen foHe. ©o 
fchilbern benn biefe Slufjcichnungen $enri be Gatt’S ben König nicht als ©olitifer, 
nicht als Staatsmann, nicht als gelbtjerrn. 2luch bie ©tärfbe werben nur feiten, 
unb erft wenn fie ooübradht finb, notirt. JieS, Wie ber König einmal ausführlich 
betont, wenn eS gefdjicht, jur gegenfeitigen ©ergleibung; benn fdjon im gelbe 
fagte ihm griebrich II., er gebenfe nach beenbetem gelbjuge ben Krieg ju be» 
fchreiben. ©Senn in ben fpäter getriebenen $enri be Gatt’fdjen „SDtemoiren" bie 
Jinge oft fo bargefteHt finb, als ob ber König il|m feine ©läne jum üorauS 
mitgetheilt hätte, fo ift bieS einen abträgliche ©eigabe, unb baS „gournal" ftimmt 
bariu nicht überein mit ben erft nach bem Kriege »erfaßten „SWemoiren". ©iel- 
mehr ift ber Gharafter unb baS ©Sefeit fowol als auch bie GntfteljungSart ber 
„gournale" unb „ÜRemoireit" fehr oerfbieben, unb eS liegt uns nun baran, bieS 
ausführlicher bar^uftellen. 

Jie „gournale" finb iu neun tpefte abgetheilt, bie aufeinanberfolgenb in 
3ufammenhang ftehen unb öom 13. ffllärj 1758 bis jum Jage bei fiiegnifc, 
15. ©ug. 1760, führen, ©ie beginnen mit furzen, abgeriffenen ©äfcen. Oft foll 
ein eiujeln eingetragenes SBort an eine Jljatfabe ober an eine Unterhaltung mit 
bem Könige erinnern. 3Ran erfennt fogleib, bafj £>enri be Gatt biefe fpärliben 
ÜRotijen anlegt, um bei giluftiger Beit fie für bie auSgebehntern „SKemoiren" ju 
benufcen. 

J)ie Eintragungen ins „gournal" werben, fo fpärlib fie juerft finb, im gort» 
gange immer ausführliber, ba $enri be Gatt wol fah, bafj eS ihm erft fpäter 
möglib fein werbe, bie „SDiemoiren" auSjuführen, unb er fo baS ©ebäbtnifi unter» 
ftüfcen müffc burb genauere Slufjeibnungen. 

Jie ©Sorte bcS Königs führt er, wenn immer möglib, wörtlib an. 


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Ute 2Tleinoiren unb lTagcbücßer bes £)erm be cEatt. 


263 


Sie Veranlagungen gu ben jeweiligen Unterhaltungen, wenn er beim ®öntg 
eingetreten ift, ftnb bet aKereittfacßften 2trt. Siteratur, ifSßilofopßie, ßeftitre ober 
baS am Sage (Stiebte bitben bagu bie SlntnüpfungSmomente 

2luS biefem Umftanbe ergeben fieß nun gwei Xßatfacßen, welcße ben SBertß 
ber „Sournale" auSmacßen. 

SrftenS finb fie bon einer grifeße unb Unmittelbarfeit, bon einer fo ungefueßten 
Einfadjßeit, baß fie ben gangen Sauber einigermaßen miebergeben, ben biefe täg= 
li^en Unterhaltungen auf §enri be Satt auSübten, unb gwar in einer SBaßrßeit unb 
Sßatfäcßlicßfeit, bie jebe fritifche Unterfucßung auSßalten unb gu ihrem Vortheil 
beftehen. Sann wirb hier ber ffönig, biefer bon feinen Seitgenoffen bewunberte 
unb bon ber Fachwelt angeftaunte gürft, ber bie Veinamen ber ©roße, bet Sin« 
gige, ber ©alomon beS SRorbenS, ber ißßitofopß 0on ©anSfouci erhielt, unö nahe« 
gerüeft, wie er leibt unb lebt, mit Sugenben unb SWängeln in greub unb ßeib, 
nicht btoö als gefröntes £>aupt unb als glängenber Heerführer, fonbem als 
SKenfdj. SaS pribate Seben unb ber perfönlicße Umgang griebricß’S II. werben 
bon Henri be Satt in eingeßenber unb anmutiger 2trt gefeßilbert. Um barüber 
ein georbneteS Vitb gu geben, refumiren wir baS ÜJterfwürbigfte unter einige he» 
borragenbe ©efießtspunfte. 

Sie tiebfte geiftige Vefcßäftigung ift bem ftönig in feinen SrholungSftunben 
bie pflege ber Siteratur. Sr lieft mit SluSwaßl, mit Sicherheit unb einer feßarfen 
Äuffaffung. Sin außerorbentlicßeS ©ebaeßtniß fteßt ißm gu ©ebote, um ©elefeneö 
gurücfgubeßalten ober in fürgefter Seit auswenbig gu lernen. Sr recitirt unb lieft 
auf ben SKärfcßen. Vacine, SRoliere, Voileau, Voltaire, ERalßerbe, ©reffet finb 
feine beborgugten Sicßter. 

Sn bet ßritif ift er fießer unb fein, fpöttifcß, oft beißenb. Sr felbft ift ißoet. 
SRit befonberer Vorliebe berwenbet er rußige ©tunben, um feine ©ebießte gu 
cortigiren unb neue ©cßöpfungen gu erfinnen. Sr berfueßt fiiß, im ©efeßmaef 
ber Seit, in Oben, Spifteln unb ©eßerggebießten. Siefe feßieft et an b’SlrgenS, 
Voltaire, Henti be Satt, an feine Vrüber unb feine ßoeßoereßrte ©eßwefter, bie 
2Jtarfgröfin oon Vaireutß. 2ln biefe ijßerfoncn finb bie Verfe aueß meiftenS ge« 
rießtet. Voltaire unb Henri be Satt müffen guweilen ein Urtßeit über feine ©e« 
bießte fällen. 

SaS SKerfmürbigfte ift nun, baß er nießt bloS aus guter Saune bießtet, ober 
Verfe feßreibt, weil eine poetifeße Silber in ißm putfirt; fonbern um laut feinem 
eigenen ©eftänbniß naeß ermübenben 3Rärfcßen unb oerfeßlten planen, naeß ©eßief« 
falsfcßlägen unb Srauernacßricßten fieß gu erfrifeßen, baS Uebel gu bergeffen unb 
bie bebrüefte Seele wieber aufgurießten. 

Sin weiteres gelb geiftiger Vetßätigung ift ißm baS ©ebiet ber Sßßilofopßie. 
SBir Wiffen, welcße ©rößen auf ben Seiften unb greigeift beS 18. S a ß r ßun« 
berts Einfluß ßaben. Se Samettrie, SRaupertuiS, Voltaire waren in Sßotsbam an 
feiner Safel; mit b’Mlembert War er in Vriefwecßfet; Seibnig ßat er gelefen. 
Sie Sitten lennt er woßl aus ber Settüre: Sicero, ©eneca, SlntonimiS unb 2Rarc 
Huret finb feine beborgugten SEBeifen. 

SBenu baS Unglücf ißn bebrüeft unb nirgenbs eine beffere Slusficßt ißn er« 


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.-r*-»' >■ ^ 


26^ Unfcre <3eit. 

muthigt, toenn et als gürft unb gelbherr oon bangen Sorgen erfüllt ift, bann 
greift er ju ben Stoitern. „DaS finb tüchtige Beute, bie helfen im Unglüd", ruft 
er §enri be Satt ju. SBenn bie Unterhaltungen baS religiöfe ©ebiet berühren, 
fo finb fie um fo lebenbiger, als ber föniglic^e SSorlefer ein ftrenger Stecht» 
gläubiger ift unb feft bei feiner Ueberjeugung üerbleibt. 3h m hält nun griebridj 
Bor, baß eS mit bem gewöhnlichen ©tauben an ©ott unb Unfterblidjfeit nicht 
weit f)tv fei. ©injig bie Dugenb ^abe SEBerth- ©ötter unb Teufel feien oon unS 
bloS eingebilbet. 

„Die gurcht erfchafft ©ötter, bie ®raft Könige. SBie Sie boch eitel finb su 
glauben, ein ©ott befchäftige fich petfönlicf) mit unS. ©r fümmert fich wenig 
um Sie unb mich. 2Rein ©ebet ift baßer folgenbeS: «D ©ott, wenn e$ einen 
hat, höbe SRitleib mit meiner Seele, im gälte ich eine höbe.»" 

©inige Seit h°tte ber ffönig bie ©rabreben oon SBoffuet unb glechier ju 
tpänben, unb $enri be Satt freute fich f<h°n, m it bem Könige gehe eine ©etejj» 
rutig oor fich. Diefer erräth bie gute SReinung feines S3orleferS. 

„0, wie Sie fich tauften", lacht er; „ich lefe biefe ©rabreben nur, weil ich 
einem armen, brauen Schuhmacher eine Jotche fchreiben WiU. ®r oerbient fie 
tool beffer als alle Könige unb ©roßen." 

Ueber ben SPaftengeift ber ©eiehrten unb über bie unoerftänblidje Sprache 
ber $hitofophen macht griebrich fich luftig. 

„Die ©hinefeu finb bei ber SRaßlseit. Siach einigem StiDfchweigen ruft einer: 
«Ore, hi!» SRan lacht, „©alb nachher fagt ein attberer weiter weg: «Ah, 0!» 
2Ran lacht wieber. «2BaS foK baS heißen?» fragt man fie. «0, Wir oerftehen uns 
f<hon; eS gibt boch nur eine Heine Sohl» bie oerftehen tarnt!»" 

©in anbermal fpricht er mit $enri be ßatt übet ©rgießung. „SRan muß bie 
ffinber oernünftig machen, aber fie nicht ju eingejwängt holten. Sie bürfen fchon 
hin unb Wieber Dummheiten begehen. SBenn ich ®inbet hätte, fo würbe ich fie 
ihrem ©enie überlaffen, um fich *h re 'Stellung felbft ju Wählen. Um }u reuffiren, 
braucht’S üiel ©ßrgeij unb Eigenliebe. Das ift bie Driebfebet ber großen $anb» 
lungctt; benn jeber Will irgenbwo glänzen." 

Selten befpricßt fich ber ®önig mit $enri be Satt über Stieg unb fßolitit, 
unb auch bann nur im allgemeinen Sinne. Später jeboch oertraut er ihm au, 
was er gu thun gebenfe ober oon bem geinbe erwarte. 

Der greunb ber fßßilofophie unb Siteratur, ber SRann oon ©eift unb Sßijj 
liebt auch in h°h em ©rabe, launige Vorfälle unb Späße ju erzählen, ©ine Steiße 
ber trefflichften Slnetboten gibt er feinem SBorlefer jum beften. 

©in feßweroerwunbeter Solbat, bewußtlos baliegenb, würbe mit lobten be» 
graben, ©lüdlidjerweifc lag er oben auf. @r lam auS ber Ohnmacht ju fich, 
tonnte heroortriechen unb fteüte fich feiner Sompagnie wieber. Der $auptmann 
aber hotte ihn fchon aus ber Sifte geftrichen, unb wie er ihn nun wieber unter 
ber äRannfcßaft fah, rief et ihm ju: „ÜRaraub, abtreten, bu bift geftrichen!" 

©in gewiffer £>offmann war fo geizig, baß et fein §emb nie wechfeln wollte. 
Sei einer ^autfrantßeit bat ihn feine Sticßte, eS boch mit einem faubern gu 
oertaufchen. ©s half nichts. „Stun gut", fagte fie, „baS wirb fchön werben. 


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' Die JTlemoircn unb Cascbiidjcr bcs bjenri bc Cüatt. 


265 


Stm Süngften Dage erflehen alle mit reinen £>emben unb bu allein mit einem 
fcfimujigen." „Da bleib’ id} einfach liegen", ertoiberte ber unreinliche Onfel. 

©om Äönig felbft erzählt fcenti be Satt be^eicfjnenbe Einzelheiten. 

Sr h<»t SKanfchetten aus ©otsbam erholten. Da biefe hü&fft) long finb, jer« 
fchneibet er fie unb macht auS fed)S Stüd ein ganzes Dufcenb, um fo mehr, als 
er beim Schreiben gewohnt ift, bie ffiielfebern an ihnen abjupuhen. 81ud) Ilagt 
ber ftönig bisweilen über feuchte güfft. weil er zerlöcherte Stiefel trägt. 

Den Sharalter unb baS innerfte SSefen beS dürften burdjfchaut §enri be Satt 
mit Schärfe unb offenem Sölicf. SBir bürfen ihm um fo eher glauben, weil Wir 
an ber Setounberung nicht zweifeln bürfen, welche $enri be Satt für feinen 
#errn empfinbet. Der Äönig !ann launifch fein; oft ift er heftig. Slber ebenfo 
leicht fieht er bieS ein, gefteht eS unb wirb benen wieber gerecht, bie er in ber 
Stufregung zu h°rt mitnahm. ÜHan möge auS feinen SBorten nicht zu oiel foI= 
gern. Oft honbelt er anberS, als er foeben gefprocben hot. 3u feiner ©eluftigung 
liebt er auch bie 2eute zu neden unb in ©erlegenheit zu fefcen. Slber immer liebt 
er bie Offenheit, felbft Wenn fie ffecfljeit werben füllte. 

Saum etwas hofft griebrich II. fo fehr wie bie 3ralfchh e ft- 2eute falfcher 
Statur finb ihm ein ©reuel. SBenn er betrogen Wirb, greift er zu SJtare Slntonin, 
bem Silbe ber SBahrheitSliebe. 

Sbenfo berhafft ift ihm bie Unbanfbarleit. „'Sah man leicht, unbeftänbig fei, 
baS geht an; aber bah man mir zum Danfe ben Dolch ins £>erz ftohe unb bazu 
lächle, nein, ba räche ich wich fo gut ich fann." 

Sin anberer Sharafterzug griebridj’S ift Wol noch gröber. Obmol er nicht 
gerabe befonbern ©runb hotte, mit feinen ©egnern glimpflich umzugehen, ba fie 
ihm baS fieben fauer genug machten, waS er oft in bittern unb fcfjmerzbaften 
SluSrufen Oerrieth, f° muhte er hoch ben ©egnern gerecht zu Werben. 

gelbmarfchaö Daun, Erzherzog ®arl, SJtaria Dherefia, Äauttib erfahren 
fchmeichelhafteS 2ob auS bem SJtunbe ihres groben fjjeinbeö. Schön, gerabezu 
rührenb ift baS treue Slnbenfen griebrich’S II. an bie ©erftorbenen, üor adern 
an feine treue SHutter -unb feine Sdjwefter, bie geiftooüe unb gemüthreiche äWarl- 
gräfin oon ©aireuth- SOtit Dhränen in ben Slugen melbet er $enri be Satt 
beren Dob, lange weih er fid) über biefen ©erluft !aum zu faffen. 

lieber einen SDlann fpart ber $önig Weber £ob noch Dabei. SS ift ©oltaire. 
SinerfeitS erfennt er baS ©enie, ben Schriftftefler, baS Dalent, ben alles be» 
Zaubernben ©eiftan; bann wieber tabelt er laut feine SoSheit, feine Stitriguen 
unb feine gefährliche ©ehäffigfeit. ©efonberS wirb ftriebrich empfinblich, wenn 
©oltaire fo üeintich über fjetbherren urtheilt unb ihre Dhaten als 3Jte|eleien 
bezeichnet. 

Einmal meint er: „©oltaire ift wie ein ©apagai, ben man in ben ^äfig 
fperren muh, wenn man feiner mübe ift. Slber man paffe auf, waS man fagt, 
fonft wieberholt er bie lebten SBorte." 

Die SebenSart beS ÄönigS ift einfach. Sinft hatte er in SRIjcinSberg manche 
Stunbe ber Sföuhe unb beS StubiumS. Qm Saget ift jeber Slugenblid gezählt. 
SBir wicberholen bie SBorte beS StönigS: 


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266 


Unferc <3eit. 


ergebe mich um 7 Uhr unb lefe beim Slnfleibcn meine ©riefe. $aS 
gcl)t bis */ 2 9 Uhr. geh fteige p ©ferbe ober gehe p gufe bis 11 Uhr. $a 
teilen meine gbeeit, unb bicS tjinbert mid), im erften 2tugenbtid p Ijanbeln; benn 
bieder ift lebhaft bei mir, unb ich oerfidjere Sie, ich folge oft bem erften Ginfafl. 
g$on 11 UI)t an bictire id), höre jtoeimal in ber 2Bod)e bie ®efudje, ©erichte, 
ben <Stanb ber ghtanjen unb bie ©ittfcfjriften. gef) gehe oon 1 bis */ s 3 Uhr pt 
Xafel; benn ich liebe bie ®inerS nid)t. Elann gehe idj fpajieren unb unterhalte 
iniih über ©taatSgefchäfte. ©on 5 Uhr an tefe ich, um 7 Uhr muficirc ich, um 
9 Uh* geht’ 8 pm 9?achteffen mit meinen greunben, too biet gefdjwafct tnirb, toas 
morgen oergeffen ift." 

E£>aS gefchah in lagen ber 9tuhe unb Grholung. SBenn bie Umftänbe bring« 
tief) waren, fah £>ettri be Gatt oft Elage lang feinen $errn nicht. 

®ie Stellung griebrich’S II. pnt fpeere hinterliefe bei £>enri be Gatt einen 
grofeeit Ginbrud. Ueberall, roo baS £>eer h'njieht, gebietet ber ßönig Orbnung 
unb fucht alle ©reuetthaten möglichft p Oerhinbern, fo, bafe ihn oft bie ®e* 
njoh ner Oon SeinbeSlanb begrüfeen, um ber Oefterreidher loS p fein. 

Gr übt felbft SBohlthaten aus, unb fein $erj blutet bei ben ©raufamfeiten 
beS Krieges. Gr nimmt einen warmen Slntfjeit an feinen ©olbaten, an bem 
gjtangel unb ben Strapazen, welche biefe p ertragen hoben. SScnn bie Stoth eS 
erforbert, fefetäft er auf Stroh, bei ben äufeerften ©offen, um ba p fein, wo bie 
@efahr bereinbrecheu fönnte; Stach einem fiegreidjen ©efedjt fpridht er gegen feine 
«Reiter feine hödjfte 3ufriebenheit aus. Gr umarmt ben einen. Hopft bem anbern 
beifällig auf bie Schultern unb erhöht fo SDtuth unb Stolj ber Eiruppen. 

2BaS bem £>eere befonberS imponirt, baS ift bie Gattung beS Königs felbft. 
«Bor ber Schlacht ift er ruhig unb gehalten, im Kampfe felbft aber oon einer 
beifpiellofen ÜobeSöerachtung. 

„SBarum foH ich wich nicht auSfefcen, ba fo oiele brabe Seute fich für mich 
unb ben Staat opfern?" ruft er £>enri be Gatt p. gn ber Schlacht bei Sora* 
borf werben ihm mehrere ©ferbe unter bem Seibe erfchoffen. Gin anbermal 
müffen bie ©enerale ihn ohne Unterbrechung warnen, weit er mitten im feinb* 
liehen geuer fteht. gft nun bie ganje Slrmee bofl oon Sob, was bie ftoifdje SRuhe 
unb ben perföntichen SRuth beS gürften betrifft, fo erhebt eS bie Eiruppen um fo 
mehr, ihu in Elagen beS UngtüdS feft unb beftänbig p fefeen. 

SBetch eine SRei^e oon UnglüdSfd)lägen im Sommer 1758. Suerft ber oer* 
hängnifeootte UebetfaD bei ^odjfircb; bann ber Elob beS theuern ©tarfchaHs Keitl); 
bann berjenige feiner lieben Schweflet. „0 wie ich traurig bin! Slber ich habe 
feine Seit, ben ffierluft einer Schwefter p beflagen; man mufe auShalten." 

„SBenn man gefdjlagen ift", fagt er, „fo mufe man nicht 20 äJteiten weit fliehen, 
fonbern beim erften ©offen, ben man finbet, anhalten, gute Stellung nehmen, 
bie 2lrmee herftetten unb bie ©eifter, bie oom SDtiSgefchid entmuthigt finb, wieber 
beruhigen." 

ESaS hat griebrich in ber Eihat berftanben. ©ei Kollin, fpochfirdj, KunerS» 
borf, jebeSmal hat et in allernächfter EJtähe Oom geinbe fein Saget aufgefdjlagen 


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Die JTTcmoircn unb ^Tagebücher bcs £)euri bi Calf. 


267 


unb, fiel) rüdroärtS bewegenb, fo glänjenb tnanöorirt, baß ber geinb ißn, ohne 
großen SRachtheit ju erleiben, nicht angreifen fonnte. 

Sr hat bie ganje SBidjtigleit ber ftrategifhen Unternehmungen für feinen 
Staat wohl eingefefjen. ©o auch feine Sotbaten. 2Sie er bei Siegnifc einen 
alten Sotbaten lobt, ertoibert biefer: „SBarum nicht fid} gut fdjlagen. SBir 
fämpfen für ^Religion, für Sönig unb SBaterlanb." So mar eS auch- Sei jener 
Sage ber Singe bebeutete baS Jpeer ben Staat nnb baS $rcußenthum; unb toenn 
baS £eer nicht auS^iett, fo waren Preußen unb griebrifS II. Xh r °n berloren. 
2lber eben weil er mit Selbftbewußtfein unb Stuße ^anbelte, hat er bie erbrücfenbe 
llebermacht befiegt. 

Einige befonbere 3ü0 e griebrifS bürfen nicht unerwähnt bleiben. Schon 
Stybel hat in Satt’S Stufjeichnungen einen Umftanb oorgefunben, ber griebrich 
eigen ift. Ser gürft, welcher mit fo Diel SRuljm unb Srfolg baS 3lmt eines Selb* 
herrn belleibete, hatte nicht bie geringfte Sympathie für baS SriegSleben, ja in 
|>aß unb Slbfcheu gebachte er biefer 2Renfdjenfchlä<hterei. SaS (S^rgefü^l, baS 
ißflichtbewußtfein, bie SaterlanbSliebe nötigen ißn baju. Sann aber, wenn er 
einmal ben Sclb^errnftab ergriffen, jeigt er ade ©enialität eines großen gührerö. 

„Sich, welch ein Stuhm ift’S, bie Stäbtc in Slfcße, bie Sörfer brennenb, bie 
Sewohner unglüdlidj ju fefjen. Schweigen wir babon. SaS §aar fteßt mir 
barob ju Serge." Seben Slugenblid flagt er über fein „chienne de vie", über 
baS Slenb unb Unglüd eines folchen SebenS. 

Scher 3 Weife oeränbert er ben Xejt ber „Sltljalie" unb lieft: „®ib ju, 0 ©ott, 
baß ber Seift ber Untlugßeit unb beS SsrrthumS Äauniß unb bie S'aiferin be= 
feelen." SBenn bann $enri be Satt abenbs fich Dom Könige oerabfchiebet, fo mahnt 
ihn biefer, jenes wirffame ®ebet nicht ju Dergeffen. 

3n ruhigen Stunben ergreift ihn bas Heimweh nach Stettin, nach bem gugenb» 
leben in SRheinöberg, nach feinem SanSfouci. Sr fchwört ben $rieg ju becnben, 
fobalb als tßunlich. Sr macht ißläne, bei ^Beginn beS griebenS abjubanfen, einzig 
bem Schönen ju leben, bie Sebürfniffe einjufchränfen, ein ißhrtofoph 3« fein. 
SBieber unb wieber hat er folcße ©ebanlen unb SBünfcße. 

Sin eigentümlicher 3«9 lehrt auch bei griebrich wieber, bet bei fo Dielen 
großen äJtännern gefunben wirb. Ser geiftreiche, ffeptifche ißhilofoph Don Saus* 
fouci lann auch etwa gatatift werben, aut abergläubifch fein. 

Sin guter Sraum hat ihn froh geftimmt. SaS Srauntgeficht hat ihm befohlen 
an 3 ugreifen. Sr tßut eS unb fiegt. 

StlS man bei fiiegnifc 3 um Sampfe geht, fagt ber Sönig: „Seht bort baS geuer 
in ber fiuft! SBaS bebeutet baS?" 

„0h, bie Sonne fteht auf", erwibert man. 

„SRein bodh; eS ift ja gegen Slbenb, Don jener Seite her müffen wir angrei* 
fen unb werben glüdlicß fein." Srei Uhr morgens griff er an, unb ber Srfolg 
war über ade Erwartung. 

©egen baS gute ©lüd wirb er gern mistrauifch unb Dertraut mehr bem 
glücllichen 3»fad. dReßr als einmal machte er feine testen ©eftimmungen, unb 
erft als fein ©ewunberer, ißeter III., ben tuffifcßen Shton befliegen hat, ba heitert 


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268 


Unfcre ,5eit. 


ficb bie Situation auf unb bamit aud) bie Stimmung bed Königd. ®ie @ng* 
lättber erringen neue Siege, bie Bluffen oerbünben ftch mit it>m unb führen ihm 
Sruppen ju. greubig begrüfjt er beit Bluffenfübrer mit ben SBorten: „Sehen 
Sie, Sie tragen oor 3b nen ben Sieg bet!" 

©on biefer Slrt unb biefem gntiatt finb bie „gournate" öon $enri be Satt. 
UeberaH feben wir bor und einen getreuen Serichterftatter, ber mit ftarem ©tiefe 
um fidj fietjt unb ein ©erftänbnifj b°t für feinen $errn. 3a noch mehr. @d 
ift billig, baß wir auch über bad perfönlicbc ©erbältnifj berichten, in Wettern 
|>enri bc (Satt jum Könige ftebt unb worüber er mit fo oiel SBärrne, Selbftgefüljl 
unb ®anfbarfeit und metbet. 

®ie ©ejietiungen bed Königd ju itjm Ratten etwad ungemein ^erjlidjed unb 
©ewinnenbed, um fo mehr, atd ber Untergebene bie ©ertraulidjteit bed gürften 
nicht midbraucfjte unb ftetd in befebeibener Buräcf^altuug öerblicb. ©inige 3ü0C 
finb befonberd anmutig- 

©ined Slbenbd fpradj ber König über eine 0per. ®r batte beren tarnen wer» 
geffen. BJlan fct)ieb, ohne ihn $u finben. 3» ber Blacbt fanbte ifjm ber König 
auf einem 3ettelcben ben gewünfebten Blamen, wie er bemerft, bamit £>enri be Satt 
mit beut Slawinnen ben Schlaf nicht öerfebeuebe. 

®er König gibt ein enttebnted ©u<b mit ben SEBorten jurücf: „3cb bringe 3b r 
©u<b jurücf. Blicht wahr, icb bin efact? 3<b b°ff e » ©ic leiben mir wieber." 

(Sin anbermat bemerft griebricb, bafj fein ©orlefer fieberig ift. (Sr fenbet ibn 
ju ©ettc unb oerorbuet ibnt Xbee. ©r tagt ficb oon einem Wiener bie ®abacfd* 
bofe reichen, um $envi be Satt nicht bamit bemühen ju muffen. 

£>cnri be (Satt ift fetjr empfänglich für iebe ©unftbejeigung ber Schönen. ®ad 
Tagebuch enthält barüber ©emerfungen. 9Jlit greuben metbet er, wie bei König* 
gräb in einem Sörfcben bed Scbutmeifterd bübfcbed Söcbterdjen ficb bemüht, um 
SWitternacbt aufjufteben, um mit ihm ben Kaffee ju trinfru. 

Slld Satt nun ein ernfteved ©erbältnifj mit einer ®ame anfnüpft, nötbigt ber 
König ihn, ©erfe an feine ©eliebte ju richten. Slber griebricb Wünfcbt auch »on 
benfetben ©infiebt ju nehmen, öerbeffert fie unb freut ficb nachträglich über ben 
©rfotg £>enri be ©att’d. 

gür einen gürften, ber feinen ©ortefer fo bebanbelt, ift §enri be ©att aber auch 
ganj Eingabe unb Sewunberuitg. Spricht ber König über ©orabnungen eined frühen 
®obed, fo wirb £enri be ©att gan$ traurig geftimmt unb ift für jenen ®ag un* 
fähig ju jeglicher Slrbeit. Sin ben BJlübfeligfeiten bed Krieged, bie ber König ju 
befteben bat, nimmt er lebhaften Slntbeil. Blicbtd fönnte bie Sage bed SBintcrd 
1759 beffer febilbern ald: „®cr König b°l ' n biefem gelbjuge fein ©lücf. 
BJlatt nimmt ihm ein SataiUon gefangen, er bot Blacbtbeil bei ©ergen, gebt nach 
Bleiffe, um be ©ide ju vertreiben, unb mufj abjieben; erwartet ben geinb bei 
9teicbdbennerdborf, unb biefer weicht aud; er fürchtet bei Sanbdbut öom ©obagra 
geplagt ju werben, unb ed trifft ju; ift beforgt, ber geinb möge nach ber Saufifj 
jieben, ed gefebiebt; er hofft, bafj ®obna bie Bluffen aufbatte, unb ift getäufcht; 
febieft SBebeQ, unb biefer wirb gefcblagen. ©r jiebt felbft mit ben fünften £>off* 


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Sie ZTCemoiren unb Cagebüdjcr bes f)enri be Catt. 


269 


nungen borttjin, aber fein förperlic^eö Seiben macht ihn unfähig; er will bie 
Defterreicher aus Saufen oertreiben unb erleibet eine unerhörte Stieberlage." 

§enri be Satt hegt für ben Äönig gliifjenbe ©egeifterung. Schon in ben erften 
Sagen feines Umganges mit bem Äönig ruft er auS: 

„3t ging, erfüllt üon Sewmtberung für ihn, fort." SSiel fpätec fdjreibt er, 
feinen ©efüljlen treu: „3a, biefer ißrinj ift ber gröfjte toie ber tiebenSroürbigfte 
ber fDtenfchen." 

@3 tljut immer wohl, nicht bloS für baS ©enie, fonbern auch für ben Slja= 
rafter unb baS $erj eines groben SDtanneS gewonnen ju werben. S)a3 weih 
$enri be Satt für Umbrich ben ©rohen ooHauf ju erreichen. 

3ebo<h nimmt er fich bie Freiheit, feine feiner ^Beobachtungen ju unterbrücfen. 

Sr tabett, bah ber Sfönig }u oft ben fjeinb unterfchäfee. 3war erfennt er mit 
richtigem ©efüljl, Worin bie SBteifterfchaft unb ©röfje beS föniglichen gelbherrn 
befteht. ©r befennt bieS bem Surften felbft: „Sie behalten baS ©eheimnijj für 
fich; ©ie fe|en fidh ber @efaf)r aus, Sie fehen in allem felbft nach." 

Um fo fchärfern ©licfeS erfennt er bie S^ler in ber SIrmee unb becft fie fdjo= 
nungStoS auf. SefonberS rügt er, bah bem Könige nicht genau unb fdjnell genug 
berichtet werbe, wenn etwas Unerwartetes eintrete; bah man fchlintme ÜRachrichteit 
ju lange nicht inittheile ober ganj oerfchweige. 

Sr fann nicht leiben, bah Subalterne fich hetauSnehmen ju fritifiren unb über 
unberftanbene Singe abjuurtheilen. 

Seine Semerfungen betreffen auch oiel, was bem Stiege fern liegt. Sr hat 
Sinn für 3lrchiteftut unb fd)öne ©emälbe, er fchilbert ben ülcferbau unb bie 
Sultur beS ©obenS, bie Srjieljung unb ben 2Bof)Iftanb ber Orte. Sr fchilbert 
Stabte unb Sörfer, bie Seftungen unb baS Sagerleben. 

SEBir erfehen fomit, bah bie „3ournale", bie bodj in oorliegenberSluSgabe nicht 
mehr als 120 Seiten enthalten, nicht bloS anjieljenb ju plauberit wiffen, fonbern 
einen bebeutenben ^tflorifchen SBerth haben. Sie jeigen unS griebric^ in ber 
Dtätje als 3*eunb, ©efetlfchafter unb Solbat. 

Ueber bie „ÜRemoiren" fönneu wir oiel fürjer fein. Saut feinen eigenen StuS» 
fagen hat §enri be Satt bie „SWemoiren" in ber üorliegenben Sorm Oor 1786 nicht 
begonnen; benn er fpricht oom Sönige als einem S)ahingefchiebenen. 2US 3wed 
berfelben hat er einfach ' m Wuge, bie $enfwürbigfeiten $u oerewigen, bie er 
wäfjrenb 24 3ah re n im ©enuffe beS föniglichen ©ertrauenS erlebte. 2lber in bie 
erften feilen fchon mifcht fich ber Sdjnterj §enri be Satt’S, beim Sönige in Un= 
gnabe gefallen ju fein. Unb fo war eS auch. Seit 1780 lieh ber Sönig ihn 
nicht mehr oor fich erfcheinen. $er ©runb war folgeuber. 

Sin fchweijerifcher Saoalier Oerlangte nach einem Orben unb ftecfte fich hinter 
$enri be Satt, mit bem ©erfprechen oon 100 SouiSbor. ßmeimal brachte biefer 
baS ©efuch beim Könige oor, würbe aber baS jweite mal entfliehen abgewiefen. 
2>a lieh « *>nen bereits aufgehobenen Drbcn „De la g6n6rositö" ausarbeiten unb 
fchicfte ihn im geheimen bem Saoalier. 

2)a aber in ©efeUfdjaft preufjifche Untertanen lefcterm ben sürben ftreitig 


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270 


Unfere^eit. 


achten, wanbte ftd} bieder, erbittert, birect an ben König, baff biefer fid) für bie 
ecfjttnäfjigfeit bc§ DvbenS erfläre. Ter König burc^fdjaute ben ©adjoerljalt, rief 
«nri be (Satt, machte ihm bittere Vorftellungcn unb fagte iljm, er möge fich jum 
- * • • ■ feeren. (So blieb biefer in Ungnabe bis junt Tobe Sriebrich’S II* 
(ty ar h®t b s 2ttembert in feinen ^Briefen an gtiebridh IL S3erfud)e gemalt, für 
cxtt etwas ju ttjun. 91 ber ber König wich allen Slnnä^erungen ans. 

Qn biefer (Stellung nun fdjrieb $enri be Eatt bie „ÜJtemoiren". ©enn Wir inbefj 
e 3C* t,a y tc ”. I®?*® 11 ' ec ^ a6e nun feine Verbitterung nnb feinen S^merj in feine 
rt,clt « in TlteBen laffen, fo würben wir un$ arg tätigen. Er felbft Oerfpricht, 
■y '^ e „ er lc einfiifle ©üte unb ©nabe, noch bie Erlaltung unb Uugunft itjn 

~ J°, en> »Wufytö fo niebrig wie bie Schmeichelei, nichts fo abfdjeulich 
^ ie ber Xabd, eingeflö&t burch ein 3?achegefühl." 

,, “ e * ner ®^y e ^ ei eg 9efagt, §enri be Eatt ^at ©ort gehalten. Tiefelbe Siebe 

. At „ul* 1 *!*?' b,e f e I 6 e Theitnahme unb ©arme, bie einft bie „Sournale" bictirte. 


anrfi fi* • 7 v ullu in* einji uie „^uurncue uicime, 

['weiten? JZ 3eiIe ‘ 3cboc ^ *> at er bie 9(u f9 abe ' bie « M fteßte. 


W £ite »n nicht erfüllt 

smart &efchreibt er feinen Umgang mit bem Könige bloS oom 

attars 1758 bis 7. 3„ii 1760 -. 


' _ ■tf.tiiftpniinM»« v Slber biefeS Seagment genügt, um ben Mutor 

^ bieg bur* bie ä"* rcid,ere ® in f i( $t in Stiebridj’ä ©efen ju erlangen, 

«=*■ ^y? e nioiren" beft P r, "'*° u ™ are " gefchal). Stber iWifc^en ben Tagebüchern unb ben 

„ m b? 6 !““’f 0 "'» 1 » S«rf4irt e «5eto. 

ir »e lürjere Spanne STlT ' ft eIe9 “ nter ' ««Sf%K<$er, gewählter. Dbwol fie 
bie «norbnuna be« t r . 6 ^ anbcIn ' f inb f» e b «imal fo umfangreich- Vor allem 
^_rten, finbet firf« u- ® to ffeS oerfchieben. SltleS was bie „gournale" ent= 
a“Ä5 *“ W« « -hb »iMÜ.Iid, unb Midi, nrrt, B t. 

* ©ott im ßcere ael •• ^^»»öelegenheiten unb Umftänbe. Slnelboten, bie #enri 
beS König« citirt ° r s* 6 ' fä re * b t er bem Könige ju. ©eWiffe Vemerfun* 
^rtorte, er fucht narf. rea b °' h)0 f ie ben 0 rö &‘ en ©inbntd machen. SJlit Einem 
^ ®«bUI(ob,n ™ e ff "' “ nb “« “»f« ®'W“ erringen. 

- ^ UnmittelbarfeU t) er ? 10tren,, ^ on 5 icr i n bie Einfachheit, hiftorif^e ©ahrheit unb 
beren Verftänhniß kommen noch «nbere Umftänbe in Vetracht, welche 

F * * ab mug „m 'E e " !o f». 

^ *re Swede, übet ÜJtän U ry t0 ^ en ' 9 ut ^enri be Satt oft über ÜRärfche unb 
er im „Sournal" * . rS f°tgenbe 3(>h r «nb anbere Tinge unterrichtet ift, 
’ ® ie «KSt Uärt B* „„„r'! 1 « ®™ät-™g Hut. 

Ouetlen herbeigetoae s, a ^ m aU ^' ^ ent ‘ be * u ben "Memoiren“ Wei= 
^L%f0 ei>eii unb wacht uns”^^°t» ohne biefetben au erwähnen. Tie Kritil hat fie 
■*_ _ ^treten lonnte. e 9eeiflicf| ( wie er fo eingehenb auf KriegSgeheimniffc 

5,1 glufbenffnbalt ber rm . 

i4 ^tungunb©ahrheit;"fi e m ° lten '! 9 enauer einaugehen ift nicht nötljig. @ie finb 
e » n f° treues 5Qifb ct ® eben £ * n formootlenbeteS unb tebenbigeS, aber feines* 
baburch oBgefchtoä^ 1 ?"^ 0 11 rtie bie »3 0urnaIe "- ®er Einbrucf Wirb 


^7^ babu ^) obgefchjog^ 16 ®"^’ 0 H- »ie bie „Journale». Ter Einbrucf Wirt 
j-rrt Könige bie öffentiiAp*«vj 0 .^ ^ enr » be Eatt feine ißetfon mehr hetborhebt, 
^ ^^Ulto Vertritt nnh h^m nnff» fSffnrt nff Sir 


•"Meinung Oertritt unb bem ©unfdje nach Effect oft bie 


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Die 2ttemoiren unb Cagebücßer bes fjenri be (Catt. 


27 { 


ßiftorifdje Saßrßeit opfert. StflerbingS muß anbererfeitS feßr betont toerben, baß 
bem Sßarafter beS Königs, feinem originellen Sefen, feiner ebeln, frönen @e= 
mütßSart feine ©ewatt angetßan wirb; baß befonberS bie ©etbftbeßerrfcßung §enri 
be Satt’S über alle bittern SluSfäfle obfiegt unb baß nur ein Sunfcß ben Slutor 
beßerrfeßt: bie reidje, ebte unb tiefe Statur feines fperrn in ißrem ganjen Slbet 
unb in i^rer herrlichen SRännlicßfcit Oor unS treten ju loffen. 

8lm 23. Slot). 1795 ftarb Henri be Satt, ©einen Vertrauten toar befannt, 
baß er über feine „Unterhaltungen" mit bem Könige „SRemoiten" gefchrieben hatte. 

3m 3<if|re 1831 Würben fic auf Vcfeßl ®önig griebrieß Sitßetm’S III. oon 
ben Srben Henri be Satt’S angefauft unb bem ©eßeimen ©taatSardjio übergeben 
Der Herausgeber ber „Oeuvres de Freddric II", 3* ®- Sßreuß, theitt uns mit, 

baß er für einige feiner Vänbe bie „SRemoireti" Henri be Satt’S benufct habe. 
3rür bie ©ammtung ber „fßublicationen aus ben preußifeßen ©taatSarcßioen" 
tourben bie Satt’fcßen „SRemoiren" fofort in 8tuSfidjt genommen unb finb enbtich 
teröffenttießt worben, ©ie finb für baS ©tubium griebricß’S beS ©roßen wärm» 
ftenS ju begrüßen, unb wir fönnen im H*nblicf auf ißren ßiftorifdjen Sertß nur 
feßtießen mit ben Sorten oon gr. Vudßßotj, ber feßon 1828 fagte: „Sir lernten 
nur jwei ©pieget, worin man ftricbricß’S II. Vitb auf eine angemeffene, b. ß. auf 
eine ber Saßrßeit entfpreeßenbe Seife erfennen fann: ber erfte biefer ©picgel 
finb feine ©ebießte, ber jweite bie DenfwürbigFeiten beS Herrn oon Satt." 


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Chronik btt (fttgrotDatl 

Kenne der bildenden Muße. 

2Kit ©nbe Dctober 1886 ift bie berliner SubiläumSauSftellung ge* 
toffen worben, nur baß bie wegen eines geljlerS bei ber (Sinjäfjlung ber 2ofe 
aufgehobene SJetlofung ber angelauften ©ewinne wieberhott werben mußte: ein 
äJHSgefdjicf, baS manchem, ber fich bereits in fidjernt söefifc eines merthöoden 
föunftgegenftanbeS glaubte, eine arge ©nttäufchung bereitet haben mag. $a wir 
uns über bie Xenbenj biefer SluSftetlung bereits in nnferer lebten Steoue aus* 
gefprocfjen, fo fönnen wir eS uns oerfagen, noch einmal barauf jurüefjufommen, 
um unfere Slufmerffamfeit anbern, jwar weniger lauten, aber folibern ©rfdjei* 
nungen beS mobernen KunftlebenS jujuwenben. 

|>ierju rechnen wir oor adern bie in banlenSwerther SSeife oon ber Direction 
ber berliner Stationalgalerie oon 3^it ju 3«*t oeranftalteten ©onberauSftel* 
lungen oon SEBcrfen oerftorbener Künftler, woburch ein auch in funfthiftorifcher 
©ejiehung wichtiger ©inbtief in ben fünftterifchen ©ntwicfclungSgang ber betreffen* 
ben Künftler gewährt wirb. $ie le^tjä^rige SluSftedung — bie 23. ber 3ahl 
nach — umfaßte bie Sßerfe ber im oergangenen 3<>h re oerftorbenen müncheuer 
dJialer Oon $ilotg, ©pifcweg unb Sr. ®ot|j, auf beren Sebeutung wir am ©(bluffe 
ber Steoue bei ©rwähnung ber SobeSfäde zurüeffommen werben, Stächftbem in* 
tereffiren uns bie immer zahlreicher unb oodftänbiger fich geftaltenben futtur* 
hiftorifchcn unb funftgewerblichen SluSftedungen theilS umfaffenber, theilS fpecieder 
Statur. Unter anbern oeranftaltete ber Sentralgewerbeoerein für bie 91 ^ein* 
lanbe unb Sffieftfalen gegen ©nbe nötigen 3a(jreS eine SluSftedung funft* 
inbuftrietler Ißrobucte aus ben ©ebieteu ber dJtetad», Zfyon- unb ©laSfabrifation, 
fowie oon ^oljfchnihereien unb beloratioen Arbeiten; ferner gleichzeitig baS 3Jtäh 5 
rifche ©ewerbemufeum in SBrünn eine SluSftedung oon $ier* unb ©ebrauchS* 
gegenftänben in SWetad, namentlich in 9tücffi^t auf Slrbeiten in ebeln SDtetaden, 
fowie in öronje, SJleffing u. f. w., auf Arbeiten ber Uhrmacher, ©raoeure, Kupfer* 
fchmiebe, Kunftfchloffer u. f. w. Slehnlicßer 2lrt ift eine in Königsberg i. Ißr. für 
biefeS Saht in SluSfidjt genommene culturßiftorifche StuSftellung, welche baS 
Kunftgewerbe Oft* unb 23eftpreußeuS umfaffen unb fi<h rücfwärtS bis auf bie 
OrbenS» unb £>eibenzeit erftreefen fod. 2)aS Oefterreichifdje SRufeum für 
Kunft unb Snbuftrie in 5SJien hat für biefen ©ommer eine SluSfteflung oon 
SBerfen firchlicher Kunft projectirt, an welcher fich, oeranlaßt burdj ein Stunb* 
fchreibeu beS öfterreichifefjen SultuSminifterS, bie bebeutenbern Kirchen* unb 
Klofteroorftänbe Oefterrei^S burch ©infenbung eintägiger SBerfe betheiligen 
werben, tßei bem oorherrfchenb auf baS tßraftifche unb SWateriede gerichteten 
Sntereffe ber heutigen 3eit fann eS nur als feljr banfenSwerth bezeichnet werben, 
baß fowol ©taatsinftitute wie fßrioatoercine cS fich angelegen fein laffen, nach 


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Scduc ber bilbeuben Künfte. 


273 


biefer ©eite f)tn ben allgemeinen ©efcfjmacf non bec Sucht auf biofee s JSracfjt unb 
£uju«au«ftattung ab- unb auf ftitoolle Sftein^eit bet gorm hinjutenfen; ein ©treben, 
ba« gerabe burd) fote^e Slu«ftellungen in erfolgreicher SEÖeife unterflüfct unb geförbert 
tuirb. SGßir fcfeiiefeen Paper an ba« oben Erwähnte nod) einige anbeve, bamit in 
©erbinbung fte|enbe Stotzen. Snbe Dctober feierte Iföln bie folenne Einweisung 
ber neuerbauten gacpfchule fürÄunftgewerbe, womit eine im grofeen ©ürjenich* 
faate oeranftattete intereffante SHuSfteHung oon ©(hüterarbeiten oerbunben war. 
Sfufeerbem gebt man mit bem glatte um, in Äötn ein ÜJtufeum für ftunftgewerbe 
nach bem ÜJtufter be« berliner gnftitut« ju bcgrünben. Slud) grantfurta.üJt. befi^t 
feine ffunftgeWerbefcfjule, welche burd) bie ©tipenbien ber 9iotSfd}itb»@tiftung fowie 
burd) bie Unterftüfjung ber ©otptechnifchen ©efeflfdjaft unb ber glecTfcpen Stiftung 
ficf) bebeutenb gehoben h at # inbem bie am 19. ©ept. 1886 ftattgefunbene Sr* 
Öffnung eine 3af|t oon 134 ©cpülern für bie Stbeubjchute, 120 für bie ©onn* 
tag«* unb 30 für bie gachfcfeute ergab. Sublid) ift nodj ju erwähnen, bafe ber 
©airifdje Sunftgewerbeoerein in ©tünchen in feiner im ®ecember 1886 
ftattgefunbenen ©eneraloerfammtung ben Sef (Stufe gefafet ^at, an bie projectirte 
internationale ffunftauSfleltung eine beutfd)=nationate Sunftinbuftrieau«fteDung anju* 
fcptiefeen, welche in einem Slnbau be« für bie erftere beftimmten Ärpftallpalafte« 
eingerichtet werben foD. 

SBir fcptiefeen hieran fogletcf) eine Ueberfirfjt über bie tpeit« ertebigten, tfjeil« 
eröffneten Soncurrenjen, weit fiep biefetben jum grofeen ®h e ‘t ebenfall« auf 
funftinbuftriette ober hoch becoratioe Stufgaben beziehen. 3« ®re«ben feat ber 
©tabtrath eine allgemeine Soncurrenj für bie §erftettung jweier gro